Schleier über die Hutkrempe zurückschlug und sich verbeugte . Die kleinen braunen Augen des alten Herrn richteten sich scharf auf ihr Gesicht . » Du weißt ja , mein lieber Raoul , « versetzte er langsam und bedächtig , ohne den Blick von der Errötenden wegzuwenden , » daß ich die junge Dame nicht als deine Frau begrüßen kann , bevor unsere Kirche die Ehe sanktioniert hat . « » Mit nichten , Onkel ! « fuhr Mainau auf . » Ich erfahre erst in diesem Augenblicke , bis zu welcher haarsträubenden Rücksichtslosigkeit deine Bigotterie sich steigern kann , sonst würde ich wohl einer solchen Auslassung vorzubeugen gewußt haben . « » Ta , ta , ta – nicht ereifern , bester Raoul ! Das sind Glaubenssachen , und darüber streiten wohl noble Naturen nicht , « sagte der Hofmarschall begütigend – es war nicht zu verkennen , der schwächliche Mann mit dem geistreichen Gesichte hatte Furcht vor der drohenden Stimme des Neffen . » Einstweilen heiße ich Sie als Gräfin Trachenberg willkommen – Sie tragen einen vortrefflichen Namen , « wandte er sich an Liane . Er reichte ihr seine Rechte begrüßend hin – sie zögerte , ihre Hand zwischen diese bleichen , schmalen , etwas verkrümmten Finger zu legen ; ein zorniger Schrecken zitterte in ihr nach . Sie hatte gewußt , daß die Ehe noch einmal , am selben Tage , nach katholischen Ritus eingesegnet werden solle – die Mainaus waren Katholiken – , aber daß man die in Rudisdorf vollzogene protestantische Trauung für so vollkommen null und nichtig in diesem Hause erklärte , das traf sie wie ein niederschmetternder Schlag . Der alte Baron that , als bemerke er ihr Zögern nicht , und ergriff statt ihrer Hand die Spitze ihrer niederhängenden Flechten . » Sie da , wie hübsch ! « sagte er galant . » Ihr alter erlauchter Name braucht nicht genannt zu werden , sein untrügliches Wahrzeichen wird Sie überall einführen – das hat geleuchtet schon in den Kreuzzügen ! ... Nicht immer ist die Natur so zuvorkommend , den Stempel der Geschlechter in allen Generationen festzuhalten , wie bei der dicken Unterlippe der Habsburger und dem Trachenberger Rothaar . « – Er lächelte so verbindlich , wie man nur lächeln kann nach einer wohlgemeint ausgesprochenen Liebenswürdigkeit . Freund Rüdiger kämpfte mit einem Hüsteln , und Mainau wandte sich hastig nach dem nächsten Fenster . Da stand der kleine Leo , regungslos und starren Auges die neue Mama musternd ; die reizende Knabengestalt lehnte nachlässig an dem riesigen Körper eines Leonberger Hundes , und die Rechte mit der berühmten Gerte hing über den Rücken des Tieres hinab – es war eine Gruppe , wie für den Pinsel oder Meißel hingestellt . » Leo , begrüße die liebe Mama , « befahl Mainau in unverkennbar aufgeregtem Tone . Liane wartete nicht , bis der Knabe zu ihr kam . In dieser entsetzlichen Umgebung leuchtete ihr das schöne Kindergesicht , ungeachtet seines feindselig trotzigen Blickes , wie ein tröstender Lichtschein entgegen . Sie trat rasch hinüber . Das zarte Antlitz mit dem blumenweißen Teint bog sich über den Knaben und ein würziger Atem berührte seine Lippen . » Willst du mich ein wenig lieb haben , Leo ? « flüsterte sie – das klang flehend , und in ihrer Stimme klopfte es wie ein leises Schluchzen . Die großen Augen des Kindes verloren den festen Blick . Aengstlich erstaunt fuhren sie über das Gesicht der neuen Mutter hin – da fiel polternd die Gerte zur Erde , und plötzlich schlangen sich zwei Kinderarme festpressend um den Nacken der jungen Frau . » Ja , Mama , ich will dich lieb haben ! « versicherte der Kleine in dem ihm eigenen derb aufrichtigen Tone . Er sah