unter fremden Leuten weiß … sie ist ja so absonderlich ; es wird Niemand die Geduld mit ihr haben , wie ich , und sie wird schlecht behandelt . “ Jacob ’ s Frau , eine sehr praktische Natur , beleuchtete die Sache von einer anderen Seite und meinte , das könne vielleicht dem Lenchen sein Glück sein . Die Seejungfer habe ja auch nicht das ewige Leben , und dann müsse das Mädchen doch hinaus . Davon aber wollten weder Suschen , noch Jacob Etwas hören , und letzterer versprach der geängsteten allen Jungfer , heute Abend noch ins Kloster zu kommen und Lenchen den Kopf zurecht zu setzen , wie er sich ausdrückte . Die Seejungfer hatte nicht übertrieben , wenn sie Magdalenen gänzlich umgewandelt nannte … Wo war die Elasticität ihrer Bewegungen geblieben ? Jene sichere , stolze Haltung des Kopfes , die an ihr stets auffallen mußte und die im Verein mit den ausdrucksvollen Gesichtszügen und dem eigenthümlich bewußten Blick auf eine große geistige Kraft schließen ließ ? … Das Aussehen des jungen Mädchens schien selbst den Klosterbewohnern aufzufallen ; denn heute , als sie der Muhme den Waschkorb bis an das äußere Thor getragen hatte und nun über den Hof langsam zurückkehrte , da schob der Nachbar , ein fleißiger Leinweber , sein Fenster auf und rief : „ Na , Lenchen , Du bist wohl so traurig , weil die ungezogenen Kinder das alte Muttergottesbild aus dem Kreuzgang drüben , Deine Marie , vor der Du so oft sinnend gesessen hast , von dem Postamente heruntergeworfen haben ? “ Magdalene sah auf , als erwache sie aus einem Traume ; er aber sagte : „ Nun ja , wenn Du ’ s noch nicht weißt , da gehe einmal hinein – ich hab ’ s heute Morgen gesehen . “ Auf des Leinwebers Mittheilung hin öffnete Magdalene die Thür und sah auch schon von Weitem das Marienbild vor dem Postament liegen . Vor einigen Wochen noch , als einer der Knaben hinaufgeklettert war und im Begriff stand , das hölzerne Gesicht [ 596 ] mit schwarzen Augenbrauen und einem eben solchen Bart zu versehen , hatte sie dem kindlichen Vandalen eine so leidenschaftliche Strafpredigt gehalten und ihn mit so zornigen Augen dabei angesehen , daß er erschrocken davongelaufen war . Heute aber hob sie still und geduldig das geschändete Bild auf , wischte die Erde aus dem Gesicht und lehnte es sorgfältig in die Ecke neben das Postament . Dann schritt sie langsam durch den großen , offenen Bogen hinaus auf den Rasenplatz , der , von Kirche und Kloster rings eingeschlossen , einsam und sonnenbeschienen dalag … Wie oft war sie flink über diesen Grasfleck weggehuscht , um gewandt auf einigen Mauervorsprüngen nach dem offenen Kirchenfenster zu klettern , in welchem sie verschwand . Dann war sie allein in der schaurig stillen Kirche ; nichts störte sie , als der Schall ihrer eigenen Schritte , oder das Gezwitscher eines Vogels , der sich draußen auf dem Hollunderbusch niederließ , neugierig den Kopf in die düsteren , kühlen Hallen steckte und dann erschrocken davon flog , um sich aufs Neue im Sonnenglanz zu baden . Hier unter diesen gewaltigen Säulen athmete sie auf , und ihrer im engen Stübchen mattgedrückten Seele wuchsen die Schwingen … Ihre Phantasie beschwor die Zeiten heraus , wo noch der Weihrauch durch diesen Raum fluthete , wo die Hora klang und prächtige Meßornate am Hochaltar schimmerten . Sie sah bleiche Nonnengesichter an der zertrümmerten Orgel sitzen und mit bebenden , blassen Händen die vergilbten Tasten berühren … wie manchmal mochten diese Töne den Schmerz eines heißen , gewaltsam unterdrückten