Fragen , Und eine Lösung ist noch nicht vorhanden . Erlauchte Prinzen , laßt Euch nicht verdrießen , Auch eures Witzes Bolzen abzuschießen . Komm , Brüderchen ! Die Königin von Ferrara gebietet . « Er faßte Don Giulio unter dem Arme und lud den Herzog und den Kardinal mit einer gezierten Handbewegung zum Vortritte ein . 6. Kapitel Sechstes Kapitel Während die ernsten Gestalten des Herzogs und des Kardinals zusammen durch den langen Mittelgang des Gehölzes schritten , stellte sich das darin lustwandelnde Hofgesinde rechts und links zu ehrerbietiger Begrüßung auf , wenn es sich nicht in anständiger Flucht auf Nebenpfaden , die zu irgendeiner geheimen Lästerbank führten , ins Dickicht verlor . Wer von ihnen hätte begreifen können , daß der Mann im Purpur mit dem bedeutenden Kopfe und den durchgearbeiteten Zügen , wie sie große politische Geschäfte ausprägen , gleich einem Verdammten leidend , in den Banden eines von ihm sich abwendenden jungen Mädchens lag . – Unglaublich . – Ähnliches sagte sich der Herzog , und der Kardinal erriet dieses schweigende Urteil . » Keine Sorge , Bruder « , begann er beschwichtigend , » wegen meiner und des Mädchens ! Ich überwinde ... eines von beiden : mich oder sie ! Nur Don Giulio muß aus der Mitte geworfen werden . Und du schaffst mir ihn weg , den mit den vorwurfsvollen Augen ! « Der Herzog blickte den noch immer vor Leidenschaft Zitternden verwundert an . Dann warf er einen Blick rückwärts nach den ihm folgenden Brüdern und sah Don Ferrante , der den Gehaßten fast gewaltsam vom Wege in das Gebüsch zog . » Sieh dich um « , sagte er zum Kardinal . » Dort schleppt der Verschwörer Ferrante den unschuldigen Giulio in ein Versteck , um ihn in eines seiner närrischen Komplotte gegen uns einzuweihen . Zu solchem Verrat aber , das mußt du mir zugestehen , gibt sich der leichtherzige Knabe nicht her . « » Je nach Umständen ! « zischte der Kardinal . Dann raffte er sich selbst und die Falten seines Purpurs zusammen , denn sie näherten sich dem Kreise der Herzogin . Die Hitze des Julitages hatte sich gegen Abend unter dem dichten Laubdache verfangen . Es war unerträglich dumpf , und wo der Horizont zwischen den Stämmen sichtbar wurde , regten unaufhörlich die lautlosen Blitze ihre Feuerschwingen . In dem dämmernden Boskette des gefesselten Cupido erhob sich beim Eintritte der beiden die Gesellschaft von den niedrigen Steinsitzen ; nur die Herzogin , zu deren Füßen Angela sich barg , blieb auf ihrer Bank ruhen , dem Herzog neben sich Raum gebend . Der Perser Emin aber stand an den ehernen Cupido gelehnt , den Kreis mit orientalischen Märchen , wie es dem Herzoge schien , unterhaltend , während Ariosto hinter seinen Schultern ihn anfeuerte und auch wohl mit dem richtigen italienischen Ausdruck unterstützte . » Wovon war die Rede , Madonna ? « fragte der Herzog . » Herr , davon « , erwiderte sie , » wie es möglich sei , daß gewisse Lichtgestalten , die in ihrer Glorie schützend über uns stehen , auch in fremde Länder und auf andersgläubige Völker ihre Strahlen werfen , wenngleich wie im Spiegel eines dunkeln Gewässers gebrochen . Davon hat uns Ben Emin eben ein schönes persisches Beispiel erzählt . « » Ich errate « , sagte Don Alfonso , den die Frage anzuziehen schien . » Solche Besitznahme unserer Helden durch die morgenländische Sage kommt vor . Wenn ich nur an Kaiser Karl und seine Paladine denke . Diese freilich haben unsere Dichter – und nicht am unschuldigsten jener dort , der seine lustigen Augen hinter Cupido verbirgt – schon so abenteuerlich verkleidet , daß