die Freundin jetzt von einem Burschen zum Tanze fortgezogen wurde , sagte Hauke lauter : » Ich dachte , Elke , ich hätt was Besseres gewonnen ! « Noch ein paar Augenblicke suchten ihre Augen auf dem Boden ; dann hob sie sie langsam , und ein Blick , mit der stillen Kraft ihres Wesens , traf in die seinen , der ihn wie Sommerluft durchströmte . » Tu , wie dir ums Herz ist , Hauke ! « sprach sie ; » wir sollten uns wohl kennen ! « Elke tanzte an diesem Abend nicht mehr , und als beide dann nach Hause gingen , hatten sie sich Hand in Hand gefaßt ; aus der Himmelshöhe funkelten die Sterne über der schweigenden Marsch ; ein leichter Ostwind wehte und brachte strenge Kälte ; die beiden aber gingen , ohne viel Tücher und Umhang , dahin , als sei es plötzlich Frühling worden . Hauke hatte sich auf ein Ding besonnen , dessen passende Verwendung zwar in ungewisser Zukunft lag , mit dem er sich aber eine stille Feier zu bereiten gedachte . Deshalb ging er am nächsten Sonntag in die Stadt zum alten Goldschmied Andersen und bestellte einen starken Goldring . » Streckt den Finger her , damit wir messen ! « sagte der Alte und faßte ihm nach dem Goldfinger . » Nun « , meinte er , » der ist nicht gar so dick , wie sie bei euch Leuten sonst zu sein pflegen ! « Aber Hauke sagte : » Messet lieber am kleinen Finger ! « und hielt ihm den entgegen . Der Goldschmied sah ihn etwas verdutzt an ; aber was kümmerten ihn die Einfälle der jungen Bauernburschen . » Da werden wir schon so einen unter den Mädchenringen haben ! « sagte er , und Hauke schoß das Blut durch beide Wangen . Aber der kleine Goldring paßte auf seinen kleinen Finger , und er nahm ihn hastig und bezahlte ihn mit blankem Silber ; dann steckte er ihn unter lautem Herzklopfen , und als ob er einen feierlichen Akt begehe , in die Westentasche . Dort trug er ihn seitdem an jedem Tage mit Unruhe und doch mit Stolz , als sei die Westentasche nur dazu da , um einen Ring darin zu tragen . Er trug ihn so über Jahr und Tag , ja der Ring mußte sogar aus dieser noch in eine neue Westentasche wandern ; die Gelegenheit zu seiner Befreiung hatte sich noch immer nicht ergeben wollen . Wohl war ' s ihm durch den Kopf geflogen , nur gradenwegs vor seinen Wirt hinzutreten ; sein Vater war ja doch auch ein Eingesessener ! Aber wenn er ruhiger wurde , dann wußte er wohl , der alte Deichgraf würde seinen Kleinknecht ausgelacht haben . Und so lebten er und des Deichgrafen Tochter nebeneinander hin ; auch sie in mädchenhaftem Schweigen , und beide doch , als ob sie allzeit Hand in Hand gingen . Ein Jahr nach jenem Winterfesttag hatte Ole Peters seinen Dienst gekündigt und mit Vollina Harders Hochzeit gemacht ; Hauke hatte recht gehabt : der Alte war auf Altenteil gegangen , und statt der dicken Tochter ritt nun der muntere Schwiegersohn die gelbe Stute in die Fenne und , wie es hieß , rückwärts allzeit gegen den Deich hinan . Hauke war Großknecht geworden und ein Jüngerer an seine Stelle getreten ; wohl hatte der Deichgraf ihn erst nicht wollen aufrücken lassen . » Kleinknecht ist besser ! « hatte er gebrummt ; » ich brauch ihn hier bei meinen Büchern ! « Aber Elke hatte ihm vorgehalten : » Dann geht auch Hauke , Vater ! « Da war dem Alten bange geworden , und Hauke war zum Großknecht aufgerückt , hatte aber trotz dessen nach wie vor auch an der Deichgrafschaft mitgeholfen . Nach einem andern Jahr aber begann er gegen Elke davon zu reden , sein Vater werde kümmerlich , und die paar Tage , die der Wirt ihn im Sommer in dessen Wirtschaft lasse , täten ' s nun nicht mehr ; der Alte quäle sich , er dürfe das nicht länger ansehn . – Es war ein Sommerabend ; die beiden standen im Dämmerschein