aber kam es wie Schelmerei aus ihrem Munde : » Kein Edelmann , Johannes ? – Ich dächte , du seiest auch das ! Aber – ach nein ! Dein Vater war nur der Freund des meinen – das gilt der Welt wohl nicht ! « » Nein , Käthe ; nicht das , und sicherlich nicht hier « , entgegnete ich und umfaßte fester ihren jungfräulichen Leib ; » aber drüben in Holland , dort gilt ein tüchtiger Maler wohl einen deutschen Edelmann ; die Schwelle von Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdam ist wohl dem Höchsten ehrenvoll zu überschreiten . Man hat mich drüben halten wollen , mein Meister van der Helst und andre ! Wenn ich dorthin zurückginge , ein Jahr noch oder zwei ; dann – wir kommen dann schon von hier fort ; bleib mir nur feste gegen euere wüsten Junker ! « Katharinens weiße Hände strichen über meine Locken ; sie herzete mich und sagte leise : » Da ich in meine Kammer dich gelassen , so werd ich doch dein Weib auch werden müssen . « – – Ihr ahnete wohl nicht , welch einen Feuerstrom dies Wort in meine Adern goß , darin ohnedies das Blut in heißen Pulsen ging . – Von dreien furchtbaren Dämonen , von Zorn und Todesangst und Liebe ein verfolgter Mann , lag nun mein Haupt in des viel geliebten Weibes Schoß . Da schrillte ein geller Pfiff ; die Hunde drunten wurden jählings stille , und da es noch einmal gellte , hörete ich sie wie toll und wild davon rennen . Vom Hofe her wurden Schritte laut ; wir horchten auf , daß uns der Athem stille stund . Bald aber wurde dorten eine Thür erst auf- , dann zugeschlagen und dann ein Riegel vorgeschoben . » Das ist Wulf « , sagte Katharina leise ; » er hat die beiden Hunde in den Stall gesperrt . « – Bald hörten wir auch unter uns die Thür des Hausflurs gehen , den Schlüssel drehen und danach Schritte in dem untern Corridor , die sich verloren , wo der Junker seine Kammer hatte . Dann wurde alles still . Es war nun endlich sicher , ganz sicher ; aber mit unserem Plaudern war es mit einem Male schier zu Ende . Katharina hatte den Kopf zurückgelehnt ; nur unser beider Herzen hörete ich klopfen . – » Soll ich nun gehen , Katharina ? « sprach ich endlich . Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor ; und ich ging nicht . Kein Laut war mehr , als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der Nachtigallen und von fern das Rauschen des Wässerleins , das hinten um die Hecken fließt . – – Wenn , wie es in den Liedern heißt , mitunter noch in Nächten die schöne heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht , um die armen Menschenherzen zu verwirren , so war es dazumalen eine solche Nacht . Der Mondschein war am Himmel ausgethan , ein schwüler Ruch von Blumen hauchte durch das Fenster , und dorten überm Walde spielete die Nacht in stummen Blitzen . – O Hüter , Hüter , war dein Ruf so fern ? – – Wohl weiß ich noch , daß vom Hofe her plötzlich scharf die Hähne krähten , und daß ich ein blaß und weinend Weib in meinen Armen hielt , die mich nicht lassen wollte , unachtend , daß überm Garten der Morgen dämmerte und rothen Schein in unsre Kammer warf . Dann aber , da sie deß inne wurde , trieb sie , wie von Todesangst geschreckt , mich fort . Noch einen Kuß , noch hundert ; ein flüchtig Wort noch : wann für das Gesind zu Mittage geläutet würde , dann wollten wir im Tannenwald uns treffen ; und dann – ich wußte selber kaum , wie mir ' s geschehen – stund ich im Garten , unten in der kühlen Morgenluft . Noch einmal , indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantel aufhob , schaute ich empor und sah ein blasses Händlein mir zum Abschied winken . Nahezu erschrocken aber wurd ich , da meine Augen bei einem Rückblick aus dem Gartensteig von ungefähr die unteren Fenster neben dem Thurme streiften ; denn