das Mädchen gern ? « warf die Majorin trocken ein . » Ja , leidenschaftlich gern . Aber sie will der eigenen Lust am Beruf , dem Ruhm und Glanz einer solchen Laufbahn entsagen um meinetwillen – « seine Stimme sank und schmolz dabei in Weichheit und Zärtlichkeit – » du kannst danach ermessen , wie lieb sie mich hat , Mama . « Ein ausdrucksvolles , spöttisches Kopfnicken der Majorin war die Antwort . » Und die ausbeutelustige Mama in Berlin hat , wie mir allmählich klar wird , keine Ahnung von diesen beglückenden Plänen und Wünschen ? « fragte der Rat . » Nein , « antwortete Felix gepreßt – es lag so viel aufreizender Hohn in jeder Bewegung , jedem Ton der Inquirierenden . Dennoch bezähmte er sich und setzte hinzu : » Ich muß als ehrlicher Mann erst feststellen , was ich Madame Fourniers eigenen Plänen und den Bewerbungen des anderen Freiers gegenüber in die Wagschale legen darf ... « » Nun , darüber kannst du doch unmöglich im unklaren sein , « sagte der Rat . » Ich dächte , deine Besoldung als Referendar ließe sich unschwer beziffern – sie dürfte just ausreichen , um Mademoiselle Fourniers Stecknadelbedarf zu bestreiten . « Eine Flamme der Entrüstung ... der zornigen Scham schlug über das Gesicht des jungen Mannes hin ; aber noch hielt er an sich . » Ich bin entschlossen , aus dem Staatsdienst zu scheiden und mich hier in der Stadt als Notar niederzulassen – « In diesem Augenblicke legte sich die Hand der Majorin schwer auf seine Schulter , und noch nie hatte ihm die Stimme seiner strengen Mutter so unerbittlich , so vernichtend geklungen , als jetzt , wo sie sagte : » Besinne dich , Felix – ich vermute , du sprichst im Fieber ! Um die Nebel in deinem Kopfe gründlich zu zerstreuen , will ich dir klarmachen , was du dieser Madame Fournier , die ein Haus macht wie eine Fürstin , die eine hochadelige Partie für ihre Tochter zurückweist , und millionenfachen Reichtum von den Ballettsprüngen ihrer Schülerin erwartet , der strengen Wahrheit gemäß zu sagen haben wirst : Ich habe keine Laufbahn vor mir , besitze keinen Heller eigenen Vermögens und muß von dem leben , was mir meine Klienten einbringen . Ihre Prinzessin Tochter wird die Kochschürze umbinden und wohl oder übel schadhafte Wäsche ausbessern müssen ; ihre gesellschaftlichen Talente kann sie bei mir nicht verwerten ; denn die gute Stube eines unbemittelten Notars ist kein Empfangsalon , in dem sich hochgräflicher Besuch einzufinden pflegt – meiner Mutter aber darf ich sie nie vor die Augen bringen . « » Oh , Mutter ! « rief der junge Mann . » Mein Sohn , « fuhr sie fort , ohne den Aufschrei voll Schmerz und Qual zu beachten , » du wünschtest vorhin , reich , sehr reich zu sein , und wie ich jetzt verstehe , hattest du allen Grund dazu , denn ein › fürstlicher ‹ Haushalt kostet Geld . Du meinst nun , das Vermögen deiner Mutter falle bedeutend in die Wagschale , und darin hast du vielleicht nicht ganz unrecht ; aber dieses Vermögen ist Pfennig um Pfennig , Groschen um Groschen von einer braven , ehrlich arbeitenden Familie drei Jahrhunderte hindurch sorgfältig aufgesammelt worden , und das sage ich dir – « sie hob die Rechte und ihre ebenmäßige , hohe Gestalt reckte sich in unerbittlicher Strenge gebietend auf – » ehe ich das Vermächtnis meiner Familie in einer liederlichen Theaterwirtschaft verprassen lasse , eher vermache ich es bei Heller und Pfennig an den Namen Wolfram zurück – danach richte dich ! « » Das ist deine endgültige Entscheidung , Mutter ? « fragte der Sohn