den Persern wenig mehr zu tun übrigbleibt . « » Auf falscher Fährte , Herzog ! « lächelte Donna Lucrezia . » So sind es denn die großen Staufen « , riet der Herzog weiter , » der Rotbart und sein Enkel , der ungläubige Friedrich , welche beide freilich den Morgenländern ihre natürlichen Angesichter gezeigt haben , und die sie nach dem Leben abbilden konnten . « » Immer weiter weg ! « schüttelte Lucrezia das leichte Haupt . » Doch , ich fürchte , selber habe ich Euch irre geführt , indem ich einen ganz Unvergleichlichen und Unerreichbaren in die Menschheit einreihte und das Heiligste selbst in unser weltliches Gespräch verflocht . Weder Karl den Großen und seine Paladine , noch die Staufen nannte Ben Emin , sondern unsern Herrn Christus selbst . Verzeiht meiner Unvorsicht ! Es ist ferne von mir , die Kirche zu entweihen , in deren Kreis ich durch Geburt und Schicksal gebannt bin und von der allein ich mein Heil verhoffe . Die Barmherzigkeit des Himmels , die sich in Menschengestalt des abscheulichsten Elends erbarmt , das ist auch der Inhalt der persischen Erzählung , die mich verführte . Doch ich werde unklar . Höret und urteilet selbst . Ben Emin berichtet : Eines Tages trat der Heiland mit seinen Jüngern aus dem Tore einer Stadt . An der Landstraße lag in der Sonne ein toter Hund , dem die Jünger mit Ekel und Schmähungen auswichen . Der Heiland aber blieb bei dem Aase stehen , und , das einzige , was daran rein geblieben war , hervorhebend , sprach er : › O sehet , wie blendend weiß seine Zähne sind ! ‹ « Die Hofleute , welche eine Erzählung im Geschmacke des Boccaccio vorgezogen hätten , fanden diese persische Legende befremdend , ja unanständig ; der Herzog aber schwieg . Donna Lucrezia , die von dem Gegenstande nicht loskommen konnte , redete in bewegter Stimmung weiter : » Und ist es nicht seltsam , mein Herzog ! Wie auf einer kostbaren Tapete , gewoben nach der Zeichnung eines unserer heiligen Maler , wird auf der Rückseite , ich meine in der heidnischen Überlieferung , zwar nicht das volle Bild des Weltheilandes , aber doch die Purpurfarbe seiner Barmherzigkeit sichtbar ! Die heidnische Sage bestätigt den Heiland als den , welchen die Kirche verehrt und darstellt , als einen göttlichen Brunnen der Barmherzigkeit . Selbst an dem ekelsten Gegenstande findet die Güte noch eine Schönheit . « Und schwere Tränen stürzten über ihre Wangen . Die Hofleute waren erstaunt , ihre Herrin also reden zu hören . Es war offenbar , daß sie an sich selbst dachte und unter der Gewalt eines plötzlich über sie kommenden unüberwindlichen Wahrheitsbedürfnisses ohne Hehl und Scham unter einem durchsichtigen Schleier ihren Ursprung aus der Kirche und ihre entsetzliche römische Sünde zeigte . Der Mund des einen verzog sich in der Dämmerung zum Spott , während die Stirne des andern sann und grübelte . Es ist schwül , und sie fühlt das Gewitter – dachten sie . Die Blässe der Herzogin schimmerte wie Marmor durch das Halbdunkel . Alfonso sprach kein Wort , aber er betrachtete sein Weib ohne Groll , mit Liebe und Teilnahme . Der Teppichhändler Emin aber freute sich des Gleichnisses von der Tapete . In dem entstandenen Schweigen wurde die bange Schwüle noch fühlbarer . Man hörte in der Ferne unheimliche Unkenrufe und das Schreien eines Käuzleins , nach welchem der Kardinal , der an der Unterhaltung keinen Anteil genommen , aufmerksam und geärgert hinhorchte . Da trat unversehens Don Ferrante aus den Bäumen und ließ seine mißtönige Stimme vernehmen . » Hier wird erbaulich gesprochen « , höhnte er , » wohl von