Ich bitte Sie , liebe Staatsrätin , lassen Sie meinen Kutscher anspannen “ , sagte eine der beleidigten Mütter , „ man ist ja hier seines Lebens nicht sicher ! “ „ Das Souper ist serviert “ , erwiderte die Staatsrätin , „ ich bitte die Damen und Herren mit den Kleinen ins Haus zu gehen ; — für das Leben Ihrer Kinder leiste ich Bürg ­ schaft , so lange Sie meine Gäste sind ! “ setzte sie mit einem feinen , vornehmen Lächeln hinzu . Die sämtlichen Damen riefen nun ihre Töchter und Söhnchen zu sich hin , wie um sie vor den Ränken des kleinen Ungetüms zu schützen , das noch immer wie be ­ täubt und vernichtet drüben auf der Wiese stand und mit blutendem Herzen zusah , wie sich die Kinder lachend und schäkernd an ihre Eltern drängten , wie sie kosten und küßten , zutraulich und ihres süßen Rechts bewußt . — Jedes hatte eine Mutter — oder einen Vater , der es lieb ­ koste — nur sie — sie allein war rechtlos und ausge ­ stoßen , und Niemand dachte daran , daß sie müde und durchnäßt sei — Niemand kümmerte sich um sie . Die reizende kleine Angelika ward von einem Arm auf den anderen gezogen und konnte nicht weg , die Staatsrätin redete den Gästen zu , ihr nicht den Mißgriff anzurechnen , daß sie ein Kind eingeladen , welches sie nicht gekannt , — sie habe doch nimmermehr voraussetzen können , daß Herr von Hartwich seine Tochter so schlecht erziehen lasse . — Ernestine hörte das Alles . Sie vermochte sich nicht mehr aufrecht zu halten , sie sank in die Kniee und verbarg schluchzend ihr Gesicht . Die Staatsrätin konnte jetzt erst loskommen , um für sie zu sorgen . „ O Du arme Kleine , Du bist ja ganz naß und Niemand denkt daran ! “ rief sie mitleidig bei Ernestinens Anblick . „ Geh nur schnell ins Haus und lasse Dir von meinem Mädchen frische Strümpfe und Schuhe anziehen ; rechts neben der Salontür ist mein Schlafzimmer . Gehe ja gleich hinein — hörst Du ? ich kann jetzt von meinen Gästen nicht weg . “ — „ Verzeihen Sie mir — ich bin unschuldig an Allem ! “ stammelte Ernestine . „ Das bist Du im Grunde auch , liebes Kind “ — sagte die Staatsrätin ernst — „ ich bedaure Dich nur — ich zürne Dir nicht ! Aber nun mach ’ und laß Dich umkleiden — ich schicke Dir dann die Speisen auf mein Zimmer , Du wirst gewiß lieber allein essen ! “ Damit eilte sie wieder zur Gesellschaft und in dem ­ selben Augenblicke fuhr ein Einspänner vor , ein jünger Mann von ungefähr zwanzig Jahren und auffallender Schönheit sprang heraus und auf die Staatsrätin zu . „ Mein Johannes “ , rief diese , „ kommst Du doch noch ? Ich hatte Dich nicht mehr erwartet ! “ Der Jüngling küßte ihr die Hand und verneigte sich vor den Übrigen . Das Auge der Staatsrätin ruhte auf ihm mit jenem seligen Stolz , mit dem das Weib nur zwei Menschen im Leben anblickt : einen geliebten Bräutigam und einen wohlgeratenen Sohn . Die Gesell ­ schaft umringte ihn glückwünschend zu dem heutigen Fort ­ schritt auf der Bahn des Gelehrten , die kleine Angelika sprang jubelnd an ihm empor , jedes der anwesenden Kinder wollte eine Hand oder einen Kuß . Es war ein allgemeiner freudiger Aufruhr . Plötzlich rief die Staatsrätin erschrocken : „ Die kleine Ernestine ist fort ! Mein Gott , das durchnäßte zarte Kind , in der kühlen Abendluft , — ich kann es ja nicht verantworten ! Johannes , lieber Sohn — laufe , schnell , hol ’ sie zurück . “ — „ Was denn — wen denn ? “ fragte dieser verwundert . „ Aber , liebe Staatsrätin “ , sagte die Mutter des Jungen , den Ernestinens Wurf getroffen , „ wie mögen Sie sich nur um die Kröte so ängstigen , — die hat ein zäheres Leben als unsere Kinder ! “ Die Staatsrätin streifte sie