gebehrdest Dich als völlig erwachsene Dame mit Deinem entsetzlichen Reifrock und den Schleppkleidern , die zu Dortens Aerger den Sand von Flur und Treppen wegfegen ; hast Englisch und Französisch gelernt und Deine Nase in Chemie und andere hochgelehrte Sachen gesteckt , und bist so kindisch dabei geblieben , daß ich nächstens die Schulregeln wieder dort neben das Uhrgehäuse werde hängen müssen … Uebrigens – Du verdienst es zwar nicht – will ich Dir einen Trost geben : der saubere Herr hätte auch ohne Dein Zutun seine Heldentat heute ausgeführt , ich hab ’ es nicht anders erwartet . Dem mag ’ s wohl in den Fingern gezuckt haben , bis er über das arme , alte Gartenhaus hat herfallen dürfen ! “ „ Das glaube ich eben nicht , Tante , “ entgegnete das junge Mädchen und hob lebhaft den Kopf in die Höhe . „ Er hat mir durchaus nicht den Eindruck eines bösartigen Menschen gemacht ; ich bin fest überzeugt , hättest Du ihm ruhig vorgestellt – “ „ Ei , da will wieder einmal das Ei klüger sein , als die Henne ! “ schalt die Hofrätin , in der Tat jetzt heftig erzürnt . „ Ruhig vorstellen , ich , eine von den Erich ’ s , dem da drüben ! Meine Großmutter hätte eher mit eigener Hand den Pavillon in Brand gesteckt , als den Hubert ’ s ein gutes Wort d ’ rum gegeben . … Komme mir nie wieder mit dergleichen Redensarten , Lilli ! Ich bin alt geworden in dem Bewußtsein , daß die Hubert ’ s auf unsere Linie einen Flecken geworfen haben , und den Groll und Schmerz darüber nehme ich mit in ’ s Grab … Hörst Du , Lilli , ich will nie wieder eine Bemerkung über den da drüben hören , nicht einmal seinen Namen , weder im Scherz , noch im Ernst ! … Und noch Eines , Kind ! Wenn ich einmal die Augen zugetan habe , dann hast Du hier zu befehlen , und es ist Alles Dein , was den Erich ’ s gehört hat seit undenklichen Zeiten . Müßte ich mir aber denken , daß nach meinem Tode etwas von meinem Grundbesitz , und sei es auch nur ein Zollbreit Gartenboden , in die Hände Derer da drüben käme , ich stiftete lieber gleich Haus und Garten als Armenspital für ewige Zeiten ! … Da hast Du mein unabänderliches Glaubensbekenntniß , und nun will ich Dir schließlich noch sagen , daß ich Dein heutiges Benehmen bitter tadle . Wie kannst Du Dich mit einem völlig fremden Manne in einen Wortwechsel einlassen , noch dazu mit einem Manne , der … hast Du vergessen , was gestern Dorte von ihm sagte ? Solch Einer ist nicht wert , daß ein Frauenzimmer von Reputation mit ihm spricht , denn er denkt gewöhnlich schlecht von den Frauen und beurteilt alle nach einer Sorte . “ Eine tiefe Gluth stieg in Lilli ’ s weißes Gesicht bis hinauf an die dunkle , graziös geschwungene Linie der Haarwellen ; aber sie warf den Kopf zurück , und um ihre Lippen trat der stolze Zug , der dem kindlich weichen Antlitz oft so unerwartet den Ausdruck geistiger Reife und Ueberlegenheit geben konnte . Alles , was sie mit Herrn von Dorn gesprochen , glitt noch einmal an ihrem prüfenden , inneren Auge vorüber . Die von ihrer englischen Gouvernante unzählige Mal wiederholte Anstandsregel , welche ein Gespräch mit einem nicht vorgestellten Herrn verbietet , war ihr freilich ein wenig spät eingefallen ; gleichwohl , hatte sie ihn mit ihren Antworten nicht ebenso energisch hinter die Schranken völligen Fremdseins zurückgewiesen , als wenn sie ihm schweigend den Rücken gekehrt hätte ? … Der ihr noch vor wenig Augenblicken so peinliche Gedanke , daß sie doch wohl zu rauh und unliebenswürdig gewesen sei , war jetzt ein wahrer Trost für sie . Die vornehme Erscheinung des Blaubartes , die ihr wider Willen imponirt hatte , stand ja nicht