letztern rühmen wir uns vor allem . Der große Autor der Dassel ' schen Chronik , Meister Hans Letzner , natürlich schnöde zubenamset der Fabelhans , konnte nicht kritisch-ruhiger in den Wirrwarr seiner Tage oder insbesondere in das Getümmel des Sankt-Vitus-Festes hineingucken , als wir in diese Höxter ' sche Lärmnacht nach dem Abmarsch des Marschalls von Turenne und des Herrn von Fougerais . In der Stadt war längst alles auf den Beinen ! Der Grimm mußte heraus ; und jetzt hatte eben die Gärung den Zapfen aus dem Spundloch getrieben : sinnverwirrend ergoß sich die trübe Flut , und da wir von Corvey kommen und also wissen , wie es dort aussieht , so wissen wir auch , daß fürs erste niemand vorhanden war , der den Ölzweig über diese schlimmen Wasser hintragen oder noch besser das Öl selber in sie hineingießen konnte . Auch die Frauen befanden sich in den Gassen , und das war das Allerschlimmste . Sie , die Weiber , hatten von der französischen Einquartierung zu leiden , und zwar in mehr als einer Weise , und wahrhaftig mehr als die Männer . In welchen Winkeln hatten sie sich mit ihren heulenden , hungernden Kindern verkriechen müssen ! Glücklich noch , wenn sie nicht daraus hervorgezogen wurden , um die tägliche und nächtliche Lustbarkeit durch ihre Gegenwart zu verschönen . Nun kamen sie von ihren leeren Speiseschränken , versudelten Betten , verschweinigelten Fußböden und suchten Ihrerseits die geeigneten Persönlichkeiten und Zustände , an denen sie ihren Grimm und Groll auslassen konnten . Katholikinnen wie Lutheranerinnen waren sich darin einig , daß mehreres gesagt und getan werden müsse , ehe es wieder Ruhe und Anstand in Höxter geben könne , und an ihnen – den Höxter ' schen » Dames « – hatte der Helmstedter Relegatus , Herr Lambert Tewes , vor allem sein Vergnügen . Meister Lambert , von seinem harten Lager in der Schenke zum heiligen Veit auffahrend , wie beschrieben , schob den Horatius , der ihm als Kopfkissen gedient hatte , in die Tasche und sprang vor die Tür der Schenke . Wir haben auch bereits dem Leser mitgeteilt , daß diese Kneipe am Corveytor , also ein wenig entfernt vom Mittelpunkte der Stadt , lag . Demnach war es still in der Umgegend ; der ausgebrochene Tumult wütete mehr in der Mitte der Stadt , und weitbeinig verfügte sich der Student dorthin . » Was würde mir nun das beste Federbett nebst Schlafrock und Pantoffeln geholfen haben ? Was hilft es nunmehro dem Herrn Oheim , daß er die Zipfelkapp über die edlen Ohren zog ? Muß er nicht auch heraus ? Er muß ! Ja , ja , wieder hat es sich gezeigt , daß die Bank das einzig richtige Lager für die Zeitumstände ist . Paratus sum ! und hinein mit Lust und Mut in des Saeculums Pläsier und Jokosität . Ein einziger Jammer ist es nur , daß man hier nicht rufen kann : Bursche ' raus ! wie unter den Fittichen der hochgelobten Julia Carolina . « Es ging auch ohne das . Von einem heftigen Zulauf des Pöbels mitgezogen , tauchte er , natürlich mit dem altbekannten » Quo , quo scelesti ruitis « , jedoch ohne das diesmal in deutsche Reime zu bringen , zuerst vor der lutherischen Pfarrei aus dem wüsten Schwall auf und schwang sich auf einen Prellstein ; natürlich nur , um besser sehen zu können , was man eigentlich mit den lieben Verwandten im Sinne habe . » Sieh , sieh ! « sagte er , und die Szene war in der Tat recht kuriös zu betrachten . Die katholischen Huxarienses stürmten die lutherische Pfarrei und waren natürlich