Fleisch zum Trotz , doch nur ein frisch gewaschen Ferkel aufzuweisen hat , das über frisch gefallenen Schnee zu Markte getrieben wird . – – Sie gingen Hand in Hand auf dem lieblichen Waldpfade nach der schwülen , weinerlich-bänglichen , fieberhaften Fahrt von der heißen Stadt herauf . Die Sonne ging erst nach ein Viertel auf neun Uhr am Abend unter , und es war für das Liebespaar also noch Zeit für alles – Lichtgedanken , Dämmerungsgefühle und das , was die Nacht in der Menschen Seelen wachzurufen versteht . Folgen wir ihm ! Siebentes Kapitel . Der schmale Pfad verlor sich immer mehr in das fröhliche Märchen . Schon seit ewiger Zeit konnten Hilarion und Ernesta nicht mehr Hand in Hand gehen ; sie wanden sich hintereinander durch das verwachsene Gezweig . Hilarion bahnte den Weg und Ernesta folgte . Sie litten beide an einer süßen Eingenommenheit aller Sinne , die sie unfähig machte , nochmals über sich , ihr seltsames Unterfangen und die kuriosen Dämonen , denen sie sich anvertraut hatten , nachzudenken . Die Vögel rund umher sangen so aufmunternd in ihre Betäubung hinein , daß sie für jedes Mirakel , welches ihnen begegnen mochte , bereit waren . Zuerst aber begegnete ihnen kein anderer als Freund Oppermann , und zwar ganz im richtigen Moment , nämlich in dem Augenblick , wo sie zum ersten Mal stillstanden und sich umsahen . Der Wald war sehr umfangreich , erstreckte sich meilenweit nach allen Richtungen hin ; aber es lebte nur Ein Einsiedler Konstantius drin , und der war also , wenn das Glück und der Zufall nicht halfen , gerade so schwer zu finden , wie die bekannte Nähnadel im Heuwagen . » Du hast dich hoffentlich nach dem Wege erkundigt , Hilli ? « fragte die Geliebte , und kleinlaut mußte der Geliebte gestehen , daß er weder bei Rosa von Krippen noch auf der Polizei danach angefragt habe . » Das ist aber höchst fatal , « rief Ernesta . » Was fangen wir denn nun an , Herz ? Ich glaube , dieser Weg verläuft sich immer mehr in die vollständige Wildnis . O Hilarion , du hast mich hergeführt , und ich verlasse mich ganz und gar auf dich ! « » Das sollst du auch können , Liebste , Beste , « sagte der Assessor . » Von welcher Seite sind wir denn aber eigentlich hergekommen ? « » Ich meine von dort ! « » Nein , das meine ich nicht ; denn bei unserem Eintritt in den Wald hatten wir die Sonne zur Rechten . « » Solltest du dich da nicht irren , bester Hilli ? « » Gewiß nicht ! Aber warte nur ; es führen alle Wege doch irgend wohin , und so muß doch auch dieser seine Richtung haben . Laß uns nur noch ein Streckchen weiter gehen , wir gelangen sicherlich bald auf einen gebahnteren Pfad . « Sie wanden sich noch ein Streckchen weiter durch das Unterholz , und der Jungfrau wurde es immer unbehaglicher zumute . Plötzlich stand sie von neuem still und sagte ein wenig vorwurfsvoll : » Siehst du , dieser Weg führt nirgends hin ! O Gott , was soll daraus werden , wenn es Abend , wenn es Nacht wird und wir hier noch immer in der Irre herumlaufen . Der Kutscher wird nicht warten bis morgen früh ; er wird nach Hause fahren . Wir werden den Einsiedler Konstantius nicht finden . Du hast doch nur geträumt , und ich habe mich viel zu schnell zu dieser gräßlichen Unbesonnenheit verführen lassen ! « » Mein liebes Kind – « » O , du trägst alle Verantwortung ! Du hast mich hier in die Angst , in die Verwirrung gebracht . O Gott , o Gott , was werden Papa und Mama , und der Onkel Püterich sagen ? Was wird die ganze Stadt sagen ? O Gott , da will ich doch tausendmal lieber hier in der Wildnis umkommen und mich von den wilden Tieren fressen lassen , als nach der Stadt zurückkommen und die Leute und Papa und Mama reden hören ! O , o , oh , hätte ich mich doch auf der Stelle nach Lausanne zu Madame Septchaines zurückbringen lassen ! « » Ernesta ? ! « rief der Geliebte vorwurfsvoll . » Ja , ja , Hilarion ! Mit tausend Freuden wollte ich da meine Erziehung von neuem anfangen lassen ! und auf morgen abend sind wir zu Erbachers zum Gartenfest , Konzert und Ball gebeten . Meiner Mama Pate , der junge Herr Richard , ist aus Paris zurückgekommen ! « schluchzte jetzt schon das gute Kind , obgleich die Sonne noch immer hell und freudig am Himmel stand und die Vögel lustiger und lebensmutiger denn je zwitscherten und pfiffen . Gerade jetzt aber vernahmen sie – Er und Sie – ein Kichern neben sich – vor sich , hinter sich – über sich ; sie wußten selber nicht , woher es kam . – » Was war das ? « fragten sie beide ; Oppermann , den ihnen ihr Schicksal jetzt zu Rat und Trost hersendete , war es jedenfalls nicht . Der raschelte , hustete , fluchte und schnaufte höchst menschlich und deutlich zu ihrer Linken im Busch . » Gottlob , da kommt ein Mensch ! « seufzte der Assessor bei der Regierung aus etwas befreiterer Brust ; er hatte sich selten in seinem Leben so sehr nach irgendeinem Menschen , den jungen Herrn von Erbacher vielleicht ausgenommen , gesehnt . Er , der in seinem Umgange sonst außerordentlich wählerisch war , machte in diesem Augenblicke die allerbescheidensten Ansprüche , und Oppermann genügte denselben vollständig . Er war natürlich betrunken , und jünger und hübscher war er seit dem Tage , an welchem er den Eremiten zuerst in seinem Revier entdeckte , auch nicht geworden . Als er aus dem Buschwerk hervorbrach und taumelte , stieß Ernesta einen Angstruf aus und klammerte sich wieder fester an den Geliebten . Oppermann aber legte die Hand über die schwimmenden Äuglein , griff militärisch , so gut es ging , zum Gruße an die Mütze , schwankte noch drei Schritte näher und grüßte zum zweiten Mal mit einem unbeholfenen Kratzfuß sehr zutunlich und , wie es schien , gleichfalls recht erfreut über die angenehme Begegnung . » Herrje , Herrje , « stammelte er grinsend , » da – sind wir – die jungen Herrschaften ja schon wieder ! Mit Verlaub – Fräulein , was – haben Sie denn bei uns gestern vergessen ? « » Gestern ? « fragte das Fräulein , und : » Gestern ? ! « wiederholte Hilarion ebenso verwundert wie sein Bräutchen . » Mit Verlaub , ich hab ' Sie beide doch gestern nachmittag erst aus dem Walde herausgedigerieret . Zwanzig Silbergroschen Douceur – der junge Herr hätte auch wohl einen Taler draus machen können . « » Liebster Mann , « rief der Assessor dem immer vergnüglicher blinzelnden Oppermann zu : » gestern waren wir , ich und das Fräulein , nicht hier in Eurem verhexten Walde , und Ihr habt uns also auch nicht wieder hinausdirigieren können . Aber einen Taler zahle ich Euch mit Freuden , wenn Ihr uns jetzt noch tiefer hineinführt , das heißt zu dem Herrn Konstantius , der hier in der Gegend wohnen soll ! « Der Alte hatte sich glucksend an einen Baum gelehnt und schüttelte bedenklich den Kopf . » Mit Verlaub , Sie waren