der Eminenz ! Ich lese es im Dunkel auf den kasteiten Mienen . Schade , daß ich zu spät komme ! Ich kann immer etwas Moral brauchen , und noch mehr Bruder Julius , den ich mitbrachte , der mir aber unterwegs in den Pfirsichspalieren hängenblieb . Es steckt dort eine Pica , die Tochter des neuen Gärtners , der er jetzt Pfirsiche für die herzogliche Abendtafel pflücken hilft mit den üblichen Griffen und Bissen und ehrbaren Spielen und Wortspielen , welche seit Adams Zeiten das Ergötzen unserer edeln Menschheit sind . « Diese mehr bittere als lose Rede schlug wie ein Blitz in einen Pulverturm . Donna Angela , die bisher ihr Angesicht an den Knien der Herzogin verborgen hatte , fuhr wie eine vom Pfeil getroffene Löwin in die Höhe und wollte , durch die Büsche brechend , davoneilen , da der nächste Augenblick den Unwürdigen in ihre Gegenwart bringen konnte ; doch die dunkle Figur des Kardinals verwehrte ihr die Flucht . Er stellte sich vor sie , und es schwirrte von seinen Lippen : » Der Nazarener fand an dem ekeln Aase noch etwas Schönes , an dem Hunde Don Giulio hätte er es nicht gefunden ! « Da änderte sich plötzlich die Haltung des aufgebrachten Mädchens . Die Brandmarkung des ausschweifenden Jünglings , zu der – wunderbarerweise – nur sie ein Recht zu haben glaubte , kochte in ihr als Zorn und Widerspruch . Sie schüttelte ihr stolzes Haupt und bewegte die Lippen . » Es wäre denn , Ihr allein , Donna Angela , wüßtet ein Lob auf ihn ! « beleidigte er sie . Da sprach die Trotzige mit erhobener Stimme : » Don Giulio hat wundervolle Augen ! Die muß ihm der Neid , die müsset Ihr , Kardinal , ihm lassen ! « » Muß ich ? Muß ich wirklich ? « rief Ippolito bebend und trat in die Nacht der Bäume zurück . Er verließ das Boskett und erschien wieder nach wenigen Minuten und einer entsetzlichen Tat . Was war geschehen ? Er hatte kaum das Dunkel betreten und einen leisen Ruf hören lassen , so kroch Kratzkralle , der sich durch » Unke « und » Käuzlein « , wie der Kunstausdruck lautete , angemeldet hatte , auf dem Bauche , wie eine Schlange , aus dem Dickicht , und ihm gegenüber auf der andern Seite des Pfades wurden in derselben Haltung Firlefanz und Drachenbrut sichtbar . Es waren die drei Schlimmsten seiner verabschiedeten Bande , die vor ihm aufstiegen . » Was wollt ihr von mir , Schurken ? « fuhr er sie an . Die Mützen mit den Händen vor die Brust drückend , wisperten die drei : » Gold , Gold , Gold , Eminenz ! Wir haben Euch länger gedient , als die andern und erwarten mehr von Euch ! Euer Schatzmeister aber hat uns alle gleich bedacht . « Da überwältigte den Kardinal sein böser Dämon . Er zog einen schweren Beutel hervor . » Euer ! « lockte er , » wenn ihr Don Giulio ... « Firlefanz machte die Gebärde des Erstechens : » Abgemacht , Eminenz ! « – » Nicht so ! Sondern ... « das Wort zauderte in seinem Munde , » ihn blenden . « Zuerst wollten ihn seine Banditen nicht verstehen . » Kennt ihr ihn ? « fragte er . » Er ist mein Freund ! « versetzte Kratzkralle mit Stolz . » In wenigen Minuten geht er hier vorbei . Horcht ! ... Ich vernehme schon seine Schritte ! « In der Tat wurde ein fernes Schreiten auf dem knirschenden Kiese der Allee hörbar . Da warf sich Kratzkralle dem Kardinal zu Füßen und stöhnte mit dem tiefsten Selbstbedauern : » Ich Verdammter ! Wär ich nicht geboren ! Herrlichkeit , befehlt mir , ihn zu erstechen ! Nacken oder Herz ! Nur nicht die lieben schönen Augen ! ... Das tu ich nicht ! « sagte er dann entschlossen . Da stieß ihn Firlefanz beiseite . » So laß uns zweie machen , Kapaun ! Desto besser , wenn wir nicht mit dir teilen müssen ! « Das wollte nun Kratzkralle auch nicht . Der Kardinal ließ seinen Beutel fallen und ging auf dem Pfade , den er gekommen war , nach dem Boskette , ohne zurückzulauschen . Hier aber war nicht nur der eherne Amor gefesselt , sondern alle Geister der Unterhaltung lagen in Banden . Man saß , in der Schwüle schwer atmend , zusammen und konnte bei der sinkenden Nacht kaum mehr die Züge des Nachbars unterscheiden . Eine bleierne Müdigkeit und zugleich die beklemmende Angst einer Erwartung lähmte die Glieder , wenn auch nur das Warten auf die Flammen und Donner eines Gewittersturmes , dessen Fittiche zur Stunde noch gebunden waren . Da plötzlich zitterte durch die Luft ein Geschrei . Solche Schreckens- und Schmerzenstöne , daß alle Herzen bebten und alle Pulse stockten ! » So brüllt der Stier des Phalaris ! « rief der entsetzte Ariost . » Wo bleibt Don Giulio ! « Er stürzte fort . Da kam er mit ihm zurück , der sich , der Unglückliche , an ihn anklammerte und von ihm vorwärts schleifen ließ . » Bruder ! Herzog ! « rief der vor Schmerz Sinnlose , » wo bist du ? Hilf mir , räche ! strafe ! « » Fasse dich , ärmster Bruder ! Was geschah ? Was tat man dir ? « sprach ihm der Herzog zu , während ihn alle umringten . » Der Kardinal ließ mich meuchlings überfallen ! Er hat mir die Augen ausgerissen ! « Man schrie : » Bringt Fackeln ! Holt Ärzte ! « während Don Giulio den ihn aufhaltenden Ariost mit sich reißend , vorwärts strebte und die Arme nach dem Kardinal ausstreckte , der neben dem Herzog stand und dessen Gegenwart er fühlte . Seine ungewisse Hand fuhr in die Falten des Purpurs , in den er , auf das Knie stürzend , sich verwickelte und das blutige Haupt begrub . Er hielt sich an dem Leibe des Kardinals fest und schluchzte : » Oh , oh , warum raubst du mir das Licht ? Was nimmst du mir das all ' und einzige weg , das ich war ... ein in der Sonne Atmender ! ... Du , der du alles bist und hast ! Dem ich nichts nahm und nichts neidete ! ... Ich winde mich vor dir wie ein blinder Wurm ! Bruder , zertritt mich ! Töte mich ganz ! ... « Der Kardinal erschrak . Er zog krampfhaft seinen Purpur an sich , und seine Stimme klang unnatürlich , als er ausrief : » Nicht ich ! ... Das Weib verführte mich ! ... Sie lobte deine Augen ! ... « Dieses Wort drang nicht mehr in das Ohr des vor Schmerz ohnmächtig werdenden Blinden , aber vernichtend in das Herz der entsetzten Angela . Es kam Hilfe , Dienerschaft mit Fackeln und Sänften . Die verwirrte Gesellschaft verlor sich ohne Abschied in ängstlichen Gruppen und auf verschiedenen Wegen . Das dunkle Boskett war verlassen . Jetzt rötete ein Blitz den gefesselten Amor , Windstöße sausten durch den Wald und beugten die Wipfel der Bäume . Bald war der Himmel lauter Lohe und die Luft voller Donnergetöse . Dann stürzten die finstern Wolken auf die Erde , und schwere Regen wuschen und überschwemmten den mit Blut und Sünde befleckten Garten . 7. Kapitel Siebentes Kapitel Geraume Zeit war verflossen seit der Missetat des Kardinals , und der erste Frevel verlangte andere zu erzeugen . Die Saat war ausgestreut und keimte . In Pratello , wohin man Don Giulio an jenem Abende noch , mitten durch das Gewitter , in einer von Pferden getragenen Sänfte zurückgebracht hatte , brütete der Unglückliche in seiner Finsternis oder ließ sich durch die Gänge seiner neu angelegten Gärten führen , die heißesten Sonnenstrahlen auffangend , um wenigstens das Licht zu empfinden , das er nicht mehr sehen sollte . Besucht wurde er nicht vom Hofe , denn er galt für in Ungnade gefallen , da der Herzog nicht daran zu denken schien , die Tat des Kardinals vor Gericht zu ziehen , nicht einmal daran , durch eine ernsthafte Verurteilung des grausamen und unerklärlichen Verbrechens sich davon zu trennen und persönlich loszusagen . Die drei Banditen freilich wurden , kurze Zeit nach der Tat , in Neapel , wohin sie mit ihrem Solde geflohen , wohl von ihren früheren Kameraden umgebracht und ihre Köpfe an die Gerichte von Ferrara gesendet , die einen Preis auf die Einlieferung der lebendigen oder toten Verbrecher ausgesetzt hatten . Der eigentliche Täter , Ippolito d ' Este , kam mit einer so leichten Strafe davon , daß es schlimmer erschien , als wenn man die Schuld an ihm nicht gesehen noch gesucht hätte , und daß es einer Verhöhnung des von ihm mehr als Getöteten glich . Der Herzog begnügte sich damit , den Kardinal für wenige Wochen aus seinem Angesichte zu verbannen . Nicht einmal das Gebiet von Ferrara war ihm verboten worden . Aber er hätte es auch nicht verlassen können , denn er lag schwer krank darnieder in der stillsten und verborgensten Kammer seines Stadtpalastes – so antwortete wenigstens seine Dienerschaft auf die vorsichtigen Fragen der Ferraresen . Ob es so sei , oder ob der Kluge sich nur sterbend stelle , um die gegen ihn empörte öffentliche Stimme zu besänftigen , darüber waren die Meinungen verschieden . Von dem Gerüchte der Erkrankung des Kardinals erfuhr der Blinde von Pratello nichts ; denn die zwei einzigen sehr ungleichartigen Ferraresen , die ihn besuchten , Don Ferrante und Ludwig Ariost , hüteten sich aus verschiedenen Gründen und Interessen , ihn davon zu unterhalten . Der Dichter , welcher nach Pratello kam , um nach seiner Art den Blinden zu trösten und seine Seele zu erfreuen , war ein Höfling des Kardinals und setzte Wert auf das Wohlwollen dieses gefürchteten Beschützers . Er hielt sich ohne Falsch in der Schwebe zwischen Schlachter und Opfer ; er bedauerte seinen Freund , ohne seinen Gönner zu verabscheuen , dessen Namen er in Pratello nie über die Lippen ließ , um ihn nicht von Don Giulio verfluchen zu hören , um nicht das Gemüt des Blinden im Grunde aufzuwühlen und auf lange Tage zu verfinstern . Don Ferrante dagegen kam in andrer Absicht . Er weidete sich am Schmerze des Bruders , weil er Pläne darauf baute . Er vergiftete seine Wunde , weil er sie nicht heilen lassen wollte . Sie sollte immer heftiger brennen , damit der Groll des von Natur nicht Rachsüchtigen gegen die älteren Brüder , den schuldigen und den gleichgültigen , immer tiefer glühe . Er nahm sich darum in acht , dem armen Herzen mitzuteilen , daß der Kardinal auch nicht heil und ungestraft geblieben , sondern heimgesucht sei von schwerer Krankheit , und damit gar sein Mitleid zu erregen . Der Blinde sollte ihm nützlicher werden , als ihm der Sehende je gewesen war . Don Giulio hatte in Pratello verschiedene Stufen des Elendes überschritten . Nach den ersten , langen , im Dunkel verstöhnten Tagen und Nächten , sobald die Fieber des Körpers und der Seele nachgelassen hatten , suchte er nach seiner genußbedürftigen Natur die Berührung der sanften Lüfte und den Geruch der Blumen . Er vergrub sich in die kühlsten Blätter , unter die duftigsten Zweige seines Gartens . Zu dieser Zeit fing Ariost an , den Freund zu besuchen , vor dessen unheilbarem Elend ihm anfangs unüberwindlich gegraut hatte . Er wandelte mit ihm durch die Laubgänge von Pratello und legte sich neben ihn auf den weichen Rasen . Er war dafür besorgt , daß die Schaffnerin Körbe