eine Unruhe in mir , die mich dies und jenes anzufassen trieb ; so kam ich auch über die Schublade , in der meine medizinischen Zeitschriften lagen . Es war ein ganzer Haufen , und ich begann die einzelnen Hefte nach ihrer Ordnung zusammenzusuchen ; vielleicht dachte ich gar daran , sie zum Binden fortzuschicken ; zugleich blätterte ich und las die Überschriften und den Beginn von einzelnen Artikeln . Da fielen meine Augen auf eine Mitteilung , die mit dem Namen einer unserer bedeutendsten Autoritäten als Verfasser bezeichnet war , eines Mannes , der sich nur selten gedruckt vernehmen ließ . Ich warf mich mit dem Heft aufs Sofa und begann zu lesen und las immer weiter , bis meine Hände flogen und ein Todesschreck mich einem Beilfall gleich getroffen hatte . Der Verfasser schrieb über die Abdominalkrankheiten der Frauen , und bald las ich auf diesen Blättern die Krankheit meines Weibes , Schritt für Schritt , bis zu dem Gipfel , wo ich den zitternden Lebensfaden selbst durchschnitten hatte . Dann kam ein Satz , und wie mit glühenden Lettern hat er sich mir eingebrannt : » Man hat bisher « – so las ich zwei- und dreimal wieder – » dies Leiden für absolut tödlich gehalten ; ich aber bin imstande , in nachstehendem ein Verfahren mitzuteilen , wodurch es mir möglich wurde , von fünf Frauen drei dem Leben und ihrer Familie wiederzugeben . « Das übrige las ich nicht ; meine Augen flogen nur darüber hin . Es war auch so genug : der Verfasser jenes Satzes war mein akademischer Lehrer gewesen , zu dem ich damals , und auch jetzt noch , ein fast abergläubisches Vertrauen hatte . Ich blätterte bis zu dem Umschlage des Heftes zurück und las noch einmal den Monatsnamen , der daraufgedruckt stand ; es war unzweifelhaft dasselbe , welches ich vierzehn Tage vor Elsis Tod dem Postboten abgenommen und dann ahnungslos in die Schublade geworfen hatte . – Lange lag ich , ohne die auf mich eindringenden Gedanken fassen zu können . Er hat es gesagt ! – das ging zuerst in meinem Kopf herum ; er ist kein Schwindler , auch kein Renommist . – – › Mörder ! ‹ sprach ich zu mir selbst , › o allweiser Mörder ! ‹ Wo ich an dem Rest des Tages mich befand , wie er zu Ende ging , ich kann es dir nicht sagen . Es war am Ende eine alltägliche Geschichte , man konnte sie alle Monat und noch öfter in den Zeitungen lesen : Ein Mann hatte Weib und Kinder , ein Weib hatte ihre Kinder umgebracht ; verzweifelnde Liebe hatte ihre wie meine Hand geführt . Aber ich hatte in meinem Hochmut diese Väter und Mütter bisher verachtet , ja gehaßt , denn das Leben , dem gegenüber sie verzagten , mußte trotz alledem bestanden werden ; sie waren feige gewesen , und ich gönnte ihnen Beil und Block , dem sie verfallen waren ; ich selbst , ich hatte nur nachgedrückt auf die Sense des Todes , die ich mit der Hand zu fühlen glaubte , damit sie auf einmal töte , nicht nur in grausamem Spiel zuvor erbarmungslos verwunde . Jetzt aber zeigte mir ein alter Lehrer , daß sie noch gar nicht vorhanden war und daß nur meine eigene gottverlassene Hand mein Weib getötet hatte . Glaub aber nicht , es sei mir in den Sinn gekommen , mich den Gerichten zu übergeben und nach dem Strafrecht mein Verbrechen abzubüßen ; nein , Hans , ich bin ein zu guter Protestant , ich weiß zu wohl , weder Richter noch Priester können mich erlösen ; mein war die Tat , und ich allein habe die Verantwortlichkeit dafür ; soll eine Sühne sein , so muß ich sie selber finden . Überdies – bei dem furchtbaren Ernst , in dem ich lebte , erschien ' s mir wie ein Possenspiel , wenn ich mich auf dem Schafott dachte . – – Zum Unglück , oder soll ich sagen zum