und blieb mit gefalteten Händen einen Augenblick stehen . Ja , sie war um Alles gern in der alten Mühle „ herumgekrochen “ , wie die Präsidentin von ihr sagte , und der Papa hatte ihr oft genug den Mehlstaub von Zöpfen und Kleidern geklopft – er hatte sie lächelnd „ sein weißes Müllermäuschen “ genannt . Der finstere Mann , ihr Großvater , der meist von dort oben , über das Treppengeländer Auf der Spinnerei schlug es Fünf , als Käthe in Doktor Bruck ’ s Begleitung wieder in den Hof trat . Es war kälter geworden , und die uralte halbverwischte Sonnenuhr am Giebel , die heute , im goldenen Frühlingslicht neu auflebend , mit scharfem Finger die Stunden bezeichnet hatte , sah wieder trübselig verlassen und verwittert aus . Das helle Geklingel der Thürschelle lockte Franz wieder heraus auf die kleine Freitreppe , und auch seine Frau folgte ihm neugierig mit langem Halse , um die heimgekehrte junge Herrin zu begucken . Käthe bat sie , während ihrer Abwesenheit fleißig nach der Kranken zu sehen , was auch heilig und theuer versprochen wurde . In diesem Augenblick rauschte es in den Lüften , und gleich darauf stürzte eine schöne Taube herab und blieb hülflos aus dem Steinpflaster liegen . „ Schwerenoth , nehmen denn die Bubenstreiche kein Ende ? “ fluchte Franz , indem er die Treppe herabsprang und das Thierchen aufhob – es war flügellahm geschossen . „ Da guck ’ her , Frau ! “ sagte er zu der Müllerin . „ ’ s ist keine von unseren – ich dachte mir ’ s gleich . ’ s ist ein gottheilloses Volk da drüben . Die schießen der armen Dame ihre Prachttauben nur so vor der Nase weg . Na , ich sollte nur der Herr Kommerzienrat sein ! “ Er schüttelte die Faust . „ Wer ist denn die arme Dame , Franz ? Und wer schießt nach ihren Tauben ? “ fragte Käthe mit großen Augen . „ Er meint Henriette , “ sagte Doktor Bruck . „ Und drüben aus der Spinnerei wird geschossen , “ platzte Franz ingrimmig heraus . „ Wie , die Fabrikarbeiter meines Schwagers ? “ „ Ja , ja , die sein Brod essen , Fräulein . ’ s ist eine Sünde und Schande . Da haben Sie die Bescheerung , Herr Doktor ! Da sehen Sie ja nun , was das für eine Brut ist . Sie wollen bei denen Alles mit Liebe und Güte durchsetzen – ja , da werden Sie weit kommen . Was haben denn solche brave Leute , wie Sie , von der Gutheit ? Lange Nasen macht Ihnen die Gesellschaft . … Die Faust auf ’ s Auge ! ’ runter müssen sie . Das ist meine Meinung – sonst ist kein Aushaltens . “ „ Strikt Herr der Franz geworden ist ! “ sagte sie mit unverkennbarer Ironie . „ Von wem sprechen Sie denn ? Sind Sie nicht selbst aus dem Volke ? Und was waren Sie denn früher in der Schloßmühle ? Ein Arbeiter , wie die Leute dort in der Spinnerei auch , ein Arbeiter , der schweigend manches Unrecht leiden mußte , wie ich sehr genau weiß . “ Dem Müller schoß das Blut in das bestäubte Gesicht . Er stand in sprachloser Verblüfftheit vor der jungen Dame , die ihm so kurz und bündig , so schlagend seinen Standpunkt bezeichnete . „ Na , Fräulein , nichts für ungut ! Es war nicht so böse gemeint , “ sagte er endlich und streckte ihr in unbeholfener Verlegenheit seine breite Hand hin . „ In Wirklichkeit sind Sie auch nicht so schlimm , aber Sie haben Glück gehabt und kehren nun den Schloßmühlenpächter heraus , der Geld in der Tasche hat , “ entgegnete sie und legte einen Augenblick ihre schlanke Hand in die seine , aber die kleine Falte des Unwillens auf ihrer Stirn glättete sich nicht so rasch