» Das freut mich . Wann wollen Sie die Sache unternehmen ? « » Das weiß ich noch nicht . Ich muß erst versuchen , wie dem Nest beizukommen ist . Sie müssen noch ein paar Tage Geduld haben . « « Ich lasse Ihnen Zeit , solange Sie wollen . Es bleibt also dabei . Bringen Sie mir den Adler , und ich zahle jeden Preis , den Sie fordern . « » Davon sprechen wir hernach , « erklärte Adrian kurz und schroff und kehrte sich dann mit einer raschen Bewegung zu dem alten Wendlin . » Wie ist ' s , willst du mit mir gehen ? « fragte er in dem gleichen Tone , aber diesmal mischte sich ein leiser Hohn in seine Worte . » Den Gang nach dem Neste tu ' ich allein , aber ich brauche ein paar andere , die mit Seil und Stangen zur Hand sind ; du wärst mir gerade recht dazu ! « Der Alte schüttelte den grauen Kopf . » Laß das bleiben , Adrian , « warnte er . » Geh ' nicht da hinauf , es kommt nichts Gutes heraus dabei . « » Willst du mit mir gehen oder nicht ? « unterbrach ihn der andere mit vollster Heftigkeit . Wendlin sah ihn fest an . » Wenn du es durchaus willst ! Es soll nicht heißen , daß ich dich zu der Sache angestiftet habe und dann im Stiche gelassen – ich gehe mit . « » Gut , das weitere reden wir noch ab . – « » Verlassen Sie sich darauf , Herr , ich bringe Ihnen den Adler ! « Damit wandte Adrian dem Engländer und allen übrigen den Rücken und ging ohne Gruß von dannen . Neuntes Kapitel . » Nun möchte ich aber doch wirklich wissen , was eigentlich an der Geschichte ist ! « brach jetzt Professor Bertold aus . » Da liegt irgend etwas Besonderes zugrunde . Heraus damit , ihr Leute ! Was ist das mit dem Tuchner und mit der Egidienwand ? « Die Leute schienen nicht recht zu wissen , ob sie reden oder schweigen sollten , sie sahen einander an , flüsterten und steckten die Köpfe zusammen , endlich sagte Wendlin zögernd : » Es ist nur – man spricht nur so – « » Was spricht man ? « » Es ist eine schlimme Geschichte , die vor zwei Jahren passiert ist , « nahm der Wirt jetzt das Wort . » Die Herren haben wohl das Kreuz auf der Egidienwand gesehen ? « » Allerdings ! Es soll jemand dort herabgestürzt sein , wie man uns sagte . « » Gestürzt – ja wohl , das hat seine Richtigkeit . « » Ein Wilddieb soll es gewesen sein , « fiel Siegbert ein . » So wenigstens habe ich von Adrian Tuchner gehört . « » So ? « sagte Wendlin mit einem ganz eigentümlichen Tone . » Der Adrian hat es Ihnen gesagt ? Nun , der muß freilich wissen , wie es zugegangen ist . « » So laßt doch endlich die Geheimniskrämerei ! « fuhr der Professor dazwischen . » Gerade heraus – es ist da irgend etwas Schlimmes geschehen , und man mißt dem Tuchner die Schuld bei ? « Der Alte zuckte die Achseln . » Man kann den Leuten doch nicht verbieten zu glauben , was sie wollen , und sie glauben ' s nun einmal . Dabei gestanden hat freilich niemand , aber der Leonhard ist sein Lebtag kein Wilddieb gewesen , der hat auf der Alm da oben was ganz anderes gesucht als das Wild . Er war dem Adrian schon längst ins Gehege gekommen , und sie waren schon ein paarmal scharf zusammengeraten des Mädchens wegen . Adrian hatte ihm den Tod geschworen , wenn er ihn einmal da träfe , wo er bisher Herr und Meister gewesen war und es von Rechts wegen auch hätte bleiben sollen . Zuletzt wird es wohl so gekommen sein – genug , als der Leonhard eines Tages in der Egidienschlucht