mehr vor ihr und deshalb gewann die Warnung und Bemerkung der erfahrenen Tante um so rascher die Oberhand . Sie beschloß unwiderruflich , dem Pavillon nicht nahe kommen zu wollen , so lange keine feste Scheidewand zwischen hier und drüben wieder aufgerichtet sei … sie wollte dem Blaubart beweisen , daß sie in der Tat jede Begegnung mit ihm vermeide ; dann werde er schon merken , daß sie nicht zu der sogenannten „ Sorte “ gezählt werden dürfe . Ueber diese Angelegenheit fiel nun zwischen der Hofrätin und dem jungen Mädchen kein Wort mehr . Die Bilder und Möbel waren geräuschlos in die grüne Stube geschafft worden , und in ihrem kleinen Zimmer hatte Lilli den Puppen eine Ecke eingeräumt . Am Abend kam eine alte Freundin der Tante und blieb zum Tee , der in der sogenannten Frühstückslaube getrunken wurde , und als die Nacht hereindämmerte , da saßen die beiden alten Damen noch und sprachen von längstvergangenen Zeiten , von Träumen und Enttäuschungen , von Hoffen und Entsagen . Lilli saß auf einem niedrigen Gartenstuhl , hatte die Hände um die Kniee gelegt und hörte aufmerksam und bewegt zu , wie da ein erblaßtes Bild um das andere aufstieg , während sie hinaussah in die schweigende Abenddämmerung . Ihr umherschweifender Blick wurde plötzlich gefesselt durch einen hellen Gegenstand , der sich gleichsam von einem mattschimmernden Nachtviolenbusch ablöste und langsam weiter schritt . Sie erkannte sehr bald die Beschaffenheit des kleinen Nachtwandlers : ein weißes Huhn war dem Hofraum entkommen und spazierte , in völliger Gemütsruhe hier und da die lockere Erde aufkratzend , über die Gurkenbeete . Zum Glück für Dorte – denn sie hatte die Aufsicht über das Geflügel – bemerkte die Hofrätin die scharrende Missetäterin nicht . Lilli erhob sich leise und unbemerkt , um womöglich das dräuende Ungewitter vom Haupt der pflichtvergessenen , alten Köchin noch rechtzeitig wegzulenken , allein das Tier rannte wie besessen bei ihrer Annäherung über die Beete , huschte durch Gebüsch und Hecken und tauchte binnen Kurzem wie ein höhnender Kobold in der entferntesten Ecke des Gartens wieder auf . Alle Bemühungen , die Henne nach der Richtung des Hauses zu scheuchen , waren vergeblich ; plötzlich erhob sie sich , flog schwerfällig eine Strecke weit und setzte sich auf das Dach des Pavillons . Da half kein Rufen und Locken ; sie kauerte sich nieder und drehte gravitätisch , in vollkommener Sicherheit , den Kopf hin und her . Ihr weißes Gefieder leuchtete doppelt über der dunklen Türöffnung . Der innere Raum des Gartenhauses war unheimlich finster , nur durch das Loch in der Wand kam das schwache Dämmerlicht von draußen herein . Da stand das junge Mädchen nun doch wieder wie festgewurzelt in der Tür . Fahl und gespensterhaft , ein verwischtes Bild , von den gezackten Umrissen der zerstörten Wand umrahmt , lag das weiße Haus drüben ; sein Turm starrte wie ein drohender Riesenfinger in die Lüfte . Die Fontainen plätscherten zwar ununterbrochen fort ; aber sie standen dort als unbewegliche , mattglänzende Säulen , ihren zarten Schleier , die Millionen herniederfallender Wasserperlen , sog die Dämmerung auf … Im Hause schien alles Leben ausgestorben , nirgends ein erleuchtetes Fenster , eine offene Tür ; vielleicht war der Gebieter in Begleitung seiner Hausgenossen nach dem Gut Liebenberg gefahren und hatte dort sein ängstlich behütetes Kleinod geborgen , um dasselbe vor neuem Schrecken zu bewahren ; aber in diesem Augenblick öffnete sich die Tür nach der Terrasse , auf der gestern Abend der Neger gekommen war ; ein breiter Lichtstrom quoll aus der hellerleuchteten Halle