Herzens ausgehaucht haben … Sie beobachtete die Sonnenstrahlen , wie sie durch die Reste der bunten Glasmalerei im hohen Fensterbogen glitten , die Farbenpracht zitternd auf die schlanken Säulen warfen und sie hinauftrugen in die kunstvollen Schnörkel und Rosetten der Knäufe , die wohl seit dem letzten Meißelschlag des längst in Staub und Asche zerfallenen Meisters keine Menschenhand wieder berührt hatte . Stundenlang konnte sie neben jenem alten Madonnenbilde sitzen und sich in die Heimath träumen , wo sie Tausende in heißer Inbrunst vor einem solchen Bild hatte knieen sehen , wo ihr Vater nie vorübergegangen war , ohne ehrfurchtsvoll das Haupt zu entblößen und gläubig das Zeichen des Kreuzes zu machen . … An alle diese Dinge aber schien Magdalene in diesem Augenblick nicht zu denken . Es war , als bebe sie fröstelnd vor den dunklen Kirchenmauern zurück und als fühle sie zum ersten Mal die todtenähnliche Stille des verlassenen Tempels , der im glühenden Sonnengold dalag wie ein riesiger Leichnam unter Purpur und goldenen Decken . Sie hatte sich , den Rücken nach der Kirche gewendet , unter einen alten Apfelbaum gesetzt , auf dessen verwittertem Stamm sich nur noch ein einziger , aber breiter und voller Ast wiegte . Lang aufgeschossene Gräser , an denen grüngoldene Käfer geschäftig auf- und abliefen , bogen ihre befiederten , blühenden Spitzen an ihre Kniee , und eine zahlreiche Familie großer Camillen duftete zu ihren Füßen . … Und wenn sie nun Muhme , Kloster und Stadt verließ ; wenn sie hinausging in die weite Welt , über dem Haupt mit den quälenden Gedanken einen anderen Himmel ; wohin sie blickte , fremde Gesichter , auf denen nichts Wohlbekanntes stand ; ihr ungestümes Herz inmitten einer Menschenfluth , die achtlos vorüber brauste , nichts von ihr nahm und nichts zurückgab – ja , das gerade wollte sie , allein sein , nichts mehr hören vom Vergangenen , keinem liebevoll und ängstlich fragenden Blick begegnen … vergessen , vergessen ! Darin lag die Heilung eines plötzlich aufgerüttelten Herzens , das im Riesensturm ungeahnter , neuer Empfindungen ihr ganzes Inneres aus den Fugen zu reißen drohte … Wohl fielen die Thränen der alten , treuen Muhme schwer in die Wagschale und rissen an tausend zarten Fäden ihrer Seele ; aber wie klein war dieser Schmerz gegen die Qual , die sie sich durch ihr Bleiben auferlegte , unter der sie erliegen mußte , wenn sie nicht floh ! … Wie furchtbar hatte sie in den letzten Wochen gelitten ! Sie meinte , sich selbst verachten zu müssen , weil sie da nicht hassen konnte , wo sie sollte und mußte … Wie geschäftig war ihr Herz gewesen , einen strahlenden Nimbus um sein Bild zu zaubern , als er neulich sie und die Muhme gegen seine Tante beschützte ! Tags darauf begegnete sie ihm im Klosterhof , als er den Kirchenschlüssel bei der Muhme holen wollte . Sein eisiges Gesicht , die vornehme Ruhe seiner Haltung und die welligen , gleichgültigen Worte , die er an sie richtete , zeigten ihr abermals , wie thöricht es sei , in diesem kalten Herzen reges Mitgefühl vorauszusetzen . Er hatte einfach seine Rechte als Hausherr der anmaßenden Tante gegenüber vertreten wollen , und deshalb war es ihm jedenfalls sehr gleichgültig , wer die Veranlassung zu dieser Zurechtweisung gewesen . Ein Vogel , der lange auf einem Zweig über ihr auf- und abspaziert war , flog schnell davon . Sie beachtete es nicht ; als sie aber den seinen Duft einer Cigarre plötzlich einathmete , da fuhr sie erschrocken in die Höhe und blickte um sich . Eine