und munter trat er in die heiße , dampfvolle Stube ein , und dicht auf den Hacken schlich ihm Albrecht nach . » Herr Meister « , rief der Einarm lachend , » bei der Finsternis da draußen suche Ihm ein anderer Seine nächtlichen Spukmusikanten . Hier der Musketier Bodenhagen ist mein Zeuge , daß die Innerste so sanft dahinfließt , als hätte sie niemals ein Mühlenrad getrieben oder einem Müller die gute Laune verdorben . Und das muß ich auch sagen , das Gespensterhafteste , was man heute abend zu sehen kriegen kann , sind die Käsegesichter , welche die löbliche und angenehme Vetternschaft allhier durch den Nebel schneidet . Hab ich recht , Jungfer Papenberg ? « Die Jungfer Papenberg antwortete dem lustigen Invaliden nicht , Ihr war ' s genug , daß sie den Bräutigam heil und ganz von der gefährlichen Expedition wieder hinter den Ofen ziehen konnte . Der alte Müller Bodenhagen sagte aber ruhig : » Er hat sich eine vergebliche Mühe gemacht , Musjeh . Meine Schuld ist es nicht , Korporal Brand . Das Wasser schreiet wohl , aber sehen lasset sich selten etwas , und das ist auch das beste . « Die anwesende Gesellschaft , die trotz allem vollauf genügenden Grauen und Grusel gehofft hatte , von den beiden mutigen Kriegsleuten noch etwas Graulicheres zu vernehmen , fühlte sich getäuscht , wenngleich niemand dieses zu sagen wagte . Es ist still geblieben , und die Freundschaft von Groß-Förste , die am Nachmittage auf dem Wiesenwege angekommen war , stieg nach einem bedrückten Abschiede auf den Leiterwagen und fuhr wieder ab auf dem Fahrwege . Ebenso die Vetternschaft aus Harsum und aus Pattensen . Als der junge Müller seine Braut auf den Wagen hob , erschien sie ihm beim Lichte der Laternen merkwürdig bleich , und sie schluchzte auch : » O Albrecht , ich werde toll , wenn ich erst ganz bei dir bin und einmal allein sitze und die Innerste schreit ! « » Binde dir selber keine Dummheiten auf und laß dir keine aufbinden ! « lachte der Bräutigam , doch klang sein Lachen gar nicht lustig . Was der Göttingensche Hofrat und Professor zu dem Rate des Korporals Jochen Brand gesagt haben würde , können wir leider nicht wissen : seine Ansicht darüber wäre uns aber sicherlich höchst willkommen gewesen . Siebentes Kapitel » Den Ersten nennen wir bei der Fahne den Weckauf , der gehe auf Sein Wohl bergunter , Meister Müller . Den Zweiten nennen wir den Nebeldrücker ; diesen bringe ich Ihr zu , Frau Meisterin , und verhoffe , daß Ihr kein Nebel in diesem Jahre den Dampf antue . Den Dritten nennen wir den Lerchentriller , und den trinke ich zum Schluß auf dein Wohl , Musketier Bodenhagen . Von den Lerchen ist freilich gegenwärtig noch nicht viel zu sehen und zu hören in der Luft – es sieht mir vielmehr nach einem ordentlichen Schneefall aus . Aber einerlei , ein Soldat marschiert mit gleichem Mut durch jedes Wetter ; also habt allesamt Dank für eure kompläsante Aufnahme und fürs gute Quartier ; und Ihm , Meister Müller , wünsche ich noch ganz apart beiseite , daß Er recht behalte und daß das , was Er da eben so grausamlich vollführet hat , Ihn und Sein Hauswesen vor allen Halunken von Geistern und Gespenstern schütze und nicht bloß vor denen , die in Seinem Mühlwasser ihr heimtückisch Wesen treiben . « Also sprach am anderen Morgen gegen neun Uhr der Korporal Jochen Brand , und der Meister Christian entgegnete ihm : » Seinen Wunsch will ich annehmen und gelten lassen , obgleich Er ihn wohl ein wenig feiner hätte vorbringen können . Sonst aber hat Er mir ganz wohl gefallen , Korporal , und es freut mich , daß mein Junge unter Seinen Stock unterm Volk geraten ist . Das Quartier war gern gegeben , und wenn Ihn Sein Weg schon nochmals hier vorbeiführen wird , so erinnere Er sich , daß ein Teller für Ihn ohne Maulverziehen mit Satisfaktion auf den Tisch gestellt wird . « » Das ist ein Wort , Herr Vater , und ich bin der Mann zu dem Teller , Meister Müller . Aber nun adjes , Frau Mutter und Kamerad Albrecht ! Bleibt gesund und munter . Beiläufig , es ist doch ein Gaudium , so frank und frei auf jeder Landstraße marschieren zu dürfen , ohne vor dem Colignon und seinen Leuten Bange zu haben . Da sieht man , wozu eine französische Kanonenkugel am richtigen Fleck nutze ist . Bonjour ! « Sie standen während dieser Reden alle auf dem Mühlenstege , der über die Innerste auf den Feld- und Wiesenweg nach Groß-Förste führte , und der Meister Christian Bodenhagen hielt im Arm die dickbäuchige Branntweinflasche , aus welcher er dem muntern Gast und braven Invaliden Seiner Majestät in Preußen zum fröhlichen Abschied den Weckauf , den Nebeldrücker und den Lerchentriller eingeschenkt hatte . Aber auf diesem nämlichen Stege hatte er , der Alte , im Augenblick vorher ein anderes nach seinem Vornehmen ins Werk gerichtet , was auch des Erzählens wert ist . Wenn das Wasser , die Innerste , geschrieen hat , so will sie ihren Willen haben , und wehe ! wenn sie den nicht kriegt . Ein lebendiges Landtier fordert sie für ihren gierigen Hunger , und am liebsten ist ihr ein schwarzes Huhn ; weshalb , das weiß man nicht . Bekommt sie ihren Willen nicht in Zeit von vierundzwanzig Stunden , wird ihr das Huhn nicht mit gebundenen Füßen und Flügeln in den Rachen geworfen , so hilft sie sich selber . Sie versteht es , sich selber zu helfen , und holt sich einen Menschen – ohne Gnade und Gegenwehr einen Menschen ! – , und zwar noch in dem nämlichen Jahre . Manchmal wartet sie heimtückisch boshaft bis in die letzte Stunde ; aber sie erhascht ihr Opfer , und sollte es auch erst in der letzten Minute des letzten Dezembertages geschehen . Diesmal jedenfalls hatte sie ihren Willen gehabt ; der alte Müller an der Innerste , Meister Christian Bodenhagen , hatte die ganze Nacht hindurch ein zu seinem Unglück schwarzgefiedert Huhn , das ruhig und ahnungslos auf seinem Balken schlief , nicht aus seinen Gedanken und Träumen gelassen , und nun – hatte es die Innerste bereits wie der Colignon den Rekruten , auf welchen er ' s abgesehen hatte . Die Zuschauer hatten mit geheimem Schauder das elende Tier in der Mühlrinne zappeln gesehen und kreischen gehört – die Innerste hatte ihre Beute verschlungen , und selbst der Korporal Brand hatte es nicht gewagt , den Meister Christian auszulachen . Der Korporal hatte sogar dem jungen Müller leise den Ellenbogen in die Seite gestoßen und ihm hinter dem Rücken der Hand zugeflüstert : » Du ! Der König Fritze würde zwar über dieses auf französisch gelacht haben , doch mir ist ' s augenblicklich gar nicht lächerlich mehr . Nun ist mir doch wahrhaftig selber , als hätte ich gestern abend ein Geschrei gehört ! Alle Wetter , Musketier Bodenhagen , gib mir acht , daß du für dein Teil auch immer ein schwarz Huhn zur Hand hast , wenn du hier allein Herr und Meister sein wirst . Selbst wenn mir jetzo die Sonne auf den Weg