neben ihrer Schulter hinweg nach seinem Vater . » Es ist ja gar nicht wahr , Papa , « sagte er fast brummig , » sie ist keine Hopfenstange , und ihre Zöpfe sind lange nicht so schlimm , wie bei unserem – « » Leo – vorlauter Bursch ! « schnitt Mainau die weiteren Auslassungen des Kindes ab . Er war sichtlich beschämt und in der peinlichsten Verlegenheit , während um die Lippen und Augen des alten Herrn ein verhaltenes Lachen zuckte . Herr von Rüdiger verfiel abermals in einen heftigen Hustenanfall . » Mein Gott , was hat denn der arme Sünder da verbrochen ? « unterbrach er plötzlich sein diplomatisches Manöver – er zeigte nach einer der dunkelsten Zimmerecken ; dort kniete Gabriel mit gesenktem Kopfe vor einem Stuhle ; die Hände lagen gefaltet auf einem dicken Buche . » Mosje Leo ist unfolgsam gewesen ; ich kann den widerhaarigen Burschen nicht empfindlicher züchtigen , als wenn ich Gabriel für ihn büßen lasse , « sagte der Onkel gelassen . » Was – sind denn in Schönwerth die Prügelknaben wieder Mode geworden ? « » Wollte Gott , sie wären nie aus der Mode gekommen ! Dann stünde es besser um uns alle , « versetzte der Hofmarschall schneidend . » Steh auf , Gabriel ! « befahl Mainau , seinem Onkel den Rücken wendend . Der Knabe erhob sich , und Mainau nahm mit einem sarkastischen Lächeln das dickleibige Legendenbuch auf , aus welchem der arme Sündenbock allem Anscheine nach hatte vorlesen müssen . Mitten in diese peinliche Szene hinein trat der Haushofmeister . Er trug eine Platte voll Erfrischungen . So tief gereizt war alte Herr in diesem Momente auch sein mochte , er richtete doch sofort seine Augen scharf musternd auf den reichbesetzten Silberteller , den ihm der Haushofmeister auf seinen Wink hinhielt . » Ich werde dem hirnlosen Verschwender drunten in der Küche wohl einmal das Handwerk legen müssen , « murmelte er ingrimmig . » Solche Berge des teuersten Fruchteises ! ... Ist er verrückt ? « » Der junge Herr Baron haben so befohlen , « beeilte sich der Haushofmeister leise zu sagen . » Was gibt ' s ? « fragte Mainau ; er warf den Folianten auf den Stuhl und trat mit finster gefalteter Stirn näher heran . » Nichts von Belang , mein Freund , « begütigte der Onkel mit einem scheuen Seitenblick – er war erschrocken und so rot geworden wie ein junges Mädchen , das man bei einem oft gerügten Fehler ertappt . » Bitte , liebe Gräfin , legen Sie doch endlich einmal den Hut ab , « sagte er zu der jungen Frau , » und essen Sie ein wenig von diesem Ananaseise ! – Sie werden der Erquickung bedürfen nach der heißen Fahrt . « Liane strich liebkosend mit der Hand über den Lockenkopf des kleinen Leo und küßte abschiednehmend seine Stirn . » Ich muß danken , Herr Hofmarschall , « versetzte sie sehr ruhig . » Sie verweigern mir vorläufig die Stellung der Hausfrau und den Namen Mainau – die Gräfin Trachenberg aber kann unmöglich dem Anstand und der guten Sitte ins Gesicht schlagen , indem sie ohne weiblichen Schutz in einem fremden Hause in Herrengesellschaft verbleibt . Darf ich bitten , daß man mir ein Zimmer anweist , in welches ich mich bis zu der Zeremonie zurückziehen kann ? « Vielleicht war der alte Herr mit dem impertinenten Diplomatengesicht noch niemals so energisch zurechtgewiesen worden , oder er hatte in der überaus einfach gekleideten Mädchengestalt , unter dem das jugendliche Antlitz halb verdeckenden grauen Schleier die Schüchternheit und das Gedrücktsein der finanziellen Verarmung notwendig vorausgesetzt – genug , seine Augen öffneten sich weit , und der sonst unleugbar geistvolle Ausdruck seiner Züge wich einer nichts