ohne dich elend werden muß . Da hat der kindliche Gehorsam ein Ende , wenn die Eltern , an einem Vorurteil hängend , das ganze Lebensglück der Kinder zerstören wollen . « » Ach , Joseph , deine Mutter ist nicht allein zu berücksichtigen – auch die meine . Sie ist streng rechtlich und wird mir sagen – ich weiß es vorher , denn mir sagt es mein Gewissen , und das spricht stets wie sie – , es sei Sünde , einer so vortrefflichen Mutter den Sohn zu entreißen ; und dann wird sie sich anklagen und sich namenlos unglücklich fühlen , durch eine vorschnelle Handlung – denn das ist doch wohl die Aufnahme des Kindes in unser Haus – sowie durch den schrecklichen Verdacht , der auf ihr ruht , dich und mich elend gemacht zu haben . Aus dem Grunde , Joseph , darf meine Mutter nie erfahren , was zwischen uns abgemacht war , und wir ... wir wollen das auch zu vergessen suchen . « Joseph stand erst wie versteinert , dann schleuderte er Maries Hand , die sie ihm tiefbewegt bot , von sich und stieß ein so entsetzliches Lachen aus , daß das junge Mädchen schauderte . » Wie du das so leicht sagst ! « knirschte er . » Ich möchte es nicht einmal denken , weil es mich um den Verstand bringt ... und du ? ... Ja , ja , du hast mich gern , aber wie ? ... Wenn sich die Verhältnisse dieser Liebe nicht gleich anpassen lassen , so streift man sie ab , wie einen Rock , den der Schneider nicht recht gemacht hat ... Ha , ha ... vielleicht hast du auch über Nacht dein Gelöbnis bereut – schwach sind die Weiber alle ! « » Joseph , Gott mag dir vergeben ! – Du versündigst dich grausam an mir ! « » So ? ... Ich soll wohl auch noch die Hand streicheln , die mich umbringt ? « » Ich bitte dich um Gottes willen , mäßige dich ! « » Nein und abermals nein ! ... Du freilich kannst nicht begreifen , was ich leide . Dir genügt die Erfüllung deiner Pflichten . Da kommt zuerst deine Mutter , dann die meine , dann kommen ganz wildfremde Menschen , und zuletzt bleibt ein armseliges Plätzchen für mich , wofür ich mich auch noch schön bedanken soll ... Du hast gelogen , hast schändlich an mir gehandelt ! Du bist eine Heuchlerin , die kein Herz hat ... aber du sollst mich kennenlernen ... du gehörst mir für Zeit und Ewigkeit ! ... Denke ja nicht , daß du je in deinem Leben loskommst – eher gibt es Mord und Totschlag ! « Marie ließ diesen Sturm der Leidenschaft widerstandslos über sich dahinrasen . Jedes beschwichtigende Wort entflammte Josephs Wut immer mehr und brachte ihn außer sich . Auch schwand ihre künstlich aufrechterhaltene Ruhe immer mehr vor der Macht dieser Leidenschaft , deren Höhe sie nicht geahnt hatte ... Gerechter Gott , wie wurde sie geliebt ! ... Und diesem Glück sollte sie entsagen ? ... Es war ein übermenschliches Opfer , und doch mußte es gebracht werden . Sie durfte Joseph unmöglich in dem Vorsatz , seine Mutter zu verlassen , bestärken , und daß diese wiederum nicht nachgeben würde , das wurde ihr aus seinem Reden klar ... Sie konnte und durfte ja der alten Frau nicht einmal unrecht geben , denn einen geachteten , unbescholtenen Namen mit einem befleckten zu verbinden , davor wird selbst die mildeste Denkungsweise zurückbeben ... Sie durfte mithin nicht schwanken in ihrem Vorsatz – ohne alle Hoffnung aber konnte sie Joseph auch nicht von sich stoßen – bei seinem Ungestüm ließ sich in dem Fall irgendein verzweifelter Schritt voraussehen . Sie faßte deshalb nochmals seine Hand und beschwor ihn unter Tränen , nur einmal zu schweigen und auf sie zu hören . Er warf einen finsteren , scheuen Blick auf ihre