mit blassen Lippen , und seine schönen , blauen Augen blickten wie erloschen . » Meine endgültige Entscheidung ... Schlage dir das Mädchen aus dem Sinne – du mußt es können , das sage ich dir ein für allemal ! Ich will nur dein Bestes – später wirst du mir ' s danken . « » Für zerstörtes Lebensglück dankt man nicht , « versetzte er , und jetzt erhob sich seine Stimme in unaufhaltsam hervorbrechendem Groll zu einem allmählich wachsenden Sturm , den er selbst nicht mehr zu beschwören vermochte . » Schütte du deine Kapitalien immerhin dem kleinen Wolfram in die Wiege – sie sind dein Ererbtes , du kannst damit schalten und walten , wie es dir beliebt . Dagegen hast du deinen Einspruch in meine Herzensangelegenheit verwirkt ... Du greifst stets selbstsüchtig in mein Leben ein , als sei ich deine Sache , ein Gegenstand ohne Blut und Leben , ein Stück Wachs , das du im Wolframschen Geiste ummodeln könntest ... Du hast einst meinem Schicksalsgang eigenmächtig eine Wendung gegeben , die ich einen unverantwortlichen Raub nenne . Ich war damals ein Kind , das an deiner Hand mitgehen mußte , wohin du es führtest . Jetzt aber habe ich meinen eigenen Willen – ein zweites Mal lasse ich mich nicht in unmenschlicher Grausamkeit berauben ! « » Jesus ! « stöhnte die Majorin auf , als habe sie einen Todesstoß erhalten . Sie hatte eine halbe Wendung , wie zur Flucht , nach der Türe zu gemacht – dort stand sie mit unwillkürlich erhobenen Händen und starrte voll Entsetzen nach dem Sohn zurück . Dem Rat aber lief eine dicke Zornader über die Stirn hin ; er ergriff den jungen Mann am Arme und rüttelte ihn in brutaler Weise . » Was ist das für eine Sprache , du armseliger Bursche ! « schalt er . » Was hat man dir gestohlen , du Habenichts ? Wirst du mir wohl erklären , inwiefern du beraubt worden bist ? « – » Als man mir das Vaterhaus nahm , « entgegnete Felix mit erschütterndem Stimmklang , indem er mittels einer energischen Wendung seines schlanken Körpers die Hand des Onkels von sich schüttelte . » Wenn ein Vater stirbt , so ist das eine Fügung des Himmels , der sich die Kinder unterwerfen müssen – niemals aber sollten Menschen Vater und Sohn auseinanderreißen , denn sie sollen sich ergänzen , sie gehören zusammen , weit mehr noch als Mutter und Sohn ... Und mein Vater hat mich unsäglich lieb gehabt . Ich weiß heute noch , was ich gefühlt habe , wenn er mich mit seinen Küssen bedeckte , wenn er mich in stürmischer Zärtlichkeit an sich preßte , an sein starkschlagendes Herz , der schöne , stolze , herrliche Soldat , den man leichtsinnig schilt , weil er – kein Philister gewesen ist ! « Er schwieg und holte tief Atem , als sei das Ausgesprochene eine die ganzen Jugendjahre hindurch getragene Bergeslast gewesen ... Seine Mutter hatte bei seinen letzten Worten die Türstufe , auf der sie gestanden , verlassen ; er hörte , wie draußen ihr Gewand schwer und langsam über die Steinplatten der Küche hinschleifte ; er hörte , wie sie die schmale , nach dem Hinterhof führende Glastüre öffnete – dann sah er sie mit gesenktem Kopfe über den Hof gehen und in dem gegenüberliegenden Hintergebäude verschwinden . Dort führte eine Türe nach dem Garten . » Verlorener Sohn ! « stieß der Rat mit vor Ingrimm erstickter Stimme hervor . » Das verzeiht dir deine Mutter nie ! – Geh , mache , daß du aus meinem Hause kommst – hier ist kein Raum mehr für dich ! ... Ich kann den Himmel nicht genug preisen , daß er die Wolframs in meinem Kinde neu aufblühen läßt und ihr altes Stammhaus vor der fremden Kuckucksbrut bewahrt ! « Er ging hinüber in sein Zimmer und schlug die schwere , metallverzierte Türe klirrend hinter sich zu , während der junge Mann schweigend , mit fliegenden Händen das einzige Erbe aus dem Vaterhause , das silberne Eßbesteck , zusammenraffte , um ebenfalls die Wohnstube zu verlassen . 