gebaut . Aber seine Arbeitsstube ist auch nach hinten heraus . Da hat er die Wände eingeschlagen zwischen der Küche und der Kammer und sich eine große , große Werkstatt gemacht . Er kann alles , und die Leute im Dorfe wissen das auch , besser als der Herr Pate Scholten . Es ist unrecht , daß ich es sage , aber es ist doch so . « » Das Kind hat recht , Frau Salome « , sagte der Justizrat . » Sie passen zueinander , die Leute im Dorf und mein braver Freund [ 330 ] Querian . Dieser würde sich auch sonst hier gar nicht halten . Das Kind hat ganz recht , und ich bin fest überzeugt , daß mehr als einer der Männer vom Leder hier des Nachts klopft und Einlaß findet , wo wir drei Tage vergeblich pochen würden Was wissen wir hellen Leute , Frau Salome , von den Mysterien der Narren , zumal wenn sie noch dazu ihre Tage bei ihrem Grubenlicht im Erdeingeweide verwühlen ? Querian ! Der König der Zwerge und Alraunen dürfte dreist Querian heißen . Wenn Sie demnächst uns einmal wieder besuchen , liebe Baronin , so fragen Sie , ehe Sie bei mir und der Witwe Bebenroth vorsprechen , in der ersten besten Bergmannshütte nach Herrn Querian und achten Sie gefälligst auf die Gesichter , mit denen man Ihnen den Weg zu seiner Behausung andeutet . Diese werden Ihnen das Verhältnis , in dem mein sonderbarer Freund zu der hiesigen Bevölkerung steht , deutlicher machen , als ich es durch die ausführlichsten Auseinandersetzungen und Erläuterungen vermöchte . Nicht wahr , Eilike , es kommen viele Leute aus dem Dorf , um sich Rat von deinem Vater zu holen , und sie bringen ihm auch allerlei , was sie in der Erde gefunden haben ? « » Die Bergleute kommen , Herr Pate « , antwortete Eilike geheimnisvoll mit dem Finger auf dem Munde . » Sie sind mein Herr Pate und dürfen mich fragen . Mein Vater kennt alle Steine und Erze und weiß gut Bescheid unter der Erde . « » So ! « sagte Justizrat Scholten , zu der Baronin von Veitor gewendet , » jetzt wissen Sie ziemlich genau Bescheid in dem , was meinen Gevatter am hiesigen Orte betrifft . Was sonst meinen Zusammenhang mit ihm anbetrifft , so kann ich Ihnen darüber das Nähere bei passender Gelegenheit beiläufig mitteilen . Wir hellen Leute lassen keine Mysterien gelten – « » Und bleiben deshalb vielleicht so oft während der Feier der Eleusinischen Geheimnisse vor der Tür stehen ! « rief die Baronin . » Wahrscheinlich ! « brummte der Justizrat ; aber Eilike , der diese Unterhaltung allmählich sehr langweilig geworden war , rief nun plötzlich : » Gute Nacht ! « und sprang fort , um das Haus herum verschwindend . [ 331 ] » Die Krabbe ist die Vernünftigste von uns allen « , murmelte Scholten . » Sie weist uns auf unsere Wege und weiß ihrerseits den Baumstamm und den Zweig , die sie zu ihrem Bette bringen , auch im Dunkeln zu finden . Es wird wahrlich Zeit , daß ich Sie auf die Landstraße geleite , Frau Baronin . Wir haben des Spukes für heute genug , und es fängt an , kühl vom Blocksberge herzublasen , und ich habe noch nach Pilsum zu schreiben . Sie haben mich ganz zur richtigen Stunde daran erinnert , Frau Salome , daß ich dem Freunde Schwanewede seit zwei Jahren einen Brief schuldig bin . « » Das freut mich « , sagte die Baronin zerstreut , und ebenso zerstreut sagte sie : » Das Kind wird doch nicht den Hals brechen ? « » Ich hoffe nicht « , meinte der alte Scholten , und dann griff er von neuem nach dem Zügel des Maulesels und führte ihn zurück von der Tür Querians auf den holperichten Fußpfad , der vom Dorfe herüberführte . Er wußte sonst , wie wir auch schon erfahren haben , jeglichem Weggenossen die Zeit der Wanderung durch anmutige Unterhaltung zu verkürzen , doch jetzt ging er still und stieß nur dann und wann , wie um einen Punkt in seiner eigenen stummen Unterhaltung zu machen , mit dem Knotenstocke fest auf . So brachte er seinen schönen Gast wieder auf die durch das Dorf führende große Straße und dann noch weiter ein gutes Stück Weges über das Dorf hinaus bis auf die Höhe des nächsten Bergrückens , wo die Chaussee sich über eine kürzlich abgeholzte Hochebene hinschlang . Das war eine gute halbe Stunde von seiner Behausung , und er nahm hier Abschied mit der Bemerkung : » Jedem anderen Frauenzimmer zu Fuß , Pferd oder Esel würde ich die beiden übrigen Stunden zur Seite mitlaufen . Nehmen Sie das als ein Kompliment , liebes Herz , und kommen Sie gut nach Hause . « Die Frau Salome lachte und schüttelte dem wunderlichen juristischen treuen Eckart von ihrem Maulesel herab die Hand . » Das ist wahrlich ein wackerer Freund und braver Lebensgenosse , der aber sicherlich seinen Trost und eine schöne , lange Nachrede auch herausfinden würde , wenn man mich morgen nach [ 332 ] Sonnenaufgang , von Räubern erschlagen oder in einem Abgrunde samt meinem Esel , mit zerschlagenen Gliedern fände . Nun , grüßen Sie auch von mir unbekannterweise , wie man sagt , nach Pilsum . Ich muß doch noch einmal Von Norderney aus Ihren Freund Schwanewede kennenlernen . Den Querian gedenke ich mir in den allernächsten Tagen hervorzuholen . Ist das ein Kleeblatt – Scholten , Schwanewede und Querian ! Und da soll man , den Brocken hinter sich , ruhig nach Hause gehen , sich zu Bett legen und einen guten Schlaf tun ! « » Dort kommt der Mond über den Berg , Frau Salome , und die Straße ist in einem ausgezeichnet guten Zustand und macht der Wegebaudirektion alle Ehre . Ich wünsche Ihnen recht wohl zu schlafen und werde mich morgen durch die Eilike nach Ihrem Befinden erkundigen . « Sie nahmen jetzt wirklich Abschied . Der Justizrat schlug sich wieder durchs Dorf nach dem Hause der Witwe Bebenroth , und die Baronin ritt fürbaß auf der nicht ohne Grund gelobten Vortrefflichen Landstraße . Den Mond hinderte auch nichts auf seinem Wege quer über das Firmament , und er ging , als ob es ihm nie eingefallen sei , die Weltmeere in Bewegung zu setzen , geschweige denn die Gemüter der Menschen sich nach und zu sich emporzuziehen . » O Himmel , welch eine wundervolle Nacht und welch ein wunderlicher Abend ! « murmelte die Baronin Salome von Veitor und gelangte richtig ohne die mindeste Gefährde und Beschwerde vor dem zierlichen Gittertor ihrer Sommerwohnung an , und niemand unter ihren Leuten hatte sich irgendwelche Sorge um sie gemacht . Achtes Kapitel [ 333 ] Man weiß südwärts der Polargrenze des Weines , das heißt des trinkbaren Weines , keineswegs viel Von den Ländern und Menschen zwischen dem Harz und der Deutschen See ; aber dessenungeachtet ist Karl Ernst Querian in das Kirchenbuch zu Quakenbrück [ 333 ] als ehelich erzeugter Sohn bürgerlich anständiger Eltern eingetragen , dessenungeachtet existierte Peter Schwanewede in Pilsum , ein doctor theologiae der gleichfalls vorhandenen Universität Göttingen , und dessenungeachtet hat sich soeben Justizrat Scholten von seiner Wirtin die Lampe anzünden lassen und blättert , ehe er an seinen Freund Peter schreibt – wahrscheinlich um wenigstens sich klarzubleiben – , im Recueil de