unter der großen Esche vor der Haustür . Das Mädchen sah eine Weile stumm in die Zweige des Baumes hinauf ; dann entgegnete sie : » Ich hab ' s nicht sagen wollen , Hauke ; ich dachte , du würdest selber wohl das Rechte treffen . « » Ich muß dann fort aus eurem Hause « , sagte er , » und kann nicht wiederkommen . « Sie schwiegen eine Weile und sahen in das Abendrot , das drüben hinterm Deiche in das Meer versank . » Du mußt es wissen « , sagte sie ; » ich war heut morgen noch bei deinem Vater und fand ihn in seinem Lehnstuhl eingeschlafen ; die Reißfeder in der Hand , das Reißbrett mit einer halben Zeichnung lag vor ihm auf dem Tisch ; – und da er erwacht war und mühsam ein Viertelstündchen mit mir geplaudert hatte und ich nun gehen wollte , da hielt er mich so angstvoll an der Hand zurück , als fürchte er , es sei zum letzten Mal ; aber ... « » Was aber , Elke ? « frug Hauke , da sie fortzufahren zögerte . Ein paar Tränen rannen über die Wangen des Mädchens . » Ich dachte nur an meinen Vater « , sagte sie ; » glaub mir , es wird ihm schwer ankommen , dich zu missen . « Und als ob sie zu dem Worte sich ermannen müsse , fügte sie hinzu : » Mir ist es oft , als ob er auf seine Totenkammer rüste . « Hauke antwortete nicht ; ihm war es plötzlich , als rühre sich der Ring in seiner Tasche ; aber noch bevor er seinen Unmut über diese unwillkürliche Lebensregung unterdrückt hatte , fuhr Elke fort : » Nein , zürn nicht , Hauke ! Ich trau , du wirst auch so uns nicht verlassen ! « Da ergriff er eifrig ihre Hand , und sie entzog sie ihm nicht . Noch eine Weile standen die jungen Menschen in dem sinkenden Dunkel beieinander , bis ihre Hände auseinanderglitten und jedes seine Wege ging . – Ein Windstoß fuhr empor und rauschte durch die Eschenblätter und machte die Läden klappern , die an der Vorderseite des Hauses waren ; allmählich aber kam die Nacht , und Stille lag über der ungeheueren Ebene . Durch Elkes Zutun war Hauke von dem alten Deichgrafen seines Dienstes entlassen worden , obgleich er ihm rechtzeitig nicht gekündigt hatte , und zwei neue Knechte waren jetzt im Hause . – Noch ein paar Monate weiter , dann starb Tede Haien ; aber bevor er starb , rief er den Sohn an seine Lagerstatt . » Setz dich zu mir , mein Kind « , sagte der Alte mit matter Stimme , » dicht zu mir ! Du brauchst dich nicht zu fürchten ; wer bei mir ist , das ist nur der dunkle Engel des Herrn , der mich zu rufen kommt . « Und der erschütterte Sohn setzte sich dicht an das dunkle Wandbett . » Sprecht , Vater , was Ihr noch zu sagen habt ! « » Ja , mein Sohn , noch etwas « , sagte der Alte und streckte seine Hände über das Deckbett . » Als du , noch ein halber Junge , zu dem Deichgrafen in Dienst gingst , da lag ' s in deinem Kopf , das selbst einmal zu werden . Das hatte mich angesteckt , und ich dachte auch allmählich , du seiest der rechte Mann dazu . Aber dein Erbe war für solch ein Amt zu klein ich habe während deiner Dienstzeit knapp gelebt – ich dacht es zu vermehren . « Hauke faßte heftig seines Vaters Hände , und der Alte suchte sich aufzurichten , daß er ihn sehen könne . » Ja , ja , mein Sohn « , sagte er , » dort in der obersten Schublade der Schatulle liegt das Dokument . Du weißt , die alte Antje Wohlers hat eine Fenne von fünf und einem halben Demat ; aber sie konnte mit dem Mietgelde allein in ihrem krüppelhaften Alter nicht mehr durchfinden ; da habe ich allzeit um Martini eine bestimmte Summe , und auch mehr , wenn ich es hatte , dem armen Mensch gegeben ; und dafür hat sie die Fenne mir übertragen ; es ist alles gerichtlich fertig . – – Nun liegt auch sie am Tode : die Krankheit unserer Marschen , der Krebs , hat sie