Willst du schon wieder fort ? « rief Anna fast erschrocken und hing sich wie eine Last an seinen Arm . Ja , er müsse fort ; in der letzten Sturmesnacht , drüben bei den äußersten Parzellen , seien Windbrüche in den Eichenschlag gefallen . » So reite morgen ! « bat sie , » der Schaden wird ja drum nicht größer werden ! « » Morgen ? Morgen ist wieder andres da . « Er blickte sie nicht an ; er stand wie ein Gefesselter , der ungeduldig auf Befreiung wartet , aber sie klammerte sich nur fester an ihn . » Ich bin wohl töricht « , sagte sie , » aber mir ist so bange deinetwegen ! Rudolf , lieber Mann , bleib bei mir , laß mich nur heute nicht allein ! « Und da er unbeweglich blieb , legte sie die Hand an seine Wange , daß er die Augen zu ihr wenden mußte . » Du siehst so finster aus , du hörst mich nicht ! « Wohl hörte er sie ; aber was sollte ihm die schöne Lebensfülle , die aus dieser Stimme ihm entgegendrängte ? Wie eine Todesangst vertrieb es ihn aus der geliebten Nähe . Hastig bückte er sich und berührte mit seinen Lippen flüchtig ihre Wange : » Laß mich jetzt , ich komme ja zu Abend wieder ! « Er stand schon vor der Haustür , wo die Magd das Pferd am Zügel hielt , während Anna noch seine Hand gefaßt hatte . Plötzlich riß er sich los , nickte noch einmal nach ihr zurück und ritt davon . Aber es war bald nur noch der Rappe , welcher sich die Wege suchte ; ob sie zu den Windbrüchen in den Eichen führten , was kümmerte das den Reiter ! Von der Treppenstufe vor der Haustür hatte Anna ihm nachgeblickt , solange ihre Augen ihn erreichen konnten ; dann griff sie über sich und legte ihre Hand um einen Ast der Eiche , welche hier ihr dichtestes Gezweige wölbte . So blieb sie stehen , die Wange gegen den eigenen schlanken Arm gepreßt , ihre Augen füllten sich mit Tränen , ein Schluchzen drängte sich herauf , das sie nun nicht zurückhielt . Was sollte sie beginnen ? – Sie hatte nicht den Mut verloren , sie wußte , sie durfte ihn nicht verlieren ; nur nachts , wenn er in schwerem Schlummer stöhnte , hatte sie wohl in jähem Schreck sich über ihn geworfen ; sonst , sie meinte doch , hatte sie tapfer ihre Angst hinabgeschluckt . – Was hatte es ihr geholfen ? Über ihr ging ein Lufthauch durch den Baum , und ein Regen gelber Blätter wirbelte zu Boden ; da gedachte sie der Fahrt zu Bernhard , die sie Rudolf neulich vorgeschlagen hatte ; die letzten schönen Tage schienen jetzt gekommen . Aber plötzlich , und sie schrak jäh in sich zusammen , kreuzte schon ein andres ihre grübelnden Gedanken . Sollte es Eifersucht auf Bernhard sein ? – Unmöglich ! – Aber dennoch ; Rudolfs seltsames Gebaren war dann auf einmal zu erklären . Noch einige Augenblicke blieb sie sinnend stehen ; eine Hoffnung , ein mutiges Lächeln verklärte ihr junges Antlitz : sie meinte endlich dem unbekannten Feinde Aug in Aug zu schauen . Dazu , in nächster Zeit , erwarteten sie den Besuch von Rudolfs Mutter ; war auch die Frau Forstjunker ihr selbst noch immer eine Fremde , sie liebte , sie kannte ihren Sohn seit seinem ersten Schrei : mit ihr im Bunde wollte Anna den Feind bekämpfen . Ihre Hand ließ den Ast , den sie so lange umfaßt gehalten hatte , fahren ; dann , ihr blondes Haar zurückschüttelnd , ging sie mit kräftigen Schritten in das