aus der Tiefe des Hauses , so daß ich schier davor erschrak , mit einer angstvollen und stöhnenden Stimme ihr Namen wiederholentlich gerufen . » Mein Vater ! Mein armer , lieber Vater ! « stieß sie da herfür . Dann fühlte ich ihre Arme um meinen Hals und einen warmen Kuß auf meinem Munde . » Leb wohl , Josias ! Lieber Josias , lebe wohl ! « Und da sich dann von innen auch die Hausthür schloß , so stund ich alleine auf der Hofstatt und hörete wieder nur den Fall des Laubes und den leisen nächtlichen Gesang der Wasser . Aber das unheimlich Wesen , das vorhin ich hatte tagen sehen , lag noch gleich einem Schauder auf mir und stritt wider meines jungen Herzens Seligkeit . Am andern Morgen , da ich von meinen lieben Eltern Abschied genommen hatte und schon auf den Wagen steigen wollte , kam der blasse Schneider angelaufen , bittend , er solle zur Stadt zum Ellenkrämer , ob er mit dem Jungherrn die Gelegenheit benützen dürfe . Hatte also einen Reisegefährten ; dazu einen , dem allezeit das Maul überlief , während ich doch lieber mit meinem bedrängten Herzen allein dahingefahren wäre . Wickelte mich auch in meinen Mantel und hörete nur halb im Traum , wie seine unruhige Zunge in allem Unholden rührete , was die letzte Zeit unter den Dorfleuten war im Schwang gewesen . Als wir aber eben von der Sandgeest in die Marsch hinunterfuhren , hub er an und mochte wohl wissen , daß er damit sich Gehör erwerbe . » Ja , Jungherr « , sprach er ; » Ihr kennet ihn ja besser als wie ich , den fremden Pastor ; aber das ist einer , so ein Allerweltskerl ! Auch dem alt Mariken auf dem Hofe hat er das Maul aufgethan . Ihr habet wohl gesehen , Jungherr , wie dem Bauren allzeit der eine Strumpf um seine Hacke schlappet ! Hat immer schon geheißen , er dürfe nur ein Knieband tragen , sonst sei es mit all seinem Reichthum und mit ihm selbst am bösen Ende ; möcht Euch aber gerathen haben , rühret nicht daran ; denn da mich eines Tages der Fürwitz plagte , fuhr er mir übers Maul : › Ja , Schneider ‹ , sprach er , › das eine hat die Katz geholt ; willt du das ander haben , um deinen dürren Hals daran zu henken ? ‹ « Als ich entgegnete , daß ich dergleichen an des Bauren Strümpfen nicht gesehen , meinte er : » Ja , ja ; Ihr kommet nur des Sonntags auf den Hof , da trägt der Bauer seine hohen Stiefeln ! « Da sich das in Wahrheit also verhielt , so schwieg ich ; der Schneider schob sich einen Schrot Tabak hinter seine magere Wange und sagte , seinen Hals zu meinem Ohre reckend : » Es liegen wohl oftmalen zwei der Strumpfbänder vor seinem Bette ; aber der Bauer hütet sich ; er weiß es wohl , wer ihm das zweite hingelegt ! Die alt Marike hat zwar versucht , die Strümpf ihm enger zu stricken , damit sie nicht herunterfallen ; aber wenn sie dran kommt – sie hat ' s mir gestern selbst erzählt – , so tanzet es ihr wie Fliegen vor den Augen oder wimmelt wie Unzeug über ihren alten Leib . Will auch wohl scheinen , als ob dem – Ihr wisset , wen ich meine , Jungherr – das Spiel schon allzu lange währe ; denn der Bauer hat nächtens oft harte Anfechtungen zu bestehen , daß er in seinem Bett nicht dauern kann ; es wälzet sich was über ihn und dränget ihm den Odem ab ; dann springt er auf und wandert umher in seinen finsteren Stuben und schreit nach seinem Kinde . « Als ich bei diesen Worten mich in meinem Sitze aufhub , sagte der Schneider : » Ich weiß , Jungherr , Ihr habet vielen Aufschlag gehabt mit dem Mädchen ; wüßt auch kein Unthätlein an ihr , als daß sie gar stolz thut gegen unser einen ; mag aber auch besser zu Euresgleichen passen ! « Der Mann redete in solcher Art noch lange fort , obschon ich fürder mit keinem Wörtlein ihn ermunterte . War aber eine üble Wegzehrung , welche ich also mitbekommen . Zwar sagte ich mir zu hundert Malen : es war ein Schwätzer , der dir solches zutrug , so einer , der die schwimmenden Gerüchte sich fetzenweise aus der Luft herunterholet , um seinen leeren Kopf damit zu füllen ; wollte aber gleichwohl der bittere Schmack mir nicht von meiner Zungen weichen . 