eine Genossenschaft von Mördern hinzuweisen und seinen tugendhaften Gönner – denn Guiche war ein eifriger Kirchgänger – in einer seiner wirkungsvollen Abendpredigten als Märtyrer des katholischen Glaubens auszurufen . Der Kopf schmerzt mich , Schadau , und ich will mich zur Ruhe begeben Laßt Euch von Gasparde den Abendtrunk kredenzen . « Gasparde stand während dieses Gesprächs neben dem Sitze des alten Herrn , auf dessen Rückenlehne sie sich nachdenkend stützte . Sie war heute sehr blaß und tiefernst blickten ihre großen blauen Augen . Als wir allein waren , standen wir uns einige Augenblicke schweigend gegenüber . Jetzt stieg der schlimme Verdacht in mir auf , daß sie , die selbst mich zu ihrer Verteidigung aufgefordert , nun vor dem Blutbefleckten schaudernd zurücktrete . Die seltsamen Umstände , die mich gerettet hatten und die ich Gasparde nicht mitteilen konnte , ohne ihr calvinistisches Gefühl schwer zu verletzen , verwirrten mein Gewissen mehr , als die nach Mannesbegriffen leichte Blutschuld es belastete . Gasparde fühlte mir an , daß meine Seele beschwert war , und konnte den Grund davon allein in der Tötung des Grafen und den daraus unsrer Partei erwachsenden Nachteilen suchen . Nach einer Weile sagte sie mit gepreßter Stimme : » Du also hast den Grafen umgebracht ? « » Ich « , war meine Antwort . Wieder schwieg sie . Dann trat sie mit plötzlichem Entschlusse an mich heran , umschlang mich mit beiden Armen und küßte mich inbrünstig auf den Mund . » Was du immer verbrochen hast « , sagte sie fest , » ich bin deine Mitschuldige . Um meinetwillen hast du die Tat begangen Ich bin es , die dich in Sünde gestürzt hat . Du hast dein Leben für mich eingesetzt . Ich möchte es dir vergelten , doch wie kann ich es . « – Ich faßte ihre beiden Hände und rief : » Gasparde , laß mich , wie heute , so morgen und immerdar dein Beschützer sein ! Teile mit mir Gefahr und Rettung , Schuld und Heil ! Eins und untrennbar laß uns sein bis zum Tode ! « » Eins und untrennbar ! « sagte sie . Siebentes Kapitel Siebentes Kapitel Seit dem verhängnisvollen Tage , an welchem ich Guiche getötet und Gaspardes Liebe gewonnen hatte , war ein Monat verstrichen . Täglich schrieb ich im Kabinett des Admirals , der mit meiner Arbeit zufrieden schien und mich mit steigendem Vertrauen behandelte . Ich fühlte , daß ihm die Innigkeit meines Verhältnisses zu Gasparde nicht unbekannt geblieben war , ohne daß er es jedoch mit einem Worte berührt hätte . Während dieser Zeit hatte sich die Lage der Protestanten in Paris sichtlich verschlimmert . Der Einfall in Flandern war mißlungen und der Rückschlag machte sich am Hofe und in der öffentlichen Stimmung fühlbar . Die Hochzeit des Königs von Navarra mit Karls reizender aber leichtfertiger Schwester erweiterte die Kluft zwischen den beiden Parteien , statt sie zu überbrücken . Kurz vorher war Jeanne d ' Albret , die wegen ihres persönlichen Wertes von den Hugenotten hoch verehrte Mutter des Navarresen plötzlich gestorben , an Gift , so hieß es . Am Hochzeittage selber schritt der Admiral , statt der Messe beizuwohnen , auf dem Platze vor Notre-Dame in gemessenem Gange auf und nieder und sprach , er der sonst so Vorsichtige , ein Wort aus , das in bitterster Feindseligkeit gegen ihn ausgebeutet wurde . » Notre-Dame « , sagte er , » ist mit den Fahnen behängt , die man uns im Bürgerkriege abgenommen ; sie müssen