der Frömmigkeit , mit welcher der Scheinheilige auf sündige Buhlschaft ritt – ganz anders als mein fürstlich frecher und minnedurstiger Herr – und doch übermannte mich ein Mitleid mit dieser getäuschten Andacht und dann eine plötzliche Furcht , der Blasse dort , dessen Wesen mir von jeher eine mir ungewohnte Scheu angehaucht hatte , möchte den Raub seines Heiligtums an uns , meinem König und mir , insgeheim , aber unerhört und grausam rächen . In diesem Augenblicke zeigte sich die senkrechte , tiefe Staatsfalte wieder zwischen den feinen Brauen des Kanzlers . Herr Thomas trieb sein Pferd an , nicht von Ungeduld befallen , sondern von einer aufsteigenden Sorge , wie mir schien . Wieder stand die Sichel eines neuen Mondes am Himmel , als ich zum andern Male auf diesen Wegen vom Tag ereilt wurde . Der König hatte gegen Mitternacht von seiner Buhle Abschied genommen , denn es stand seine Reise nach der Normandie bevor , mich dann aber , an der Grenze des Forstes angelangt , wieder zurückjagen lassen mit der Botschaft , er begehre sie noch einmal zu umfangen und werde morgen wiederkommen . Nach ausgerichtetem Auftrage ritt ich müde und schläfrig durch den schon herbstfeuchten Wald zurück . Während mein schreitender Gaul die gelben Blätter von den Zweigen strich , hatte ich trübselige Gedanken über die Vergänglichkeit des irdischen Wesens , wie sie mir gewöhnlich sind , wann ich die bleichen Lichter der Zeitlosen auf den Wiesen erblicke . Ein helles Gewieher in nächster Nähe erweckte mich aus meiner Schwärmerei . Nach einer Wendung des Pfades erblickte ich einen gesattelten Gaul , der an das Gehege des Meierhofes gebunden stand . Ich gleite vom Pferde , führe es ins Dickicht und spähe , geräuschlos zurückgeschlichen , über den hohen Zaun des Gehöftes . Drinnen verkehrte mit dem ihn mißtrauisch betrachtenden Meier ein hagerer geharnischter Gesell , der mir erst den Rücken zuwandte , dann aber mitten im Gespräche rasch den Kopf drehend , gerade in der Richtung des Schlößchens , den scharfen Haken seines Raubvogelgesichtes zeigte . Ich erkannte den Geier , suchte meinen Gaul und setzte ihn in Galopp . Niemand anders umkreiste das Lustrevier meines Königs als der Normanne Malherbe , mir verhaßter seit Hildes Entführung als jener Kriegsknecht auf dem Passionsbilde zu Allerheiligen , welcher unserm Herrn und Heiland ins Gesicht speit und gegen den ich schon auf Kindesbeinen einen besonderen Grimm verspürte . Der Kanzler hatte den Verworfenen aus seinem Gefolge entfernt und es verlautete , er habe bei Frau Ellenor Dienst und Gunst gefunden . Ich sah , was da bevorstand . Erfuhr Frau Ellenor das Versteck der Waldelfe , so wettete ich keinen Pfennig auf ihr zartes Leben . Als ich dem Könige von dieser schlimmen Begegnung Bericht gab , schoß ihm das Blut dunkelrot zu Kopfe vor Zorn und Liebe . › Wir müssen mit der kleinen Dame über Meer ‹ , sagte er und runzelte die Brauen . › Und zur Stunde ! Bevor der Habicht die Taube zerfleischt ! ‹ Er befahl mir auf den Abend drei gesattelte Rosse und für ihn eine unscheinbare Tracht bereitzuhalten . Es war schon dunkel , als der erst spät vom Kanzler freigelassene Herr Mantel und Kappe ergriff und sich zu Pferde warf . Nach einer Stunde scharfen Rittes , schon fast auf der Hälfte des Weges , winkte er mich an seine Seite und sagte mir , ich kehre in der Frühe nicht mit ihm zurück , sondern habe morgen in dem Schlößchen zu bleiben und die Herrin mit einer Zofe nach