es nicht , die gestern schon bei Herrn Konstantius um Rat waren ? « » Gewiß nicht ; auf Ehre ! « » Na , « rief der muntere Greis nickend , » hören Sie , dann fängt es aber allnachgerade an von Ihnen hier im Revier zu wimmeln , und der Va – ter – Konstan – ti – us hat recht . « » Worin hat der Vater Konstantius recht ? « » Darin – nämlich , daß es ihm zu viel wird und er ausziehen will . « » Gütiger Himmel ! « flüsterte Ernesta ; aber ihr kluger Hilli war mit seinen Überredungskünsten glücklicherweise noch nicht zu Ende . » Hören Sie , alter Freund , « sagte er zutraulich , » es soll mir auch auf zwei Taler nicht ankommen , wenn Sie uns diesmal noch den Weg zu Ihrem Einsiedler führen . « » Hm ! « murmelte der Alte , vor einem durch das Gezweig blitzenden Strahl der sinkenden Sonne niesend und dann die Nase mit dem Knöchel des rechten Zeigefingers reibend . » Ne ! « brummte er , einen Entschluß herausreibend . » Ich tu ' es nicht ! Er ist seit dreißig Jahren mein einzigster Kumpan und Trost in der Einöde , und er will keine unglücklichen Liebespaare mehr . Er will sich nicht mehr überlaufen lassen . Weshalb sind Sie es gestern nicht gewesen ? Gestern wären Sie die Allerletzten gewesen , die er vor sich gelassen hat . « » Siehst du , Hilarion ? « schluchzte Ernesta , » o Gott , gib ihm nur schnell ein Trinkgeld , und laß ihn uns zu unserer Droschke zurückbringen ! « » Ernesta ? ! « stammelte Hilarion nun wirklich ein wenig vorwurfsvoll ; doch glücklicherweise hatte Oppermann der Brave das bängliche Wort des armen Kindes überhört und ergriff seinerseits von neuem mit immer dickerer Zunge stammelnd das Wort : » Wissen Sie , was ich tun will für die zwei Taler ? Ich will Ihnen die Direktion angeben , und wenn Sie hernach Ihren Weg allein finden , so ist uns allen geholfen . Wollen Sie ? « » Gewiß , Sie alter – « schrie der Assessor bei der Regierung , das Hauptwort im Satze verschluckend . » Na , dann verlassen Sie sich nur auf Oppermann ; Sie sein die ersten nicht , denen er die Direktion angegeben hat . Sie halten sich also zuerst – « Und er fuhr fort , wir aber fahren nicht in dieser Richtung fort , ihm zu folgen , denn eine umständlichere Wegbeschreibung hatten Hilarion und Ernesta noch nimmer in ihrem Leben erhalten ; es war unter allen Umständen ein Jammer , daß er – der Vater Konstantius – noch in keinem Reisebuch stand , und daß weder Herr Bädeker noch Herr von Berlepsch ihn in seiner Wildnis aufgefunden und touristengerecht gemacht hatten ! Den Schluß von Oppermanns Rat und Andeutung dürfen wir jedoch unseren Lesern nicht vorenthalten , denn er war in mehr als einer Hinsicht von Wichtigkeit und in jeder ungemein merkwürdig . » Ohne meinen Dorst hätten Sie lange suchen sollen , liebste junge Herrschaft ! Das Trinkgeld ist redlich verdient , da verlassen Sie sich auf Oppermann . Aber eines will ich Sie noch in den Handel geben , Fräulein ; nämlich zweierlei . Als wie erstens , wenn Ihnen etwas Absonderliches begegnen sollte auf dem Wege , so erschrecken Sie mich nicht zu arg . Es meint ' s nicht böse und es tut Ihnen nichts , und mehr darf ich nicht sagen . Ewige sagen , es ist ein Spuk , andere sagen , es ist eine Dummheit ; aber Oppermann sagt , alle sind sie Esel und kennen den Wald nicht und was sein Wesen in ihm hat bei Tag und Nacht , bei Sturm und Sonne , bei Winter- und Sommerzeit . Passen Sie nur auf ! wenn Es sich meldet , so denken Sie an Oppermann . Es kennt mich , und wenn Es hinter mir lacht , so denk ' ich nur : Na , na ! – und wenn Es mir als ein Funken , Vogel oder als eine nackte Jungfer in Spinneweb kommt , dann sage ich auch : Na , na ! – und Es kennt Oppermann auch , und Es ist es und nicht das Echo , das lacht : Aber , Oppermann , Oppermann ! und auch sein Pläsier an mir hat – « » Allmächtiger , Hilarion ! « rief Ernesta in heller Angst , » hat es nicht vorhin schon gelacht , und wir wußten nicht , was es war ? « » Sehen Sie , Fräulein ! « sprach der Alte , sich fester auf den Füßen stellend und mit dem Zeigefinger auf das angstvolle Kind einbohrend – » Das ist Es schon gewesen ! Das war Es ! und nachher kommen die Leute und sagen , Oppermann hat wieder mal ' nen Rausch gehabt , welches ich von Ihnen doch nicht denken kann , liebes Fräulein . « » Hm ! « murmelte der Assessor , an die Stirn greifend , und : » Wir wollen umkehren ! ich will zu Papa und Mama ! « rief das Liebchen . » Wir wollen weiter – wir müssen und wollen weiter ! « rief der Liebhaber , den Arm um das zitternde Mädchen legend , und Oppermann meinte , ganz väterlich begütigend und beruhigend : » Ja , gehen Sie nur ruhig zu ! Es tut Ihnen nichts , Fräulein ; gar nichts ! Lachen Sie wieder , wenn Es lacht ; das hat Es am liebsten , und womit ich zu meinem zweiten Punkt komme , nämlich zu dem Herrn Konstantius , wenn Sie ihn zuerst zu Gesicht kriegen werden , daß Sie denn nicht erst recht erschrecken und mit Recht . Schauderhaft ! schauderhaft , sage ich Ihnen ! Mit Erlaubnis , haben Sie in Ihrem Leben schon früher einmal einen Einsiedler gesehen ? « » Nein – bis jetzt noch nicht , « stotterten Hilarion und Ernesta , worauf Oppermann , mit der Hand rechts abwinkend , während er das Haupt gegen links neigte , stöhnte : » Na , denn gratuliere ich . « » Wozu ? « rief Hilarion , allmählich auch immer verstörter um sich blickend . » Dazu , daß Sie wahrscheinlich erst bei einbrechender Nacht die Bekanntschaft machen . Scheußlich , schauderhaft , gräßlich ! – Vor dreißig Jahren ging es noch an ; aber dreißig Jahre lang ungekämmt und ungewaschen ist eine schöne lange Zeit . Ich bin sein Freund ; aber wenn ich ihn nicht kennte , so brauchte ich länger als einen Tag , um ihn ansehen zu lernen . Uh , und wenn Sie keinen Einsiedler kennen , so kennen Sie auch keinen Einsiedler , der ein Stück von einer Eichel vom vorigen Jahre in seinem letzten Backenzahn stecken hat – « » Siehst du , Ernesta ! « schrie Hilarion , » o Rosa ! o , du guter Geist – o Rosa ! – Ernesta ! siehst du , es war kein Traum , ich habe dich nicht getäuscht – er hat Zahnweh – wir finden ihn zu Hause , und alles , alles wird gut , mein Herz , mein Lieb , mein liebes , armes , liebes Mädchen , und nun komme mir nicht wieder mit deinem Gartenfest morgen abend und dem verruchten Laffen , Monsieur Richard d ' Erbacher , deiner Mama Patenkind ! ich halte es nicht aus ! Da haben Sie meine ganze Börse , Oppermann ! und jetzt komm , mein Herz ; wir finden den Weg , wir finden den Vater Konstantius , und alles , alles wird gut , – komm , komm ! « Er zog die Geliebte fast heftig hinter sich drein ; Oppermann aber , den Geldbeutel des entzückten Jünglings in der harten , knochigen , haarigen Tatze , sprach schwankend das tiefsinnige Wort : » Und nachher – soll ich – denn immer allein überquer gehen und Dinge sehen und hören – die kein anderer sieht – und die Oberforstbehörde – am wenigsten . Na , laß sie nur gehen , Oppermann ; wir beide kennen uns , – und der Herr Konstantius kennt uns auch . « Achtes Kapitel . Es war eine Luft , eine Beleuchtung und ein Weg , die das misanthropischste Menschenkind lockend aufforderten , immer tiefer hereinzukommen in den Wald und sich niederzulassen in der süßen Einsamkeit fern des Lärms der Städte , aber – als Zweisiedler ! ein Männlein und ein Fräulein in Einem Birkenhüttchen ! Der treffliche Oppermann war selig seines Weges weitergestolpert , in Ernestens Herzchen wurde es allmählich wieder ruhiger , und Hilarion zerdrückte eine Träne in jedem Auge ; er hatte sich noch nie so ganz als Dichter und so ganz und gar nicht als Assessor bei der Regierung empfunden . Sie gingen auch immer weiter hinein in die Wildnis , wie die gute Stunde sie lockte . Die Villa Piepenschnieder und Papa und Mama , der Püterichshof mit dem Onkel Püterich und dem Herrn von Magerstedt , die da draußen vor dem Walde sie erwartende Droschke samt dem mürrischen Kutscher wurden zu vor langen , langen Jahren in einem Märchen belächelten Unwirklichsten und Vater Konstantius mit und ohne seine Eichel im hohlen Backenzahn die einzige Realität in der ganzen weiten Welt . Da kicherte es zum zweiten Mal , doch diesmal ganz zweifellos dicht vor ihnen , – und Es zeigte sich ! Die beiden jungen Leute standen still – sie erblickten Es , und wir – wenn wir Es unsern Lesern und vor allen der Leserin zeigen könnten , würden auf der Stelle unsere Feder ausspritzen und unser Tintenfaß aus dem Fenster gießen : wir hätten absolut nichts mehr zu sagen , nichts mehr zu schreiben , nichts mehr zu beschreiben ! Innocentia würde uns all und jeder Verpflichtung und Verantwortlichkeit entledigen ! – – – Da lag in der jetzt in röteres Licht sich kleidenden Abendsonne vor dem jungen Paare das , was das Volk eine Untiefe oder Grundlose nennt ; nämlich ein stehend Gewässer von geringem Umfange , aber einer nicht aus , gemessenen Tiefe . Der Busch , aus dem sie , die Lieben , den , hervortraten , zog sich dicht heran , doch der Hochwald umzirkelte das stille Wasser erst in einer Entfernung von dreißig bis vierzig Fuß und ließ infolge eines alten Windbruchs , gegen Westen zu , der sinkenden roten Sonne sogar einen ganz freien Raum zu einem letzten Blick in den gründunklen Spiegel . Von Sumpfpflanzen , Wasserspinnen und Wasserkäfern haben an solchen feuchten Stellen und bei solchen Gelegenheiten andere geredet : wir erzählen , was Hilarion und Ernesta sahen . Ein einzelner knorriger Weidenstamm lehnte sich von der westlichen Seite her über das Waldwasser und streckte weithin seine wunderlichen Zweige und hing sie fast bis zu dem kühlen Spiegel hinunter ; und auf einem dieser Zweige schaukelte sich ein Wesen , das jeglichem Anspruch an eine Geister- oder Heiligen-Erscheinung Genüge leistete , nur nicht durch die Bekleidung . Unbeschreiblich lieblich von Miene und Figur , aus Minne , Luft und Duft gewoben und von der roten Sonne durchleuchtet – ein Zauber – ein Spuk sondergleichen ! ein lächelnd Nymphchen und – voll , ständig im vergeistigten Kostüm einer ersten Tänzerin der königlichen Bühne , wie sie vor einem Menschenalter in dem damals neuesten Ballett vor den Augen