mit einem verächtlichen Blick und fuhr zu Johannes gewendet fort : „ Es ist ein blasses , ärmlich gekleidetes Mädchen von etwa zehn bis elf Jahren , — Du kannst sie nicht verfehlen , wenn Du auf der Straße nach Hartwichs Gute gehst — es ist dessen Tochter . Eile , Johannes — eile ! “ — Dieser gehorchte sogleich und sie führte nun ihre Gesellschaft zu der glän ­ zenden , reichbesetzten Tafel . Ernestine lief indessen , so schnell sie konnte , durch das Gehölz und atmete erst auf , als sie das Haus hinter sich hatte , in dem es ihr so schlecht ergangen war . Jetzt ließen aber auch ihre Kräfte nach , die nassen engen Schuhe und Strümpfe klebten kalt und bleischwer an ihren Füßen und lähmten ihre Schritte , sie fühlte jetzt erst , daß sie einen nagenden Hunger habe und es drängte sich ihr die erste Nahrungssorge ihres kurzen Lebens auf , — denn sie zweifelte , daß ihr Jemand noch so spät etwas zu essen geben werde ; es war ja schon dunkel und bis sie nach Hause kam , mußte es halb zehn Uhr werden , — da lag Frau Gedike längst zu Bett . Und doch war das noch nicht das Schlimmste , was ihr bevorstand , der Stroh ­ hut , dessen Rand sie immer noch um den Hals hängen hatte , — der zerrissene Strohhut brachte ihr sicher da ­ heim eine schwere Züchtigung . Sie setzte sich auf einen Hügel am Saume des Wäldchens und nahm die Krempe herunter , um sie zu betrachten und zu überlegen , wie sie Wohl wieder an das Deckelchen zu befestigen sei , das sie in der Hand trug . Der Baum über ihr schüttelte teilnehmend den Kopf und warf ihr eine Menge Blätter und Käferchen auf die wirren Locken herab . Sie achtete nicht darauf , schwer drückte die Überzeugung ihr kleines Herz , daß sie nicht im Stande sei , das Strohhütchen zu sticken , bevor es Frau Gedike sähe . Träne um Träne stoß auf die Bruchstücke nieder und die nassen großen Augen schim ­ merten im Mondlicht aus dem bleichen Gesicht hervor wie Leuchtkäfer aus dem Kelche einer Lilie . — Sie schrak heftig zusammen , als plötzlich Jemand vor ihr stand und sie erkannte , daß es der junge Mann sei , dessen Ankunft im Schlosse sie benützt hatte , um zu entfliehen . Er be ­ trachtete sie eine Weile still , dann sagte er : „ Bist Du das kleine Mädchen , das heute bei uns war und heimlich fortlief ? “ „ Ja “ — stammelte Ernestine . „ Warum tatest Du das ? “ fragte er weiter . Ernestine antwortete nicht , sie schämte sich vor Jo ­ hannes , wie vor Keinem von der Gesellschaft . Er war so ganz anders als die Leute im Schloß , so mächtig an ­ zusehen und so stolz — er mußte sie noch mehr ver ­ achten , als es die Andern taten , denn er war viel schöner und vornehmer und gewiß mehr wert als Alle . — Sie wagte nicht , zu ihm aufzuschauen , sie fürchtete , es treffe sie wieder einer jener schrecklichen Blicke , die sie noch jetzt in der Erinnerung folterten . — Da nahm sie der junge Mann bei der Hand und sagte mitleidig : „ Nun , Du kleine blasse Dryade3 — kannst Du nicht reden ? Willst Du mit mir gehen oder ziehst Du vor , heute Nacht in Deinem Baume zu hausen ? “ „ Ich will heim ! “ sagte Ernestine . „ Heim laß ich Dich nicht — ich muß Dich meiner Mutter bringen , sie hat Angst , Du könntest Dich erkälten , — komm ! “ Ernestine fuhr erschrocken zurück — „ dorthin gehe ich nicht mehr . “ „ Warum denn nicht , — was haben sie Dir denn getan ? “ „ Sie haben mich verhöhnt und beschimpft “ — schrie das gereizte Kind , „ sie verachten mich und ich will mich nicht verachten lassen — ich will nicht ! “ Der junge Mann stand nachdenklich vor ihr . „ Und wenn ich auch häßlich bin “ — fuhr sie fort , „ und arm bin und schlecht erzogen