Männergestalt , den Rücken nach ihr gekehrt , saß nicht weit von ihr auf einem großen , bemoosten Steine und zeichnete . Diese Männergestalt war Werner … Er schien in seine Arbeit so vertieft , daß Magdalene , welcher das Herz vor Schrecken heftig klopfte , hoffen konnte , er habe sie gar nicht gesehen und sie könne unbemerkt entschlüpfen . Leise erhob sie sich und glitt wie ein Schatten unter dem überhängenden Ast weg , das Auge voll Angst auf den emsig Zeichnenden geheftet . Aber kaum hatte sie sich einige Schritte weit entfernt , als Werner , ohne aufzublicken , hinüberrief : „ Verzeihen Sie , daß ich in Ihr Reich eingedrungen bin ! “ Darauf wendete er sich um nach ihr und lüftete den Strohhut , der leicht auf seinem dunkelblonden Haar saß . Augenblicklich verwandelte sich Magdalenens Gesicht und Haltung . Die scheue Angst verschwand und machte einem finsteren Trotz Platz . „ Mein Reich ? “ wiederholte sie bitter , indem sie stehen blieb . „ Nicht eine Fußstapfe Weges hier möchte ich so nennen , ohne mit der wohllöblichen Stadtbehörde in Conflict zu gerathen . “ „ Nun , auch ich will sie nicht in ihrem Besitz verkürzen , “ entgegnete Werner , indem er gleichmüthig mit dem Gummi eine nichtgerathene Linie wegwischte . „ Ich kann jedoch nicht glauben , daß sie auch Beschlag legt auf die mystische Luft , die um die alte Kirche weht , und in diesem Reich , meine ich , begegnen wir uns . Ich kann nicht einen Augenblick auf diesem Stein sitzen und das dunkle Gemäuer gegenüber ansehen , ohne daß nicht auch sogleich geheimnißvolle Gestalten auftauchen , welche jene Bögen , Nischen und Pfeiler bevölkern … In der Fensterhöhle dort , die auch nicht eine einzige Glasscheibe mehr auszuweisen hat , sehe ich z. B. stets eine Mädchengestalt auf- und einschlüpfen , so oft ich auch hinüberblicke … vielleicht der Schatten einer unglücklichen jungen Nonne , welche das schöne Leben gänzlich nicht verstanden hatte und nun ruhelos das verschmähte Glück sucht – was meinen Sie dazu ? “ Magdalene fühlte , wie ihr das Blut in die Wangen schoß . Ohne Zweifel hatte Werner sie auf ihrem Weg in die Kirche beobachtet . Sie war entrüstet über diese Indiskretion , sagte aber ziemlich ruhig : „ Ich habe hier ganz und gar keine Meinung . Die Spukgestalten des Klosters haben mich bis jetzt nicht für würdig gehalten , sie sehen zu dürfen . Auf alle Fälle möchte ich jedoch jener vermeintlichen Nonne rathen , sich künftig auf ihre enge Behausung zu beschränken , denn es mag selbst einem Schatten nicht gleichgültig sein , wenn ein fremder Blick in sein Walten und Wesen eindringt . “ Ein feines Lächeln , das jedoch ebenso schnell wieder verschwand , erschien im Gesicht des jungen Mannes . Er blickte aufmerksam nach dem Kirchenfenster , warf in zarten Linien die schöne , reine Spitzbogenform auf das Papier und sagte gelassen : „ Gewiß nicht , vorzüglich wenn dieser Schatten , von bitterer Weltanschauung erfüllt , in jedem harmlosen Begegnenden eine feindliche Gestalt sieht , die ohne Weiteres mit Feuer und Schwert bekämpft werden muß … . Weh mir , wenn jene Himmelsbraut so denkt ! Ich komme dann vielleicht in den traurigen Fall , bei der nächsten Begegnung als unschuldiges Opfer einer Rache zu fallen , welche die Erdbewohner des sechszehnten Jahrhunderts heraufbeschworen haben . “ „ Wie leicht mag es sein , über über trübe Lebenserfahrungen zu spotten , wenn man im Schooße des Glückes sitzt ! “ „ Ohne Zweifel sehr leicht , nicht ganz recht zwar und vielleicht auch ein wenig