Glück , trat an jenem Abend auch noch Freund Lenthe zu mir ins Zimmer , den ich seit dem Begräbnis nicht gesehen hatte . » Was treibst du ? « rief er mir zu ; » ich mußte doch endlich einmal nachsehen ! « Ich reichte ihm die Hand , aber als er in mein Gesicht sah , mochte er freilich wohl erschrecken . » Du siehst übel aus « , sagte er ernst , » als ob du dein Leben ganz der Toten hingegeben hättest . Das ist Frevel , Franz ! Die Stadt draußen ist in Not und Schrecken um ihre Söhne und Töchter , und du , der sonst der Helfer war , sperrst dich ab in deinem Hause und läßt von deinem eigenen Gram dich fressen ! « So fuhr er eine Weile fort ; aber seine Reden gingen über mich weg ; was er sprach , klang mir wie Unsinn , » Blech « , wie wir zu sagen pflegten . Freilich , wer immer zu mir hätte reden mögen – es wäre wohl eben so gewesen , denn ich hatte das Verhältnis zu den Menschen verloren ; mein Innerstes war eine Welt für sich . – Als ich endlich sagte , daß ich mit meinem Assistenten am Nachmittage eine Konferenz gehalten , daß wir in dieser über die Behandlung der neuen Krankheit uns vereinbart hätten , wurde er ganz beruhigt . » Und nun komm mit zu uns « , sagte er , indem er seine Uhr zog , » zu meiner Frau und zu unserer Teestunde ; da wirst du morgen frischer in die Praxis gehen ! « Mit seinen herzlichen Worten überwand er allmählich meinen Widerstand , ich folgte ihm mechanisch ; als wir aber in das Haus traten , durchschütterte mich der Klang der Türglocke , ich hätte fast gesagt , als läute das Armensünderglöcklein über mir ; es war zum ersten Mal , daß ich seit Elsis Sterben ihren Klang vernahm . Wir gingen in die helle warme Stube , und ich hörte deutlich die Teemaschine sausen . » Gottlob , daß wir Sie endlich wiederhaben ! « sagte Frau Käthe , herzlich mir entgegenkommend , und drückte meine Hand . Ich nickte : » Ja , liebe Freundin , wir drei sind wiederum zusammen . « » O nein « , erwiderte die gute Frau , » so dürfen Sie nicht sprechen – die diese Zahl so lieblich einst durch sich vermehrte , sie ist noch mitten unter uns ; sie war keine , die so leicht verschwindet . « Ich setzte mich stumm auf meinen alten Sofaplatz , aber es war jetzt trübe auch im Haus der Freunde : die Worte , die sie über Elsi sprachen , auch die tiefempfundensten , und gerade die am meisten , sie quälten mich ; ich kam mir herzlos und undankbar vor , aber ich konnte nichts darauf erwidern . Am andern Tage war ich zum ersten Mal wieder in der Praxis und kassierte die entsetzlichen Beileidsreden meiner Patienten ein , von denen einige mich dazu mißtrauisch von der Seite ansahen , ob ich denn noch ihnen würde helfen können . Der neuen Krankheit traten wir mit Glück gegenüber ; wenigstens so unerwartet schnell , wie sie gekommen , so rasch war die Epidemie nach einiger Zeit verschwunden . – – Ich sagte dir schon , wenn wieder der Herbst kommt , sind es drei Jahre seit Elsis Tod . Ich habe aus diesem Zeitraum nur noch eines mitzuteilen ; das übrige ging so hin , ich tat , was ich mußte oder auch nicht lassen konnte , aber ohne Anteil oder wissenschaftlichen Eifer . Mein Ruf als Arzt , wie ich mit Erstaunen wahrnahm , war noch im Steigen . Also vernimm noch dieses eine ; dann werden wir da sein , wo wir uns heut befinden . « » Sprich nur ! « sagte ich , » ich kann jetzt alles hören . « » Nein , Hans « , erwiderte er , » es ist doch anders , als du denkst ! – – Es mag vor reichlich einem Vierteljahr gewesen sein , als ich zu einer mir nur dem Namen nach bekannten Frau Etatsrätin Roden gerufen wurde ; die Magd , die das bestellte , hatte hinzugefügt , gebeten werde , daß