befallen ; du wirst nicht mehr zu zahlen brauchen ! « Eine Weile schloß er die Augen ; dann sagte er noch : » Es ist nicht viel ; doch hast du mehr dann , als du bei mir gewohnt warst . Mög es dir zu deinem Erdenleben dienen ! « Unter den Dankesworten des Sohnes schlief der Alte ein . Er hatte nichts mehr zu besorgen ; und schon nach einigen Tagen hatte der dunkle Engel des Herrn ihm seine Augen für immer zugedrückt , und Hauke trat sein väterliches Erbe an . – – Am Tage nach dem Begräbnis kam Elke in dessen Haus . » Dank , daß du einguckst , Elke ! « rief Hauke ihr als Gruß entgegen . Aber sie erwiderte : » Ich guck nicht ein ; ich will bei dir ein wenig Ordnung schaffen , damit du ordentlich in deinem Hause wohnen kannst ! Dein Vater hat vor seinen Zahlen und Rissen nicht viel um sich gesehen , und auch der Tod schafft Wirrsal ; ich will ' s dir wieder ein wenig lebig machen ! « Er sah aus seinen grauen Augen voll Vertrauen auf sie hin . » So schaff nur Ordnung ! « sagte er ; » ich hab ' s auch lieber . « Und dann begann sie aufzuräumen : das Reißbrett , das noch dalag , wurde abgestäubt und auf den Boden getragen , Reißfedern und Bleistift und Kreide sorgfältig in einer Schatullenschublade weggeschlossen ; dann wurde die junge Dienstmagd zur Hülfe hereingerufen und mit ihr das Gerät der ganzen Stube in eine andere und bessere Stellung gebracht , so daß es anschien , als sei dieselbe nun heller und größer geworden . Lächelnd sagte Elke : » Das können nur wir Frauen ! « Und Hauke , trotz seiner Trauer um den Vater , hatte mit glücklichen Augen zugesehen , auch wohl selber , wo es nötig war , geholfen . Und als gegen die Dämmerung – es war zu Anfang des Septembers – alles war , wie sie es für ihn wollte , faßte sie seine Hand und nickte ihm mit ihren dunkeln Augen zu : » Nun komm und iß bei uns zu Abend ; denn meinem Vater hab ich ' s versprechen müssen , dich mitzubringen ; wenn du dann heimgehst , kannst du ruhig in dein Haus treten ! « Als sie dann in die geräumige Wohnstube des Deichgrafen traten , wo bei verschlossenen Läden schon die beiden Lichter auf dem Tische brannten , wollte dieser aus seinem Lehnstuhl in die Höhe , aber mit seinem schweren Körper zurücksinkend , rief er nur seinem früheren Knecht entgegen : » Recht , recht , Hauke , daß du deine alten Freunde aufsuchst ! Komm nur näher , immer näher ! « Und als Hauke an seinen Stuhl getreten war , faßte er dessen Hand mit seinen beiden runden Händen . » Nun , nun , mein Junge « , sagte er , » sei nur ruhig jetzt , denn sterben müssen wir alle , und dein Vater war keiner von den Schlechtsten ! – Aber , Elke , nun sorg , daß du den Braten auf den Tisch kriegst ; wir müssen uns stärken ! Es gibt viel Arbeit für uns , Hauke ! Die Herbstschau ist in Anmarsch ; Deich- und Sielrechnungen haushoch ; der neuliche Deichschaden am Westerkoog – ich weiß nicht , wo mir der Kopf steht , aber deiner , gottlob , ist um ein gut Stück jünger ; du bist ein braver Junge , Hauke ! « Und nach dieser langen Rede , womit der Alte sein ganzes Herz dargelegt hatte , ließ er sich in seinen Stuhl zurückfallen und blinzelte sehnsüchtig nach der Tür , durch welche Elke eben mit der Bratenschüssel hereintrat . Hauke stand lächelnd neben ihm . » Nun setz dich « , sagte der Deichgraf , » damit wir nicht unnötig Zeit verspillen ; kalt schmeckt das nicht ! « Und Hauke setzte sich ; es schien ihm Selbstverstand , die Arbeit von Elkes Vater mitzutun . Und als die Herbstschau dann gekommen war und ein paar Monde mehr ins Jahr gingen , da hatte er freilich auch den besten Teil daran getan . " Der Erzähler hielt inne und blickte um sich . Ein Möwenschrei war gegen das Fenster