zuerst auf die Frau Pastorin gestoßen , die von der Pforte ihres Hauses aus , mit dem Besen in der Hand , den tollen Haufen fürs erste noch mit merkwürdigem Erfolg bekämpfte . Über sein Weib weg sprach der ehrwürdige Herr mit hocherhobenen Armen Vernunft , und dieses ganz vergeblich ; – sein Küster war ' s , der im Turm von Sankt Kilian am Glockenseil hing und für die Augsburgische Konfession um Hülfe läutete , während von Sankt Nikolaus herüber das Geläut kam , das für den zehnten Clemens – Altieri – sich an die städtischen Auktoritäten , das Stift Corvey , den Bischof von Münster und den dunkeln , stürmischen Nachthimmel wandte . Sie hatten Fackeln mitgebracht , die Tumultuanten , um ja an keinen Stein auf ihrem Wege zu stoßen . Bei dem flackernden Lichtschein beobachtete der Student alles ganz genau , hielt sich jedoch seinerseits vorsichtig so viel als möglich im Schatten . » Coraggio , chère tante « , jauchzte er . » Siehest du , Freund Säuberlich , das heißt man eine treffliche Quart . Pariere den ! ... Hui , der saß wieder , grad auf den Schnabel . Siehst du , mein Sohn , da hast du einen Mund voll von dem französischen Nachlaß in den Gassen von Höxter ! O papae , schlägt die Papissa eine gute Klinge ; oder besser einen saftigen Besen ! « Das tat sie ; allein zuletzt half es doch wenig gegen den übermächtigen Andrang . Sie wich , und wäre die Päpstin Johanna an ihrer Stelle gewesen , so würde die auch gewichen sein . Der Student auf seinem Steine drückte die Faust auf die Milz : » Was fällt er ihr denn in die Parade ? Soll das Wort hie mehr helfen als die Tat der Heldin ? Retro , retrorsum , Domine Pastore , halten Sie sich nicht auf ! Herr Onkel – da , da ! « Es war ungefähr so . Der würdige Herr von Sankt Kilian hatte eingesehen , daß hier sein Wort von so schlechtem Nutzen sei als der Besen seines Ehegesponses . Er hatte den Arm der Gattin erfaßt und zog sie rückwärts die Treppenstufen hinauf in die Pforte des Hauses . Hinter ihnen drein brüllte der Haufen , hinter ihnen drein lachte der schadenfrohe Neffe : » Holla , es ist nicht das erste Mal heute , daß Ihr sie einem vor der Nase zuschlagt und den Riegel verschiebt ! So habt es denn , wie Ihr es gewollt habt ! « Contra aegida Palladis ruere , mit dem Kopfe gegen die Schürze der Weisheit stoßen , nannte er ' s dann , als die vordersten der erbosten Bande , von den hintersten geschoben , mit den Stirnen gegen die versammelte Pforte anrannten . Das Höxter des Jahres 1673 ließ die Knüppel fallen und griff zu den Steinen . Es flog der erste gegen die lutherische Pfarrei , ihm folgte das erste Dutzend . Noch einen kurzen Augenblick zeigte sich Dominus Helmrich Vollbort am Fenster , dann verschwand er im Innern des Hauses . Die geistliche Frau hielt sich einen Augenblick länger ; jedoch die Ochsenaugen zersplitterten um sie her . Sie verschwand gleicherweise , während , wie der Pater Adelhardus sich ausgedrückt haben würde , die infestatio cum bombardis , das Bombardieren fortdauerte . Und in dem Augenblick , wo die Not am größesten wurde , verstummte der angstvolle Hülferuf vom Turm ; eine Handvoll biederer Höxteranischer Stadtinsassen hatte die Tür des heiligen Kilianus , durch welche der Küster eingeschlüpft war , erbrochen , hatte den Küster am Werk und am Seil gefunden , und jetzt läutete er nicht mehr , sondern aber es wurde auf ihm geläutet ; er bekam Prügel , entsetzliche Prügel . – Zerreißen , um an zwei