verweinten Augen und preßte die Lippen fest aufeinander . » Joseph « , sagte sie sanft , » glaubst du denn wirklich , ich wäre imstande , dir je die Treue zu brechen ? Und wenn es Gottes Wille ist , daß wir getrennt werden sollen , so wirst du erleben , daß dir trotzdem mein ganzes Herz bleibt ... Aber wir brauchen ja auch nicht gleich das Schlimmste anzunehmen . Haben wir nicht täglich vor Augen , daß sich mit der Zeit auch die Verhältnisse ändern ? ... Ich glaube ganz gewiß , daß der Augenblick nicht mehr fern ist , der die Nachrede , die meinen Namen verunglimpft , zuschanden macht – wenn dann deine Mutter sieht , wie irrig sie in der Sache berichtet worden ist , wird sie dann nicht auch zu der Überzeugung kommen , daß meine Mutter ebenfalls unschuldig verleumdet sein könne ? « » Und mit dieser Vertröstung soll ich mich begnügen ? Soll mit einem Fünkchen Hoffnung mein Leben hinschleppen , während ich glücklich sein könnte ? ... Nein , ein solcher Schwachkopf bin ich nicht , daß ich die Hände in den Schoß legen und geduldig warten sollte , bis vielleicht ein glücklicher Zufall nach so und so viel durchhofften Jahren eine Änderung herbeiführt ... Du weißt also doch noch , Marie , daß du mir gestern Treue geschworen hast ? « fragte er plötzlich . » Ja , Treue bis in den Tod ! « entgegnete das junge Mädchen mit erschöpfter Stimme . » Gut – ich glaube dir ... Ich werde alles tun , um dein Gewissen in bezug auf meine Mutter zu beruhigen . Bleibt sie aber bei dem Vorsatz , mich unglücklich zu machen , dann frage ich nach nichts mehr – hörst du , Marie ? ... Auch nicht danach , ob du willst oder nicht – ich halte mich an dein heiliges Versprechen und will doch sehen , wer mich zwingen kann , mein gutes Recht aufzugeben . « Er drückte einen Kuß auf ihre Lippen und eilte über den Kirchhof den Berg hinab . Zehn Minuten darauf brauste ein Geschirr wie rasend durch das Dorf . Aller Köpfe fuhren entsetzt aus den Fenstern und sahen erstaunt den Joseph ohne Hut auf dem Bocke sitzen . Er trieb sein Gespann wie wütend an und hatte weder für die verwunderten Leute noch für seine ängstlich bittende Mutter , die neben ihm saß , einen Blick . Acht Tage waren seit jenem Abschied vergangen – für Marie ein Zeitraum voll schwerer Kämpfe und bitterer Leiden ... Das zwischen ihr und Joseph Vorgefallene war im Dorfe ruchbar geworden und hatte eine allgemeine Entrüstung hervorgerufen . Anfänglich kam es allen unglaublich vor , denn daß der Joseph die ernste , arme Marie der grundreichen , rotbackigen Schulzenstochter vorziehen könne , das schien manchem ein größeres Wunder als das biblische mit den Weinkrügen – aus nichts etwas schaffen ist freilich denkbarer als viel haben und nichts mehr wollen . – Auf das Erstaunen folgte gewaltiger Zorn , und die arme Marie lernte erkennen , daß es in den Augen klatschender Weiber kein größeres Verbrechen gibt , als wenn ein armes , unbeachtetes Mädchen sich erkühnt , einem reichen Mann zu gefallen . Sie ging jeden Abend an den Brunnen , um Wasser zu holen . Früher hatte sie selten jemand getroffen ; jetzt aber fand sich stets eine Schar Frauen ein , die förmlich auf Marie warteten , um sie mit beißenden Stachelreden zu peinigen . Der Schulze , der einzige , der früher noch gegrüßt hatte , ging jetzt vorbei , starr , ohne Gruß und mit augenscheinlicher Mißachtung nach den Fenstern sehend , über welches Benehmen die Schulmeisterin bittere Tränen vergoß . Der gute Schullehrer , der ihnen stets treulich beigestanden , war versetzt worden und hatte am Tage nach der