Setzt Euch neben mich . « Jenatsch betrachtete begierig die vorzügliche Etappenkarte und fand sich schnell zurecht . Er entwarf dem Herzog mit wenigen scharfen Zügen ein Bild der geographischen Lage seiner Heimat und ordnete ihr Tälergewirr nach den darin entspringenden und nach drei verschiedenen Meeren sich wendenden Strömen . Dann sprach er von den zahlreichen Bergübergängen und hob , sich erwärmend , mit Vorliebe und überraschender Sachkenntnis deren militärische Bedeutung hervor . Der Herzog war mit sichtlichem Wohlgefallen und steigendem Interesse der raschen Auseinandersetzung gefolgt , jetzt aber erhob er sein mildes , durchdringendes Auge zu dem neben ihm stehenden Bündner und ließ es nachdenklich auf ihm ruhen . » Ich bin ein Kriegsmann und rühme mich dessen « , sagte er , » aber es gibt Augenblicke , wo ich diejenigen glücklich preise , die dem Volke predigen dürfen : › Selig sind die Friedfertigen . ‹ Heutzutage darf nicht mehr dieselbe Hand das Schwert des Apostels und das Schwert des Feldherrn führen . Wir sind im Neuen Bunde , Herr Pastor , nicht mehr im Alten der Helden und Propheten . Die Doppelrollen eines Samuel und Gideon sind ausgespielt . Heute warte jeder in Treue des eignen Amtes . Ich achte es für ein schweres Unglück « , hier seufzte er , » daß in meinem Frankreich die evangelischen Geistlichen durch ihren Eifer sich hinreißen ließen , die Gemüter zum Bürgerkriege zu erhitzen . Sache des Staatsmannes ist es , die bürgerlichen Rechte der evangelischen Gemeinden zu sichern , Sache des Soldaten , sie zu verteidigen . Der Geistliche hüte die Seelen , anders richtet er Unheil an . « Der junge Bündner errötete unmutig und blieb die Antwort schuldig . In diesem Augenblicke erschien der Page mit der ehrerbietigen Meldung , die Reisebarke des Herzogs sei zur Abfahrt bereit , und Rohan beurlaubte die Freunde mit einer gütigen Handbewegung . Auf dem Heimritte erging sich Waser in Betrachtungen über die politische Rolle des Herzogs , der gerade damals seinen protestantischen Mitbürgern in heimischer Fehde einen ehrenhaften Frieden erkämpft hatte . Er meinte , freilich werde derselbe von kurzer Dauer sein und fand Gefallen daran , die Lage Rohans und der französischen Reformierten seinem Freunde mit den dunkelsten Farben zu malen . Er schien etwas empfindlich und verdüstert , daß seine Person vor dem Herzog neben Jürg sehr zurückgetreten , ja gänzlich verschwunden war . – Seit Heinrich IV. , behauptete er , setze sich die französische Politik zum Ziele , die Protestanten in Deutschland gegen Kaiser und Reich zu schützen , den Reformierten im eigenen Lande dagegen den Lebensnerv zu durchschneiden . Sie trachte , durch Wiederherstellung der staatlichen Einheit Kraft zum Vorstoß nach außen zu gewinnen . Es ergebe sich daraus das seltsame Verhältnis , daß die französischen Protestanten unterliegen müßten , damit den deutschen die diplomatische und militärische Hilfe Frankreichs , deren sie höchlich bedürften , gesichert bleibe . – So schwebe über dem Herzog trotz der Hoheit seiner Stellung und seines Charakters das traurige Verhängnis , seine Kraft in unheilbaren Konflikten aufzureiben und am Hofe von Frankreich immer mehr den Boden zu verlieren . Jetzt bringe er wohl Weib und Kind nach Venedig , um bei dem nächstens neu ausbrechenden Sturme freiere Hand zu haben . » Du bist ja ein durchtriebener Diplomat geworden ! « lachte Jenatsch . » Aber findest du es nicht in dieser Ebene entsetzlich schwül ? Dort steht eine Scheuer ... wie wär ' s , wenn wir unsere Tiere eine