und legte sich über das Orangengebüsch , die Steintreppe und einen Teil des Rasenplatzes . Lilli sah plötzlich mit klopfendem Herzen die Fremde auf die Schwelle treten . [ 465 ] Die edle Gestalt der Fremden zeichnete sich wie eine Silhouette von dem lichten Hintergrund ab . Lilli erkannte an den scharf ausgeprägten Linien , daß eine prachtvolle Haarkrone den Hinterkopf schmücken müsse ; feine , bunte Strahlen zuckten und blitzten über das Haupt hin , der schwarze Schleier , der auch heute die Erscheinung umfloß , war jedenfalls mit Brillantnadeln am Haar befestigt . Jetzt sah Lilli auch , daß die Dame noch sehr jung sei , ihre Bewegungen waren von mädchenhafter Weiche und Zartheit ; aber heute noch auffallender als gestern machte sich eine gewisse Müdigkeit bemerkbar , als sie langsam die Treppe hinabschritt . Vergebens spähte das junge Mädchen auch jetzt nach den Gesichtszügen ; das dunkle Gewebe fiel in dichten Falten über Profil und Büste . Unwillkürlich wich Lilli in diesem Moment zurück , wie ein elektrischer Schlag durchbebte das Gefühl des Schreckens ihr Inneres und jagte ihr das Blut in die klopfenden Schläfe . … Wie töricht ! Was hatte sie zu fürchten von dem Mann , der dort in die Tür trat ? Kam er doch jetzt nicht als Rächer und Zerstörer ! Seine ganze Aufmerksamkeit schien auf die junge Dame gerichtet zu sein . Mit jenen sicheren , entschiedenen Bewegungen , die ihr heute Morgen an ihm aufgefallen waren , schritt er über die Terrasse und traf mit der Fremden am Fuß der Treppe zusammen . Er sprach mit ihr . Das waren jene vollen sympathischen Klänge , mit denen er Lilli ’ s Ohr so bestochen hatte , daß sie sogar der Tante gegenüber für seinen Charakter in die Schranken getreten war . Was er sagte , verstand sie nicht ; sie hörte ihn nur den Namen Beatrice mit unendlicher Weichheit aussprechen . Er bot der Dame die Hand , allein sie zog die ihre hastig zurück und sprach , den Kopf schüttelnd , einige Worte in leisen , flötenartigen Tönen , sie schienen in Thränen erstickt … Wie genau kannte Lilli bereits die Modulation seiner Stimme ! Ohne zu verstehen , was er antwortete , ohne daß er irgend eine äußere Bewegung gemacht hätte , erkannte sie doch sofort , daß er unwillig wurde . Er trat näher an die Dame heran und hob den Arm ; wollte er sie umschlingen ? Abermals fuhr jenes elektrische Zucken durch Lilli ’ s Seele , aber diesmal war es wie ein jäher Stich , der sie schmerzte . Ihre Wangen brannten , sie schämte sich plötzlich hier zu lauschen und wollte sich zurückziehen ; aber das , was sie in diesem Augenblick sah , fesselte ihren Fuß an die Schwelle . Bei der Annäherung des Blaubartes wich die Fremde zurück und floh mit wankenden Schritten , als schaudere sie vor seiner Berührung … Sie verabscheute ihn , das lag klar vor Augen – war er ein Verbrecher , und sie wußte um seine Schuld ? Oder stieß seine Persönlichkeit sie zurück , und er heischte dennoch Gegenliebe von ihr ? Warum sie dieser letzteren Vermutung weniger Raum gab , darüber wurde Lilli sich selbst nicht klar ; es blieb ihr auch nicht länger Zeit , zu beobachten und nachzudenken ; denn in Tante Bärbchens Garten erhob sich ein lauter Lärm . Wie das junge Mädchen sah , hatte die Henne unvorsichtiger Weise ihren hohen Standpunkt verlassen und war ohne Zweifel in Tante Bärbchens Gesichtskreis geraten ; denn die beiden alten Damen , Sauer und die händeringende Dorte hatten sich zu einem wahren Treibjagen vereinigt , und eben , als Lilli zu ihnen gelangte , stürzte sich das geängstete Huhn in die Hoftür , die eilig hinter ihm geschlossen wurde . Dorte entging ihrem