1706 . In Anbetracht meiner Studien zu Halle will hier nur anmerken , daß ich dort manche hochberühmte Theologos und andere zu meinem Zwecke arbeitende Männer hörte und deren collegia gewissenhaft frequentirte , so daß ich hoffen durfte , in kurzem eine solide systematische Erudition mir anzueignen . Spürete auch kein Verlangen , meinen schwarzen Habit , so ich vor meiner Abreise mir von dem blassen Schneider hatte anmessen lassen , aufs neu mit einem rothen zu vertauschen . Nur unterweilen , zumal wenn ich zum abendlichen Spaziergange dem Ufer der Saale entlang wandelte , wenn die Wasser sich rötheten und ihr sanftes Strömen an mein Ohr klang , überfielen mich wohl schwere sehnende Gedanken nach der Heimath ; und wenn dann im Südost der Mond emporstieg und mit seinem bleichen Licht die Gegend füllte , so sahe ich in jedem düstern Fleck den Hof am fernen Treeneflusse , und mein Herz schrie nach dem Mädchen , so ich dort verlassen hatte . Nach einem solchen Gange , da schon ein Jahr verflossen und wiederum der Herbst sein rothes Laub verstreuete , kam ich eines Abends heim auf meine Kammer , und da ich das Licht mir angezündet , fand ich einen dicken Brief mit meines lieben Vaters Handschrift auf dem Tische liegen . Ich brach das Siegel , und meine Hände zitterten vor Freude ; denn auch meine Mutter pflegte stets ein Blättlein anzulegen , und wenn auch nur ein kurz und unterlaufend Wörtlein von Renaten drinnen stand , so konnt ich ' s wohl zu hundert Malen lesen . Aber das Schreiben , so ich gleich den wenigen , welche ich noch von dieser verehrten Hand erhalten sollte , getreulich aufbewahret , war allein von meinem Vater und lautete nach viel herzlichen Worten , wie hier folget : » Was aber die Gemeinde in solche Wirrniß setzet , daß selbst mein mahnend Wort nur kaum gehöret wird , das darf auch Dir , mein Josias , nicht gar verschwiegen bleiben . Es war am letzten Sonnabend , da ich nachmittages an meiner Predigt saß , als der Höftmann Hansen mit ungestümen Schritten zu mir eintrat . › Was habt Ihr , Höftmann ? ‹ sagte ich : › Ihr wisset , daß ich um diese Zeit ungern gestöret bin . ‹ › Ja , ja , Herr Pastor ‹ , sprach er ; › wisset Ihr ' s denn schon ? Fort ist er und wird nicht wiederkommen ! ‹ Und da ich schier erschrocken nachfrug : › Wer ist denn fort ? ‹ , entgegnete er : › Wer anders als der Hofbauer ! Hab ' s mir schon lang gedacht , daß es so kommen müsse ! ‹ › So sprecht , Höftmann ‹ , sagte ich und schob mein Schreibewerk zurück ; › was ist ' s mit dem ? ‹ › Weiß nicht , Herr Pastor ; aber ein Stöhnen und Ramenten haben die Mägde nachts von seiner Kammer aus gehört ; doch da die Tochter nicht daheim ist , so hat keine sich hinein getrauet ; erst als die alt Marike aufgestanden , haben sie der sich an den Rock gehangen . Ist auch ein groß Geschrei geworden , da sie in die Kammerthür getreten ; denn als sei die ganze Bettstatt umgestürzet , so hat alles , Pfühl und Kissen , über den Fußboden hin verstreut gelegen ; das alte Weib aber ist auf ihren Knien in dem Wust umhergerutschet , hat darin umhergefunselt und jedes Häuflein Bettstroh sorgsam aufgehoben , als wolle sie darunter ihren Bauren suchen , von dem doch keine Spur zu finden war . ‹ › Nun , Höftmann ‹ , sagte ich fürsichtig ; › es ist noch früh am Tage ; der Hofbauer wird schon wiederkommen . ‹ Der aber schüttelte den Kopf : › Herr Pastor , es ist schon über eine Stunde