5. Wie betäubt ging er durch die Küche und schob den Riegel der Türe zurück . Beim Öffnen scholl ihm Stimmengeräusch entgegen ; es hatte sechs Uhr geschlagen ; die Haustür stand voll Frauen und Kinder , und über den vorderen Hof her kamen sie immer noch geströmt , die Abendkunden des Klostergutes , mit den blechernen und irdenen Henkeltöpfen oder dem Steinkrug in der Hand . Die Stallmagd hatte eben zwei Eimer voll schäumender Milch auf den Fußboden niedergesetzt und sah sich erstaunt um , denn der Platz am Schenktisch war noch leer – zum erstenmal , seit sie auf dem Klostergute diente ; selbst am Sterbe- und Begräbnistage der seligen Frau Rätin war der Posten pünktlich eingenommen worden , in dem Augenblick , wo die Milch von den Ställen her gebracht wurde . Felix schritt rasch durch die versammelten Leute . Sonst hatte ihn der » Milchhandel « dergestalt angewidert , daß er stets um diese Zeit über ein verstaubtes Hintertreppchen gegangen war , um dem Menschenandrang in dem Hausflur auszuweichen . Heute sah er mit zerstreutem Blick über die Köpfe der Wartenden hinweg – er bemerkte nicht , wie er gegrüßt wurde , wie sich die Frauen und Mädchen heimlich anstießen und den bildschönen jungen Herrn bewundernd mit den Augen verfolgten , während er flüchtigen Fußes die kreischende Treppe hinaufsprang – zum letztenmal , denn der Onkel hatte ihn aus dem Hause gewiesen . Nie , nie wieder wollte er zurückkehren in das dunkle Haus , in diesen von Mönchen gebauten und von einer engherzigen , phantasiearmen Familie durch alle Generationen hindurch sorglich behüteten Sarg , dem die Menschenseelen angepaßt wurden , indem man jede schüchtern hervorwachsende Schwinge abschnitt , jeden traditionswidrigen Geistesfunken mit dem Fuße austrat . Die kleine Reisetasche des Ausgewiesenen lag noch droben im Giebelzimmer auf dem Tische , die mußte er holen . Er wollte mit dem Nachtzug nach Berlin zurück , vorher aber seinen Freund Arnold im Schillingshofe sprechen . Das waren die einzigen Entschlüsse , die sich emporrangen aus den aufgetürmten Wogen namenloser Erbitterung , aus dem Wirbel , in dem sein furchtbar erregtes Gehirn kreiste . Bis hinunter zu dem Grundgedanken , wie es nun werden sollte , kam er nicht – immer wieder wälzte sich das Geschehene durch seinen Kopf ... Er war vorgestern von Berlin abgereist – Madame Fournier , die augenblicklich in Wien gastierte , hatte ihrer alten Mutter geschrieben , daß der Hoftheaterintendant auf ihren Wunsch , Lucile demnächst auf der Bühne des Kärntnertortheaters debütieren zu lassen , einzugehen scheine – diese Nachricht hatte ihn tief erschreckt , denn er verhehlte sich nicht , daß ihm die Geliebte halb und halb verloren sei , wenn sie einmal ihren Triumphzug begonnen habe . Und sie selbst hatte ihn in leidenschaftlicher Ungeduld gedrängt , seine Verhältnisse sofort zu ordnen und dann nach Wien zu gehen , um persönlich mit ihrer Mutter zu verkehren – und nun war alles in den ersten Stunden gescheitert ! – Er preßte die Hände gegen die heftig klopfenden Schläfen , als könne er mit dieser einen verzweifelten Bewegung seinen zerrütteten , aus der Bahn geschleuderten Gedankengang