eingebrochener Nacht auf seine nächste Burg zu bringen , von wo er sie werde über Meer geleiten lassen . Rasch waren wir am Ziel . Der Herr fand für sein Haupt einen weichen Pfühl und ich am Fuße der Mauer einen harten , den Sattel meines Pferdes , dem ich mit den zwei andern eine nächtliche freie Weide gönnte . Als sich die nebelfeuchten Wipfel des Waldes vergoldeten und ich eben die drei Tiere wieder eingefangen hatte , trat der König aus der Pforte und an seinem Arme hing ein liebliches Geschöpf nicht über fünfzehn Jahre alt . Das schönste Mädchenhaupt , das ich je erblickt habe , lehnte an der Schulter des Königs und heftete auf seine lusttrunkenen Augen zwei flehende und furchtsame Rabenschwarze Haare , von einem goldenen Stirnreif zusammengehalten , flossen aufgelöst über die zarten Schultern und Hüften nieder bis fast zur Erde . Sie war in Tränen und Herr Heinrich sprach ihr Mut ein . › Ich lasse dir diesen hier . Er ist mein treuer Knecht und wird dich hüten wie seinen Augapfel . Laß dich heut abend ohne Furcht zu Rosse heben . Es muß sein , ich will es , Grace ! Ein kurzes , und wir sind unter einem warmen Himmel wiedervereinigt . ‹ Er küßte sie , schwang sich zu Pferde und sprengte von dannen , wahrend ihm das Kind mit beiden Armen Grüße nachsendete . Mir aber war alles Blut aus dem Herzen gewichen . Die Wahrheit durchfuhr mich wie ein scharfer Strahl . Vernehmt es : der König hatte den Kanzler nicht bei einer prächtigen und ehrgeizigen Schönheit ausgestochen , Leid und Sünde ! er hatte sich an des Thomas Becket unschuldigem Kinde vergriffen . Wißt : Gnade , wie sie der König genannt hatte , war des Kanzlers leibhaftiges Ebenbild , soweit ein junges unwissendes Antlitz einem erkälteten und welterfahrenen gleichen kann . Der edle Zug seiner Brauen , seine dunkeln , schwermütigen Augen , das ernste Lächeln seines Mundes , die Sanftmut seiner Gebärde – da war kein Zweifel : Gnade , zu jung , um des Kanzlers Schwester zu sein , war sein eigen Fleisch und Blut . Herr Heinrich , ein christlicher König , hatte schlimmer als heidnisch an einer unmündigen Seele und einem kaum reifen Leibe gesündigt . Obgleich ein armer Knecht , zürnte ich mit meinem Herrn und meine Fäuste ballten sich , als hätte man mir das eigene Kind zerstört . Alsobald ergriff mich auch eine große Kümmernis und ich hätte blutige Tränen weinen mögen , daß mein König , den ich liebhatte , durch den Mord der Unschuld den göttlichen Zorn herausfordere . Ich suchte den hohen Herrn zu entschuldigen mit seinem starken Blute , seiner Allmacht , seinen blinden , unklugen Stunden , doch vergeblich ! Es klang mir in den Ohren : dein Herr hat eine Todsünde begangen ! Meine Sinne öffneten sich : ich sah Gnades Schutzengel , der sich aus Betrübnis und Scham mit beiden Händen ein weißes Tüchlein vor das Gesicht hielt , und hörte die Posaunen des Gerichtes mächtig erdröhnen . Doch ich nahm mich zusammen . Die zwei Tiere , zwischen denen ich stand , wurden unruhig , ich faßte sie fester und meine Verzückung wich . Das Kind des Kanzlers war in der Burg verschwunden . Äscher stand allein im Torweg und winkte mich zum ersten Male in sein kleines , in die dicke Ringmauer hineingebautes Wächterstübchen . Er sah scheu und elend aus und war so zerfahrenen Gemütes , daß er vergaß , mir die Speise und den Trank vorzusetzen , deren ich nach meinem Schrecken wahrlich bedürftig war . Während ich mir selbst zu einem Brote verhalf und den Weinkrug