am Ende ein ehrliches Herz nichts , und ein fester Wille ? Wäre nur der Amtsrichter hier , und er könnte ihn fragen . – Er hatte während dieser Gedanken die Lampe angezündet . Da lag die verbogene Visitenkarte auf dem Tische , die ihm Tante Rosalie gegeben . » Artur Fredrich . « Er lächelte , als er an den kleinen unbedeutenden Menschen dachte , dem die Schwester ihr Herz geschenkt hatte , und er konnte sich Trudchen nicht neben ihm vorstellen . Endlich ein Gegenbesuch von ihm ! Und da standen ja auch einige mit Bleistift halbverwischte geschriebene Worte : » Bedauert herzlich , Sie nicht getroffen zu haben und bittet , am zweiten Weihnachtsfeiertage ein einfaches Souper in seinem Hause annehmen zu wollen . « Es war die erste Einladung in Trudchens Vaterhaus . Er schrieb sofort ein zusagendes Billett . Dann besann er sich , daß er den Schlitten bestellt habe , um einige Besorgungen in der Stadt für das Fest zu machen . Die Karte wollte er durch den Hausknecht des Hotels hinüberschicken . 66 Das Weihnachtsfest war vorüber , und der dritte Festtag mit Tauwetter und Regen gekommen . Er nahm die leuchtendweiße Schneedecke von der Erde , als sei sie eben auch nur ein Festtagsschmuck gewesen , und für die gewöhnlichen Tage der schwarze Erdboden gut genug . Frau Baumhagen saß recht verdrießlich in ihrem Zimmer am Fenster und schaute über den Markt hinweg . Sie hatte etwas Kopfweh und überdies – heute lag so gar nichts vor , kein Theater , keine Gesellschaft , nicht einmal ein Whist ; und gestern war es bei Jenny sehr langweilig gewesen . Zu guter Letzt hatte sie sich über Gertrud ärgern müssen , die sich gegen alle Gewohnheit lebhaft mit ihrem Tischnachbarn unterhalten hatte , jenem Fremden , der ihr damals in der Kirche nachgelaufen war . Es war eine Ungeschicklichkeit von den Kindern , ihr den Platz an seiner Seite zu geben . » Einen Brief , Frau Baumhagen . « Sophie brachte ein Schreiben in einfachem , weißem Umschlag . » Ohne Poststempel ? Wer hat es abgegeben ? « fragte sie , die Handschrift betrachtend , die ihr völlig fremd erschien . » Ein alter Diener oder Kutscher , ich kenne ihn nicht . « Kopfschüttelnd erbrach Frau Ottilie Baumhagen den Brief und las . Mit hochrotem Gesicht stand sie dann auf und rief : » Gertrud ! Gertrud ! « 67 Das junge Mädchen kam sofort herüber in das Zimmer der Mutter . Die kleine lebhafte Frau war schon an der Klingel gewesen und befahl der eintretenden Sophie : » Rufe die Jenny und meinen Schwiegersohn , aber rasch sollen sie kommen , rasch ! – Gertrud , ich bitte dich , was sind das für Überfälle ! ich muß mich erst sammeln , erst – « » Mama « , bat das Mädchen leicht erblaßt , » laß uns beide allein sprechen – weshalb Jenny und Artur ? – « » Weißt du denn , worum es sich handelt ? « rief die erregte Frau . » Ja ! « erwiderte Trudchen fest und kam durch das Zimmer bis zum Lehnstuhl , in den die Mutter sich gesetzt hatte . » Mit deiner Einwilligung , Kind – Gertrud ? « » Mit meiner Einwilligung , Mama « , wiederholte das Mädchen , und nun färbte ein helles , klares Rot das schöne Gesicht . Frau Baumhagen sprach kein Wort mehr , sie fing bitterlich an zu weinen . » Wann hast du ihm gestattet , an mich zu schreiben ? « fragte sie nach einer langen Pause und trocknete sich die Augen . » Gestern , Mama . « In diesem Moment steckte Jenny den hübschen , blonden Kopf durch die Tür . » Jenny ! « rief Frau Baumhagen . Wieder 68 stürzten ihr die Tränen aus den Augen , und der eigensinnige Zug um den Mund trat noch schärfer hervor . » Um Gottes willen , was ist denn geschehen ? « fragte die junge Frau . » Jenny ! Kind ! Gertrud