Weile im Schatten anbänden und du dein weises Haupt ins Heu legtest ? « Waser war einverstanden und in kurzer Frist hatten sich beide auf das duftige Lager ausgestreckt und waren entschlummert . Als der junge Zürcher erwachte , stand Jenatsch vor ihm , mit spöttischen Blicken ihn betrachtend . » Ei , Schatz , was schneidest du denn im Schlafe für verklärte Gesichter ? « sagte er . » Heraus mit der Sprache ! Was hast du geträumt ? Von deinem Liebchen ? « » Von meiner innig verehrten Braut , willst du sagen . Das wäre nichts Ungewöhnliches ; aber ich hatte in der Tat einen wunderbaren Traum ... « » Jetzt weiß ich ' s ... Dir träumte , du seiest Bürgermeister von Zürich ! « » So war es ... merkwürdigerweise ! « sagte Waser sich sammelnd . » Ich saß in der Ratsstube und hielt Vortrag über Bündnerdinge – über die Bedeutung der Feste Fuentes . Als ich geendet , wandte sich das nächstsitzende Ratsglied gegen mich mit den Worten : › Ich bin ganz der Meinung Seiner Gestrengen des Herrn Bürgermeisters . ‹ Ich sah mich nach diesem um ; aber siehe , ich saß selbst auf seinem Stuhle und trug seine Kette . « » Auch mir hat geträumt « , sagte Jenatsch , » und recht seltsam . Du weißt , oder weißt nicht , daß in Chur ein ungarischer Astrolog und Nekromant sein Wesen treibt . Mit diesem Gelehrten hab ich mich während der letzten langwierigen Synode nächtlicherweile eingelassen , um zu sehen , was an der Sache sei . « » Um Himmels willen , Astrologia ! . . . Und du bist ein Geistlicher ! « rief Waser entsetzt . » Sie vernichtet die menschliche Freiheit und diese ist die Grundlage aller Sittlichkeit ! – Ich bin ein entschiedener Bekenner der menschlichen Freiheit ! « » Das ist brav von dir « , fuhr der andere unbeirrt fort . » Beiläufig gesagt , es gelang mir nicht , aus dem Hexenmeister etwas Festes und Faßbares herauszubringen . Entweder wußte er nichts , oder er fürchtete von mir verraten zu werden . – Vorhin im Traume aber sah ich den Mann wieder vor mir und setzte ihm in zorniger Ungeduld den Dolch auf die Brust , um mein Schicksal zu erfahren . Da entschloß er sich , es mir zu zeigen , und zog mit den feierlichen Worten : › Dieser ist dein Schicksal ! ‹ den Vorhang von seinem Zauberspiegel . Anfangs sah ich nichts als eine helle Seelandschaft , dann trat eine grünbewachsene Mauer hervor und da saß , die Karte von Bünden vor sich , mild und bleich , wie wir ihn eben gesehen haben , der Herzog Heinrich Rohan . « Sechstes Kapitel Sechstes Kapitel Unter diesen Gesprächen waren die Freunde auf der staubigen Landstraße , die durch das Veltlin hinaufführt , eine gute Strecke weitergetrabt und schon erglänzten in der Ferne das Schloß und die Mauern von Morbegno . Jetzt blickte Jenatsch scharf auf die letzte Windung des in weitem Bogen nach dem Städtchen laufenden Weges . Dort bewegte sich langsam ein kleiner brauner Reiter . » Bravo « , rief der Bündner , » da machst du eine prächtige Bekanntschaft ! Dort kommt der Pater Pancrazi , voreinst – das ist vor einem Jahrzehnt – Almenserkapuziner und Beichtiger der Nönnchen von Cazis . Wir haben ihm sein Kloster aufgehoben . Wären unsere Kapuziner alle so gute Bündner wie er , und so witzige Gesellen , man hätte sie unbehelligt gelassen . Seither hat er sein Unterkommen in einem Ordenshause irgendwo am Comersee gefunden und führt hierherum , predigend und terminierend , ein fahrendes Leben . « » Er ist mir nicht unbekannt « , erwiderte Waser . » Voriges Jahr kollektierte er in Zürich für die verarmten Überbliebenen eurer verschütteten Stadt Plurs und betonte