glücklich überwunden , und ich finde nun auch Zeit , mich an unserem Stilleben und Joachims heiterem , zufriedenem Gesichte zu erquicken . « » In der Tat : Er sieht Sie mit heiterem Gesicht Magddienste verrichten ? « Lothars Augen sahen sie spottblitzend an . » Glauben Sie , ich wüßte nicht zu verhüten , daß er mich beim häuslichen Schaffen sieht ? « gab sie heiter lächelnd zurück . » Und dazu bedarf es wahrlich keiner besonderen Schlauheit . Joachim schreibt von früh bis spät an seinem Reisewerke über Spanien , in welches er seine schönsten Gedichte einwebt . Und bei diesem beglückenden Schaffen steht er außerhalb des wirklichen Lebens mit seinen kleinlichen Sorgen und Bedrängnissen . Er ist ein Mensch , der auf harten Dielen so gut schläft wie im weichen Bette , der ausschließlich bei Milch und Schwarzbrot zufrieden leben kann . Aber Liebe braucht sein zärtliches Gemüt , liebevolles Verstehen , und das findet er stets , wenn er aus seiner stillen Glockenstube zu den Seinen herabkommt . O ja , ich darf mir sagen , daß ich meine neue Lebensaufgabe begriffen habe – Joachim ist eine echte Dichternatur , die mir keine geringere als Frau Poesie in Pflege und Obhut gegeben hat ! « Sie erhob sich und griff nach Hut und Handschuhen . » Und nun will ich heimgehen und für den Abendtisch noch Eierkuchen backen . Lache nicht , Beate « , – sie stimmte aber selbst für einen Augenblick herzlich in das Lachen der Pensionsschwester ein – » meine gute Lindenmeyer ist ganz stolz auf ' die flinke Art und Weise , wie ihre Schülerin den Kuchen auf die andere Seite zu schwenken versteht . « » Das müßte deine alte Hoheit sehen ! « » Es würde ihr gefallen , das weiß ich . Sie ist eine deutsche Frau , und das hausmütterliche Element steckt ihr im Blute , wenn sie auch fürstlich geboren ist . « » Ob es ihr aber gefiele , wenn das bittere Muß sie plötzlich aus ihrem Audienzzimmer an den Küchenherd versetzen würde ? Der Wechsel zwischen Licht und Schatten , wie du ihn auf dich genommen hast , ist zu grell . « » Beruhige dich , Beate ! « unterbrach sie ihr Bruder mit hörbarer Ironie . » Diese Prüfung währt nicht lange . Sie ist ja nur ein Übergangsstadium , so eine Art Märchenepisode wie König Drosselbart . Ehe du dich dessen versiehst , wird ein Sonnenglanz die vermeintliche Schattenblume bescheinen , ein Sonnenglanz , um welchen sie alle Rosen von Schiras beneiden müssen . « Die beiden Geschwister hatten bereits unbemerkt einen Blick des Einverständnisses gewechselt , und jetzt bei seinen letzten Worten verbeugte sich Baron Lothar und verließ rasch das Zimmer . » Er phantasiert , wie es scheint ! « meinte Beate achselzuckend und sichtlich verständnislos , indem sie nach der Tür schritt , die in das Nebenzimmer führte . » Einen Augenblick Geduld , Klaudine , ich will mich nur ein wenig umkleiden , denn ich möchte dich begleiten ! « 5. Klaudine trat einstweilen wieder an das Fenster zurück . Ihre Wangen brannten und die feinen Brauen zogen sich in finsterem Brüten zusammen . Was alles mochten Bosheit und Leichtfertigkeit im Herzogsschloß ersinnen , um ihr , die mutig einen ihr besseres Selbst rettenden Schritt getan , Steine nachzuwerfen ! Und womit hatte sie den Mann , der eben hinausging , je so beleidigt und gereizt , daß er ihr mit anscheinend scherzhaft hingeworfenen , aber in Wahrheit verletzenden Bemerkungen das kaum beschwichtigte Herz aufregen durfte ? Da draußen , dem Fenster ziemlich nahe , stand der Wagen mit seinem Kinde . War er verbittert und ließ es