geschlagen , und draußen vom Hausflur aus wurde ein Trampeln hörbar , als ob einer den Klei von seinen schweren Stiefeln abtrete . Deichgraf und Gevollmächtigte wandten die Köpfe gegen die Stubentür . » Was ist ? « rief der erstere . Ein starker Mann , den Südwester auf dem Kopf , war eingetreten . » Herr « , sagte er , » wir beide haben es gesehen , Hans Nickels und ich : der Schimmelreiter hat sich in den Bruch gestürzt ! « » Wo saht Ihr das ? « frug der Deichgraf . – » Es ist ja nur die eine Wehle ; in Jansens Fenne , wo der Hauke-Haien-Koog beginnt . « » Saht Ihr ' s nur einmal ? « – » Nur einmal ; es war auch nur wie Schatten , aber es braucht drum nicht das erste Mal gewesen zu sein . « Der Deichgraf war aufgestanden . » Sie wollen entschuldigen « , sagte er , sich zu mir wendend , » wir müssen draußen nachsehn , wo das Unheil hin will ! « Dann ging er mit dem Boten zur Tür hinaus ; aber auch die übrige Gesellschaft brach auf und folgte ihm . Ich blieb mit dem Schullehrer allein in dem großen öden Zimmer ; durch die unverhangenen Fenster , welche nun nicht mehr durch die Rücken der davorsitzenden Gäste verdeckt wurden , sah man frei hinaus und wie der Sturm die dunklen Wolken über den Himmel jagte . Der Alte saß noch auf seinem Platze , ein überlegenes , fast mitleidiges Lächeln auf seinen Lippen . » Es ist hier zu leer geworden « , sagte er ; » darf ich Sie zu mir auf mein Zimmer laden ? Ich wohne hier im Hause ; und glauben Sie mir , ich kenne die Wetter hier am Deich ; für uns ist nichts zu fürchten . « Ich nahm das dankend an , denn auch mich wollte hier zu frösteln anfangen , und wir stiegen unter Mitnahme eines Lichtes die Stiegen zu einer Giebelstube hinauf , die zwar gleichfalls gegen Westen hinauslag , deren Fenster aber jetzt mit dunklen Wollteppichen verhangen waren . In einem Bücherregal sah ich eine kleine Bibliothek , daneben die Porträte zweier alter Professoren ; vor einem Tische stand ein großer Ohrenlehnstuhl . » Machen Sie sich ' s bequem ! « sagte mein freundlicher Wirt und warf einige Torf in den noch glimmenden kleinen Ofen , der oben von einem Blechkessel gekrönt war . » Nur noch ein Weilchen ! Er wird bald sausen ; dann brau ich uns ein Gläschen Grog , das hält Sie munter ! « » Dessen bedarf es nicht « , sagte ich ; » ich werd nicht schläfrig , wenn ich Ihren Hauke auf seinem Lebensweg begleite ! « – » Meinen Sie ? « Und er nickte mit seinen klugen Augen zu mir herüber , nachdem ich behaglich in seinem Lehnstuhl untergebracht war . » Nun , wo blieben wir denn ? – – Ja , ja ; ich weiß schon ! Also : « " Hauke hatte sein väterliches Erbe angetreten , und da die alte Antje Wohlers auch ihrem Leiden erlegen war , so hatte deren Fenne es vermehrt . Aber seit dem Tode oder , richtiger , seit den letzten Worten seines Vaters war in ihm etwas aufgewachsen , dessen Keim er schon seit seiner Knabenzeit in sich getragen hatte ; er wiederholte es sich mehr als zu oft , er sei der rechte Mann , wenn ' s einen neuen Deichgrafen geben müsse . Das war es ; sein Vater , der es verstehen mußte , der ja der klügste Mann im Dorf gewesen war , hatte ihm dieses Wort wie eine letzte Gabe seinem Erbe beigelegt ; die Wohlerssche Fenne , die er ihm auch verdankte , sollte den ersten Trittstein zu dieser Höhe bilden ! Denn , freilich , auch mit dieser – ein Deichgraf mußte noch einen andern Grundbesitz aufweisen können ! – – Aber sein Vater hatte sich einsame Jahre knapp beholfen , und mit dem , was er sich entzogen hatte , war er des neuen Besitzes Herr geworden ; das konnte er auch , er konnte noch mehr ; denn seines Vaters Kraft war schon verbraucht gewesen , er aber konnte noch jahrelang die schwerste