Kirmse Ringelshausen verlassen . Marie meinte manchmal , ihrem Kummer erliegen zu müssen , den sie allein tragen und auch noch sorgsam vor ihrer Mutter verbergen mußte . Allein hier zeigte sich der Segen ihrer vortrefflichen Erziehung . Sie hatte gelernt , sich über jede innere Regung Rechenschaft abzulegen , die Dinge vom moralischen Standpunkt ins Auge zu fassen und an dem festzuhalten , was ihrer Überzeugung nach das Rechte war . Und das gab ihr die Kraft , alles zu ertragen , was auf diesem rauhen Weg sich vor ihr auftürmte . Ihr sehnsüchtiger Wunsch war , nur auf einige Stunden einmal ihren Bedrängnissen entfliehen zu können . Allein sein und Bewegung in der freien Luft konnten nur günstig auf ihr geängstetes , gepreßtes Herz wirken , weshalb sie sich denn auch entschloß , sonnabends nach A. zu gehen und dort einige kleine Einkäufe selbst zu besorgen , was sonst die Obliegenheit der Botenfrau war . Ziemlich spät machte sie sich auf den Weg und erreichte , da die Stadt zwei Stunden von Ringelshausen entfernt war , dieselbe erst zu Mittag . Sie hatte deshalb große Eile bei Besorgung ihrer Geschäfte , denn abends dünkte es ihr ängstlich , den weiten Weg allein zurückzulegen . Trotzdem aber konnte sie sich nicht versagen , Anna und die Muhme aufzusuchen ; hatte ihr doch die Mutter herzliche Grüße und ein Körbchen gute Äpfel für beide mitgegeben . Sie wurde mit großer Freude und Herzlichkeit aufgenommen , obgleich es ihr nicht entging , daß Anna sowohl als auch die Muhme bei ihrem Eintritt ein wenig verlegen aussahen . Auch fiel ihr sogleich ein sorgsam mit weißer Serviette bedeckter Tisch vor dem Sofa in die Augen , der mit seinem Kaffeegeschirr und Kuchenkörben wie am Festtag beladen war . Marie mußte sich ans Fenster in den weichgepolsterten Lehnstuhl der Muhme setzen , und Anna beeilte sich , ihr eine Tasse heißer Schokolade zu bringen ... Sonderbar aber war es doch , daß die Muhme sie einmal über das andere in die Arme schloß und noch dazu mit feuchten Augen . Sie war zwar immer eine gute , prächtige Frau , die gern alle Welt glücklich sehen mochte , aber heute war sie doch zu unerklärlich weich . Draußen vor den Fenstern – das Haus der Muhme lag am Markt – gab es noch immer großen Lärm , obgleich das eigentliche Marktgetümmel vorüber war . Auf die leer heimkehrenden Bauernwagen postierten sich Mädchen und Frauen , ihre schwerbeladenen Körbe mühsam hinaufhebend und dann selbst schwerfällig hinterdreinsteigend , was nicht ohne Neckerei und lautes Gelächter der Männer abging . Bauernweiber , die ihre Ware nicht losgeworden , gingen mit der blankgescheuerten Buttergelte oder dem Eierkorb im Arm von Haus zu Haus , und die Holzverkäufer en détail zogen ihre kleinen , mit Hunden bespannten Karren rasselnd über den Platz und spähten nach irgendeiner holzbedürftigen Seele , die ihnen die wenigen , mühsam herbeigeschleppten Säcke schon gespaltenen Holzes abkaufen möchte . Marie schaute hinaus auf dies Treiben , während ihre müden Füße ausruhten . Plötzlich zuckte sie erschreckt zusammen – Frau Sanner trat aus einer Seitengasse und ging schräg über den Markt . Anna stand neben Marie ; sie faßte deren Hand und sagte ausdrücklich und bedeutungsvoll : » Ja , Frau Sanner ist hier , und der Joseph auch – sie sind bei uns abgestiegen . « Marie sprang auf und griff nach ihrem Mantel , aber Anna hielt sie fest . » Bleibe unbesorgt « , bat sie , » wir haben viel mit dir zu sprechen . Frau Sanner wird vor einer Stunde nicht zurückkehren , weil sie Geschäfte abzumachen hat , und Joseph