Haus zurück . – Der Nachmittag verging , das Forsthaus und die alte Eiche glühten im Abendschein ; dann kam die Dämmerung ; dann hinter dem Walde stieg der Mond empor und warf seinen bläulichen Schimmer auf den leeren Platz am Hause ; aber Rudolf war noch nicht zurück . Wieder , wie am Vormittage , saß Anna wartend im Wohnzimmer , nur brannte jetzt die Lampe , und es war noch stiller um sie her . Mitunter sprang sie auf , und ihre Arbeit hinwerfend , trat sie ans Fenster und drückte das Ohr gegen eine der Glasscheiben , dann plötzlich lief sie vor die Haustür ; aber nur die Eulen mit ihrer Brut schrien vom Walde herüber ; auch einmal im Stalle hinten hatte der Hahn geträumt und krähte dreimal in die Nacht hinaus . Und wieder saß sie drinnen bei ihrer Arbeit , der eine Fuß nur auf der Spitze ruhend , das Haupt halb abgewandt , wie in die Ferne lauschend . Da , das war keine Täuschung , scholl es vom Weg herauf ; das war der Hufschlag ihres Rappen , und näher und näher kam es . Sie war nicht aufgesprungen ; langsam und wie vorsichtig , um keinen Laut von draußen zu verlieren , hatte sie sich aufgerichtet . » Rudolf ! « rief sie , und endlich , im dunkeln Hausflur , hielt sie ihn umfangen . » Gott Dank , daß ich dich wiederhabe ! « Als sie aber drinnen beim Lampenschein in das verstörte Antlitz ihres Mannes sah , da ging sie aus dem Zimmer , als ob sie draußen im Hause etwas Eiliges zu beschaffen habe ; dann nach einer Weile kehrte sie anscheinend ruhig zurück . Bei ihrem Eintritt kam Rudolf ihr entgegen ; er wollte nach seinem Zimmer ; es seien noch Sachen , die er bis morgen fertigstellen müsse . » Aber du willst doch erst zu Abend essen ? « Und sie zog ihn an den schon längst gedeckten Tisch . Er nahm auch einige Bissen . Dann stand er auf . » Laß dich nicht stören , ich muß machen , daß ich an die Arbeit komme ! « Ein schmerzliches Zucken flog um ihren Mund ; aber sie suchte ihn nicht aufzuhalten . » Um zehn Uhr komm ich zu dir ! « rief sie ihm freundlich nach , als er hinausging . Die Arbeiten , von denen er gesprochen hatte , waren kein bloßer Vorwand , am folgenden Morgen hatte er sie dem Grafen persönlich zu überreichen . Auch saß er in seinem Zimmer bald darauf am Schreibtisch ; er sagte sich , das müsse noch beseitigt werden , und suchte gewaltsam , und bis das Hirn ihn schmerzte , seine Gedanken festzuhalten und auf einen Punkt zu drängen . Aber die Feder berührte meist nur das Papier , um das Geschriebene gleich wieder fortzustreichen ; so ging es eine Weile , endlich sah er , daß er sie zerbrochen hatte . » Schlechte Musikanten ! « murmelte er vor sich hin . » Der Graf hatte recht : es geht nicht mehr , aber – weshalb denn geht es nicht ? « Da stand die rußige Gestalt des Schmiedes vor ihm ; so dicht , die stierenden Augen und das verzerrte Antlitz lagen fast an dem seinen ; ein leises höhnisches Gelächter fuhr ihm kitzelnd in die Ohren : » Dreizehn Jahre ? – Es kann auch früher kommen ! « Deutlich hatte er das sprechen hören ! Er fühlte , wie sich das Haar auf seinem Haupte sträubte . Aber er hörte noch mehr : es jammerte , es wimmelte um ihn her ; er war aufgesprungen und schlug mit beiden Armen um sich . » Fort ! « schrie er ; » fort , Gespenster ! « Aber er war doch nicht