Schicksal nicht ; sie erhielt am Schluß des unglückseligen Tages , der mit dem Streit um des Teufels Existenz begonnen hatte , einen tüchtigen Verweis ; aber trotz dieser Sühne war nun doch der trauliche Gedankenaustausch zwischen den beiden alten Freundinnen gründlich gestört , dergleichen Unregelmäßigkeiten in ihrem exemplarischen Hauswesen brachten Tante Bärbchen leicht um ihr inneres Gleichgewicht . Man kehrte nicht mehr in die Laube zurück , und der Besuch entfernte sich . Eine halbe Stunde später lag das alte Haus der Hofrätin im tiefsten Schweigen ; aber wenn auch die fest verrammelten Türen und Fensterladen wacker jeden fremden Eindringling abwehrten , so konnten sie doch nicht verhindern , daß sich die Celloklänge aus dem Turmzimmer durch ihre Ritzen stahlen und als hinreißende Melodieen durch Lilli ’ s Stübchen rauschten . Das waren andere Klänge , als die gestern Abend gehörten ! Bald erhoben sie sich im wilden Jubel und rissen die Seele des Hörers mit in ihren berauschenden Strudel , dann irrte es wieder klagend durch die Saiten , in jedem Ton aber bebte und glühte die Leidenschaft . … Lilli hatte die Fensterflügel geöffnet und preßte ihre heiße Stirn an den Laden . Sie fühlte fort und fort das große , feurige Auge des Blaubartes auf sich ruhen , und inmitten all der geheimnißvoll flüsternden oder entfesselt dahin brausenden Töne hörte sie seine Stimme in jenem seltsamen Gemisch von Scherz und Bitterkeit , wie sie vom verlorenen Frieden sprach . Es war gut für Lilli ’ s eigentümlich aufgeregten Seelenzustand , über den sie selbst keine Klarheit erlangte , daß nun Tage der Zerstreuung folgten . Visiten in Tante Bärbchens sehr ausgedehntem Bekanntenkreise und Gegenbesuche füllten beinahe den ganzen Tag aus ; auch wurden Ausflüge in die Umgegend gemacht . Die öftere Abwesenheit vom Hause , der Verkehr mit Altersgenossinnen und das Wiederbetreten alter , entfernter Lieblingsplätze , all dies schwächte allmählich die Eindrücke der ersten Tage ab und gab ihr [ 466 ] wenigstens zum Teil die frühere Unbefangenheit zurück . Das konnte um so leichter geschehen , als sie nicht viel an die Nachbarschaft erinnert wurde . Die Hofrätin hielt unverrückbar fest an ihrem Ausspruch , daß mit ihrem Willen kein Ziegel an dem Pavillon fortgerückt werden solle , betrat nie jenen Teil des Gartens und erwähnte den Vorfall mit keiner Silbe . Sie hatte die Absicht , den Feind sein Zerstörungswerk vollenden zu lassen , so weit das Recht ihm zustand , und dann den Rest des Häuschens durch eine Rückwand zu stützen und zu erhalten , somit meinte sie , nach Kräften der Pietät zu genügen . Aber der alte Sauer , der hier und da nachsah , erzählte Lilli heimlicherweise , daß das Loch in der Wand sich nicht vergrößere ; er könne sich gar nicht denken , was daraus werden solle , und dabei käme es ihm vor , als steige öfter Jemand durch die Wandöffnung , denn der Schutt auf dem Fußboden sähe ganz zertreten aus , und draußen auf dem Kiesweg fände er immer frische Kalkspuren , die nur an den Füßen dahin getragen sein könnten . Der Turm schaute freilich nach wie vor herüber in den Garten , aber hinter den vier Fenstern , die ihn früher völlig durchsichtig gemacht hatten , hingen plötzlich dichte , schwerseidene Vorhänge . Manchmal , wenn die Fensterflügel offen standen , konnte Lilli von der Frühstückslaube aus sehen , wie sich diese Damastfalten leise bewegten ; ja es sah aus , als erschiene ein schmaler , dunkler Spalt in Mitte derselben , und das junge Mädchen dachte dann an die verhangenen Fenster im Orient , hinter denen die Augen der Odalisken sprühen , und sah