weg und ehrenvollere Trophäen an ihre Stelle ! « Damit meinte er spanische Fahnen , aber das Wort wurde falsch gedeutet . Coligny sandte mich mit einem Auftrage nach Orleans , wo deutsche Reiterei lag . Als ich von dort zurückkehrte und meine Wohnung betrat , kam mir Gilbert mit entstellter Miene entgegen . » Wißt Ihr schon , Herr Hauptmann « , jammerte er , » daß der Admiral gestern meuchlerisch verwundet worden ist , als er aus dem Louvre nach seinem Palaste zurückkehrte ? Nicht tödlich , sagt man ; aber bei seinem Alter und der kummervollen Sorge , die auf ihm lastet , wer kann wissen , wie das endet ! Und stirbt er , was soll aus uns werden ? « – Ich begab mich schleunig nach der Wohnung des Admirals , wo ich abgewiesen wurde . Der Pförtner sagte mir , es sei hoher Besuch im Hause , der König und die Königinmutter . Dies beruhigte mich , da ich in meiner Arglosigkeit daraus schloß , unmöglich könne Katharina an der Untat Anteil haben , wenn sie selbst das Opfer besuche . Der König aber , versicherte der Pförtner , sei wütend über den tückischen Angriff auf das Leben seines väterlichen Freundes . Jetzt wandte ich meine Schritte zurück nach der Wohnung des Parlamentrats , den ich in lebhaftem Gespräche mit einer merkwürdigen Persönlichkeit fand , einem Manne in mittleren Jahren , dessen bewegtes Gebärdenspiel den Südfranzosen verriet und der den St. Michaelsorden trug . Noch nie hatte ich in klugere Augen geblickt . Sie leuchteten von Geist und in den zahllosen Falten und Linien um Augen und Mund bewegte sich ein unruhiges Spiel schalkhafter und scharfsinniger Gedanken . » Gut , daß Ihr kommt , Schadau ! « rief mir der Rat entgegen , während ich unwillkürlich das unschuldige Antlitz Gaspardes , in dem nur die Lauterkeit einer einfachen und starken Seele sich spiegelte , mit der weltklugen Miene des Gastes verglich , » gut , daß Ihr kommt ! Herr Montaigne will mich mit Gewalt nach seinem Schlosse in Perigord entführen . « ... » Wir wollen dort den Horaz zusammen lesen « , warf der Fremdling ein , » wie wir es vorzeiten in den Bädern von Aix taten , wo ich das Vergnügen hatte , den Herrn Rat kennenzulernen . « – » Meint Ihr , Montaigne « , fuhr der Rat fort , » ich dürfe die Kinder allein lassen ? Gasparde will sich nicht von ihrem Paten und dieser junge Berner sich nicht von Gasparde trennen . « » Ei was « , spottete Herr Montaigne sich gegen mich verbeugend , » sie werden , um sich in der Tugend zu stärken , das Buch Tobiä zusammen lesen ! « und den Ton wechselnd , da er mein ernstes Gesicht sah , » kurz und gut « , schloß er , » Ihr kommt mit mir , lieber Rat ! « – » Ist denn eine Verschwörung gegen uns Hugenotten im Werke ? « fragte ich aufmerksam werdend . » Eine Verschwörung ? « wiederholte der Gascogner . » Nicht daß ich wüßte ! Wenn nicht etwa eine solche , wie sie die Wolken anzetteln , bevor ein Gewitter losbricht . Vier Fünfteile einer Nation von dem letzten Fünfteil zu etwas gezwungen , was sie nicht wollen – das heißt zum Kriege in Flandern – das kann die Atmosphäre schon elektrisch machen . Und , nehmt es mir nicht übel , junger Mann , ihr Hugenotten verfehlt euch gegen den ersten Satz der Lebensweisheit : daß man das Volk , unter dem man wohnt , nicht durch Mißachtung seiner Sitten beleidigen darf . « » Rechnet Ihr die Religion zu den Sitten eines Volkes ? « fragte ich entrüstet . » In gewissem Sinne , ja « , meinte er , » doch diesmal dachte ich nur an die Gebräuche des täglichen Lebens : ihr Hugenotten kleidet euch düster , tragt ernsthafte Mienen , versteht keinen Scherz und seid so steif wie eure Halskragen . Kurz , ihr schließt euch ab , und das bestraft sich in der größten Stadt wie auf dem kleinsten Dorfe ! Da verstehn die Guisen das Leben besser ! Eben kam ich vorüber als der Herzog Heinrich vor seinem Palaste abstieg und den umstehenden Bürgern die Hände schüttelte , lustig wie ein Franzose und gemütlich wie ein Deutscher ! So ist es recht ! Sind wir ja alle vom Weibe geboren und ist doch die Seife nicht teuer ! « Mir schien , als ob der Gascogner schwere Besorgnis unter diesem scherzhaften Tone verberge , und ich wollte ihn weiter zur Rede stellen , als der alte Diener einen Boten des Admirals meldete , welcher mich und Gasparde unverzüglich zu sich berief . Gasparde warf einen dichten Schleier über und wir eilten . Unterwegs erzählte sie mir , was sie in meiner Abwesenheit ausgestanden . » An deiner Seite durch einen Kugelregen zu reiten , wäre mir ein Spiel dagegen ! « versicherte sie . » Der Pöbel in unsrer Straße ist so giftig geworden , daß ich das Haus nicht verlassen konnte , ohne mit Schimpfworten verfolgt zu werden . Kleidete ich mich nach meinem Stande , so schrie man mir nach › Seht die Übermütige ! ‹ Legte ich schlichtes Gewand an , so hieß es › Seht die Heuchlerin ! ‹ – Einen Tag , oder eine Woche hielte man das schon aus ; aber wenn man kein Ende davon absieht ! – Unsere Lage hier in Paris erinnert mich an die jenes Italieners , den sein Feind in einen Kerker mit vier kleinen Fenstern werfen ließ . Als er am nächsten Morgen erwachte , waren deren nur noch drei , am folgenden zwei , am dritten noch eins , kurz , er begriff , daß sein höllischer Feind ihn in eine Maschine gesperrt hatte , die sich allmählich in einen erdrückenden Sarg verwandelte . « Unter diesen Reden waren wir in die Wohnung des Admirals gelangt , der uns sogleich zu sich beschied . Er saß aufrecht auf seinem Lager , den verwundeten linken Arm in der Schlinge , blaß und ermattet . Neben ihm stand ein Geistlicher mit eisgrauem Barte . Er ließ uns nicht zu Worten kommen . » Meine Zeit ist gemessen « , sprach er , » hört mich an und gehorcht mir ! Du , Gasparde , bist mir durch meinen teuern Bruder blutverwandt . Es ist jetzt nicht der Augenblick etwas zu verhüllen , das du weißt und diesem nicht verborgen bleiben darf . – Deiner Mutter ist durch einen Franzosen Unrecht geschehn ; ich will nicht , daß auch du unsres Volkes Sünden mitbüßest . Wir bezahlen , was unsre Väter verschuldet haben . Du aber sollst , soviel solches an mir liegt , auf deutscher Erde ein frommes und ruhiges Leben führen . « Dann sich zu mir wendend , fuhr er fort : » Schadau , Ihr werdet Eure Kriegsschule nicht unter mir durchmachen . Hier sieht es dunkel aus . Mein Leben geht zur Neige und mein Tod ist der Bürgerkrieg . Mischt Euch nicht darein , ich verbiete es Euch . – Reicht Gasparde die Hand , ich gebe sie Euch zum Weibe . Führt sie ohne Säumnis in Eure Heimat . Verlaßt dieses ungesegnete Frankreich , sobald Ihr meinen Tod erfahrt . Bereitet ihr eine Stätte auf Schweizerboden ; dann nehmt Dienste unter dem Prinzen von Orangen und kämpft für die gute Sache ! « – Jetzt winkte er dem Greise und forderte ihn auf , uns zu trauen . » Macht es kurz « , flüsterte er , » ich bin müde und bedarf Ruhe . « Wir ließen uns an seinem Lager auf die Kniee nieder und der Geistliche verrichtete sein Amt , unsre Hände zusammenfügend und die liturgischen Worte aus dem Gedächtnisse sprechend . Dann segnete uns der Admiral mit seiner ebenfalls verstümmelten Rechten . » Lebt wohl ! « schloß er , legte sich nieder und Lehrte sein Antlitz gegen die Wand . Da wir zögerten , das Gemach zu verlassen , hörten wir noch die gleichmäßigen Atemzüge des ruhig Entschlummerten . Schweigend und in wunderbarer Stimmung kamen wir zurück und fanden Chatillon noch in lebhaftem Gespräche mit Herrn Montaigne . » Gewonnen Spiel ! « jubelte dieser , » der Papa willigt ein und ich selbst will ihm seinen Koffer packen , denn darauf verstehe ich mich vortrefflich . « – » Geht , lieber Oheim ! « mahnte Gasparde , » und macht Euch keine Sorge um mich . Das ist von nun an die Sache meines Gemahls . « Und sie drückte meine Hand an ihre Brust . Auch ich drang in den Rat , mit Montaigne zu verreisen . Da mit einem Male , wie wir alle ihm zuredeten und ihn überzeugt glaubten , fragte er : » Hat der Admiral Paris verlassen ? « Und als er hörte , Coligny bleibe und werde trotz des Drängens der Seinigen bleiben , auch wenn sein Zustand die Abreise erlauben sollte , da rief Chatillon mit glänzenden Augen und mit einer festen Stimme , die ich nicht an ihm kannte : » So bleibe auch ich ! Ich bin im Leben oftmals feig und selbstsüchtig gewesen ; ich stand nicht zu meinen Glaubensgenossen wie ich sollte ; in dieser letzten Stunde aber will ich sie nicht verlassen . « Montaigne biß sich die Lippe . Unser aller Zureden fruchtete nun nichts mehr , der Alte blieb bei seinem Entschlusse . Jetzt klopfte ihm der Gascogner auf die Schulter und sagte mit einem Anfluge von Hohn : » Alter Junge , du betrügst dich selbst , wenn du glaubst , daß du aus Heldenmut so handelst . Du tust es aus Bequemlichkeit . Du bist zu träge geworden , dein behagliches Nest zu verlassen selbst auf die Gefahr hin , daß der Sturm es morgen wegfegt . Das ist auch ein Standpunkt und in deiner Weise hast du recht . « – Jetzt verwandelte sich der spöttische Ausdruck auf seinem Gesichte in einen tief schmerzlichen , er umarmte Chatillon , küßte ihn und schied eilig . Der Rat , welcher seltsam bewegt war , wünschte allein zu sein . » Verlaßt mich , Schadau ! « sagte er , » mir die Hand drückend , und kommt heute abend noch einmal vor Schlafengehen . « – Gasparde , die mich begleitete , ergriff unter der Türe plötzlich das Reisepistol , das noch in meinem Gürtel stak . » Laß das ! « warnte ich . » Es ist scharf geladen . « » Nein « , lachte sie , den Kopf zurückwerfend , » ich behalte es als Unterpfand , daß du uns diesen Abend nicht versäumst ! « und sie entfloh damit ins Haus . Achtes Kapitel Achtes Kapitel Auf meinem Zimmer lag ein Brief meines Oheims im gewohnten Format , mit den wohlbekannten altmodischen Zügen überschrieben . Der rote Abdruck des Siegels mit seiner Devise : Pèlerin et Voyageur ! war diesmal unmäßig groß geraten . Noch hielt ich das Schreiben uneröffnet in der Hand , als Boccard ohne anzuklopfen hereinstürzte . » Hast du dein Versprechen vergessen , Schadau ? « rief er mir zu . » Welches Versprechen ? « fragte ich mißmutig . » Schön ! « versetzte er mit einem kurzen Lachen , das gezwungen klang . » Wenn das so fortgeht , so wirst du nächstens deinen eignen