hat sich verlobt ! « Frau Jenny faßte sich sehr bald . » Mein Gott « , sagte sie leichthin , » ist denn das ein Unglück ? « » Aber mit wem ! Mit wem ! « rief die Mutter . » Nun ? « erkundigte sich Jenny . » Mit diesem – dem – gestern – Linden heißt er , Franz Linden ! Da steht es schwarz auf weiß – einem Menschen , den ich kaum dreimal gesehen habe ! « Die Augen der jungen Frau richteten sich groß und verwundert auf Trudchen , die noch immer hinter dem Sessel der Mutter stand . » Aber , um Gottes willen « , sagte sie , » wie kommst du zu dem , Gertrud ? « » Wie bist du zu Artur gekommen ? « fragte das Mädchen , sich hoch aufrichtend ; » wie kommt man überhaupt zueinander ? Ich weiß es nicht , ich weiß nur , daß ich ihn sehr liebhabe , und daß ich ihm mein Wort gegeben habe . « » Wann denn , um des Himmels willen ? « » Gestern abend in deinem roten Zimmer , Jenny – wenn du meinst , das Wann tue etwas zur Sache . « » Aber so ohne jede Vorbereitung , so plötzlich ? Was hast du für Garantien , daß er – « » Mindestens ebenso viele Garantien « , unterbrach 69 Trudchen , blaß bis in die Lippen , die klagende Mutter , » als wenn ich vor kurzem den Antrag des Leutnants von Löwenberg angenommen hätte . « » Ja , ja , da hat sie recht , Mama « , erklärte Jenny . » Nun , natürlich ! « klang es zurück . » Ich soll gleich ja und amen sagen ! Da muß ich erst mit Artur sprechen und mit Tante Pauline und mit Onkel Heinrich . Auf keinen Fall nehme ich die Verantwortung dieses Schrittes allein auf mich . « » Mama , du wirst nicht in der ganzen Verwandtschaft herumfragen « , sagte das Mädchen mit bebender Stimme . » Du und ich , wir sind allein entscheidend und – « sie schöpfte tief Atem , » ich würde schwerlich durch irgendwelche Einwendung anderer Ansicht werden . « » Aber Artur könnte sich doch nach ihm erkundigen ! « fiel die junge Frau ein . » Ich danke dir , Jenny , aber spare dir diese Mühe . Mein Herz spricht laut genug für ihn . Wäre ich nicht völlig mit mir im reinen seit Wochen schon , ich stünde euch so nicht gegenüber , wie in diesem Augenblick . « » Du bist ein undankbares , ein liebloses Kind ! « weinte die Mutter , » du denkst mich durch deinen Starrkopf zu zwingen ! Mit derselben Ruhe hat mich ja Papa auch immer zur Verzweiflung gebracht . Ich zittere am ganzen Körper , wenn ich diesen festgeschlossenen Mund und diese stillen Augen nur sehe . Es ist fürchterlich ! « 70 Trudchen stand noch eine Weile . Dann , ohne ein Wort der Entgegnung , verließ sie die Stube . » Es ist eine Spekulationsgeschichte « , sagte Frau Jenny gelassen , » das ist unzweifelhaft . « » Und sie hat es geglaubt , was er ihr vorgeredet hat « , schluchzte die Mutter ; » an allem ist diese unglückliche Taufe schuld – so etwas imponiert ihr ! « Frau Jenny nickte . » Da wird sie nun immer und ewig draußen auf Niendorf sitzen , denn abzubringen von ihren Ideen ist sie ja nicht . « » Nein , Gott verzeihe mir ! Sie hat den Baumhagenschen Trotzkopf in vollstem Maße . Ich weiß , was ich drunter gelitten ! « » Hübsch ist dieser Linden « , bemerkte die junge Frau , ohne von dem heftigen Weinen Notiz zu nehmen . » Himmel , was wird diese Geschichte für Aufsehen machen in der Stadt ! Sie hätte wahrhaftig noch einen anderen bekommen ! Aber habe ich es nicht gleich gesagt , Mama , sie macht noch mal einen ganz törichten Streich . Artur ! « rief sie dann dem Eintretenden entgegen , » denke doch , Trudchen hat sich verlobt mit diesem – Linden ! « » Donnerwetter ! « entfuhr es Herrn Artur Fredrich . Er sah nicht gerade geistreich aus in diesem Augenblick . » Sage doch , lieber Sohn , was weißt