und ungeschickt , — ich will doch nicht behandelt sein , wie ein Hund ! “ Ihre Stimme bekam einen Anflug von Verzweiflung , ihre Brust rang nach Atem in dem engen Kleidchen , ihre Zähne schlugen vor Frost und Erregung aneinander . „ Du armes Kind “ , — sagte Johannes , „ sie müssen Dir arg mitgespielt haben , aber meine Mutter war doch wohl gut mit Dir ? “ „ Ja — die war gut , — aber zuletzt wurde sie mir auch gram , ich hörte es , wie sie ’ s zu den Andern sagte und auf mich schalt . Und ich will sie nicht mehr sehen , nie mehr , bis ich groß bin und gescheit und auch ein so feines Benehmen habe wie sie ! “ „ Weißt Du denn so gewiß , daß Du einmal so gescheit wirst ? “ fragte Johannes lächelnd . „ Ja , der Lehrer sagt ’ s immer und der alte Herr meinte auch , wenn ich ein Bube wär ’ , würde etwas aus mir . O — es soll doch was draus werden — wenn ich auch nur ein Mädchen bin , ich will mir nicht immer die Buben vorhalten lassen — und wenn ich nur erst groß bin , dann sollen sie ’ s schon sehen , daß ein Mädchen so viel wert ist , wie ein Junge , dann sollen alle die schlechten bösen Menschen Respekt vor mir haben — und wenn ’ s nicht so wird , will ich lieber sterben ! “ „ Drolliges Kind ! “ lachte Johannes . „ Du würdest schön zappeln , wenn Dir ’ s einmal an Hals und Kragen ginge , — und schau , wenn Du noch lange hier mit mir in dem Nachtwind stehst , dann erkältest Du Dich und dann könnte Dir ’ s passieren , daß Du sterben müßtest , ehe Du so gescheit geworden , wie Du Dir ’ s vorgenommen hast , — denke , das wäre arg ! “ Mit diesen Worten wollte er das Kind mit sich fortziehen , aber sie riß sich los und klammerte sich an das Buschwerk , das sie umgab . — „ Nein , nein “ , bat sie atemlos , „ lieber Herr , lassen Sie mich , — nehmen Sie mich nicht wieder mit aufs Schloß , — bitte , bitte — nur nicht wieder dorthin ! “ „ Eigensinniges Ding , Du mußt mit “ , lachte Johannes , „ glaubst Du , ich werde jetzt ohne Dich zurückkehren , nachdem ich Dir nachgehetzt wurde , wie einem verlorenen Schlaf — meine Mutter sperrte mich ja drei Tage lang bei Wasser und Brot ein — wenn ich Dich nicht brächte , — das wirst Du doch nicht wollen ? “ „ Ach — Sie machen sich auch nur über mich lustig , — ich will nicht mit Ihnen gehen — ich will nicht ! “ schluchzte Ernestine . „ Ich will nicht ? Ei ! sagt man so , wenn man noch solch ein kleines schwaches Mädchen ist , das einer mir nichts dir nichts auf dem Arm davon tragen kann ? “ mit diesen Worten hob Johannes Ernestinen gutmütig auf seine Schulter und wollte mit ihr nach dem Schlosse zurückkehren . Doch sie vermochte von dieser Höhe aus einen überhängenden Zweig der Eiche , unter der sie standen , zu ergreifen und ehe sich ’ s Johannes versah , hatte sie sich hinaufgeschwungen und kletterte wie ein Eichhörnchen von Ast zu Ast empor . „ Das wird hübsch ! “ rief Johannes , den der Vorfall ungemein belustigte , — „ also doch am Ende eine ver ­ kleidete Dryade ? Nein , einen solchen Fang darf man sich nicht entkommen lassen , es hätte mir freilich nicht geträumt , als ich heute mein Examen bestand , daß die erste Tat des neuen Herrn Doktors sein würde , einem eigensinnigen kleinen Mädel auf die Bäume nachzuklettern — indessen ist die Episode immer noch poetischer , als meinen alten Examinatoren Trepp auf , Trepp ab nach ­ zusteigen und Kratzfüße zu machen . “ Er hatte wahrend dieses Selbstgesprächs den Rock ausgezogen und schwang sich nun mit einem Satze auf den Baum . Aber als er Ernestine ergreifen wollte , rückte sich diese an die äußerste Spitze des Astes hinaus , auf dem sie saß . Nun war sie für