Namen vergessen ! Am Vorabende deiner Abreise nach Orleans , in der Schenke zum Mohren , hast du mir feierlich gelobt , dein längst gegebenes Versprechen zu lösen und unsern Landsmann , den Hauptmann Pfyffer , einmal zu begrüßen . Ich lud dich dann in seinem Auftrage zu seinem Namensfeste in das Louvre ein . Heute nun ist Bartholomäustag . Der Hauptmann hat zwar viele Namen , wohl acht bis zehn ; da aber unter diesen allen der geschundene Barthel in seinen Augen der größte Heilige und Märtyrer ist , so feiert er als guter Christ diesen Tag in besondrer Weise . Bliebest du weg , er legte dir ' s als hugenottischen Starrsinn aus . « – Ich besann mich freilich , von Boccard häufig mit solchen Einladungen bestürmt worden zu sein und ihn von Woche zu Woche vertröstet zu haben . Daß ich ihm auf heute zugesagt , war mir nicht erinnerlich , aber es konnte sein . » Boccard « , sagte ich , » heute ist mir ' s ungelegen . Entschuldige mich bei Pfyffer und laß mich zu Hause . « – Nun aber begann er auf die wunderlichste Weise in mich zu dringen , jetzt scherzend und kindischen Unsinn vorbringend jetzt flehentlich mich beschwörend . Zuletzt fuhr er auf : » Wie ? Hältst du so dein Ehrenwort ? « – Und unsicher wie ich war , ob ich nicht doch vielleicht mein Wort gegeben , konnte ich diesen Vorwurf nicht auf mir sitzen lassen und willigte endlich , wenn auch bitter ungern , ein , ihn zu begleiten . Ich marktete , bis er versprach in einer Stunde mich freizugeben , und wir gingen nach dem Louvre . Paris war ruhig . Wir trafen nur einzelne Gruppen von Bürgern , die sich über den Zustand des Admirals flüsternd besprachen Pfyffer hatte ein Gemach zu ebener Erde im großen Hofe des Louvre inne . Ich war erstaunt , seine Fenster nur spärlich erleuchtet zu sehn und Totenstille zu finden statt eines fröhlichen Festlärms . Wie wir eintraten , stand der Hauptmann allein in der Mitte des Zimmers , vom Kopfe bis zu den Füßen bewaffnet und in eine Depesche vertieft , die er aufmerksam zu lesen , ja zu buchstabieren schien , denn er folgte den Zeilen mit dem Zeigefinger der linken Hand . Er wurde meiner ansichtig , und auf mich zutretend , fuhr er mich barsch an : » Euren Degen , junger Herr ! Ihr seid mein Gefangener . « – Gleichzeitig näherten sich zwei Schweizer , die im Schatten gestanden hatten . Ich trat einen Schritt zurück . » Wer gibt Euch ein Recht an mich , Herr Hauptmann ? « – rief ich aus . » Ich bin der Schreiber des Admirals . « Ohne mich einer Antwort zu würdigen , griff er mit eigner Hand nach meinem Degen und bemächtigte sich desselben . Die Überraschung hatte mich so außer Fassung gebracht , daß ich an keinen Widerstand dachte . » Tut Eure Pflicht ! « befahl Pfyffer . Die beiden Schweizer nahmen mich in die Mitte und ich folgte ihnen wehrlos , einen Blick grimmigen Vorwurfs auf Boccard werfend . Ich konnte mir nichts anders denken , als daß Pfyffer einen königlichen Befehl erhalten habe , mich wegen meines Zweikampfes mit Guiche in Haft zu nehmen . Zu meinem Erstaunen wurde ich nur wenige Schritte weit nach der mir wohlbekannten Kammer Boccards geführt . Der eine Schweizer zog einen Schlüssel hervor und versuchte zu öffnen , aber vergeblich . Es schien ihm in der Eile ein unrechter übergeben worden zu sein und er sandte seinen Kameraden zurück , um von Boccard , der bei Pfyffer geblieben war , den rechten zu fordern . In dieser kurzen