scheinen täte , was sie nicht tut , so würde sie mir diese Narretei nicht aus dem Kopfe scheinen . Was ich gestern abend gesagt habe , behält eben doch seinen Sinn . Merk dir ' s , Kamerad ! « Darauf hatte der junge Müller seinerseits dem Korporal den Ellenbogen in die Seite gesetzt , aber nur stumm dazu geseufzt . Der einarmige Invalide verschwand auf dem Wege nach Groß-Förste im Morgennebel , und der Meister Christian sagte : » Jaja , Albrecht ; wärst du mir so wie der nach Hause gekommen , so hätt ' s mir auch besser gefallen . Das ist wenigstens ein Kerl und kein Windsack . Marsch an die Arbeit ! Was steht Er da und gafft , Junge ? « Die Mutter Bodenhagen trug die Flasche und das Glas in das Haus zurück , und allesamt gingen sie , ein jeglicher an sein Geschäfte . Es gab viele Arbeit in der nächsten Zeit , und das war für alle gut , besonders aber für den Haussohn , denn dem flog ' s recht häufig um Stirn und Nase gleich einer lästigen Fliege , die weder zu fangen noch zu verscheuchen war . Es ist gar nicht zu sagen , wie viele Leute sich auf die Hochzeit des jungen Müllers und der Jungfer von Papenbergs Hofe freuten und wie viele sich zu derselbigen geladen und ungeladen einfanden . Zu angesetzter Zeit , als die Welt wieder grün geworden war , fand sie statt , und es wurde eine große Lustbarkeit . Unter den ungeladenen Gästen fanden sich gottlob keine von denen , die Lieschen Papenbergs gute Freundinnen so gern aus den Feldlagern in Westfalen , Schlesien oder Böhmen hergebeten hätten . Die Sonne schien , die Geige schrillte , und der Brummbaß rumpelte dem Siebenjährigen Kriege und den Franzosen im Lande zum Trotze , und was das allerbeste war : die Innerste hat nicht die Pläsierlichkeit gestört , das Wasser hat nicht in die Lust hineingeschrieen . Das war auch für sie , die Innerste , das beste ; denn weder ein schwarz noch ein bunt Huhn wäre an dem Tage für sie auf dem Hofe zu finden gewesen . Groß und klein , jung und alt , waren sie in die Suppentöpfe gewandert – nicht ein einziges entging dem Messer der Hausmutter . Und die Männer sagten alle , eine so saubere Braut wie das Lieschen sei im ganzen Fürstentum Hildesheim nicht zum zweiten Male zu finden . » Ich suche auch gar nicht danach « , sprach der junge Meister , und der alte Meister rieb sich die Hände und murmelte : » Nun mag es doch noch gehen ; in sichere Zucht ist er anjetzo mit Gottes Hülfe gebracht . Ich habe das Meinige an ihm getan , und wann er jetzo dem Stabe Sanft parieren wird , so tue ich vor Johanni noch ein Letztes und gebe das Regimente ganz und gar ab . Der Alten wird ' s auch so recht sein . « So reden die Menschen von dem , was sie morgen – übermorgen – vor Johanni tun wollen ! Der Hochzeitsjubel ist verstummt in der Mühle ; den Brummbaß samt seinem Musikanten hat man am Morgen in zärtlicher Umarmung , und was den Musikanten anging , im tiefen Schlaf im Graben an der Straße nach Höhen-Hameln , und den alten Müller , den wackern Meister Christian Bodenhagen , in seinem Bette tot gefunden . Der Medikus aus Sarstedt hat ihn , den Meister , nachträglich zur Ader gelassen , jedoch ganz und gar vergeblich . » Es ist eben , auch nach der Errichtung der Universität Göttingen , immer noch ein eigen Ding mit diesen Schlagflüssen , Mutter Bodenhagen « , sprach der Doktor zu der in Tränen und Jammer aufgelösten alten Frau . » Zu schnell kann unsereiner da nie kommen . Halte