Mittag . ‹ Da ich dann erfuhr , daß die Tochter wieder einmal bei dem Küster und Klosterprediger Carstens in Husum auf Besuch sei , so vermochte ich den Höftmann , ihres Vaters Wagen mit Botschaft nach der Stadt zu schicken . Aber schon um drei Uhr ist sie von selber wieder auf dem Hof gewesen ; und hat es die Weiber , welche dort zusammengelaufen , schier verwundert , daß das Mädchen , so doch kaum achtzehn Jahre alt , so schweigend zwischen ihnen hingegangen und nicht geweinet , noch eine Klage um den Vater ausgestoßen ; nur ihre Augen seien noch viel dunkler in dem blassen Angesicht gestanden . In den alten Bäumen – so wird erzählet – habe es von den Vögeln an diesem Tag gelärmet , als seien alle Elstern aus dem ganzen Wald dahin berufen worden . Das Mädchen hat aber fürgeben , ihr Vater müsse auf dem Moor bei seinem Torf verunglückt sein , wo er die letzten Tage noch habe fahren lassen ; da sie jedoch außer ihren beiden Knechten noch Leute aus dem Dorf hat aufbieten wollen , so sind nur gar wenige ihr dahin gefolget , denn sie fand keinen Glauben mit ihren Worten , und auch die Wenigen sind schon vor Dunkelwerden heimgekehret ; denn bei den Torfgruben sei vom Bauer keine Spur zu finden , und sei das Moor zu unermeßlich groß , um alle Sümpf und Tümpel darin durchzusuchen . Als nun der allmächtige Gott Wald und Felder und auch das wüste Moor mit Finsterniß gedecket , ist der Schmied Held Carstens , der seine Schwiegermutter , so ihrer Tochter in den Wochen beigestanden , nach Ostenfeld zurückgebracht , um Mitternacht am Rand des Waldes wieder heimgefahren . Der Mann hat sein alt treuherzig Gespann am Zügel gehabt und ist schier ein wenig eingenicket ; da aber die sonst so frommen Gäule plötzlich unruhig worden und mit Schnauben nach der Waldseite zu gedränget , so hat er sich ermuntert und ist nun selber schier erschrocken ; denn drüben auf dem Moore hat aus der Finsterniß ein Schein gleich einem Licht gezucket ; das ist bald still gestanden , bald hat es hin und her gewanket . Er hat gemeinet , daß die Irrwisch ihren Tanz beginnen würden , hat aber als ein beherzter Mann während dem Fahren noch mehrmals hingesehen , und da es letztlich näher kommen , ist eine dunkle Gestalt ihm kenntlich worden , so neben dem Irrschein zwischen den schwarzen Gruben und Bülten umgegangen . Da hat er ein still Gebet gesprochen und auf seine Gäule losgepeitschet , damit er nur nach Hause komme . Am andern Morgen in der Frühe aber haben die Leute drunten an der Straße des Hofbauren Tochter ohne Kappe , mit zerzausetem Haar und eine zertrümmerte Laterne in der Hand , langsam nach ihres Vaters Hofe zuschreiten sehen . Als ich am Vormittage dann dahin ging , wie es meine Amtspflicht heischet , vernahm ich , daß sie abermalen mit ihren Knechten nach dem Moor hinaus sei ; da ich aber spät am Nachmittage wiederkam , trat sie in schier zerrissenen und besudelten Kleidern mir entgegen und sahe mich fast finster aus ihren dunkeln Augen an . Ich wollte sie auf den verweisen , ohn dessen Hülf und Willen all unsre Kraft nur eitel Unmacht ist ; allein sie sprach : › Habet Dank , Herr Pastor , für die gute Meinung ; aber es ist nicht Zeit zu dem ; schaffet mir Leute , so Ihr helfen wollet ! ‹ Was ich entgegnete , hörte sie schon nicht mehr ; denn sie war nach Leitern und Stricken mit ihren Knechten der Scheune zugegangen . Auf dem Heimweg , den ich also nothgedrungen antrat , glückte es mir , ihr ein paar junge Burschen nachzusenden ; und auf Deiner guten Mutter Zureden , dem jungen Blut zum Troste , wie sie meinte , hat auch unsere Margreth sich denselben angeschlossen . Diese verständige und , wie auch Dir bekannt , in keine Wege schreckbare Person ist jedoch am späten Abend