wieder . Sie zog ein weißes Tuch aus der Tasche , schlug es um die Taube und knüpfte die vier Enden zusammen . „ Ich werde Henrietten den kleinen Invaliden mitbringen , “ sagte sie , das Tuch wie ein Körbchen vorsichtig in die Hand nehmend – es sah aus , wie ein armseliges Reisebündelchen . Der Doktor öffnete eine kleine Seitenthür in der Hofmauer , welche direct in den Park führte , und ließ die junge Dame voranschreiten . Draußen blieb sie wie eingewurzelt stehen . „ Ich finde mich nicht zurecht , “ rief sie fast bestürzt und wandte sich wie hülflos nach ihm um . „ Sieht es doch fast aus , als ob Riesenhände den Park durcheinander geschüttelt hätten . Was tun die Leute dort ? “ Sie zeigte weit hinüber nach einer Erdvertiefung von gewaltigem Umfang , aus der die Köpfe zahlloser Arbeiter auftauchten . „ Sie graben einen Teich ; die Frau Präsidentin liebt die Schwäne auf breitem Wasserspiegel . “ „ Und was baut man da drüben , nach Süden hin ? “ „ Ein Palmenhaus . “ Sie sah nachdenklich vor sich hin . „ Moritz muß sehr reich sein . “ „ Man sagt es . “ Das klang so kühl und objectiv , als vermeide er absichtlich , seinen Antworten auch nur den leisesten Mitklang eigenen Urtheils zu geben . … Er war ein auffallender Mann , dieser Doktor Bruck ; das sah sie jetzt so recht , wie er im rotflutenden Abendlichte neben ihr stand . Es lag etwas von militärischer Strenge und Straffheit in seiner Haltung , während sein schönes , luftgebräuntes Gesicht mit dem weichgelockten Vollbarte nur die Züge sanftgemilderten Ernstes zeigte . Von Gedrücktsein oder Niedergeschlagenheit , die ein Mißgeschick wie das über ihn verhängte meist zur Folge hat , war in der ganzen Erscheinung nicht eine Spur zu finden . „ Ich werde Sie führen , “ sagte er , als sie unschlüssig ihre Augen über das total veränderte Terrain schweifen ließ . Er reichte ihr seinen Arm , und sie legte unbedenklich ihre Hand darauf . So schritt Schwester Flora neben ihm . … wunderlich ! Erst jetzt fiel ihr der Gedanke , daß sie in wenigen Minuten der ihr geistig so weit überlegenen Schwester gegenübertreten sollte , unbeschreiblich bang und schwer auf das Herz . Sie blieb stehen und sagte nach einem tiefen Athemholen befangen lächelnd : „ O ich Hasenfuß ! Ich glaube gar , ich fürchte mich . – Ob ich wohl Flora gleich beim Eintreten begegnen werde ? “ Sie sah , wie ihm das Blut jäh und dunkel in das Gesicht stieg . „ So viel ich weiß , ist sie ausgefahren , “ antwortete er mit bedeckter Stimme , und gleich darauf setzte er , jeder neuen Frage vorbeugend , hinzu : „ Sie werden das ganze Haus heute noch in einer gewissen Aufregung finden – der Fürst hat Moritz vor wenigen Tagen den Adel verliehen . “ Und das sagte er jetzt erst . „ Wofür denn ? “ stieß sie überrascht heraus . “ „ Nun , er hat bedeutende Verdienste um die Hebung der Industrie im Lande , “ versetzte er so rasch und ernstlich , als gelte es , ein ungünstiges Urtheil abzuwenden . Dabei ist Moritz ein Mensch von großer Herzensgüte – er tut sehr viel für die Armen . “ Käthe schüttelte den Kopf . „ Sein Glück macht mir Angst . “ „ Sein Glück ? “ wiederholte er betonend . „ Es kommt darauf an , wie er selbst diese Wechselfälle ansieht . “ „ O , ganz gewiß als etwas Beseligendes , “ antwortete sie entschieden . „ Ich weiß aus seinen Briefen , daß ihm die Erwerbung weltlicher Güter Hauptlebenszweck ist . Seine letzte Zuschrift z. B. war eine geradezu verzückte , weil – mein Erbe