leichtsinnig … aber ich weiß nicht , ob ich diesen gefährlichen Uebermuth nicht weit weniger verdammungswürdig finden soll , als z. B. das Gebahren einer jungen Seele , die nach trüben Erlebnissen und Enttäuschungen alle Fühlfäden einzieht und sich der gräulich verderbten Welt nur bis an die Zähne bewaffnet zeigt . … . Ah , ich sehe deutlich an Ihrem Gesicht , daß Sie nicht meiner Meinung sind ! “ Er legte den Bleistift hin , stützte den Ellenbogen auf das Zeichenbret , welches auf seinen Knieen lag , und maß das junge Mädchen mit einem sarkastischen Lächeln . „ Gut denn , “ fuhr er fort , „ Sie sind ein Anwalt jener Seele aus dem einfachen Grunde , weil Sie ebenso handeln würden oder vielleicht schon so gehandelt haben . Aber ich sehe nicht ein , was Sie berechtigt , der gesammten Menschheit so ohne weiteres den Fehdehandschuh hinzuwerfen . … Sie stehen hier auf einem eng begrenzten Fleckchen Erde . Dort drüben hören die Klostermauern auf , dann sind da draußen einige wenige Straßen mit wenigen , wenigen Menschen , weiter kommt etwas Feld und Wald mit der einsamen Spitze eines Dorfkirchthurms oder den langen Armen [ 598 ] eines Wegweisers , und dann ziehen die Berge eine enge Line , über die das Auge nicht hinaus kann ; ich wette , weiter kam auch Ihr Fuß und Blick nicht , als bis zu diesem Horizont ! … “ „ Und deshalb ist es eine unverzeihliche Anmaßung von mir , ein Urtheil über Welt und Menschen zu haben , “ unterbrach ihn Magdalene , indem sie auf seinen spöttischen Ton einzugehen suchte , wobei jedoch ihre Stimme merklich zitterte . „ Es giebt aber noch andere Wege , “ fuhr sie fort , „ die über engen Horizont und beschränkte Verhältnisse hinausführen , nun ich nehme mir deshalb die Freiheit , zu denken , daß die moralischen Gebrechen der Menschheit überall dieselben sind – wie sich ja der Mond mit seinen Flecken im kleinsten Gewässer genau so abspiegelt , wie im unermeßlichen Weltmeer … Uebrigens , “ fuhr sie nach einer Pause fort , indem sie tief Athem schöpfte , „ muß ich Sie ersuchen , nicht zu früh zu wetten ; denn ich habe diese Berge schon einmal überschritten und weiß seit jenem Moment genau , was jene ersten , unseligen Menschenkinder empfinden mußten , als das Paradies hinter ihnen geschlossen wurde – ich vertauschte damals meine südliche Heimath mit dem Norden . “ „ Ach , Sie waren ja damals noch ein kleines Kind ! “ „ Aber kein Kind , das gedankenlos auf dem heimischen Boden umherhüpft , das , infolge der Gewohnheit des täglichen Anschauens , keinen Begriff für Schönheit oder Häßlichkeit seiner Umgebung hat ! “ entgegnete Magdalene heftig . „ O , ich wußte , daß meine Heimath schön war ! … Der Schaum des Meeres netzte meine Füße , und über mir rauschte der Lorbeer … Und das Sonnenlicht , wie flammt es dort ! wie glüht der Mond , wenn er feierlich heraufschwebt ! Das ist Licht und Gluth , das ist Leben ! … Ihr nennt die blasse Luft da droben ‚ den Himmel ’ … Wenn Sonntags die Kirchenglocken verstummt sind , dann verlaßt ihr euer Hans und wandelt bedächtigen Schrittes vor die Thore , erzählt euch , was euer Nachbar Alles nicht hätte thun sollen , und sagt dann und wann : , Ei , wie schön blau ist heute der Himmel ! ’ … Ach , daheim , da lag ich stundenlang vor der Thür , unter den Bäumen ! Ich hörte das Brausen des Meeres , wie es sich gegen den Strand bäumte ; auf den Zweigen über mir zitterte es golden – sie bewegten sich leise , und das tiefe , prächtige Blau fluthete herein – das ist Himmel ! – der Himmel , den ich mir voll