ich selber komme . Da ich annahm , daß der Fall von einiger Bedeutung sei , ging ich kurz danach in das Haus , welches die verwitwete Dame allein mit einer Tochter bewohnte . Ein junges Mädchen von etwa achtzehn Jahren kam mir bei meinem Eintritt entgegen ; frisch , aufrecht , ein Bild der Gesundheit . » Fräulein Roden ? « frug ich aufs Geratewohl , und sie nickte . » Hilda Roden ! « fügte sie hinzu . Dann stellte ich mich als Doktor Jebe vor . » Oh , wie gut von Ihnen « , rief sie , » daß Sie selber kommen ! « » Glaubten Sie das nicht ? « » Ich wußte nicht , wie Sie es damit halten « , sprach sie , » aber nun freue ich mich ; wir Frauen dürfen nicht zuviel verlangen ! « – » Sind Sie so überaus bescheiden ? « frug ich und blickte das hübsche Mädchen mit etwas festeren Augen an . Ein leichtes Rot überzog sekundenlang ihr Antlitz ; sie schloß ihre weißen Zähne aufeinander und schüttelte so lebhaft den Kopf , daß der dunkle Zopf , der ihr im Nacken hing , zu beiden Seiten flog ; und dabei zuckte aus den braunen Augen , die je zur Seite des feinen Stumpfnäschens saßen , ein fast übermütiges Leuchten . Doch war das nur für einen Augenblick . » O nein « , sagte sie plötzlich ernst ; » ich wünschte nur so lebhaft , daß Sie selber kämen , und zitterte doch , Sie würden es nicht tun , denn meine Mutter , ich fürchte , sie ist recht krank , und sie mußte doch den besten Arzt haben ! « » Vertrauen Sie diesem Arzte nicht zu sehr ! « erwiderte ich . » O doch ! « Und damit war sie fort ; aber nach kurzer Weile , während ich , in meine Teilnahmlosigkeit zurückgefallen , das Muster der Tapete studiert hatte , sah schon ihr junges Antlitz wieder durch die geöffnete Tür des anliegenden Zimmers . » Meine Mutter läßt bitten ! « sprach sie . Dann stand ich am Krankenbett . » Mein gutes Kind « , sagte die noch fast jugendliche Dame , die den Kopf aus ihren Kissen hob , » hat Sie selber herbemüht ; doch hoffe ich , Sie werden das Übel kleiner finden als die Sorge meiner Tochter . « Ich begann dann mein Examen , beschäftigte mich näher mit der Kranken und fand am Ende , daß ich dasselbe Leiden wie bei Elsi vor mir hatte . Und gerade hier sollte ich es selber sein ! – Eine Finsternis schien über mich zu fallen , und wirre Gedanken , wie ich mich losmachen und ferner dennoch meinen Assistenten schicken könne , kreuzten durch meinen Kopf ; als ich dann aber in die erschreckten Augen der Tochter sah , die unbemerkt mir näher getreten war , wurde plötzlich alles anders : ich allein , sagte ich mir , sei der Arzt für diesen Fall , und mein Gehirn war nach langer Zeit zum ersten Mal im selben Augenblick schon beschäftigt , sich die Art der verzweifelten Kur zurechtzulegen . Ob die Hülflosigkeit der Kindesliebe oder ob Anmut und Jugend diese Sinnesänderung bewirkten , ich weiß es nicht . Als ich mit dem jungen Mädchen wieder in das Wohnzimmer getreten war , sah ich ihre Erregung an dem Zittern ihrer Lippen . » Darf ich Sie fragen « , sagte sie stammelnd – » Ihre Augen wurden vorhin mit einem Mal so finster – steht es so schlimm mit meiner Mutter ? « Ich besann mich einen Augenblick . » Es ist eben eine ernste Krankheit « , entgegnete ich ; » aber was Sie in meinem Antlitz etwa gelesen haben , war nur ein Widerschein aus der eigenen Vergangenheit . « Sie schien verwirrt zu werden . » Verzeihen Sie mir « , sagte sie , und ein flüchtiger Blick ihrer Augen traf in die meinen , » daß ich aufs neue daran gerührt habe ; man denkt bei dem Arzt nur zu selten daran , daß er auch selber leiden könne . « Mir war , als flösse aus diesen einfachen Worten ein Strom von Mitleid zu mir herüber , so