Johannes unerreichbar , auf den dünnen Ast konnte er ihr nicht nach , denn dieser krachte und schwankte unter der geringen Wucht des Kindes schon so bedenklich , daß Johannes den Moment nahen sah , wo er brechen mußte . Aus dem Scherz war ihm banger Ernst geworden ; wenn die Kleine fiel , so stürzte sie die doppelte Höhe herab — die des Baumes und die des Hügels , auf dem er stand . Schnell besonnen gab Johannes seine Verfolgung in den Zweigen auf und sprang herab , um sich unter den Baum zu stellen und Ernestine wo ­ möglich in seinen Armen aufzufangen ; da sah er erst , wie hoch es oben war und der Schatten , den eine vor den Mond getretene Wolke warf , ließ ihn die Gestalt und Richtung , welche sie im Sturze nehmen konnte , nicht genau erkennen , das erhöhte seine Angst . Die Verantwortung für ein Menschenleben war ihm plötzlich in ihrer ganzen Schwere aufgebürdet ; wenn er das fallende Kind nicht erhaschte , so mußte es entweder als eine Leiche oder doch mit zerschlagenen Gliedern unten liegen . Dazu erschwerte es ihm noch der abschüssige Hügel , einen festen Stand zu fassen — wie er sich stemmte , er rutschte immer wieder . Das Blut stieg ihm siedend heiß ins Gesicht , sein Herz schlug hörbar , mit ausgebreiteten Armen starrte er in qualvollster Spannung zu dem Kinde hinauf , das über ihm hing , ohne an die Gefahr zu denken , in der es schwebte . „ Kleine “ , rief er atemlos , „ der Ast , auf dem Du sitzest , trägt Dich nicht , klettere schnell zurück , sonst gibt ’ s ein Unglück ! “ „ Ich komme nicht eher herunter , als bis Sie mir versprechen , mich nicht aufs Schloß zu führen ! — Ich falle nicht ! “ rief sie keuchend herab und griff nach einem starkem Zweige über ihr , aber dieser schnellte empor und sie behielt einige Reiser in der Hand . „ Ich verspreche Dir Alles , Alles , was Du willst ! “ schrie Johannes in höchster Angst , „ nur rasch zum Stamm zurück — schnell , schnell ! “ Jetzt krachte der Ast , — mit einem Ruck hatte sich die Kleine dem Stamme zugeschwungen , wahrend unter ihr der Zweig geknickt herabfiel . In tödlichem Schrecken hielt sie nun den stärkeren Stumpf umklammert , der noch aus dem Stamm herausragte und als Johannes emporkletterte , um sie zu holen , und sie endlich seine Schulter erreichen konnte , da schlang sie zitternd und willig die dünnen Ärmchen um seinen kräftigen Hals . Mühselig stieg Johannes mit dem Kinde wieder herab und kam mit wundgeritzten Armen und zerfetzten Hemdärmeln unten an . Er stellte Ernestinen vor sich auf den Boden und trat , sie stumm betrachtend , einen Schritt von ihr weg , dann trocknete er sich den Schweiß von der Stirn und begann endlich , nachdem er sich gesammelt und tief Atem geschöpft hatte , ernster als bisher : „ Weißt Du , was ich jetzt täte , wenn ich Dein Vater wäre ? “ Ernestine blickte fragend zu ihm auf . „ Ich gäbe Dir tüchtig die Rute , — dann würde Dir ’ s schon vergehen , die Leute in solche Angst zu bringen , um Deines leidigen Eigensinnes willen ! “ Diese Worte , die der junge Mann in Unmut über die ausgestandene Qual hinwarf , hatten eine furchtbare Wirkung auf das Kind . Es stieß einen durchdringenden Schrei aus und warf sich verzweifelnd zur Erde : „ O , schlagen , schon wieder schlagen — der auch , der auch ! — O , wer schlägt mich denn nicht , wer tritt mich den nicht mit Füßen , wer hat denn Erbarmen mit mir ? “ schluchzte sie immer wilder ausbrechend . „ Guter Gott “ , sagte Johannes halb mitleidig , halb unwillig , „ was für ein Kind bist Du ! Erst kletterst Du mit Todesgefahr auf die Baume , um Deinen Eigensinn durchzusetzen , und dann wirft Dich ein