schöner Engel denke ! … Man schleppte mich hierher , wo die Sonne mich kalt ansieht , wie die Augen der Menschen : wo der Schnee lautlos niederfällt und tückisch die letzten Blumen erstickt . Ich wurde unter einen Haufen roher , wilder Kinder gesteckt . Das Kind , das bis dahin nur die weiche Hand einer zärtlichen Mutter berührt , das ein treues Vaterauge ängstlich und unausgesetzt bewacht hatte , weil es das einzige ihm gebliebene war , es wurde von der ausgelassenen Kinderschaar verfolgt und gemißhandelt , weil es arm , fremd und – häßlich war und weil es nicht sein wollte wie sie , die um einen elenden Apfel rauften und die sich gegenseitig die Fehler und Mängel ihrer Eltern vorwarfen … Ich lernte den Unterschied zwischen Reich und Arm bitter erkennen . Der goldene Glaube , daß das Brod vom Himmel falle , zerstiebte an der sorgenvollen Stirn der alten , guten Muhme , die mühsam um den täglichen Unterhalt rang und die von den Nachbarn geschmäht wurde , weil sie mich , die Last , sich aufgebürdet hatte … Ach , wie oft empörte sich mein heißes Kinderherz ! Wenn ich allein war , warf ich mich auf den Boden , weinte und schrie und rief nach meiner todten Mutter . “ … Magdalene war , während sie sprach , wieder unter den Baum getreten . Das heiße Auge auf die Kirche gerichtet , sprach sie , als habe sie ihres Zuhörers vergessen und als quelle wider ihren Willen ein Gedankenstrom , bis dahin mühsam gebändigt , an das Licht , nicht achtend , an welche Ufer er rausche . Bei den letzten Worten schlang sie ihre Arme heftig um den Baumstamm und drückte die Stirn an die harte Rinde . Werner hatte bewegungslos zugehört . Er mochte fürchten , durch einen tieferen Athemzug oder einen Blick die weiche Stimme zu verscheuchen , die ihm hier , in Luft und Schmerz halb gebrochen , die Tiefen einer Mädchenseele enthüllte . Als Magdalene schwieg , sagte er langsam und ohne sich nach ihr umzuwenden : „ Und fiel kein einziger Liebesstrahl in Ihr Kindesleben ? “ „ Die Muhme hat mich mütterlich und zärtlich gepflegt – ihr Herz ist voll Liebe gegen mich , “ sagte Magdalene rasch und bewegt , „ aber sie mußte für Brod sorgen , und es blieb ihr keine Zeit , zu beobachten , was in meinem Innern vorging . Auch hatte sie gewissermaßen eine Scheu vor meinem stürmischen Wesen , was mich später bewog , ihr gegenüber so ruhig wie möglich zu sein , um ihr keinen Kummer zu machen … Dann saß in der Schule neben mir ein schönes , kleines Mädchen mit einer sanften Stimme , die ich unbeschreiblich liebte ; das Kind war barmherzig gegen mich ; es spielte mit mir und nahm mich sogar einmal mit in sein elterliches Haus . Seitdem aber wurde es scheu und wich mir aus , und als ich einstmals sehnsüchtig auf der Steintreppe vor dem Hause saß , da kam ein Dienstmädchen heraus und hieß mich rauh meiner Wege gehen – die Frau Secretairin leide es nicht , daß ihr Töchterchen mit hergelaufenen Kindern spiele … Oft , wenn ich aus der Schule nach Hause ging , begegnete ich einem Knaben , der ernst und stolz den Kopf in den Nacken warf und der doch so mild aussehen konnte mit seinen blauen Augen . Seine Locken waren so golden , wie die meiner Mutter , und deshalb mußte ich ihm immer nachsehen , so lange ich konnte . Ich betrachtete ihn mit ehrfurchtsvoller Scheu und meinte , in den schön gebundenen Büchern , die er unter dem Arme trug , müßten Wunderdinge stehen . Er war viel älter als ich und der Sohn vornehmer Eltern ; das kümmerte mich nicht – er sah ja aus wie meine Mutter , und deshalb mußte