Frist vernahm ich lauschend die rauhe , scheltende Stimme des Hauptmanns : » Euer freches Stücklein kann mich meine Stelle kosten ! In dieser Teufelsnacht wird uns hoffentlich keiner zur Rede stellen , doch wie bringen wir morgen den Ketzer aus dem Louvre fort ? Die Heiligen mögen mir ' s verzeihn , daß ich einem Hugenotten das Leben rette – aber einen Landsmann und Bürger von Bern dürfen wir von diesen verfluchten Franzosen auch nicht abschlachten lassen , – da habt Ihr wiederum recht , Boccard ... « Jetzt ging die Türe auf , ich stand in dem dunkeln Gelaß , der Schlüssel wurde hinter mir gedreht und ein schwerer Riegel vorgeschoben . Ich durchmaß das mir von manchem Besuche her wohlbekannte Gemach , in quälenden Gedanken auf und nieder schreitend , während sich das mit Eisenstäben vergitterte , hochgelegene Fenster allmählich erhellte , denn der Mond ging auf . Der einzige wahrscheinliche Grund meiner Verhaftung , ich mochte die Sache wenden wie ich wollte , war und blieb der Zweikampf . Unerklärlich waren mir freilich Pfyffers unmutige letzte Worte ; aber ich konnte dieselben mißhört haben , oder der tapfere Hauptmann war etwas bezecht . Noch unbegreiflicher , ja haarsträubend , erschien mir das Benehmen Boccards , dem ich nie und nimmer einen so schmählichen Verrat zugetraut hätte . Je länger ich die Sache übersann , in desto beunruhigendere Zweifel und unlösbarere Widersprüche verstrickte ich mich . Sollte wirklich ein blutiger Plan gegen die Hugenotten bestehn ? War das denkbar ? Konnte der König , wenn er nicht von Sinnen war , in die Vernichtung einer Partei willigen , deren Untergang ihn zum willenlosen Sklaven seiner ehrgeizigen Vettern von Lothringen machen mußte ? Oder war ein neuer Anschlag auf die Person des Admirals geschmiedet , und wollte man einen seiner treuen Diener von ihm entfernen ? Aber ich erschien mir zu unbedeutend , als daß man zuerst an mich gedacht hätte . Der König hatte heftig gezürnt über die Verwundung des Admirals . Konnte ein Mensch , ohne dem Wahnsinne verfallen zu sein , von warmer Neigung zu stumpfer Gleichgültigkeit oder wildem Hasse in der Frist weniger Stunden übergehn ? Während ich so meinen Kopf zerarbeitete , schrie mein Herz , daß mein Weib mich zu dieser Stunde er warte , die Minuten zahle , und ich hier gefangen sei , ohne ihr Nachricht geben zu können . Noch immer schritt ich auf und nieder , als die Turmuhr des Louvre schlug ; ich zählte zwölf Schläge . Es war Mitternacht . Da kam mir der Gedanke , einen Stuhl an das hohe Fenster zu rücken , in die Nische zu steigen , es zu öffnen und , an die Eisenstäbe mich anklammernd , in die Nacht auszuschauen . Das Fenster blickte auf die Seine . Alles war still . Schon wollte ich wieder ins Gemach herunterspringen , als ich meinen Blick noch über mich richtete und vor Entsetzen erstarrte . Rechts von mir , auf einem Balkon des ersten Stockwerks , so nahe , daß ich sie fast mit der Hand erreichen konnte , erblickte ich , vom Mondlicht taghell erleuchtet drei über das Geländer vorgebeugte , lautlos lauschende Gestalten . Mir zunächst der König mit einem Antlitz , dessen nicht unedle Züge die Angst , die Wut , der Wahnsinn zu einem Höllenausdruck verzerrten . Kein Fiebertraum kann schrecklicher sein als diese Wirklichkeit . Jetzt da ich das längst Vergangene niederschreibe , sehe ich den Unseligen wieder mit den Augen des Geistes – und