aus dem Wandschrank holte , gestand er zögernd , die von meinem Könige befohlene Flüchtung der schönen Gnade werde nicht ohne Gefahr sein . Er habe seinem Herrn , dem Kanzler , in aller Treu und Redlichkeit berichtet , das Waldschloß werde von dem Normannen Malherbe seit mehreren Tagen belauert und umkreist . Er erwarte stündlich den Kanzler , der mit Bewaffneten anlangen und eine Besatzung hinter diese Mauern legen werde . › Hätte ich doch dem Teufel widerstanden ‹ , jammerte er in elender Reue , › und meinem Herrn gleich den ersten Besuch des deinigen geoffenbart . Mein Leib wäre daraufgegangen – jetzt hab ich auch meine Seele verkauft ! – Aber woher den Mut nehmen , mich der höchsten Gewalt zu widersetzen ! Verwirrender Schrecken wandelt vor deinem Könige her ! Fluch über die Stunde meiner Geburt ! Alles , selbst die Kenntnis des Guten und Bösen , haben uns diese Normannen geraubt ! . . . Aber auch mein Herr , der Kanzler , trägt eine Schuld . Er , welcher die verkörperte Weisheit ist , hat Gnade schlecht erzogen . Glaubst du mir ' s , Bogner ? Kein Kruzifix , kein Meßbuch , keinen Heiligen halten wir im Hause ! . . . Außer einem geringen Sankt Joseph dort in der Mauernische für uns Dienstleute . – Mit arabischen Lettern bedeckte Pergamente brachte er dem Kinde , heidnische Märchen , die den grausamen Weltlauf zu einem süßen Abenteuer verfälschen – und das Kind ergötzte sich bei Tag und Nacht an diesem schönen Lug und Trug . Auch Monna Lisa , die welsche Lautenspielerin ihre Zofe , hat den Kanzler in Gedanken oft darüber angeklagt Die Ärmste ! Sie hielt den Gang des Königs knieend auf . Aber er füllte ihr die Hände und schob sie beiseite . Bei den Weibern ist dein Gebieter ein so herzgewinnender Herr , als für uns ein grausamer König – und so wurde die Torheit begangen . ‹ Wahrend der greise Sachse also bänglich und unnütz jammerte hatte ich mich nach und nach mit Trank und Speise gestärkt und in meinem Gemüte ermuntert . › Hans ‹ , sprach ich zu mir , › sei kein altes Weib – nimm dich zusammen . Unheil ist geschehen ; aber noch ist eine Möglichkeit daß es zum Bessern umschlage . Wer weiß , ob Königin Ellenor nicht vor ihrer Zeit mit dem Tode oder nach ihrer Zeit mit einem Fahrenden abgeht ! So würde der Herr frei und machte seine Gnade zur Königin . Ist sie doch zwiefach aus fürstlichem Geblüte ! Besorge du das Heutige und bringe das Kind über Meer ! ‹ Wißt , Herr , das sagte ich , um mich zu trösten . Aber , glaubet mir , all meine im Herrendienst schwer erworbene Habe , meine Kunst und die Hälfte meines Blutes hätte ich daran gegeben , um Herrn Heinrich von seiner Tat und mich von meiner Dienstleistung dabei loszukaufen . Diese Sünde sank so schwer in die göttliche Waagschale , daß ihr Gewicht den Herrn und den Knecht wohl erdrücken konnte . Herr Heinrich hatte den Glauben eines Kindes mißbraucht . Gnade war von beiden Eltern her heidnischen Blutes und die unterwürfigen arabischen Weiber beugen sich vor dem Szepter bis in den Staub . Der König ist ihnen an Gottes und des Gesetzes Statt und mehr als Vater und Mutter . So begriff ich , daß Gnade das böse Geheimnis des Königs vor dem Vater bewahrt hatte . Wie heiß und unbesonnen mußte der Kanzler sein Töchterlein lieben , um es , der sonst nach allen Seiten Umblickende und das Keimen der Dinge Belauschende , in seine und damit in die Nähe des normännischen Hofes gebracht zu haben – so klügelte ich weiter . Und wie schwer wird er es