andere entgelten , weil sie von ihm gegangen war , die fürstliche Frau , die seinem Dasein einen unerhörten Glanz gegeben hatte ? Er mochte freilich schwer tragen an seinem Geschick . Sie war ihm für immer entrissen , und was ihm von ihr geblieben , da lag es , gebrechlich und hilflos , und der glänzende Reichtum , den die Prinzessin hinterlassen , vermochte nicht , ihrem Kinde so viel Kraft zu geben , daß es auf seinen Füßen treten konnte ! Wieviel war schon um dieses winzige Geschöpfchen gekämpft und gestritten worden ! Die Großmutter , die Prinzessin Thekla , die sich über den Tod ihrer Lieblingstochter nicht beruhigen konnte , war selbst in Italien gewesen , um sich das Kind zu erbitten , aber Baron Lothar hatte sie entschieden zurückgewiesen . Nun flüsterte man bei Hofe , die alte Dame verfolge den Plan , dem verwitweten Schwiegersohn die ihr gebliebene Tochter , Prinzessin Helene , als zweite Frau zu geben , damit das geliebte Enkelkind nicht in die Hände einer fremden Stiefmutter falle , und einige Kluge , die das Gras wachsen hörten , wollten wissen , daß die junge Prinzessin nicht » nein « sagen würde , da sie ja schon zur Zeit der Brautschaft ihrer Schwester eine stille Neigung für den schönen Schwager gehegt habe . Prinzessin Helene war hübscher als die Verstorbene , aber sie hatte auch die großen , unheimlichen Funkelaugen , mit denen das Kind da draußen unverwandt hinauf in das Lindengeäst starrte , während eine alte Kinderfrau strickend neben dem Wagen saß . Ein starkes Räderrollen erschütterte den Boden unter den Füßen der jungen Dame , und gleich darauf trat Beate , zum Ausgehen umgekleidet , wieder in das Zimmer . Sie nahm das Weidenkörbchen mit den Erdbeeren vom Tische und hing es an den Arm . » Für deine kleine Elisabeth « , sagte sie zu Klaudine , und ein roter Schimmer lief über ihr Gesicht . Zuckerdose und Kuchenreste wurden noch eiligst im Wandschrank verschlossen , dann ging es fürbaß . Draußen vor der offenen Haustür hielt ein Wagen mit zurückgeschlagenem Verdeck . Baron Lothar saß auf dem Bock und hielt die Zügel . » Vorwärts , Schatz ! « trieb Beate , als Klaudine wie erschreckt auf den Türstufen sichtlich zögerte eine solche Aufmerksamkeit in Neuhaus anzunehmen . » Die schmucken Kerlchen da vorn « – sie zeigte nach den Pferden , herrlichen , jungen Tieren , die sich ungestüm gebärdeten – » schnauben wie die Sonnenrosse , sie möchten uns am liebsten durchbrennen . « Gleich darauf brauste der Wagen unter den Linden hin und die Fahrstraße hinab . Baron Lothar lenkte das feurige Gespann leicht , mit spielender Sicherheit . Und dabei musterte er von Zeit zu Zeit die Roggen- und Rübenfelder , die mit grünen Früchtebüscheln besetzten Zweige der Obstbäume zu beiden Seiten des Fahrweges . Aber nicht einmal wandte er sich nach den Insassen des Wagens zurück . Er hatte vorhin Klaudines Zögern gesehen und den Widerspruch in ihren Zügen gelesen , sie wußte es , denn ihr Blick war dem seinen begegnet , einem Spottblick , der ihr das Blut in die Wangen getrieben hatte , aber wohl oder übel mußten sie nun doch zusammen fahren , » Montecchi und Capuletti « in einem Wagen , der mit seiner hellen Atlaspolsterung , seiner ganzen blitzenden und schimmernden , vornehmen Ausrüstung wie ein verkörpertes Stück Hofglanz durch das Paulinental flog . In würzigen Feld- und Walddüften und in dem tiefen Goldglanz der Spätnachmittagssonne förmlich schwimmend , breitete sich das schöne , weite Tal hin , das der kleine , weit droben aus dem Berg