weniger als schlagfertigen Verblüfftheit ... Herr von Rüdiger rieb sich hinter seinem Rücken schadenfroh die Hände , Mainau aber fuhr in sprachloser Ueberraschung herum – hatte wirklich » das bescheidene Mägdlein mit dem furchtsamen Charakter « gesprochen ? » Eh – wir sind sehr empfindlich , meine kleine Gräfin , « sagte der Onkel nach einem verlegenen Räuspern . Mainau trat an die Seite seiner jungen Frau . » Du bist sehr im Irrtume , Juliane , wenn du meinst , deine Rechte als Hausfrau könnten dir in Schönwerth auch nur um ein kleines Bruchteil verkümmert werden , « sagte er mit verhaltener Stimme – er kämpfte schwer mit seinem hervorbrechenden Ingrimme . » Für mich ist die Rudisdorfer Trauung vollkommen rechtskräftig – sie gibt dir für immer meinen Namen , und wie man hier in diesen vier Wänden darüber denkt , das darf dich nicht anfechten ... Erlaube mir , dich in deine Appartements zu führen . « Er reichte ihr den Arm und ohne den alten Herrn weiter zu begrüßen , führte er sie hinaus . Während sie die Spiegelgalerie wieder durchschritten , sprach er kein Wort ; auf der Treppe aber blieb er einen Moment stehen . » Du bist beleidigt worden , und das trifft meinen Stolz genau so empfindlich wie den deinen , « hob er viel ruhiger an , als er droben gesprochen . » Aber ich gebe dir zu bedenken , daß meine erste Frau die Tochter jenes kranken Mannes , sein einziges Kind gewesen ist . Die zweite Frau muß es sich stets gefallen lassen , ein Gegenstand schmerzlicher Eifersucht für die Verwandten der Verstorbenen zu sein ... Ich muß dich bitten , auszuharren , bis die Macht der Gewohnheit wirkt ... Schönwerth zu verlassen und mit dir auf einem meiner anderen Güter zu leben , vermag ich nicht – es handelt sich hauptsächlich darum , Leo unter mütterliche Aufsicht zu bringen ; der Kleine aber muß hier bleiben – ich darf dem Großvater den einzigen Enkel nicht nehmen . « Liane stieg schweigend die Stufen weiter hinab ; es war ihr fast unmöglich , zu diesem grausamen Egoisten zu sprechen , der sie an sich gefesselt , um sie völlig unvorbereitet den widerwärtigsten Verhältnissen gegenüberzustellen . » Sie werden begreifen , daß ich keinen anderen Wunsch habe , als den , wieder da hinausgehen zu dürfen , « versetzte sie endlich und zeigte nach der sonnigen Landschaft durch das offene Thor , an welchem sie eben vorüberschritten . » Wäre nicht der Gedanke , daß ich mit meiner sofortigen Heimkehr nach Rudisdorf selbst die bindende Kraft meiner Kirche verneinte – « » Es sollte dir auch einigermaßen schwer werden , einen solchen Schritt auszuführen , « unterbrach er sie eiskalt , indem er einen langen Säulengang im Erdgeschosse mit ihr durchmaß . » Ich brauche dich wohl nicht erst zu versichern , daß ich mich nicht so ohne weiteres kompromittieren lasse ... Hm , ja – Trauung und Trennung so eng beieinander ! Das wäre wieder einmal so etwas für die guten Leute , die sich vor meinen › Bizarrerien und Extravaganzen ‹ fromm bekreuzigen ... Ich bin stets herzlich gern bereit , ihnen Stoff zu liefern – warum denn nicht ? Diesmal aber verzichte ich auf den Skandal . « Er ließ ihren Arm von dem seinen niedergleiten und öffnete die Thür . » Hier deine Appartements – siehe zu , wie du sie deinen Bedürfnissen und Neigungen unterthan machst ! Jeder deiner Wünsche , bezüglich einer Veränderung , wird selbstverständlich ohne Widerrede erfüllt werden . « Er trat nach ihr ein und ließ den Blick durch die mit übermäßigem Luxus ausgestattete Zimmerreihe gleiten – ein böses Gemisch von Hohn und Groll lag in dem finstern Lächeln , das über sein schönes