voll saftiger Früchte und Schalen edeln Weines bringe , und ließ den Blinden genießen und schlürfen . Er klagte mit ihm das Verhängnis als etwas Unpersönliches an . Er lobte die Mäßigung des Empfindens wie im Glück also im Unglück , und meinte , es hänge alles von der Farbenbrechung der Seele ab ; Glück könne schmerzen , und Unglück – als Tragödie betrachtet – lasse sich genießen . Ja , er behaupte , auch der Sinnlichste besitze eine geheime stoische Ader , und über den Geschicken zu stehen , gewähre eine göttliche Genugtuung . Eines Tages zog er auch beschriebene Rollen aus der Tasche und begann mit wohllautender Stimme , Strophe nach Strophe , die schlanken Gestalten und die herrlichen Entfaltungen seines Heldengedichtes in Don Giulios Ohr tönen zu lassen , bis sich nach und nach das Dunkel heller färbte und in der entzückten Seele des Blinden eine Sonne aufging . Im Anfange beachtete er wohl , solche Gesänge zu wählen , deren Grundstimmung ein heroischer Ernst oder Ergebung im Leiden war . Trennungen , Aufopferungen , Erniedrigungen und ähnliches passives Heldentum ! Da rührte es oft den Dichter , wie tief Don Giulio den schmerzvollen Wahnsinn Rolands mitempfand , trotz der schalkhaften und grotesken Darstellung , mit welcher der Dichter seiner Frohnatur gemäß den Schmerz wieder aufhob . Das ins Komische Übertriebene der Leidenschaft , die von Roland , wie ungeheure Ausrufungspunkte , in die Luft geschleuderten Felsstücke störten das Mitgefühl des Blinden nicht . Endlich aber , da Meister Ludwig den Freund mit seinen zweiundzwanzig Jahren so schlank und schön neben sich ins Gras gestreckt sah , die rasch geheilten zwei Wunden im unter dem Haupte ruhenden Arme verborgen , stachelte ihn die Freude an dem von ihm eben neu Geschauten und Geschaffenen , einen Gesang vorzutragen , der nichts als Farbe , Lust und Leichtsinn war und in dem das trunkene Leben über flatterndem Haar die lauten Becken schlug . Da dies zum ersten Male geschah , legte der Este die feine Hand auf die des Dichters und das Manuskript zugleich : » Etwas anderes , Ludwig ! « sagte er , » das ist nichts für einen Blinden ! « Da weinte der Poet innerlich über diese Abwendung von der Freude , obwohl er sie höchst erklärlich und würdig fand . Auch kam sie ihm nicht ganz unerwartet , denn er hatte unlängst einem kleinen Auftritte beigewohnt , der ihm einen Blick in die Seele des Blinden gewährte . Coramba , die frühere Hausgeliebte des Este , hatte sich nach der zugreifenden Art solcher Wesen , bei dem Verbinden der durchstochenen Augen aufs löblichste betätigt und ihren erblindeten Herrn gepflegt und geführt , bis er sich selbst zu helfen wußte . Im Freien aber hatte er das aufdringliche Geleit nie geduldet , schon weil ihn die unterdrückten Mitleidsrufe seiner Untergebenen : » Da kommt der arme Herr mit seiner Kreatur ! « oder : » Sie hütet ihn wie eine Mutter ! « , die sein geschärftes Ohr vernommen hatte , gründlich verdrossen . Eines Tages nun erkühnte sich die Coramba , den Blinden in Gegenwart des Ariost zu umfangen und wie ein Kind zu herzen . Der Este aber schob sie gemach und kühl auf die Seite und sprach : » Gehe , Coramba , gehe auf immer ! Du bist nichts für einen Blinden ! Gehe , und nimm meinen Dank mit . « Sie gab ihm recht und ging noch an demselben Tag , nachdem sie sich , ohne daß er es ihr wehrte , die Taschen mit seinem Golde gefüllt hatte , ein wärmeres Klima aufzusuchen . Auf seinem weiten Besitztum lebten und arbeiteten für ihn Hunderte von ländlichen Familien , fleißige , genügsame Leute , deren