wieder einlenken , einen leitenden Faden in dem ungewissen Düster finden , in das er aus der Sonnenhelle seiner sanguinischen Hoffnungen mit geblendeten Augen gestürzt war ... Er hatte sich mit seiner Mutter entzweit für immer ! Das sagte der Onkel nicht allein , er fühlte es selbst , daß sie ihm die unzerstörbare , enthusiastische Liebe zu seinem verschollenen Vater nie verzeihen , noch weniger aber die Rücksichtslosigkeit vergessen werde , mit der er endlich seinem stillschweigend getragenen kindlichen Schmerz Luft gemacht hatte . Wie schroff und hart , wie unbeugsam war sie ihm aber auch entgegengetreten ! So war es immer gewesen . Da hatte es nie ein mütterlich sanftes Zureden und Vorstellen , nie , solange er denken konnte , jenes teilnehmende Mitversenken in des Kindes Freud und Leid gegeben , das die Luft heller erglühen macht und das Weh sänftigt , wie das Streicheln einer weichen , linden Hand – ihre ganze Erziehungsweise war ein barsches Kommando gewesen ... Und wie blitzschnell war sie vorhin mit dem Entschluß , ihr einziges Kind zu enterben , fertig geworden ! – ja , zu schnell , selbst für eine augenblickliche Eingebung ! – Das war wohl schon vorher gedacht worden ! – Und jetzt kroch ein finsterer Argwohn schlangengleich an dies arglose , bis dahin im idealen Vertrauen förmlich aufgehende Herz des Jünglings heran und packte es wie ein Dämon . Wie , wenn der Familienfanatismus seiner Mutter so weit ging , daß ihr der Vorwand nicht unwillkommen gewesen war , ihr großes Erbteil den Wolframs wieder zuzuwenden ? Er lief , wie von Harpyien verfolgt , im Giebelzimmer auf und ab .... Nimmermehr ! Ein solch entsetzlicher Verdacht entwürdigte ihn selbst ; es war eine Befleckung seiner eigenen Seele , eine Art von unedler Rache , die ihm die Schamröte auf die Wangen trieb ... Da lag noch das Schreibeheft auf dem Tische ; das Verzeichnis der aufgeschlagenen Blattseite bewies unwiderleglich die treue Sorge , mit der die Mutter seiner Zukunft gedacht hatte – freilich war die verzeichnete Wäsche nur für den Ausstattungsschrein einer jungen Frau im Sinne der Majorin , einer vornehmen Beamtentochter oder der Erbin eines reichen Fabrikherrn , bestimmt gewesen – aber das tat doch der Sorge um ihn keinen Abbruch . Und dort im Fensterbogen hing das Bild ihres Sohnes – wenn sie arbeitend am Tische saß , mußte sie bei jedem Aufblick in sein Gesicht sehen . Nein , liebeleer war ihr Herz nicht , wenn auch ihre starren Vorurteile , ihre geradezu männliche Strenge gegen sich selbst und ihre Angehörigen ihr den Anschein innerer tödlicher Kälte gaben . Zögernd griff er nach seiner Ledertasche und warf den Riemen über die Schulter – er war zum Fortgehen gerüstet . Dennoch blieb er stehen und horchte gespannt , ob nicht wohlbekannte Schritte über den Vorsaal kämen ... Es verstand sich von selbst , daß er das Klostergut auf Nimmerwiederkehr verließ ; aber schmerzbewegt gestand er sich , daß es ihm unmöglich sei , von seiner Mutter für immer zu gehen , ohne ihr gesagt zu haben , wie ihm seine leidenschaftliche Heftigkeit ihr gegenüber leid tue ; er mußte sie noch einmal sehen , selbst – wenn sie sein Abschiedswort in verächtlichem Schweigen anhören und nicht erwidern sollte . Es war sehr schwül geworden . Am südlichen Himmel stieg eine schiefergraue Gewitterwolke auf ; sie rückte allmählich wie mit bleierner Schwere vor , Linie um Linie erstickte das glanzvolle Abendlicht hinter ihr , und in die Häuser sank ein immer tieferes Dämmern , als bräche