sich über alles Erwarten reich herausgestellt hat . “ Er ging schweigend neben ihr her ; dann fragte er mit einem Seitenblicke : „ Und Sie – bleiben denn Sie kalt diesem Reichtume gegenüber ? “ Käthe bog den Kopf mit graziösem Mutwillen vor und sah ihm unter das Gesicht . „ Sie erwarten wahrscheinlich eine sehr gesetzte Antwort von mir großem Mädchen , so ein recht ernstes Ja , aber das kann ich mit dem besten Willen nicht herausbringen . Ich finde es nämlich über die Maßen hübsch , reich zu sein . “ Er lachte leise in sich hinein und fragte nicht weiter . Sie gingen rasch vorwärts und erreichten bald die Lindenallee . Sie war verschont geblieben ; man hatte die lange Bahn bereits mit frischem Kiese bestreut . „ Ach , dort die liebe , altmodische Bekannte steht auch noch , “ rief das junge Mädchen , nach einer fernen Holzbrücke zeigend , die ihren schmucklosen , morschen Bogen über den Fluß schlug . „ Sie führt zu dem Grundstücke am jenseitigen Ufer – “ „ Ja , nach dem Gras- und Obstgarten . Ein hübsches , altes Haus steht drin . Es hat als Wirthschaftsgebäude zu dem ehemaligen Schlosse gehört , ist ganz von Wein umsponnen und hat breite Steinstufen vor der Thür . … Köstlich anheimelnd und still ist ’ s dort . Suse hatte ihren Bleichplatz im Garten ; im Frühlinge war er ganz blau von Veilchen ; dort habe ich stets die ersten gesucht . “ „ Das dürfen Sie auch jetzt noch – die kleine Besitzung ist seit heute Morgen mein Eigentum . “ Er warf einen warmen Blick hinüber . Käthe dankte ihm , sah aber zerstreut und nachdenklich auf die Kiesel nieder , über die sie hinschritten . … Sollte ihre schöne Schwester als junge Frau in dem Hause wohnen ? Flora mit ihren stolzen Geberden , ihren majestätisch nachfließenden Schleppen , Flora Mangold , die Anspruchsvolle , der kein Salon hoch und weit , keine Ausschmückung reich genug sein konnte , in dem einsamen Hause mit den großen , grünen Kachelöfen und den ausgetretenen Dielen ? Wie mußte sie sich geändert haben – um seinetwillen ! Ein fernes Geräusch schreckte sie auf . Sie sah die Villa bereits so nahe vor sich , daß sie die Prachtmuster der Spitzengardinen erkennen konnte . Hinter den Scheiben rührte und regte sich nichts , aber von der Promenade her , die sich vor der jenseitigen , der Hauptfaçade des eleganten Hauses hinzog , kam das Getöse einer heranrollenden Equipage immer näher . Es waren zwei prächtige Pferde , die gleich darauf um die nördliche Hausecke jagten . Geschirr und Wagen funkelten in Silberschmuck und im Glanze der Neuheit . Eine Dame hielt die Zügel in fester Hand ; ihre Gestalt , um die sich dunkelfarbener , pelzverbrämter Sammet schmiegte , saß so leicht und sylphenhaft dort , als schwebe sie über den Polstern . Von ihrer Stirn zurück wehten weiße Federn , und um das classische Gesicht , den unbedeckten Hals , der sich glänzend weiß aus der dunklen Pelzeinfassung hob , flatterten krause , blonde Locken . „ Flora ! Ach , wie wunderschön ist meine Schwester ! “ rief Käthe entusiastisch und streckte unwillkürlich die Rechte nach der Vorüberfliegenden aus , aber weder Flora , noch der Kommerzienrat , der mit verschränkten Armen neben ihr saß , hörten den Zuruf . Die Equipage bog um die entgegengesetzte Ecke , dann hörte man sie drüben vor dem Portale halten . Ein kleiner Kiesel tanzte vorbei – die Stockspitze des Doktors hatte ihn wie im Spiele fortgeschleudert . Jetzt erst fiel es Käthe auf , daß er nicht mehr an