bewundernde Anhänglichkeit das wilde und üppige Treiben des jungen Gebieters nicht hatte zerstören können . Jetzt in seinem einsamen Unglück traten seinen Gedanken diese treuen und harmlosen Nachbarn täglich näher . Er fing an , wenn er ihnen auf seinen lichtlosen Gängen begegnete , ihre Stimmen zu unterscheiden , sich von ihrer Lage zu unterrichten und an ihrer Sorge teilzunehmen . Ihr einfaches , echtes Mitleid tat seiner kranken Seele wohl , und er sprach von ihnen zu Ariost wie von Brüdern und Schwestern . Solchen und ähnlichen Äußerungen des Blinden entnahm der Poet , daß der Este sich in einer andern Lebensabteilung , unter einer andern Menschenklasse einzurichten begann , als die war , welcher er bisher angehört hatte , in derjenigen der Unglücklichen und Leidenden , der Benachteiligten und Enterbten , in einem Lebenskreise , der offenbar unter andern Bedingungen stand und andern Gesetzen folgte , als die Vollsinnigen und zum Genusse Berechtigten . Auch erriet Meister Ludwig , daß der Este diese seine Herabwürdigung und Entwertung nicht immer dem Hasse der Menschen oder dem blinden Verhängnisse , sondern , in gewissen Augenblicken wenigstens , einer eigenen Verschuldung zuschrieb . So mußte es in der Tat sein . Diese mußte teil daran haben . Wenn in des Dichters sonst so hellen Bildern mitunter die Nemesis waltete – wie bisweilen ja auch in der wirklichen Welt , laut dem Sprichworte , die Strafe der Missetat auf dem Fuße folgt – dann versank Don Giulio in Nachdenken , und Ariost vernahm wohl einen erstickten Seufzer . Bei solchen Wahrnehmungen aber hütete er sich , auf ein Gefühl , das er an sich selbst nicht kannte und das ein flüchtiges sein konnte , unzart zu drücken , teils weil er jedes fremde Eingreifen in einen Seelenvorgang als Gewalttat verabscheute , teils auch , weil er sich , leicht beschwingt , wie er war , und immer auf die sonnige Oberfläche der Dinge zurückstrebend , am wenigsten dazu berufen fühlte . Denn der Quell echter Reue , das wußte er , sprudelt in heiligen Tiefen , und nur in der einsamen Stille seines göttlichen Ursprungs waschen sich schuldige Hände und Seelen rein . Ihm aber schauderte vor dem Verharren in solcher gestaltlosen Tiefe . Alles , was er dachte und fühlte , was ihn erschreckte und ergriff , verwandelte sich durch das bildende Vermögen seines Geistes in Körper und Schauspiel und verlor dadurch die Härte und Kraft der Wirkung auf seine Seele . Meister Ludwig trug auf der Tafel seiner offenen Stirn das sittliche Gebot geschrieben , doch allerlei lustiges und luftiges Gesindel tanzte über die helle Wölbung und hauste in den dahinter liegenden geräumigen Kammern , ohne daß der Dichter selbst seine Mieter alle recht gekannt hätte . Auf Don Giulio aber wirkte er wohltätig , und wenn er von ihm schied und der Este ihn begleitete , gingen sie Hand in Hand durch den Platanengang von Pratello , ohne daß der Blinde den Schauenden beneidete , oder dieser jenen bemitleidete , als zwei gute Brüder ; denn die Liebe hatte für den Augenblick jeden Unterschied zwischen ihnen aufgehoben . Mehr Besuche aber noch als von Ariost erhielt Don Giulio von seinem Bruder Don Ferrante . So mischte sich ein dunkles stygisches Gewässer in den hellen Einfluß des Dichters und verwüstete Don Giulios Seele in einer Tiefe , wohin Ariost nicht gelangen konnte . Don Ferrante war ein wunderlicher Zwitter , gemengt aus geistiger Armut und unerschöpflichem Erfindungstriebe . Seine Jugend war unter dem Drucke beständiger Furcht verkrüppelt . Als Kind schon Zeuge unzähliger Intrigen