im Geiste jene zwei zarten Hände , „ die wie von Marzipan , und an denen es blitzte wie Karfunkel “ , die knisternde Seide lauschend und vorsichtig Teilen ; sie vermutete , daß die Fremde jetzt den Turm bewohne . Das Cello hatte sie nicht wieder gehört . Sonderbar , schien es doch fast , als ob sich die Töne vor lautem Geräusch und lebhafterem Menschenverkehr versteckten ! Seit Lilli ’ s Besuchen in der Stadt brachte beinahe jeder Abend eine Schaar junger Freundinnen , die den Tee bei Tante Bärbchen tranken ; dann brannte bei einbrechendem Dunkel die Lampe in der Frühstückslaube , und man blieb , ganz gegen die Hausordnung der Hofrätin , meist bis um elf Uhr zusammen . In diesen Kreisen wurde der Name des Nachbars nie genannt , man respectirte streng Tante Bärbchens Wünsche ; nur hier und da fragte wohl eines der jungen Mädchen flüsternd , ob Lilli den verrufenen Einsiedler nebenan noch nicht gesehen , eine Frage , deren Beantwortung sie geschickt zu umgehen wußte . Freilich wurde damit auch stets seine Erscheinung vor ihr inneres Auge heraufbeschworen , und obwohl sich ihr Gründe genug aufdrängten , in ihm einen Schuldbelasteten zu sehen , zuckte doch jedes Mal ein geheimes Weh durch ihr Inneres , und sie hatte mit einer Art von schmerzlicher Entrüstung zu kämpfen , wenn ein fremder Mund seinen Namen mit Verachtung nannte . Aber sie grübelte mit Recht nicht über diese ihr neuen , seltsamen Empfindungen , und wer sie sah , wie sie mit dem ganzen Behagen des Kindes ihre kleinen Füße in den hohen Graswuchs der Wiesenplätze versenkte , oder im Wettlauf den Berg hinaufflog , der ahnte nicht , daß im Grunde ihrer Seele ein verschwiegenes Etwas liege , aber so tief , tief drunten , daß nicht einmal die Augen einen Strahl davon wiederspiegelten . Ein beträchtliches Stück des Buchenwaldes , der hinter dem Hause begann und welcher die von da an ziemlich steil in die Lüfte steigende Bergwand bedeckte , gehörte zu Tante Bärbchens Besitzung . Sauer hatte unter unsäglichen , jahrelangen Mühen einen Schlangenpfad durch das wildverwachsene Unterholz gebahnt , und dieser Weg war mit der Zeit sein Steckenpferd geworden . Wie die Hofrätin behauptete , hatte er die Massen großer , hübsch abgerundeter Bachkiesel , die den Weg befestigten , allmählich in den Rocktaschen hinaufgetragen . Der Pfad mündete hoch droben unter einer schönen Buche , an deren Stamm eine sehr dürftige , aus Aesten zusammengenagelte Bank stand . Dies Gesammtwerk seiner Hände und Ausdauer nannte Sauer stets mit unbeschreiblichem Pathos „ die Anlagen “ . Sein schmunzelndes Gesicht ließ sich nur schwer wieder in die ursprünglichen , würdevollen Falten bringen , wenn er sah , daß die jungen Damen vor dem Teetrinken erst noch einmal auf seinem Weg den Berg hinaufeilten , um frische Bergluft zu atmen und Jubelrufe hinauszuschicken in die weite Welt . An einem Sonntagmorgen trat Lilli aus der Tür , die nach dem Walde führte . Sie war bis dahin nie allein droben aus dem Berg gewesen und hatte dies jedes Mal unangenehm empfunden ; denn das oft sehr gedankenlose Plaudern und laute Lachen ihrer jugendlichen Begleiterinnen störte häßlich die feierliche Stille , den geheimnißvollen Reiz des Waldes . Heute wollte sie droben sein , wenn die Kirchenglocken der Stadt anhoben ; sie hatte sich deshalb von dem sonst unerläßlichen Gang zur Kirche bei Tante Bärbchen frei gemacht . Während sie die Tür hinter sich schloß , fiel ihr Blick unwillkürlich auf das Turmfenster des Nachbarhauses , die Vorhänge waren in heftiger Bewegung . Offenbar war Jemand bei ihrem Aufblicken rasch vom offenen Fenster zurückgetreten ; höchstwahrscheinlich die arme Gefangene , deren Augen vielleicht neidisch dem jungen Mädchen folgten , wie es flinken , ungehemmten Fußes den Berg hinauflief . Lilli saß bald droben auf der Bank . Die prächtige Rotbuche stand wie ein vorgeschobener Posten ziemlich isolirt außerhalb des Waldes . Kurzer , trockener Graswuchs bedeckte den hier sehr steil abfallenden Berg ; aber diese kurze Strecke zu Lilli ’ s Füßen sah aus wie eine niedrige , von einem verblichenen Teppich bedeckte Stufe , so täuschend schloß sich das blühende Gelände drunten im Tal an seine äußerste Linie . Das Sonnenlicht , ob es auch glühende Tinten über den unbedeckten Himmel , die gewaltigen Bergrücken und das Ackerland voll wogender Halme hinwarf , hatte noch wenig Macht über die taufunkelnde Frische des Morgens . Drunten auf den Dächern der Stadt lagen noch Schatten und sonntägiges Schweigen ; aber auf dem Heerd brodelte wohl der braune , erquickende Morgentrank ; in einzelnen , leichten Wolken floh der Rauch aus den Schornsteinen , er zerstob sofort wie geblendet und erschrocken in der sonnenklaren Luft , oder flüchtete sich , von einem feinen Lufthauch getrieben in dünnen , durchsichtigen Streifen nach dem alten , finsteren Kirchturm ; allein auch da blitzte es eben hell auf über dem dunklen Schieferdach , ein Sonnenstrahl hatte den Turmknopf erreicht und schlüpfte zugleich in die Luken der Glockenstube , und , als solle sich das tausendjährige ägyptische Wunder der Tonerweckung hier erneuen , schwebte in diesem Augenblick der erste Glockenklang hinaus in die Lüfte . Tauben und Dohlen verließen , entsetzt aufkreischend , das Turmdach ; noch einen Moment kreisten sie ängstlich über der Stadt und rauschten dann nahe an Lilli ’ s Füßen vorüber weit , weit hinaus , wo sie als sonnenbeschienene Pünktchen auf das Feld niedersanken . Lilli hatte ihren Flug verfolgt , aber dann kehrte ihr Blick geblendet zurück und haftete auf ihrer nächsten Umgebung . Neben der Bank lag ein großer Felsblock , vor Zeiten mochte ihn das Schneewasser vom Berggipfel herabgerissen haben ; er hatte es in seiner isolirten , Wind und Wetter preisgegebenen Stellung für geeignet gehalten , sich in eine dicke , warme Moosdecke zu hüllen . Lange Brombeerranken kletterten über seinen Rücken , und an seiner Basis , da , wo die Sonne sich nicht breit machen durfte , zog sich ein Streifen frischgrüner Halme hin , zwischen denen sogar einige versprengte , zarte Waldblumen nickten . Die Moosdecke wimmelte von Käfern und anderem kleinen Getier , das blutwenig von der Sabbatfeier zu wissen schien und sich rührig unter dem Urwaldsdunkel der Brombeerblätter tummelte . Lilli bog sich nieder und beobachtete sinnend und ergötzt diese kleine Welt voll wichtiger Geschäfte und Sorgen . Sie überhörte dabei , daß es plötzlich hinter ihr rauschte und knisterte , als ob ein starker Arm das Gestrüpp Teile , zudem dämpfte der weiche Waldboden die sich nähernden raschen Schritte . „ Forschen Sie nicht nach Runenzügen ; die alten Germanen haben einen Zauber hineingelegt , er könnte verderblich auf Sie zurückwirken ! “ sagte plötzlich die Stimme des Blaubartes scherzend hinter ihr . Hätte sich in diesem Augenblick die Erde vor ihr aufgetan , um unterirdische Gestalten emporsteigen zu lassen , sie hätte in keine größere Aufregung versetzt werden können , als durch die unerwartete Nähe dieses Mannes ; aber trotz des heftigen Schreckens , der sie durchzuckte , blieb sie doch im ersten Moment unbeweglich . „ Ich gebe gern zu , “ fuhr er fort – die schwache Lehne der Bank erzitterte leicht unter seiner Hand – „ daß auch die