ihrer Seite ging ; sie war freilich unter dem hinreißenden Eindrucke vorwärts geeilt . Mit einer lebhaften Geberde wandte sie sich um . Er schritt unbeirrt , noch genau in dem Tempo , wie vorher auch , aber in seiner Haltung erschien er noch stolzer emporgereckt , noch strenger reserviert . Er mußte sie eben beobachtet haben , denn er wandte rasch und fast verlegen seine Augen weg . Mit Mühe verbiß sie ein satirisches Lächeln . Sie wußte , daß sie ihn bei einem vergleichenden Gedanken ertappt hatte , der ungefähr lauten mochte : „ Gott , was für eine vierschrötige Jungfrau neben meiner Elfe ! “ „ Ich bin erstaunt über den sicheren Mut , mit welchem Flora fährt , “ sagte sie , als er wieder neben ihr ging . „ Weit mehr zu bewundern ist die Todesverachtung ihres Begleiters . Es war eine Probefahrt , und der Kommerzienrat hat die jungen Pferde gestern erst gekauft . “ Er war bitter gereizt . Sie hörte das plötzlich in seiner Stimme und schwieg ganz erschrocken . 5. Es fiel kein Wort mehr von beiden Seiten . Sie erreichten bald das Haus und traten durch eine Seitenthür ein , während drüben die Equipage vom Portale wegfuhr . Ein Bedienter berichtete ihnen , daß die Damen und „ der gnädige Herr “ im Wintergarten seien , also in den Appartements der Frau Präsidentin . Käthe hatte ihre ganze heitere Ruhe und Sicherheit wiedergefunden . Sie nahm eine Visitenkarte aus der Brieftasche und reichte sie dem Manne hin . „ Für den Herrn Kommerzienrat , “ sagte sie . „ So steif ? “ fragte Doktor Bruck lächelnd , während der Lakai geräuschlos über den dicken persischen Korridor-Teppich hinschlüpfte und hinter einer Thür verschwand . „ So steif ! “ bestätigte sie ernsthaft . „ Da ist die weiteste Distanz die beste . Ein biederes Hereinpoltern würde mir jedenfalls sehr schlecht bekommen . Ich fürchte nun selbst , ‚ den gnädigen Herrn ‘ mit meiner unzeremoniellen Ankunft sehr in Verlegenheit zu bringen . “ Sie hatte sich nicht geirrt . Der Kommerzienrat kam im förmlichen Sturmschritte aus den Gemächern , mit dem bestürzten Ausrufe : „ Mein Gott , Käthe ! “ stolperte er über die Schwelle . Die Richtung seines Blickes war geradezu lächerlich – er suchte den Kopf der wie vom Himmel fallenden Mündel offenbar um zwei Fuß zu tief – und nun trat sie so hochgewachsen und festen Schrittes auf ihn zu und begrüßte ihn mit einem fast frauenhaft stolzen Kopfneigen : „ Lieber Moritz , sei nicht böse , daß ich der Abrede zuwider handle ! Aber um mich abholen zu lassen , dazu bin ich nun doch schon ein wenig zu groß . “ Er stand wie versteinert vor ihr . „ Recht hast Du , Käthe . Die Zeit , wo ich Dich an der Hand führte , ist vorüber , “ sagte er langsam , gleichsam in dem Anblicke ihres mit Rosenglut überhauchten Gesichts verloren . „ Nun , sei mir tausendmal willkommen ! “ Jetzt erst reichte er auch Bruck begrüßend die Hand . „ Ein Zusammenfinden im Korridor – da muß ich wohl gleich hier vorstellen – “ „ Bemühe Dich nicht , Moritz ! Das habe ich bereits selber besorgt , “ unterbrach ihn das junge Mädchen . „ Der Herr Doktor machte gerade Krankenbesuch bei Suse , als ich in die Mühle kam . “ Das Gesicht des Kommerzienrats verlängerte sich . „ Die Mühle war Dein Absteigequartier ? “ fragte er betreten . „ Aber liebes Kind , die Großmama Urach hat mit der liebenswürdigsten Bereitwilligkeit erklärt , sich Deiner anzunehmen ; mithin verstand es sich von selbst , daß Du Dich ihr sofort vorstelltest ; statt dessen gehst