du von ihm ? Du hast doch sicher dieses und jenes gehört im Klub , oder « – Frau Baumhagen hatte das 71 Taschentuch sinken lassen und sah tiefbekümmert den Schwiegersohn an . » Ist ein scharmanter Junge , aber hier « – er machte die Bewegung des Geldzählens – » faul , oberfaul ! Er weiß schon , was er tut , wenn er Trudchen nimmt . Der Tausend – hätte ich so etwas geahnt , es wäre mir nicht eingefallen , ihn einzuladen . Daß dich ! Daß dich ! « » Ja , denke , und sie erklärt , sie läßt nicht von ihm « , berichtete Frau Jenny . » Das glaube ich , ohne daß du es versicherst , sie ist ja deine Schwester . Was ihr euch einmal in den Kopf gesetzt habt – na , ich weiß Bescheid ! « » Artur ! « schluchzte vorwurfsvoll die ältere Dame . » Ich verbitte mir , Artur , daß du immer von Trotz und Eigensinn sprichst in bezug auf mich ! « schmollte die kleine Frau . » Aber liebes Kind , es ist die reine Wahr – « » Widersprich nicht immer ! « rief Frau Jenny energisch , trat mit dem Fuße auf und zog das Taschentuch hervor . Er kannte dieses Manöver und fuhr sich hastig durch die blonden Haare . » Schön ! Was soll ich denn eigentlich ? « fragte er . » Was wollt ihr von mir ? « » Deinen Rat , Artur « , stöhnte die Schwiegermama . » Meinen Rat ? Na – sagt ja und amen ! « » Aber er ist so ganz ohne Vermögen , wie ich neulich hörte « , wandte Frau Baumhagen ein . 72 Er zuckte die Achseln . » Pah ! Trudchen kann ja einen Mann ernähren . Nebenbei – ich kenne Niendorf zwar nicht näher , aber ich glaube , bei rationeller Bewirtschaftung kann etwas daraus werden . Er scheint der Mann dafür zu sein , und Wolff erzählte erst neulich von einer großen Schafzucht , die Linden anlegen will . « » Das letztere dürfte allerdings den Ausschlag geben « , bemerkte Frau Jenny ironisch . » Nein ! nein ! « erklärte die Mutter schluchzend aufs neue . » Ihr nehmt das alles viel zu leicht . Ich kann mich nicht entschließen , ich habe ja kaum ein paar Worte gesprochen mit diesem Linden . Oh , die unerhörte Dreistigkeit ! « Und mit diesen Worten verließ sie den Lehnstuhl und warf sich , dunkelrot vor Erregung , auf die Chaiselongue . » Da wird wieder eine stimmungsvolle Migräne perfekt « , flüsterte Artur und nahm gelassen eine Zigarre aus seinem Etui . Jenny antwortete nur mit einem Blick , aber er war niederschmetternd . Sie nahm die Schleppe ihrer Robe in die Hand und rauschte an dem verwunderten Gemahl vorüber . » Nimm mich doch mit ! « sagte er belustigt . » Jenny , bleib bei mir ! « rief die Mutter . » Verlaß mich jetzt nicht ! « Und die junge Frau kehrte um , begegnete ihrem Gatten in der Tür und ging mit hochgehobenem Näschen an ihm vorüber , um sich neben die Mutter zu setzen . Oh , er hatte schon 73 noch mehr auf seinem Konto , sie würde sich schon noch revanchieren für sein absprechendes Urteil heute früh am Teetisch , als sie ganz harmlos den Rittmeister von Brelow lobte . Er war sich auch nichts Gutes gewärtig , das sah sie ihm gleich an . » Warte nur ! « » Wie , Mama ? « fragte sie dann , » ob ich mit Artur etwas habe ? Pah – er ist ein Othello – ein blonder , das sind die Schlimmsten ! « » Ach , Jenny , dies Unglückskind , dies Trudchen . « » Ja , richtig « , nickte die junge Frau , » die dumme Geschichte mit Trudchen . « — — — — — — — — — — Indessen stand das junge Mädchen vor dem Bilde des Vaters ; ihr ganzes Sein war aufgewühlt in Schmerz und Glück . Sie hatte kein Auge geschlossen in der Nacht , seitdem sie ihm verstohlen die Hand gereicht hatte mit dem kaum geflüsterten : Ja ! Sie wußte , er liebte sie , sie hatte es sich tausendmal vorgestellt , wie es sein würde , wenn er ihr das sagte , und nun war es ihr doch so unerwartet rasch gekommen . Lieb hatte sie ihn schon lange , schon seit sie ihn das erstemal gesehen hatte , und seit der Zeit war ihr nichts geschenkt worden von all den Tränen und Freuden einer heimlichen Neigung . Sie nahm nichts leicht , nichts halb , und voll und ganz hatte sie sich dem Zauber hingegeben . Wer es nur versuchen wollte , ihn ihr zu nehmen , der mußte ihr das Herz mit herausreißen aus der Brust . 