gefunden wurde , gerade unter dem Wege , der nach der Alm führt , da dachte sich jeder sein Teil . Es ist ja möglich , daß ein bloßes Unglück – « » Es ist ein Unglück gewesen ! « unterbrach ihn Siegbert mit aufflammender Heftigkeit . » Wie kann man auf eine bloße Möglichkeit , auf einen bloßen Verdacht hin eine so furchtbare Anklage aussprechen ? Ich glaube nun und nimmermehr daran ! « » Nun , nun , du bist ja auf einmal Feuer und Flamme ! « sagte Bertold , verwundert über diese leidenschaftliche Parteinahme des sonst so schüchternen jungen Mannes . » Ich muß gestehen , vertrauenerweckend sieht dieser Tuchner gerade nicht aus . Ich möchte nicht Auge in Auge mit ihm am Abgrunde stehen , wenn er zufällig mein Feind wäre . Aber man wird die Sache doch untersucht haben , wenn die allgemeine Stimme nun einmal einen solchen Argwohn aussprach . « » Untersucht hat man schon , « meinte Wendlin , » aber es ist nichts dabei herausgekommen . Der Adrian mußte freilich vor Gericht , und da sind sie ihm scharf zu Leibe gegangen mit Kreuz- und Querfragen . Aber er blieb dabei , daß er in der Nacht die Egidienwand mit keinem Fuße betreten hätte . Gesehen hatte ihn keiner , da mußten sie ihn wohl wieder loslassen . Aber seitdem traut ihm keiner mehr , und wenn er sich auch noch so hochfahrend anstellt , er fühlt ' s doch , was ihm die Geschichte gekostet hat bei uns allen . « Er trat in den Kreis der Umstehenden zurück , als wolle er ferneren Fragen ausweichen , der Professor bezeigte aber keine Lust dazu . » Ich habe Ihnen die Sache eigentlich nur im Scherze vorgeschlagen , « sagte er halblaut zu Conway , » sie scheint aber ziemlich ernsthaft zu sein . Wer konnte denn auch ahnen , daß so etwas dahintersteckt ! Ich glaube , Sie täten am besten , Ihr Versprechen zurückzunehmen und das dem Tuchner mitzuteilen . Wie sein Wagestück auch ausfallen mag , es gibt nur unnützes Gerede und unnütze Aufregung darüber unter den Leuten , und wenn er es wirklich versucht , so geht die Gefahr dabei so auf Leben und Tod , daß Sie es wirklich nicht verantworten können , ihn da hinaufzuschicken . « » Ich schicke niemand , « erwiderte Sir Conway in kühlem Tone . » Ich habe einfach einen Preis geboten ; wer ihn verdienen will , mag sich darum bemühen . Wenn die Sache sich als unmöglich erweist , so wird der Mann schon selbst davon abstehen , unternimmt er sie aber , so ist es seine Sache , sich mit der Gefahr abzufinden , die er ja hinreichend kennt . « Er war offenbar nicht geneigt , auf seinen Lieblingswunsch zu verzichten , und schien die Gefahr für ein anderes Leben sehr gering anzuschlagen . Der Professor murmelte etwas von verwünschtem Egoismus und verdammter englischer Hartnäckigkeit , was zum Glück nicht gehört wurde , denn Sir Conway hatte sich zu dem Wirte gewandt und beauftragte diesen , ihn über Tag und Stunde des Unternehmens genau zu unterrichten , dann wandte er sich ebenso gleichmütig wieder zu Professor Bertold und schlug ihm vor , aufzubrechen . » Ja , wir wollen gehen , « sagte der Professor unmutig . » Da denkt man ein harmloses Volksfest mitzumachen und bekommt solche Mordgeschichten zu hören , die einem die ganze Stimmung verderben . Komm , Siegbert ! Aber wo ist er denn geblieben ? Siegbert ! « Siegbert war nicht mehr da ; alles Fragen und Rufen nach ihm blieb vergeblich , zum großen Ärger