mir war , als sähe hinter einem derselbigen ich gleichfalls eine Hand ; aber sie drohete nach mir mit aufgehobenem Finger und schien mir farblos und knöchern gleich der Hand des Todes . Doch war ' s nur wie im Husch , daß solches über meine Augen ging ; dachte zwar erstlich des Märleins von der wieder gehenden Urahne ; redete mir dann aber ein , es seien nur meine eigenen aufgestörten Sinne , die solch Spiel mir vorgegaukelt hätten . So , deß nicht weiter achtend , schritt ich eilends durch den Garten , merkete aber bald , daß in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen ; sank auch der eine Fuß bis übers Änkel ein , gleichsam , als ob ihn was hinunterziehen wollte . › Ei ‹ , dachte ich , › faßt das Hausgespenste doch nach dir ! ‹ Machte mich aber auf und sprang über die Mauer in den Wald hinab . Die Finsterniß der dichten Bäume sagte meinem träumenden Gemüthe zu ; hier um mich her war noch die selige Nacht , von welcher meine Sinne sich nicht lösen mochten . – Erst da ich nach geraumer Zeit vom Waldesrande in das offene Feld hinaustrat , wurd ich völlig wach . Ein Häuflein Rehe stund nicht fern im silbergrauen Thau , und über mir vom Himmel scholl das Tageslied der Lerche . Da schüttelte ich all müßig Träumen von mir ab ; im selbigen Augenblick stieg aber auch wie heiße Noth die Frage mir ins Hirn : › Was weiter nun , Johannes ? Du hast ein theures Leben an dich rissen ; nun wisse , daß dein Leben nichts gilt als nur das ihre ! ‹ Doch was ich sinnen mochte , es deuchte mir allfort das beste , wenn Katharina im Stifte sichern Unterschlupf gefunden , daß ich dann zurück nach Holland ginge , mich dort der Freundeshülf versicherte und allsobald zurückkäm , um sie nachzuholen . Vielleicht , daß sie gar der alten Base Herz erweichet ' ; und schlimmsten Falles – es mußt auch gehen ohne das ! Schon sahe ich uns auf einem fröhlichen Barkschiff die Wellen des grünen Zuidersees befahren , schon hörete ich das Glockenspiel vom Rathhausthurme Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus dem Gewühl hervorbrechen und mich und meine schöne Frau mit hellem Zuruf grüßen und im Triumph nach unserem kleinen , aber trauten Heim geleiten . Mein Herz war voll von Muth und Hoffnung ; und kräftiger und rascher schritt ich aus , als könnte ich bälder so das Glück erreichen . – Es ist doch anders kommen . In meinen Gedanken war ich allmählich in das Dorf hinabgelanget und trat hier in Hans Ottsens Krug , von wo ich in der Nacht so jählings hatte flüchten müssen . – » Ei , Meister Johannes « , rief der Alte auf der Tenne mir entgegen , » was hattet Ihr doch gestern mit unseren gestrengen Junkern ? Ich war just draußen bei dem Ausschank ; aber da ich wieder eintrat , flucheten sie schier grausam gegen Euch ; und auch die Hunde raseten an der Thür , die Ihr hinter Euch ins Schloß geworfen hattet . « Da ich aus solchen Worten abnahm , daß der Alte den Handel nicht wohl begriffen habe , so entgegnete ich nur : » Ihr wisset , der von der Risch und ich , wir haben uns schon als Jungen oft einmal gezauset ; da mußt ' s denn gestern noch so einen Nachschmack geben . « » Ich weiß , ich weiß ! « meinte der Alte ; » aber der Junker sitzt heut auf seines Vaters Hof ; Ihr solltet Euch hüten , Herr Johannes ; mit solchen Herren ist nicht sauber Kirschen essen . « Dem zu widersprechen , hatte ich nicht Ursach , sondern ließ mir Brot und Frühtrunk geben und ging dann in den Stall , wo ich mir meinen Degen holete , auch Stift und Skizzenbüchlein aus dem Ranzen nahm . Aber es war noch lange bis zum Mittagläuten . Also bat ich Hans Ottsen , daß er den Gaul mit seinem Jungen mög zum Hofe bringen lassen ; und als er mir solches zugesaget , schritt ich wieder hinaus zum Wald . Ich ging aber bis zu der Stelle auf dem Heidenhügel , von wo man die beiden Giebel des Herrenhauses über die Gartenhecken ragen sieht , wie ich solches schon für den Hintergrund zu Katharinens Bildniß ausgewählet hatte . Nun gedachte ich , daß , wann in zu verhoffender Zeit sie selber in der Fremde leben und wohl das Vaterhaus nicht mehr betreten würde , sie seines Anblicks doch nicht ganz entrathen solle ; zog also meinen Stift herfür und begann zu zeichnen , gar sorgsam jedes Winkelchen , woran ihr Auge einmal mocht gehaftet haben . Als farbig Schilderei sollt es dann in Amsterdam gefertigt werden , damit es ihr sofort entgegen grüße , wann ich sie dort in unsre Kammer führen würde . Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig . Ich ließ noch wie zum Gruß ein zwitschernd Vögelein darüber fliegen ; dann suchte ich die Lichtung auf , wo wir uns finden wollten , und streckte mich nebenan im Schatten einer dichten Buche , sehnlich verlangend , daß die Zeit vergehe . Ich mußte gleichwohl darob eingeschlummert sein ; denn ich erwachte von einem fernen Schall und wurd deß inne , daß es das Mittagläuten von dem Hofe sei . Die Sonne glühte schon heiß hernieder und verbreitete den Ruch der Himbeeren , womit die Lichtung überdeckt war . Es fiel mir bei , wie einst Katharina und ich uns hier bei unseren Waldgängen süße Wegzehrung geholet hatten ; und nun begann ein seltsam Spiel der Phantasie ; bald sahe ich drüben zwischen den Sträuchern ihre zarte Kindsgestalt , bald stund sie vor mir , mich anschauend mit den seligen Frauenaugen , wie ich sie letzlich erst gesehen , wie ich sie nun gleich , im nächsten Augenblicke , schon leibhaftig an mein klopfend Herze schließen würde . Da plötzlich überfiel mich ' s wie ein Schrecken . Wo blieb sie denn ? Es war schon lang , daß es geläutet hatte . Ich war aufgesprungen , ich ging umher , ich stund und spähete scharf nach aller Richtung durch die Bäume ; die Angst kroch mir zum Herzen ; aber Katharina kam nicht ; kein Schritt im Laube raschelte ; nur oben in den Buchenwipfeln rauschte ab und zu der Sommerwind . Böser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nach dem Hofe zu . Da ich unweit dem Thore zwichen die Eichen kam , begegnete mir Dieterich . » Herr Johannes « , sagte er und trat hastig auf mich zu , » Ihr seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen ; sein Junge brachte mir Euren Gaul zurück ; – was habet Ihr mit unsern Junkern vorgehabt ? « » Warum fragst du , Dieterich ? « – » Warum , Herr Johannes ? – Weil ich Unheil zwischen euch verhüten möcht . « » Was soll das heißen , Dieterich ? « frug ich wieder ; aber mir war beklommen , als sollte das Wort mir in der Kehle sticken . » Ihr werdet ' s schon selber wissen , Herr Johannes ! « entgegnete der Alte . » Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht , vor einer Stund mag ' s gewesen sein ; ich wollte den Burschen rufen , der im Garten an den Hecken putzte . Da ich an den Thurm kam , wo droben unser Fräulein ihre Kammer hat , sah ich dorten die alte Bas ' Ursel mit unserem Junker dicht beisammen stehen . Er hatte die Arme unterschlagen und sprach kein einzig Wörtlein ; die Alte aber redete einen um so größeren Haufen und jammerte ordentlich mit ihrer feinen Stimme . Dabei wies sie bald nieder auf den Boden , bald hinauf in den Epheu , der am Thurm hinaufwächst . – Verstanden , Herr Johannes , hab ich von dem allem nichts ; dann aber , und nun merket wohl auf , hielt sie mit ihrer knöchern Hand , als ob sie damit drohete , dem Junker was vor Augen ; und da ich näher hinsah , war ' s ein Fetzen Grauwerk , just wie Ihr ' s da an Euerem Mantel traget . « » Weiter , Dieterich ! « sagte ich ; denn der Alte hatte die Augen auf