bereuen ! – Doch ich raffte mich schleunig auf , um das Nötige zu beschicken . Ich nahm drei runde Brote unter den Arm und führte meine zwei Rosse , die draußen angebunden standen , in eine nahe Waldschlucht neben ein klares Wässerlein , speiste sie , ließ sie saufen und knüpfte ihre Zügel an zwei Fichtenstämme . Es tat mir wohl , für zwei kluge und treue Geschöpfe zu sorgen , die nichts wußten von Verrat und Sünde . Als ich aus der Schlucht wieder emporstieg , schreckte mich ein Hornruf , der aus einer andern Ecke des Waldes erscholl , und auf welchen das Flattern eines Tüchleins von der die blaue Kuppel umgebenden Zinne antwortete . Schleunig durcheilte ich den mich von der Burgmauer trennenden Raum und schlich , in ihren Schatten gedrückt , nach der Pforte durch die mich der erbleichte Äscher zitternd hineinzog . Seine kleine Pförtnerstube blickte durch drei schmale Luken in das Freie , in die Torwölbung und in den Burghof . Wohl ein Dutzend Reisige sprengten aus dem Walde . Voran der Kanzler , den ich an seinem wunderschlanken arabischen Grauschimmel erkannte und an der feierlichen Art , wie er ihn lenkte . Er war in voller Rüstung mit gesenktem Visier . Vor dem Tore , wo sie abstiegen , ließ er von einigen die Tiere in der Richtung der Meierei wegführen ; die übrigen folgten ihm , nicht zu meiner Freude , durch die Pforte und er hielten im Hofe den Befehl , sich rings auf die Mauerzinnen zu verteilen . Ich hatte meinen Standort gewechselt , den Kanzler im Auge behaltend , dem jetzt Äscher Rechenschaft abzulegen schien , und der dann in der Burgwohnung verschwand . Der alte Pförtner trug den Schlüssel meines Versteckes am Gurt , ich war in der Falle und legte mich auf die Lauer . Mir gerade gegenüber , in der Mitte des Burghofs , stand der Kuppelbau , von dem Halbrunde seiner mit immergrünen üppigen Sträuchern bewachsenen Terrasse umgeben . Nach einer Weile trat Herr Thomas , Gnade an der Hand haltend , durch die hohe Bogentür und ließ sich mit ihr auf einer weiß schimmernden Marmorbank nieder neben einer rot geäderten Schale , über welcher emporschießende Wasserstrahlen sich in der Luft kreuzten Und aus solcher Nähe blickte ich in die besorgte , aber nicht argwöhnische Miene des Herrn und in Gnades rätselhaftes Gesichtchen , daß ich plötzlich den Kopf zurückbog , obgleich die Mauer , durch die ich auslugte , außen von Eppich übersponnen war . Jetzt winkte der Kanzler die Zofe , welche mit gesenkten Augen unter der Tür stand , hinweg – wohl jene welsche Monna Lisa , deren Tugenden ich eben aus Äschers Munde kennengelernt hatte . Eine Weile saßen sie schweigend und Grace blickte , um den väterlichen Augen auszuweichen , in das perlende Wasser . Dann begann der Kanzler in arabischer Sprache : › Mein Kind , du wirst nur noch wenige Tage hierbleiben und es ist nicht unmöglich , daß du in dieser kurzen Zeit noch durch einen Überfall geängstigt wirst . Aber fürchte dich nicht . Ich lasse dir zehn tapfere Leute , welche diese Mauern gegen feindliche Überraschung zu halten vollkommen imstande sind . Du wirst dich nach und nach an Waffenlärm gewöhnen müssen , mein scheuer Vogel . Das ist das Los jeder Burgfrau in der Willkür und Zuchtlosigkeit dieser Tage . Und es ist die Zeit gekommen , daß ich mich von dir , meine Wonne , trenne und dich vermähle . Nicht zwar unter diesem feuchten Himmel , sondern jenseits des Meeres in einem sonnigen Lande von mildern Sitten . Wenn es sein kann und dich