des Professors , der sich nun entschließen mußte , den Rückweg mit Sir Conway allein anzutreten . » Der Junge gewöhnt sich wahrhaftig das Durchgehen an ! « brummte er vor sich hin . » Jetzt spielt er mir denselben Streich , wie vorhin seinem Pflegevater ; es war gar nicht nötig , daß ich ihn deswegen lobte . Aber er fängt doch jetzt wenigstens an , einen eignen Willen zu haben . Was war das für ein leidenschaftliches Aufflammen , mit dem er vorhin die Partei des Menschen nahm , den alle Welt anklagte und angriff ! Wir wollen doch einmal sehen , ob wir ihn nicht zur offenen Rebellion gegen Wiesenheim anstiften können ! « Siegbert war in der Tat gegangen , ohne daran zu denken , daß man sein Verschwinden übelnehmen könnte . Es drängte ihn , den seiner Überzeugung nach so schwer verleumdeten Adrian aufzusuchen . Er war ihm gefolgt , holte ihn aber erst am Ausgang des Ortes ein . Hier war es still und einsam , das lärmende Treiben vom Kirchplatz her drang nur gedämpft , wie aus weiter Ferne , herüber , und hier , wo die Häuser den Blick nicht mehr beschränkten , tat sich auch die ganze Berglandschaft auf , von dem roten Lichte des Sonnenunterganges überflutet . Adrian stand auf der Brücke , die an dieser Stelle über die Ache führte ; an die hölzerne Brüstung gelehnt , blickte er unbeweglich hinab in das wildschäumende Wasser . Er wandte sich nicht nach dem Kommenden um , hörte vielleicht nicht einmal dessen Schritte ; erst als Siegbert die Hand auf seine Schulter legte , fuhr er auf , und mitten durch die Düsterheit seiner Züge brach es wie ein heller Freudenstrahl . » Sie sind es , Herr Siegbert ? « sagte er , ihn starr ansehend . » Sie kommen zu mir – auch jetzt noch – ich hätte es nicht geglaubt . « » Weshalb nicht ? « fragte Siegbert warm und herzlich . » Ich glaube nicht an Verleumdungen . Ich komme nur , um Sie zu warnen , Adrian . Ich wollte Sie bitten , von dem unsinnigen Wagnis abzustehen . Geben Sie es auf . « » Nein , « erklärte Adrian mit Entschiedenheit . » Das kann ich nicht , auch wenn ich ' s wollte . Ich habe mein Wort gegeben , Sie hörten es , Sie standen ja dabei . « » Wem haben Sie es gegeben ? Dem Engländer , diesem herzlosen Egoisten , der sich nicht bedenkt , Ihr Leben auf das Spiel zu setzen , um eine seiner Launen zu befriedigen . Mit seinem Gelds will er Ihnen die Todesgefahr gut bezahlen . Es mag ja sein , daß er Ihnen den jungen Adler mit Gold aufwiegt , aber ein Menschenleben steht doch noch höher im Preise . « Um Adrians Lippen zuckte ein Ausdruck bitterer Verachtung bei den letzten Worten . » Was Preis ! Um das Geld ist ' s mir nicht zu tun , das mag er behalten . Ich tu ' es , um den anderen allen zu zeigen , daß ich die Egidienwand nicht scheue , wie sie meinen . Denen hab ' ich das Wort gegeben – und denen werd ' ich ' s halten , werde daraus , was da wolle . Ich will endlich Ruhe haben vor ihnen . « » Die werden Sie schwerlich haben , « sagte Siegbert leise . » Wenn Sie das Wagstück ausführen , so bewundert man Sie vielleicht deswegen , wie heute , wo sie bei dem Schießen den Preis davontrugen . Was man sonst noch gegen Sie hat , das – bleibt wohl bestehen . « Adrian lachte laut und höhnisch auf . » Da kennen Sie die Leute schlecht , das bleibt nicht bestehen ! Sie wissen nicht , wie fest das Volk hier an seinem Aberglauben hängt , das schwört auf