und Operngläsern des damaligen entzückten Publikums umherschwebte ! – – – – – – – – – – – Innocentia – in diese alte Weide in der Waldwildnis gebannt zur Strafe ihrer Sünden , wie Rosa von Krippen wegen der ihrigen hinter die Tapete im Zimmer des Barons und Onkels Püterich im Püterichshofe ! – » O , es gibt noch eine ewige Gerechtigkeit ! « dürften dreist sämtliche Moralisten und Moralistinnen des Weltalls ausrufen . – Die zwei Liebenden im Fleisch , Hilarion und Ernesta , standen aneinander gedrückt , zurückweichend und doch nicht im mindesten ob des Anblicks schaudernd . » O Hilli ! « hauchte die Jungfrau , und der Assessor flüsterte : » Still , Herz ! Wir wären nicht auf dem Wege zum Vater Konstantius , wenn wir nicht alles für möglich hielten ! « » Es lebt ! Sieh doch , es winkt ! « flüsterte wieder die Jungfrau atemlos , und der Assessor flüsterte seinerseits : » Und Es winkt uns ! « » Uns ! « hauchte Ernesta . » O Himmel , Es will uns doch nicht in den Sumpf locken ? « In diesem Augenblick lachte Innocentia ; und der Wald , das stille Wasser im Walde , die Sonne in dem Wasser , die Sonne an den hohen Stämmen des Hochwaldes lachten alle mit , wenngleich unhörbar ; wäre Oppermann noch vorhanden gewesen , so würde der gleichfalls mit gelacht haben , jedoch aus vollem Halse . » Ich bin die gute Seele – die verkannte gute Seele ! Ich bin der Welt Fröhlichkeit , und recht ist mir geschehen ! « sang der liebliche Spuk . » Ich hab mein Erdenherz an einen Narren gehängt und bin in eine hohle Weide zu meiner Besserung gesperrt worden , und mein Narr hat heut ein Stück von einer Eichel in einem hohlen Zahn ! Willkommen in der Einsamkeit , Hilarion und Ernesta ! « » Rosa von Krippen sendet uns , Madonna ! « stammelte der junge Mann , den Strohhut in der Hand ; und der reizende Spuk erhob beide durchsichtige Hände , legte die eine dann an die Stirn , die andere auf den Busen und hatte alle Mühe , sich auf seinem Zweige im Gleichgewicht zu halten vor Lachen : » Rosa von Krippen ! – Rosa hinter der Tapete ? ! « » In dem Püterichshofe ! « rief Hilarion . » Wo der Onkel Püterich wohnt , « setzte Ernesta , immer mutiger werdend , hinzu . » Dann ist uns beiden die Erlösung nahe ! « sang die Erscheinung in der Weide . » So ist die Zeit der Prüfung vorüber – willkommen im Walde , junges Volk ! Es ist gut sein im Walde , selbst in der Verbannung , Hilarion und Ernesta ! und wenn ihr sündigt , sündigt aus einem guten Herzen , auf daß ihr auch in den Wald , in eine hohle Weide gesperrt werdet , und nicht hinter eine Tapete im Püterichshofe ! Arme Rosa ! arme Rosa ! arme Rose hinter der Tapete ! Ich hätte es lieber tausend Jahre hier ausgehalten als einen Tag an ihrer Stelle ! « » Zu Konstantius , dem Einsiedler , schickt uns Fräulein von – schickt uns Rosas – Geist , « stotterte der Assessor bei der Regierung ; aber er hatte sich im hellen Schrecken platt an die Böschung der Grundlose in das hohe Gras gesetzt und seine Braut mit sich niedergezogen , denn Innocentias Geist tat bei seinen Worten auch einen Sprung der Überraschung auf dem Weidenbaum und schwebte fast eine Minute lang , Kopf unten , ungefähr sechs Fuß hoch über dem höchsten Zweige in der stillen warmen Abendluft . Ein Anblick , wiederum gar nicht zu beschreiben ! Wenn junge Mädchen in freudigem Entzücken lachen , so klingt das ungemein lieblich ; aber der silberne Klang der Lust , der jetzt durch den Wald zitterte , war mit keinem Laut einer Menschenstimme , auch der lieblichsten nicht , zu vergleichen . Und die Wirkung auf die zwei jungen Leute war um so größer , als in dem nämlichen Augenblick die Sonne hinter dem Horizonte , das heißt dem Walde im Westen versank , der rotgelbe Schein aus den Wipfeln und von den höchsten Stämmen des Forstes forthüpfte , und hier auf einen schönen Tag ein womöglich noch schönerer Abend folgte . Das freie Land draußen lag natürlich noch längere Zeit in den roten Strahlen . Die Erscheinung über der alten Weide war verschwunden ; aber das vibrierende Kichern in der stillen Luft dauerte noch einige Sekunden fort . Dann klang es geisterhaft melodisch und seltsamerweise ein wenig spöttisch : » Konstantius ! Konstantius ! – Bitte , grüßen Sie Konstantius ! « und nun war alles still , und die schöne Wildnis war von neuem bereit , ruhig jede Bemerkung , jedes kluge Wort , aber auch jede Dummheit anzuhören , in denen , ihrer erneuten Verwunderung Luft zu machen , die zwei armen Kinder , Ernesta und Hilarion , sich gedrängt fühlen mochten . » Oh ! « seufzte Ernesta , ohne fähig zu sein , sich eine weitere Bemerkung zu gestatten . Zu letzterer war Hilarion imstande ; ja ihm als dem stärkeren Mann gelang es sogar , alle seine Geistesfähigkeiten allen Gesichtern und Klängen aus Dschinnistan zum Trotz zusammenzuraffen und vermittelst einer Dummheit von neuem in der Wirklichkeit festen Fuß zu fassen . » Es ist verschwunden ! « sagte er , und das war die Bemerkung . » Wir sind wieder unter uns allein ! « fügte er hinzu , und das war die Dummheit . Neuntes Kapitel . » Scheußlich ! schauderhaft ! gräßlich ! « hatte Oppermann , der doch wahrscheinlich auch in dieser Beziehung viel vertragen konnte , gesagt , und es verhielt sich ganz so , wie er sagte : der Vater Konstantius , der Waldbruder , war ein Anblick zum Rücküberfallen . Versuchen wir es nunmehr , uns ihm zu nahen , ohne die Augen zuzukneifen , wie ein Kind , das überredet worden ist , einen Igel anzurühren . Auch wir haben einen Igel anzurühren und überlassen es der Leserin , in ihren naturhistorischen Schulerinnerungen nachzublättern und sich ins Gedächtnis zurückzurufen , daß es mehrere Arten von Igeln gibt , und darunter eine , vielleicht dann und wann auch von ihr , der liebenswürdigen , reinlichen Leserin , bildlich verwendete , sehr bedenkliche Sorte . Der Vater Konstantius saß vor der Tür seiner Hütte , strickend an einem blauwollenen Strumpf . Einen zweiten Strumpf , ebenfalls von Wolle , aber von graubrauner Farbe , hatte er sich vermittelst eines rotbraunen und außerdem mit dem Porträt des regierenden Landesherrn geschmückten Taschentuches auf die geschwollene Backe gebunden , und wer da weiß , wie unter solchen Umständen der ehrwürdigste Langbart sich präsentiert und zu einem Schrecknis wird , und wer dabei auf seine äußere Erscheinung etwas hält , der geht sofort hin und läßt sich das zierlichste Bärtchen glatt wegrasieren . Auch wir sind dann und wann Heiligenmaler gewesen , auch wir können idealisieren , wir könnten sogar den Vater Konstantius idealisieren ; aber wir tun es nicht ! Wir malen ihn nach der Natur , die nach einem alten bekannten Liebe in jedem Kleide schön sein soll : Einen gibt es ja vielleicht doch wohl unter den vorbeiziehenden