mit beweglichen Worten als die gute Seite solcher Verheerungen , daß man sich in diesen Jammerfällen über die Scheidewand der Konfessionen hinweg christlich die Bruderhand reiche . Kurz nachher aber kam mir eine gedruckte Bußpredigt von ihm zu Gesichte , worin er – zu meinem ärgerlichen Erstaunen – in der derbsten Sprache behauptet , der Bergsturz sei ein warnendes Gericht und eine göttliche Strafe für die Duldung der Ketzerei . Das heißt in sträflicher Weise mit zwei Zungen geredet . « » Wer wird das einem Kapuziner und praktischen Manne verdenken ! « lachte der andere . » Sieh , er setzt sein Eselchen in Trott , er hat mich erkannt . « Der Kapuziner trabte auf seinem Tiere , das neben ihm noch zwei volle Körbe trug , so rasch heran , daß der Staub in Wirbeln aufflog . Aber die lustige Begrüßung , die Waser erwartete , blieb aus . Pancrazis kurze Gestalt drängte hastig vorwärts und streckte ihnen die Rechte mit abmahnender Gebärde entgegen als bedeute er die Reisenden , ihre Maultiere zu wenden . Nun hatte er sie fast erreicht und rief ihnen zu : » Zurück , Jenatsch ! Nicht hinein nach Morbegno ! « – » Was bedeutet das ? « fragte dieser ruhig . » Nichts Gutes ! « versetzte Pancratius . » Wunder und Zeichen geschehen im Veltlin , das Volk ist aufgeregt , die einen liegen in den Kirchen auf den Knieen , die andern laden ihre Büchsen und wetzen ihre Messer . Zeige dich nicht in Morbegno , kehre nicht auf deine Pfarre zurück , wende dein Tier und flüchte nach Chiavenna ! « » Was ? Ich soll mein Weib im Stiche lassen ? « fuhr Jenatsch auf , » meine Freunde nicht warnen ? Den braven Alexander und den redlichen Fausch auf seinem Bergdorfe Buglio ? Nichts da ! Ich reite zurück – natürlich das Städtchen umgehend über die Adda . Mein Kamerad hier , Herr Waser von Zürich , kennt keine Furcht ... und du , Pancrazi , tust mir den Gefallen und kommst mit . Du nächtigst bei mir . Meine Berbenner sind nicht so gottverlassen , daß sie des heiligen Franziskus Kutte nicht in Ehren hielten . « Nach kurzem Besinnen willigte der Kapuziner ein . » Meinetwegen , am Ende ! « sagte er . » Heute bin ich dein Schutzpatron , ein andermal bist du der meinige . « So ritten sie , was ihre Tiere laufen konnten , nach Berbenn hinüber und wie wenig Waser auch diese wilden Ereignisse zusagten , er machte gute Miene und rechnete es sich zur Ehre , das ihm erteilte Lob der Tapferkeit zu verdienen . Eben ertönte die friedliche Abendglocke , als sie vor der Pfarre von Berbenn abstiegen . Unter dem niedrigen Eingangsbogen des Laubdaches stand ein breitschultriger ernster Mann von kleiner Statur aber mit ausdrucksvollem Kopfe , nachdenklich und aufmerksam seinen Hut betrachtend , welchen er nach allen Seiten drehte und gegen das Licht hielt . Es war ein hoher spitzer Filz von schwarzer Farbe . » Was stellst du da für tiefsinnige Untersuchungen an , Kollege Fausch ? « begrüßte ihn Jenatsch . » Was ist ' s mit deinem Filz ? Oben aufgerissen , wie ich sehe . Willst du ihn hinfür zur Verstärkung deines Basses als Sprachrohr gebrauchen ? « Sorgenvoll erwiderte der Kleine : » Betrachte das Loch näher , Jürg ! Seine Ränder sind verbrannt . Es ist eine Kugel durchgefahren , die mir einer deiner Berbenner zuschickte , als ich durch die Weinberge hinunterstieg . Natürlich galt sie dir ; denn man sah über der Mauer nur meinen Kopf und der gleicht dem deinigen , wie du weißt , zum Verwechseln . Der Teufel soll mich holen « , fuhr er heftiger fort , » wenn ich nicht den geistlichen Stand quittiere . Der Part ist ungleich : uns ist