ich schaudere . Neben ihm lehnte sein Bruder , der Herzog von Anjou , mit dem schlaffen , weibisch grausamen Gesichtchen und schlotterte vor Furcht . Hinter ihnen , bleich und regungslos , die Gefaßteste von allen , stand Katharina die Mediceerin mit halbgeschlossenen Augen und fast gleichgültiger Miene . Jetzt machte der König , wie von Gewissensangst gepeinigt , eine krampfhafte Gebärde , als wollte er einen gegebenen Befehl zurücknehmen , und in demselben Augenblicke knallte ein Büchsenschuß , mir schien im Hofe des Louvre . » Endlich ! « flüsterte die Königin erleichtert und die drei Nachtgestalten verschwanden von der Zinne . Eine nahe Glocke begann Sturm zu läuten , eine zweite , eine dritte heulte mit ; greller Fackelschein glomm auf wie eine Feuersbrunst , Schüsse knatterten und meine gespannte Einbildungskraft glaubte Sterbeseufzer zu vernehmen . Der Admiral lag ermordet , daran konnte ich nicht mehr zweifeln . Aber was bedeuteten die Sturmglocken , die erst vereinzelt , dann immer häufiger fallenden Schüsse , die Mordrufe , die jetzt von fern an mein lauschendes Ohr drangen ? Geschah das Unerhörte ? Wurden alle Hugenotten in Paris gemeuchelt ? Und Gasparde , meine mir vom Admiral anvertraute Gasparde , war mit dem wehrlosen Alten diesen Schrecken preisgegeben ! Das Haar stand mir zu Berge , das Blut gerann mir in den Adern . Ich rüttelte an der Türe aus allen Kräften , die eisernen Schlösser und das schwere Eichenholz wichen nicht . Ich suchte tastend nach einer Waffe , nach einem Werkzeuge um sie zu sprengen und fand keines . Ich schlug mit den Fäusten , stieß mit den Füßen gegen die Türe und schrie nach Befreiung – draußen im Gange blieb es totenstill . Wieder schwang ich mich auf in die Fensternische und rüttelte wie ein Verzweifelter an dem Eisengitter , es war nicht zu erschüttern . Ein Fieberfrost ergriff mich und meine Zähne schlugen aufeinander . Dem Wahnsinne nahe warf ich mich auf Boccards Lager und wälzte mich in tödlicher Bangigkeit . Endlich als der Morgen zu grauen begann , verfiel ich in einen Zustand zwischen Wachen und Schlummern , der sich nicht beschreiben läßt . Ich meinte mich noch an die Eisenstäbe zu klammern und hinauszublicken auf die rastlos flutende Seine . Da plötzlich erhob sich aus ihren Wellen ein halbnacktes , vom Mondlichte beglänztes Weib , eine Flußgöttin auf ihre sprudelnde Urne gestützt , wie sie in Fontainebleau an den Wasserkünsten sitzen , und begann zu sprechen . Aber ihre Worte richteten sich nicht an mich , sondern an eine Steinfrau , die dicht neben mir die Zinne trug , auf welcher die drei fürstlichen Verschwörer gestanden . » Schwester « , frug sie aus dem Flusse , » weißt vielleicht du warum sie sich morden ? Sie werfen mir Leichnam auf Leichnam in mein strömendes Bett und ich bin schmierig von Blut . Pfui , pfui ! Machen vielleicht die Bettler , die ich abends ihre Lumpen in meinem Wasser waschen sehe , den Reichen den Garaus ? « » Nein « , raunte das steinerne Weib , » sie morden sich , weil sie nicht einig sind über den richtigen Weg zur Seligkeit . « – Und ihr kaltes Antlitz verzog sich zum Hohn , als belache sie eine ungeheure Dummheit ... In diesem Augenblicke knarrte die Türe , ich fuhr auf aus meinem Halbschlummer und erblickte Boccard , blaß und ernst wie ich ihn noch nie gesehen hatte , und hinter ihm zwei seiner Leute , von welchen einer einen Laib Brot und