bleibt höchstwahrscheinlich noch länger aus ... Ach , Marie , die alte Frau weinte bitterlich über ihren Sohn ! ... Er sei ganz verwandelt , klagt sie , sonst die Liebe und Freundlichkeit selbst , spräche er jetzt kein Wort mehr mit ihr . Er begegne den Leuten finster und abstoßend , kümmere sich um kein Geschäft mehr und habe ihr erklärt , er werde nächstens sein Gehöft in Sellheim beziehen ... Er ist auch äußerlich ganz verändert und sieht zum Erbarmen aus . « Marie verbarg ihr Gesicht in beiden Händen – die so lange unterdrückten Tränen brachen nun unaufhaltsam hervor . » Wir wissen alles « , fuhr Anna fort und umfaßte das junge Mädchen , » aber eben deshalb hielt ich es auch für meine Pflicht zu sprechen . Ich durfte nicht schweigen , wenn ich nicht grenzenlos undankbar gegen dich und deine Mutter sein wollte – Frau Sanner weiß mein Geheimnis . « » Um Gottes willen , Anna ! ... Du hättest ... « » Frau Sanner hat heute durch mich erfahren , daß das Pflegekind , um dessentwillen du so viel leiden mußt , das meine ist und daß ich seit anderthalb Jahren die rechtlich angetraute Frau des Rechtsanwalts Börner in hiesiger Stadt bin , dessen Namen ich aber nicht eher öffentlich tragen darf , als bis sich – leider zwingen uns Geiz und Hochmut des alten Mannes – die Augen seines Oheims geschlossen haben – , dessen einziger Verwandter und Erbe mein Mann ist . « » Aber , Anna , wie konntest du das tun ? « » Du hast alles über dich ergehen lassen ; ja , meiner Zukunft wegen hättest du dein Lebensglück geopfert – deine Mutter mußte von meinen eigenen Verwandten ihre Tochter beschimpfen und mit einem Fehltritt beladen sehen , den sie nicht begangen ... Ihr habt unter allen Umständen geschwiegen , und ich sollte alle diese Opfer hinnehmen , ohne mich je dankbar zu bezeigen ? – Du denkst zu gering von mir . Frau Sanner begriff nun auch , daß wir die Geburt unseres Kindes verheimlichen mußten . Ich erzählte ihr , daß deine Mutter eine treue , aufopfernde Freundin meiner verstorbenen Mutter gewesen und deshalb die einzige Person war , der ich mein Kind anvertrauen mochte ... Und siehst du , Marie , ich hatte den schönsten Lohn für meine Aufrichtigkeit , denn die alte Frau weinte heiße Tränen über eure seltene Aufopferung und bat dir immer und immer wieder ihren Verdacht ab . « » Ach , Anna , wie glücklich machst du mich ! « rief Marie freudestrahlend . » Aber wird nun Frau Sanner auch schweigen können ? « » Sie hat mir mit Hand und Mund gelobt , kein Wort verlauten zu lassen , am allerwenigsten aber gegen meinen Vater , der mit seinem Stolz und Starrsinn gewiß alles verderben würde . « » War Joseph bei deinem Geständnis zugegen ? « forschte Marie leise und zögernd . » Nein . – Er hat seine Mutter hierhergefahren und blieb höchstens fünf Minuten bei uns ... « Ich kann dir gar nicht sagen , wie unstet und ruhelos mir der Mensch vorgekommen ist ! Er lief erst ohne Zweck und Plan auf dem Marktplatz herum ; dann ist er hinauf zu meinem Mann gegangen , um sich von ihm , der ja als Anwalt deiner Mutter die Kriminaluntersuchung der unangenehmen Ringelshäuser Diebsgeschichte am besten kennt , alle darauf bezüglichen Verhandlungen auseinandersetzen zu lassen ... Der läßt nicht von dir , Marie , und wenn er darüber zugrunde gehen sollte ... Ich habe übrigens die beste Hoffnung , daß Frau Sanner ... « » Liebe Anna « , unterbrach das junge Mädchen heftig die Trösterin , » wenn du mich ein wenig lieb hast , so versprich mir , die alte Frau nicht überreden zu wollen ! ... Siehst du – vor dir und