nur das Schwert des Geistes gestattet , angefallen aber wird unser Fleisch mit Eisen und Blei . « – » Gedenke deines Schwurs , Fausch , mein Sohn , das Evangelium zu predigen usque ad martyrium « , erscholl aus dem Hintergrunde der Laube von einer tief beschatteten Bank her die etwas dumpfe Stimme eines graubärtigen Mannes , der dort in aufrechter Haltung am Tische saß und sich von der schönen Lucia Sasseller einschenken ließ . Das junge Weib aber erblickte kaum ihren Mann , so eilte es ihm entgegen und schmiegte sich bleich und furchtsam an seine Seite , als suche es Schutz vor einer entsetzlichen Angst . » Exclusive , Blasius ! exclusive ! Bis an den Martertod hinan , aber nicht hinein ! « antwortete Fausch , sich zu seinem Kollegen wendend , dessen Glas er ergriff und bis auf den letzten Tropfen leerte . Indessen machte Jenatsch seinen zürcherischen Freund mit dem glaubensstarken Pfarrer Blasius bekannt und stellte ihm dann lachend in Pfarrer Lorenz Fausch einen Schulkameraden aus dem » Loch « in Zürich vor , dessen sich Waser gar wohl erinnerte als eines um ein paar Jahre ältern , ziemlich liederlichen Studiengesellen . » Dieser Mann hat seither in Bündnerdingen eine hervorragende Rolle gespielt « , behauptete Jürg und schlug dem Kleinen auf die Schulter . Der Kapuziner schien mit beiden Pfarrern auf bekanntem Fuße zu stehen und Fausch fuhr , diesmal an Waser sich wendend , in seiner aufgeregten Rede fort : » Glaubst du ' s wohl , Herr Zürcher ? Während du in deiner löblichen Stadt sittsam zur Predigt gehst und über das Gesangbuch hinweg züchtig nach deinem Jungfräulein ausschaust , betrete ich armer Streiter Gottes niemals die Kanzel ohne fröstelnd den Rücken einzuziehen , aus Furcht es fahre mir das Messer oder die Kugel eines meiner Pfarrkinder zwischen die Schultern ! – Aber « , sagte er , nachdem er mit den Männern in die Stube getreten , » nun bin ich auch zum längsten Pfarrer gewesen . Dies Erlebnis « , er zeigte auf das Loch in seinem Filze , » gibt den Ausschlag . Das Maß ist voll . Ich habe von meiner Muhme in Parpan zweihundert Goldgulden geerbt , gerade genug um ein sicheres Gewerbe zu beginnen . – Herunter mit dem Pfarrock ! « und er legte Hand an sein geistliches Kleid . » Warte , Freund ! « rief Jenatsch , » das verrichten wir zusammen . Auch mein Maß ist heute voll geworden ! Nicht eine feindliche Kugel verjagt mich von der Kanzel , sondern eine freundliche Rede . Der Herzog Heinrich hat recht « , wandte er sich an den erstaunten Waser , » Schwert und Bibel taugen nicht zusammen . Bünden bedarf des Schwertes und ich lege die geistliche Waffe zur Seite , um getrost die weltliche zu ergreifen . « Mit diesen Worten riß er sein Predigergewand ab , langte seinen Raufdegen von der Wand herunter und gürtete sich ihn um den knappen Lederkoller . » Potz Velten , ihr gebt ein lustiges Beispiel « , rief der Kapuziner mit schallendem Gelächter . » Fast gelüstet mich , es euch nachzutun ! Aber meine braune Kutte ist leider zu zäh und hat ein fester Gewebe als eure Röcklein , ehrwürdige Herren ! « Blasius Alexander , der diesem Vorgange ohne Verwunderung aber mißbilligend zuschaute , faltete jetzt die Hände und sprach feierlich : » Ich aber gedenke zu verharren im Amte bis ans Ende usque ad martyrium , bis in den Martertod , zu welcher Ehre Gott mir helfe ! « » Kein schönrer Tod ist in der Welt , Als wer vorm Feind hinscheidt ... « sang Jenatsch mit flammenden Augen . » Ich werde ein Zuckerbäcker « , erklärte Fausch wichtig , » ein bißchen Weinhandel daneben ist