er gut und edel sein und ein Herz voll Mitleiden haben … Als mich aber einst eine Horde wilder Knaben mit Steinwürfen verfolgte und mich mit höhnendem Geschrei umringte , ging er vorüber . Er führte ein kleines Mädchen mit lichten Augen und farblosen Haaren sorgsam an der Hand ; sie war ihm verwandt und hieß Antonie , sie zeigte geringschätzend auf mich , das berührte mich nicht , aber von ihm dachte ich , er wird dich schützen und die bösen Kinder verjagen … o , wie wehe that es , als er von fern stehen blieb , Abscheu in den Zügen , und das kleine Mädchen an sich drückend , als könne mein Anblick ihr schaden … Wahrlich , er war schlechter noch , als meine Verfolger ; denn es hätte nur eines Wortes aus seinem Munde bedurft , um mich vor der Verwundung zu schützen , deren Narbe ich noch am Arme trage … Es war , als drehe sich in jenem Augenblick mein Herz um , und es ward voll Haß gegen den Knaben ! “ Magdalene war einen Schritt näher getreten . Sie hatte immer lauter und heftiger gesprochen , und ihre Augen , die sie jetzt fest auf den jungen Mann richtete , flammten , als käme erst in diesem Augenblick jenes Gefühl zum Durchbruch . Werner blickte auf . Er sah bleicher aus als vorher , nahm aber gelassen den Bleistift auf und schnitt ihn zurecht , indem er fragte : „ Und – hassen Sie ihn noch ? “ „ O , mehr als je ! “ stieß Magdalene leidenschaftlich heraus . „ Ich mag ihm nie mehr begegnen ! … Einen Gifttropfen , der zerstört , segnet man nicht ! “ Mit diesen Worten wandte sie sich um und eilte durch den Kreuzgang hinaus in die Stube , die sie hinter sich verriegelte . Hier stand sie eine Weile athemlos und mit starren Augen am offenen Fenster und wiederholte sich , was eigentlich geschehen war . Sie hatte sich hinreißen lassen , vor einem Manne , den sie selbst herzlos und hochmüthig nannte , die Wunden ihrer Seele zu enthüllen , sie , die bis dahin zu stolz gewesen war vor fremden Ohren je eine Klage laut werden zu lassen . Sie hatte ein Erlebniß erzählt , das , wenn auch in ihr Kindesleben fallend , doch von großem Einfluß auf ihr innerstes Sein gewesen war und das in jüngster Zeit wieder die heftigsten Kämpfe in ihr hervorgerufen hatte … Nie hatte selbst die Muhme erfahren , wie dem armen Kinde der ganze Sonnenglanz seiner Seele , die kindliche Schwärmerei für ein aus der Ferne abgöttisch verehrtes Wesen grausam entrissen wurde . Nie aber auch hatte Magdalene sich selbst eingestehen mögen , daß das heranwachsende Mädchen später jenen Vorfall in der Erinnerung zu verwischen suchte und gern das Ideal ihrer Kindheit mit dem stolzen , lockenumwallten Gesicht in ihren Träumen heraufbeschwor . Sie sträubte sich ja noch in diesem Augenblick leidenschaftlich gegen das Bewußtsein , daß kein Gedanke sie beseele , der nicht ihm gehöre , keine Regung in ihrer Brust auftauche , die nicht von ihm spreche , ja , daß sie mit jeder Faser ihres Lebens an ihn gekettet sei , der auf der eisigen Stirn ihr nur Hohn und Spott entgegenhielt … Und nun war Vieles über ihre Kippen geschlüpft , das aus dem tiefinnersten Geheimniß hervorging , und zwar vor ihm , der es nie und nimmer hätte wissen sollen … Mußte nicht die Treue , mit der sie jene Episode der Kinderzeit festgehalten , die leidenschaftliche Aufregung , in die sie bei ihrer Erzählung gerieth , ihm nothwendig zeigen , in welchem Maße ihre Seele von ihm erfüllt war ? … Es war ihren Blicken [ 610 ] nicht entgangen , trotz der strengen Beherrschung seiner Züge , daß Werner in der Schilderung des Knaben