der Muhme brauche ich ja nichts zu verbergen – mein ganzes Herz hängt an Joseph , und wenn es zu seinem Glück wäre , wollte ich mit Freuden für ihn sterben . Aber eben deswegen fasse ich auch seine Zukunft klar ins Auge ... Wenn also auch in diesem Augenblick seine Mutter vielleicht durch Furcht vor dem Sohn , Überredung und Mitleid bewogen , ihre Einwilligung gibt , so wird später die Reue doch nicht ausbleiben – und dann wehe mir ! ... Das höchste eheliche Glück wird das Bewußtsein nicht unterdrücken können , daß man mich als Makel einer bis dahin unbescholtenen Familie ansehe . Das Ehrgefühl der alten Frau scheint äußerst empfindlich , und es gibt so viele böse Menschen , die gern hetzen – ich würde nie ruhig werden und deshalb auch Joseph nicht glücklich machen können . « » Ich kann dir nicht unrecht geben « , entgegnete Anna traurig , » obgleich ich fest überzeugt bin , daß deine Vorzüge in den Augen der Frau Sanner mit der Zeit alle Lästermäuler zuschanden machen würden ... Ach , wenn der unglückselige Vorfall nicht wäre ! « » Ja , dann dürfte ich hoffen ! « seufzte Marie . » Meine arme Mutter weiß nichts von all diesen Vorgängen und darf sie auch nie erfahren . « Jetzt bemerkte sie aber mit Schrecken , daß es schon ziemlich spät geworden sei . Einmal war die Rückkehr Josephs und seiner Mutter zu befürchten , denen sie doch um keinen Preis begegnen durfte , und dann rückte der Abend immer näher . Sie brach eilends auf . Leider bemerkte sie , daß sie einiges vergessen hatte , was schlechterdings noch besorgt werden mußte . Bei den Kaufleuten wurde sie zu ihrer Angst auch noch ungebührlich lange aufgehalten , so daß es eben fünf schlug , als sie aus dem Stadttor trat . Sie stand eine Weile unentschlossen . Aus dem niederen Fenster der Torschreiberwohnung quoll heller Lichtschimmer . Drin im warmen Stübchen saß die Familie gemütlich um den Tisch . Marie kam ein wahres Grauen an , daß sie die lichte Stelle verlassen und hinaus auf die totenstille , dunkle Chaussee wandern sollte ... Da ging zu ihrem Trost der Mond auf – nach Hause mußte sie , ihr Ausbleiben würde Mutter und Schwester in die größte Angst versetzt haben , und so schritt sie denn rüstig , wenn auch mit Herzklopfen vorwärts . Kein Laut unterbrach die tiefe Stille , die sie jetzt umfing . Nur manchmal hing sich ein dürres Blatt an ihr Kleid und rasselte , oder der erste Schnee , der heute gefallen und nur an einzelnen Stellen haften geblieben war , knisterte unter ihren Füßen . Allmählich wich ihre Furcht . Das Mondlicht begleitete sie treulich . Es ergoß sich freundlich über die dürren Äste der Vogelbeerbäume zu beiden Seiten des Weges , zitterte in jedem feuchten Fleckchen , das der zerronnene Schnee zurückgelassen , und beleuchtete weithin die Chaussee , die das dunkle Ackerland wie ein heller Faden durchschnitt . So allein und verlassen dahinschreitend , versank Marie in tiefes Sinnen . Josephs Bild , das sie während der letzten Tage in die tiefsten Tiefen ihres Herzens zurückgedrängt hatte , da stand es vor ihr mit all der Macht , die ihr ganzes Sein beherrschte . Sie ließ es jetzt widerstandslos vor ihrem Auge auferstehen – war doch niemand zugegen , der sie beobachten konnte ... Sie war ihm so nahe gewesen und durfte ihn nicht sehen – sie floh vor ihm , während jede Fiber ihres Herzens nach ihm verlangte ... War sie auch der Aufgabe gewachsen , die sie sich selbst auferlegt ? ... Konnte sie in der Tat das schwere Werk der Entsagung durchführen ? Nach einem mühevollen Kampf , nach harten Schicksalsschlägen