eine frühe Nacht herein . Drunten im Vorderhofe herrschte jetzt beruhigende Stille . Das große Tor war geschlossen ; seine Wölbung sah aus wie bekränzt durch die Kleebüschel , die das bröckelnde , zerklüftete Mauerwerk vom hochbeladenen Fuder weg an sich gerissen . Auch das Rasseln des Mauerpförtchens schwieg , nachdem der letzte verspätete kleine Kunde mit seinem ängstlich behüteten Milchtopf das Klostergut verlassen hatte . Vor dem Hühnerstall lag der Riegel , die Pfauen und Truthühner hockten auf ihren Stangen unter niederem Dache , und nur auf dem Rand des Brunnentrogs flatterten noch badelüsterne Tauben . In der Platanenallee des Schillingshofes rührte und regte sich auch kein Leben mehr ; alle farbenbunte und blinkende Ausstattung der eisernen Möbel war fortgeräumt , und die Baumhalle erhob sich mit ihren unbewegten Wipfeln und den regelmäßig aufsteigenden Stämmen wie aus dunklem Stein geschnitten unter den hochgetürmten Gewitterwolken . Von den blühenden Bosketten her aber wogte der Duft über die efeubewachsene Mauer in den Klosterhof , der in alten Zeiten , da noch die Mönche auf den Steinbänken unter den Linden saßen , auch ein undurchdringliches Dickicht von Heckenrosen , Weißdorn und Flieder , voll singender und brütender Vögel , in seinen tiefen , geschützten Ecken beherbergt hatte . Eine Viertelstunde um die andere verging , und noch wanderte Felix wartend im Giebelzimmer auf und ab ... War es wohl je so grabesstill im alten Klosterhause gewesen , wie jetzt , wo er mit schwerbeklommenem Herzen und hämmernden Schläfen auf ein Lebenszeichen horchte ? ... Wieder trat er an das offene Fenster und sah in die Abenddämmerung hinaus – da , endlich kam es die Treppe herauf , über den Vorsaal her ! Die Tür wurde geöffnet , und der Luftzug hob leise das Lockenhaar an der Schläfe des jungen Mannes ; aber er wandte sich nicht um , er zögerte , in das zürnende Gesicht seiner Mutter zu sehen ... Ein schwaches Rauschen , als streife ein Vogel mit flatterndem Flügel an den Wänden hin , huschte hinter ihm über die Dielen , der Luftzug brachte plötzlich einen köstlichen Rosenhauch mit – dann legten sich samtweich und kühl , wie Blumenblätter , zarte Finger auf die heißen Augen des Aufhorchenden , und – sein Herz stand still , ein lähmender Schrecken machte ihn vom Wirbel bis zur Sohle erstarren – » Lucile ! « stieß er schwach , wie mit verlechzender Kehle hervor . Im Nu waren seine Augen befreit , und das reizendste Elfenkind , das je die Welt gesehen , hing wie ein Kobold lachend an seinem Halse ; hinter der Tür aber , die sich eben schloß , sah er noch das schmunzelnde , breite Gesicht der Stallnymphe verschwinden – sie hatte » den Besuch « heraufgeführt . » Um Gotteswillen , Lucile , was hast du getan ! « rief er außer sich . Die weichen Mädchenarme glitten augenblicklich von seinem Nacken , und das liebliche Gesichtsoval der jungen Dame verlängerte sich in namenloser Betretenheit – sie sah ihn mit halb erschrockenen , halb bösen Augen an . » Was ich getan habe ? « wiederholte sie trotzig und schmollend . » Durchgebrannt bin ich ! Ist das so schlimm ? « Er schwieg und horchte angstvoll nach dem Vorsaal hin – jetzt durfte seine strenge Mutter nicht kommen ! Ihm war , als sei sein Kleinod , sein Abgott in eine Löwengrube gestürzt . » Ich bitte dich , Felix , stehe nicht da , als sei dir die Butter vom Brote gefallen ! « sagte Lucile ungeduldig und zog mit einem grimmigen Ruck das gelockerte Strohhütchen fester in die Stirn . » Bah , der Spaß ist verunglückt , wie ich sehe – ich hatte mir das lustiger gedacht ! Meinetwegen – « sie zuckte nachlässig die Achseln – » ich kann auch wieder gehen , wenn ich dem gestrengen Herrn nicht gelegen komme . « » Nein , o nein ! « rief der junge Mann , und jetzt zog er das Mädchen stürmisch an sein Herz und bedeckte ihr zartes Gesichtchen mit leidenschaftlichen Küssen . » Puh ! « schüttelte sie sich und entschlüpfte ihm lachend und geschmeidig . Sie warf Hut und Taschentuch auf den Tisch und schleuderte eine lange , über den Busen gefallene Locke in den Nacken zurück . » So , nun bist du wieder vernünftig , Schatz , « sagte sie . » Gestern hättest du bei uns sein sollen – na , das Durcheinander ! Du machst dir keinen Begriff ! ... Mama telegraphierte , sie habe sich den Fuß vertreten , müsse deshalb ihr Gastspiel abbrechen , und die Intendanz gestatte , daß ich an ihrer Stelle nächsten Montag die Gisela in den › Willis ‹ tanze , ich solle sofort abreisen ... Ich saß gerade auf dem Balkon und knabberte mit dem Kakadu allerhand Gutes aus der Bonbonniere , die du mir mitgebracht hast – ich sage dir , wie eine zerplatzende Bombe fiel das Telegramm ins Haus – die Jungfern , die Bedienten , das Küchenpersonal , alles wimmelte wie ein Ameisenhaufen durcheinander ! « Ihre Schilderung gipfelte in einem kurzen melodischen Auflachen , während sie die goldene Uhr wieder befestigte , die sie bei einer ihrer lebhaften Gesten unabsichtlich aus dem Gürtel gerissen hatte . » Ich wünsche nur , du hättest die Großmama gesehen , « fuhr sie fort . » Sie hat wieder ihre Neuralgien im linken Bein und sitzt wie festgenagelt im Lehnstuhl ... Du weißt , sie hat so einen großen , altadeligen Blick , der furchtbar imponierend ist , und wenn sie von ihrer Familie , den längst vermoderten Marquis Rougeroles , anfängt , da wird mir immer himmelangst . Sie zählte richtig wieder alle die Henris und Gastons , die sich immer in der Erde umdrehen müssen , der Reihe nach an den Fingern her , stampfte erbost mit dem gesunden Fuße auf und sagte , die Mama sei nicht recht klug , daß sie mich – nämlich den letzten Sproß der alten Ahnenreihe – mit dem dummen Ding , der Kammerjungfer Minna , allein in die Welt hineinreisen lasse – na , so sehr unrecht hatte sie nicht ! « Sie kicherte schelmisch in sich hinein . Bei jeder ihrer unbeschreiblich graziösen Bewegungen klirrten die kostbaren Armbänder an ihren Handgelenken , das silbergraue Taftkleid rauschte in jeder Falte , und der starke Rosenduft , der ihrer Erscheinung entströmte , hatte längst den Veilchenhauch des Wäscheschrankes unterdrückt . Jetzt sah sie flüchtig und prüfend mit den großen Augensternen , in denen helles Braun mit einem feurig schillernden Grün fortwährend um die Herrschaft stritt , zu dem jungen Mann empor . Er stand , die Hand auf den Tisch gestemmt , wie in stummer Verzückung da . Der augenblicklichen , unheildrohenden Lage und dem altfränkisch ausgestatteten Raum , welcher das Zimmer seiner tödlich beleidigten Mutter war , vollkommen entrückt , sah und hörte er nur das taufrische , quecksilberne Geschöpfchen , auf dessen vollockigen Scheitel die Grazien ihren ganzen Feenzauber ausgeschüttet ... Sie las die trunkene Zärtlichkeit in seinen Blicken und warf sich an seine Brust . » Närrischer Felix , du ! « sagte sie und zupfte ihn neckend am Ohr . » Was hattest du nur vorhin , als ich ankam ? ... Und ich kam so stolz , weil ich den großartigen Gedanken gehabt hatte , durchzubrennen . Und gar so leicht war das durchaus nicht , mußt du wissen ! ... Ich habe nun einmal von Mama her in Blut und Nerven und Muskeln , von meinem tollen Kopf an bis in den kleinen Finger und die allerkleinste Zehe hinab , das prickelnde Verlangen , zu schweben , zu gaukeln , und zwar am allerliebsten vor tausend Augen und tausend bärtigen Lippen , die » Bravo « schreien bis zur Atemlosigkeit – und das sprach auch mit , Schatz – mehr , als du denkst . « Mit einer schlangengewandten Biegung ihres schlanken Leibes entschlüpfte sie ihm wieder , dessen starke , blonde Brauen sich plötzlich finster zusammengezogen . Sie lachte und strich mit der Hand glättend darüber hin . » Großmama schimpfte und schalt wohl über das Telegramm , « fuhr sie rasch , den fatalen Eindruck verwischend , fort , » aber sie befahl doch sofort , daß im Eßsalon vor ihren Augen gepackt werde – o du Gerechter – war das eine Wirtschaft ! Minna und Großmamas alte , sauertöpfische Kammerjungfer schleppten die halbe Garderobekammer herbei , und es dauerte nicht lange , da verschwand die Großmama samt ihrem Lehnstuhl hinter einem ganzen Berg von Gazeröcken , und ich sah nur noch manchmal die zitronengelbe Schleife auf ihrer Haube wackeln , wenn sie schalt und kommandierte ... Ach , Felix , es prickelte mir unsäglich verführerisch in den Fußspitzen , bei all den flimmernden Theaterherrlichkeiten , die Mama allmählich für mich angeschafft hat ; und als das Kostüm der Gisela gebracht wurde – ein hinreißendes Kostüm , sage ich dir – da – da traten mir die Tränen in die Augen ... Na , sei nur ruhig , – was will ich denn machen ? Ich stecke ja bis über beide Ohren in der fabelhaft dummen Liebe zu dir , und da verschluckte ich denn auch tapfer meine Tränen und lachte heimlich über » Madame Lazare née de Rougerole « , die gerade in dem Augenblick zu meiner Jungfer sagte : » Minna , daß Sie sich nicht etwa unterstehen , auf den Bahnhöfen familiär neben Fräulein Fournier herzugehen ! Sie haben sich hinter ihr zu halten , und in Wien wird nicht ausgeplaudert , daß Sie die einzige Reisebegleitung gewesen sind – das bitte ich mir aus ! « ... Ha , ha , ha – in Wien ! Bei mir stand es bereits bombenfest , daß ich – zu meinem Schatz gehen würde ... Und da hast du mich nun , Felix ! – Minna sitzt mit Koffern und Schachteln im Hotel , zwischen Weinen und Lachen , und hat schreckliche Angst vor Mama und Großmama – willst du sie nicht holen lassen ? « Er schrak in sich hinein , als bräche die Zimmerdecke über ihm zusammen – da war die schreckensvolle Wirklichkeit wieder ! » Nein , hierher darf sie nicht kommen , « versetzte er gepreßt , » und auch du kannst nicht dableiben , Lucile . « Jetzt erst sah sie sich um und schlug kichernd die Hände zusammen . » Ach , das ist kostbar – du bist wohl in die Leinenkammer deiner Mutter geraten ? « rief sie und zeigte nach dem offenen Wäscheschrank . » Aufrichtig gestanden , für immer möchte ich auch um keinen Preis hierbleiben , « setzte sie nach einer weiteren Musterung hinzu ; sie schüttelte sich , während ihr scheuer Blick an dem tiefen Türbogen hinglitt , in dem bereits dichte Finsternis lagerte . » Ich fürchtete mich zu Tode , sage ich dir ! ... Wenn du mir vom Klostergute gesprochen hast , dann mußte ich immer an Marmorsäulen , mächtige Bogengänge und Springbrunnen im Klosterhofe denken . Und nun führt mich der Lohndiener vor dieses scheußliche Nest und besteht darauf , daß es das Klostergut sei – ich habe mich beinahe mit ihm gezankt ... Ach