Gesicht huschte . » Valerie hat sie bewohnt – aber fürchte dich nicht , « sagte er , in den frivolen , persiflierenden Ton verfallend , vor welchem » die Damen wie die Lämmer zitterten « – » ihre Seele war luftig und flatternd , als sei auch sie nur aus den kostbaren echten Spitzen zusammengewoben , in die sie ihren verwöhnten Körper zu hüllen liebte . Zudem trug sie die untrüglichen Engelsflügel einer strengen Frömmigkeit – sie ist im Himmel . « Er schellte der Kammerjungfer und stellte sie der neuen Herrin vor . Dann machte er Liane darauf aufmerksam , daß er sie nach einer Stunde zur Trauung abholen werde , und ehe sie noch ein Wort erwidern konnte , hatte er das Zimmer verlassen . Zugleich schlüpfte die Zofe durch die entgegengesetzte Thür , um im Ankleidezimmer alles zur Toilette vorzubereiten . 6. Da stand die junge Dame allein , inmitten einer wildfremden Umgebung . Im ersten Augenblicke gab sie dem Gefühle einer fast sinnlosen Angst nach – sie lief durch die Gemächer und griff auf jedes Thürschloß ; nein , sie war nicht gefangen , selbst die ins Freie führende Glasthür des einen Salons flog sofort unter dem Drucke ihrer Hand auf , und nichts hinderte sie , das Haus flüchtend zu verlassen ... Flüchten ? War sie denn nicht freiwillig hierhergekommen ? Hatte es nicht doch einzig und allein in ihrer Hand gelegen , nein zu sagen , trotz der grimmig drohenden Blicke der Mutter und der Bitten der Geschwister ? ... Sie hatte sich stumpfsinnig einem furchtbaren Irrtume hingegeben , und an diesem Irrtume trug ihr Institutsleben die Schuld . Die meisten ihrer Mitschülerinnen , Töchter der ältesten Adelsfamilien , hatten schon nicht mehr über ihre Hand zu verfügen gehabt ; sie waren durch Uebereinkommen der Eltern versprochen gewesen und waren fast alle vom Institute aus durch einen sehr kurzen , erklärten Brautstand in die Ehe gegangen , ja , eine derselben , eine schöne junge Dame , von welcher Liane wußte , daß sie eine tiefe Liebe zu einem Bürgerlichen im Herzen trug , hatte sich , ohne ein Wort des Widerspruchs , mit einem alternden Standesherrn verheiratet ... Unter dem Einfluß dieser Erfahrungen und Anschauungen und bestärkt durch Mutter und Geschwister , hatte sie gewähnt , daß dazu gar kein besonderer Entschluß gehöre – vielmehr ergebe er sich von selbst aus den gebotenen Verhältnissen . Magnus und Ulrike hatten sie retten wollen aus der Hölle daheim , und sie hatte sich retten lassen – nicht das mindeste Recht stand ihr zu , Mainau anzuklagen , daß er sie betrogen habe . Sie brachte ja auch nichts mit , als den guten Willen , treulich den neuen Pflichten zu leben . Wie fielen ihr jetzt die Schuppen von den Augen ! Sie war für immer losgetrennt von denen , die sie liebte , und hatte nicht die geringste Hoffnung , für dieses Aufgeben je entschädigt zu werden ; ja , sie mußte sich auf eine Art Gefrierpunkt dem Manne gegenüberstellen , an den sie zeitlebens gekettet war , der ihr keine Liebe geben konnte und nichts weniger wünschte , als von ihr geliebt zu werden ... Ein ganzes langes Leben in der Fremde ohne das Gefühl , einwurzeln zu dürfen durch gegenseitige Sympathie ! ... Sie warf einen Blick nach oben – er blieb in Wolken von strahlend blauem Atlas hängen . Jetzt erst sah sie , daß dieser glänzende Stoff sie umriesele , als schwimme sie im Aether ... Nach der bitteren Ironie , mit welcher Mainau von ihr gesprochen , mochte die Frau , die hier gewohnt , wohl ein eigensinniges Köpfchen gewesen sein , ein verzogenes Kind , das in übler Laune mit den kleinen Füßen stampfte und den zarten , verwöhnten Körper