Orten zugleich sein zu können , konnten wir uns leider nicht , aber daß die Katzenmusik , welche die lutherischen Huxarienser zu Ehren des französischen Abmarsches den Minoriten bei Sankt Niklas besorgten , nicht geringer ausfiel als die bei Sankt Kilian , das können wir auf unser Wort und unsere Ehre versichern . Die katholische Pfarrei litt nicht weniger von den Freunden unseres Freunds Lambert Tewes als die lutherische . Das Schauspiel war das nämliche dort wie hier . Es fiel in Wort und Werk nichts beizu , und der einzige Trost für die Herren bei Sankt Niklas am Klaustor lag einzig und allein in dieser bösen Nacht darin , daß es den » Herren von der andern Seite « geradeso ergehe : ein leidiger Trost ist eben auch ein Trost . Wäre es aber nunmehr nicht unsere Pflicht , nach dem Burgemeister zu laufen ? Durchaus nicht ; denn er kommt am letzten Ende doch immer ganz von selber , und so auch jetzt , und zwar begleitet von den Ältesten und Würdigsten der Gemeinde . Ächzend kam er , Thönis Merz der Bürgermeister , und mit ihm die andern : Caspar Albrecht der Senator , und Jobs Tielemann und Heinrich Kreckler und Hans Jakob zum Dahle , und Hans Freisen und Hans Sievers und Hans Tropen und Hans Heinrich Wulf und Henrich Voßkuhl und Adam Sievers , die Dechanten von den Gilden , und Konrad Kahlfuß , der Gemeinheit Meister ! Sie erschienen , um Ordnung zu stiften , und etwas Großes war das auch gar nicht , wenigstens an dem Orte , an welchem sie jeweilig auftraten . » De Burgemester ! « krächzte eine Stimme im Haufen , und sofort kam ein Schwanken und dann ein Erstarren in die wogende Flut . Kopfüber stürzten die Angreifer von den Treppenstufen des Pfarrhauses hinunter , auseinander stob der Pöbel , und der Konsul stieß dem Senator den Ellbogen in die Seite und sprach : » Gevatter , was habe ich gesagt ? ! « Ob es aber mehr darauf , was er gesagt hatte , oder was der Herr Pfarrer und die Frau Pfarrerin jetzo sagten , ankam , das wollen wir dahingestellt sein lassen . Wer da sagt : Racha ! , der ist des Rats schuldig ; und es wurde dergleichen ausgerufen ; – sehen wir zu , wo derweilen unser Helmstedter geblieben ist . – Wenn das erboste katholische Volk bei Sankt Kilian auseinandergelaufen war , so war ' s danach freilich noch nicht ruhig nach Hause und ins Stroh gegangen , sondern im Lauf durch Gassen Sankt Niklas zu . Leichtfüßig war der Student von seinem Eckstein heruntergesprungen . Er hatte alles hier in Obacht genommen , was ihn interessieren konnte , doch die Blüte des Spaßes pflückte er nun erst ab . Der Platz vor der Pfarrwohnung war leer . In der wieder geöffneten Tür standen heftig gestikulierend der Onkel und die Tante , auf den Treppenstufen der Bürgermeister mit der Hand auf der Brust , am Fuße der Treppe in einem Halbkreis der Chor der Senatoren , Patrizier , Tribunen und Gilden-Hauptleute . Gravitätisch schritt jetzt Herr Lambert Tewes aus der Dunkelheit hervor , in das Licht der Laterne , die der Gemeinheit Meister Konrad Kahlfuß trug , hinein , zog höflich den Hut , verbeugte sich tief und richtete an die Herrschaften das , was achtzig Jahre später die Literaturbriefe , wenn sie Herrn Dusch vornahmen , » mit unsern galanten Briefstellern die courtoisie nennen « . Dann schritt er langsam querüber in die nächste Gasse und lief , sobald er der entrüsteten Auctoritas aus den Augen war , so schnell ihn die Füße trugen , dem Tumult bei Sankt Nikolaus zu : » Wer