meinen zerrissenen Mantel , den ich auf dem Arme trug . » Es ist nicht viel mehr übrig « , erwiderte er ; » denn der Junker wandte sich jählings nach mir zu und frug mich , wo Ihr anzutreffen wäret . Ihr möget mir es glauben , wäre er in Wirklichkeit ein Wolf gewesen , die Augen hätten blutiger nicht funkeln können . « Da frug ich : » Ist der Junker im Hause , Dieterich ? « – » Im Haus ? Ich denke wohl ; doch was sinnet Ihr , Herr Johannes ? « » Ich sinne , Dieterich , daß ich allsogleich mit ihm zu reden habe . « Aber Dieterich hatte bei beiden Händen mich ergriffen . » Gehet nicht , Johannes « , sagte er dringend ; » erzählet mir zum wenigsten , was geschehen ist ; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rath gewußt ! « » Hernach , Dieterich , hernach ! « entgegnete ich . Und also mit diesen Worten riß ich meine Hände aus den seinen . Der Alte schüttelte den Kopf . » Hernach , Johannes « , sagte er , » das weiß nur unser Herrgott ! « Ich aber schritt nun über den Hof dem Hause zu . – Der Junker sei eben in seinem Zimmer , sagte eine Magd , so ich im Hausflur drum befragte . Ich hatte dieses Zimmer , das im Unterhause lag , nur einmal erst betreten . Statt wie bei seinem Vater sel . Bücher und Karten , war hier vielerlei Gewaffen , Handröhre und Arkebusen , auch allerart Jagdgeräthe an den Wänden angebracht ; sonst war es ohne Zier und zeigete an ihm selber , daß niemand auf die Dauer und mit seinen ganzen Sinnen hier verweile . Fast wär ich an der Schwelle noch zurückgewichen , da ich auf des Junkers » Herein « die Thür geöffnet ; denn als er sich vom Fenster zu mir wandte , sahe ich eine Reiterpistole in seiner Hand , an deren Radschloß er hantirete . Er schauete mich an , als ob ich von den Tollen käme . » So ? « sagte er gedehnet ; » wahrhaftig , Sieur Johannes , wenn ' s nicht schon sein Gespenste ist ! « » Ihr dachtet , Junker Wulf « , entgegnet ich , indem ich näher zu ihm trat , » es möcht der Straßen noch andre für mich geben , als die in Euere Kammer führen ! « – » So dachte ich , Sieur Johannes ! Wie Ihr gut rathen könnt ! Doch immerhin , Ihr kommt mir eben recht ; ich hab Euch suchen lassen ! « In seiner Stimme bebte was , das wie ein lauernd Raubthier auf dem Sprunge lag , so daß die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr . Jedennoch sprach ich : » Höret mich und gönnet mir ein ruhig Wort , Herr Junker ! « Er aber unterbrach meine Rede : » Du wirst gewogen sein , mich erstlich auszuhören ! Sieur Johannes « – und seine Worte , die erst langsam waren , wurden allmählich gleichwie ein Gebrüll – , » vor ein paar Stunden , da ich mit schwerem Kopf erwachte , da fiel ' s mir bei und reuete mich gleich einem Narren , daß ich im Rausch die wilden Hunde dir auf die Fersen gesetzet hatte ; – seit aber Bas ' Ursel mir den Fetzen vorgehalten , den sie dir aus deinem Federbalg gerissen , – beim Höllenelement ! mich reut ' s nur noch , daß mir die Bestien solch Stück Arbeit nachgelassen ! « Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen ; und da der Junker schwieg , so dachte ich , daß er auch hören würde . » Junker Wulf « , sagte ich , » es ist schon wahr , ich bin kein Edelmann aber ich bin kein geringer Mann in meiner Kunst und hoffe , es auch wohl noch einmal den Größeren gleichzuthun ; so bitte ich Euch geziementlich , gebet Euere Schwester Katharina mir zum Ehgemahl – – « Da stockte mir das Wort im Munde . Aus seinem bleichen Antlitz starrten mich die Augen des alten Bildes an ; ein gellend Lachen schlug mir in das Ohr , ein Schuß – – – dann brach ich zusammen und hörete nur noch , wie mir der Degen , den ich ohn Gedanken fast gezogen hatte , klirrend aus der Hand zu Boden fiel . Es war manche Woche danach , daß ich in dem schon bleicheren Sonnenschein auf einem Bänkchen vor dem letzten Haus des Dorfes saß , mit matten Blicken nach dem Wald hinüberschauend , an dessen jenseitigem Rande das Herrenhaus belegen war . Meine thörichten Augen suchten stets aufs Neue den Punkt , wo , wie ich mir vorstellete , Katharinens Kämmerlein von drüben auf die schon herbstlich gelben Wipfel schaue ; denn von ihr selber hatte ich keine Kunde . Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht , das von des Junkers Waldhüter bewohnt wurde ; und außer diesem Mann und seinem Weibe und einem mir unbekannten Chirurgus war während meines langen Lagers niemand zu mir gekommen . – Von wannen ich den Schuß in meine Brust erhalten , darüber hat mich niemand befragt , und ich habe niemandem Kunde gegeben ; des Herzogs Gerichte gegen Herrn Gerhardus ' Sohn und Katharinens Bruder anzurufen , konnte nimmer mir zu Sinne kommen . Er mochte sich dessen auch wohl getrösten ; noch glaubhafter jedoch , daß er allen diesen Dingen trotzete . Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen ; er hatte mir in des Junkers Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten überbracht als Lohn für Katharinens Bild , und ich hatte das Gold genommen , in Gedanken , es sei ein Theil von deren Erbe , von dem sie als mein Weib wohl später nicht zu viel empfahen würde . Zu einem traulichen Gespräch mit Dieterich , nach dem mich sehr verlangete , hatte es mir nicht gerathen wollen , maßen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthes allaugenblicks in meine Kammer schaute ; doch wurde so viel mir kund , daß der Junker nicht nach Kiel gereiset und Katharina seither von niemandem weder in Hof noch Garten war gesehen worden ; kaum konnte ich noch den Alten bitten , daß er dem Fräulein , wenn sich ' s treffen möchte , meine Grüße sage , und daß ich bald nach Holland zu reisen , aber bälder noch zurückzukommen dächte , was alles in Treuen auszurichten er mir dann gelobete . Überfiel mich aber danach die allergrößeste Ungeduld , so daß ich , gegen den Willen des Chirurgus und bevor im Walde drüben noch die letzten Blätter von den Bäumen fielen , meine Reise ins Werk setzete ; langete auch schon nach kurzer Frist wohlbehalten in der Holländischen Hauptstadt an , allwo ich von meinen Freunden gar liebreich empfangen wurde , und mochte es auch ferner vor ein glücklich Zeichen wohl erkennen , daß zwo Bilder , so ich dort zurückgelassen , durch die hülfsbereite Vermittelung meines theueren Meisters van der Helst beide zu ansehnlichen Preisen verkaufet waren . Ja , es war dessen noch nicht genug : ein mir schon früher wohl gewogener Kaufherr ließ mir sagen , er habe nur auf mich gewartet , daß ich für sein nach dem Haag verheirathetes Töchterlein sein Bildniß malen möge ; und wurde mir auch sofort ein reicher Lohn dafür versprochen . Da dachte ich , wenn ich solches noch vollendete , daß dann genug des helfenden Metalles in meinen Händen wäre , um auch ohne andere Mittel Katharinen in ein wohl bestellet Heimwesen einzuführen . Machte mich also , da mein freundlicher Gönner desselbigen Sinnes war , mit allem Eifer an die Arbeit , so daß ich bald den Tag meiner Abreise gar fröhlich nah und näher rücken sahe , unachtend , mit was vor üblen Anständen ich drüben noch zu kämpfen hätte . Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht , das vor ihm ist . – Als nun das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessen willen mir zu Theil geworden , da konnte ich nicht fort . Ich hatte in der Arbeit meiner Schwäche nicht geachtet , die schlecht geheilte Wunde warf mich wiederum danieder . Eben wurden zum Weihnachtsfeste auf allen Straßenplätzen die Waffelbuden aufgeschlagen , da begann mein Siechthum und hielt mich länger als das erste Mal gefesselt . Zwar der besten Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war kein Mangel , aber in Ängsten sahe ich Tag um Tag vergehen , und keine Kunde konnte von ihr , keine zu ihr kommen . Endlich nach harter Winterzeit , da der Zuidersee wieder seine grünen Wellen schlug , geleiteten die Freunde mich zum Hafen ; aber statt des frohen Muthes nahm ich itzt schwere Herzensorge mit an Bord . Doch ging die Reise rasch und gut von Statten . Von Hamburg aus fuhr ich mit der Königlichen Post ; dann , wie vor nun fast einem Jahre hiebevor , wanderte ich zu Fuße durch den Wald , an dem noch kaum die ersten Spitzen grüneten . Zwar probten schon die Finken und die Ammern ihren Lenzgesang ; doch was kümmerten sie mich heute ! – Ich ging aber nicht nach Herrn Gerhardus ' Herrengut ; sondern , so stark mein Herz auch klopfete , ich bog seitwärts ab und schritt am Waldesrand entlang dem Dorfe zu . Da stund ich bald in Hans Ottsens Krug und ihm gar selber gegenüber . Der Alte sah mich seltsam an , meinete aber dann , ich lasse ja recht munter . » Nur « , fügte er bei , » mit den Schießbüchsen müsset Ihr nicht wieder spielen ; die machen ärgere Flecken als so ein Malerpinsel . « Ich ließ ihn gern bei solcher Meinung , so , wie ich wohl merkete , hier allgemein verbreitet war , und that vors erste eine Frage nach dem alten Dieterich . Da mußte ich vernehmen , daß er noch vor dem ersten Winterschnee , wie es so starken Leuten wohl passiret , eines plötzlichen , wenn auch gelinden Todes verfahren sei . » Der freuet sich « , sagte Hans Ottsen , » daß er zu seinem alten Herrn da droben kommen ; und ist für ihn auch besser so . « » Amen ! « sagte ich ; » mein herzlieber alter Dieterich ! « Indeß aber mein Herz nur , und immer banger , nach einer Kundschaft von Katharinen seufzete , nahm meine furchtsame Zunge einen Umweg , und ich sprach beklommen : » Was machet denn Euer Nachbar , der von der Risch ? « » Oho « , lachte der Alte ; » der hat ein Weib genommen , und eine , die ihn schon zu Richte setzen wird . « Nur im ersten Augenblick erschrak ich , denn ich sagte mir sogleich , daß er nicht so von Katharinen reden würde ; und da er dann den Namen nannte , so war ' s ein ältlich , aber reiches Fräulein aus der Nachbarschaft ; forschete also muthig weiter , wie ' s drüben in Herrn Gerhardus ' Haus bestellet sei , und wie das Fräulein und der Junker mit einander hauseten . Da warf der Alte mir wieder seine seltsamen Blicke zu . » Ihr meinet wohl « , sagte er , » daß alte Thürm ' und Mauern nicht auch plaudern könnten ! « » Was soll ' s der Rede ? « rief ich ; aber sie fiel mir centnerschwer aufs Herz . » Nun , Herr Johannes « , und der Alte sahe mir gar zuversichtlich in die Augen , » wo das Fräulein hinkommen , das werdet doch Ihr am besten wissen ! Ihr seid derzeit im Herbst ja nicht zum letzten hier gewesen ; nur wundert ' s mich , daß Ihr noch einmal wiederkommen ; denn Junker Wulf wird , denk ich , nicht eben gute Mien zum bösen Spiel gemachet haben . « Ich sah den alten Menschen an , als sei ich selber hintersinnig worden ; dann aber kam mir plötzlich ein Gedanke . » Unglücksmann ! « schrie ich , » Ihr glaubet doch nicht etwan , das Fräulein Katharina sei mein Eheweib geworden ? « » Nun , lasset mich nur los ! « entgegnete der Alte – denn ich schüttelte ihn an beiden Schultern . – » Was geht ' s mich an ! Es geht die Rede so ! Auf alle Fäll ' ; seit Neujahr ist das Fräulein im Schloß nicht mehr gesehen worden . « Ich schwur ihm zu , derzeit sei ich in Holland krank gelegen ; ich wisse nichts von alledem . Ob er ' s geglaubet , weiß ich nicht zu sagen ; allein er gab mir kund , es solle dermalen ein unbekannter Geistlicher