74 Die Tränen liefen ihr , während sie so dastand , in großen vollen Tropfen über das blasse Gesicht , aber um den kleinen , trotzigen Mund zog sich ein Lächeln . » Ich weiß es ja « , nickte sie flüsternd zu dem Bilde des Vaters hinüber , » dir würde er gefallen , Papa ! « Und in seliger Erinnerung klangen ihr die Worte nach , die er gestern gesprochen hatte , von seinem einsamen Hause draußen , von seiner Sehnsucht nach ihr und daß er ihr nichts bieten könne , als eben diese einsame arme Heimat und ein ehrliches Herz . Sein einziger Reichtum wären augenblicklich viele Sorgen . » Laß mich die Sorgen mit dir tragen , es gibt kein Glück auf der Welt , das größer wäre als dieses « , so hatte sie sprechen wollen . Aber sie hatte doch die Augen niedergeschlagen und ihm nur verstohlen die Hand gereicht . Es wollte kein Wort über ihre Lippen . Als wäre sie bis jetzt im kalten , tiefen Schatten gewandelt und nun plötzlich hinausgetreten in belebenden köstlichen Sonnenschein , unter blauen Himmel , so blühte und klang es in ihrem Herzen . » Es ist zu viel , zu viel Glück ! « hatte sie heute früh beim Aufstehen gedacht . Sie dachte es auch jetzt noch , und die Tränen , die sie weinte , erschienen ihr als gerechtfertigter Tribut einer allzu großen Seligkeit . Wenn jetzt Mama gleich » Ja und Amen ! « gesagt , wenn sie gesagt hätte : » Er soll mir ein 75 lieber Sohn sein , bringe ihn mir « – das wäre zu viel gewesen . Dieses Weigern , dieses Mißtrauen , war es nicht eigens geschaffen , damit sie vor Glück nicht übermütig wurde ? Es war der Schneesturm , der im Frühling daherbraust und Blatt und Blüten überschauert ; aber wenn er vorüber ist , blüht es nicht doppelt schön ? Im Nebenzimmer wurde das Gespräch jetzt wieder lebhafter . Trudchen hörte die klagende , weinende Stimme der Mutter deutlicher wie zuvor . Es berührte sie aufs neue peinlich und unwillkürlich flog ein Blick zu dem Bilde des Vaters , als könne er auch jetzt noch hören , was ehedem seines Lebens Qual gewesen war . Trudchen erinnerte sich ja so vieler Wein- und Jammerszenen in dem nämlichen Zimmer dort . Wie oft war dann des Vaters beschwichtigende Stimme in ihr Ohr gedrungen : » Gut , Ottilie , ja , du sollst deinen Willen haben , aber – schone mich ! « Und wie oft war dann durch jene Tür ein blasser Mann getreten und hatte stumm in dem Sofa gesessen , als fände er hier bei seinem Kinde eine Freistatt . Ach ! so war es auch gewesen an jenem Tage , an jenem fürchterlichen Tage , worauf es nachher so stille ward , so totenstill . Ja , da erscholl es wieder , das laute Weinen , die Anklagen gegen den Himmel , der sie zur unglücklichsten Frau gemacht hatte , und sie nun in ihren Kindern noch strafe . Dann war ein Türenklappen , 76 ein Laufen der Dienerschaft , Trudchen meinte sogar den scharfen Geruch der Baldriantropfen zu spüren , die Frau Ottilie Baumhagen bei ihren Nervenanfällen zu nehmen pflegte . Und nun flog die Tür auf , und Frau Jenny kam herein . » Mama ist ganz elend « , sagte sie vorwurfsvoll , » zum Arzt habe ich schicken müssen und Sophie legt ihr Kompressen auf die Stirn . Ein schöner Tag , wahrhaftig ! « » Es tut mir