mehr allein in seinem Zimmer ; die Geschöpfe seines Hirnes waren mit ihm da und wichen nicht . Mit heftigen Schritten ging er auf und ab , hastig bald links , bald rechts die Blicke werfend ; der Schweiß war in großen Perlen ihm auf die Stirn getreten . Plötzlich machte er eine ausweichende Bewegung . » Der Hund ! « sagte er leise . » Noch nicht ! Ich warte nicht auf dich . « Da schlug es zehn von der Wanduhr , und vom andern Ende des Hauses hörte er die Tür des Wohnzimmers gehen . Das war Anna ; schon hörte er ihre Schritte auf dem Hausflur . Er blieb stehen und blickte um sich her : die Lampe brannte hell und warf ihren Schein in alle Winkel ; es war alles ganz gewöhnlich . Als Anna dann gleich darauf ins Zimmer trat , saß er wieder an seinem Schreibtische . » Bist du bald fertig ? « frug sie , die Hand auf seine Schulter legend ; » ich weiß nicht , aber die Augen sind mir heut so schwer . « Er sah nicht auf . » Ich denke ; vielleicht ein halbes Stündchen noch . « Und wie in den vorigen Nächten setzte sie sich still mit ihrer Arbeit neben ihn . Aber immer langsamer regten sich die schlanken Finger , und die halbe Stunde war noch nicht verflossen , da rückte sie ihren Stuhl dicht an den seinen , und von Müdigkeit überwältigt , sank ihr Haupt auf seine Schulter . Behutsam , damit sie sicher ruhen könne , legte er den Arm um sie ; und als die halbgeöffneten Lippen des jungen Weibes sich bald in gleichmäßigen leisen Atemzügen ihm entgegenhoben , da neigte er sich unwillkürlich zu ihr , um sie zu küssen . Aber es kam nicht dazu ; wie in plötzlicher Erstarrung richtete er sich auf und griff mit der freigebliebenen Hand nach der vorhin fortgelegten Feder . Nein , nein , das war vorüber ; die Arbeit , die da vor ihm lag , die mußte noch zu Ende ! Er begann auch wirklich bald zu schreiben , und der fast leere Bogen füllte sich bis auf die Hälfte ; dann aber , während er grübelnd darauf hinstarrte , verloren sich die Buchstaben in verworrenes Gekritzel . Allmählich jedoch schien wieder eine bestimmte Vorstellung Platz zu greifen . Der Umriß eines menschlichen Schädels trat deutlich genug hervor ; aus einem Tintenklecks daneben wurde eine spinnenartige Ungestalt , die immer mehr und längere Arme nach dem Schädel streckte ; nur statt des Spinnen war es ein Hundskopf , der sich wie gierig aus dem dicken Leib hervordrängte . Aber mit wie großer Emsigkeit auch Rudolf diese seltsame Arbeit zu betreiben schien , sie war doch nur der Punkt , von welchem aus seine Gedanken sich ihre finstern Gänge wühlten . Er hatte eben die Feder fortgeworfen , als Anna nach einem tiefen Atemzuge die Augen aufschlug . » Du , Rudolf ? « Und wie ein erstauntes Kind blickte sie um sich her . » Aber du arbeitest nicht mehr , weshalb sind wir nicht zu Bett gegangen ? « Seine überwachten Augen sahen sie an , als habe er keine Antwort auf diese einfache Frage . » Du schliefst « , sagte er endlich , » ich mochte dich nicht wecken . « Sie wollte sich aufrichten , als ihr Blick auf das Papier fiel , worauf er eben jene symbolische Zeichnung hingeschrieben hatte . » Was ist das ? « rief sie . » Was hast du da gemacht ? Ein Totenkopf ! « Seine Lippen zitterten , als ob sie mit noch ungesprochenen Worten kämpften . » Nein , nein « , sagte