solche Proben ! Komme ich von der Egidienwand herunter , ohne den Hals zu brechen , so kommt mir keiner wieder mit einem Wort zu nahe . Ich kenne sie ! « » Und wenn Sie stürzen ? « fragte Siegbert mit tiefem Ernste . » Nun , dann ist eben alles zu Ende , und ein Ende muß es doch einmal nehmen , so oder so . Sie wissen es freilich nicht , Herr Siegbert , wie das tut , ausgestoßen zu sein von seinesgleichen , verfemt zu sein auf Tritt und Schritt . Ich hab ' das gekostet ! Damit kann man einen Menschen zum Ärgsten bringen , und mich haben sie so weit gebracht . Zwei Jahre lang hab ' ich ' s ausgehalten , jetzt ist ' s genug . Und wenn da oben die leibhaftige Hölle wäre – ich ging ' doch hinauf ! « Es sprach eine wilde , verzweifelte Entschlossenheit aus diesen Worten , die vor nichts mehr zurückschreckt . Der Mann war augenscheinlich auf das Äußerste gebracht und auf das Äußerste gefaßt . Siegbert sah , daß hier jeder Einspruch vergebens sein würde und schwieg . Sein Blick suchte die Egidienwand , die dort drüben in ihrer ganzen mächtigen Größe emporstieg , voll und glühend beleuchtet von den letzten Strahlen der sinkenden Sonne . Die riesigen Schroffen standen wie geisterhaft belebt da in dem roten Lichte , und klar und deutlich erkennbar gegen den flammenden Abendhimmel erhob sich das Kreuz auf seiner felsigen Höhe , hinter der die Sonne jetzt langsam verschwand . Die Glut erlosch , schwere , kalte Schatten legten sich auf die Berge , und schwer und kalt legte sich auch Adrians Hand auf die des jungen Malers , der neben ihm stand . » Leben Sie wohl , Herr Siegbert ! « sagte er mit einem tiefen Atemzuge . » In drei Tagen bring ' ich den Adler oder – Sie müssen mich selbst suchen – da drunten in der Egidienschlucht ! « Zehntes Kapitel . In den schattigen Waldanlagen , die sich hinter dem Hotel ausdehnten , saß Herr Bürgermeister Eggert , umgeben von seiner ganzen Familie . Auch die Musen von Wiesenheim waren in diesem Kreise vertreten , und zwar in Gestalt des » Tagesboten « , der regelmäßig nachgesandt wurde . Der Bürgermeister mußte selbstverständlich genau darüber unterrichtet sein , was in seiner verwaisten Stadt vorging , die nun schon drei volle Wochen ihr Oberhaupt entbehrte und noch auf weitere acht Tage zu dieser Entbehrung verurteilt war . Er hatte soeben mit Genugtuung davon Kenntnis genommen , daß der alte Marktbrunnen , den man einer Reparatur unterworfen , sich wieder in Tätigkeit befand , daß der Hund , der dem Herrn Kreisrichter entlaufen war , sich wieder eingefunden hatte , und daß der Dieb des dem Gemeindeboten entwendeten Huhns entdeckt und gebührendermaßen in das neue Stadtgefängnis abgeliefert morden war . Nach all diesen erfreulichen Tatsachen , die aber doch mehr das praktische Leben berührten , kamen auch die Musen an die Reihe , die diesmal besonders stark am » Tagesboten « beteiligt waren . Eggert las soeben ein längeres Gedicht vor , das den geheimnisvollen Titel » An Sie « führte und aus der Feder des gegenwärtigen Redakteurs und künftigen Heroen der Dichtkunst stammte , der Sonntags im bürgermeisterlichen Hause zu Mittag aß . Wahrscheinlich hatte die jetzige Unterbrechung dieser freundlichen Gewohnheit die Stimmung des jungen Dichters beeinflußt , denn das Gedicht war ungemein schmerzvoll und wehmutserfüllt und machte auch einen entsprechenden Eindruck . Die Stimme des Lesenden bebte wiederholt vor Rührung , die Frau Bürgermeisterin sah mit gefalteten Händen und feuchten Augen da , und Fränzchen sah ganz elegisch verklärt aus . Nur Siegbert verriet eine sträfliche Gleichgültigkeit und ließ nicht das mindeste Zeichen von Rührung blicken . » Ja , er ist wirklich ein Genie , unser Ellbach ! « sagte der Bürgermeister , indem er das Blatt niederlegte . » Wir werden noch etwas Großes an diesem jungen Manne erleben ! Er hat mir selbst beim Ab- schiede diese Überzeugung ausgesprochen , und ich bin ganz seiner Meinung ! « » Wenn der Arme nur nicht diese unglückliche Liebe so tief im Herzen trüge ! « sagte Frau Eggert mitleidig . » Wie oft hat der » Tagesbote « nun schon seinen Liebeskummer gebracht und ist noch immer nicht damit fertig . Es muß eine Bekanntschaft aus der Residenz sein , wo er früher lebte , denn in Wiesenheim wüßte ich doch niemand , der der Gegenstand solcher Gefühle sein könnte . Was meinst du , Fränzchen ? « Fränzchen meinte gegen ihre sonstige Gewohnheit gar nichts , sie beugte den Kopf auf ihre Handarbeit nieder , so tief , daß die Mutter nicht sehen konnte , wie feuerrot ihr Gesicht war . Zum Glück überhob der Vater sie der Antwort , indem er wieder das Wort nahm : » Ich werde ihn einmal auf das Gewissen fragen . Das ist ja ein wahrhaft erschütternder Schmerz , den er heute wieder ausströmt . Hört nur diese Stelle : Tag für Tag mit heißen Tränen – mit verzweiflungsvollem Grämen – denk ich dein ! « » Das ist aber kein Reim , « warf Siegbert ein . » Tränen und Grämen paßt nicht . « » Mein lieber Siegbert , diese nüchterne Bemerkung hättest du dir ersparen können , « sagte der Bürgermeister in hohem Tone . » Was liegt an dem Vers , wenn der Inhalt nur schön und rührend ist . Rührung ist die Hauptsache in der Poesie , in der Kunst überhaupt . Du solltest das gleichfalls beherzigen und mehr Rührung in deine Bilder bringen , aber freilich , das will empfunden sein , und du sitzest niemals mit heißen Tränen an deiner Staffelei , wie dieser arme Mann in seinem Redaktionszimmer . « » Siegbert sucht förmlich etwas darin , Herrn Ellbach herabzusetzen , « ließ sich jetzt Fränzchen mit kaum unterdrückter Heftigkeit vernehmen . » Er will sich dafür rächen , daß der » Tagesbote « sein letztes Bild weder erwähnt noch besprochen hat . « Siegbert zuckte die Achseln . » Da bist du im Irrtum , Fränzchen . Ich versichere dir , es ist mir sehr gleichgültig , wie Herr Ellbach meine Bilder beurteilt , und ob er sie überhaupt beurteilt . « » Künstlereifersucht ! « sagte der Bürgermeister mit überlegenem Lächeln . » Einer gönnt dem anderen seinen Ruhm nicht , und doch wirken sie beide auf verschiedenen Gebieten . Aber es ist wahr , auch ich habe mit Befremden das Schweigen des » Tagesboten « bemerkt . Ich fürchte , man hat Siegbert absichtlich ignoriert , und man würde ihn vielleicht sogar angreifen , wenn nicht – « er brach ab , denn die sehr natürliche Folgerung , daß es nur gastronomische Rücksichten waren , die seinen Pflegesohn vor den Angriffen des » Tagesboten « schützten , erschien ihm doch zu unpoetisch , wenn sie auch die richtige war . » Dergleichen Eifersüchteleien und Feindschaften dürfen aber in unserem Wiesenheim nicht Platz greifen , « begann er wieder . » Nach unserer Rückkehr werde ich eine Versöhnung anbahnen – mit