selbstverständlich . « Damit setzte er sich an den Tisch , schnallte eine kleine Geldkatze ab , die er um den Leib trug , und begann die Goldstücke , eifrig rechnend , in Häuflein zu ordnen . Jürg Jenatsch aber umschlang die eben eintretende Lucia und küßte sie mit überströmender Zärtlichkeit : » Sei getrost , mein Herz , und freue dich ! Eben hat dein Georg den schwarzen geistlichen Rock abgeworfen , der dich mit den Deinen verfeindet hat . Wir ziehn hier weg , es wird dir wohl ergehn und du erlebst an deinem Manne Ehre die Fülle . « Lucia errötete vor Freude und blickte mit seliger Bewunderung in Jürgs übermütiges Angesicht , aus dem eine wilde Freude sprühte . Noch nie hatte sie ihn so glücklich gesehn . Offenbar wich eine dunkle Furcht von ihrem Herzen , an der sie von Tage zu Tage schwerer getragen und die ihr das Leben in der Heimat verleidet hatte . » Hier , Jürg , mein Bruder « , sagte jetzt Fausch , der mit seiner Rechnung fertig war , » hier mein Eingebinde zu deinem Tauftage als Ritter Georg ! Für Gaul und Harnisch . Das Kapital ist gut angelegt . Ich komme mit einem Hundert zurecht . « Und er schob ihm die Hälfte seines kleinen Erbes zu . Jürg schüttelte die ihm entgegengestreckte kurze breite Hand derb , aber ohne sonderliche Rührung und strich das Gold ein . Inzwischen hatte sich Waser zu Pater Pancraz gesetzt , um ihm auf den Zahn zu fühlen . Dem Zürcher erschien des Kapuziners keckes Betragen , seine Lustigkeit und Selbstbeherrschung etwas zweideutig und verdächtig . Aber sein Mißtrauen schwand , als er die ungeschminkt herzliche Besorgnis des Paters um das Schicksal seiner bündnerischen Landsleute wahrnahm , und er mußte bewundern , wie richtig Pancraz die gefährlichen Verhältnisse auffaßte , wie scharf er die Vorzeichen des herannahenden Sturmes beobachtet hatte . » Ich fürchte , es sind große Herren « , sagte der Pater , » Spanier , vielleicht auch Bündner , die diesmal das Spiel in Händen halten und zu ihren habgierigen und herrschsüchtigen Zwecken den frommen , einfältigen Glauben des Veltlinervolks mißbrauchen . Wehe , sie schüren einen höllischen Brand , das Blut , das sie vergießen , wird ihnen bis an die Kehle steigen und sie ersäufen . – In Morbegno hieß es , die Mordbanden des Robustell seien schon auf dem Wege das Tal herunter . Gott gebe , daß solcher Greuel nur in den welschen Köpfen spukt ! Eins aber ist gewiß – und das beherzigt , ihr Männer « – sprach er aufstehend und an die drei Bündner sich wendend : » des Bleibens der Protestanten im Veltlin ist nicht mehr . « Jetzt erhob Jenatsch die Stimme : » Zweifelt nicht , Brüder , Pancrazi rät gut ! « sagte er . » Kein Augenblick ist zu verlieren . Fort müssen wir . Wir sammeln in Eile unsere wenigen Glaubensgenossen , treiben unsere geistliche Herde , Mann , Weib und Kind , über das Gebirge nach Bünden , und decken bewaffnet den Rückzug . « Er öffnete eine Truhe und zog eilig Briefschaften daraus hervor , die einen zerreißend , die andern in den Taschen seines Wamses bergend . Blasius Alexander schüttelte den Kopf , als er von Flucht reden hörte , und lud mißvergnügt seine Muskete , die er mitzubringen nicht versäumt hatte , mit Pulver aus dem großen an seiner Hüfte hängenden Familienhorn . Dann stellte er die Waffe zwischen die Kniee und fuhr fort , langsam aber unausgesetzt , Becher um Becher zu leeren , ohne daß der feurige Wein den kalten ruhigen Blick seines Auges im mindesten belebt , oder sein farbloses Gesicht gerötet hätte . Der junge Zürcher sah diesem Tun bedenklich zu und konnte endlich die