Sie sich an den Trost , daß im vorliegenden Casu die ganze medizinische Fakultät der Georgia Augusta nicht mehr ausgerichtet hätte als wie ich . « Achtes Kapitel Auf einer Trommel saß der Held Und dachte seine Schlacht , Den Himmel über sich zum Zelt , Und um sich her die Nacht ; nämlich die Nacht vom vierzehnten auf den fünfzehnten August 1760 . Als es dämmerig wurde , stand das Heer in voller Schlachtordnung auf den Liegnitzer Hügeln ; die Österreicher rückten an gegen den linken Flügel der Preußen , und zwei Stunden später war wieder einmal alles anders gekommen , als ein bedeutender Teil Europas erwartet hatte . Der König Fritz von Preußen hatte die Welt wieder einmal in ein nicht ungerechtfertigtes Erstaunen versetzt und die Schlacht bei Liegnitz gewonnen . Der Hauptmann von Archenholtz , der als blutjunger Junker mit dabei war , sagt , daß der Morgen sehr schön war und daß die Sonne den blutigen Walplatz , die Leichen und Sterbenden hell beschien . Sehr hübsch schildert er auch , was nach der Affäre vorging : » Um fünf Uhr des Morgens , da die feine Welt in allen europäischen Ländern noch im tiefen Schlafe begraben lag und die arbeitenden Volksklassen sich erst von ihrem Nachtlager erhoben , waren hier bereits große Taten geschehen und vollendet . Man hatte einen wichtigen Sieg erfochten , der die Vereinigung der Russen und Österreicher hinderte und alle ihre auf die schlesischen Festungen gemachten Entwürfe vereitelte . Friedrich ließ auf der Stelle von der ganzen Armee ein Freudenfeuer machen , und sodann setzte er sich sogleich in Marsch ; ein Marsch , der durchaus einzig in seiner Art und erstaunenswürdig war , der Aufzeichnung so sehr wert , wie irgendeine große Begebenheit des gegenwärtigen Kriegs ; denn diese von der Blutarbeit abgemattete und von zahlreichen Heeren umringte Armee mußte ohne Rast und ohne allen Zeitverlust fortrücken und dabei alles eroberte Geschütz , alle Gefangenen und auch alte Verwundeten mitnehmen . Man packte die letzteren auf Mehl- und Brotwagen ; auch andere Wagen und Chaisen nahm man dazu , sie mochten gehören , wem sie wollten ; selbst der König gab die seinigen her . Auch die Handpferde des Monarchen und der vornehmen Befehlshaber wurden hergegeben , um die Verwundeten , die noch reiten konnten , fortzubringen . Die ledigen Mehlwagen schlug man in Stücke und spannte die Pferde vor die erbeuteten Kanonen . Von den feindlichen Gewehren mußte ein jeder Reiter und Packknecht eins mitnehmen . Nichts wurde zurückgelassen oder vergessen , erheblich oder unerheblich – es war Beute . Auch nicht ein einziger Verwundeter blieb zurück , weder von den Preußen , noch von den Österreichern , so daß um neun Uhr , vier Stunden nach geendigter Schlacht , dies so unvorbereitet neu belastete Heer mit dem ganzen ungeheuren Troß schon im vollen Marsche war . « Wir haben die Schilderung ganz abgeschrieben , denn es wird einem so reinlich , leicht und gewissermaßen freundlich dabei zumute , daß es eine wahre Lust ist . Und der Morgen war in der Tat sehr schön , und nicht bloß in Schlesien . Um diese neunte sonnige Morgenstunde , während der Alte Fritz mit seinem siegesfrohen Heere sich auf dem Marsche nach Parchwitz befand , sang in der Sarstedter Mühle eine helle Stimme , die aber mehr der arbeitenden als der feinen Welt Europas angehörte , fröhlich in den jungen Tag hinein . Die junge Müllerin sang , und die Räder