fürchtet des Skythen , des Parthier Wut , Wer scheuet Germaniens gräulige Brut ? Nun sitzt man geruhig , beim fröhlichen Schmaus , Es schändet kein Frevler des Biedermanns Haus ! « Hiemit , das heißt mit diesem heitern , wenn auch nicht völlig zutreffenden Zitat aus der fünften Ode des vierten Buches der Lieder des Quintus Horatius Flaccus , kam er an bei den Minoriten am Klaustor , und wiederum ganz im richtigen Augenblick . IX Ganz zur richtigen Zeit ; denn eben schwieg die katholische Sturmglocke und bekam der katholische Küster gleichfalls Prügel . In ganz Höxter aber hatte Lambertus keinen bessern Bekannten als Jordan Hunger , den katholischen Küster ; dieser ging noch über den Fährmann Hans Vogedes , den Korporal Polhenne und Seine Hochedelgeboren Herrn Wigand Säuberlich , der mit dem Studenten dem Onkel Vollbort durch die Schule gelaufen war und wie er , Meister Tewes , auf keiner Seite Partei nahm , sondern auf jeder sein Vergnügen . Dieses Vergnügen war nunmehr vor der Pfarrwohnung der von Christoph Bernhard bei Sankt Nikolaus eingesetzten Minoriten im vollen Gange . Der von Sankt Kilian herströmende katholische Haufen fiel dem lutherischen beim heiligen Niklas nicht in den Arm , sondern in die Arme . Im letzten Grunde hatten sie alle nur den einzigen Zweck , Unheil zu stiften , und das verrichteten sie denn auch , und zwar ohne jegliche Courtoisie . Das Steinbombardement auf die Fenster der katholischen Herren wurde ebenso kräftig unterhalten wie das auf die Fenster des Onkel Vollbort . » Sieh , sieh ! « sagte auch hier wieder der Studente fröhlich ; doch eben , als er sich von neuem auf den Prellstein schwingen wollte , faßte ihn ein Weib am Rockschoß , zog ihn zurück und zeterte : » Um Jesu Christi willen , Herr Magister , sie haben meinen Mann totgeschlagen ! Er liegt unter den Glocken , und sie tanzen auf ihm herum ! « » O mon dieu ! « rief der Consiliatus . » Sind Sie es , Gevatterin ? Mon dieu , und er war doch so gut Freund mit dem Fougerais bei unserm letzten Disput ! « » Dafür haben sie ihn auch windelweich geschlagen , und er liegt unter seinem Seil . O Lambert , kommt und helft mir , laßt Euern besten Kameraden nicht umkommen . Sie sagen , das Stift sei auf dem Wege hieher ; aber was hilft das mir , wenn sie mir meinen Mann vorher zunichte gemacht haben . Das leiden wir nun um Corvey ! « » Höxter und Corvey ! « jauchzte der Student , und dann ließ er sich von der Küsterin den Glocken von Sankt Nikolaus nur zu gern zuziehen . Der Spaß war ihm in dieser Nacht eben überall in Huxar . – Weggelaufen war der unglückselige Monsieur Jordan nicht aus seinem Turmgewölbe während der Zeit , daß sein Weib hingegangen war , die barbarische Welt um Hülfe anzuschreien . Er lag unter seinem baumelnden Seile noch da , wie ihn seine nichtswürdigen Feinde und seine brave Gattin verlassen hatten – mit der Nase im Staube . Seine Schultern zuckten , er zappelte mit den Füßen und ächzte jämmerlich . Mit der Nase im Staube ! und der Student wußte sofort ein Zitat aus dem Horaz und trug natürlich dasselbe dem Unglücklichen , Geschlagenen erst lateinisch und sodann in freier deutscher Übersetzung vor : » So stürzet der Tannbaum mit donnerndem Hall , So liegt nun der Küster nach furchtbarem Fall ! Im Blachfeld des Teukrers , dem Feinde zum Raub , Druckt itzt Don Bravatscho die Nas ' in den Staub ! « » Hu « , winselte der Küster von Sankt Niklas , » bist du ' s , Lambert ? ist