dein Stern dahin führt , nicht weit von deinen Pflegeeltern im Poitou . Du gedenkst doch immer noch des ehrlichen Calas , dem sie , weil er Arabisch versteht , nachreden , daß er aus maurischem Geblüte stamme , der aber sein Vaterunser betet nicht anders als wir beide ; Ist doch kaum ein Jahr vergangen , daß der Alte , dich hieher bringend , mit Tränen sich von dir getrennt hat ! Ich weiß nicht , ob es gut war ‹ , sagte er , die Stirne faltend . › Sollt ich mich ‹ , fuhr er fort , wie sich selbst entschuldigend , da Grace schwieg , › nicht eine kurze Spanne meines Lebens an deiner keuschen Jugend ohne Teilung erfreuen ? Doch ist nun die letzte Frist verflossen , die ich mir gönnen konnte , und der Augenblick des Scheidens da . Ich darf dieses liebe Haupt nicht gefährden ! ‹ und er legte ihr die schmale Hand auf den Scheitel . › Der Herr verreist morgen nach dem Festlande und ich folge ihm in wenig Tagen . Du aber begleitest mich , dicht verschleiert , mit deinen Frauen und weichst nicht von meiner Seite , bevor ich dich in die Hut eines tapfern und feinen Mannes gebe . Der König wird mir doch einen Tag , wenn er von seinen unreinen Freuden trunken ist , für meine reinen gönnen . Dieser König ! ‹ sagte er mit verächtlichen Lippen , als erblickte er ihn leibhaftig vor sich . – Wahrhaftig , ich wunderte mich , ihn so reden zu hören . › Erschrick mir nicht ‹ , fuhr er fort , denn Graces Hand , die er festhielt , zuckte in der seinigen , › ich verstehe zu wählen . Ich werde zusehen , wem ich dich anvertraue , und auch aus der Ferne meine Hand schirmend über dir halten , denn ich bin mächtig in allen normännischen Landen . Und in ein Kloster begehrst du dich nicht einzuschließen ? Nein , sagen mir deine Blicke , du hast keine Sünde zu büßen und Licht und Sonne nötig . ‹ Wäre der weise Herr Thomas nicht in seinen eigenen Gedanken befangen gewesen , er hätte die Seelenangst seines Kindes bemerken müssen ; aber seine Augen waren gehalten und Gnade , die nach Worten rang , brachte endlich ein schwaches Flüstern hervor : › Wer ist es , Vater , der mich hier gefährdet ? ‹ › Wer ? ‹ wiederholte der Kanzler mit leise bebender Stimme und wie mit dem Entschlusse , seinem Kinde den Lauf und die Bosheit der Welt nicht länger zu verbergen , sagte er ohne Hehl : › Eine besudelte Königin . Sie haßt mich , ihre Späher haben ihr von deinem Dasein berichtet und ich will nicht , daß Frau Ellenor von dir wisse und an dir herumrate – ihre Gedanken schon verunreinigen . ‹ Grace erblaßte , woran ich ersah , daß Herr Heinrich vor ihr sein Eheweib , an dem nichts zu Rühmen war , klüglich mochte beschwiegen haben . Sie raffte sich aber zusammen und flüsterte wieder : › So sprachest du , mein Herr und Vater , nicht immer . Hattest du nicht beschlossen , mich einst vor das Angesicht des Königs zu stellen , und rühmtest du nicht seine Gunst als die eines gütigen und majestätischen Herrn ? Auch Herrn Richard hast du vor mir gelobt ... ‹ › Sprach ich so ‹ , erwiderte Herr Thomas ernsthaft , › so sprach ich töricht und beirrt von meinem väterlichen Wohlgefallen an dir . Ich habe mich eines Bessern besonnen . Jene eitle Rede sei verweht , wie die Luft , in der sie verhallte . Du darfst nicht an den Hof , in diesen Pesthauch , wo nichts Reines gedeiht Aber in einem sprichst du recht : dem Könige gebührt Ehrfurcht und Gehorsam ! Doch genug ! Meine Stunde ist um . Übergib dich kindlich und ohne weitere Gedanken meiner Sorge . Meinst