der Mühle drehten sich lustig , die Innerste rauschte und glitzerte , und in dem kleinen Hausgarten grünte und blühte und duftete es . Die Vögel , die Blumen und die Bienen wußten so wenig wie die junge Müllerin , daß soeben der König von Preußen die Schlacht bei Pfaffendorf gewonnen hatte , und wenn jemand es ihnen gesagt hätte , würde es ihnen wahrscheinlich auch ziemlich einerlei gewesen sein . Die Vögel sangen , die Bienen summten , die Schmetterlinge flatterten um die Gartenblumen des achtzehnten Jahrhunderts , und die junge Müllerin sprang hell und glänzend in den Garten , um Petersilie zu pflücken , – was ging sie alle die Bataille bei Liegnitz an ? Es war jammerschade , daß der Sänger des Frühlings gerade vor einem Jahr bei Kunersdorf gefallen war ; er hätte die Müllerin sehen und den Sommer besingen sollen ! Es paßte alles zusammen : die junge Frau mitten unter dem Suppenkraut , das Herdfeuer , das man durch die offene Tür um den schwarzen Topf tanzen sah , die Bienen , die Vögel , die Blumen , das tanzende Rad , die Innerste und das grüne Weidengebüsch und die weiten , sonnigen Wiesenflächen jenseits der Innerste . Gleim lebte noch , aber er war damals noch nicht der alte Vater Gleim , sondern als Sekretär des Domkapitels von Halberstadt und des Stiftes Walbeck ein Mann in seinen besten Jahren und sang Kriegslieder : ihm hätte es damals nichts genutzt , das Hüttchen , das Flüßchen , die Wiese und den Garten , die Sonne und die junge Müllerin zu observieren . Es hat alles seine Zeit – auch in einem poetischen Gemüte ! Der tapfere Krieger singt von den Schäfern und Schnittern , der Herr Domsekretär von den preußischen Grenadieren , und wahrscheinlich ist ' s ganz das Rechte , erst der alte Vater Gleim zu werden und dann von Daphnis und Chloe zu singen – Anakreon soll ' s auch so gemacht haben . Der jungen Müllerin sah man ' s nicht mehr an , daß ihr Hochzeitstag sie in ein Trauerhaus eingeführt hatte . Sie trug zwar noch ein schwarzes Band auf der Haube , aber das war auch allein als äußeres Zeichen von jenem jähen Schrecken , der ihrer Brautnacht folgte , an ihr übriggeblieben . Und so war ' s in der Ordnung ! Die alte , ganz und gar schwarz gekleidete Frau drinnen im Hause , am offenen Fenster , die vor ihrem Spinnrade die Hände auf dem großgedruckten Gesangbuche gefaltet hielt , mochte hinter ihrer Hornbrille immer noch durch Tränen in den Sonnenschein hineinzwinkern : für die Jugend wollte es sich nicht schicken – das Leben war kurz , und der gegenwärtige Morgen gar zu schön ! Die junge Müllerin sang : » Geh aus , mein Herz , und suche Freud ! « , sie sang : » Die Bäume stehen voller Laub , Das Erdreich decket seinen Staub Mit einem grünen Kleide . Narzissen und die Tulipan , Die ziehen sich viel schöner an Als Salomonis Seide . « Aus Kleists Frühling war das nicht ; auch nicht ein Lied von Gleim und noch viel weniger aus einer Ramlerschen Ode . Paul Gerhardt hatte es vordem gesungen : » Die Bächlein rauschen in dem Sand Und malen sich an ihrem Rand Mit schattenreichen Myrten ; Die Wiesen liegen hart dabei Und klingen ganz vom Lustgeschrei Der Schaf und ihrer Hirten . « , und von dem lustig-lebendigen Rade her fiel eine Männerstimme in das Loblied des Sommers ein : der neue Herr der Mühle , Meister Albrecht Bodenhagen , sang mit , und er hatte allen Grund dazu ; denn es war eine schmucke Frau aus der Jungfer Papenberg geworden , er – Herr der Mühle an der Innerste oberhalb Sarstedt , und die Innerste war ein nahrhaftes Wasser : wer je Übles von ihr gesprochen hatte , der mochte die Verantwortung auf seine eigene Kappe nehmen . Ja , wenn nur drüben jenseits der Innerste im Weidengebüsch die Augen der Nixe nicht gewesen wären ! Der Müller Albrecht Bodenhagen hörte Paul Gerhardts Sommerlied durch das Geklapper seiner Mühle , durch das Rauschen seines Baches , und sein Herz klopfte auch immer lebendiger . Er hielt es nicht länger aus : » Die unverdroßne Bienenschar Fleugt hin und her , sucht hier und dar Sich edle Honigspeise ! « jauchzte er und kam auch in den Garten gesprungen . Die alte Frau am Fenster legte die Hand über die Augen zum Schutze gegen das Licht und schüttelte ob der lustigen Jagd , die jetzt um die Büsche anhob , den Kopf . » Drei Schritte vom Leibe ! « rief die junge Frau , mit beiden Händen abwehrend . » Wie eine Schleiereule sieht Er aus , ganz Groß-Förste hat seinen Spaß daran , wenn man solch ein weißgepudert Geschöpf im Kirchturm aushebt und die Jungen es im Dorfe herumtragen ! Rühr mich nicht an ! ich werfe dir unsern ganzen Garten an den Kopf , wenn du mir nahe kommst , du staubig Müllergespenst ! « Eine Handvoll Petersilie bekam er sofort ins Gesicht und nicht in die Suppe ; aber er griff doch zu und lachte : » Weshalb hat Sie einen Müller genommen , Jungfer Papenberg ? Einen Schornsteinfeger hättest du dir wohl lieber gefallen lassen , Lieschen ? « » Ich will nicht ! ich will nicht ! Mein Topf kocht über , und mein Brei brennt an , und über den Tisch schneidest du mir ein Gesicht ! « Sie brachte einen Johannisbeerbusch zwischen sich und ihren Verfolger . » Und ich fange dich doch , mein Schatz ! « rief der junge Meister . » Jawohl – ei freilich : mein Schatz ! Das hast du auch gelernt im Felde – Lieschen , mein Engel , meine Hertenstrompet , Meine Pauke , Standarte und meine Musket , – dazu hat dich der Colignon von der Landstraße mitgenommen . Nein , nein , ich will jetzt nicht ! Drei Stunden hat man nachher an sich zu fegen und zu bürsten . Mutter ! Hülfe , Mutter Bodenhagen ! « Das alte Weiblein beugte sich weiter vor aus dem grünumsponnenen Fenster , und über das verrunzelte Gesicht glitt doch ein vergnügliches Lächeln . In den Liebesstreit der jungen Leute mischte die Greisin sich aber doch nicht ein ; sie nickte nur mit dem Kopfe und murmelte : » Sind das schon fünfundvierzig Jahre her , seit mir mein Christian da durch dieselbigen Wege nachjagte ? « In der Rosenlaube , dicht am Zaun und Bach , fing der junge Meister in der Mühle seine Müllerin – » Geh aus , mein Herz , und suche Freud In dieser lieben Sommerzeit An deines Gottes Gaben ! Schau an der schönen Gärten Zier Und siehe , wie sie mir und dir Sich ausgeschmücket haben ! « Sie wußten in der Laube nichts von der blutigen Schlacht bei Liegnitz , die der König Friedrich und der Feldmarschall Laudon an diesem Morgen einander geliefert hatten , und sie wußten auch nichts von den zwei Augen drüben am andern Ufer der Innerste im Weidendickicht ! – Es waren oben im Harze in den letzten Tagen starke Gewitter niedergegangen , und infolge davon war der kleine Fluß nach seiner Gewohnheit wieder einmal eine gute Strecke in den Busch und das Röhricht übergetreten . Und inmitten des Busches , mit dem linken Arm sich um einen knorrigen Weidenstumpen klammernd , der vorgesetzte rechte Fuß