Du zu Deiner alten Flamme , der Jungfer Suse ! Ich bitte Dich , sage das d ’ rin lieber nicht ! “ setzte er hastig flüsternd hinzu . „ Verlangst Du das ernstlich von mir ? “ Die fest klingende Mädchenstimme stach seltsam ab von seinem scheuen Flüstertone . „ Ich kann doch nicht leugnen , wenn die Sache zur Sprache kommen sollte … Auf das Verheimlichen verstehe ich mich wirklich nicht , Moritz “ – sie verstummte für einen Moment , erschrocken über die Feuerglut , die ihm in das Gesicht schoß , dann aber sagte sie resolut : „ Habe ich einen Fehler begangen , so will ich mich auch dazu bekennen ; es wird ja nicht gleich meinen Kopf kosten . “ „ Wenn Du einen gutgemeinten Wink so tragisch nehmen willst , dann habe ich allerdings nichts mehr zu sagen , “ entgegnete er verlegen und ärgerlich zugleich . „ Den Kopf wird es freilich nicht kosten , aber Deine Stellung in meinem Hause erschwerst Du Dir . Uebrigens ganz wie Du willst ! Sieh Du selbst , wie Du Dich mit diesem herben ‚ Geradedurch ‘ in unseren hochfeinen Gesellschaftskreisen zurecht findest ! “ Schon bei den letzten Worten hatte sein Ton mehr scherzhaft als pikiert geklungen . Er ließ sich nun einmal nicht gern die behagliche Stimmung verderben . Er bot ihr galant den Arm und führte sie nach dem ehemaligen Speisezimmer , das neben dem Wintergarten lag und dessen Thür er aufstieß . Das war aber nicht mehr der traute Eßsalon mit seinen altmodischen , behäbigen , roten Saffianmöbeln . Die Wand , die ihn einst vom Wintergarten getrennt , war verschwunden ; an ihrer Stelle trugen schlanke , oben in Rundbogen auslaufende Säulen den Plafond , den der köstlichste Farbenschmuck in maurischem Stil bedeckte . Drunten lief ein niedriges , spitzenklares , vergoldetes Bronzegitter von einer Säule zur anderen – es schied den steingetäfelten Fußboden des maurischen Zimmers von dem weißen Wegsand , dem grünen Flaum kleiner Rasenflecke im Wintergarten . Hinter diesem Gitter grünte und blühte es wonnig ; da dufteten Maiblumen und köstliche Bouquets von Parmaveilchen zu Füßen der mächtigen Drachenbäume , des dunklen Lorbeer und der prachtvollen Dekoration von silbergestreiften , metallisch glänzenden Blattpflanzen . Dieses herrliche Pflanzenbild wurde umrahmt und gleichsam in einzelne Felder getheilt durch eine Art von Blumenornamentik . Um die Säulen rankte sich die Clematis und behing die schlanken Schäfte bis hinauf in das feingebogene Rund mit weißen und lilablauen Blüthen . Zwischen den zwei Säulen , die einen Mittelweg in das Zimmer freiließen , stand Flora . Sie war noch in der Straßentoilette und augenscheinlich im Begriff , das Zimmer zu verlassen . Hoch hinter ihrem federgeschmückten Haupt wölbte der Springbrunnen des Wintergartens seine glitzernde Kuppel . Mit der behandschuhten Rechten hob die schöne Dame das schwere kastanienbraune Sammetkleid , dem das schräg hereinfallende Abendlicht schwachgoldige Reflexe entlockte , ein wenig über den Fuß , die unbedeckte Linke aber legte sich anmutig stützend an die Säule , weiß und zart wie die danebenhängende Clematisblüthe . Beim Eintreten des hochgewachsenen Mädchens öffnete sie zuerst ihre graublauen Augen weit vor Erstaunen , aber auch ebenso rasch kniff sie die Lider zu einem blinzelnd prüfenden Blick zusammen , wobei ein sarkastisches Lächeln um ihre Lippen huschte . „ Nun rathe , Flora , wen ich da bringe ! “ rief der Kommerzienrat . „ Da brauche ich mir nicht lange den Kopf zu