rücksichtslos hintenüberwarf , und das konnte sie hier ungestraft – unter den Füßen schwoll ein zolldicker , mit blauen Cyanen bestreuter Teppich , und in dem ganzen kleinen , üppigen Boudoir war nicht eine harte Holzkante zu sehen – Polster und weicher , gleißender Atlas , wohin man sah ! ... Liane öffnete ein Fenster – diese Verstorbene mußte sich in Jasminduft förmlich gebadet haben ; er füllte betäubend die Luft und entströmte selbst den Gardinen und Wandbehängen . Zog nicht in diesem Augenblicke , wo die zweite Frau mit dem eigenmächtigen Oeffnen des Fensters gleichsam von diesen Räumen Besitz ergriff , » die flatternde , aus Spitzen gewobene Seele « , die auf den Engelsflügeln strenger Frömmigkeit in den Himmel zurückgekehrt sein sollte , zürnend und aufseufzend droben am Plafond hin ? Wie ein Hauch , und doch bestimmt , hatte der weiche Klagelaut einer Frauenstimme Lianens Ohr berührt . Sie blieb mit zurückgehaltenem Atem stehen und horchte . Da trat das Kammermädchen ein , um zu melden , daß zur Toilette alles vorgerichtet sei . » Was ist das ? « fragte die junge Dame – sie war im Begriff , über die Schwelle des Nebenzimmers zu gehen , als jener eigenthümliche Klang wieder durch das Zimmer schwebte – diesmal kam er unbestritten durch das Fenster . » Da drüben in dem Baume hängen Windharfen , gnädige Frau , « versetzte das Mädchen . Sie sah hinüber und schüttelte den Kopf . » Aber es rührt sich ja kein Lüftchen ! « » Vielleicht kommt es von dorther , wo die Frau seit vielen Jahren krank liegt , « meinte sie und zeigte nach dem fern vorüberlaufenden Drahtgitter , hinter welchem ein rötlich blinkender Obelisk in die Lüfte stieg . » Ich weiß es nicht – ich bin selbst erst seit acht Tagen in Schönwerth ... Die Leute kümmern sich nicht darum , und in der Küche sagten sie nur , sie hätte das Gnadenbrot im Hause – schrecklich – sie soll nicht einmal getauft sein ... Hinter das Gitter traue ich mich nicht – ich fürchte mich vor dem großen , türkischen Ochsen , und die Bäume wimmeln von Affen – greuliche Tiere - puh ! « Liane ging schweigend in das Nebenzimmer und überließ sich den flinken Händen der Redseligen . Diesmal rauschte und klirrte der Silberstoff um die bräutliche Gestalt her , und als sie nach einer halben Stunde im blauen Boudoir Mainau entgegentrat , da fuhr er sichtlich zurück ... Die » Hopfenstange « verstand es , die Silberschleppe zu tragen , die » Hopfenstange « hatte Schultern und Arme von so unvergleichlicher Schönheit , daß nur völliger Mangel an Koketterie und ein keusches , ernstes Denken diese Vorzüge bisher achtlos unter verhüllenden Stoffen hatten verbergen mögen ... Ein Orangenblütenkranz lag in dem hochaufschwellenden , vielverhöhnten Rothaar – es hob sich in wuchtiger Pracht , wie mit goldfunkelndem Tau überhaucht , von den blauglänzenden Wänden des Zimmers . » Ich danke dir , Juliane , daß du deine Vorliebe für ein bescheidenes Auftreten so taktvoll unterdrückst und in meinem Hause erscheinst , wie es deine Stellung nun einmal verlangt , « sagte er freundlich , wenn auch ohne Betroffenheit im Ton . Sie hob die dunkelblonden Wimpern – das waren keine blassen Veilchenaugen à la Lavallière – ein Paar großer , dunkelgrauer Augensterne voll Klugheit , aber auch voll finsteren Ernstes sahen ihn fest an . » Denken Sie nicht zu gut von mir ! « versetzte sie gelassen – noch brachte sie das » Du « , das ihm so geläufig war , nicht über ihre Lippen . » Nicht aus Bescheidenheit bin ich in Rudisdorf einfach an den Altar getreten – nennen Sie es Stolz , Hochmut , wie Sie wollen ... Ich weiß recht gut , daß