meine Frau auch da ? Hu , dreht mich um – um Gottes Barmherzigkeit sachte ! vorsichtig , sachte . Die Teukrer , oder wie das Dorf heißt , waren es nicht ; der Teufel vergelte es den Höxternschen Bösewichtern , die mich um der Kirche willen so gräulich zugerichtet haben ! O , o , oh , es ist viel schlimmer als die letzte Schlacht um die Bosseborner Laterne – weißt du , Lambert , die vor drei Jahren , in der du auch einen Prügel führtest , obgleich es dich als luther ' schen Ketzer gar nichts anging . « Der Student hatte den Armen weich und vorsichtig unter den Armen gefaßt , während die Frau Küsterin die Füße gehoben hatte , um den halb Geräderten auf den Rücken zu legen ; aber der Küster hatte zu seinem Schaden sein letztes Wort hervorgestöhnt . Als Herr Lambert Tewes von der letzten Bosseborner Laternenschlacht hörte , ließ er sofort los und streckte , um einem ganz anderen Gefühl als seinem Mitgefühl Luft zu machen , die ausgespreiteten Hände hoch in die Luft . Mit einem lauten Aufschrei fiel der Küster wieder auf das Gesicht ; doch lustkreischend schrie der Student : » Bei den unsterblichen Göttern , die Bosseborner Laternenschlacht ! Ei freilich , Jordan , von dorther bist du ' s schon gewohnt , den Mund voll der ernährenden Erde zu nehmen . Du kriegtest wahrlich dein gut Teil ab von der Prügelsuppe in der Küsterschlacht . « » Aber es war doch eben eine Küsterschlacht « , winselte Jordan Hunger , » eine katholische Küsterschlacht ! wir schlugen uns doch nur unter uns selber um die Ehre Gottes ; aber diesmal – « Er vermochte es nicht , seinen Satz zu vollenden ; jedoch der Student nahm ihm das Wort tröstend ab : » Sei nur still , Alter , das Martyrtum ist auch um so größer . « » Hu , das brauchst du mir wahrlich nicht zu sagen « , stöhnte der Märtyrer , und während man ihn von neuem umwendet und fürs erste mühsam in eine sitzende Stellung bringt , wollen wir unsern Lesern mitteilen , was es mit der Bosseborner Laterne auf sich hat . Heute geht das Ding als eine Sage um , mit welcher sie die von Bosseborn , vom Dorfvorsteher bis zum letzten Kossaten , bei jeglicher passenden Gelegenheit bis aufs Blut , wie die eine Redensart , oder bis zum Schwarzwerden , wie die andere heißt , ärgern . Sie , die Bosseborner nämlich , sollen , von einer Hochzeit nach Hause ziehend , ihren Weg durchaus nicht mehr gefunden haben , sondern arg in Gestrüpp , Sumpf und Moor verlorengegangen sein . Da soll denn der Küster , der Nüchternste in der Gemeine ( Sokrates im Symposion Platonis ! ) , ihnen geleuchtet haben , und zwar auf absonderliche Art. Man sagt , er habe einen Einfall gehabt , selber ein Licht unter den Umständen : er habe den Hemdenschwanz hinten aus den Hosen gezogen und niederhängen lassen , und der habe hell genug durch die Nacht geschienen , um der Bauerschaft als Laterne zu nützen . So sei der Küster von Bosseborn vorangeschwanket ; ihm nach der Vorsteher , dem nach der Gemeinderat und dem wieder die torkelnde gemeine Bauernschar , im Gänsemarsche alles – einer hinter dem andern – ein ewig memorabler Zug bis ins Dorf hinein . Die Geschichte ist gut ; wenn ihr nur so wäre ! Aber die Sache hat einen ganz andern und viel ernsthaftern Angang . » Wann kompt im Sommer Sanctus Veit , So endert sich beid Tag und Zeit . Dem schlaff geht zu , dem Wachen ab , Wie sich das alter neigt zum Grab , Und wer dan hat der pfenning viel , Der mach sich auff zu diesem ziel , Und wander hin wol