zerbrechen – das ist Käthe , die sich allein auf den Weg gemacht hat , “ versetzte sie in ihrer eigenthümlich nachlässigen und doch so überaus bestimmten Art und Weise . „ Wer die alte Sommer gekannt hat , der weiß , daß das stämmige Mädchen da mit dem weiß und roten Apfelgesicht ihre Enkelin sein muß , Augen und Haar aber hat sie frappant wie Clotilde , Deine verstorbene Frau , Moritz . “ Mit einer geschmeidigen Bewegung löste sie sich gleichsam aus dem Blumenrahmen , trat auf die Schwester zu , und den Kopf in den Nacken zurückbiegend , bot sie ihr die Lippen zum Kuß . Ja , das war noch immer die unvergleichlich schöne Flora , aber das langjährige Herrschertum über die Herzen hatte die weibliche Grazie von ihrer Ausdrucksweise genommen . Ebenso nachlässig wie bei dem kühlen Begrüßungskuß nach sechsjähriger Trennung , war ihr Wesen dem mit eingetretenen Doktor gegenüber . „ Grüß Gott , Bruck ! “ sagte sie und reichte ihm die Rechte , aber nicht wie eine Braut , sondern wie ein Kollege dem anderen . Er erfaßte die Hand mit leichtem Druck und ließ es ruhig geschehen , daß sie sofort wieder zurückgezogen wurde . Diese äußere Zurückhaltung zwischen dem Brautpaar schien sich von selbst zu verstehen . Flora wandte unbefangen den Kopf nach dem Wintergarten zurück . „ Großmama , “ rief sie mit lächelndem Spott in ihren geistreichen Zügen , „ unser Goldfisch macht Dir und Deinen Bekannten die Freude , sich vier Wochen früher anstaunen zu lassen . “ Die Präsidentin war bereits bei Flora ’ s ersten Worten hinter einer Kamelliengruppe hervorgetreten . Ohne daß sie es vielleicht selbst wußte , hatte sie die Angekommene mit jener Spannung gemustert , welche die meisten Menschen einem sogenannten Glückskind gegenüber an den Tag legen . Flora ’ s boshaft übermüthiger Zuruf machte diesen Ausdruck sofort verschwinden . Die alte Dame zog unwillig die Brauen zusammen , und ein feines Rot der Verlegenheit flog über ihr bleiches Gesicht hin . „ Ich erinnere mich nicht , ein so auffälliges Interesse gerade für jene Eigenschaft Deiner Schwester gezeigt zu haben , “ sagte sie kühl und mit einem streng verweisenden Blick . „ Wenn ich mich über Käthe ’ s Kommen freue und sie freundlich willkommen heiße , so geschieht das , weil sie meines lieben verstorbenen Mangold Kind und Eure Schwester ist . “ Sie ging mit gehobenen Händen auf Käthe zu , als beabsichtige sie eine Umarmung ; allein diese verbeugte sich so tief und zeremoniell , als stehe sie zum ersten Mal in ihrem Leben vor der stolzen Schwiegermutter ihres Vaters . Ein scharfer Blick hätte in dieser einen Geberde leicht das scheue Zurückweichen vor jeglicher Berührung erkannt , die Präsidentin aber sah darin offenbar nur das Anzeichen eines tiefen Respectes . Sie zog die Hände zurück und hauchte einen Kuß auf die Stirn des jungen Mädchens . „ Bist Du wirklich allein gekommen ? “ fragte sie , ihre Augen suchten unruhig forschend die Thür , als müsse noch irgend eine nicht gerade willkommene Reisebegleitung eintreten . „ Ganz allein . Ich wollte auch einmal selbstständig meine Flügel probieren , und das hat meine Doktorin gern erlaubt . “ Sie strich noch einmal wie unbewußt mit den schlanken Fingern über die Stelle , welche die alte Dame mit ihren kalten Lippen berührt hatte . „ Ei , das glaube ich Dir gern ; das ist ja ganz im Sinne der alten Lukas , “ sagte die Präsidentin mit einem ganz leisen , ironischen Lächeln . „ Sie war ja auch stets sehr