vom Wasser überspült , stand ein junges Weib , vorgebeugt durch das Gezweig nach der Mühle lugend . Nicht häßlich , aber seltsam verwildert war die Erscheinung anzusehen . Rotes , brennend rotes Haar , hastig geflochten , war um eine fast männlich breite Stirn gewunden , und eine der Flechten hatte sich gar gelöst und hing über die vorgeneigte Wange . Schlank , fast hager , und gebräunt von Sonne , Wind und Wetter , in einem grauen Rock und grünem Jäckchen stand das Weib oder Mädchen da , und wunderlich , wunderlich ließ der Fuß im Wasser ! Wie sie so da stand , hätte sie daraus hervorgestiegen sein können ; es paßte alles zueinander in Gestalt und in Farbe : die Weiden und das Kleid der Lauscherin , das rote Haar und das gelbrote , trübe Wasser der Innerste , und vor allen Dingen zu allem die hellen , großen , grünblauen , kühlen Augen . Wer die Nixe der Innerste hätte malen wollen , der hätte diese Kreatur in sein Bild setzen müssen ! Und sie regte sich nicht , diese Erscheinung ! Der Wind rührte leise an die Weidenzweige über ihr , an die hohen Schilfdolden und die Blätter des Erlengebüsches um sie ; aber nur ein einzig Mal auf einen kürzesten Moment wehte er ihr die gelöste Flechte ganz über das Gesicht . Zu ihren Füßen – um ihren Fuß ! – regte sich und glitt leise die Flut der Mühle zu , und die Blasen – die Luftblasen vom Atem der Wassergeister stiegen auch wieder empor zur Oberfläche und zerplatzten im Lichte . Manche sagen , die Wassergeister sitzen drunten in der Tiefe gleich riesengroßen Fröschen mit glühenden Augen und atmen still und warten » auf Seelen « ; wir wissen das nicht und können nicht darüber nachsagen , und es ist nicht die Zeit , die rothaarige Lauscherin im Geröhricht danach zu fragen ; aber die Frösche haben nicht solche Augen wie diejenigen , mit welchen sie in den Mühlengarten sah und nun in die Laube am Zaun des Gartens hinübersieht . » Du Schelm ! « flüsterte der Meister Albrecht , und jetzt rührte sich das Weib im Ufergebüsch doch . Die Zweige , die Dolden und die Blätter um sie her erzitterten , der Fuß versank tiefer im Wasser und weichen Schlammboden , und – das war alles um den letzten mutwilligen Schrei , mit dem sich die Müllerin unter den Rosen gegen den Kuß des Müllers wehrte . Die weißen Tauben , die sich auf dem Hausdache gesonnt hatten , erhoben sich flatternd , und ihr Federspiel blitzte , als sie sich in der Morgensonne und in der blauen Luft um den Schornstein schwangen . » Du wilder Albrecht – wenn – du nun begraben lägest mit den tausend und tausend anderen – in einer Grube auf dem fremden Felde , wie der arme Barthold Dörries ? ! « flüsterte die junge Frau , und in demselbigen Augenblick lachte es laut im Weidengebüsch , und mit dem Lachen drang zugleich ein anderer Ton in die Laube herüber . Ein Rufen war es nicht ; auch ein Schreien nicht ; es war ein Lachen und Kreischen zu gleicher Zeit , und niemand konnte sagen , ob der Ton aus der Luft , aus dem Busch oder aus dem Wasser komme ! Die junge Frau wurde totenbleich in den Armen ihres Mannes . Dieser fuhr zusammen und ließ sein Weib los , und beide standen und horchten , und wieder erwarteten sie mit stockendem Atem und gefrierendem Blut , daß sich das zum zweitenmal vernehmen lasse . Vergeblich schien die Sonne morgendlich-schön und sommerlich-warm in den eiskalten Schrecken hinein . Vom Hause her schlug der Spitzhund an und bellte heftig