einziges tadelndes Wort zu Boden . Ist mir schon so etwas vorgekommen ? ! “ Dabei hob er sie auf und hielt sie mit beiden Händen vor sich in der Luft , sie im Mondschein betrachtend , wie man etwa ein seltenes Tier oder sonst eine absonderliche Naturerscheinung betrachten würde . „ Das ist nun ein Ding “ , sagte er mehr zu sich selbst als zu Ernestine , „ ein Ding , so klein und zart , daß man es mit einem Griff zerdrücken könnte ; aber in dem dünnen Hirnschädelchen sitzt ein so starker Wille , daß man trotz aller Überlegenheit gezwungen wird , ihr zu gehorchen , und das enge Brustkästchen birgt ein so wild schlagendes , ungestümes Herz , daß man unwillkürlich mit fortgerissen wird . Nun soll mir Einer sagen , wie das zugeht , welch seltsame Mischung dieses Menschen-Exemplar hervorgebracht hat . Weine nicht mehr , Kleine , ich meine es mit Dir ja gut — was das Mädchen für Augen hat ! — Du bist ein merkwürdiges Kind — aber erziehen möchte ich Dich nicht ; Du kannst Einem was zu raten aufgeben , und mit Gewalt oder Schlägen wärst Du am Ende nicht einmal zu zwingen ! “ Mit diesen Worten stellte er sie wieder zur Erde und hob seinen Rock auf , um ihn anzuziehen . Da fiel ihm ein schwerer harter Gegenstand in der Tasche des Paletots auf , er sah nach , was es sei , und zog ein Buch in prachtvollem Einband hervor . „ Ach “ , rief er heiter , „ das hab ’ ich ganz vergessen ! Kannst Du lesen ? “ Ernestine nickte , — sie war froh , daß sie nicht nein zu sagen brauchte — wie würde sie sich geschämt haben ! „ Nun , das ist Recht ! “ sagte der junge Mann und Ernestine war stolz auf dieses erste Lob , das sie heute bekam , sie nahm sich vor , nun doppelt fleißig zu werden , um gelegentlich einmal wieder solch ein „ das ist Recht ! “ zu hören . Johannes drückte ihr das Buch in die Hand : „ Schau , das soll Dein sein , damit Du doch an dem schlimmen Tage etwas Gutes mit nach Hause nimmst . Es sind hübsche Märchen , ich wollte sie meiner Schwester Angelika mitbringen und konnte sie ihr nicht geben , weil ich Dir gleich nachlaufen mußte . Nun freut mich ’ s , daß ich das Buch noch habe und es Dir schenken kann ! “ „ Ja — aber Angelika ? “ fragte Ernestine zögernd . „ Die bekommt morgen ein anderes , nimm ’ s nur — und lies das Märchen vom häßlichen jungen Entlein , das wird Dich trösten , wenn die Leute bös mit Dir sind . Da , nimm ’ s , besinne Dich nicht so lange . “ Das Kind griff nun nach dem Buche so behutsam und unsicher , als sei es ein wirkliches Märchenbuch , das heißt ein solches , das ihr in der Hand wieder zu Nichts zer ­ rinnen könne . Als sie es dann hatte und es nicht ver ­ schwand und sie endlich an das unerhörte Glück , solch ein Geschenk zu bekommen , glauben lernte , brachte sie nur ein kaum hörbares : „ Danke — vielmals ! “ heraus , aber der Blick , mit dem sie das Wort begleitete , rührte Johannes . „ Du erhältst wohl selten Geschenke ? “ fragte er . „ Niemals ! “ „ O — Du scheinst wirklich in keiner besonders zärt ­ lichen Umgebung zu leben . Bekommst Du denn von Deiner Mama nie etwas ? “ „ Ich habe keine Mutter , sie ist ja gestorben , weil ich kein Junge war ! “ „ Eine eigentümliche Todesart “ , bemerkte Johannes halb humoristisch , halb mitleidig . „ Ach , wenn ich eine Mutter hätte , da wäre gewiß Alles anders . “ Ein paar große Tränen rollten ihr über die Wangen . „ Höre Kindchen “ , sagte Johannes nach einer Pause weich , „ ich habe eine gute Mutter , ich will sie mit Dir teilen , ein halbes Mutterherz ist immer besser , als gar keines . Komm mit mir nach Hause , Du sollst mein Schwesterchen sein und wirst schon auftauen , wenn