quellende Fluß in fröhlichem Lauf durchschnitt . Wellenglitzernd , bald verdunkelt unter Weidengebüsch hinkriechend , bald im freien Sonnenlicht übermütig an den Uferblumen reißend , kam er daher , der Schuldige , der im Verein mit Gewitterregengüssen wiederholt zum wilden Raubtier geworden war . Wer sah es ihm an , daß er einen Teil des Geroldschen Wohlstandes verschlungen hatte ? Ringsum , wohin der Blick fiel , wurde noch rüstig vor Feierabend gearbeitet . Die Sense des Mähers fuhr mit blendendem Blitz durch das niederrauschende Wiesengras , in den Furchen der Kartoffeläcker arbeiteten ganze Reihen gebückter Frauen mit der Hacke , und auf dem Anger am Flußufer und zwischen den wilden Schlehenbüschen der rasigen Raine trieben barfüßige , im Gehen strickende Mädchen ihre Gänse und Ziegen vor sich her . Hoch vom Walde herunter aber erscholl das taktmäßige Anschlagen der Holzaxt . Treuherzig grüßende Zurufe der fleißigen Menschen flogen den Vorüberfahrenden von allen Seiten zu und wurden freundlich erwidert , und Klaudine kam zum erstenmal der Gedanke , daß sich die Insassen des stolzen Wagens nicht vor dem schweißtriefenden Arbeiterfleiß zu schämen brauchten ; sie arbeiteten und schafften auch , die eine im angeborenen Tätigkeitstrieb , und die andere um die Genugtuung willen , sich die Selbstachtung zu retten , sich nützlich zu machen und damit das Wohl geliebter Menschen zu fördern . Für einen kurzen Augenblick wurde weit drüben hinter den Baumwipfeln der Gärten das mächtige Schieferdach des Altensteiner Gutshauses sichtbar . Die Fahnenstange ragte noch kahl in die Lüfte – das schmerzlich beweinte verlorene Vaterhaus beherbergte den neuen Besitzer mithin noch nicht . Aber auf der Straße kam langsam ein schwerbeladener Möbelwagen daher , dem ein niederes Gefährt mit der Holzkiste eines Konzertflügels folgte . » Der neue Nachbar zieht ein , wie es scheint « , sagte Beate mehr wie für sich und musterte mit scharfem Blick die vorüberfahrenden Wagen . In diesem Augenblick wandte sich Baron Lothar rasch nach Klaudine zurück . » Sie wissen , wer das Gut gekauft hat ? « unterbrach er sein bisheriges Schweigen so urplötzlich , wie ein Richter , der seinen Angeklagten in einem unbedachten Augenblick zu überrumpeln sucht . » Wie kann ich das wissen ? « gab sie , durch seinen Ton befremdet , etwas scharf zurück . » Wir suchen zu vergessen , daß wir jenseits des Waldes zu Hause waren , und forschen grundsätzlich nicht , wer dort nach uns kommt . « » Das weiß hier im Tal noch niemand , Lothar « , bestätigte Beate . » Unsere besten Klatschweiber im Dorfe zerbeißen sich die Zähne an der harten Nuß . Mich beschleicht manchmal die geheime Furcht , daß ein reicher Industrieller der Käufer ist , und das , was ich eben durch die Vorhanglücken des Möbelwagens gesehen habe , bestärkt mich in dem Glauben – diese Leute können es ja nie stilvoll und glänzend genug haben ! Schrecklich ! Qualmende Fabrikschlote in unserem schönen , luftreinen Tal ! « Baron Lothar hatte sich längst wieder umgewendet ; er antwortete nicht und ließ die Peitsche auf dem Rücken der Pferde spielen . Und weiter brauste der Wagen . » Sieh , sieh , wie hübsch sich doch dein Eulenhaus herausgemausert hat ! « rief Beate überrascht , als die kleine Besitzung in Sicht kam . » Seit meinem letzten Besuch bei dir und deiner Großmama bin ich nicht wieder hierhergekommen . Es hat sich ja förmlich mit einem grünen Mantel behangen ! « Sie hatte recht . Erst in ihren letzten Lebensjahren hatte die verstorbene