Arbeit tun ! – – Freilich , wenn er es dadurch nach dieser Seite hin erzwang , durch die Schärfen und Spitzen , die er der Verwaltung seines alten Dienstherrn zugesetzt hatte , war ihm eben keine Freundschaft im Dorf zuwege gebracht worden , und Ole Peters , sein alter Widersacher , hatte jüngsthin eine Erbschaft getan und begann ein wohlhabender Mann zu werden ! Eine Reihe von Gesichtern ging vor seinem innern Blick vorüber , und sie sahen ihn alle mit bösen Augen an ; da faßte ihn ein Groll gegen diese Menschen : er streckte die Arme aus , als griffe er nach ihnen , denn sie wollten ihn vom Amte drängen , zu dem von allen nur er berufen war . Und die Gedanken ließen ihn nicht ; sie waren immer wieder da , und so wuchsen in seinem jungen Herzen neben der Ehrenhaftigkeit und Liebe auch die Ehrsucht und der Haß . Aber diese beiden verschloß er tief in seinem Innern ; selbst Elke ahnte nichts davon . – Als das neue Jahr gekommen war , gab es eine Hochzeit ; die Braut war eine Verwandte von Haiens , und Hauke und Elke waren beide dort geladene Gäste ; ja , bei dem Hochzeitessen traf es sich durch das Ausbleiben eines näheren Verwandten , daß sie ihre Plätze nebeneinander fanden . Nur ein Lächeln , das über beider Antlitz glitt , verriet ihre Freude darüber . Aber Elke saß heute teilnahmlos in dem Geräusche des Plauderns und Gläserklirrens . » Fehlt dir etwas ? « frug Hauke . – » Oh , eigentlich nichts ; es sind mir nur zu viele Menschen hier . « » Aber du siehst so traurig aus ! « Sie schüttelte den Kopf ; dann sprachen sie wieder nicht . Da stieg es über ihr Schweigen wie Eifersucht in ihm auf , und heimlich unter dem überhängenden Tischtuch ergriff er ihre Hand ; aber sie zuckte nicht , sie schloß sich wie vertrauensvoll um seine . Hatte ein Gefühl der Verlassenheit sie befallen , da ihre Augen täglich auf der hinfälligen Gestalt des Vaters haften mußten ? – Hauke dachte nicht daran , sich so zu fragen ; aber ihm stand der Atem still , als er jetzt seinen Goldring aus der Tasche zog . » Läßt du ihn sitzen ? « frug er zitternd , während er den Ring auf den Goldfinger der schmalen Hand schob . Gegenüber am Tische saß die Frau Pastorin ; sie legte plötzlich ihre Gabel hin und wandte sich zu ihrem Nachbar . » Mein Gott , das Mädchen ! « rief sie ; » sie wird ja totenblaß ! « Aber das Blut kehrte schon zurück in Elkes Antlitz . » Kannst du warten , Hauke ? « frug sie leise . Der kluge Friese besann sich doch noch ein paar Augenblicke . » Auf was ? « sagte er dann . – » Du weißt das wohl ; ich brauch dir ' s nicht zu sagen . « » Du hast recht « , sagte er ; » ja , Elke , ich kann warten wenn ' s nur ein menschlich Absehen hat ! « » O Gott , ich fürcht , ein nahes ! Sprich nicht so , Hauke , du sprichst von meines Vaters Tod ! « Sie legte die andere Hand auf ihre Brust . » Bis dahin « , sagte sie , » trag ich den Goldring hier ; du sollst nicht fürchten , daß du bei meiner Lebzeit ihn zurückbekommst ! « Da lächelten sie beide , und ihre Hände preßten sich ineinander , daß bei anderer Gelegenheit das Mädchen wohl laut aufgeschrien hätte . Die Frau Pastorin hatte indessen unablässig nach Elkes Augen hingesehen , die jetzt unter dem Spitzenstrich des goldbrokatenen Käppchens wie in dunklem Feuer brannten . Bei dem zunehmenden Getöse am Tische aber hatte sie nichts verstanden ; auch an ihren Nachbar wandte sie sich nicht wieder , denn keimende Ehen – und um eine solche schien es ihr sich denn doch hier zu handeln – , schon um des daneben keimenden Traupfennigs für ihren Mann , den Pastor , pflegte sie nicht zu stören . Elkes Vorahnung war in Erfüllung gegangen ; eines Morgens nach Ostern hatte man den Deichgrafen