selbstständig … Dein guter Papa hatte sie ein ganz klein wenig verzogen , mein Kind . Sie that , was ihr gefiel ; selbstverständlich immer nur das Rechte – “ „ Und das Verständige ; aus dem Grunde mag ihr wohl auch der Papa seine jüngste wilde Hummel anvertraut haben , “ setzte Käthe mit jener heiteren Unbefangenheit hinzu , die ihr ganzes Wesen charakterisierte . Aber gerade dieser Freimut , diese Leichtigkeit und Sicherheit schienen unangenehm zu berühren . Die Präsidentin zog die Schultern leicht empor . „ Dein Papa hat sicher Dein Bestes gewollt , liebe Käthe , und meine Sache ist es nie gewesen , irgend eine seiner Maßregeln zu bemäkeln . Aber er war eine vornehme Natur und hielt streng auf das Dekorum – ob es ihn nun doch nicht einigermaßen in Verlegenheit gebracht hätte , wenn ihm sein heiteres Töchterchen plötzlich so sans gêne , so frank und frei in das Haus geflattert wäre ? “ „ Wer weiß ? “ versetzte Käthe . „ Der Papa würde doch wissen , weß Geistes Kind diese Tochter ist “ – ein mutwilliger Strahl blitzte aus ihren braunen Augen – „ Müllerblut , das schlägt sich tapfer und wohlgemut durch die Welt , Frau Präsidentin . “ Der Kommerzienrat räusperte sich und strich eifrig seinen schönen Lippenbart , während die Präsidentin so betreten aussah , als habe unvermutet ein allzukräftiger Luftzug ihr vornehmes Gesicht angeblasen , Flora aber brach in ein helles Gelächter aus . „ Kind Gottes , Du bist kostbar naiv , “ rief sie , die Hände zusammenschlagend . „ Ja , ja : ‚ Das Wandern ist des Müllers Lust , das Wandern , ‘ “ recitierte sie . „ Mit einer solchen Aeußerung müßte unser Jüngstes nächstens in Moritzens großer Soirée debütieren , Großmama ; da würden sie die Ohren spitzen ! “ Sie blinzelte die alte Dame schadenfroh an , die jedoch ihr Gleichgewicht schon wieder gefunden hatte . „ Ich vertraue dem angeborenen Tact Deiner Schwester , mein Kind , “ sagte sie , ihre Hand nebenbei nun auch dem Doktor zur Begrüßung hinstreckend . Dazu lächelte sie mit jenem feinen Zusammenziehen der Lippen , das nur einen Schein der Zahnspitzen sehen ließ und von welchem man nie wußte , ob es süß oder sauer war . „ Tact , Tact – der wird viel helfen , “ wiederholte Flora , den Kopf spöttisch wiegend . „ Die Müllerreminiszenz ist ihr genau ebenso angeboren . Die gute Lukas hat es eben nicht verstanden , ihr ein wenig Weltklugheit einzupauken – da fehlt ’ s. Uebrigens bin ich wirklich froh , daß Du allein gekommen bist , Käthe ; ich hoffe , es wird sich so besser mit Dir leben lassen , als wenn Du am Rock Deiner alten hausbackenen Gouvernante hängst . “ Käthe hatte das Barett abgenommen ; die schwüle Blumenluft trieb ihr das Blut heiß in die Wangen . Jetzt , mit der dicken , goldbraunen Haarflechte über der Stirn , sah sie noch größer aus . „ Hausbacken ? Meine Doktorin ? “ rief sie lebhaft . „ Eine poesievollere Frau läßt sich nicht denken . “ „ Ei , was Du sagst ! Sie schwärmt wohl den Mond an , schreibt empfindsame Verse ab , etc. Oder dichtet sie gar selbst ? Wie ? “ Das junge Mädchen richtete die glänzenden Augen mit klugem Blicke auf das Gesicht der Spötterin . „ Verse nicht , aber die Manuscripte ihres Mannes schreibt sie ab , weil die Setzer der medicinischen Zeitschrift seine wunderlichen Krakelfüße absolut nicht entziffern können , “ sagte sie nach einem kurzen Moment schweigender Prüfung . „ Sie schreibt auch keine eigenen Verse oder Novellen – dazu fehlt ihr die Zeit , und doch