entsteht eine dumpfe Schwüle im Gemüt , die uns eine Zeitlang gänzlich unfähig macht , die Größe der Prüfungen , die über uns verhängt sind , zu ermessen . Das ist eine weise Einrichtung der Vorsehung ; ohne diesen wohltätigen Schleier müßte uns der grelle Blitz , der oft in unser tiefstes Leben eingreift , zermalmen . Schrecklich genug bleibt ja ohnehin immer der Moment , wo die verhüllenden Wolken zerreißen , wo unser Blick wieder freier wird und wir erschüttert sehen , was wir fortan ertragen und entbehren sollen . Dieser Augenblick war auch für Marie gekommen , und ihr Herz krümmte und wand sich unter den grausamen Maßregeln des Verstandes , die seine Stimme ersticken sollten . So wanderte sie dahin , ihren aufgeregten Gefühlen preisgegeben , mechanisch die Füße bewegend und die Außenwelt über den Widerstand in ihrem Inneren vergessend . Plötzlich berührten rasche Schritte ihr Ohr . Sie wandte sich um und erblickte ein ziemlich verrufenes Subjekt , einen Tischlergesellen aus A. , der mit seinem verwilderten Bart und seinen frechen Zügen ihr keinen geringen Schrecken einjagte . Er schien es indes eilig zu haben und schritt schnell an ihr vorüber , ohne sie weiter zu beachten . Trotzdem mußte sie einen Augenblick stehen bleiben , um ruhig zu werden und die Furcht niederzukämpfen . Diese Begegnung hatte wenigstens den Vorteil , daß Marie jetzt rascher vorwärtsschritt und weniger ihren trüben Gedanken nachhing . So hatte sie unangefochten bald den größten Teil des Weges zurückgelegt . Mit wahrer Beruhigung grüßte sie die Turmspitze von Ringelshausen , die im Mondlicht silbern glänzend bei einer Biegung der Chaussee sichtbar wurde . Aber kaum war sie noch einige Schritt vorwärtsgegangen , als ihr ein roher Gesang , von Juchheschreien und entsetzlichem Gelächter dann und wann unterbrochen , entgegenscholl . Unschlüssig blieb sie stehen . Das Geschrei kam immer näher , und deutlich konnte sie unterscheiden , daß es Ringelshäuser Burschen waren , die auf der Chaussee ihr Unwesen trieben . Mit Entsetzen erkannte sie auch Bastels dünne , krähende Stimme , der , wie es schien , der Hauptanführer war ... Dieser Rotte durfte sie nicht begegnen – da waren ihr Beleidigungen und Roheiten gewiß – aber wohin ? Zum Glück bog nicht weit von ihr ein Seitenweg von der Chaussee ab , aber – sie dachte mit Grauen daran – er führte an der verrufenen Pfaffenmühle vorbei . Dort war sie freilich vor jeder unwillkommenen Begegnung gesichert , denn diesen Weg betrat kein Ringelshäuser am Tage , geschweige denn in der Nacht ... Ein Schauder überlief sie ... sahen doch die uralten Weidenbäume da drunten schon ganz anders aus als alles hier oben ... Sie mußte den kleinen Fluß entlangschreiten , den düsteres Gebüsch auf beiden Seiten einengte und dessen Rauschen geisterhaft heraufklang . Trotz alledem blieb ihr keine Wahl . Das immer näher kommende Jauchzen schien ihr doch noch entsetzlicher , und so schritt sie mutig hinunter , nicht ohne Kampf mit Hecken und Dornen , die den nie betretenen Weg überwucherten und die alle Augenblicke ihr Kleid festhielten . Von Nachdenken war nun keine Rede mehr ... sie fing an zu laufen – das Grauen jagte sie . Gespensterfurcht kannte sie nicht , die hatte ihr Vater nie in ihr aufkommen lassen ; aber sie war in jener fieberhaften Aufregung , die den aufgeklärtesten Menschen befallen kann . Ihre Nerven zitterten , und sie fühlte jenes eigentümliche Prickeln in der Kopfhaut , das jedes einzelne Haar aufsträuben macht ... Atemlos blieb sie stehen , als die