du , daß ich dich liebe ? Unermeßlich ! Mein Einziges , mein Alles ! ‹ Und er drückte ihr einen sanften Kuß auf die Stirne . Herr Thomas hatte sich erhoben . Er ließ seinen prüfenden Blick rings über die Zinnen gehen , ob jeder seiner Reisigen den befohlenen Posten wahre , und so durchdringend war dieser Blick daß ich mich in meinem dunklen Versteck auf den Boden gleiten ließ und nur noch die Worte vernahm : › In drei Tagen denn ! Bereite dich . Auf Wiedersehen ! ‹ und den an den Anführer der zehn gerichteten Befehl : › Du lässest mir niemanden ein noch aus bei deinem eigenen Leben ! ‹ Als ich mich vorsichtig wieder in die Höhe richtete , war die Marmorbank leer . Thomas Becket mit seinem unglücklichen Kinde war verschwunden . Mir hatte geschaudert , da ich den Mann , welchen ich als allwissend kannte , zum ersten Male als einen Getäuschten und Betrogenen erblickte ; Entsetzen kam über mich , daß der väterliche Glaube an die teure Unschuld eines Kindes dem Teufel dazu hatte dienen müssen , den Scharfblick des Klügsten zu blenden und durch eine vollkommene Rüstung den vergifteten Pfeil zu treiben . Nach einer Weile wurde draußen die arabische Stute des Kanzlers vorgeführt , Herr Thomas verritt und der Schlüssel knarrte in der Türe meines Gelasses . Äscher starrte mich mit seinen hilflosen , matten Augen an , ich sah , daß er völlig haltlos war , und ergriff die Herrschaft . › Geh hinüber ‹ , sagte ich , › bringe Monna Lisa , der Lautenspielerin , im Namen des Königs den Befehl , sie habe sich bei Todesstrafe mit ihrer jungen Herrin reisefertig zu machen und diese Nacht im Torgewölbe sich einzufinden , sobald deine Ampel erlischt . Geh ! ‹ Er kam mit der Antwort zurück , die Welsche leiste gehorsam . Ich hieß ihn , da es dämmerte , sein Licht anzünden und sich , die Kreide in der Hand , vor seine Rechentafel setzen , wenn etwa eine auf der gegenüberliegenden Zinne auf und nieder schreitende Wache einen mißtrauischen Blick in das helle Fenster schickte , und warf mich in eine Ecke auf sein Lager , denn ich war nach der Spannung des Tages der Ruhe bedürftig . Aber der stöhnende Alte verdroß mich mit seinem ängstlichen Gemurmel und seinen eintönigen Selbstanklagen . Ich gebot ihm Ruhe und fand doch den Schlaf nicht . Wie es denn grausamerweise geschehen kann , daß , während das Herz von Angst zusammengepreßt ist , die kalten Gedanken unermüdlich und gleichgültig ihren besonderen Weg wandern , arbeiteten die meinigen daran herum , aus welchem Grunde der Kanzler sein unseliges Kind habe Grazia nennen müssen . Ob der gnädigen Bekehrung seiner eigenen so getauften Mutter zu Ehren , oder einer heidnischen Anwandlung nachgebend , weil Grazia wohl die himmlische Gnade bedeutet – die Gott uns allen schenken möge ! – aber ebensogut die feinste Blüte menschlicher Art und Anmut . Weiter gab es mir zu denken , daß Herr Thomas Gnade von seinem Liebling Richard erzählt und sich also wohl eine Weile in dem sträflichen Ehrgeiz gewiegt hatte , sein Kind an Herrn Heinrichs Hof und zu fürstlichen Ehren zu bringen . Darüber entschlummerte ich und der Traumgott betrog mich mit allerhand Gaukelspiel . Es ist ja bekannt , daß geträumte Trauer Freude bedeutet , geträumte Lust Tränen . – Mir war , als trete ich wieder aus dem Walde hinter Herrn Heinrich , dessen Antlitz sich plötzlich verjüngte und in das seines Sohnes Richard verwandelte . Der unbändige Königssohn pochte an das Tor des Waldschlosses und zertrümmerte