dichtet sie . … Ach , Du lächelst noch genau so wie früher , Flora , so tief und so scharf in den Mundwinkeln , aber das Spottlächeln scheucht mich nicht mehr in die Ecken ; ich habe eine streitbare Ader und behaupte weiter : Sie dichtet doch in der Art und Weise , wie sie das Leben nimmt und ihm stets eine Seite abzugewinnen weiß , von der ein verklärendes Licht ausgeht , wie sie ihr einfaches Heim ausschmückt – aus jedem Eckchen guckt ein schöner Gedanke – und wie sie es unsäglich gemüthlich und doch ästhetisch anregend für ihren braven Mann und mich alten Kindskopf und die wenigen auserwählten Freunde des Hauses zu erhalten versteht . “ In diesem Augenblicke flog ein ganzer Regen von frischen Veilchen gegen die Brust des jungen Mädchens und rieselte auf den Fußboden nieder , „ Bravo , Käthe ! “ rief Henriette . Sie stand im Wintergarten , dicht am Gitter , und preßte die bleichen Hände auf ihre heftig atmende Brust . „ Ich möchte Dir gleich um den Hals fliegen , aber – sieh mich doch an ! – müßte das nicht zum Totlachen sein ? Du , so kerngesund an Leib und Seele , und ich – “ ihre Stimme versagte . Käthe warf das Barett , das sie noch in der Linken hielt , von sich und flog zu ihr . Sie umschlang zärtlich die schwache Gestalt , aber die Thränen des Erbarmens und die Betroffenheit darüber , daß das Gesicht der Schwester „ so entsetzlich abgemagert “ , wurden weislich unterdrückt . Flora biß sich auf die Lippen . „ Das Jüngste “ war nicht nur imposant an Leibesgestalt geworden , es hatte auch in den hellen Augen und auf den Lippen den seltenen Freimut innerer Unabhängigkeit , der manchmal so unbequem werden kann . Ihr kam plötzlich die dunkle Ahnung , als trete mit dem kraftvollen Mädchen dort eine schattenwerfende Gestalt in ihr Leben . … Sie nahm hastig den Hut ab und fuhr mit beiden Händen auflockernd durch die zerdrückten Scheitellöckchen . „ Hast Du das poetische Reisebündelchen da wirklich von Dresden mitgebracht ? “ fragte sie trocken , mit einem blinzelnden Seitenblicke nach dem zusammengeknüpften weißen Tuche am Arme der Angekommenen . Das junge Mädchen löste die verschlungenen Enden und reichte Henriette die Taube hin . „ Ein kleiner Patient , der Dir gehört , “ sagte sie . „ Das arme Ding ist flügellahm geschossen . Es fiel im Schloßmühlenhofe auf das Pflaster . Da war bereits die Einkehr in der Mühle verrathen , allein die Präsidentin schien die letzten Worte ganz zu überhören ; sie zeigte tief empört auf das verwundete Thierchen und sagte , nach dem Kommerzienrate zurückgewendet , mit strafendem Vorwurfe : „ Das ist nun die vierte , Moritz . “ „ Und noch dazu mein Liebling , mein Silberköpfchen ! “ rief Henriette und wischte sich eine Thräne des Schmerzes und der Erbitterung von den Wimpern . Der Kommerzienrat war ganz blaß vor Schreck und Aerger . „ Liebe Großmama , ich bitte Sie dringend , machen Sie mir daraus keinen Vorwurf mehr ! “ rief er fast heftig . „ Ich tue , was möglich ist , um diesen bodenlosen Nichtswürdigkeiten auf die Spur zu kommen und sie zu verhindern , aber der Thäter versteckt sich hinter der Phalanx von zweihundert erbitterten Menschen “ – er zuckte die Achseln – „ da läßt sich gar nichts tun . Ich habe auch deshalb Henriette wiederholt gebeten , ihre Tauben einzuschließen , bis die Aufregung vorüber ist . “ „ Also wir werden in der That die Nachgebenden sein müssen ? Es wird immer besser , “ sagte die alte Dame sehr anzüglich ; sie zog