nouvelles pièces fugitives de M. de Voltaire , und zwar in der Ausgabe , die man voreinst außer in Genf auch zu Paris , und zwar bei Duchesne , rue St. Jacques – au temple du goût , finden konnte . Das ist ein langer Satz , aber es war uns unmöglich , ihn und uns kürzer zu fassen ; wir werden auch gleich sehen , daß es auch dem Justizrat trotz seiner Lektüre nicht gelang , bündig zu sein . Mademoiselle Catherine Vadé mag es ihm verzeihen . Die Witwe hatte die Lampe gebracht , noch einmal mit dem Schürzenzipfel vor den Augen die Rede auf das halbe Huhn und den Pflaumentopf bringen wollen und war mit einem Donnerwetter zur Tür hinausbefördert worden . Der Justizrat schlug Antoine Vadés » Discours « an die Welschen zu und mit der Faust auf den Tisch und ächzte : » Wir sind das langweilig-verrückteste Volk auf Erden , und wir haben alle Aussicht , es noch längere Zeit zu bleiben . Was hilft ' s dem einzelnen , zu wissen , wie klug andere Leute schon vor hundert Jahren gewesen sind ? « Er schien die größte Lust zu haben , den alten Lederband mit der blassen , abgegriffenen Rokokoschnörkelvergoldung unter den Tisch der Witwe Bebenroth zu werfen , legte ihn jedoch nur um desto vorsichtiger , ja zärtlicher beiseite und sich seine Briefbogen zurecht . » Diese hübsche , kluge Jüdin hat mir gleichfalls für einige Tage meinen Gleichmut wieder verschoben « , brummte er . » Alle Teufel , da wird der alte Mystiker an der Emsmündung einmal wieder kuriose Augen über seinen Kommilitonen und voreinstigen Hausburschen machen ! Wodan und Thor mögen ihm den Appetit gesegnen ! He , he , he ; es muß in der Tat ein absonderliches Gefühl sein , wenn man aus Swedenborgs konstabilierter Erd- [ 334 ] und Himmelsharmonie plötzlich abgerufen wird , weil Hermode und Braga an der Tür stehen und Odins Gruß bringen : Genieße Einherierfrieden und trinke Met mit den Göttern ! – Schöner Frieden ! Urgemütliche Kneiperei ! Prügele dich lustig weiter in Walhalla und bramarbasiere am Abend beim Bierkrug Ich danke gehorsamst ! « Er hatte bereits das Dintenfaß herangezogen und die Feder eingetaucht . Noch saß er einen Moment äußerst nachdenklich , und um so drolliger war der Effekt , als er beim Niederschreiben des Einganges seines Briefes mit sozusagen zärtlichem Grimme sich die Worte auch laut vorschrie : » Mein lieber Peter ! « Das übrige knüpfte sich dann ziemlich in einem Zuge daran ; nur hatte er eine Flasche Bordeaux zu entpfropfen , dann und wann sein Glas zu füllen und dann und wann seine Pfeife von neuem in Brand zu setzen . Es gibt ärgere Störungen geistiger Tätigkeit und gemütlichen oder ungemütlichen schriftlichen Seelenergusses . Wie er sich aber dagegen wehren mochte : der bleiche Mondenschein auf den Gräbern , Kreuzen und Denksteinen des Bergdorfes vor seinem Fenster und das Glitzern der Fenster der Kirche drüben gab doch seinem Brief eine Färbung , die derselbe bei hellem , klarem Tageslicht und auch an einem Gebirgsregentage nicht bekommen haben würde . Freund Schwanewede , da um diese Stunde , wie der Justizrat glaubte , den Mond sich im Pilsumer Watt spiegeln sah und dem da vielleicht , über die Blätter der » Aurora « oder der » Morgenröte im Aufgang « weg , durch das weiße Licht ein weißes Segel nach fremden Landen vorüberglitt , verdarb sich aber den Magen nicht daran . Wir werden sehen , weshalb . » Mein lieber Peter ! < A Nach zweijähriger Pause in unserm Schriftwechsel drängt es mich heute abend , die Korrespondenz durch diesen