Steine reden können ; muß man aber deshalb einer bittenden menschlichen Stimme sein Ohr verschließen ? “ Welches Ausdrucks war doch gerade diese bittende menschliche Stimme fähig ! Lilli hatte den Kopf noch nicht nach ihm umgewendet , und doch zweifelte sie nicht , daß , während seine Lippen zu scherzen versuchten , ein Blick voll Groll und Weichheit zugleich auf ihr ruhe . Aber jetzt galt es , diesen unerklärlichen Zauber für alle Zeiten abzuwehren . Die Warnung der Tante und ihre eigenen [ 467 ] kühnen Vorsätze standen mit einem Mal wie in riesengroßen Lettern vor ihr ; sie erhob sich und wollte , ohne zu antworten , mit einer Verbeugung an ihm vorüberschreiten ; ohne es zu wollen , sah sie dabei flüchtig zu ihm auf . Er stand , die Hand noch auf die Banklehne stützend , ernst und hoch aufgerichtet da ; er machte nicht die geringste Bewegung , das junge Mädchen zurückzuhalten ; allein in seiner ganzen Haltung lag plötzlich eine solche Hoheit , so viel Männerstolz , daß sie unwillkürlich ihre Schritte hemmte und den Blick senkte vor seinen sprühenden Augen , die weit eher strafend , als entrüstet auf sie niedersahen , während er mit beherrschter Stimme sagte : „ Ich habe nicht an unsere allgemeinen Umgangsformen appellirt , die , echt deutsch , pflichtschuldigst fremde Grimassen nachäffen , ich sage , nicht an sie habe ich appellirt , wohl aber an die Höflichkeit des Herzens , als ich abermals wagte , Sie anzureden . … Ich würde mich bescheiden und einen neuen Irrtum in meinem Leben beklagen , wüßte ich nicht zu viel von Ihnen … Aber ich weiß , daß Sie dem Alten , der allwöchentlich sein Almosen bei der Hofrätin Falk holt , mit liebenswürdigem Lächeln seine kindischen Fragen beantworten und in unerschöpflicher Geduld sein Klagen anhören und ihn zu trösten suchen ; ich weiß , daß Sie die seltene Gabe haben , in verbindlicher und schmeichelhafter Weise zuzuhören , wenn die alten Freunde Ihrer Tante sprechen , und stets schlagfertig und mit Geist zu antworten wissen , sobald Sie in das Gespräch gezogen werden ; ich weiß ferner , daß Sie Ihre Umgebung voll sprudelnden Muthwillens necken , und daß Sie lachen , so lieblich und herzerquickend lachen können , wie ein Kind , das noch keinen Raum hat für Haß und dergleichen unselige Dinge . Ich weiß … doch wozu noch fernere Beweise ! Es genügt , zu wissen , daß Sie dies Alles vor mir zu verleugnen suchen . … Noch halte ich den glücklichen Wahn fest , ja , ich bin selbst bewußt genug , zu denken , daß diese Unfreundlichkeit nur in dem leidigen Dorn ’ schen Familienzwist wurzelt . … Ich sah Sie auf den Berg gehen und bin Ihnen gefolgt , um Sie daran zu erinnern , daß ich noch eine Frage gut habe ; lassen Sie mich dieselbe in eine Bitte umwandeln : Uebernehmen Sie die Vermittlung zwischen der Hofrätin Falk und mir und bewirken Sie eine mir sehr wünschenswer te Aussöhnung . “ Er hatte in sehr ernstem , nachdrücklichem Ton gesprochen , und es kam ihr vor , als sei sie heute zum ersten Mal in ihrem Leben mit allem Recht und in sehr beschämender Weise gescholten worden … Aber wer war es , der sich unterstand , sie zur Rechenschaft zu ziehen für ihr Benehmen ? Seine Beweisführung erschreckte und verdroß sie zugleich ; wie kam er dazu , alles das zu wissen ? Hatte er sich unterfangen , Erkundigungen über sie einzuziehen ? … Und nun fußte er gar auch noch auf diesem unehrenhaften Spionirsystem und appellirte im Hinblick auf seine Aushorchereien an ihre menschenfreundlichen Gesinnungen ! … Wieder trat Tante Bärbchens Warnung vor ihre Seele und die Gestalt der geheimnißvollen Unbekannten schwebte mahnend an