einer Ananasbowle , die pflegt unseren Dichter immer sehr freundlich und versöhnlich zu stimmen , ich habe das schon einigemal erprobt . Und was dich betrifft , Siegbert , so bitte ich mir aus , daß du keine Hartnäckigkeit zeigst . Ich wollte , du hättest nur etwas von dem Selbstgefühl und dem Künstlerstolz dieses jungen Mannes . Er erklärt jede seiner Arbeiten von vornherein für ein Meisterwerk . « » Ja wohl , und er glaubt sogar daran , « sagte Siegbert mit aufquellender Bitterkeit . » Ich habe das nie vermocht . « Fränzchen warf ihm einen sehr unholden Blick zu und war im Begriff , sich energisch auf die Seite der Poesie zu schlagen , als ihr Vater sich plötzlich erhob . Er sah drüben auf der anderen Seite der Anlagen den Professor Bertolt » erscheinen und bekam auf einmal Lust , gerade dort einen Spaziergang zu machen . Er überließ daher seine Familie sich selbst und dem » Tagesboten « und wandte sich nach jener Richtung . Elftes Kapitel . Der Herr Bürgermeister hatte eine Zeitlang geschwankt , ob er die neuliche Grobheit des Professors übelnehmen oder die Originalität des berühmten Künstlers bewundern solle , und sich endlich für letzteres entschieden . Eine Bekanntschaft von diesem Rufe und dieser Stellung wollte er unter keiner Bedingung fahren lassen . So näherte er sich denn mit dem festen Entschluß , dem » Original « nichts übel zu nehmen , und begann die Unterhaltung mit der Bemerkung , daß das Wetter sehr schön sei , und mit der Frage , wie der Herr Professor geschlafen habe . Dieser war heute in ziemlich gnädiger Stimmung , vielleicht rührte es ihn auch , daß man seine ungemeine Grobheit mit so ausgesuchter Höflichkeit vergalt . Er ließ die Tatsache des schönen Wetters gelten und erklärte , daß sein Schlaf vortrefflich gewesen sei . Daraufhin wagte es Eggert , sich ihm anzuschließen , und die beiden promenierten dem Anscheine nach ganz friedfertig miteinander . » Morgen früh geht Siegbert mit mir auf die Egidienwand « , kündigte der Professor seinem Begleiter an . » Ich habe es bereits mit ihm verabredet . Wir brechen in aller Frühe auf und denken gegen Abend zurück zu sein . « Der Bürgermeister zog die Augenbrauen in die Höhe , eine derartige Eigenmächtigkeit pflegte er seinem Pflegesohne nie zu gestatten , und wenn er auch dem Professor die alleinige Schuld beimaß , so fühlte er sich doch verpflichtet , seine Autorität geltend zu machen . » Siegbert hat mir nichts davon mitgeteilt « , entgegnete er . » Ich fürchte wirklich – « » Haben Sie vielleicht etwas dagegen einzuwenden ? « unterbrach ihn Bertold mit so grimmiger Miene , daß er augenblicklich den Rückzug antrat . Wie alle kleinen Tyrannen , fügte er sich geduldig einer größeren Tyrannei gegenüber , und in diesem Punkte hatte er in dem Professor seinen Meister gefunden . » Durchaus nicht « , versicherte er eiligst . » Ich meinte nur – ich wünsche Ihnen viel Vergnügen zu dieser Partie . « » Danke ! « brummte der Professor etwas besänftigt . » Aber noch eine Frage ! Sie kennen natürlich die sämtlichen Studien und Skizzen Siegberts ? « » Natürlich , Herr Professor ! Sie wissen ja , welch hohes Interesse ich für die Kunst habe , und nun vollends , wo es sich um die Werke meines Sohnes handelt . Ich prüfe Tag für Tag seine Skizzenmappe mit der größten Aufmerksamkeit , und ich darf wohl behaupten , daß in den letzten