verschiedene Frauen in der Rudisdorfer Marmorgalerie den Hermelin um Schultern und Schleppe tragen – ich habe auch ein Anrecht daran und werde es zu behaupten wissen ... Gerade deshalb mochte ich diese geschenkte Pracht hier , « sie strich mit der Hand über die steife Robe , » nicht an mir leiden und durch mein Vaterhaus schleifen , von welchem uns augenblicklich kein Stein gehört . Ich meinte , das Geräusch müsse alle die Trachenberger aufwecken , die unter dem Altar in der Gruft schlafen – und ihnen ist gerade jetzt der Schlaf zu gönnen ... Hier repräsentiere ich Ihren Namen und dazu gehört das Geschenk . « Er biß sich auf die Lippen . Etwas wie eine unliebsame , zornige Ueberraschung lag in dem Blicke , der bald an dem zarten , ruhig sprechenden Munde hing , bald sich in die unerschrockenen Augen bohrte , die nicht zurückwichen . » Nun , die Trachenberger dürften getrost aufwachen , « sagte er sarkastisch . » Ihr weltbekannter Familienstolz lebt ja fort und weiß sehr energisch aufzutreten , und das hätte sie über die leeren Truhen – die du soeben betontest – sicher getröstet . « Sie schwieg und trat langsam und majestätisch über die Schwelle der Thür , die er mit einer fast ironisch tiefen Verbeugung öffnete ... Wie er so an ihrer Seite dahinschritt , war er ein vollkommen anderer , als der frivole Weltmann , der die in Rudisdorf mit einer so graziösen Leichtigkeit , als gehe es zur Tafel , an den Altar geführt – er war ein anderer , als der kühne Bändiger der wildjagenden Rosse , der bei der Begegnung im Walde , strahlend vor Triumph , der bleichen , dahinfließenden Fürstin nachgesehen hatte – in diesem Augenblicke kämpfte er denselben Kampf , den seine junge Frau eben durchgemacht ; er bereute tief und sichtlich den Schritt , den er im Vertrauen auf die Beteuerungen der Gräfin Trachenberg gewagt – sie hatte ihm ja fälschlicherweise eine Frau versprochen , » die er um den Finger wickeln könnte « ... Noch war es Zeit , noch hatte seine Kirche das ewig bindende Wort nicht gesprochen , das jede Scheidung verneint – das Rauschen der langen , schweren Schleppe verstummte plötzlich ; die junge Dame zögerte , den Fuß weiterzusetzen ; sie hob die Hand , die auf seinem Arme lag – notgedrungen hielt er den Schritt an und wandte befremdet das so nachdenklich gewordene Gesicht nach ihr ; ein einziges Hinstreifen seiner Augen über ihr tieferblaßtes Antlitz mochte ihn belehren , was in ihr vorging – mit einem ausdrucksvoll spöttischen Lächeln empfing er die niedergleitende Hand , legte sie wieder auf den Arm , wo er sie augenblicklich festhielt , und schritt weiter durch das Spalier , das die festlich geschmückten Schloßleute vor der gewaltigen , erzenen Kirchenthür bildeten ... Nun denn – er war trotzalledem entschlossen , und sie ging mit ihm ; aber nicht wie ein in sein Schicksal ergebenes Opferlamm – die stolze Prinzessin Großmutter in der Ahnengalerie hätte sicher nichts auszusetzen gewußt an den majestätischen Gebärden der Enkelin , an dem verschlossenen ruhigen Gesicht , das nicht im entferntesten auf das beschleunigte Klopfen eines erregten Herzens schließen ließ . Mit welchem Glanz wurde hier der Betrug in Szene gesetzt ! Ein Silberreichtum , wie ihn Liane selbst in Rudisdorf , in den versunkenen Zeiten der Pracht nie gesehen , umringte und bedeckte den Altar , Hunderte von Flammen auf mattblinkenden Armen emportragend , und die Orangerie , die der alte kranke Mann zur Begrüßung der einziehenden neuen Herrin verweigert hatte , hier dunkelte und duftete sie zu Ehren der heiligen Handlung – ein wahrer Wald breitästiger , mit