so leid , Jenny « , bedauerte das junge Mädchen . » Ja , es kam aber auch wie aus der Pistole geschossen . Ich muß dir ehrlich gestehen , ich begreife dich nicht , Gertrud . Zehn Körbe reichen nicht , die du schon ausgeteilt hast , es war ein Mäkeln und Wählen , und jetzt nimmst du den ersten besten . « » Den besten jedenfalls « , dachte Trudchen , aber sie schwieg . Die kleine Frau hielt dies irrtümlich für eine Wirkung ihrer Worte . » Sieh mal , Kind « , fuhr sie fort , » überlege es doch noch recht , du – – « » Jenny , halt ein ! « bat das Mädchen mit fester Stimme . » Was gibt dir das Recht , so zu sprechen ? Habe ich mir erlaubt , ein Wort über deine Wahl zu sagen ? Bin ich nicht Artur freundlich entgegengekommen ? Was hat er vor Linden voraus , worin steht er ihm nach ? Ich allein habe mir Rechenschaft zu geben über diesen Schritt , denn ich allein trage die Folgen . – Es ist unrecht , einen Menschen beeinflussen zu wollen in einer Sache , die so 77 individuell , so ganz in seinen eigensten Empfindungen steht . « » Aber , mein Gott , so ereifere dich doch nicht ! « beruhigte Frau Jenny ; » wir finden eben , er ist keine passende Partie , schon deshalb , weil er gänzlich ohne Vermögen ist . « Über Trudchens blasses Gesicht flog ein tiefer Schatten . » Ach , laß das Geld aus dem Spiele « , bat sie angstvoll , » störe mir nicht den schönsten Traum meines Lebens – sprich nicht davon , Jenny . « Aber Jenny fuhr fort : » Nein , davon schweige ich nicht , denn du lebst in Idealen und man muß dir ein wenig die Wirklichkeit vor die Augen halten , damit du später nicht allzusehr aus deinen Himmeln fällst . Bildest du dir vielleicht ein , daß Herr Franz Linden sich so überstürzt hätte , wenn du – na , wenn du nicht gerade Trudchen Baumhagen wärst ? Sicher nicht ! Ich halte es für meine Pflicht , dir zu sagen , daß sowohl Mama wie Artur und ich der Meinung sind , er habe in erster Reihe an das gedacht , was unser seliger Vater in guten Kapitalien für uns – « Sie verstummte plötzlich , Trudchen stand vor ihr , hochaufgerichtet und drohend . » Sei davon ruhig , Jenny « , stieß sie hervor , » ich glaube an ihn und spreche kein Wort der Verteidigung aus ! Du und die anderen , ihr mögt so denken , ich kann es euch nicht wehren , kann es euch 78 nicht einmal übelnehmen , ihr – « sie stockte , das bittere Urteil sollte nicht über die Lippen . » Habe die Güte und stelle Mama vor « , sagte sie dann ruhiger , » daß ich ihm mein Wort nicht breche . Ich werde dir so dankbar sein , Jenny – wenn jemand etwas über sie vermag , so bist du es , ihr Liebling . « Die junge Frau ging fast bestürzt hinaus , sie fand kein Wort dieser Zuversicht gegenüber . Sie hatten sich nie verstanden , die Schwestern . Jenny begriff auch jetzt noch nicht , wie man so lebensunklug und verblendet sein konnte , und dennoch war sie wie vor etwas Reinem , Erhabenem zusammengeschauert , als die klaren Mädchenaugen sie anblickten , die noch Ideale sehen konnten trotz der Prosa und dem Staub des Lebens . Sie setzte sich wieder in das Sofa . » Mamachen « , flüsterte sie nach einer Pause , während welcher sie nachdenklich ihren kleinen Pantoffel auf der Fußspitze hatte tanzen lassen , » Mamachen , ach Gott ! ich glaube , es hilft dir nichts – willst du ein bißchen Eau de Cologne ? – die Gertrud ist so fanatisch in ihn verliebt , weißt du , du wirst › Ja ! ‹ sagen müssen . Die Enttäuschung bleibt freilich nicht aus . « Trudchen war mitten im Zimmer stehengeblieben , sie sah der Schwester nach . Sie hatte Mitleid mit ihr . Es mußte doch schrecklich sein , wenn man nicht mehr an Liebe und Uneigennützigkeit