zur Nachtzeit und in großer Heimlichkeit auf den Herrenhof gekommen sein ; zwar habe Bas ' Ursel das Gesinde schon zeitig in ihre Kammern getrieben ; aber der Mägde eine , so durch die Thürspalt gelauschet , wolle auch mich über den Flur nach der Treppe haben gehen sehen ; dann später hätten sie deutlich einen Wagen aus dem Thorhaus fahren hören , und seien seit jener Nacht nur noch Bas ' Ursel und der Junker in dem Schloß gewesen . – – Was ich von nun an alles und immer doch vergebens unternommen , um Katharinen oder auch nur eine Spur von ihr zu finden , das soll nicht hier verzeichnet werden . Im Dorf war nur das thörichte Geschwätz , davon Hans Ottsen mich die Probe schmecken lassen ; darum machete ich mich auf nach dem Stifte zu Herrn Gerhardus ' Schwester ; aber die Dame wollte mich nicht vor sich lassen ; wurde im übrigen mir auch berichtet , daß keinerlei junges Frauenzimmer bei ihr gesehen worden . Da reisete ich wieder zurück und demüthigte mich also , daß ich nach dem Hause des von der Risch ging und als ein Bittender vor meinen alten Widersacher hintrat . Der sagte höhnisch , es möge wohl der Buhz das Vöglein sich geholet haben ; er habe dem nicht nachgeschaut ; auch halte er keinen Aufschlag mehr mit denen von Herrn Gerhardus ' Hofe . Der Junker Wulf gar , der davon vernommen haben mochte ließ nach Hans Ottsens Kruge sagen , so ich mich unterstünde , auch zu ihm zu dringen , er würde mich noch einmal mit den Hunden hetzen lassen . – Da bin ich in den Wald gegangen und hab gleich einem Strauchdieb am Weg auf ihn gelauert ; die Eisen sind von der Scheide bloß geworden ; wir haben gefochten , bis ich die Hand ihm wund gehauen und sein Degen in die Büsche flog . Aber er sahe mich nur mit seinen bösen Augen an ; gesprochen hat er nicht . – Zuletzt bin ich zu längerem Verbleiben nach Hamburg kommen , von wo aus ich ohne Anstand und mit größerer Umsicht meine Nachforschungen zu betreiben dachte . Es ist alles doch umsonst gewesen . Aber ich will vors erste nun die Feder ruhen lassen . Denn vor mir liegt dein Brief , mein lieber Josias ; ich soll dein Töchterlein , meiner Schwester sel . Enkelin , aus der Taufe heben . – Ich werde auf meiner Reise dem Walde vorbeifahren , so hinter Herrn Gerhardus ' Hof belegen ist . Aber das alles gehört ja der Vergangenheit . * Hier schließt das erste Heft der Handschrift . – Hoffen wir daß der Schreiber ein fröhliches Tauffest gefeiert und inmitten seiner Freundschaft an frischer Gegenwart sein Herz erquickt habe . Meine Augen ruhten auf dem alten Bild mir gegenüber ; ich konnte nicht zweifeln , der schöne ernste Mann war Herr Gerhardus . Wer aber war jener tote Knabe , den ihm Meister Johannes hier so sanft in seinen Arm gebettet hatte ? – Sinnend nahm ich das zweite und zugleich letzte Heft , dessen Schriftzüge um ein weniges unsicherer erschienen . Es lautete wie folgt : Geliek as Rook un Stoof verswindt , Also sind ock de Minschenkind . Der Stein , darauf diese Worte eingehauen stehen , saß ob dem Thürsims eines alten Hauses . Wenn ich daran vorbeiging , mußte ich allzeit meine Augen dahin wenden , und auf meinen einsamen Wanderungen ist dann selbiger Spruch oft lange mein Begleiter blieben . Da sie im letzten Herbste das alte Haus abbrachen , habe ich aus den Trümmern diesen Stein erstanden , und ist er heute gleicherweise ob der Thüre meines Hauses eingemauert worden , wo er nach mir noch manchen , der vorübergeht , an die Nichtigkeit des Irdischen erinnern möge . Mir aber soll er eine Mahnung sein , ehbevor auch an meiner Uhr der Weiser stille steht , mit der Aufzeichnung meines Lebens fortzufahren . Denn du , meiner lieben Schwester Sohn , der du nun bald mein Erbe sein wirst , mögest mit meinem kleinen