gefürchtete Mühle hinter dem halbverschneiten Buschwerk auftauchte . Einen grauenhaften Eindruck mußte dies verfallene Gemäuer allerdings hervorbringen ; selbst der warme , goldene Sonnenschein vermochte wohl nicht mehr , einen Schein von Leben in diese Wüstenei zu hauchen ; in der bleichen Mondbeleuchtung aber war es geradezu entsetzeneinflößend . Vom Dach waren meist die Schindeln abgelöst , so daß die dunkeln Bodenräume und das Gesparre sichtbar wurden , an welchem alte Fetzen von Kleidungsstücken leise sich bewegten . Die Fensterhöhlen , ohne eine Spur von Glasscheiben , starrten wie geblendete Augen aus den schiefen Wänden , von denen Wind und Regen jegliche Bekleidung weggewischt hatten . Das Mühlrad , längst seiner Dienste enthoben , stand bewegungslos , der Speichen beraubt und vom Gischt des hier sehr stark fallenden Wassers bespritzt , auf dem die Mondstrahlen ihr gaukelndes , gespenstiges Spiel trieben . Dies wüste Gehöft hatte seinen Namen vom letzten Besitzer , der » Pfaff « hieß und ein mürrischer , menschenfeindlicher Mann war . Sein zurückstoßendes Wesen und sein entsetzliches Fluchen – er war in seinen jungen Jahren Kriegsknecht gewesen – verscheuchten nach und nach alle Mahlgäste und Dienstboten aus seinem Hause , so daß zuletzt die Mühle stehen und er mutterseelenallein in dem wüsten Gemäuer hausen mußte , das er von Jahr zu Jahr mehr verfallen ließ ... Eines Tages fand man ihn an einem Baum erhängt . Dieser grauenhafte Tod wie auch das gottlose Leben des Selbstmörders gaben nun dem Aberglauben einen weiten Spielraum und machten das Haus in der ganzen Gegend spukhaft . Erben waren nicht da – Käufer fanden sich ebensowenig ; da wurde denn die Mühle nach und nach zur Ruine – ein Schrecken der Erwachsenen und ein Popanz für die Kinder . Marie war , wie gesagt , stehengeblieben und suchte sich des Grauens zu erwehren , das sie so überwältigend packte und alle Vernunftgründe über den Haufen stieß ... Nichts Lebendiges weit und breit – außer dem Rauschen des Wassers kein Laut ringsumher ! Eine kleine Wolke trat in diesem Augenblick vor den Mond und warf zwei riesige Schattenhügel über den First des Hauses und auf die unbelaubten Wipfel der alten Rüstern , an deren einer der Pfaffenmüller sein Leben ausgehaucht hatte ... Doch horch , klang das nicht wie lautes Husten ? ... Jedes weniger Aufgeklärte würde dasselbe nun ohne Zweifel für etwas der Geisterwelt Entstammtes gehalten und höchstwahrscheinlich unter Zähneklappern nichts anderes mehr erwartet haben , als dem irrenden Schatten des gehängten Müllers zu begegnen ... Marie dachte anders . Ihr schien der Husten , der sich eben wiederholte , obgleich er diesmal unterdrückter klang , sehr menschlich zu sein , und ein ganz anderer , vielleicht noch schlimmerer Verdacht stieg in ihr auf – daß wohl schlechte Menschen diese gefürchtete Stelle als Schlupfwinkel benutzen möchten . Diese Annahme schien bestätigt zu werden , denn jetzt hörte sie ganz deutlich sich nähernde Schritte ... Ihre Fassung kehrte zurück , wie es ja häufig geschieht , daß wir angesichts der Gefahr beherzter sind , als wenn wir dieselbe nur vermuten . Marie lief vorwärts , kauerte sich hinter das dichte Gebüsch , welches sie dem Vorübergehenden vollständig verbergen mußte , und bog einige Zweige auseinander , um besser sehen zu können . Sie befand sich der Mühle gerade gegenüber . Das morsche Hoftor , das nur noch in einer Angel hing , ließ sie den ganzen mondbeleuchteten Hofraum überblicken . Altes Gerümpel , verdorbenes Ackergerät , zerbrochene