Gott , und der Eingang ! ... Ich fiel um ein Haar über ein paar Eimer , die im Wege standen , ein kleines Kind schrie und krähte wie ein Hähnchen – wohl das hoffnungsvolle , kleine Wolfrämchen ? – der ganze Hausflur roch nach gebratenem Speck – puh , Speck ! ... Und nun gar das Prachtstück , das mich herausgeführt hat und , wie mir scheint , Portier , Lakai und Hausjungfer in einer Person ist ! Sie grinste mich verständnisinnig an und patschte mir gönnerhaft den Rücken – oh ! « In ihre glänzend weihe Stirne gruben sich ein paar leichte Falten der Besorgnis , während sie halb ängstlich , halb drollig hinzufügte : » So viel weiß ich nun , Felix – Mama und Großmama dürfen nie hierher kommen ! Das gab ' einen gräßlichen Skandal , und die unglücklichen Rougeroles müßten sich en tour in ihren Särgen umdrehen . « » Beruhige dich , Lucile , Mama und Großmama werden nie in diese Verlegenheit kommen , « entgegnete der junge Mann schweratmend . » Komm jetzt – auch wir wollen gehn – « » Wie , noch diesen Abend ? « unterbrach sie ihn mit großen Augen . » Ohne deiner Mama – « » Meine Mutter ist nicht darauf eingerichtet , einen Gast wie dich zu empfangen . « » Aber , mein Gott – ich bin ja doch nicht so anspruchsvoll ! Du sagst selbst immer , ich ätze und nippe wie ein Vögelchen – freilich , für Speckeier danke ich ! Wer Frau Wagner , unsere alte Köchin , behauptet stets , ein wenig Mayonnaise oder Aspik oder dergleichen , was ich so sehr gern nasche , müsse immer in einem anständigen Speiseschrank zu finden sein . « Er preßte die Lippen fest aufeinander , und ohne ein Wort zu erwidern , nahm er das Strohhütchen vom Tische und drückte es sanft und vorsichtig auf das braune Gelock des jungen Mädchens . » Nun , wie du willst , « sagte sie achselzuckend und steckte den Hut mit einer goldenen Nadel fest . » Gehen wir in das Hotel ? « » Nein . Ich bringe dich in den Schillingshof zu unserem Freund , dem Baron Arnold . « » Oh , das ist mir sehr lieb , das freut mich , Felix ! – Der nette Baron Schilling ! Ich bin ihm gut ! ... Werde ich euch seine junge Frau sehen ? – Ich sterbe vor Neugier , ob sie schön ist – das ist mir nämlich stets die Hauptsache , mußt du wissen . « – Bei den letzten Worten hob sie ihre Gestalt , so hoch sie konnte , auf den Zehen , um in dem zwischen den Fenstern hängenden , winzig kleinen Spiegel zu prüfen , ob der Hut » anständig « sitze ; aber lachend , mit einer schüttelnden Handbewegung , gab sie den Versuch auf . » Großmama hat den Papa der jungen Baronin , den alten Herrn von Steinbrück in Koblenz , gut gekannt , « plauderte sie weiter . » Sie behauptet , er habe seine einzige Tochter im Kloster erziehen lassen . « » Die Großmama hat recht , « sagte er und zog ihr den Schleier über das Gesicht . Die Arabesken und Ranken der schwarzen Spitze ließen kaum an einigen klaren Stellen die weiße Samthaut durchscheinen – nur die Augen , diese groß aufgeschlagenen , schillernden Sterne , blitzten wie Steingefunkel durch einen schmalen Streifen dünnen Spitzengrundes . » So , nun wären wir fertig , « sagte sie und griff nach ihrem Taschentuch . Felix reichte ihr den Arm . » Liebes Herz , « bat er , unter der Türwölbung den Schritt anhaltend , mit gedämpfter Stimme ; » sprich nicht , solange wir im Hause sind , und gehe möglichst geräuschlos die Treppe hinab . « » Aber , mein Gott , weshalb denn ? Wir sind doch keine Spitzbuben ? « fragte sie verwundert . » Ach , das kleine Kind ist wohl krank ? « » Nicht krank – aber sehr