glauben konnte . Und sie sah Franz Linden , seine ehrlichen Augen , so klar wie das reine Gewissen selbst . Kann 79 man so aussehen mit einem Nebengedanken , kann man so sprechen mit einer Lüge im Herzen ? – Sie hätte auflachen mögen vor seliger Gewißheit . Und wenn sie die Ärmste , die Bettelärmste wäre , er liebte sie doch ! Am Nachmittage fand große Konferenz statt . Um zwölf Uhr mittags war plötzlich Befehl vom Sofa erlassen worden , daß man den Salon stärker heize , das Meißner Kaffeeservice aus dem Schrank nehme und beim Konditor einige Schüsseln bestellen solle . Frau Ottilie wollte Familienrat halten . Der Duft von Sophiens berühmtem Kaffee zog bis in Trudchens einsames Zimmer . Sie hörte die Türen gehen und dann und wann die Stimme der Tante Stadträtin und Onkel Heinrichs behagliches Lachen . Der Tag nahte seinem Ende , und man schien drüben immer noch nicht zu einem Entschluß gekommen , und Trudchen saß ruhig im Erker und wartete . Er würde auch ruhig sein , das wußte sie . Er hatte ja ihr Wort . Endlich Schritte – das mußte der Onkel sein . » Na , Jungfer Gertrud ! « rief er in das dämmerige Zimmer , » er kam , er sah , er siegte ? – Schöne Streiche das ! – Deine Mutter ist höllisch fuchsig auf den kecken Eindringling . Er wird alle seine Liebenswürdigkeit nötig haben , um ihre schwiegermütterliche Gunst zu erringen . – Na , da komm herüber , du Trotzkopf , und bedanke dich bei mir , daß sie nachgegeben hat . « 80 » Ich wußte es , Onkel « , sagte sie freundlich , » du läßt mich nicht im Stich . « Er war ein alter , kleiner Herr mit einem gemütlichen runden Bäuchlein , das er sich so allmählich bei seinen splendiden Junggesellendiners angefüttert hatte ; immer vergnügt , besonders nach einem guten Glase Wein . Und da er wußte , welch angenehme Wirkung ein solches auf ihn ausübte , so versäumte er , zum Wohle der Menschheit , nie , dieses Mittel zu gebrauchen , das ihn liebenswürdig und lustig machte . Lachend nahm er jetzt das große , schlanke Mädchen an der Hand , als sei sie noch ein Kind , und führte sie nach der Tür . » Leben und leben lassen , Trudchen ! « rief er ; » es ist purer Egoismus von mir , daß ich solchen Dampf dahinter machte . Brauchst nicht zu danken , war nur Scherz . Siehst du , alles kann ich vertragen , nur keine Szene , keine Weiberheulereien , und das versteht deine Mutter aus dem Effeff . So was fällt mir immer auf den Magen , weißt du . – › Mach doch keinen Sums , Ottilie ‹ , habe ich ihr gesagt – › warum soll die Kleine den hübschen Jungen nicht heiraten ? Ihr Baumhagenschen Mädel habt ' s ja , könnt ' euch einen Schatz nehmen , lediglich weil er euch gefällt ! ‹ – O la la ! Hier bringe ich das Fräulein Braut ! « rief er in das erleuchtete Gemach und ließ das Mädchen vorantreten . Sie ging mit ihrem leichten Schritt und ernster Miene zu der Mutter hinüber , die in der Sofaecke 81 lag , als sei sie gänzlich mitgenommen von der wichtigen Debatte . Ihr zur Seite thronte die magere Tante Stadträtin im schwarzseidenen Kleid , das Blondenhäubchen auf dem braunen falschen Scheitel und in vollem Bewußtsein ihrer Würde . Neben ihr Jenny . Artur stand am Ofen . Die Damen hatten Kaffee getrunken , die Herren Wein und der bläuliche Rauch feiner Zigarren hing unter dem vergoldeten Stuck der Decke . Die veilchenfarbenen Gardinen waren zugezogen . Es sah sich alles höchst gemütlich an . » Ich danke dir , Mama « , sagte Trudchen . Frau Baumhagen nickte leise und berührte den Mund der Tochter mit ihren Lippen . » Möge dich dieser Schritt nie gereuen « , sprach sie matt , » ich gebe nicht ohne schwere Besorgnis meine