warm war ihre Stimme . Ich ging , unter dem Versprechen , mich am andern Vormittag zeitig wieder einzustellen ; halb in erneutem Weh , doch auch , als hauche mir ein milder West ins Antlitz . Nicht ohne Scheu holte ich , zu Hause angekommen , das erwähnte Heft aus meiner Schublade und studierte den Artikel meines einstigen Lehrers . Das von dem Verfasser angewandte Verfahren bestand in einer Operation , die im Falle des Gelingens – das war einleuchtend – eine vollständige Heilung , aber widrigenfalls und , wie ich fürchtete , ebensooft einen schnellen Tod würde bringen können ; denn freilich , das erkrankte Organ mußte mit dem Messer völlig entfernt werden . Doch wie es immer sein mochte , ich durfte nicht zurückstehen ! Der Tod ich konnte nicht zweifeln – war ohne diese furchtbare Kur auch hier gewiß ; auf der andern Seite aber stand das Leben , und nur eine gütige Absicht der Natur wurde vernichtet , auf die es hier schon nicht mehr ankam . Das noch kräftige Alter meiner Patientin und ihre sonst günstige Organisation ermutigten mich noch mehr . Ich war entschlossen , gleich am andern Vormittage der Kranken diesen schweren und mir noch zweifelhaften Schritt zur Rettung vorzuschlagen . Doch bevor ich dazu kam , am Morgen in der ersten Frühe schon , wurde ich zu der Etatsrätin gerufen . Ich fand die Tochter allein bei ihr : blaß , aber hoch aufgerichtet hielt sie die Mutter in ihren Armen ; so hatte Elsi dereinst an meiner Brust gelegen . » Der Anfall ist vorüber « , sagte das Mädchen , indem sie die Kranke sanft auf ihre Kissen legte , um mir den Platz am Bette zu überlassen . Sie hatte recht , und die Schmerzen mußten stark gewesen sein . » Aber wo ist Ihre Wärterin ? « frug ich . Ein Zucken flog um den Mund des Mädchens . » Ich denk , sie hat im ersten Schreck die Flucht ergriffen « , sagte sie ; » sie wollte , ich weiß nicht was , aus ihrer Wohnung holen , aber sie wird nicht wiederkommen . « – » Und da sind Sie allein geblieben ? « » Ich blieb allein bei meiner Mutter ; ich werde es auch späterhin schon können ! « Aber die Kranke hob sich auf in ihrem Bette . » Hör , Hilda « , sagte sie mit schwerer Stimme , » ich will , wenn ich gesund werde – und Gott und unser Doktor werden dazu helfen – , nicht gleich ein krankes Kind zu pflegen haben ; helfen Sie mir , Herr Doktor , ich kenne den Eigensinn der Liebe in diesem jungen Kopfe . « Ich beruhigte die Frau und versprach , dieser Liebe zum Trotz eine festere Wärterin zu besorgen , aber nur mit Mühe wurde der Opfermut der Tochter besiegt . Ich verließ die Kranke für jetzt , mit dem Versprechen , am Nachmittage wieder nachzusehen , und war mit der Tochter dann allein im Wohnzimmer . » Fräulein Hilda « , sagte ich , » ich weiß jetzt , Sie sind stark ; ich kann es Ihnen schon jetzt sagen , mit Ihrer Mutter werde ich heute nachmittag reden , wenn sie von ihrer schlimmen Nacht sich etwas erholt hat – « Sie unterbrach mich und sah mich mit ihren großen Augen fast zornig an . » Was ist ? « rief sie , » um Gottes willen , was haben Sie vor ? « » Sie müssen ruhig sein , Sie müssen mir helfen , Fräulein Hilda « , sagte ich ; » so schwer es sein mag , ich weiß , Sie können es . « Und dann eröffnete ich ihr , welches Leid , welche Gefahr , doch auch welche Hoffnung für ihre Mutter da sei . Sie stand atemlos , mit zitternden Lippen vor mir . Als ich ausgesprochen hatte , stürzte ein Strom von Tränen aus ihren Augen . » Muß es denn sein ? « frug sie noch . » Es muß « , erwiderte ich . Dann fühlte ich einen kräftigen Druck ihrer Hand in der meinen . » Ich vertraue Ihnen « , sagte das Mädchen ; » Sie sind so gut ; ich