Blüten bedeckter Bäume . Durchzuckt von den bleichen Lichtflammen und dem goldenglühenden Strahl der hereinfallenden Abendsonne , wogten erstickende Weihrauchwolken in dem säulengetragenen Raume ; wie durch einen Nebel sah Liane die Köpfe vieler Anwesenden aus den Betstühlen auftauchen , sah seitwärts die rotseidene Steppdecke leuchte , auf welcher die blassen Hände des Hofmarschalls gefaltet lagen , und das prächtige Meßgewand des Priesters von den Stufen des Altars herabflimmern . Hoch und gebietend stand er droben – sie erschrak , als sie vor ihn hintrat – von dem Gesicht dieses Mannes ging es aus wie ein Feuerstrom ; ein seltsam glimmender , tief befremdeter Blick tauchte in ihre großaufgeschlagenen Augen ; erst auf ihr scheues Zurückweichen hin wandte er sich zögernd gen Himmel , und nun tönte eine prachtvolle , erschütternde Stimme über ihrem Haupte hin und sprach von der Liebe und Hingebung für immer und ewig – welch ein Frevel ! ... Die schlichten Worte des Geistlichen in Rudisdorf hatten sie ruhig gelassen – erst diese glühende Beredsamkeit warf ein blendendes Licht auf den Hohn und die schwarze Lüge , unter welcher dieser Bund geschlossen wurde ; sie machte jedes Wort zu einer Dolchspitze , zu einem Spottpfeil . – Die junge Frau zitterte vor diesem Priester , dessen zündende Augen nicht von ihr wichen , und – sie wußte selbst nicht weshalb – ihre Hände griffen plötzlich nach dem über den Rücken hinabfallenden Schleier und zogen ihn verhüllend über Busen und Arme . Und dieser Tag , der schwerste und verhängnisvollste ihres ganzen Lebens , er neigte sich endlich auch ; es kam der heißersehnte Moment , wo sie die nach dem Säulengange führende Hauptthür ihrer Gemächer schließen durfte , die sie von allen Bewohnern des Schlosses schied . Sie schickte das harrende Kammermädchen fort , entledigte sich selbst der Brauttoilette und warf einen weißen Schlafrock über . Ruhen konnte sie noch nicht ; sie mußte , so einsam in der Fremde und gequält von schmerzlichem Heimweh , irgend einen mitgebrachten Gegenstand aus der Heimat sehen und berühren ... Mit hastigen Händen öffnete sie einen kleinen Koffer , den man auf ihren Wunsch in den Salon gestellt hatte . Ein Heft mit lateinischen Aufsätzen von ihrer Hand lag obenauf – unwillkürlich zuckte sie empor und warf einen scheuen Blick auf das große Oelbild , das ihr gegenüber hing – ja , das war er , der schöne Mann mit dem Rätselgesicht , das in so jähem Wechsel Feuer und tödliche Kälte , seelenvolle Güte und den beißendsten , verwundenden Spott widerspiegelte ! Ihr graute vor diesen Widersprüchen . Sie rollte hastig das Manuskript zusammen ; nicht einmal diese gemalten Augen durften das Geschriebene sehen . » Mainau wird dir deinen Gelehrtenkram schon austreiben ! « hatte die Gräfin Trachenberg gesagt , und heute abend bei der Tafel hatte er infolge einer lebhaften Debatte über die Frauenemanzipation mit dem ausgesprochensten Abscheu in allen Gebärden geäußert , er wisse nicht , welche Frau er mehr verurteilen solle , diejenige , die aus Eitelkeit und Vergnügungssucht eine schlechte Mutter sei , oder den Blaustrumpf , der seine Kinder aus dem Zimmer jage , um Verse oder gelehrte Aufsätze machen zu können – ein Tintenklecks an einer Frauenhand sei ihm widerwärtiger als ein häßliches Mal . Sie trat an den Schreibtisch , um alle Zeugen ihrer bisherigen geistigen Thätigkeit hineinzuflüchten – er war von Rosenholz , das zierlichste Gebild , das je aus kunstreicher Hand hervorgegangen . Welchen Gedanken hatte wohl » die luftige , flatternde Seele « hier nachgehangen ? ... Der