Bemerkung nicht unterdrücken , ob der edle Trank , in solcher Überfülle genossen , dem Herrn Blasius nicht zu Kopfe steigen und die im nahenden Augenblicke der Gefahr so nötige Geistesklarheit trüben könnte . Darauf warf ihm der Alte einen etwas verächtlichen Blick zu , antwortete aber gelassen und ungekränkt : » Ich vermag alles in dem Herrn , der mich stark macht . « » Das ist ein christlich Wort ! « rief der Kapuziner , ließ die Gläser klingen und reichte dem greisen Prädikanten über den Tisch die Hand . Unterdessen war der Mond aufgegangen und überrieselte draußen die Krone der Ulme und die schwere Blätterdecke der Feigenbäume mit hellem Lichte ; aber nur eine spärliche Helle drang durch die kleinen Fenster in das breite , tiefe Gemach und schattete ihre massiven Gitterkreuze auf dem steinernen Fußboden ab . Lucia stellte die italienische eiserne Öllampe auf den Tisch und entfachte , die Dochte in die Höhe ziehend , drei helle Flämmchen , die auf ihr über das Gerät gebeugtes liebliches Antlitz einen roten Widerschein warfen . Der unschuldige Mund lächelte , denn die junge Veltlinerin war freudig bereit , mit ihrem Manne , auf dessen starken Schutz sie unbedingt baute , aus der Heimat wegzuziehen . Waser , dessen Blick von der warm beleuchteten Erscheinung gefesselt war , betrachtete mit Rührung diesen Ausdruck kindlichen Vertrauens . Da stürzte plötzlich die Ampel klirrend auf den Boden und verglomm . Ein Schuß war durch das Fenster gefallen . Die Männer sprangen allesamt auf und zugleich sank das junge Weib ohne Laut zusammen . Eine tödliche Kugel hatte die sanfte Lucia in die Brust getroffen . Schaudernd sah Waser das schöne sterbende Haupt , auf welches das Mondlicht fiel und das Jenatsch , auf den Knieen liegend , im Arme hielt . Jürg weinte laut . Während der Pater bemüht war die Lampe wieder anzuzünden , hatte Blasius Alexander seine Büchse ergriffen und schritt ruhig in den mondhellen Garten hinaus . Er mußte den Mörder nicht lange suchen . Da kauerte zwischen den Stämmen der Bäume ein langer Mensch , dessen vorgebeugtes Gesicht dunkle darüberfallende Lockenhaare verbargen , den Rosenkranz in der Hand , stöhnend und betend . Neben ihm lag ein noch rauchendes schwerfälliges Pistol . Ohne weiteres legte Blasius sein Gewehr auf ihn an und streckte ihn mit einem Schusse durch die Schläfen nieder . Dann trat er neben den auf das Angesicht Hingesunkenen , drehte ihn um , betrachtete ihn und murmelte : » Dacht ich mir ' s doch – ihr Bruder , der tolle Agostino ! « – Eine Weile stand er horchend . Nun schlich er über die Gartenmauer spähend wieder dem Hause zu . Durch die Stille der Nacht drang ein ungewisser Lärm an sein Ohr . » Zwei Vögelchen haben gepfiffen « , sagte er vor sich hin , » bald fliegt uns der ganze Schwarm aufs Dach . « Jetzt mit einem Male scholl aus dem Dorfe ein gellendes Geschrei , und jetzt dröhnte es über ihm – die Kirchenglocke schlug an und läutete in hastigen Schwüngen Sturm . Alexanders Blick fiel auf den wieder ins Dunkel hinausleuchtenden Schein der verräterischen Lampe , er schlug die dicken Laden des Erdgeschosses zu und schritt ins Haus zurück , in der Absicht es mit den Freunden wie eine Festung bis auf den letzten Mann zu verteidigen ; denn schon knallten Schüsse von der Gasse her und Schläge fielen gegen die vordere Haustür . Fausch hatte sie eben verriegelt und stürzte die Bodentreppe hinauf , um durch die Dachluken auszuschauen . Der Prädikant aber lud seine Muskete wieder und stellte sich an das schmale vergitterte Küchenfenster , das nach der