Tede Volkerts tot in seinem Bett gefunden ; man sah ' s an seinem Antlitz , ein ruhiges Ende war darauf geschrieben . Er hatte auch mehrfach in den letzten Monden Lebensüberdruß geäußert ; sein Leibgericht , der Ofenbraten , selbst seine Enten hatten ihm nicht mehr schmecken wollen . Und nun gab es eine große Leiche im Dorf . Droben auf der Geest auf dem Begräbnisplatz um die Kirche war zu Westen eine mit Schmiedegitter umhegte Grabstätte ; ein breiter blauer Grabstein stand jetzt aufgehoben gegen eine Traueresche , auf welchem das Bild des Todes mit stark gezahnten Kiefern ausgehauen war ; darunter in großen Buchstaben : Dat is de Dod , de allens fritt , Nimmt Kunst un Wetenschop di mit ; De kloke Mann is nu vergahn – Gott gäw ' em selig Uperstahn ! Es war die Begräbnisstätte des früheren Deichgrafen Volkert Tedsen ; nun war eine frische Grube gegraben , wohinein dessen Sohn , der jetzt verstorbene Deichgraf Tede Volkerts , begraben werden sollte . Und schon kam unten aus der Marsch der Leichenzug heran , eine Menge Wagen aus allen Kirchspielsdörfern ; auf dem vordersten stand der schwere Sarg , die beiden blanken Rappen des deichgräflichen Stalles zogen ihn schon den sandigen Anberg zur Geest hinauf ; Schweife und Mähnen der Pferde wehten in dem scharfen Frühjahrswind . Der Gottesacker um die Kirche war bis an die Wälle mit Menschen angefüllt , selbst auf dem gemauerten Tore huckten Buben mit kleinen Kindern in den Armen ; sie wollten alle das Begraben ansehn . Im Hause drunten in der Marsch hatte Elke in Pesel und Wohngelaß das Leichenmahl gerüstet ; alter Wein wurde bei den Gedecken hingestellt ; an den Platz des Oberdeichgrafen – denn auch er war heut nicht ausgeblieben – und an den des Pastors je eine Flasche Langkork . Als alles besorgt war , ging sie durch den Stall vor die Hoftür ; sie traf niemanden auf ihrem Wege ; die Knechte waren mit zwei Gespannen in der Leichenfuhr . Hier blieb sie stehen und sah , während ihre Trauerkleider im Frühlingswinde flatterten , wie drüben an dem Dorfe jetzt die letzten Wagen zur Kirche hinauffuhren . Nach einer Weile entstand dort ein Gewühl , dem eine Totenstille zu folgen schien . Elke faltete die Hände ; sie senkten wohl den Sarg jetzt in die Grube . » Und zur Erde wieder sollst du werden ! « Unwillkürlich , leise , als hätte sie von dort es hören können , sprach sie die Worte nach ; dann füllten ihre Augen sich mit Tränen , ihre über der Brust gefalteten Hände sanken in den Schoß . » Vater unser , der du bist im Himmel ! « betete sie voll Inbrunst . Und als das Gebet des Herrn zu Ende war , stand sie noch lange unbeweglich , sie , die jetzige Herrin dieses großen Marschhofes ; und Gedanken des Todes und des Lebens begannen sich in ihr zu streiten . Ein fernes Rollen weckte sie . Als sie die Augen öffnete , sah sie schon wieder einen Wagen um den anderen in rascher Fahrt von der Marsch herab und gegen ihren Hof herankommen . Sie richtete sich auf , blickte noch einmal scharf hinaus und ging dann , wie sie gekommen war , durch den Stall in die feierlich hergestellten Wohnräume zurück . Auch hier war niemand ; nur durch die Mauer hörte sie das Rumoren der Mägde in der Küche . Die Festtafel stand so still und einsam ; der Spiegel zwischen den Fenstern war mit weißen Tüchern zugesteckt und ebenso die Messingknöpfe an dem Beilegerofen ; es blinkte nichts mehr in der Stube . Elke sah die Türen vor dem Wandbett , in dem ihr Vater seinen letzten Schlaf getan hatte , offenstehen und ging hinzu und schob sie fest zusammen ; wie gedankenlos las sie den Sinnspruch , der zwischen Rosen und Nelken mit goldenen Buchstaben darauf geschrieben stand : Hest du din Dagwark