er ; » das nicht , so war es nicht gemeint . « Anna sah ihn ängstlich an : » Weshalb nimmst du deinen Arm fort , Rudolf ? Du hältst mich jetzt so selten nur in deinem Arm ! « Er riß sie heftig an sich , und noch einmal sank ihr Kopf an seine Schulter ; wie in Angst , als ob sie ihm entschwinden könnte , umschloß er sie mit beiden Armen . So saßen sie lange ; nur die Atemzüge des einen waren dem andern hörbar . » Anna ! « kam es zuerst dann über seine Lippen . » Ja , Rudolf ? « » Was meinst du , Anna « – aber es war , als würde er nur mühsam seiner Worte Herr – , » ich dächte , wir könnten morgen wohl zu Bernhard fahren ? « » Zu Bernhard ? « Sie hatte sich losgewunden , das Kartenhaus , das sie sich mit soviel Sorge aufgebaut hatte , drohte einzustürzen : Rudolf war nicht eifersüchtig ! Oder – als ob sie alles um sich her vergesse , stand sie vor ihm – sollte es mit dieser Reise eine Liebesprobe gelten ? Wie auf sich selber scheltend , schüttelte sie zugleich das Haupt ; aber sie mühte sich umsonst , ein andres zu ergrübeln ; der Ton seiner Stimme war nicht gewesen , als ob er sie zu einer Lustreise hätte auffordern wollen . Und jetzt hörte sie dieselbe Stimme wieder : » Du antwortest mir nicht , Anna ! « Sie warf sich vor ihm nieder : » Rudolf , geliebter Mann ! Wann und wohin du willst ! « Ein leuchtender Strom brach aus den blauen Augen , und die jungen Arme streckten sich ihm entgegen . Aber nur eine kalte Hand legte sich auf ihr Haupt , das flehend zu ihm aufsah : » So laß uns versuchen , ob wir schlafen können . « Am andern Morgen saß Rudolf schon wieder früh am Schreibtisch , seine Feder flog , die halbfertigen Arbeiten wurden rasch vollendet , ebenso rasch mußte der Schreiber sie kopieren . Inzwischen ordnete er selbst , was an Schriften und Karten sich auf Tisch und Stühlen in den letzten Tagen angehäuft hatte ; oftmals warf er einen Blick auf die Wanduhr , um dann wieder in stummem düsterem Vorwärtsdrängen seine Arbeit fortzusetzen . Als es acht geschlagen hatte , nahm er die von dem Schreiber fertiggestellten Schriften und machte sich auf den Weg zum Schlosse . Im Zimmer des Grafen , der in anderen Arbeiten saß , gab er auf die hastig hingeworfenen Fragen rasch und knappe Auskunft ; es schien ihm wenig daran gelegen , ob seine Meinung Beifall finde . Der Graf sah seinem Förster in das blasse Gesicht , und als dieser nach einem längeren geschäftlichen Gespräche fortgegangen war , blickte er noch eine Weile gegen die Tür , bevor er sich wieder zu der vorhin verlassenen Arbeit wandte . – – Nachdem das junge Ehepaar zeitig sein Mittagsmahl eingenommen hatte , wurde der Einspänner aus dem Schuppen gezogen und der Rappe in die Deichsel gespannt . Wohl eine Stunde lang fuhren sie am Rande der gräflichen Waldungen ; wieder , wie tags vorher , stand die goldene Septembersonne am Himmel , und der stärkende Duft des herbstlichen Blätterfalles erfüllte die Luft um sie her . Nach einer weiteren Stunde sahen sie den Gutshof liegen ; als sie in eine kurze Allee von Silberpappeln einbogen , lag am Ende derselben , durch einen sonnenhellen Raum davon getrennt , das Wohnhaus vor ihnen . » Da ist schon Bernhard ! « sagte Anna und wies auf eine kräftige Gestalt , welche neben der Haustür stand