mit wankenden Knien und verstürzetem Antlitz wieder heimgekommen . Das Suchen nach dem verlorenen Mann – so berichtete sie , alsbald sie ihres Odems wieder Herr geworden – sei ganz umsonst gewesen . Aber da endlich alle jungen Knechte schier verdrossen fortgegangen und Margreth mit dem Mädchen , das nicht wegzubringen gewesen , nun dorten ganz allein verblieben , so ist mit Dunkelwerden ein Irrwisch nach dem andern aus dem Moore aufgeduket und ein Gemunkel und Geflimmer angegangen , daß sie das Blänkern des Wassertümpels habe sehen können , an welchem dieser gräueliche Tanz sich umgedrehet . – Lasse das dahingestellet . Es ist aber noch ein anderes geschehen , und will Dir zuvor ins Gedächtniß bringen , daß wir unsre Margreth auf einer Lügen niemals noch betreten haben . Als nämlich die Irrwisch so getanzet , hat des Bauren Tochter gleich einer stummen Säulen darauf hingeschaut ; da aber Margreth sie bei der Hand gezogen , daß sie schleunig mit ihr heimgehe , hat sie plötzlich überlaut um ihren Vater gejammert und wie in das Leere hinein geschrien , ob ihr etwas von ihm Kunde geben möchte . Und hat es darauf eine kurze Weile nur gedauert , so ist aus der finsteren Luft gleich wie zur Antwort ein erschreckliches Geheul herabgekommen , und es ist gewesen , als ob hundert Stimmen durch einander riefen und eine mehr noch habe künden wollen als die andere . Da hat die Alte Gott und seine Heerscharen angerufen , hat aber das Mädchen , als ob es angeschmiedet gewesen , mit ihren starken Armen nicht vom Platze bringen können , als bis das Toben über ihnen , gleich wie es gekommen , so wieder in der Finsterniß verschollen war . Wenn Dich , mein Josias , schmerzet , was ich hier hab schreiben müssen , da des Mädchens irdische Schönheit , wie mir wohl bewußt , Dein unerfahren Herz bethöret hat , so gedenke dessen und baue auf ihn , welcher gesprochen : › Wer sein Leben verlieret um meinetwillen , der findet es . ‹ Und sinne diesem nach , daß Du das Rechte wählest ! Will dann zum Schlusse noch Erwähnung thun , daß unser Gastfreund Petrus Goldschmidt , welchen in meiner geistlichen Bedrängniß wegen obbemeldter Dinge ich mir vielmals hergewünschet , letzthin zum Superintendenten in der Stadt Güstrow , sowie ob seiner Gelahrtheit und Verdienste um das Reich Gottes von der ... ( die Handschrift ist hier unleserlich ) Fakultät zum Doctor honoris causa ist creiret worden . « – – Also lautete meines lieben Vaters Brief . Und will hier nicht vermerken , was Herzensschwere ich davon empfangen , wie ich in vielen schlaflosen Nächten mit mir und meinem Gott gerungen , auch gemeinet , ich könne nicht anders , als daß ich heim müsse , um der Armen Leib und Seel zu retten , und wie dann immer das erwachend Tageslicht mir die Unmöglichkeit für solch Beginnen klargeleget . Aber , wie die Rede ist , es sei das eine Leid ein Helfer für das andre , so geschahe es auch mir . Denn noch vor dem heiligen Christfeste empfing ich von meiner Mutter einen Brief , daß mein lieber Vater mit unvermutheter Schwachheit befallen sei und selbige allen gebrauchten irdischen Mitteln entgegen ihn fast sehr entkräftet habe ; und dann nach wenig Wochen einen zweiten , der mich drängte , meine Studien zu vollenden , da der theuere und getreue Mann nicht lang mehr selber seines Amtes werde warten können . Solche mein Herz aufs neu erschütternde Nachrichten trieben mich früh und spät zu strenger Arbeit , und wurd ich bald auch dessen inne , daß ich nur so den Weg zur Heimkehr kürzen könne . 