Besitzerin Anpflanzungen von wildem Wein am Turm gemacht . Noch vor vierzehn Tagen hatten die mit schwach entwickelten Blättchen besetzten Ranken nur wie ein dünnes , wenig sichtbares Fadennetz die Mauern umstrickt , heute aber ließ das üppige Blattgewebe nur noch ein paar Fensterbogen frei . Bis über die untere Turmstube kroch es hinauf ; es umrahmte die auf die Plattform führende Glastür und hing seitwärts wieder über dem Geländer herab . Heinemann hatte der kleinen Elisabeth eben ein Vogelnest hoch im Gebüsch gezeigt , er trug das Kind noch auf dem Arme und ging so dem herankommenden Wagen entgegen . In ängstlicher Spannung zog er die dicken , gelben Brauen in die Höhe – kamen die dort vielleicht gleich mit , um ihren Anteil zu fordern ? Der Wagen hielt . Der alte Gärtner öffnete mit einem höflichen Gruß den Schlag , aber nur seine junge Herrin stieg aus . Beate blieb sitzen und reichte dem Kinde , das er auf dem Arme behalten hatte , die Erdbeeren hin . Mit Überraschung sah Klaudine dabei ein schönes , zärtliches Lächein über das ernste Gesicht der Pensionsschwester hinfliegen , und auch das Kinderherz mochte fühlen , daß dieser Sonnenstrahl ein seltener sei , denn die Kleine reckte sich plötzlich hinüber und schlang die Arme um Beates Hals . Dann nahm sie , glückselig das Körbchen aus den » großen Händen « , die sie neulich ganz empört von ihrem Puppenliebling abgewehrt hatte , und strebte , schleunigst von Heinemanns Arm zu kommen , um nach dem Hause zu laufen . Beate stellte » der Herrin vom Eulenhaus « ihren Besuch für die allernächste Zeit in Aussicht , » auch solch eine Ankunft auf eigenen Füßen , einen Marsch , der den Haushaltungsärger wieder einmal aus dem Blute jagt « . Gleich darauf wandte sich der Wagen und fuhr heimwärts . Baron Lothar hatte kein Wort mehr gesprochen , aber er hatte sich mit einer tiefen Verbeugung von Klaudine verabschiedet und dem alten Gärtner ein freundliches Wort zugerufen . » Sapperlot , alles was wahr ist ! Ich bin kein Freund von den Neuhausschen – ganz und gar nicht , im Gegenteil ! Sie haben mehr Glück als Verdienst , und die Altensteiner müssen vor ihnen die Segel streichen – leider Gottes ! « sagte Heinemann , während er die Hand beschattend über die Augen hielt und dem fortbrausenden Wagen mit langem Halse nachsah . » Aber das muß ihm der Neid lassen , ein bildschöner Soldat ist und bleibt er , auch in dem müllergrauen Rock , dem simplen . Bin ja auch Soldat gewesen , Fräulein , und weiß die Herren Offiziere zu taxieren . Ich glaube , wenn der vor seiner Schwadron reitet , da halten sich die Kerls noch einmal so stramm und stolz auf ihren Pferden . Wie ' s freilich inwendig aussieht , das weiß man ja – viel Übermut und ein krasser Dünkel auf die vornehme Heirat ; und wie es mit dem da steht – « er machte mit Daumen und Zeigefinger die Geste des Geldzählens und streifte mit einem ängstlich fragenden Seitenblick das Gesicht seiner jungen Herrin – » hm , da nimmt man wohl auch , wo es zu haben ist ? « Klaudine lächelte . » Sie können ruhig sein , Heinemann , der Fund bleibt in Ihren Händen , Sie können damit tun , was Ihnen beliebt . « » Was ? Wirklich ? Sie nehmen nichts , die da drüben ? « Er war nahe daran , einen Freudensprung zu machen . » Ein Stein ist mir vom Herzen , ein Zentnerstein ! Mir war zuletzt himmelangst , bis Sie kamen ! Na , das wäre überstanden , Gott sei Dank ! Nun sollen Sie aber einmal sehen , was der alte Heinemann kann , gnädiges Fräulein ! Dem Kerl da in der Stadt , dem