vier Jahren nichts ohne meinen Rat und ohne mein Urteil entstanden ist , vom kleinsten Blättchen an bis zu den großen Bildern , die daheim in meinem Hause hängen . « » Da hängen sie wohl noch allesamt ? « bemerkte der Professor trocken . » Ein Käufer hat sich wohl noch zu keinem einzigen gefunden ? « Eggert warf sich in die Brust , mit dem ganzen Stolze des reichen Mannes . » Allerdings nicht , aber ich lege auch keinen Wert darauf . Ich kann mir immerhin gestatten , die Werke meines Sohnes im eignen Besitz zu behalten . Mein Sohn hat es nicht nötig , um des Geldes willen zu malen ! Er hat von jeher den Eingebungen seiner Muse folgen dürfen , ohne an den schnöden Erwerb zu denken . « » Das ist gerade das Unglück des Jungen gewesen ! « fiel Bertold mit vollem Nachdruck ein . » Wenn er sich tüchtig mit der Not des Lebens hätte herumschlagen müssen , wäre er nicht ein solcher Träumer geworden ! « Der Bürgermeister sah ihn mit offenem Munde an . » Wie ? Sie wollen doch nicht etwa behaupten , daß es ein Glück ist , wenn man sich um das tägliche Brot mühen muß , diese Misere des Lebens ? « » Unsinn ! « sagte der Professor in seiner derben Weise . » Die sogenannte Misere hat noch keinem geschadet , der jung und kraftvoll ist . Fast alle unsere großen Künstler find durch dies Fegfeuer gegangen , und es ist ihnen ganz gut bekommen . Sehen Sie mich an ! Ich war mit zwanzig Jahren auch arm , verwaist , ohne Freunde und Gönner , ohne einen Menschen , der sich meiner annahm . Ich hatte nichts , als mein Talent und den festen Willen , um jeden Preis etwas zu werden . Ich habe es durchgesetzt , gerade weil ich es nötig hatte , Zu arbeiten , weil ich entweder schwimmen oder untergehen mußte . Dies » Entweder – Oder « hat dem Siegbert gefehlt , darum hat er auch nie gelernt , seine Kräfte zu brauchen , und als er wirklich einmal vor die Entscheidung gestellt wurde , da kamen Sie mit Ihrer Wiesenheimer Gemütlichkeit dazwischen und ruinierten ihm seine Zukunft . « Der Bürgermeister nahm eine tiefgekränkte Miene an . » Herr Professor , Sie machten mir schon gestern einen derartigen Vorwurf . Er hat mich tief verletzt , ja er hat mir das Herz zerrissen ! « » So ? « meinte der Professor , indem er mit kritischen Blicken den kleinen Mann betrachtete , als wolle er ein äußeres Merkmal der Zerrissenheit entdecken . » Ich werde Ihnen beweisen , wie unrecht Sie mir tun « , fuhr Eggert mit Pathos fort . » Wenn Sie es nun einmal für unbedingt notwendig halten , daß Siegbert seine Studien in Italien vollendet – nun wohl , ich füge mich der Autorität des großen Meisters – ich bin einverstanden . « Bertold blieb stehen ; dieser plötzliche Anfall von Vernunft kam ihm zu unerwartet , als daß er ihm so ohne weiteres hätte trauen sollen . » Nun , dann wäre die Sache ja in Ordnung « , sagte er . » Ich beabsichtige , von hier direkt nach Rom zu gehen . Geben Sie mir Siegbert mit . « » Allein ? « fragte der Pflegevater in sehr gedehntem Tone . » Wollen Sie etwa mit ? « fuhr der Professor auf . Der Bürgermeister lächelte vielsagend . » Wenigstens möchte ich die Sache bis zum Frühjahr aufschieben , es arrangiert sich dann alles viel leichter . Das junge Paar könnte seine Hochzeitsreise nach Italien machen und die Flitterwochen dort verleben . « » Hochzeitsreise – Flitterwochen – « wiederholte der Professor . » Was