und , die Augen mit der Hand beschattend , dem ankommenden Gefährt entgegensah . Rudolf nickte nur , und Anna sah es nicht , daß seine Hände sich wie in verbissenem Schmerz zusammenballten ; nur das Pferd , das er am Zügel hielt , empfand es und bäumte sich in seiner Deichsel . Als der Wagen vor dem Hause anfuhr , war das verschwunden . » Da sind wir endlich ! « sagte er , Bernhard die Hand entgegenstreckend . Bernhard sah ein wenig überrascht , fast verlegen aus ; aber auch das verlor sich gleich . » Seid willkommen , du und Anna ! « sagte er herzlich . » Ich erkannte euch erst , als ihr hier in den Sonnenschein hinausfuhrt . « Nun kam auch Julie aus dem Hause , und die Begrüßung wurde lebhafter ; und als man erst drinnen um den blinkenden Kaffeetisch der jungen Wirtin saß , geriet auch ohne die Männer sogleich die Unterhaltung , denn das Geschwisterpaar war kürzlich in Annas Elternhause auf Besuch gewesen , und diese hatte fast noch mehr zu fragen , als jene zu berichten . Nach beendetem Kaffee drang Rudolf auf einen Spaziergang durch die Gutsflur , die zwar seiner Frau , aber ihm noch nicht bekannt sei . Anna wollte eben ihren Arm in den der Freundin legen , als sie Rudolf sagen hörte : » Du , Bernhard , nimmst dich meiner Frau wohl an ; Fräulein Julie wird mit mir sich plagen müssen ; übrigens « – und er wandte sich zu dieser – , » ich verspreche , heute nicht zu zanken . « » Sie haben auch heute keine Ursache mehr « , entgegnete Julie leise und warf , plötzlich ernst geworden , einen liebevollen Blick auf ihren Bruder . Dem jungen Förster war weder dieser Blick noch dessen Bedeutung entgangen ; aber er nickte düster vor sich hin , als sei ihm das so recht , dann folgte er mit Bernhards Schwester den Vorausgehenden . Nachdem Haus und Garten und pflichtgemäß dann auch noch Keller und Scheune besichtigt waren , ging man ins Freie , zunächst über abgeheimste Weizenfelder , wo nur noch Scharen von Sperlingen oder mitunter ein Häuflein barfüßiger Kinder ihre Nachlese hielten . Anna mit ihrem zum Zerspringen vollen Herzen rief eins der kleinen Mädchen zu sich , und als es , nach einem ermunternden Worte Bernhards , langsam herangekommen war , zog sie ein blaues Seidentüchlein aus ihrer Tasche und band es , auf den Boden hinkniend , ihm sorgsam um sein Hälschen . Sie küßte das Kind und drückte es heftig an sich . » Behalt das von der fremden Frau ! « sagte sie ; » doch halt ! « , und sie sammelte ein Häuflein kleiner Münzen und drückte die Finger des Kinderfäustleins darum zusammen ; dann , während der kleine Flachskopf ihnen stumm mit großen Augen nachsah , ging die Gesellschaft weiter . Sie gingen wiederum gepaart wie damals auf Annas Heimatsflur , nur daß diese jetzt wiederholt den Kopf zurückwandte und erst , wenn sie einen Blick von Rudolf aufgefangen hatte , das Gespräch mit Bernhard fortsetzte , das ohnehin nicht recht in Fluß geraten wollte . Rudolf freilich beobachtete auch heute unablässig die Vorangehenden und wog bei sich den Ton in Bernhards und in seines Weibes Stimme ; aber es war kein unruhiges Verlangen , nur ein leidvolles Entsagen sah aus seinen dunklen Augen . » Sie wollten nicht zanken , Herr von Schlitz « , sagte neben ihm die Stimme seiner Partnerin ; » aber Sie sind