die Pforte mit einem Schlage seiner gepanzerten Faust . Aber der treue Äscher warf sich ihm dreist in den Weg und Monna Lisa zürnte in tugendhaften Tränen . Doch siehe , da trat der Kanzler , Gnade an der Hand haltend , aus dem Innern des Schlosses , und die Rechte Richards ergreifend , führte er die beiden unter die Wölbung der Bäume . Diese aber verwandelte sich in die Wölbung der Halle von Windsor . Vor Heinrich und Ellenor , die elterlich blickten , kniete das von Schönheit duftende Brautpaar , Pauken und Drommeten schmetterten , ich warf meinen Filz in die Luft und schrie : › Lang lebe Prinz Richard und Prinzessin Grazia ! ‹ Darüber erwachte ich und hörte den fahlen Sünder Äscher Gebete murmeln , und , an das Fenster tretend , erblickte ich das Licht in dem Burggemach , wo Monna Lisa mit dem unreifen Kebsweibe eines alten Königs auf das Erlöschen meiner Ampel harrte . Es war eine böse Nacht , die schlimmste meines Lebens . Am Himmel wanderten schwarze lange Wolken und bedeckten die wachsende Mondsichel mit ihren schleppenden Gewändern . Eben verhallte auf den Zinnen der Schritt der Runde . Ich löschte die Ampel . › Wir haben zwei Rosse , Äscher ‹ , sagte ich , › du setzest Monna Lisa auf das deinige . ‹ Wir tasteten uns die Wendeltreppe hinunter . Im Torwege standen zwei verhüllte Frauen . Eine von ihnen , die Schlanke , Dichtverschleierte , ward von Schluchzen erschüttert . Ich zog behutsam die Riegel zurück , schlich aus dem Tore und spähte über mich . Mir war , als hörte ich auf der Mauer die Sehne eines Bogens spannen , aber es regte sich nichts weiter – ich mußte mich getäuscht haben . Drei Vaterunser lang , ich habe in meinem Leben keine inbrünstigeren gebetet , wartete ich . Eine Bracke heulte , dann wurde wieder alles still . Jetzt holte ich die zitternde Gnade , hob sie auf meinen Arm und lief mit ihr , was ich konnte , dem Walde zu . Plötzlich wurde es licht und lichter um uns . Ein Wolkenbild ward vom Winde so hastig getrieben , daß der Mond aus seiner Schleppe hervorrollte . Ein Pfiff und sausender Schwung ! Hätte doch der Pfeil mich getroffen ! Das leichte Wesen in meinen Armen ergriff krampfhaft meinen Hals . Warmes Blut überströmte mich und die hervordringende Spitze des Pfeiles , der dem Kinde des Kanzlers die Kehle durchbohrt hatte , ritzte meine Wange . Ein ersticktes Röcheln , und es war mit Gnade zu Ende ! Ich ließ die junge Leiche der mir auf den Fersen folgenden Monna Lisa in die Arme gleiten , und während das leichtsinnige Weib ein durchdringendes Geschrei ausstieß , erreichte ich den Wald von Pfeilen umschwirrt und gefolgt von dem keuchenden Atem Äschers . Ich hatte mich auf das eine Roß geschwungen , Äscher auf das andere . Wir brausten über den nächtlichen Waldweg , und ich und Äscher , der im Sattel wankte , wir drückten unsere Häupter in die fliegenden Mähnen der Pferde , damit wir nicht abgestreift würden von den kahlen Ästen , welche , als trauerten sie , schwarz und tiefer als sonst herabhingen . Doch wir erreichten glücklich die mondhelle , große Lichtung , an deren Ende der Weg sich senkt . Hier flogen unsere geängstigten Tiere . Da höre ich einen mißtönigen Schrei hinter mir . Ich wende mich und sehe Äschers Rappen , sonst ein frommes Tier , bolzgerade aufsteigen mit gesträubten Mähnen und plötzlich in wilder Angst sich rückwärts überschlagen . Ein vorüberhuschender weißer Schein hatte ihn erschreckt . Es mag eine blanke Hirschkuh gewesen sein , wie sie der Kanzler der Seltenheit wegen in seinen gefriedeten Forsten hegte . Neben einem Haufen Feldsteine wälzte sich das Roß und lag ein Toter mit entstelltem Gesicht . Da stieg mir das Haar zu Berge . Ich trieb mein Tier an , ohne mich mehr nach dem verendenden Rappen , noch dem gerichteten ungetreuen Knechte umzusehen . VI VI Ich wandte mich nach Dover , um Herrn Heinrich über das Meer in die Normandie zu folgen ; doch widrige Winde hatten ihn aufgehalten . Ich fand ihn noch dort und die Stunde , ihm das Unheil zu berichten , traf mich früher , als ich geglaubt , und noch auf englischem Boden . Der Herr brach in schwere Jammertränen aus und verschloß sich in seiner Kammer . Ich aber legte mich auf die Schwelle meines Königs , wie ich von jeher in gefahrvollen Stunden zu tun gewohnt war . Drinnen floh ihn der Schlaf und ich hörte ihn nächtlicherweile mit harten Tritten auf und nieder schreiten . Dazwischen wehklagte er erbärmlich und redete zu sich selber laut und ungestüm , so daß ich seine von Seufzern unterbrochene Rede wohl vernehmen konnte . › War sie nicht meine Wonne ! ‹ klagte er . › Ich hätte mein zartes Lämmchen auf eine sichere Weide gebracht ! . . . Aber was kann ich gegen die böse Art meiner Königin und die Dummheit meiner Knechte ! Was kann ich gegen die Tücke des Schicksals ? . . . Mir und dem Kanzler – uns beiden – ist auf der Waldwiese groß Herzeleid gewachsen ... Aber ich will ihm mein Gemüt schreiben ... er soll es wissen , daß ich ihn mit Gunst und Gnaden überschütten will , mehr als je zuvor , und daß er meinem Herzen und meinem Throne für immer der Nächste bleibt . ‹ Gegen Morgen wurde er ruhiger und im ersten Frühlichte rückte er sich Tisch und Sitz zurecht und schien einen Brief zu beginnen , je und je einen Satz vor sich hermurmelnd , bevor er ihn niederschrieb . – Zuletzt hörte ich seines Siegels schweren Druck . Er rief mich und übergab mir ein Schreiben . › Dieses hast du in des Kanzlers eigene Hände zu legen ‹ , sagte er , › suche ihn , bis du ihn findest . ‹ Dergestalt fuhr der König über Meer , ich mit meinem Briefe nach London , und der war keine leichte Bürde , das dürft Ihr mir glauben . Ob ich auch im Gehorsam meines Herrn gehandelt , war mein Gewissen schwer bedrückt und hatte ich eine heilige Furcht , vor den Kanzler zu treten ; denn dieser mußte jetzt die wahre Ursache von Gnades Untergang ans Licht gezogen haben . In London , wo ich ihn zuerst suchte , war er nicht . Auf welchem seiner vielen Schlösser er sich befinde , konnte oder wollte mir sein städtisches Gesind nicht sagen : ich hatte es auch nicht nötig , denn ich wußte es . Auf einem frischen Pferde jagte ich am hellen Tage – was war noch zu verbergen ? – denselben Weg , den ich oft genug in Dämmer und Mondlicht ge macht hatte . Der klarste Himmel schimmerte über den gelben Baumkronen und zwischen den hier und dort schon entlaubten Zweigen . Das Herz pochte mir wie ein Hammer , als ich das schimmernde Schlößchen erblickte und , vom Pferde springend , die sonst so wohlverschlossene Pforte offenstehen sah . Kein Türhüter fragte nach meinem Begehr . Im Burghof war es still , nur der Wind flüsterte in den immergrünen Zweigen des fremden Holzes und der Springerinnen spielte plätschernd mit seinen goldenen Kugeln . Ich hielt den Fuß an , mich nach einem lebendigen Wesen umschauend . Da ward ich eines Weibes gewahr , das an der Gartenmauer vor einem dort eingefügten Heiligenschreine kniete . Sie