meinen Schreibebrief von neuem zu eröffnen und Dir vor allen Dingen mitzuteilen , daß ich mich noch am Leben befinde und das nämliche von Dir verhoffe . Seit wir uns in Göttingen kennenlernten und zusammen daselbst studierten , haben wir als Kastor und [ 335 ] Pollux , Orest und Pylades ein jeder den andern für den größten Narren auf Erden gehalten , und nur der Tod erst wird das freundschaftliche Verhältnis – meiner Schreibfaulheit zum Trotz – lösen . Wie oft – wie oft , während ich mich in der nichtswürdigen Praxis des Tages abängstete und abwütete , habe ich an eine Kröte gedacht , die seit einigen Jahrtausenden irgendwo in einem Steine eingeschlossen sitzt , wie oft habe ich mich an den alten Freund Peter Schwanewede in Pilsum erinnert , und wie ungemein hat mir beides Trost und Stärkung im Kummer verliehen und Nachlaß im Verdruß und Abnahme der Wut zuwege gebracht ! Peter , nicht wie ein alter Justizrat , sondern wie der jüngste der modernen Poeten , der seinen Velocipegasus zu einer Dichterfahrt gesattelt hat , sitze ich auf . Die buntesten Schwärme des Lebens wo möglich sollen sich über dieses Blatt drängen , und es kitzelt mich , wenn ich daran denke , daß ich Dich zwinge , ihnen mit flimmernden Augen nachzustieren . Wenn Du mir wieder schreibst , wirst Du Dir zwar einbilden , wie eine gotische Kirche auf einen Jahrmarkt voll Buden , Hanswürste , Bratwürste , Riesendamen und sonstiger Meßraritäten herunterzusehen , aber das tut nichts – das tut gar nichts ! Solange Du mir nicht mit Deinem Heer steinerner Heiligen auf den Kopf fällst , gönne ich Dir das Vergnügen . Peter , ich verkehre wieder einmal mit Querian , und – ich bin einem Menschen begegnet : einem Menschen weiblichen Geschlechts – einem Weibe , und zwar einen , jüdischen Weibe , welches ich im Affekt oder bei schlechter Laune , ohne Widerspruch zu erfahren , Frau Baronin anreden darf ! – Nun wirst Du sicherlich fragen : Ist es denn überhaupt nötig , Menschen zu begegnen ? Kann man sich nicht an die Oster-Ems setzen , von gekochtem Seegras und gebratenen Quallen leben und Bengels Auslegung der Apokalypse studieren ? – Ich aber erwidere Dir , leider kann man das nicht , indem ich Dir mit Vergnügen zugebe , daß es eine Lust wäre , wenn das jeder könnte und wir da den Strand entlang einen stillvergnügten Haufen bildeten ; – es erzittert da übrigens wieder einmal ein buntgefiederter Pfeil , den [ 336 ] ich vor dreißig Jahren schon auf Deinen Lebenswandkalender abgeschossen habe und der noch immer drin steckt und Dich an mehr als eine fidel-zänkische Disputiernacht erinnern wird . Schwanewede , ich schmeichle mir , so gelebt zu haben , daß 99 Prozent meiner Mitgeborenen nicht imstande sind , mein Leben zu übersehen . Ich glaube , sicher und fröhlich mit dem , was die Welt augenblicklich an Kulturelementen aufzuweisen hat , rechnen zu können ; und auch ich habe mich damit abgegeben , Mücken zu seigen und die kleinsten und untergeordnetsten Tierarten zu Teufelsfratzen und Karikaturen zu magnifizieren . Aber ist das eine Kunst , aus einer Maulwurfsgrille durch ein Vergrößerungsglas ein Olimstier , ein vorsintflutlich Ungeheuer , und aus einer Raupe einen Leviathan zu machen ? Ich glaube nicht ; wohingegen , alter Peter , es wirklich eine Kunst ist , eine Nuß , die man knackte und hohl fand , wegzuwerfen und seine Meinung nicht darüber zu verhehlen ; denn die Welt verlangt das Gegenteil und verlangt , daß man gut von ihren tauben Nüssen rede , sie für voll nehme und ihren Kern lobe . O Du alter mystischer Nußknacker an der Nordsee , benutze meinen Brief jetzo noch nicht als Fidibus ; ich werde sofort protokollarisch klar werden , Dich mit meiner Judenmadam Salome Veitor bekannt machen und nachher erst wieder von Querian reden . Wie ein Mann , der zwischen seinen Haus- und Zimmerwänden , seinen Bücherbrettern und Aktenrepositorien sich wieder einmal den Maßstab , so der Mensch an sich selber legt , hatte fälschen lassen , ging ich vor drei Jahren in die Gerichtsferien , um mir meinen Standpunkt in und zu der Natur von neuem klarzumachen , und es gelang mir damals auf den Landstraßen des Thüringer Waldes . Ich war ein Riese geworden zwischen den Wänden meiner Schreibstube , und alle Garderobe der Gegenwart war mir den Winter über zu eng geworden . Es war die höchste Zeit , daß ich wieder einschrumpfelte und auf mein richtiges Maß zurückgedrückt wurde , und es geschah . Ewigkeit wurde mir wieder Zeit auf der Chaussee und ich selber wieder zu einem jovialen Touristen durch die Wälder , Höhen und Tiefen [ 337 ] der irdischen Vorkommnisse . Damals begegnete ich der Frau Salome zum erstenmal , und ich traf mit ihr zusammen , wie die Herrschaften im › Don Quixote ‹ , im › Tom Jones ‹ und im ' Gil Blas von Santillana ‹ zusammenkommen , nämlich im Wirtshaus – in der Schenke am Wege . Du liesest keine Romane mehr oder bist doch überzeugt , keine mehr zu lesen , Peter Schwanewede ; in dem einen wie in dem andern Falle spreche ich Dir mein Bedauern aus ; wir alten Juristen lesen leidenschaftlich gern Romane , wenn wir es gleich häufig nicht gern gestehen wollen . Und meine Bekanntschaft ist eine Roman- , das heißt Landstraßen- und Wirtshausschildbekanntschaft . My landlord oder el señor huésped mit der weißen Schürze und der Zipfelkappe , › die größte Plaudertasche von ganz Asturien ‹ , steht unter seinem Schilde in der Tür und sieht nach seinen Gästen aus . Da steigen Staubwolken in der Ferne auf , Reiter auf englischen Stutzschwänzen oder katalonischen Langschwänzen sprengen heran , die Glocken der Maultiere klingeln , schwerfällige spanische Karossen ächzen langsam her , und ein schon in der Kneipe vorhandener Gast ist zu dem Herrn Wirt in die Pforte getreten und ist mit ihm gespannt auf die neue Kundschaft . Wer kommt ? Ist es die Prinzessin Mikomikona ? Ist es der Hauptmann aus der Berberei mit der schönen Zoraide ? Ist es Miss Sophia Western mit Mrs. Honour oder gar der Pretender auf dem Marsche von Falkirk nach dem Feld bei Culloden ? Ist es der Korregidor von Valladolid oder nur ein Trupp seiner nicht nur grausen , sondern auch groben Alguazils ? Es können sehr Vornehme Leute , aber auch das nichtsnutzigste Bettler- und Vagabondenvolk , ja es können sogar auch Schaf- und Schweineherden sein , die da kommen . Diesmal ist ' s einfach eine zweispännige Landkutsche , und Staubwolken gibt ' s auch nicht ; es regnet fürchterlich , und der Wirt schickt den Hausknecht mit einem alten Regenschirm an den Wagenschlag , um die aussteigende , das heißt vor der Sintflut sich rettende Dame trocken in sein Haus zu schaffen . Lieber Peter , das Genie macht die Fußtapfen , und das nachfolgende Talent tritt in dieselben hinein , tritt sie aber schief : ich [ 338 ] kann so grob wie Du gegen die Leute sein , aber nie mit der originalen Wirkung wie Du . Dir dreht man einfach den Rücken zu mit mir fängt man , aller Bärbeißigkeit ohngeachtet , eine Unterhaltung an . Du sitzest in Pilsum fest , und ich beziehe alle Jahre ein Sommerquartier im Gebirge und Verkehre mit der Menschheit . Du besitzest die geniale Grobheit , die nur sich selbst ausspricht ; ich als harmloses Talent werde stets einen großen Verkehr haben und an den Einsiedler an der Ems lange Briefe schreiben . Du zwingst ein halb Dutzend Menschen , von Dir zu reden ; ich bringe alle Welt dazu , mit mir zu schwatzen . Sagt die Dame : › Dieses ist ein entsetzliches Reisewetter , mein Herr . ‹ – Murre ich zutunlich : › Himmeldonnerundhagel , sitze ich hier nicht seit anderthalb Tagen fest ? ‹ – Sagt die Dame höflich und lächelnd : › Das sieht man Euch an , Señor ; sowie auch , daß es nicht das erstemal ist , daß Euch das Wetter und Schicksal in die richtige Lebensstimmung hineinschüttelten . ‹ › Hm ‹ , antworte ich , › wie verstehen Euer Gnaden das , und was weiß Dero glatte Stirn davon ? ‹ › Hm ‹ , versetzt die schwarzhaarige Señora , › ich komme heute zwar im Zweispänner ; aber ich bin eine gute Reiterin , reite jedoch nicht schneller als die andern . ‹ › Und die Sorge hält deshalb Schritt , Madam ; – ich erlaube mir , mich vorzustellen : mein Name und Titel ist Justizrat Scholten aus Hannover . ‹ Da hatten wir ' s ; – die Bekanntschaft war gemacht und – dauert noch fort ! – Die Señora gibt mir ihren Namen , Rang und Titel bekannt , und ich rücke zu am Tische , was Du in Pilsum nicht getan haben würdest . Der Wirt bringt den Kaffee , und die Frau Salome sagt : › Ein jeder Mensch hat , meiner Erfahrung nach , seine eigenen Hausmittel , um die schlimmen Stunden zu überwinden ; darf ich nach den Ihrigen fragen , mein Herr Justizrat Scholten aus Hannover ? ‹ Giftig schnurre ich : › Was halten Euer Gnaden von dem gemütlichen Troste : achtzig Jahre wirst du unbedingt alt und begräbst ohne allen Zweifel alles , was dich heute ärgert ? ‹ Würdest Du dieses nun gesagt haben , so hätte man dem Kellner [ 339 ] gewinkt und sein Service auf einen entfernten Tisch haben stellen lassen ; – an mich rückt man nur dichter heran und meint mit zärtlichem Behagen und einem Blick auf den Landregen vor den Fenstern : › Mein bester Herr Justizrat , es ist mir höchst angenehm , Ihre werte Bekanntschaft gemacht zu haben ! Haben wir nicht vielleicht denselben Weg fernerhin ? Dieses würde mich ebensosehr freuen . ‹ Peter Schwanewede , wir haben so ziemlich von dieser Begegnung an den nämlichen Weg gehabt , ich und die Frau Salome Veitor , und wenn einem in seinem Bekanntenkreise durchgängig nichts schwerer gemacht wird , als seiner Natur zu folgen , so machen wir , die Frau Salome und ich , uns das so leicht als möglich . Nun haben wir heute zum erstenmal in dieser Saison einander wiedergetroffen , und zwar am alten Brocken . Die Frau hat noch immer nicht wieder gefreit ( sie war bereits Witwe , als ich sie kennenlernte , und ich machte sofort den Versuch , sie nach Pilsum zu dirigieren , und schilderte ihr die Gegend sowie die dort hausenden Menschen , Dich , Peter , eingeschlossen , äußerst verlockend ) und langweilt sich aufs sträflichste . Sehr dankbar nimmt sie es auf , wenn ein vernünftiger Mann sich mit ihr einläßt , einen Sommernachmittag mit ihr vertrödelt und ihren Weibergrillen und Phantasien irgendeine feste Direktion gibt . Die Frau hat entsetzlich viel Langeweile und ist – bei den unsterblichen Göttern sei es gesagt ! – über der Welt Eitelkeit so erhaben wie je ein tüchtiger und verständiger Mann , und da habe ich sie