Türen und modernde Holzscheite bedeckten den Boden , und von der Scheuertür grinste eine angenagelte Eule herüber . Es blieb dem jungen Mädchen indes nicht viel Zeit , diese wüste Stätte zu betrachten , denn die Schritte kamen immer näher , und zwar von Ringelshausen her . An dem unregelmäßigen Gang und keuchenden Atem hörte Marie , daß die Person schwer beladen sein mußte ... Kaum atmend blickte sie angestrengt durch die Zweige , denn der Wanderer trat in die Hoftür ... Wer aber beschreibt ihr Erstaunen , als sie Mamsell Dore , des Pfarrers Haushälterin , erkannte ? Die Alte blieb einen Augenblick verschnaufend stehen , sah sich scheu um und ging dann zögernd einige Schritt in den Hof hinein . Sie war in einen großen Mantel gehüllt und trug , wie es schien , eine gewichtige Last auf den Armen . Wieder blieb sie unschlüssig ; da erschien in der Haustür – Maries Überraschung kannte keine Grenzen – der Tischlergesell aus A. , der ihr auf der Chaussee begegnet war . Er winkte Mamsell Dore vertraulich und verschwand mit ihr unter der Tür . Was konnten die beiden an dem verrufenen Orte wollen ? Mamsell Dore , die Anklägerin der Schulmeisterin , deren Schuld sie durchaus beweisen wollte – sie , die Zeter schrie über das kleinste Vergehen , das in der Gemeinde vorkam , traf auf so geheimnisvolle Weise mit einem berüchtigten Menschen in der einsamen Pfaffenmühle zusammen ? Eine seltsame Ahnung überschlich Maries Herz . Sie erhob sich und ging , immer durch das Gebüsch gedeckt , um das Gehöft herum . An der Seite , nach dem Wasser zu , bemerkte sie ein angelehntes Pförtchen – es führte in einen schmalen Gang , durch dessen zerbrochene Fenster jedoch der Mond so hell schien , daß sie ihn ungefährdet betreten konnte . Hier blieb sie einen Augenblick stehen ... Es überrieselte sie eiskalt ... wenn jener schreckliche Mensch ihr hier entgegenträte ? ... Sie horchte ; aber außer dem eintönigen Rauschen des vorbeifließenden Wassers blieb alles totenstill ... Es trieb sie unwiderstehlich vorwärts – weshalb ? Darüber konnte sie sich selbst keine Rechenschaft geben . Ihre Entschlossenheit , ein Grundzug ihres Charakters , ließ sie nicht lange überlegen – sie betrat den Gang und gelangte bald an eine offene Tür , die in einen dunkeln Raum , die Küche , führte . Hier bückte sie sich rasch nieder , denn durch ein Fenster konnte sie in die daranstoßende Stube sehen , in welcher sich die beiden Personen befanden . Auf den Knien rutschend , gelangte sie bis zu dem Fenster , das eigentlich nur noch ein Netz von Bleiringen war , denn die runden Scheiben waren zerschlagen , und nur noch einige grüne Glassplitter starrten aus der Fassung . Das junge Mädchen konnte deutlich hören und sehen , was in der Stube vorging . Mamsell Dore saß erschöpft auf einem Stuhl . Zu ihren Füßen lag ein gefüllter Sack . Aus den grauen Augen der Alten , die rastlos umherirrten , während sie nach Atem rang , sprachen unverkennbar Angst und Furcht ; wenn aber der Mann , der ungeduldig auf und ab lief , ihr den Rücken kehrte , dann blitzten sie auf in Haß und Ingrimm . » Daß du mich bei so hellem Mondschein hierherbestellst « , begann sie endlich , » ist unverantwortlich von dir , Fritz – wie leicht konnte ich gesehen werden . « » Meine Angelegenheiten lassen sich nicht aufschieben , Mutter . « » Mutter ? « flüsterte Marie draußen , über alle Maßen erstaunt und überrascht . » Wenn du meinen Brief ordentlich gelesen hast « , fuhr der Mensch drinnen fort , » so wirst du wissen , daß ich in einigen Tagen auswandern muß ... Ich