völlig stumm geworden . « Er wollte eben ein höfliches Wort erwidern , als sie aus der Enge eines mit Hagebuchenhecken eingezäunten Weges heraustraten und nun vor einer weiten Moorfläche standen , auf der hie und da eingestürzte Torfhaufen zwischen blinkenden Wassertümpeln lagen . » Das haben die Gewitterregen uns verwaschen « , sagte Bernhard ; » aber wir müssen umkehren , der Weg , der hier am Moor entlangführt , ist nicht für Damenschuhe eingerichtet . « Rudolf war ein paar Schritte auf dem bezeichneten Wege fortgegangen . » Für uns Männer wird ' s schon taugen « , sagte er , sich zu Bernhard wendend ; » die Damen werden uns entschuldigen ; nicht deinen Torf , aber von deinen Jagdgründen möchte ich hierherum noch etwas sehen . « » Wenn du willst « , meinte Bernhard ; » aber es ist nicht viel damit . « » Nun , so reden wir ein Stück mitsammen ! « Anna blickte ihn an : Was wollte Rudolf ? Mit Bernhard allein sein ? – Auf seinem Angesicht war nichts zu lesen ; nur der beklommene Ton , den sie in seiner Stimme bemerkt zu haben glaubte , schien zu dem einfachen Inhalt seiner Worte nicht zu passen . Aber – es war ja Bernhard ; was konnte zwischen ihm und Bernhard Übles denn geschehen ! Wie ein Morgenschein leuchtete das Vertrauen zu ihrem Jugendfreunde auf ihrem schönen Antlitz ; lächelnd nickte sie den beiden Männern nach , dann nahm sie Juliens Arm , um mit ihr den Rückweg anzutreten . » Das ist die Rache « , sagte sie scherzend ; » vor einem Jahre waren wir es , die sie im Stiche ließen . « Aber Rudolf und Bernhard redeten nicht miteinander , und die Jagdgründe wurden weder besichtigt noch aufgesucht . Schon lange waren sie schweigend auf dem durch tiefe Wagenspuren zerrissenen Wege fortgegangen , beide die Augen nach der untergehenden Sonne gerichtet , die mit ihren letzten Strahlen das braune Heidekraut vergoldete . Eine Nachtschwalbe mit ihrem lautlosen Fluge huschte vor ihnen auf und duckte sich eine Strecke weiter von ihnen auf den Weg , bis sie wiederum auch hier vertrieben wurde . » Weshalb « , begann endlich Bernhard , wie nur um überhaupt ein Wort zu sagen , » seid ihr nicht im Sommer zu uns gekommen , als die Heide blühte und das Korn geschnitten wurde ? Deine Frau schrieb einmal darüber meiner Schwester ; aber ihr kamt doch nicht . « Rudolf , der neben ihm ging , blieb einen Schritt zurück . » Du weißt « , sagte er , » es war von beiden Seiten etwas zu verwinden . « Der andre zuckte , und seine Hand zitterte , mit der er sich den starken Bart zur Seite strich : » Also Anna hat es dir mitgeteilt , daß ich so beschämt vor ihr gestanden ? « » Du meinst , sie sollte ein Geheimnis mit dir teilen ! « » Nicht das , Rudolf « , sagte Bernhard ruhig ; » aber was nützte es dir , zu wissen , daß ich soviel ärmer bin als du ? « Rudolfs letzte Worte waren jäh herausgefahren ; jetzt trat er wieder an Bernhards Seite . » Du kamst zu spät « , sagte er ; » dasselbe hätte mir geschehen können ; und – wenn es so gekommen wäre , ihr wäre dann wohl ein glücklicheres Los gefallen . « Die lang bedachten Worte waren ausgesprochen ; aber seine Stimme wankte , und seine Augen , mit denen er , jetzt stehenbleibend , den andern anstarrte , waren wie versteint . Bernhard sah ihn fast entsetzt an . » Mensch « , schrie er , » wie kannst du , der Glückliche , so etwas zu mir sprechen ? « Rudolf beantwortete diese Frage nicht . » Bernhard « , sagte er leise , » du liebst sie noch ; gesteh es , daß du sie noch liebst ! « Ein feindseliges Feuer brannte in seinen Augen , aber er drängte es mit Gewalt zurück . Bernhard hatte nichts davon gemerkt ; er sagte düster : » Du solltest doch der letzte sein , der daran rührte . « » Nein , nein , Bernhard , du irrst ! Sich nicht auf mein Gesicht ; aber glaub es mir : es tut mir wohl , daß du sie liebst « ; und er ergriff Bernhards beide Hände und drückte sie heftig ; » nun weiß ich , du wirst sie nicht verlassen . « Der andere erhob langsam das Haupt : » Was willst du , Rudolf ? Weshalb bist du heute zu mir gekommen ? – Gewiß , wenn Anna jemals meiner bedürfte ; wenn deine Hand nicht mehr da wäre , ich würde Anna nicht verlassen , nicht – solang ich lebe . « Rudolf hatte beide Hände vors Gesicht gedrückt . » Ich danke dir « , sagte er leise ; » wollen wir jetzt zurückgehen ? « Es geschah so ; und die grauen Schleier der Dämmerung breiteten sich immer dichter über Moor und Feld . Rudolf hatte seinen Zweck erreicht : was er bisher nur geglaubt hatte , war ihm jetzt Gewißheit ; das übrige , er sagte es sich mit Schaudern , würde sich von selbst ergeben . Auch Bernhard war in tiefem Sinnen neben ihm geschritten . » Aber « , begann er jetzt , nachdem sie vom Moore wieder zwischen die Felder hinausgelangt waren , » wie sind wir doch in ein solches Gespräch geraten ? Du lebst und bist gesund ; weshalb sollte Anna anderer Hülfe bedürfen ? « Rudolf hatte diese Frage erwartet , ja , er hatte sich künstlich darauf vorbereitet ; jetzt , da sie wirklich an ihn herantrat , machte es ihn stutzen ; ein Gefühl wie bei unredlichem Beginnen überkam ihn , es war schon recht , daß die zunehmende Dunkelheit sein Angesicht verdeckte . » Ich habe dir wohl schon davon gesprochen « , sagte er , » daß ich meinen Vater plötzlich durch einen frühen Tod verlor ; es war ein Herzleiden ; einem und dem andern unserer Vorfahren ist es ebenso ergangen ; allerlei Symptome waren vorausgegangen – ich war noch ein Kind ; aber später hat meine Mutter mir es erzählt , in den letzten Monden hab ich ganz dasselbe auch bei mir bemerkt ; es geht mir nach , ich könnte auch plötzlich so hinweggenommen werden . « Bernhard ergriff seine Hand , deren herzlichen Druck er nicht zu erwidern wagte : » Aber weshalb ziehst du nicht einen Arzt zu Rate , einen Spezialisten ? « » Ich tat es ; neulich bei Gelegenheit meiner Geschäftsreise . « » Und er hat dir keinen Trost gegeben ? « » Doch , was so die Ärzte schwatzen , aber ich weiß es besser . « Noch einmal empfand er Bernhards Händedruck , in welchem alle Versicherung eines treuen Herzens lag . – – Ein paar Stunden später befanden die Förstersleute sich wieder auf der Rückfahrt . Anna saß an ihres Mannes Seite das Haupt geneigt , wie in Gedanken eingesponnen : Rudolf und Bernhard – ihr war es immer wieder , als sähe sie die beiden in der sinkenden Dämmerung an dem Moore entlanggehen ; sie meinte die erregte Stimme ihres Mannes , die beschwichtigende ihres Jugendfreundes zu vernehmen ; nur die Worte selbst – ja , wenn sie nur die Worte hätte hören können ! Sie