denn heute mit nach meinem Dorfe genommen und sie mit Querians Kinde bekannt gemacht . Seit dieser Dritte in unserem Lebensbunde eine Närrin fand , die sich bereitwillig zeigte , in ehelicher Verbindung mit ihm diesem armen Geschöpfe den Fluch Adams aufzuladen , hast Du ihn nicht zu Gesicht bekommen , unsern Freund Querian , wohl aber ich ziemlich häufig , und ein Vergnügen ist das nicht . Nun ist das Kind , die Eilike , dreizehn Jahre alt und der Alte toller denn je . Du kennst zwar meine Ansicht , daß es bei den Mädchen absolut nicht darauf ankommt , ob sie etwas gelernt haben oder nicht , sondern ob sie einen Mann kriegen oder ledig bleiben . Wissen [ 340 ] und Kunst und Schönheit tun da nichts zur Sache ; wenn wo das Schicksal rücksichtslos und allmächtig sich zeigt , so ist das hier , und die Frauenzimmer ahnen das auch instinktiv und nehmen und geben sich mit zierlichster Brutalität selber als das Schicksal . Die Egoistinnen , die so viel ahnen , haben durchaus keine Ahnung davon , welch eine Sorge sie selbst einem alten Junggesellen wie ich durch ihr bloßes Vorhandensein machen können . Nun ist da die Eilike , das Kind eines andern Mannes – geht mich im Grunde nicht das geringste an und verursacht mir doch mehr schlaflose Nächte , als ich selbst mit meiner ziemlich kräftigen Körperkonstitution ertragen will . Ich sage Dir , eine verwahrlostere und hülflosere Kreatur als diese Eilike Querian gibt es auf Erden nicht , und Querian selber treibt es ärger denn je . Und seine Verrücktheit ist ansteckend ! Wie wir vor dreißig Jahren schon uns mit Macht dagegen zu wehren hatten , daß wir nicht mit in seine Tollheitsstrudel hineingerissen wurden , so habe ich mich manchmal heute noch dagegen zu stemmen . Das Bergvolk aber am hiesigen Ort hält ihn für den Mann mit den Schlüsseln zu allen Gängen und Pforten der Unterwelt . Es ist mir nicht unerklärlich , woher er die Mittel , sein Leben und verrücktes Treiben so fortzuführen , nimmt ; aber ein Elend und Verdruß ist es . Durch die Dorfschule ist das Kind des Narren zwar gelaufen ; aber selbst der Schulmeister , mein guter Freund und Nachbar , ist sich nicht klar , ob es ihm gelungen ist , ihm das Lesen und Schreiben beizubringen . Dazu hungert das Geschöpf und schläft auf Stroh , und der Alte läßt es nackt Modell stehen . Seine Wege gehen nicht durch die Haustür , sondern durch das Fenster , über das Schindeldach an einem Baumast hinunter ; und so ist es auch heute gekommen , und so hat es meine Freundin , die Frau Salome , kennengelernt . Nun frage ich Dich , Peter Schwanewede ( und das ist der bittere innerste Kern dieses vielschmackigen Briefes ! ) , soll und darf ich unsern Freund und Jugendgenossen Karl Ernst Querian ins Irrenhaus stecken lassen oder nicht ? – – Reif dazu scheint er mir zu sein , und es ist nur die Frage , ob gerade wir beide dazu berufen sind , ein endgültiges Urteil über [ 341 ] diese seine Reife abzugeben . Du weißt nur zu gut , Peter , wie wir drei von jeher ein jeglicher über den andern dachten . Du weißt , wie häufig unser Freund uns seine Meinung über uns in dieser Richtung nicht vorenthalten hat . Du weißt , wie oft er selber uns für ganz verrückte Narren erklärte , und – Schwanewede – ich , der ich doch ein Geschäftsmann bin , in des Lebens Praktiken und Kniffen ziemlich Bescheid weiß und mir selten ein X für ein U machen lasse oder , was noch mehr für meinen gesunden Verstand spricht , es mir selber mache ich fasse die heikle