nach Sanct Veit , Ihr kan man werden leichtlich queidt . – « singt bei Hans Letzner ein » rechter erfahrener Landtkündiger « ; und von der großen Prozession nach Corvey auf Sankt-Vitus-Tag stammt die Laternenfrage her , sowie jede Schlacht , die an dem Tage darum geschlagen wurde ; vorzüglich aber die des Jahres Siebenzig , welche eine der hartnäckigsten und blutigsten war infolge der Indulgenz , die Seine Heiligkeit Papst Clemens der Neunte kurz vor seinem seligen Abscheiden auf den Tag für dasmal gelegt hatte . Nun war es aber ein alt Herkommen , daß die jüngste Pfarrei den feierlichen Zug eröffne , – das Ältere und Würdigere folgte , der Reihe nach ; und also – sollten die von Bosseborn voran » mit der Laterne « und wollten ' s natürlich den Ovenhäusern zuschieben , die ihnen folgten : hinc illae lacrymae ! Denen von Ovenhausen gingen nach die von Fürstenau , diesen die Boedexer , diesen die Amelunxer , diesen die von Wehrden und Jakobsberge . Dann zogen Ottbergen und Bruchhausen , nachher kam das Dorf Stahle , nachher die von Albaxen , Brenkhausen , Lüchtringen und Godelheim . Zuletzt aber kam dicht vor den Reliquien des Heiligen die Stadt Höxter mit ihrer Stadtmusik , zusammen mit den Corveyern . Noch hinter dem heiligen Veit zog das Kapitel auf , sowie der Braunschweigische Gesandte mit einem kleinen Abtsstab in der mit einem Velum bedeckten Hand ( auch nach der Reformation und als Protestant ! ) ; er wurde geleitet vom Corveyer Marschall . Den Beschluß machte das Venerabile unter einem Baldachin , den die Höxternschen Nobiles trugen , – und Jordan Hunger , der Küster von Sankt Nikolaus , war im Jahre 1670 Küster zu Bosseborn gewesen und hatte die Bosseborner Laterne , das heißt die Kirchenfahne seines Dorfes , tragen sollen ......... » Wie mancher kompt gar weis ' und klug , Im heimgehn er einen Narren trug . Mancher kompt daher ganz Sinnreich , Und geht weg ganz bös und grimmich . Ihr viel da kamen frisch und gesundt , Da gehn sie heim in Todt verwundt , Oder sonst gefallen , geschlagen – « singt der erfahrene » Landtkündiger « weiter , und so war es . Sie schlugen sich jedesmal wacker um die Bosseborner Laterne ; und wenn Bosseborn und Ovenhausen zwischen sich den Streit begannen , so war kein Dorf , das zurücke bleiben wollte , sondern sie fielen alle drein und aufeinander . Ohne das gab es kein Sankt-Vitus-Fest zu Corvey , und weder das Kapitel noch der Braunschweigische Gesandte konnten das geringste dagegen tun , außer daß sie es abermals fertigbrachten , daß auch das nächste Mal Bosseborn wieder die » Bosseborner Laterne « trug . – Doch während wir also hier das Krumme grade machten und der Wahrheit zu ihrem Rechte verhalfen , tobt der Mutwillen viehisch fort in Höxter , wird der zerschlagene Meister Jordan Hunger von seinem heulenden Weib und vergnügten Freunde nach seinem Bette geschleift und – – zieht eine andere Prozession langsam heran . Letzterer wenden wir uns jetzt zu und treffen sie auf dem Wege , den vorhin der Bruder Henricus zur Abtei beschritten hatte . Der Bruder Henricus maß diesen Weg jetzt zurück , er befand sich mit an der Spitze dieses Zuges , der von Corvey kam . Er war ein Kriegsmann gewesen in seiner Jugend , und sein Prior , Herr Nicolaus von Zitzwitz , hielt sich an ihm und ließ ihn nicht von seiner Seite . Dicht hinter ihm hielten sich der Subprior Florentius von dem Felde und der Propst Ferdinandus von Metternich . Den guten Vater