will auch nicht wieder weinen – ach , hilf uns , lieber Gott ! « » Ja , Hilda « , erwiderte ich , » möge er uns helfen ; aber wir selber stehen doch in erster Reihe . « Sie ließ ihre Augen auf mir ruhen . » Kommen Sie nur heut nachmittag « , sagte sie , » ich werde , was ich kann , für meine Mutter tun . « – – Als ich dann wiederkehrte , fand ich die neue Wärterin schon dort ; Hilda saß am Bette ihrer Mutter ; sie schienen bei meinem Eintritt von ernster und inniger Unterhaltung abzubrechen . Meine Kranke war sichtlich von einer neuen Erregung ergriffen , aber sie reichte mir ihre heiße Hand , und ich fühlte einen leisen Druck und sah ein schmerzliches Lächeln um ihren noch immer schönen Mund . » Ich bin durch Hilda schon von allem unterrichtet « , sagte sie , » und bereit , mich dem , was Sie für nötig achten , zu unterwerfen . Wenn hier der Tod ist und dort das Leben sein kann , so muß ich für mein Kind das Leben suchen , so schwer es zu erreichen sein mag . « Die Tochter hatte ihren Arm um die Mutter geschlungen und drückte ihr braunes Köpfchen , wie um es zu verbergen , gegen deren Nacken ; nur ich mochte es gesehen haben , daß ein paar große Tränen ihr wie widerwillig aus den Augen sprangen . Aber ich mußte ihr dankbar sein , sie hatte mir die schwere Eröffnung abgenommen , und meine Kranke hatte ich gefaßt gefunden . Ich will es kurz machen , Hans – die furchtbare Operation ging einige Tage später nach sorgfältigster Vorbereitung , unter Zuziehung meines Assistenten und eines besonders geschickten jüngeren Arztes aus einer Nachbarstadt , nach den Gesetzen unserer Wissenschaft vorüber . Hilda das hatte ich ausbedungen – durfte nicht zugegen sein ; aber in allem , was sie außerdem zu leisten hatte , war sie , wenn auch totenblaß , das feste zuverlässige Mädchen , worauf ich gerechnet hatte . Und so blieb es ; unter ihrer zugleich liebevollen und strengen Pflege ging die Heilung wider Erwarten und – trotz des furchtbaren Vergleiches – ich kann dennoch sagen : zu meiner Freude , rasch vonstatten , so daß mir bald die Aussicht auf Genesung sicher wurde und , bei dem rechtzeitigen Eingreifen , auch die Furcht vor einem Rückfall immer mehr zurücktrat . Von der Wärterin erfuhr ich freilich , daß Fräulein Hilda zwar noch ihre Schlafkammer oben im Hause habe , aber gegen die Nacht , wenn das Befinden der Mutter ihr das geringste Bedenken errege , von dem Stuhl an deren Bett nicht fortzubringen sei : die unruhigen Augen nach der Kranken , verbringe sie dort die Nacht in halbem Schlummer , und erst bei Anbruch des Morgens schleiche sie fröstelnd für ein Stündchen nach der eigenen Kammer . Ich sah wohl , daß das Mädchen bleicher wurde , je mehr die Mutter sich erholte ; und so eines Tages , als sie mich wieder aus dem Krankenzimmer geleitet hatte , faßte ich ihre Hand , und während ihre schönen verwachten Augen zu mir aufsahen , sprach ich und war selbst nicht ohne tiefere Bewegung : » Von heut an , Fräulein Hilda , sollen Sie ruhig in Ihrem Bette schlafen ; ich stehe Ihnen dafür , Ihre Mutter ist gerettet . « Wie durch ein Wunder erhellte sich bei diesen Worten ihr junges Antlitz ; in Wahrheit , sie war plötzlich wunderschön geworden . » Gerettet ? « frug sie noch halb im Zagen ; » o Gott , gerettet ! « – Dann noch ein paar tiefe Atemzüge , und ein entzückendes Lachen , als ob ' s die Brust nicht bergen könne , brach aus ihren Lippen . » Gerettet ! « wiederholte sie noch einmal . » O Doktor , mir ist , als trüg ich plötzlich einen Rosenkranz ! Aber Sie « – und ihre Augen sahen mich wie heftig flehend an – , » gleich einer Trauerkunde haben Sie die Himmelsbotschaft