meinen Sie denn eigentlich damit ? « » Nun , Ihnen mache ich kein Geheimnis daraus « , versicherte Eggert im vertraulichen Tone . » Ich beabsichtige , meinen teuren Pflegesohn auch durch die engsten Familienbande an uns zu fesseln . Schon damals , als er vor siebzehn Jahren in mein Haus kam , stand es bei mir fest , daß er dereinst mein Sohn und Erbe werden sollte . Er und meine Tochter sind mit und für einander erzogen , ich habe stets das Glück meiner Kinder im Auge gehabt . « Der Professor hob Augen und Hände zum Himmel und war im Begriff loszubrechen , als er Siegberts Skizzenbuch , das er aus besonderen Gründen zu sich gesteckt hatte , in der Brusttasche fühlte . Die Erinnerung an den Inhalt desselben hielt vorläufig den drohenden Sturm noch auf . Der Künstler stieß einen unartikulierten Laut aus und sagte mit grimmiger Freundlichkeit : » Das ist ja eine recht erfreuliche Nachricht ! « » Nicht wahr ? « stimmte der Bürgermeister bei . » Deswegen sind wir auch eigentlich hier . Das junge Paar weiß zwar längst , daß es füreinander bestimmt ist , aber , Sie begreifen – eine Künstlernatur und ein eben erwachendes Mädchenherz darf man nicht so nüchtern zusammengeben , man muß ihnen die nötige Romantik gewähren . Deshalb unternahm ich die Reise . Hier , im Angesicht der ewigen Vergeswelt , fern von dem Getriebe des Alltagslebens , sollen ihnen ihre Gefühle klar werden . « » Die sind ihnen ja schon seit siebzehn Jahren klar geworden , wie Sie behaupten « , warf der Professor ein , aber der glückliche Vater ließ sich nicht stören , er fuhr in voller Ekstase fort : » Hier sollen sich ihre Herzen finden und das erste Wort der Liebe Zwischen ihnen gesprochen werden . Oh , ich verstehe mich auf die Romantik der Jugend , wenn die Jugend auch hinter mir liegt ! Nach unserer Rückkehr feiern wir die öffentliche Verlobung , und im Frühjahr findet die Hochzeit statt . Das junge Ehepaar mag sich dann zu der Reise nach Rom rüsten . Ich und meine Frau gehen natürlich mit . « » Dann sei Gott dem armen Jungen gnädig ! « brach der Professor jetzt los . » Herr , jetzt wird mir die Sache denn doch zu bunt ! Haben Sie denn gar keine Idee davon , was ein Künstler zum Schaffen und Studieren braucht , daß Sie ihm dabei die Frau , die Schwiegereltern und womöglich noch das ganze Wiesenheim aufhalsen wollen ? Da setzen Sie ihn doch lieber gleich in das neue Stadtgefängnis , ehe Sie ihn mit der Eskorte nach Rom transportieren ! « Damit ließ er den ganz entsetzten und empörten 9 ? Bürgermeister stehen und wandte sich dem Hotel zu . Herr Eggert stieß einen Seufzer aus . Er gewöhnte sich nun zwar nachgerade an diese Behandlung und hatte ja auch den festen Vorsatz , nichts übel zu nehmen , aber er fand doch , daß die Originalität des berühmten Meisters heute besonders stark entwickelt sei , und zum erstenmal stieg ihm der Gedanke auf , daß es doch gefährlich sei , seinen so ängstlich behüteten Pflegesohn in solcher Nähe zu lassen . Zwölftes Kapitel . Bertold trat inzwischen , noch ganz rot und erhitzt vom Arger , in die Wohnung des Präsidenten , die im ersten Stockwerke des Hotels lag . Herr von Landes selbst war nicht anwesend , nur Alexandrine saß an der geöffneten Balkontüre und hielt ein Buch in der Hand . Sie schien indessen nicht gelesen zu haben , denn sie fuhr wie aus tiefem Nachsinnen empor , als Bertold