1707 . Es währete doch noch bis gegen den März des beigefügeten Jahres , daß ich als ordinirter Adjunctus meines Vaters in meiner lieben Eltern Hause eintraf . Nur noch zum Troste , nicht zur Freude ; denn ich fand meinen Vater auf seinem Siechbette , von dem ich wohl sahe , daß er nach Gottes allweisem Rathschluß nicht mehr erstehen solle . Da er nun in den Tagen , die er als seine letzten wohl erkannte , seines einzigen Kindes nicht entbehren mochte , so hatte ich niemanden aus dem Dorfe noch gesehen ; auch Renaten nicht . Meine Eltern itzt nach ihr zu fragen , trug ich billig Scheu , und so hörete ich nur noch einmal von unserer alten Margreth , was ich in meines Vaters Briefe schon gelesen hatte . Es war aber am Sonntage Reminiscere , an welchem ich zum ersten Male für meinen lieben Vater predigen sollte . Er hatte das heilige Abendmahl seit lange nicht ertheilen können , und so hatten viele sich gemeldet , um es bei seinem Sohne zu empfangen . Dachte auch , Renate würde unter ihnen kommen ; aber sie kam nicht . Die Nacht zuvor , in welcher mit meiner lieben Mutter ich die Krankenwacht getheilet , hatte der Sturm gar laut gebraust ; nun aber lag alles in der lichten Morgensonne , und eben , da ich in den Kirchhof eintrat , scholl mir gleich Auferstehungsgruß ein Drosselschlag vom Wald herüber . Und währete es nicht lange , so stund ich in der Kirchen vor dem Altar und sprach aus inbrünstigem Herzen das » Ostende nobis , Domine , misericordiam tuam « ; und die Gemeinde respondirte andächtig : » Et salutare tuum da nobis ! « – » Ja , Gott Vater « , sprach ich leise nach , » dein Heil schenke uns ; und auch ihr , für die ich hier im Staube zu dir flehe ! « Und da itzt der Gesang anhub : » Benedicamus Domino « , wobei die rauhen Kehlen der Männer mit darein sangen , da schwamm gleich einem silbern Lichtlein ein Ton dazwischen , der leuchtete hinab in mein bekümmert Herz ; denn ich wußte , welche Stimme ich gehöret hatte . Also in fast freudigem Muthe erstieg ich die Stufen zu der Kanzel , und da ich die Augen aufhub , sahe ich gegenüber in dem Emporstuhl ein blasses Angesicht , das ich des Gitters ohnerachtet wohl erkennen mochte . Da hub ich meine Predigt an : » Und siehe , ein kananäisch Weib schrie ihm nach : › Ach , Herr , du Sohn Davids , erbarme dich meiner ; meine Tochter wird vom Teufel übel geplaget ! ‹ , und er entgegnete ihr kein Wort . Da aber die Jünger sprachen : › Laß sie von dir , Herr ; denn sie schreiet uns nach ‹ , antwortete er und sprach : › Ich bin nicht gesandt , denn nur zu den verlorenen Schafen von dem Hause Israel ! ‹ « Und mein Herz schwoll mir , und das Wort kam auf meine Lippen ; was ich daheim für meine Predigt angemerket , war nur ein Staub , darüber meine Seele sich erhob , und meine Rede ging hervor einem Strome gleich aus heiligen Quellen . In der vollen Kirchen war kaum eines Odems Leben ; Männer und Greise sahen zu mir auf , und die Weiber in ihren Gestühlten saßen mit betendem Angesicht . Neben mir in dem Stundenglase verrann der Sand ; aber ich merkte es nicht und wußte nicht , wie ich an das Ende meiner Rede kam : » Herr , Herr ! Locke sie mit deiner lieblichen Stimme : denn ein Tisch steht bereitet , wo sie dich empfahen mögen und dein Heil und deine Gnade . Amen . « Und da ich nach dem Vaterunser einen Blick gegenüber nach dem Gitter warf , sahe ich in dem blassen Angesicht die großen dunkeln Augen starr auf mich gerichtet . » Mit deiner Stimme , Herr , o locke sie ! « So betete ich nochmals und schritt dann hinab in die Sacristey , um mit dem feierlichen Meßgewand mich zu bekleiden , so derzeit noch gebräuchlich war . Da ich dann vor den Altar trat , brannten auf selbigem schon die Kerzen in den großen Leuchtern , und aus den Gestühlten drängten sie sich heran , Mann und Weib , Alt und Jung ; doch indeß ich den Leib des Herrn austheilete und den Kelch an aller Lippen reichte , rief es unaufhörlich in meinem