mir – verkündet ! Und Sie haben mir das Leben – oh , verstehen Sie es doch ! das Leben meiner Mutter haben Sie gerettet ! « Ich glaube fast , sie wollte mir zu Füßen sinken , aber ich faßte ihre Hand . » Lassen Sie das , Hilda ! « sagte ich ; » es hat wohl jeder sein eigenes Geschick , und was an Freude einmal hinzukommt , nimmt dessen Farbe an ! « » Ja , ja , ich weiß « , erwiderte sie , plötzlich still werdend , » Sie haben Ihre Frau so sehr geliebt und haben sie verloren ! « » Es war die Krankheit Ihrer Mutter « , fügte ich hinzu ; » ich vermochte sie nicht zu retten « – – nur zu töten ! hätte ich fast hinzugesetzt , denn mich überkam ein fast unabweisbarer Drang , diesem jungen Wesen meine Seele preiszugeben , ihr alles , was mich zu Boden drückte , bloßzulegen , so wie ich es heute vor dir getan habe . – Aber ich bezwang mich ; sie hätte darunter zusammenbrechen müssen . Die Augen voll Tränen , mir beide Hände hingegeben , stand sie vor mir . » Es tut mir so leid , daß Sie nicht froh sein können « , stammelte sie endlich . Ich schüttelte den Kopf . » Ich danke Ihnen , Hilda ! « sagte ich ; dann ging ich fort . Ich habe sie seitdem nicht wiedergesehen . – – Am Abend saß ich bei den Freunden Lenthes , und wie so oft , wandte sich das Gespräch darauf , wie meinem unverhehlbar trüben Zustand wiederaufzuhelfen sei . » Täusche dich nicht , Franz « , sagte der Freund , » als ob die Begier nach Leben in dir erloschen wäre ; du mußt trotz alledem wieder heiraten und dein Haus aufs neue bauen ! « » Ich bin zu alt geworden , Wilm « , erwiderte ich abwehrend . – » Ei was ! Du hast nur deine Jugend mit Kirchhofsrasen zugedeckt ; wenn du ein Weib hast , tragt ihr sie miteinander wieder ab ! « » Am Ende « , sagte ich wie scherzend , » habt ihr meine Künftige schon hinter einem Vorhang ? Wer sollte mich denn heiraten ? « Frau Käthe sah mich halb schelmisch , halb zaghaft an . » Hilda Roden ? « frug sie leise . » Oder hab ich fehlgeraten ? « Es durchfuhr mich doch . » Was wissen Sie von Hilda Roden ? « rief ich . » Oh « , erwiderte sie schon mutiger , » ich weiß von ihr ; Sie würden keinen Korb bekommen , und sie ist gut , die Hilda ! « Und Lenthe nickte dazu . » Überhör nicht , was die weise Frau dir rät ! « sagte er lächelnd . Ich aber dachte : › Jetzt wird es Zeit zu gehen ! ‹ – Laut sagte ich : » Ich überhör es nicht und will tun , was danach geschehen muß . Jetzt aber – reden wir von andern Dingen ! « Bereits am anderen Tage sandte ich meinen Assistenten zur Etatsrätin , bei der übrigens ein täglicher Besuch schon kaum mehr nötig war . Die junge hübsche Dame , meinte bei seiner Rückkunft der junge Mann , habe bei seinem Eintritt ihn so erschrocken angesehen , daß er schier darüber außer Fassung gekommen wäre . Ich will dir nicht verhehlen , Hans , daß bei diesen Worten sich mein Herz zusammenzog . Gleichwohl , nach drei weiteren Tagen , nachdem ich mein Haus bestellt hatte , nahm ich Abschied von den Freunden , die , da ich mit einer Hochzeit nichts zu tun haben wollte , auch mit dieser Badereise zufrieden waren , auf die sie Gott weiß welche Hoffnung setzten . – Und so , mein alter , mein ältester Freund « , schloß er , mir seine Hand hinüberreichend , » sitze ich denn hier bei dir wie einst vor manchen Jahren ; es ist mir wie ein Ring , der sich geschlossen hat . « Er hatte eine Weile geschwiegen ; den Kopf geneigt , daß meine Augen auf sein ergrauendes Haar sahen , so saß er vor mir ; dann begann er noch einmal , ohne aufzublicken : » Daß ich meiner Elsi den Tod gegeben , während ich nach dieser neuen Vorschrift vielleicht ihr Leben hätte erhalten