Adelhard , den Cellarius , hatte man seiner Unbehülflichkeit halben in diesen gefährlichen Nöten zu Hause gelassen , um dort Ordnung zu halten . Die Abtei zog heldenhaft nach der Stadt , um sich selber Nachricht über die Vorfälle dort zu holen , da » impie et nefarie « , ruchloser- und leichtfertigerweise , niemand gekommen war , um ihr dieselbe zu bringen . Aber Corvey konnte nicht anders ; Corvey mußte auf den Plan ! Die Abtei , eben in ihren » Rechten « durch den fremdländischen Helfer , den größesten der französischen Feldherren , gegenüber der rebellischen Bürgerschaft von Huxar und dem Braunschweigischen Schutzherrn gekräftigt , mußte alles dransetzen , daß ihr die soeben nach langem Streite endlich einmal wieder fester gepackte Obergewalt nicht von neuem aus den Händen gleite . Es galt Höxter gegen jeglichen Feind oder Aufrührer festzuhalten , und so zog das Stift in Waffen gegen die Munizipalstadt . Unter Umständen verstand es Herr Christoph Bernhard von Galen , merkwürdig böse Gesichter zu schneiden , und Corvey wußte das und kannte das . Die Lärmglocke , die Bruder Heinrich von Herstelle gezogen hatte , war gehört worden . Die Klostermannschaft war in die Rüstung gefahren , die Herren Benediktiner hatten sich taliter qualiter selber gewaffnet , und die waffenfähige Mannschaft des nächst- , aber am andern Ufer der Weser gelegenen Dorfes Lüchtringen war in Kähnen über den Fluß gekommen , um der Abtei zu Hülfe zu eilen . Die Prioren und sonstigen Vorgesetzten gingen natürlich nur im geistlichen Habit , doch manch rüstiger Frater und Pater hatte mutig und freiwillig die Büchse oder Halbpike auf die Schulter genommen und vermaß sich , Heldentaten zu tun , von denen der Chronist von Corvey noch nach Jahrhunderten zu erzählen haben sollte . Der Kriegerischste aber in der ganzen geistlich-weltlichen Heerschar war doch Bruder Henricus , der sicher und männlich , trotz seinem hohen Alter , mit einem gewaltigen Schwerte ging , das wahrscheinlich beim Übergang der Hussiten über die Weser im Kloster stehengeblieben war ; – der Zug sah mehr auf ihn als auf die im Fackelschein voranflatternde Abteifahne mit dem Bilde des heiligen Veits . Der heilige Patron trug seinen Kopf nur unterm Arm , der Bruder Heinrich dagegen den seinigen noch wacker auf den Schultern . » Meinen Segen nimmst du mit , mein Sohn ; komme mir aber auch ja gesund und vergnügt wieder « , hatte beim Abschied am Klostertor der Vater Adelhardus zu ihm gesprochen und ihn dabei ganz zärtlich auf die Schulter geklopft . – Nun waren sie auf dem zerfahrenen und zerwühlten Wege , den wir vorhin geschildert haben , mit der Parole : Sanctus Vitus ! und dem Feldgeschrei : Abbatia urbi imperat ! Corvey über Höxter ! Nun gerieten sie in die Sümpfe , die Löcher und unter die harten Feldsteine – nun hielten sie , um Atem zu schöpfen – und nun ächzten sie wieder weiter . » Bruder von Metternich , das ist eine Nacht , um Anathema zu sagen ! « stöhnte der Prior einmal über das andere . » Was ist deine Meinung ? « » Der Gerechte siehet vor seine Füße und gehet den Weg , den ihn der Herr schickt . « » Bene , bene ! Wie dunkel aber die Nacht ist ! Hätten wir doch ein jeglicher eine Laterne anstatt der Fackeln mit uns genommen ! Nun hört auch das Stürmen vom Turm gar auf , Henrice . « » Es ist vielleicht doch nur ein schlechter Gassenlärm gewesen , und die Tummelanten haben des Spaßes genug und gehen zu Bett . « » Und wir sind