Frage , je älter ich werde , mit desto spitzeren Fingern an . Peter von Pilsum , ich habe noch nie in meinem Leben vor einer größeren Verantwortlichkeit gezögert ! Meine kluge , klare hebräische Freundin , die unsern vortrefflichen Querian bis jetzt noch nicht persönlich kennengelernt hat , sondern nur seine Erziehungsresultate an seinem Kinde , hat mir den Vorschlag getan , ihn nach Rom zu spedieren , und es ist nur schade , daß sie diesen Vorschlag uns und ihm nicht vor dreißig Jahren machte . Sie will das Kind zu sich nehmen und ihm eine menschenwürdige Existenz schaffen . Beim Blute der Götter , ich habe sie eben auf den Weg nach Hause gebracht und ihr gesagt , daß ich mich auf nichts einlassen könne , ehe ich nicht an Dich geschrieben und Deine Ansicht gehört habe . Sehr freundlich wäre es von Dir , steht aber wohl nicht zu erwarten , daß Du auf vierzehn Tage den Bengel , den Böhme und den Swedenborg zuklappst , die Eisenbahn zu erreichen suchest , hierherkommst und Dich auf einen Tag mit unserem in Frage stehenden Freunde und Patienten zusammensperrst ? ! Es ist meine Pflicht gegen Querian , Dir auch dieses in Überlegung und unter die Füße zu geben . Zu einem Entschluß müssen wir kommen ! Dein Freund Scholten . « Dem Justizrat war über diesem Schreiben mehrmals die Pfeife ausgegangen . Jetzt stand er auf , ging zum Fenster und blickte eine ziemliche Weile auf den mondbeschienenen Kirchhof hin . [ 342 ] » So gehen die Gespenster um « , murmelte er . » Und dann spricht man noch Von klaren Köpfen und tut sich was zugute auf seine fünf gesunden Sinne ! « Neuntes Kapitel [ 343 ] Mit einer schlängleingleichen Behendigkeit war die Eilike in ihr Dachfenster geglitten ; man vernahm kaum ein Geräusch ihrer Bewegungen , und selbst dann kaum , als sie Von dem Fenster auf den Fußboden ihrer Kammer sprang . Der Mondschein glitt ihr fast nicht geräuschloser nach . Das Mädchen hatte sonst den Schlaf der Tiere , die , wenn sie satt und nicht auf der Jagd sind , auch sonst nicht gehindert werden , sich zusammenrollen und die Augen zudrücken . Damit war ' s in dieser Nacht nichts . Auf ihrer Bettstatt sitzend , löste Eilike mechanisch ihre Haare , um sie dann fester und zierlicher von neuem zu flechten , und sah sehr ernst und nachdenklich in den immer mehr den Raum mit seinem Lichte füllenden Mond . Aus ihrem Schlummer in der Stube des Paten und Justizrats Scholten erwachend , hatte Eilike Querian die Frau Salome gegenüber am Tisch Vor sich gesehen , und das Bild der schönen jüdischen Baronin war ' s , was sie munter hielt auf ihrem Strohsack . Wir haben erzählt , wie das junge Mädchen damals jach sich aufrecht setzte , die blonden Haare zurückstrich und die schöne Dame anstarrte ; – damals hatte sich inmitten ihrer verwahrlosten Seele auch etwas mit einem heftigen Sprunge aufgerichtet , und das stand noch aufrecht und starrte nun aus sehnsüchtig funkelnden Augen in eine neue Welt . Nicht eine Bewegung , nicht ein Wort der eleganten Dame war verlorengegangen , und wenn die Tochter Querians den Sinn der Worte nicht begriff , so war es doch schon allein der Ton , der Klang der Stimme , der sie im Tiefsten aufregte und jeder Fiber ihres Wesens ein Mit- und Nachklingen abzwang . [ 343 ] » So möchtest du aussehen ! So möchtest du sprechen ! « In diesen beiden Ausrufen zog sich gierig das bekümmerte Herz Eilikes zusammen , und als nun der alte Pate Scholten polternd nach seinem halben gebratenen Huhn und seinem Topf mit