können , das liegt nicht mehr auf mir ; es ist ein Schwereres , an dem ich trage – so mühselig , daß ich , wäre es möglich , an den Rand der Erde laufen würde , um es in den leeren Himmelsraum hinabzuwerfen . Laß es dir sagen , Hans , es gibt etwas , von dem nur wenige Ärzte wissen , auch ich wußte nicht davon , obgleich ihr mich zum Arzt geboren glaubtet , bis ich daran zum Verbrecher wurde . « Er atmete tief auf . » Das ist die Heiligkeit des Lebens « , sprach er . » Das Leben ist die Flamme , die über allem leuchtet , in der die Welt ersteht und untergeht ; nach dem Mysterium soll kein Mensch , kein Mann der Wissenschaft seine Hand ausstrecken , wenn er ' s nur tut im Dienst des Todes , denn sie wird ruchlos gleich der des Mörders ! « Ich ergriff seine Hand : » Schmähe dich nicht selber , Franz ! Du hast auch so genug zu tragen ! « » Du hast recht « , sagte er aufstehend ; » es taugt auch nicht , davon zu reden ; nur die eine Frage ist zu rück : Was nun ? « Er war aufgestanden und ging im Zimmer hin und wider . » Die Lenthes « , sagte ich , » haben dir ein derbes Mittel angeraten ! « » Für einen Unschuldigen « , erwiderte er , » vielleicht nicht unrecht ; und doch « – er war stehengeblieben – , » pfui , pfui ! Dies edle Geschöpf zum Mittel einer Heilung zu erniedrigen , es würde nur ein neues Verbrechen sein ! « Ich blickte aus dem Banne dieser furchtbaren Erzählung in dem Zimmer umher ; von dem engen Hofe fiel schon die Dämmerung herein , es regnete draußen . » Laß uns ein Weiteres auf morgen sparen « , sagte ich ; » das Ungeheure , das ich gehört habe , verwirrt mich noch ; ich komme morgen schon in der Frühe zu dir ! « Er nickte und reichte mir die Hand . » Tu das , Hans , und schlafe gesund , wenn dein treues Herz dich schlafen läßt ! « – – Ich ging und fand im Hotel meine alte Verwandte ungeduldig meiner harrend . » Wo bleibst du , Hans ? Ich sitze hier schon stundenlang , die Hände im Schoß , und der Tee ist längst bitter ! « Meine Entschuldigung , daß ich einen alten Freund , mit hartem Schicksal beladen , wiedergefunden , wollte kaum verschlagen ; ob aber der Tee bitter war , habe ich damals nicht geschmeckt . Nach einer freilich meist schlaflosen und in vergeblichem Sinnen verbrachten Nacht machte ich mich – es war doch schon gegen sieben Uhr geworden – zu meinem Freunde auf den Weg . Als ich in das Haus trat , sah ich , daß dessen Zimmertür weit offenstand ; und eine alte Magd schien drinnen aufzuräumen , als ob dort kein Bewohner mehr vorhanden sei ; selbst die Fenster nach dem Hofe waren aufgesperrt . » Ist denn der Herr Doktor schon ausgegangen ? « frug ich näher tretend . Aber das Frauenzimmer schlug mit gespreizter Hand einen Halbkreis durch die Luft : » Fortgefahren ist er , schon um vier Uhr ; er kommt nit wieder ! « In meiner Bestürzung sah ich , wie einen Anhalt suchend , durch das Fenster auf den Hof und gewahrte dort die Dohle noch wie gestern auf dem Holunderbusche hucken . Die Magd hatte sich auf ihren Scheuerbesen gestemmt und schaute gleichfalls dahin . » Ja « , sagte sie , » den ruppigen Vogel , den hat der Herr Doktor meiner Herrschaft hiergelassen ! « » Hatte die denn das Tier so gern ? « Die Alte schneuzte die Nase in ihren Schürzenzipfel ; dann schüttelte sie grinsend ihren Kopf : » Aber eine Handvoll Gulden hat er draufgegeben , der Herr Doktor , und gesagt , das sei das Kostgeld . « In diesem Augenblick gewahrte ich einen Brief mit meiner Adresse auf einem Tische liegen ; es war die mir noch wohlbekannte Handschrift meines Freundes . Ich nahm ihn und sagte : » Der Brief ist an mich ! « Das Weib sah mich an : » Ja , wer