Du uns einmal näher kennst . “ Ernestine schüttelte lebhaft den Kopf . Der Gedanke , auf das Schloß zurückzukehren , erfaßte sie wieder mit allen Schrecken . „ Nein , nein , niemals ! “ rief sie ängstlich , „ Ihre Mutter würde mich doch nicht lieb haben , gewiß nicht ! Sie versprachen mir vorhin , daß Sie mich zu nichts zwingen wollen , — und wenn Sie denken , ich solle Ihnen nun folgen , weil Sie mir das Buch geschenkt haben , dann will ich ’ s lieber nicht , — da nehmen Sie ’ s wieder , ich mag ’ s nicht mehr ! “ Johannes wies mit unwilliger Handbewegung das dargebotene Buch von sich . „ Behalt ’ s “ — sagte er kalt , „ ich schenkte Dir ’ s ohne Bedingungen , — ich dachte nur , die Freundlichkeit , mit der ich Dir ’ s gab , hätte Dich weicher gemacht und fügsamer , aber ich täuschte mich , — Du bist auch durch Güte nicht zu bewegen . Schade um ein so früh verhärtetes Herz . “ — Ernestine stand regungslos mit niedergeschlagenen Augen , sie atmete kaum ; was jetzt in ihr vorging , war so neu , so ganz anderer Art , als Alles , was sie bisher empfand , daß es vergebens nach einer Kundgebung rang , ihr kindlicher Mund fand kein Wort dafür . Es war ein Schmerz , ein tieferer , und doch kein so bitterer als alle früheren , sie haßte den nicht , welcher ihn ihr zufügte , wie die Andern , — sie hätte seine Hand küssen und ihn fuß ­ fällig um Verzeihung bitten mögen , aber sie wagte es nicht . „ Nun ? “ fragte er nach einigem Schweigen , „ soll ich Dich nach Deinem Hause führen ? “ Ernestine schüttelte den Kopf . „ Auch das nicht ? Willst Du allein gehen ? “ fragte er ungeduldig weiter . Ernestine nickte . „ Nun , — ich habe versprochen . Dir den Willen zu tun , und was ich versprach , halte ich , obgleich es gegen mein Gewissen ist , Dich so allein durch die Nacht laufen zu lassen . Erlaube mir wenigstens , daß ich Dich über die Felder führe , — bist Du denn stumm geworden ? “ Ernestine richtete ihre großen traurigen Augen so bittend auf ihn , daß er aufs Neue aus der Fassung kam . „ Du kannst einen Menschen verrückt machen , rätselhaftes Geschöpf . Wer hat Dich diesen Blick gelehrt , diesen Blick einer schönen Seele , die ein böser Zauberer in den Leib eines Koboldes gebannt ? Gott weiß , was aus Dir noch wird ! — Du willst mich also nicht mithaben ? Nein ? Fürchtest Du Dich denn nicht ? Kopf ­ schütteln , nichts als Kopfschütteln ! So geh ’ — ich kann Dich nicht zwingen ! Leb ’ wohl denn ! “ — er reichte ihr die Hand ; sie ergriff dieselbe hastig , drückte sie mit leidenschaftlicher Innigkeit und lief , so schnell sie ihre Füße trugen , querfeldein . Johannes ließ sie einen Vorsprung gewinnen und folgte ihr dann in einiger Entfernung , er wollte das hilflose Kind nicht den Weg ganz allein machen lassen . Sie lief , ohne sich umzusehen , als hätte sie Flügel , aber Johannes bemerkte , daß sie unterwegs das Buch mehrmals küßte und wie ein lebendiges Wesen ans Herz preßte . Als endlich Ernestinens Haus sichtbar wurde , blieb er stehen : „ Gott sei dem Manne gnädig , der die einmal zur Frau bekommt ! “ dachte er und kehrte langsam um . — Ernestine trat klopfenden Herzens in den Garten ihrer freudlosen Heimat ein . Mit mürrischem Gesichte öffnete ihr eine Magd . „ Du kommst spät ! So bist Du aber , erst wolltest Du nicht hin , und nun mochtest Du wieder nicht nach Hause . Immer was Anderes tun , als Du sollst , das ist so Deine Art. “ Ernestine erwiderte nichts . „ Kann ich noch was zu essen haben ? “ fragte sie kurz . „ Zu essen ? Na , auch noch ! Soll ich vielleicht für Dich um zehn Uhr Nachts in den Stall gehen und eine Kuh melken , — wo soll