heraus und hier mitten im Felde ? O corpus Christi , der Bann auf ihre Häupter ! – Fort , voran , ihr alle , wahrlich , man soll Corvey nicht ungestraft hohnnecken ; abbatia urbi imperat , da ist das Corveytor ! Ruft : Sankt Vitus und laßt uns einziehen ! « Nach einem mehr als halbstündigen Marsche waren sie jetzt wirklich vor diesem Tore von Höxter angelangt ; allein das Einziehen ging so leicht nicht . Fürs erste fand das Stift die Tür verschlossen , obgleich es selber die Schlüssel dazu hatte – freilich in den Händen seines tapfern , oben schon benannten Hauptmanns Meyer , den wir jetzt ebenfalls von Person kennenlernen werden . » Lasset uns anpochen « , sprach der Subprior . » Das wird viel helfen , der Graben ist dazwischen « , murmelte der Propst . » So lasset den Zinkenisten von Corvey hertreten , Sohn Heinrich . Er soll sich den Hals zersprengen ; aber uns den Pförtner auf die Mauer schaffen . Das ist eine scheußliche Nacht ! « grollte der Prior . Das alte Stift hatte seinen Trompeter mitgebracht , und er blies , – er blies und blies sich halb die Lunge heraus , bis sein Blasen von der gewünschten Wirkung war . Endlich , endlich flimmerten Laternen auf der Mauer , und dann rasselte die Brücke unter dem alten Torturm herunter ; mit dem Hute in der Hand , von seinen Laternenträgern begleitet , wackelte der Hauptmann Meyer eilfertig und atemlos hervor , den Prior und das Stift zu begrüßen : ein freundlicher ältlicher Herr rötlichen Angesichts , breitbäuchig und behäglich , auch einer der besten Freunde des Pater Cellarius , Herrn Adelhardus von Bruch . Höchst verdrießlich empfingen ihn für diesmal die übrigen Würdenträger des Stiftes . » Sie sind wirklich mit Degen und Feldbinde da , Monsieur ? « schrie der Prior . » Weshalb kommen Sie nicht auch im Schlafrock und denen Pantuffeln , mein Herr Hauptmann ? Aus dem Bett kommen Sie doch ja ! Bei Sankt Veit , Herr , es geht lustig zu in Höxter . Die Sturmglocke bringt das ganze Land in Aufruhr , und der Herr Kapitän drehen sich auf die andere Seite und geruhen weiter zu ruhen . Wo steckt Ihr mit Euern Leuten , Meyer ? Hat man Euch dazu der Stadt Obhut zum zweiten Male anvertrauet ? « Der Bischöflich Münster ' sche Befehlshaber ließ dieses und noch eine lange Reihe ähnlicher Vorwürfe und Fragen wie das Hochwasser aus einem aufgezogenen Schütt über sich hingehen . Erst als der Prior von Corvey mit seinem Atem zu Ende war , verantwortete er sich oder fing wenigstens an , sich zu verantworten . » Aus dem warmen Bett komme ich nicht , Hochwürden , sondern von den Wesermauern am Brucktor , allwo ich seit angehobenem Tumult auf den Noht gepasset habe nach meinem Eid und meiner Pflicht . « » Auf den Noht ? ! « » Ja , Hochwürden , auf des Herzogen Rudolf Augusten Oberstwachtmeister Noht ! « » Sankt Veit und Corvey , aber weshalb denn grade auf den ? « » Wer anders hat uns denn diesen Aufruhr angerichtet als der ? Aber beim Teufel , hat er mir einmal meine Trommel genommen , zum zweiten Mal soll er sie nicht in die Tatzen kriegen , und wenn er sich noch so verstohlen über die Weser schliche ! « Bei Fackelschein und Laternenlicht sah sich der Prior , Herr Nicolaus von Zitzwitz , verzweiflungsvoll und zweifelnd auf den Gesichtern seines Gefolges um . Sie grinsten alle , und Bruder Heinrich von Herstelle lachte sogar . Es blieb dem Prior von Corvey nichts anders übrig , als sich fußstampfend von neuem an den biedern Hauptmann zu wenden