ihr vorüber … Sie warf den Kopf zurück mit jener allerliebsten Bewegung , die Trotz und Opposition in jeder Linie ausdrückte ; dabei vermied sie jedoch wohlweislich , in das Gesicht des „ unberufenen Moralpredigers “ zu sehen , und somit entging ihr das entzückte Lächeln , das einen Moment seine Lippen umspielte . Um ihm zu beweisen , daß sie seinem „ großmütigen “ Auftrag sehr wenig Gewicht beilege , schlug sie geflissentlich einen leichten Ton an , und es erfüllte sie mit großer Genugtuung , daß ihr sogar , diesen durchdringenden Augen gegenüber , eine Beimischung von Ironie vortrefflich gelang , indem sie entgegnete : „ Zu dieser Mission gehört ein mutiges Herz . Bei Ihren eben entwickelten merkwürdigen Kenntnissen aber sollten Sie vor Allem wissen , daß ich ganz und gar nicht tapfer bin , und z. B. ein entsetzliches Grauen vor allen Fehlbitten habe … Es ist sehr unhöflich von mir , Ihre Appellation an die Höflichkeit meines Herzens zurückzuweisen , ich sehe das ein ; aber ich weiß auch , daß ich vor Tante Bärbchen nicht einmal Ihren Namen , geschweige denn die Bitte um Vergeben und Vergessen aussprechen darf . “ „ Wer spricht auch von Vergeben und Bitten ! … Wie das herb und verletzend klingt ! “ unterbrach er sie rauh und auflodernd . Mit derselben Anstrengung jedoch , wie neulich beim ersten Begegnen , suchte er seiner Aufregung Herr zu werden ; nach einem einmaligen raschen Auf- und Abschreiten blieb er mit verschränkten Armen vor dem jungen Mädchen stehen . „ Man ruft Sie Lilli , “ sagte er gepreßt , „ selbst die harte , schwerfällige Stimme der Hofrätin Falk klingt mir sympathischer , wenn sie diese zwei weichen , süßen Klänge ausspricht … Wer das Wesen sieht , dem dieser Ruf gilt , der möchte an ein Blumendasein denken , das geschaffen ist zur Freude und erquickenden Augenweide der Menschen … Sie lieben offenbar dergleichen poetische Illusionen nicht , denn Sie bieten geflissentlich Alles auf , mir dieselben zu rauben … oder sollten Sie wissen , daß gerade in dieser Opposition , in dem Contrast zwischen einem kindlich zarten Aeußeren und einer stets verneinenden , trotzigen Seele Gefahren für Andere liegen , und – doch nein , nein , “ unterbrach er sich selbst in einem eigentümlich reuevollen Ton , als habe er ihr einen schweren Verdacht abzubitten . Lilli hatte jedoch seine letzten Worte gar nicht verstanden ; so scharf und durchdringend auch ihr Denken war , hier , wo die Erfahrung hauptsächlich das Verständniß herbeiführen mußte , genügte es nicht ; ihre Gesinnungen waren zu rein und unschuldig , und deshalb ahnte sie nicht einmal , daß er sich in seiner Gereiztheit hatte hinreißen lassen , sie der Koketterie zu beschuldigen . Er hatte sich abgewendet und schwieg einen Moment . „ Also förmlich verfehmt und verpönt ist mein unglücklicher Name da drunten ? “ frug er endlich mit bitterer Ironie , während seine Hand nach dem Haus der Hofrätin deutete . „ Die alte Frau sollte doch bedenken , daß wir von einem Stamme sind , daß sie einst den Namen getragen hat , den ich führe . “ „ Sie vergessen , daß auch dieses Band nicht mehr existirt – Sie sind von Adel . “ Bei diesem Einwurf des jungen Mädchens , der ziemlich herb klang , wandte er überrascht den Kopf und sah sie durchdringend an , aber gleich darauf erschien jenes sarkastische , überlegene Lächeln in seinem Gesicht , das stets ein Gemisch von Verdruß und Beschämung in ihr hervorrief . „ Die Hofrätin Falk hat mir allerdings noch sehr wenig Veranlassung gegeben , eine ganz besonders hohe Meinung von ihr zu gewinnen , “ entgegnete er , „ allein zu ihrer Ehre will ich trotzdem gern