Einwilligung . Nur in Betracht deines unbeugsamen – ja , ich muß es in dieser Stunde sagen – leidenschaftlichen Charakters willige ich ein – um des häuslichen Friedens wegen . « Um Trudchens Mund flog ein bitteres Lächeln . » Ich danke dir , Mama « , wiederholte sie . » So mag er denn morgen kommen « , schloß die Mutter mit einem Seufzer . » Meine liebe Gertrud « , begann die Frau Stadträtin feierlich , » nimm denn auch von mir – « » Ach was ! « unterbrach Onkel Heinrich die alte Dame sehr ungalant , » nun habt Erbarmen zunächst mit mir , aber dann mit dem schmachtenden 82 Jüngling in Niendorf , und schickt ihm Antwort . Es ist schon vorgekommen , daß ein derartiges Warten arges Unheil angerichtet hat . Schauderhafte Geschichten sind dadurch schon passiert , sage ich euch . Setzen wir einmal ein Telegramm auf « , fuhr er fort und zog ein Notizbuch aus der Tasche , riß ein Blatt heraus und borgte sich von seinem lieben Neffen Artur eine Bleifeder . » Na , was denn nun , Trudchen ? « fragte er – zum Schreiben bereit . » › Komm in meine Arme ! ‹ oder › Dein auf ewig ! ‹ oder › Sprechen Sie mit meiner Mutter ! ‹ oder – ha , ha , ich hab ' s : › Meine Mutter läßt sich sprechen , komme morgen und hole dir ihr Ja ! Trudchen Baumhagen . ‹ Und hole dir ihr Ja ! « buchstabierte er beim Schreiben . » Ich danke , Onkel « , sagte das Mädchen , » ich will es aber lieber selbst besorgen in meinem Zimmer . Sein Kutscher ist noch drüben im › Deutschen Hause ‹ und wartet . « Sie hörte noch das herzliche Lachen des alten Herrn über den armen Kerl , der habe schmachten müssen von morgens elf Uhr bis jetzt , dann schloß sich die Zimmertür hinter ihr . Mit bebender Hand zündete sie Licht an und schrieb : » Mama hat eingewilligt , morgen mittag erwarte ich Sie . « Sie strich das » Sie « wieder aus und schrieb nach kurzem Zögern ein großes , energisches » Dich « dafür , und » Deine Gertrud . « Die alte Sophie , die schon im Baumhagenschen 83 Hause gedient hatte , ehe der Herr heiratete , empfing das Billett . » Den Brief trage ich selbst hinüber , Fräulein Trudchen « , sagte sie , » und wenn ' s noch schlechter Wetter wär ' , und wenn ich auch mein Reißen davon kriegte . Da halte ich nun zweier Menschen Schicksal in der Hand , so ein kleines Stückchen Papier . Mög ' s Glück mit mir gehen , das walte Gott , Fräulein ! « Trudchen drückte ihr die Hand und trat in den Erker und spähte durch die Scheiben , wie Sophie über den Markt schritt . Ihre weiße Schürze flatterte jetzt unter dem Gaskandelaber neben der Hökerfrau und nun unter der Hauslaterne des Hotels . Wenn doch der Alte fahren wollte , so rasch die Pferde laufen können ! Jetzt dünkte sie jede Minute zu lang , die er warten sollte . Da flatterte wieder die weiße Schürze unter der Laterne , aber es ist jemand bei ihr . Trudchen legte plötzlich beide Hände auf das hochklopfende Herz . » Franz ! « stammelte sie , und ihre Glieder versagten fast den Dienst , als sie sich wenden wollte . Er selbst hatte gewartet auf Antwort ! » Das ist er ! das ist er ! Mein Bräutigam ! « flüsterten die zitternden Lippen . Die ganze überselige weihevolle Bedeutung des Wortes überschauerte sie . Und leise öffnete Sophie die Tür , und er trat über die Schwelle der zierlichen Mädchenstube . Und ebenso leise schloß sie die Tür wieder hinter ihm . Das alte treue Mädchen hatte 84 nur noch gesehen , wie ihr stolzes Fräulein sich so fest in seine Arme schmiegte und stumm und heiß sich küssen ließ . » Oh , aber so etwas « , sagte sie lächelnd , » ja , die Liebe , die Liebe ! « Dann lenkte sie die Schritte nach dem Saal , aber vor der Tür wandte