reichen Bolz , dem die Bienenväter hierzulande nie Wachs genug schaffen können , dem will ich seine Sparpfennige aus dem Leibe pressen , daß er ach und wehe schreien soll ! Wir können ' s brauchen , gnädiges Fräulein , können ' s gerade jetzt gut brauchen , wo wir gewiß manchmal vornehmen Besuch kriegen . Und da darf es doch nicht zu armselig im Hause sein , sind wir schon unserer guten gnädigen Frau in der Erde schuldig ! Ich nehme morgen das gute Zinn gleich mit in die Stadt zum Zinngießer , es muß wieder einmal ein bißchen aufgefrischt werden . Einen neuen Sahnegießer zum Kaffeegeschirr brauchen wir auch , und wie wär ' s denn , wenn wir in die gute Stube neue Vorhänge kauften ? Fräulein Lindenmeyer hat nach der letzten Wäsche um all ihr Leben gestopft und geflickt , und wenn sie das auch pikfein macht , da und dort sieht man ' s doch . « » Aber , mein Gott , wozu denn das alles ? « fragte Klaudine erstaunt . » Fräulein Beate – « » Ach , wer spricht denn von der ? Die flickt und stichelt ja selbst alle alten Lappen und Läppchen zusammen und hängt sie wieder an die Fenster , die ist gar häuslich und sparsam und spottet nicht über einen zugestopften Riß ! « Ei zeigte mit dem Daumen über die Schulter nach Fräulein Lindenmeyers Eckstube . » Da drin sitzt sie , die Dorfklatsche , die Försterin aus Oberlauter , die alle neuen Nachrichten brühwarm aus der Residenz kriegt und sie nachher im Stricksack von Haus zu Haus trägt , bis es altbackene Semmeln sind . Wenn wir näher ans Haus kommen , da werden Sie ' s riechen , gnädiges Fräulein – eitel Zimt und Vanille ! Fräulein Lindenmeyer hat nämlich vor Freude über den raren Besuch Schokolade gekocht , eine steife Schokolade – der Löffel bleibt drin stecken ! Und morgen wird unser altes Mamsellchen wieder einmal auf der Nase liegen und ihre allerschönsten Magenschmerzen davon haben . Na meinetwegen ! Die Nachricht , die uns der brave Postillon im Weiberrock zugetrager , hat , ist am Ende so ein bißchen Schmerzen wert . Unser Herzog hat nämlich unseren lieben , schönen Altensteiner Geroldshof gekauft . « Klaudine stand noch neben dem Eibenbaum am Eingang des Gartens . Mit einer jähen Bewegung griff sie in die Zweige des Bäumchens , als taste sie nach einem Halt . Das Blut stürmte ihr nach dem Kopf und gleich darauf überzog eine tiefe Blässe ihr Gesicht . » Du lieber Gott , wie Sie das angreift ! « rief Heinemann erschrocken . » Ich alter Tapps , daß ich auch so mit der Tür ins Haus fallen muß ! Aber an der Sache ist ja doch nichts mehr zu ändern « , – er schüttelte trübe den Kopf – » kein Tüttelchen ! Und ist ' s denn nicht doch tausendmal besser , der Geroldshof kommt in solche Hände , als daß vielleicht ein reicher Fabrikant in den Stuben und Sälen spulen und spinnen läßt ? Und Ihre schöne Jugend , gnädiges Fräulein ! Fragen Sie doch die da unten « , – er zeigte auf den Boden unter seinen Füßen , den ehemaligen Kirchhof der Nonnen – » ob nicht eine jede mit tausend Freuden wieder aus dem einsamen Walde entwischt wäre , wenn sich nur ein Schlupfloch in den himmelhohen Mauern gefunden hätte ! Sehen Sie , das ist ja das Schöne bei der Sache , Sie kommen wieder in Ihre Gesellschaft , in Ihr richtiges Element ! Eine jede Blume will ja auch ihren besonderen Boden . Der ganze Hof zieht für den Sommer auf das Altensteiner Gut . Der Herzog will eine Milchmeierei eigens für seine junge Frau einrichten , sie soll ja an der Schwindsucht leiden , das arme Frauchen , und da soll nun die Luft im Kuhstall helfen . « Er kratzte sich hinter dem Ohr . Die junge Dame ging langsam und schweigend tiefer in den Garten hinein . Ihre erblaßten Lippen waren wie im Krampfe geschlossen . Heinemann sah sie scheu von der Seite an . In diesem sanften , schönen Gesicht , das er kannte , seit es zum erstenmal die blauen , wundertiefen Augen aufgeschlagen hatte spiegelte sich ein Kampf ab , für welchen ihm das Verständnis fehlte . Er sagte deshalb auch kein Wort mehr und machte sich am nächsten Gemüsebeet zu schaffen , und erst , als sie im Begriff stand , in das Haus zu gehen , kam er ihr nach und bat um Urlaub für den nächsten Tag , » von wegen des Wachshandels « . Sie nickte ihm mit einem matten Lächeln gewährend zu und ging die Treppe hinauf . Droben , in ihrem stillen Zimmer , sank sie auf einen Stuhl und schlug die Hände mutlos vor das Gesicht . War alles umsonst gewesen ? Durfte ihr wirklich die Versuchung nachschleichen , wohin sie auch flüchten mochte ? Nein , nein , ihre Lage war nicht mehr so schutz- und hilflos , wie noch vor wenigen Wochen ! Stand nicht ihr Bruder neben ihr ? Und durfte sie jetzt nicht auch sagen : » Mein Haus ist meine Burg – ich kann und will es vor jedem verschließen , der meine Schwelle nicht betreten soll ? « 6. Am anderen Morgen wanderte Hcinemann frühzeitig nach der Stadt . Neben ihm her trabte ein Dorfjunge mit einem Handwagen , den der alte Gärtner mit jungem Gemüse für seine Kunden beladen hatte , der Handelsgang nach der Stadt sollte möglichst ausgenutzt werden . Das Zinngeschirr freilich hatte zu Hause bleiben müssen und zum Ankauf neuer Vorhänge war die Erlaubnis auch entschieden verweigert worden . Nicht ohne Besorgnis sah Heinemann dann und wann nach dem Hause zurück , bis das Baumgedränge keinen Durchblick mehr gestattete . Was er ärgerlich vorausgesagt hatte , war eingetroffen – Fräulein Lindenmeyer hatte Migräne . Sie lag zu Bett und brauchte Hilfe und Pflege . Gern wäre er zu Hause geblieben , allein er hatte schon beim Morgengrauen das Gemüse abgeschnitten , und das mußte fortgeschafft werden . Nun war seine junge Herrin allein , denn der oben in der Glockenstube zählte nicht . Mit der Feder in der Hand war er ja nie in der wirklichen Welt . Da konnte alles um ihn her niederbrennen , wenn nur die Glockenstube stehen blieb und die Tinte nicht eintrocknete . Dieses Urteil entsprang jedoch keineswegs irgendwelcher Geringschätzung , im Gegenteil , Heinemann war voll Bewunderung , aber in seinen Augen war der gelehrte gnädige Herr einer , für den man in gewöhnlichen Dingen denken und sorgen mußte , wie für das liebe , unschuldige Ding , die kleine Elisabeth auch . Nun , er hatte das Seine getan , um seiner jungen Herrin die Tageslast zu erleichtern , er hatte die Ziegen gemolken , frische Eier aus den Hühnernestern genommen und Zuckererbsen zum Mittagessen gepflückt . Kleingespaltenes Holz lag neben dem Herde , das Treppenhaus war sauber gefegt , und in Fräulein Lindenmeyers Eckstube stand die homöopathische Hausapotheke mit schriftlichen Anweisungen von seiner Hand – er verstehe sich aufs Kurieren wie kein anderer , versicherte Fräulein Lindenmeyer immer . Wie er dann aber tagsüber nie die Tür im Gartenzaun einklinkte , geschweige denn verschloß , so hatte er es auch heute achtloserweise unterlassen . Der am Zaun liegende Kettenhund schlug ja pünktlich an , sobald sich die Tür von außen her in den Angeln rührte , und was hätte denn aus dem Garten entwischen sollen ? Das Hühnervolk hauste hinter einem absperrenden Holzgitter