Herzen : › Herr , bringe auch sie , auch sie zu deinem Tische ! ‹ Aber über dem Gesang der Gemeinde schwebte noch immerfort der silberne Ton ihrer Stimme . Da plötzlich , als schon die Letzten sich dem Altar naheten , verstummte er , und ich vernahm einen leichten Schritt die Stufen des Emporstuhles herabkommen . – Aber noch waren andre , so auch des Heils begehrten ; ein Greis und eine Greisin , von ihren Enkeln unterstützet , kamen herangewankt und schauten mit blöden Augen zu mir auf ; und da ich ihnen den Kelch bot , vermochten ihre zitternden Lippen den Rand desselben kaum zu fassen . Sie wurden hinweggeführet ; und dann stund sie , Renate , vor mir ; blaß und mit gesenkten Augen , in schwarz Gewand gekleidet , ein schwarzes Käpplein auf den braunen Haaren . Nach fast zwei Jahren sahe ich sie hier zum ersten Male wieder ; ich zögerte , denn mein Herz wallete mir über ; und indem ich dann die Hostie aus der Patene nahm und zwischen ihre Lippen legte , betete ich : » Herr , mache meine Seele heilig ! « Dann erst sprach ich : » Nimm hin ! Dies ist mein Leib , der für euch gegeben wurde ! « Ich wandte mich zum Altare und nahm den Kelch . Da ich aber selbigen an ihre Lippen brachte , sahe ich , wie ihr schönes Antlitz sich verzog und wie sie schauderte ob dem Trunke , der darinnen war . Da sprach ich die Einsetzungsworte : » Das ist mein Blut , das für euch vergossen wurde ! « Und sie neigete ihr Antlitz in den fast geleerten Kelch ; ob ihre Lippen ihn berühret , vermochte ich nicht zu sehen . Da ich aber aus weß Ursach , vermag ich nicht zu sagen – auf die Seite blickte , gewahrete ich die Hostie in dem Schmutz des Fußbodens ; ihre Lippen hatten sie verschmähet , und die Spitze ihres Schuhes trat das Brot , so als den Leib des Herren sie empfangen hatte . Mein Gebein erzitterte , und fast wäre der Kelch aus meiner Hand gestürzet . » Renate ! « rief ich leise ; in Todesangst brach dieser Ruf aus meinem Munde : » Renate ! « Wohl sahe ich , daß ein Zittern über die schöne Gestalt des Mädchens hinlief ; dann aber , ohne aufzusehen , ihr weißes Sacktuch in die Hände pressend , wandte sie sich ab , und bei dem Schlußgesange der Gemeinde sahe ich sie langsam den langen Steig hinabschreiten . – – Wie ich mein Meßgewand abgeleget und in meiner Eltern Haus zurückgekommen , vermöchte ich kaum zu sagen ; wußte nur , als ich daheim an meinem Pulte stand , daß auch wohl ein junger Prediger , der ich war , nicht mit also ungestümen Schritten über den Kirchsteig hätte dahinstürmen sollen . An meines Vaters Krankenbette vermochte ich itzo nicht zu treten ; ich stützte den Kopf in beide Hände , und mit geschlossenen Augen spähete ich nach dem Weg der Pflicht , den ich zu gehen hatte . Aber nur eine kurze Weile ; dann schritt ich den wohlbekannten Fußsteig nach dem Hof hinab . Wieder , wie vor Jahren , schrien die Elstern oben in den Bäumen ; und da ich links vom Flur in das Zimmer eingetreten war , schien es mir weiter und einsamer , als ich es zuvor gesehen . Dennoch hatte ich Renaten sogleich erblickt ; sie saß drüben auf ihrem Platz am Fenster , den Kopf gesenkt , die Hände vor sich hin gefaltet . Da ich dann näher trat , erhub sie sich langsam , als ob sie müde sei ; und in dem langen schwarzen Gewande , das sie itzo trug , erschien sie mir größer und fast gleich einer Fremden . Als ich aber stehen blieb und sie mit ihrem Namen anredete , rief auch sie : » Josias ! « und streckte beide Arme gegen mich . War es die Liebe , so Gott zwischen Mann und Weib gesetzet , die aus ihrer Stimme klang , oder war es ein Hülferuf , ich vermochte das nicht zu erkennen ; aber ich zog sie nicht an meine Brust , wozu mein Herz mich mit gewaltigen Schlägen drängte , sondern