und zornig gegen die Innerste hin ; aber ringsum blieb es still , und wiederum ließ sich die Stimme nicht zum zweitenmal hören . Die Innerste schrie nicht wieder ; diesmal aber hatte sie wirklich und wahrhaftig geschrieen – es war keine Sinnestäuschung gewesen ! » Um Gottes und Jesu willen , was war das ? « rief die junge Frau . » Hast du es denn auch gehört ? Ist es das , was dein Vater damals am Abend hörte ? Albrecht , Albrecht – Mann , Mann , es ist doch wahr ! Das Wasser hat gerufen wie ein böser Mensch in Angst und Zorn , und ich sterbe , wenn ich die Stimme noch einmal höre ! « Der jetzige Herr der Mühle war gleichfalls bleich geworden ; er preßte die Zähne zusammen und lachte heiser : » Sei still ! es ist doch eine Dummheit ! Sitze einen einzigen Augenblick still ; – diesmal fange ich den Halunken , der uns da in die gute Stunde hineingemeckert hat ! Er wird uns nicht wieder hohnnecken ; – ich werde ihm doch noch einmal den tollen Bodenhagen zeigen . « » Nein , nein ! Du gehst nicht von mir , Mann ! « Er war aber schon gegangen . Er hatte dem Hunde gepfiffen und sprang aus dem Garten der Mühle zu . Sein Lieschen sah ihn über den Mühlensteg laufen und in dem Busche jenseits der Innerste verschwinden . Ängstlich rief sie ihn noch einmal ; aber sie hörte ihn drüben nur » Such , such , Laudon ! « rufen und den Spitz bellen . Mit zitternden Knieen saß sie auf der Bank in der Laube und versuchte es , ein Vaterunser zu beten , kam aber vor Angst und Beben nicht weit damit . Sie saß halb bewußtlos in der Sonne ; alles – Bäume und Büsche und Blumen , die Wiesen und das Haus , wirrte sich ineinander ; – sie wollte nach der alten Frau im Hause rufen und vermochte es nicht . Eine Ewigkeit verging dem armen Weibchen , bis der Mann zurück von seiner Suche kam , und es waren doch kaum zehn Minuten , die er ausblieb ! Als sie ihn langsamen Schrittes über den Mühlensteg zurückschreiten sah mit dem Hunde hinter ihm , atmete sie tief auf ; sie sah noch immer durch einen blendenden , flimmernden Nebel , aber die Gegenstände ringsum nahmen doch wieder ihre gewohnten Plätze ein und hielten sich ruhig . Ihr Müller aber versuchte lustig auszusehen , als er durch den engen Gartenweg kam und sich mit dem Kopfe auf der Schulter und untergeschlagenen Armen vor sie hinstellte . » Kein Jägersmann , dem man Glück zur Jagd gewünscht hat , kommt mit leererer Tasche zurück , Liese ! « sagte er . » Es ist eine Dummheit , und es bleibt eine Dummheit . Mein Trost ist nur , daß es nicht meine Sache ist , einen Menschenverstand in den Weiberschnickschnack und die Spinnstubenhistorien hineinzubringen . « » Du hast nicht gefunden – gesehen , was da lachte ! O Herr Jesus ! « Meister Albrecht schüttelte den Kopf . » Weit und breit nichts zu sehen als der Busch und die Wiesen , und nichts zu hören als der Wind im Busch ! Der Satan finde aber auch mal einen , der es darauf ablegt , sich in dem Röhricht zu verstecken . Und der Laudon ist zu gar nichts nutze , der Korporal Jochen hat recht , Sackville sollte er heißen , und wir wollen uns einen Köter mit einer feineren Nase anschaffen zu deiner Beruhigung , Lieschen . Wahrhaftig , da läuft ihr noch eine Träne über die Backe . Jetzt tu mir den einzigen Gefallen , guck wieder auf . Morgen lege ich Fußangeln das ganze Weidicht durch , und ich gebe dir mein Wort , das nächste Mal fangen wir das Geschrei . Nach Sarstedt vors Gericht