und die Hauskatze bewerkstelligte ohnehin ihre Waldbesuche durch die Fensteröffnungen der Kirchenruine . An das Kind , die kleine Elisabeth , hatte der alte Mann nicht gedacht . Sie war meist seine unzertrennliche Begleiterin im Garten , sie ging auf Tritt und Schritt mit ihm und plauderte unermüdlich , und während seine großen , schwieligen Hände rüstig arbeiteten , antwortete und erzählte er unverdrossen und rieb sich nur dann und wann an der Schürze die Erde von den Fingern , um dem Kinde den verschobenen Hut in die Stirn zu rücken oder der Puppe den aufgelösten Haarzopf mühselig wieder » zusammenzuwürgen « . Aber vor seinen Augen war das kleine Mädchen noch nie bis an die Tür gelaufen , und auch Klaudine wußte , daß es sich vor dem Kettenhund fürchtete . Deshalb war sie unbesorgt ihren Hausgeschäften nachgegangen , während das Kind im Garten spielte . So war es gegen Mittag geworden . Die Tageshitze stieg . Nur selten zog eine vereinzelte segelnde Wolke träge über die Sonnenscheibe hin und warf auf den Garten einen kurzen Schatten , wohltuend und verdunkelnd , als ob ein riesiger Vogel seine Schwingen mitleidig über alle die hängenden und schmachtenden Blumenköpfchen breite Klaudine trat an ein Fenster und rief nach dem Kinde ; aber sie erschrak vor ihrer eigenen Stimme , so lautlos still war es draußen . Nur der Hund kroch mit rasselnder Kette aus seiner schwülen Hütte und sah mit gespitzten Ohren nach dem Fenster hinauf , wo gerufen wurde . Das Kind antwortete nicht , und auch sein helles Kleidchen war weder zwischen dem Gebüsch , noch in der Laube zu entdecken . Noch kam kein beängstigender Gedanke in Klaudines Seele . Die Kleine stieg ja oft direkt vom Garten aus hinauf in die Glockenstube , um dem Papa ein paar Blumen oder das Schürzchen voll » wunderschöner Steinchen « zu bringen . Klaudine eilte hinauf , aber in dem kühlen und durch die zugezogenen grünen Gardinen verdunkelten Turmgelaß saß ihr Bruder allein am nördlichen Fenster , so vertieft in seine Arbeit , daß er auf ihre Frage hin nur mit einem zerstreuten Blick aufsah , lächelnd den Kopf schüttelte und emsig weiter schrieb . Auch bei Fräulein Lindenmeyer war das Kind nicht , und nun flog die junge Dame angsterfüllt hinaus in den Garten . In der Laube stand der Puppenwagen mit dem geliebten Wickelkind , das Wachsgesicht der Puppe mit der abgenommenen Kinderschürze fürsorglich zugedeckt , aber die kleine Pflegemutter war nicht da . Sie war auch nicht im Kreuzgangwinkel bei den Ziegen und Hühnern , nicht in der Kirchenruine , wo sie sich gern auf dem grünen Rasenboden tummelte und Grasblumen suchte . Alles angstvolle Rufen und Suchen war vergeblich . Da sah sie über die Zauntür hinweg drüben auf der Fahrstraße eine rotglühende Pfingstrose liegen , und jetzt wußte sie , daß das Kind , einen Strauß in der Hand , aus dem Garten gelaufen war . Ohne sich zu besinnen , eilte sie hinaus , die Straße entlang . Öde , totenstill streckte sich die weiße Weglinie vor ihr hin . Seit die Eisenbahnschienen in ziemlicher Nähe vorüberliefen , war diese Verkehrsader fast ganz unterbunden , nur selten unterbrach Rädergeroll die Waldstille – ein Überfahren des Kindes war mithin nicht zu befürchten . Die Kleine mochte übrigens Heinemanns Beete arg geplündert haben , jedenfalls konnte das Händchen die Blumen auf die Dauer nicht fassen , denn da und dort bezeichnete eine verstreute Nachtviole oder ein Jasminzweig den Weg , den sie genommen hatte . Sie mußte schon seit geraumer Zeit ausmarschiert