Aufsatz des Tisches wurde beinahe erdrückt durch Nippesfiguren und Gruppen , die fast alle einer mehr oder minder frivolen , ja anstößigen Idee entsprungen waren – wie hatte sich das mit der strengen Frömmigkeit vertragen ? ... Liane zog mit Anstrengung ein Fach auf – es war bis an den Rand gefüllt mit Geldrollen – offenbar ihr stipuliertes Nadelgeld . Erschrocken stieß sie den Kasten wieder zurück und drehte den Schlüssel um – das Geld war begraben . Diese Entdeckung und die mit den unvermeidlichen Jasmindüften beschwerte Zimmerluft trieben sie nach der Glasthür des Nebensalons . Hinter den zugezogenen Vorhängen hatte sie nicht bemerkt , daß draußen der Vollmond am Himmel stand . Sie fuhr zurück , so blendend , so fremdartig lag dieses Schönwerth inmitten felsenzackiger , zum Teil mit dem prächtigsten Hochwald bestandener Berge , die es von allen Seiten umstarrten wie dräuende , ein funkelndes Kleinod hütende Drachenzähne ... Sie trat hinaus unter ein Säulendach – welch ein Kontrast zwischen der modernen inneren Einrichtung der Gemächer und diesen altersgrauen mächtigen Säulenbündeln , die in strenger Schönheit aufstiegen und hoch droben Rundbogen von tadelloser Reinheit scharf in den Mondhimmel schnitten ! Nicht das leiseste Wehen des Nachtwindes strich vorüber , und doch mußte in der höheren Luftregion Bewegung sein - nervenberührend wie die geisterhafte Stimme , die im Glase schläft , zitterte manchmal ein vereinzelter Tonhauch von den Windharfen herüber . In diese feierliche Nachtstille hinein klangen plötzlich fernhereilende Menschentritte , förmlich erschreckend – die junge Frau trat in den Schatten der Pfeiler , während eine Kindergestalt laufend um die nördliche Hausecke kam ; es war Leo . Seine kleinen nackten Füße steckten in Schlafschuhen ; das in sichtlicher Eile übergeworfene grüne Samthöschen hielt er mit beiden Händen , und das spitzenbesetzte Nachthemd fiel von den Schultern offen zurück und ließ das Mondlicht über die kräftige , glänzend weiße nackte Büste des Kindes hinspielen ... Der Kleine sah sich scheu um und lief spornstreichs auf das Drahtgitter zu . Mit einigen raschen lautlosen Schritten stand die junge Frau hinter ihm . » Was thust du hier , Leo ? « fragte sie und hielt ihn fest . Er stieß einen Schreckenslaut aus . » Ah , die neue Mama ! « stammelte er gleich darauf sichtlich erleichtert . » Wirst du ' s dem Großpapa sagen ? « » Wenn du ein Unrecht vorhast , allerdings – « » Nein , Mama , « versicherte er in seinem trotzig festen Tone und schüttelte die verwirrten Locken von der Stirn – er hatte offenbar schon im Bette gelegen . » Ich will Gabriel nur Schokoladefiguren bringen – ich habe sie nicht genommen , ganz gewiß nicht , Mama ! – Herr von Rüdiger hat sie mir bei Tische auf den Teller gelegt . Ich spare sie mir immer ab für Gabriel ; aber früh sind sie nie mehr in meiner Tasche – Fräulein Berger ißt sie zu gern ; sie kaut den ganzen Tag – sie maust , das abscheuliche Ding . « » Wo ist denn dieses Fräulein Berger ? « fragte Liane – die Erzieherin war ihr nach der Trauung vorgestellt worden und hatte ihr einen entschieden ungünstigen Eindruck gemacht . » Pfänderspiele spielt sie im Schulzimmer , und ich darf nicht hinein ; sie hat zugeschlossen , « murrte er . » Sie machen einen greulichen Spektakel , und Punsch trinken sie auch – ich riech ' s durch das Schlüsselloch ... Ich habe Gabriel heute gar nicht mehr sehen dürfen , weil ich zu ungezogen gewesen bin – aber › gute Nacht ‹ werde ich ihm doch wohl sagen dürfen , « stieß er trotzig heraus . » Darf ich , Mama ? Ja ? Darf ich ? « Er bat