richtig dan , Da kummt de Slap von sülvst heran . Das war noch von dem Großvater ! – Einen Blick warf sie auf den Wandschrank ; er war fast leer , aber durch die Glastüren sah sie noch den geschliffenen Pokal darin , der ihrem Vater , wie er gern erzählt hatte , einst bei einem Ringreiten in seiner Jugend als Preis zuteil geworden war . Sie nahm ihn heraus und setzte ihn bei dem Gedeck des Oberdeichgrafen . Dann ging sie ans Fenster , denn schon hörte sie die Wagen an der Werfte heraufrollen ; einer um den andern hielt vor dem Hause , und munterer , als sie gekommen waren , sprangen jetzt die Gäste von ihren Sitzen auf den Boden . Händereibend und plaudernd drängte sich alles in die Stube ; nicht lange , so setzte man sich an die festliche Tafel , auf der die wohlbereiteten Speisen dampften , im Pesel der Oberdeichgraf mit dem Pastor ; und Lärm und lautes Schwatzen lief den Tisch entlang , als ob hier nimmer der Tod seine furchtbare Stille ausgebreitet hätte . Stumm , das Auge auf ihre Gäste , ging Elke mit den Mägden an den Tischen herum , daß an dem Leichenmahle nichts versehen werde . Auch Hauke Haien saß im Wohnzimmer neben Ole Peters und anderen kleineren Besitzern . Nachdem das Mahl beendet war , wurden die weißen Tonpfeifen aus der Ecke geholt und angebrannt , und Elke war wiederum geschäftig , die gefüllten Kaffeetassen den Gästen anzubieten ; denn auch der wurde heute nicht gespart . Im Wohnzimmer an dem Pulte des eben Begrabenen stand der Oberdeichgraf im Gespräche mit dem Pastor und dem weißhaarigen Deichgevollmächtigten Jewe Manners . » Alles gut , ihr Herren « , sagte der erste , » den alten Deichgrafen haben wir mit Ehren beigesetzt ; aber woher nehmen wir den neuen ? Ich denke , Manners , Ihr werdet Euch dieser Würde unterziehen müssen ! « Der alte Manners hob lächelnd das schwarze Sammetkäppchen von seinen weißen Haaren . » Herr Oberdeichgraf « , sagte er , » das Spiel würde zu kurz werden ; als der verstorbene Tede Volkerts Deichgraf , da wurde ich Gevollmächtigter und bin es nun schon vierzig Jahre ! « » Das ist kein Mangel , Manners ; so kennt Ihr die Geschäfte um so besser und werdet nicht Not mit ihnen haben ! « Aber der Alte schüttelte den Kopf : » Nein , nein , Euer Gnaden , lasset mich , wo ich bin , so laufe ich wohl noch ein paar Jahre mit ! « Der Pastor stand ihm bei . » Weshalb « , sagte er , » nicht den ins Amt nehmen , der es tatsächlich in den letzten Jahren doch geführt hat ? « Der Oberdeichgraf sah ihn an : » Ich verstehe nicht , Herr Pastor ! « Aber der Pastor wies mit dem Finger in den Pesel , wo Hauke in langsam ernster Weise zwei älteren Leuten etwas zu erklären schien . » Dort steht er « , sagte er , » die lange Friesengestalt mit den klugen grauen Augen neben der hageren Nase und den zwei Schädelwölbungen darüber ! Er war des Alten Knecht und sitzt jetzt auf seiner eigenen kleinen Stelle ; er ist zwar etwas jung ! « » Er scheint ein Dreißiger « , sagte der Oberdeichgraf , den ihm so Vorgestellten musternd . » Er ist kaum vierundzwanzig « , bemerkte der Gevollmächtigte Manners ; » aber der Pastor hat recht : was in den letzten Jahren Gutes für Deiche und Siele und dergleichen vom Deichgrafenamt in Vorschlag kam , das war von ihm ; mit dem Alten war ' s doch zuletzt nichts mehr . « » So , so ? « machte der Oberdeichgraf ; » und Ihr meinet , er wäre nun auch der Mann , um in das Amt seines alten Herrn einzurücken ? « » Der Mann wäre er schon « , entgegnete Jewe Manners ; » aber ihm fehlt das , was man hier › Klei unter den Füßen ‹ nennt ; sein Vater hatte so um fünfzehn , er mag gut zwanzig Demat haben ; aber damit ist bis jetzt hier niemand Deichgraf geworden . « Der