war ja jung , sie fürchtete sich nicht ; nur wissen mußte sie , wo sie das Unheil fassen könne . Aber – auch Bernhard mußte ja von allem wissen ; hatte doch auch er , der noch am Nachmittage wie in früherer Zeit mit ihr geplaudert hatte , beim Abendessen kaum ein Wort oder doch nur wie gezwungen zum Gespräche beigetragen ! Einen Augenblick war ' s , als ständen ihr die Gedanken still , dann aber richtete sie sich mit einem tiefen Atemzuge auf ; gleich morgen – sie wußte keinen andern Ausweg- wollte sie an Bernhard schreiben . » Wo sind wir , Rudolf ? « frug sie und sah mit klaren Augen um sich . Rudolf schrak empor , als würde er aus schwerem Traum geweckt , und wieder , wie auf dem Hinwege , fuhr das Pferd in der Deichsel auf . Ein paar Schläge mit der Peitsche , dann wies er schweigend nach den Wäldern , die sich einige Büchsenschüsse weit zu ihrer Rechten gleich einem düsteren Wall entlangzogen . Darüber stand der volle Mond , der in der weichen Herbstnacht ein fast goldenes Licht über die schlafenden Fluren ausgoß . » Wie schön ! « sagte Anna . » Ist das da drüben euere Wildnis ? Armer Rudolf , die wird dir wohl noch viel zu schaffen machen ! « Er hatte den Kopf zu ihr gewandt ; und er sah sie an , als ob er keine Antwort darauf habe . Sie bemerkte es nicht ; das Tuch um ihre Schultern war herabgeglitten , und sie mühte sich , es wieder festzustecken . Als sein Blick auf ihre unverhüllte Hand fiel , deren schöne Form das milde Nachtgestirn mit seinem Licht verklärte , zuckte es um des Mannes Lippen , und seine Augen wurden wie vor Schmerz gerötet . Der Weg zog sich dichter an die Wälder , und bald rollte der Wagen in ihrem Schatten ; das Mondlicht fiel jetzt über sie hin auf die weiter seitwärts liegenden Wiesen ; eine weidende Kuh brüllte ein paarmal von dort herüber . » Zu Hause ! « sagte Anna , ihre Reisehüllen von sich streifend , » wir sind gleich zu Hause ! « Als bald darauf der Wagen anhielt , trat von der Haustreppe die Magd in augenscheinlicher Hast heran : die Frau Forstjunkerin seien abends angekommen , aber vor einer Stunde schon zur Ruh gegangen ; Frau Försterin möge sich nur ganz beruhigen , Sie hätten ihr , der Magd , den Speisekammerschlüssel ja gelassen , es habe der gnädigen Frau an nichts gefehlt . Rudolf , der schon neben dem Wagen stand , war totenbleich geworden ; wäre der Schatten des Hauses nicht gewesen , so hätte Anna es gewahren müssen . » Jetzt schon ! « kam es kaum hörbar über seine Lippen ; dann hob er das junge Weib herab und sagte laut : » So muß ich morgen früh heraus ! « » Morgen , Rudolf ? Aber du bist dann zeitig doch zurück ? « Er war schon in das Haus getreten , und Anna folgte mit der Magd , den Kopf jetzt voll Gedanken an die Gegenwart der Mutter , deren Beistand sie nicht mehr in Rechnung nahm . Es war noch dunkel , als vor Anbruch des Morgens neben dem Bette der schlummernden jungen Frau sich ein schweres , überwachtes Haupt aus den Kissen hob . Bald darauf – ein dichter Nebel draußen machte die erste Dämmerung noch fast zur Nacht – trat Rudolf leisen Schrittes in sein Zimmer ; tastend , mit unsicherer Hand , zündete er die auf dem Tische stehende Lampe an , bei deren Scheine jetzt sein blasses Antlitz mit den brennenden Augen aus dem Dunkel