beharrete auf meinem Platz und sprach : » Du irrest , Renate ; es ist nicht Josias , es ist der Priester , der hier vor dir stehet . « Da ließ sie die Arme sinken und sagte dumpfen Tones : » So sprecht ! Was habt Ihr mir zu sagen ? « Und wie sie mich itzt aus dem ernsten Antlitz mit ihren großen Augen ansah , da schrie es in mir auf : › Du kannst sie nimmer lassen ; in diesem Weibe ist all dein irdisch Glück ! ‹ Aber ich rief zu meinem Gott , und er half mir , bei meinem heiligen Amte die weltlichen Gedanken in die Tiefe bannen . » Renate ! « sprach ich ; » wer war es , der dich zu der Todsünde versuchte , daß du den Leib des Herrn von deinen Lippen spieest ? Nenne seinen Namen , daß wir mit Gottes Engeln ihn besiegen ! « Aber sie wiegete nur das Haupt . » O die armen alten Leute ! « rief sie . » Ich weiß , es war eine Sünde ! Aber da ich ihr Antlitz sahe , von den greisenhaften Gebresten so ganz entstellt , da schauderte mich , daß ich mit ihnen aus einem Kelche trinken sollte , und die heilige Hostie entfiel meinen Lippen in den Staub . Bete für mich , Josias , daß ich dieser Schuld entlastet werde ! « Ich glaubte ihren Worten nicht . › So ‹ , dachte ich , › will der Versucher dir entrinnen ‹ , und sprach laut : » Vor einem Schenkenglase mag dir ekeln ; aber der Kelch des Herrn ist rein für alle , denen er geboten wird ! Ein höllisch Blendwerk hat dein Aug verwirret ; und es kommt von dem , mit welchem auch dein Vater sein unselig Spiel getrieben , bis Leib und Seele ihm dabei verloren worden . « Bei diesen meinen Worten stürzete sie auf ihre Kniee und hub die Arme auf und schrie : » Mein Vater , o mein armer Vater ! « » Ja , schreie nur um ihn , Renate ! « sprach ich . » Und möge unseres Gottes Allbarmherzigkeit in seinen tiefen Pfuhl hinunterleuchten ! « Sie sahe zu mir auf und sprach mit fester Stimme : » Die wird ihm leuchten , Josias , so gut wie allen andern , die ein jäher Tod ereilet ! « Ich aber rief : » Das ist des Teufels Hochmuth , der von deinen Lippen redet ! Demüthige dich gegen den , bei dem alleine Rettung ist , und schütte dein Herz aus vor mir , der hier stehet an seiner Statt ! « Und da sie hierauf schwieg , so sprach ich weiter : » Da du mit unserer alten Margreth nächtens auf dem Moore gingest , wen hast du angerufen , daß er dir von deinem Vater Kunde brächte , und was war es , das aus der leeren Luft herab mit schrecklichem Geheul dir Antwort gab ? « » Ich weiß von keinem Geheul « , entgegnete sie ; » aber du , Priester Gottes « – und ein trotzig Feuer brannte in ihren schönen Augen – , » so ich wüßte , daß dort Kunde wär , zur Stund noch ging ' ich und schriee meine Noth ins Moor hinaus und fragete nicht viel , von wannen mir die Antwort käme ! « » Renate ! « rief ich . » Exi immunde spiritus ! « und spreizete beide Hände ihr entgegen . » Bekenne ! Bekenne ! Mit welch argen Geistern hast auch du dein Spiel getrieben ? « Sie hatte sich vom Boden aufgerichtet ; und da ich sie anschaute , war ein kalter Glanz in ihren Augen . Sie strich mit den Händen über ihr Gewand und sagte : » Ich verstehe nicht , was Ihr redet ; aber mir ist , als sei das große Gemach hier so düster , wie es nimmer noch gewesen . « Und da in diesem Augenblicke an die Thür gepocht ward , welcher ich den Rücken wandte , und selbige sich aufthat , setzete sie hinzu : » Tretet näher , Margreth ! Euer Herr ist hier ! « Ich aber wandte mich um und sahe unsre alte Margreth vor mir stehen ; die schaute mich gar ernsthaft an und sprach nach einer Weile : » Kommet heim , Herr Josias ; denn Euer lieber Vater will nun sterben , und ihn verlangt nach einem letzten Wort mit Euch . « Da war mir , als bräche der Boden unter mir zusammen , und ich verließ Renaten