sich erkannt hatte – einen Moment war dies ruhige , kalte Gesicht bleich geworden , ohne Zweifel im Zorn darüber , daß ein Mädchen den Muth haben konnte , ihm , dem verwöhnten , vornehmen Mann , gegenüber ungescheut zu sagen , sie hasse ihn … Das war ein Triumph für sie gewesen , eine glänzende Sühne für die Qualen , die jene hochmüthigen Augen , jenes spöttische Lächeln ihrem Herzen so oft zugefügt hatten . Ja , sie hatte sich und ihren Mädchenstolz einen Augenblick vergessen ; aber sie hatte auch gesiegt … und doch weinte sie jetzt über diesen Sieg heiße Thränen ; ja , es war ihr , als klaffe unter ihm ein Grab , in das sie das liebste Eigenthum ihrer Seele muthwillig selbst gestoßen habe . Aus dem Gewirr von widersprechenden Gedanken , welches in ihrem Kopf auf und ab wogte , trat nur einer klar ausgeprägt vor ihre Seele , und sie griff nach ihm , als dem einzigen Rettungsanker – sie mußte nun unausbleiblich fort , weit fort . Es half zu nichts , wenn sie in eine andere , nahegelegene Stadt ging – sie durfte keine deutsche Luft mehr athmen , keinen deutschen Himmel mehr über sich sehen , das Meer mußte zwischen ihm und ihr liegen – sie wollte fort , weit , weit fort . Als gäbe dieser Gedanke ihr neue Flügel , lasse sie aber auch jetzt schon nirgends mehr rasten , eilte sie aus der Stube und betrat mechanisch wieder den Kreuzgang . Beim ersten Blick überzeugte sie sich , daß Werner den Garten verlassen hatte . Sie lief rastlos auf und ab , ihr Denken angestrengt auf den einen Punkt gerichtet , wie sie sich Reisemittel verschaffe , bis sie sich todtmüde auf das Postament setzte , das Jahrhunderte lang die Statue der Jungfrau Maria getragen hatte . Sie schloß die Augen und schmiegte sich an das Gemäuer , das eine erfrischende Kühle über ihre brennenden Glieder hauchte . Tiefe Stille herrschte in dem kleinen Winkel , die kein Lüftchen zu stören wagte ; nicht einmal die Ranken des Ginsters bewegten sich , die , droben um die Säulenknäufe gewickelt , ihre Enden muthwillig und frei in der Luft hängen ließen … Nur dann und wann , sobald das junge Mädchen aufzuckte und hastig seine Stellung änderte , ließ sich ein leises Knirschen in der Wand hören , wobei das Postament jedesmal leicht erzitterte . Zu tief in sich selbst versenkt , hatte Magdalene anfänglich dies seltsame Geräusch nicht weiter beachtet ; einmal aber stieß sie heftiger an eine hervorragende Stelle in dem unteren Mauerwerk und wurde in dem Augenblick unter einem widrigen Gekreisch , das aus dem Gemäuer zu kommen schien , sammt dem Postament stark gerüttelt . Das kam ihr grauenhaft vor . Sie sprang auf und floh einige Schritte in den Garten hinaus . Bald aber kam sie zurück . Schien doch die Sonne so lebenswarm und golden herein ; eben flogen die Schwalben , deren Nester an den umgrünten Säulen des Ganges hingen , unbeirrt und fröhlich zwitschernd aus und ein und über die Gartenmauer klang helles Kindergelächter … Sie schämte sich ihres Grauens und fing an , die Sache herzhaft zu untersuchen . Ueber dem Postament , neben einem weit hervortretenden Stein , befand sich eine Art Knauf , rund und massiv , wie man sie noch hier und da an sehr alten Thürschlössern findet . Er war bisher unbemerkt geblieben , weil ihn die Statue vollkommen verdeckt hatte . An diesen Knauf hatte Magdalene mit dem Arm gestoßen … Unwillkürlich fiel ihr die Sage von den zwölf silbernen Aposteln ein , die , einst im Besitz des Klosters , noch in einem untererirdischen Gang desselben liegen sollten . Der Volksmund