Gasse ging , wie hinter eine Schießscharte . » Die Schurken ! « rief er dem Zürcher zu , der eben hastig aus seiner Kammer trat , wo er sein Ränzchen geholt und seinen leichten Reisedegen umgeschnallt hatte , » wir wollen unser Leben teuer verkaufen ! « » Um Gottes willen , Herr Blasius « , warnte dieser , » gedenkt denn Ihr , ein Diener am Wort , auf die Leute zu schießen ? « » Wer nicht hören will , muß fühlen « , war des Bündners kaltblütige Antwort . Jetzt aber faßte Pancrazi den tapfern Alten mit beiden Armen um den Leib und riß ihn von dem Mauerloche zurück : » Willst du uns alle verderben mit deiner wahnwitzigen Gegenwehr ? – Macht , daß ihr von hinnen und in die Berge kommt ! « – » Misericordia ! « dröhnte Fauschens Stimme durch die Treppenöffnung herunter . » Sie kommen in hellen Haufen , sie stürmen das Haus des Poretto ! Wir sind verloren ! « » Macht , daß ihr fortkommt ! « schrie der Pater , während immer heftigere Beilhiebe gegen die Türe schmetterten . » Auch gut , Kapuziner « , sagte Blasius , der jetzt mit beiden Armen Reisigbündel und Stroh aus der Küche schleppte und mit geübten Handgriffen im Gange zwischen den beiden Haustüren aufschichtete . » Wir heben uns von hinnen über den Bondascagletscher ins Bergell . Fausch , alle Dachluken auf , damit es Luft gibt ! Und dann hierher ! « Fausch krabbelte die Treppe herunter , beladen mit allerlei Mundvorrat , den er oben gefunden hatte , und Waser sah sich jetzt nach Jenatsch um . » Hier scheiden sich die Wege , Pancrazi « , sagte der alte Prädikant und drückte dem Pater die Hand über den Reisigwall hinweg , während das Mittelstück des Haustors unter dem Geheul der Belagerer auseinanderkrachte . » Dein ist die Vordertür . Unsern Rückzug durch die hintere deckt die Flamme . « Und er entzündete den Holzstoß . » Abgezogen , ihr evangelischen Männer ! « – Während das Feuer in aufrechter Lohe durch die luftige Bodenöffnung emporschlug , trat Jenatsch , die Tote im Arme , aus dem Wohnraume in die flackernde Helle . In seiner Rechten leuchtete das lange Schwert , auf dem linken Arme trug er , als spürte er die Last nicht , seine Tote , deren stilles , sanftes Haupt wie geknickt ihm an der Schulter ruhte . Er wollte sie nicht auf der Mordstätte zurücklassen . Waser konnte trotz der Gefahr der Stunde den Blick nicht verwenden von diesem Nachtbilde sprachlosen Grimms und unversöhnlicher Trauer . Er mußte an einen Engel des Gerichts denken , der eine unschuldige Seele durch die Flammen trägt . Aber es war kein Bote des Lichts , es war ein Engel des Schreckens . Indes die Bündner durch den Garten nach dem Fuße des Gebirges enteilten , hatte der Pater in der Küche neben Feuer und Rauch standhaft den Augen blick erwartet , wo die Türe in Splitter flog . Jetzt sprang er , das Kruzifix in der vorgestreckten Rechten , zwischen die Pfosten und rief der blutlechzenden Menge entgegen : » Heilige Mutter Gottes ! Wollt ihr mit den Ketzern verbrennen ? . . . Feuer vom Himmel hat sie verzehrt ! Löschet ! Rettet euer Dorf ! « ... Und hinter ihm prasselte die lebendige Glut . Mit einem Wehgeheul , das nichts Menschliches mehr hatte , wichen die Entsetzten zurück und es enstand eine unbeschreibliche Verwirrung . Blitzschnell verbreitete sich die Sage , Sankt Franziskus in eigener Person habe die Ketzer im protestantischen Pfarrhause vernichtet und sei in erhabener Gestalt den Gläubigen erschienen . So gelang es dem Kapuziner , sein Eselchen , das er in einem benachbarten Stalle untergebracht hatte , unbemerkt zu besteigen . Brandröten und