und Komplotte in Ferrara selbst und ängstlicher Zuhörer , sooft noch grausamere Dinge von den anderen italienischen Höfen seiner Zeit berichtet wurden , fühlte er sich von jeher von Schrecknissen umgeben , denen seine unehrliche und machtlose Natur keinen andern Widerstand entgegensetzen konnte , als den der wechselnden Maske und der seltsamsten Erfindungen . Er verleumdete , um der Verleumdung die Spitze zu bieten ; er zettelte kleine Verschwörungen an , um keiner Familienintrige zum Opfer zu fallen . Alles aus geheimer Furcht und ohne Ernst und Folge , außer daß er dabei immer unwahrer und verschrobener wurde . An jenem Abend aber , da derjenige seiner Brüder , gegen den er am wenigsten Mißtrauen hegte , auf schauerliche Art in der Mitte des Hofstaates überfallen und der Augen beraubt wurde , geschah ein Riß in seinem schwachen Geiste , und von nun an stand es ihm fest , daß er selbst , als der gefährlichere der beiden , wie er meinte , einer noch schrecklicheren Vernichtung entgegengehe . Diese krankhafte Angst , die ihm keinen harmlosen Moment mehr gönnte , ihm den Schlaf raubte und ihn jede Speise , jeden Becher beargwohnen ließ , steigerte seine Furcht vor seinen zwei regierenden Brüdern zum verzweiflungsvollen Haß , und er entschloß sich , sie zu entthronen und zu töten . Dazu aber bedurfte er seines geblendeten Bruders . Don Ferrante hatte nämlich die Wahrnehmung gemacht , daß die rechtlose und gerichtlose Blendung Don Giulios gewaltig auf das öffentliche Gefühl gewirkt hatte , nicht zu reden von dem schändlichen , die Einbildungskraft aufregenden Vorgange selbst . Ferrara , auf welchem ein Joch der Knechtschaft und der Befehle unbedingten Schweigens in Staats- und Hofsachen härter als sonst irgendwo in Italien lastete , Ferrara sogar , wo sich freilich dieses Unerhörte zugetragen hatte , geriet in Gärung . Es mußte ein besonderes Verbot erlassen werden , sich um Don Giulio zu kümmern , nach ihm sich zu erkundigen , oder gar sich Pratello zu nähern und seine Gebüsche zu umschleichen . Natürlich geschah es , daß das Bild des Geblendeten in den Gedanken und Gesprächen der Ferraresen sich veredelte und aus dem zügellosen Jüngling , dessen gefährliche Buhlschaften und leichtsinniges Blutvergießen sie früher verwünscht hatten , ein bejammernswertes Opfer , ein edler Märtyrer wurde . Dies merkte Don Ferrante wohl , und da er auch eine starke schauspielerische Ader hatte , sann er sich eine wirkungsvolle Szene aus , welche den Umsturz von Ferrara mit Sicherheit herbeiführen würde . Don Giulio , zu Roß auf einem weißen , von zwei Dienern in Trauer begleiteten Zelter , mit starrenden , leeren Augenhöhlen und einer Leidensmiene ; er selbst daneben , durch die Hinweisung auf die Untat und ihre Straflosigkeit das öffentliche Mitleid aufstachelnd . Einige Einverstandene zu werben , erschien ihm als eine geringe Schwierigkeit , denn das herkömmliche Material eines Aufruhrs in einer kleinen italienischen Tyrannenherrschaft mangelte auch in Ferrara nicht . Über das Weitere war sich Don Ferrante nicht klargeworden ; aber ein schneller Überfall und die Ermordung des Herzogs und des Kardinals erschienen ihm unerläßlich . Mit diesen Ausgeburten seiner Angst und Bosheit verfolgte er täglich den armen Blinden . Dieser aber sträubte sich gegen die Ermordung der Fürsten aus Menschlichkeit und verwarf mit einer edeln Empörung , deren er , solange er nur genoß und schwelgte , niemals fähig gewesen wäre , die ihm angesonnene Rolle eines mitleiderregenden Schauspiels . Er schämte sich , auf den Märkten von