Geschlechtern der Menschen , der mit der Hand grüßend winkt und dabei lächelt , wie wir uns es wünschen ! – dem Einen oder der Einen werden wir dann selbst den Teufel nicht zu schwarz malen . – Da der Vater Konstantius gezwungen war , seine Wäsche im Waldbache selber zu besorgen , und er überdem keine Gabe dafür hatte , so übertraf sein Weißzeug manches Schwärzliche an Düsterheit . Seine , wie schon zu Anfang bemerkt , durch einen Strick um den Leib zusammengehaltene Kutte war arg geflickt und nicht von einer Hand , die geschickt mit der Nadel umzugehen wußte . Wenn auch er nach Art der Eremiten Sandalen trug , so steckten heute doch , seines Unwohlseins halber , seine Füße in zwei umfangreichen Filzschuhen . Er sang kein Abendlied , kein weißes Täubchen saß ihm zärtlich auf der Schulter ; er fütterte kein frommes Reh mit frommer Hand ; – er hatte auf eine zu harte Eichel gebissen , er hatte fürchterliches Zahnweh , er hatte seinen Freund Oppermann mit dem strengsten Befehl fortgeschickt , ihm wenigstens heute keine Menschenseele auf dreitausend Schritte nahe kommen zu lassen , und – das einzige Glück war momentan , daß – Hilarion und Ernesta nicht drei oder mehr Monate nach ihrer Hochzeit um Rat , Trost und Hülfe zu ihm geschickt worden waren . Das würde dann vielleicht auch eine schöne Geschichte geworden sein ; aber wahrlich keine wie die , welche wir jetzt erzählen ! – – – – – – – – – – – – Es soll möglich sein , ein heftiges Zahnweh in reinem Quellwasser zu vertrinken ; uns ist es noch nicht gelungen . Man soll auch ein Zahnweh verstricken können ; dieses haben wir bis jetzt noch nicht probiert ; der Vater Konstantius aber schien eben den Versuch zu machen . Er strickte mit einer schier wütenden Verbissenheit an seinem Winterstrumpf ; er strickte wie wahnsinnig ; – weder bei Zahnweh noch bei irgendeinem anderen Weh haben wir mit einer derartigen dumpfig verstörten Ingrimmigkeit an einer Novelle weiter geschrieben ! Er sah nicht auf , als es seinen Maßregeln und seiner Verabredung mit Oppermann zum Trotz doch wieder im Busch und im welken Laube von Tritten näher kommender Menschen rauschte . Er hatte sich freilich auch die Ohren verbunden ; und empor schaute er erst ob des schrillen Schreies , den Ernesta ausstieß , als sie seiner ansichtig wurde . Ihrer und ihres jungen hübschen Begleiters ansichtig werden und , Strumpf , Nadeln und Wollenknäuel in die Tasche seiner Kutte zwängend , aufspringen , die Kapuze über Schädel , Stirn und Nase herunterreißen und den Rückzug gegen seine Tür antreten , war dem Eremiten – eins . Mit kaninchenhafter , dachsartiger Hast suchte er unterzuschlüpfen . Er stürzte sich Hals über Kopf in seine Hütte hinein ; – noch ein Moment und es wäre ihm gelungen , die Tür zuzuschlagen und den Riegel vorzuschieben , als Hilarion , seinerseits gleichfalls mit aller Hast zuspringend , ihn hinten am Gürtelstrick ergriff , sein Entweichen verhinderte , den Fuß zwischen die Tür der Klause klemmend , die Verbarrikadierung der letzteren unmöglich machte und dem scheuen Greise flehentlich zuschrie : » Nur auf ein kürzestes Wort , ehrwürdiger Vater ! « » Pax vobiscum – alle Hagel – o , es ist nicht auszuhalten ! – Man lasse mich ungeschoren ! « kreischte der Heilige , fast geifernd in Verdruß und nervösester Wildheit . » Ich will nichts wissen ! nichts hören ! nichts sehen ! nichts