Mordgeschrei hinter sich lassend , ritt er auf Umwegen , die Kapuze tief ins Gesicht gezogen , seinem Kloster am Comersee zu . Siebentes Kapitel Siebentes Kapitel Am Abend des fünften Tages nach diesen außerordentlichen Ereignissen näherte sich Heinrich Waser auf dem von Rapperswyl herkommenden ordinären Markt- und Postschiffe seiner Vaterstadt . Die schlanken Turmspitzen der beiden Münster zeichneten sich immer schärfer und größer auf dem klar geröteten Westhimmel , und bei diesem viellieben Anblick dankte der junge Amtschreiber aus Herzensgrunde der gütigen Vorsehung für das glückliche Ende seiner über Erwarten gefährlichen Ferienreise . Bei der Abfahrt von Rapperswyl hatte er sich nur in Gesellschaft der Schiffer befunden ; denn eine Schar von Pilgerinnen aus dem Breisgau , alte müde Weiber , verbargen ihre sonnenbraunen Gesichter scheu unter den roten Kopftüchern und hatten sich im Vorderteile des Schiffes eng zusammengeduckt . Sie beteten oder schliefen . Sie kamen vom heiligen Gnadenort Einsiedeln und waren noch über die lange Brücke zu den Kapuzinern von Rapperswyl gewandert , um von den als Geisterbanner und Exorzisten bewährten Vätern allerlei Mittelchen einzuhandeln gegen Krankheit von Menschen und Vieh und gegen teuflischen Spuk . Dort hatten die Wallfahrer von einem schrecklichen Strafgerichte gehört , das in einem Tale jenseits der Berge über die Ketzer hereingebrochen sei . Alle seien sie mit Feuer und Schwert vertilgt worden . Wohl erfüllte die Weiblein mit freudigem Schrecken dies Unglück der Mißgläubigen , aber auch mit dem Wunsche , so bald als möglich den protestantischen Landen , die sie zu durchwandern hatten , den Rücken zu kehren und jenseits der Grenze in ihrer katholischen Heimat diese großen Dinge zu verkündigen . So war das Gerücht von dem Protestantenmorde im Veltlin schon vor , oder doch zugleich mit dem jungen Zürcher hieher gelangt . Auch Waser hatte auf dem Heimwege erfahren , was zu glauben er sich immer noch in innerster Seele gesträubt hatte , daß der Überfall in Berbenn , den er miterlebt , nur eine Einzelnheit , und nicht die grausamste , eines längst geplanten , unerhörten Blutbades gewesen sei . Sogar die nach und nach bei den Dörfern , wo man anlegte , einsteigenden Marktleute waren voll davon . Es war eine Gesellschaft , die sich nicht erst von gestern her kannte . Die zwei Schiffleute , Vater und Sohn , vermittelten mit ihren Ruderknechten schon seit Jahren den Verkehr zwischen den beiden See-Enden . Der Junge , ein von der Sonne geschwärztes , kräftig aufgeschossenes Gewächs , war Wasers Altersgenosse . Sein Vater hatte ihn von Kindesbeinen an auf den See mitgenommen und ihn früh zum Vertragen der dem Schiffe für die Stadt anvertrauten Briefe und Pakete gebraucht . So war der Bursche mit dem jungen Jenatsch schon bekannt geworden , als der Pfarrer von Scharans seinen Jürg nach Zürich auf die Schule führte , hatte ihm später manche Botschaft gebracht , und wenn Waser zu Ferienanfang seinen Schulkameraden seeaufwärts begleitete , hätte dem lustigen Tage das Beste gefehlt , wenn der wort- und schlagfertige Kuri Lehmann nicht mitgefahren wäre . Er auch war es gewesen , der mit seinem Vater die müde kleine Lucretia in das Schiff aufgenommen , ihr in Zürich den Weg nach dem Carolinum gezeigt und ihr Mut gemacht hatte , nur frisch und unverzagt dem Jürg ihren Kram auf die Schulbank zu stellen . Auch die Dorfleute – ein alter Mann von Stäfa , der allwöchentlich seine Spanferkel in Zürich zu Markte brachte , der Honighändler , die Fischer und ein