sein , wenigstens erschien Klaudine die Strecke schier endlos , die sie bereits zurückgelegt hatte , Angsttränen füllten ihre Augen und das Herz klopfte ihr zum Zerspringen . Zuletzt fand sie den Hut des geliebten Puppenlenchen , und zwar nahe dem Dickicht , das die Fahrstraße begrenzte . Ihr Puls stockte bei dem Gedanken , daß das Kind in den Wald eingedrungen sei und angstvoll umherirre , und schon wollte sie die Stimme zu lautem Rufen erheben , als Kindergeschwätz , in das sich eine männliche Stimme mischte , zu ihr drang . Unwillkürlich preßte sie die Hände gegen die fliegende Brust und horchte . Ja , das war Baron Lothar , der eben sprach , und das Kind war bei ihm und schon nach wenigen eilenden Schritten weiter taten sich die grünen Wände vor ihr auf und sie sah die Sprechenden herankommen . Baron Lothar führte mit der Linken sein Pferd am Zügel , und auf dem rechten Arm trug er die kleine Entlaufene . Der runde Hut hing ihr im Nacken , und das dichte Blondhaar fiel wirr und tief in die Stirn und an den erhitzten Bäckchen herab . Sie mochte ihre Heldentat bereits schwer , unter heißen Tränen , gebüßt haben , denn sie sah sehr verweint aus , aber ihr Lenchen hatte sie auch in ihrer Herzensangst und Ratlosigkeit nicht preisgegeben , sie hielt die Puppe krampfhaft fest an ihrer Brust . Sie schrie auf , als sie die Tante so plötzlich auf sich zukommen sah . » Ich wollte der Erdbeerdame Blümchen bringen und das datierte so lange , ach , so lange ! Und Lenchen hat ihren neuen Hut verloren , Tante ! « rief sie ihr entgegen und löste das linke Ärmchen von ihres Trägers Nacken , als wolle sie schleunigst wieder unter den Schutz der Pflegerin flüchten , aber er hielt sie fest . » Du bleibst jetzt bei mir , Kind ! « gebot er . Sie duckte sich wie ein erschrockenes Vögelchen und sah scheu in das bärtige Antlitz dicht neben dem ihren . Der gebieterische Ton war ihr neu . » Das hast du zu verantworten , kleine Ausreißerin ! « fuhr er zu dem Kinde fort , während sein Blick das tieferregte Gesicht , die tränenverschleierten Augen der schönen Hofdame ausdrucksvoll streifte . Sie stand nun vor ihnen und rang vergebens nach Atem und einem Wort des Dankes . » Und nun möchtest du mir auch noch schleunigst den Laufpaß geben und fragst nicht , ob die Arme da dich auch tragen können ? Denn laufen kannst du ja absolut nicht mit deinen todmüden Beinchen ! Nein , nein , lassen Sie ! « wehrte er ab , als Klaudine in der Tat die Arme hob , ihm die Bürde abzunehmen . » Ist ' s doch kaum , als sei mir eine Grasmücke auf den Arm geflogen ! Komm , Kindchen , gib nur deinen Arm wieder her und sieh mich nicht so scheu an – hast dich ja vorhin auch nicht vor meinem Bart gefürchtet ! Sieh , wie brav mein Fuchs mit mir geht und sich führen läßt ! . . . Und da ist ja wohl auch der unglückliche Hut , um den du so bittere Tränen vergossen hast ? « Die Kleine lachte glückselig auf , als Klaudine das Hütchen auf den Puppenkopf drückte und es wieder festband . Baron Lothar sah unverwandt auf die zwei schlanken Hände , die in nächster Nähe vor seinen Augen hantierten . Ein breiter schwärzlicher Streifen zog sich um Daumen und Zeigefinger der Rechten . » › Rußflecken beschimpfen nicht ' ‹ , sagt mein alter Heinemann « , stammelte sie , unter seinen Blicken errötend , und ließ schleunigst die Hände von der gebundenen Schleife sinken . » Nein , sie beschimpfen nicht . Aber daß sie in der Tat vorhanden sind ! Wäre wirklich kein dienstbarer Geist im Eulenhaus zu finden , der Ihnen