hatte freilich auch hier nicht verfehlt , schwarze Kettenhunde mit tellergroßen , glühenden Augen bewachend vor den Aus- und Eingang zu placiren und letzteren verschwinden zu lassen , sobald ihn das ungeweihte Auge eines Sterblichen berühre … Wenn nun hier die Lösung dieses Geheimnisses vor ihr lag ? Wenn ihr vielleicht vorbehalten war , jenen Schatz zu heben , von dessen Werth und Größe die Sage Unglaubliches fabelte ? … Welche Genugthuung für sie , wenn sie dann diesen geldstolzen Stadtbewohnern , und vor Allem ihm , diese Silbermassen verschmähend vor die Füße werfen konnte , nichts für sich behaltend , als die Mittel , die es ihr möglich machten , die Stadt verlassen zu können ! … Aber das war ja Alles so märchenhaft lächerlich ! Nur eine aufgeregte Phantasie konnte mitten in die Wirklichkeit solche Lustschlösser zaubern . Trotz dieser Raisonnements des Verstandes faßte Magdalene den Knauf . Nach mehreren vergeblichen Versuchen , ihn umzudrehen , stieß sie ihn endlich mit Gewalt in die Mauer zurück , und siehe da – mehrere Quadersteine , die ohnehin aussahen , als wollten sie jeden Augenblick aus dem Gemäuer herausfallen , schoben sich unter lautem Geräusch , und eine mächtige Staubwolke aufwirbelnd , langsam vorwärts . Ein breiter Spalt erschien in der Mauer , und nun sah Magdalene , daß die Quadern keineswegs so dick im Durchmesser waren , als von außen schien ; sie waren vielmehr dünn gespalten und geschickt auf einer eichenen Thür befestigt , die sich jetzt ohne Mühe weiter öffnen ließ . Unmittelbar zu Magdalenens Füßen führten acht bis zehn ausgetretene Stufen in die Tiefe . Drunten aber dämmerte es grüngolden , wie wenn die Sonne durch dichtes Laubwerk dringt . Es sah ganz und gar nicht unheimlich aus , und deshalb stieg Magdalene auch rasch entschlossen die Treppe hinab . Unten angelangt , sah sie einen schmalen , ziemlich niedrigen Gang vor sich , der links , dicht an der Decke , schmale , aber lange Oeffnungen hatte , durch welche frische Luft und ein gedämpftes Licht einströmten . Der Gang lief ohne Zweifel parallel mit der Klostermauer droben , die im Verein mit der lebendigen Wand von dichtem Buschwerk dem Auge die Luftlöcher von außen entzog . Der Boden des Ganges war mit einem feinen Saude bedeckt , und an den Wänden saß der Mörtel noch so fest in dem Steingefüge , als seien erst Jahre und nicht Jahrhunderte an ihm vorübergestrichen . Magdalene schritt weiter . Der Gang senkte sich ziemlich steil abwärts und plötzlich that sich zur Rechten des Mädchens ein zweiter Gang auf , der sie in tiefster Finsterniß angähnte . Sie eilte erschrocken vorüber , immer den grünschimmernden Leitsternen folgend , die so tröstlich in den Hauptgang hereinglänzten . Eine Strecke lang jedoch hörten auch diese auf . Eine starke Erschütterung über ihr ließ sie vermuthen , daß sie sich unter einer belebten Straße voll Wagengerassel und Menschenverkehr , wahrscheinlich unter dem Marktplatz , befinde . Der Gang bildete hier eine scharfe Ecke nach rechts , und beim Umbiegen glänzten ihr droben die Lichter wieder entgegen . Magdalene war nun ziemlich lange geschritten , allein nirgends , weder an den Wänden , noch am Boden war eine Spur der Klosterschätze zu entdecken . Ihr Fuß watete in dem weichen , mehlartigen Sande , ohne einen anderen Gegenstand zu berühren , und in den Luftlöchern droben zeigte sich manchmal der schillernde Schuppenleib einer vorüberschlüpfenden Eidechse – das war Alles ! Noch einige Schritte , und sie stand vor einer Thür ,