eine Kanne Wein trug . » Um Gottes willen , Boccard « , rief ich und stürzte ihm entgegen , » was ist heute nacht vorgegangen ? . . . Sprich ! « Er ergriff meine Hand und wollte sich zu mir auf das Lager setzen . Ich sträubte mich und beschwor ihn zu reden . » Beruhige dich ! « sagte er . » Es war eine schlimme Nacht . Wir Schweizer können nichts dafür , der König hat es befohlen . « – » Der Admiral ist tot ? « frug ich , ihn starr ansehend . Er bejahte mit einer Bewegung des Hauptes . » Und die andern hugenottischen Führer ? « – » Tot . Wenn nicht der eine oder andere , wie der Navarrese , durch besondere Gunst des Königs verschont blieb . « – » Ist das Blutbad beendigt ? « – » Nein , noch wütet es fort in den Straßen von Paris . Kein Hugenott darf am Leben bleiben . « – Jetzt zuckte mir der Gedanke an Gasparde wie ein glühender Blitz durchs Gehirn und alles andere verschwand im Dunkel . » Laß mich ! « schrie ich . » Mein Weib ! mein armes Weib ! « – Boccard sah mich erstaunt und fragend an . » Dein Weib ? Bist du verheiratet ? « – » Gib Raum , Unseliger ! « rief ich und warf mich auf ihn , der mir den Ausweg vertrat . Wir rangen miteinander und ich hätte ihn übermannt , wenn nicht einer seiner Schweizer ihm zu Hilfe gekommen wäre , indes der andere die Türe bewachte . Ich wurde auf das Knie gedrückt . » Boccard ! « stöhnte ich . » Im Namen des barmherzigen Gottes – bei allem , was dir teuer ist – bei dem Haupte deines Vaters – bei der Seligkeit deiner Mutter – erbarm dich meiner und laß mich frei ! Ich sage dir , Mensch , daß mein Weib da draußen ist – daß sie vielleicht in diesem Augenblicke gemordet – daß sie vielleicht in diesem Augenblicke mißhandelt wird ! Oh , oh ! « – und ich schlug mit geballter Faust gegen die Stirn . Boccard erwiderte begütigend , wie man mit einem Kranken spricht : » Du bist von Sinnen , armer Freund ! Du könntest nicht fünf Schritte ins Freie tun , bevor dich eine Kugel niederstreckte ! Jedermann kennt dich als den Schreiber des Admirals . Nimm Vernunft an ! Was du verlangst , ist unmöglich . « – Jetzt begann ich auf den Knieen liegend zu schluchzen wie ein Kind . Noch einmal , halb bewußtlos wie ein Ertrinkender , erhob ich das Auge nach Rettung , während Boccard schweigend die im Ringen zerrissene Seidenschnur wieder zusammenknüpfte , an der die Silbermünze mit dem Bildnis der Madonna tief niederhing . » Im Namen der Mutter Gottes von Einsiedeln ! « – flehte ich mit gefalteten Händen . Jetzt stand Boccard wie gebannt , die Augen nach oben gewendet und etwas murmelnd wie ein Gebet . Dann berührte er das Medaillon mit den Lippen und schob es sorgfältig wieder in sein Wams . Noch schwiegen wir beide , da trat , eine Depesche emporhaltend , ein junger Fähndrich ein . » Im Namen des Königs und auf Befehl des Hauptmanns « , sagte er , » nehmt zwei Eurer Leute , Herr Boccard , und überbringt eigenhändig diese Ordre dem Kommandanten der Bastille . « – Der Fähndrich trat ab . Jetzt eilte Boccard , nach einem Augenblicke des Besinnens , das Schreiben in der Hand , auf mich zu : » Tausche schnell die Kleider mit Cattani hier ! « flüsterte er . » Ich will es wagen . Wo wohnt sie ? « – » Isle St. Louis . « – » Gut . Labe dich noch mit einem Trunke , du hast Kraft nötig . « Nachdem ich eilig meiner Kleider mich entledigt , warf ich mich in die Tracht eines königlichen Schweizers , gürtete das Schwert um