ich denn was hernehmen ? Du weißt doch , daß ich keine Schlüssel habe ! “ „ Ist denn Frau Gedike zu Bett ? “ „ Wenn Du nicht so dumm wärest , hättest Du Dir das denken können . “ „ Mich hungert aber ! “ „ Das geschieht Dir ganz recht , hättest Du Dich dort satt gegessen , — sie werden Dir wohl was gegeben haben in der langen Zeit . “ Ernestine schwieg und ging mit der Magd in die Stube , wo sie schnell ihren zerrissenen Hut in der Kom ­ mode verbarg . „ Ich habe nasse Füße “ , sagte sie fröstelnd , „ geben Sie mir trockene Strümpfe . “ „ Natürlich — wirst wieder in einer Pfütze herumgeplatscht sein und dann soll man in später Nacht noch Wäsche herausreißen . Mach ’ , daß Du ins Bett kommst , jetzt zieht man keine frischen Strümpfe mehr an . Gute Nacht , — ich will jetzt endlich auch zur Ruhe . “ — Damit ging die Magd mit dem trüben Talglicht , das sie hatte , und ließ Ernestine in dem vom Monde matt erhellten Zimmer allein . In dem Kinde grub und nagte schon wieder wie ein verborgener Maulwurf der unterdrückte Zorn über die Grobheit der Dirne . Alles , was sie soeben erlebt hatte , verschwand mit seinem ganzen Zauber vor der rohen Berührung . Dem ersten Hauch einer warmen großen Seele , der die ihre angeweht , hatte sich diese geöffnet wie die Knospe dem Frühlingsatem — der Frost , der nun hineinfiel , tat doppelt weh . — Sie war wieder das alte , verlassene , mißhandelte Kind , dessen Mark und Blut aufgezehrt ward von ohnmächtigem Grimm gegen seine Peiniger . Hatte sie denn die letzte Stunde wirklich erlebt ? Hatte denn wirklich ein Mensch so gut zu ihr gesprochen und noch dazu einer , der schöner und besser war als Alle ? Sie griff hastig nach dem Buche wie nach einem Talisman , es war noch da — war nicht verschwunden — sie hatte Alles in Wirklichkeit erlebt . Und doch war sie gegen den guten , guten Herrn eigensinnig und bös gewesen und hatte es ihm nicht gesagt , wie dankbar sie ihm sei , und er mußte sie nun auch verabscheuen , — es war gar nicht anders möglich . Sie erkannte jetzt , daß sie , um die Achtung eines Menschen wie Johannes zu gewinnen , ganz anders werden mußte . — Wie ? das konnte sie sich selbst nicht sagen , — aber es wallte plötzlich ein unnennbares Etwas in ihrer kleinen Brust auf , das sie über sich selbst hinaushob . Sie blickte mit kindlichem Verlangen zum Himmel und betete : „ Lieber Gott , laß mich gut werden ! “ Dann drückte sie wieder das Buch ans Herz , es war ja ihr kostbarstes Besitztum , ihr erster Freund und der Wunsch erfaßte sie mächtig , heute noch zu sehen , was ihr denn dieser Freund erzählen werde ! Aber im Mondschein konnte sie doch nicht lesen , Licht durfte sie sich nicht ver ­ schaffen , sie schlief bei Frau Gedike , die hätte ihr das Lesen in der Nacht ausgetrieben . Ratlos stand sie da und blickte schmerzlich auf den schönen Einband mit seinen rätselhaften Figuren nieder . Da fiel ihr ein , daß bei ihrem Vater immer eine Nachtlampe brenne ; — das war ein glücklicher Umstand , er mußte benutzt werden . Sie zog mit großer Anstrengung die nassen Stiefelchen herunter und schlich auf den Strümpfen sachte in Hartwichs Zimmer . Der Kranke lag auf dem Rücken und schlief fest . Er schnarchte und röchelte so stark , daß es dem Kinde fast unheimlich wurde , aber es machte sie noch sicherer in ihrem Vorhaben und ermutigt schlüpfte sie am Bette vorbei . Sie setzte sich behutsam hin , öffnete in heißer Spannung das Buch , wendete leise , leise die Blätter um und suchte natürlich zuerst die Geschichte , welche Johannes ihr genannt . Das Buch entielt die reizenden wehmütigen Märchen des nordischen Dichters