« » Schadet nichts ; die Ostersonne trocknet ihn wieder . « » Hm ! Wie viel Eier legt er denn , Großma ? « » Nun – wie viel möchtest du denn haben , Herzchen ? « » Hundert ! « sagte das Kind , und sein Gesichtchen wurde ganz rot vor Entzücken . » Das ist wohl zuviel , « meinte die alte Dame , » du mußt weniger fordern , sonst kommt er nicht ; wie kann so ' n armer Hase gleich hundert Eier legen ? « » Nun , dann tausend ! « sagte der Kleine , » dann bloß tausend ! « und dabei streckte er die Ärmchen gegen mich aus und wollte hoch gehoben sein , um den Fluß fehen zu können , durch den der Osterhase schwimmen werde . 64 Ich nahm ihn hoch und er machte große Augen , als er das schäumende gurgelnde Wasser sah , das mit rapider Schnelligkeit über das Wehr schoß . Auch Großmutter blickte hinüber . » Es hat zu rasch getaut in den Bergen , Liesel , « sagte sie , » hoffentlich steigt die Inne nicht noch mehr , es könnte mich sonst meine Hyazinthenrabatten kosten . « In diesem Augenblick , ich hielt den Kleinen noch auf dem Arm , kam die » Neue « , wie sie noch immer hieß , mit zwei gefüllten Eimern durch das Pförtchen in der niedrigen Mauer vom Fluß herauf und ging dem Hause zu . Sie dachte nicht daran , die Tür wieder zu schließen , von welcher einige Holzstufen zur Schöpfstelle hinunter führten , deren zweite bereits vom Wasser bespült wurde . Großmutter blieb stehen und rief ihr nach : » He – du – Auguste , schließe die Tür , « und einen besorgten Blick auf den Liebling werfend , der noch immer von meinem Arm herab das tosende Wasser anstaunte , setzte sie hinzu : » Noch dazu jetzt , wo Kinder im Hause sind . Vergiß es nicht wieder , hörst du ? « Und in ihrer alten Schalkhaftigkeit , die sie immer so jung erscheinen ließ , rief sie : » Nommels Großmutter hat auch stets die Tür zugemacht . « Die » Neue « wurde dunkelrot , knallte die Pforte zu , ergriff ihre Eimer und ging stolz wie ein Spanier von dannen . Wir lachten beide , und das Kind , das dies bemerkte , schrie vor Vergnügen , nur weil es seine Urgroßmutter lachen sah . Es war auch so ansteckend , dieses Lachen der alten Frau , so herzensgut , so harmlos , fast kindlich . » Paß auf , Liesel , « meinte 65 sie schalkhaft , » nun habe ich bei Auguste ins Fettnäpfchen getreten . « Kathrin hatte indessen lediglich ihrer Küche gelebt . Über all unserem Jubel , den Familienbesuchen , dem Spielen mit den Kindern hatte ich es ganz vergessen , sie noch einmal zu fragen , ob sie nun eine Stelle habe oder nicht . Großmutter , die ich darum anging , wußte nichts und behauptete , Kathrin lege es darauf an , zu bleiben , denn sie habe mit ihrer Pfiffigkeit längst weg , daß die » Neue « hier nicht passe . » Findest du das wirklich , Großmama ? « fragte ich , innerlich ein wenig lächelnd . » Ja , Kind , ach ja ! Aber ich lasse es mir nicht merken – Stettens wegen nicht , der am liebsten Kathrin behielte . Aber , Kind , ich will sie nicht mehr , ich kann sie kaum noch sehen seit der Frechheit damals . Wäre unser Besuch nicht hier , ich zahlte ihr Lohn und Kostgeld aus und schickte sie lieber heute als morgen fort . « » Ach , Großchen , « bat ich , » sie hängt so an dir , sie hat dich so nett gepflegt , als du krank warst – « Aber die alte Dame machte plötzlich eine eiskalte Miene , und ich wußte nun , daß Kathrins sämtliche Intrigen , alle ihre 66 noch so fein oder grob gesponnenen Ränke , die darauf hinausliefen , ihr Bleiben zu bezwecken , aussichtslos waren ; daß ihre Frikassees , ihre Schleie mit Dillsauce und ihre großartigen Puddings verlorene Liebesmüh bedeuteten . So kam Ostern heran . Die ganze Familie wurde ja erwartet , und es gab furchtbar viel im Hause zu tun , schon allein das Kuchenbacken ! Der erste April fiel auf den dritten Feiertag , an diesem sollten nicht nur Schwester Gretchen , die Kinder und ich wieder fort , es war auch der Abschiedstag für Kathrin . Der Lenkwitzer Onkel hatte uns alle zum zweiten Feiertag gebeten ; am ersten sollte sich , wie immer , die Tafelrunde bei den Großeltern zusammenfinden , eine Menge Menschen , denn allenthalben waren Kinder und Enkel zugereist , auf dem Gute und in der Stadt . Gretchen erwartete ihren Mann , den großen Hans , am Ostersonnabend , und Flickdorchen war bereits am Stillen Freitag angelangt . Sie und ich hatten das Färben der Eier übernommen und Kathrin hatte uns wortlos ihre blitzblanke Küche zur Verfügung gestellt . Es war am Ostersonnabend nach dem Mittagessen , Großmutter und Großvater schliefen , Gretchen war in die Stadt gefahren , um ihren Mann abzuholen , die mürrische dicke Kinderfrau weilte mit ihren Pflegebefohlenen im Garten , unter den Linden . Sie saß strickend auf der Bank , das Kind lag im Wagen und schlief ; Hans galoppierte , angetan mit einem roten Jäckchen und einem Kürassierhelm mit seinem Steckenpferdchen auf dem Platze umher . Die » Neue « war irgendwo beschäftigt , ich ahnte nicht womit , glaubte aber , sie werde wohl im großen Zimmer die Tafel für das morgende Mahl decken . Dorchen und ich achteten gar nicht weiter auf Kathrin , sondern vertieften uns ganz in unsere roten , grünen und blauen Eier ; sie schaffte umher am Fenster bei der Aufwaschbank , dann ging sie hinaus mit den schweren messingbeschlagenen Wassereimern aus Eichenholz , und Dorchen sagte ihr nachschauend : » Man kennt sie ja gar nicht mehr wieder , die dicke Kathrin ! Sie ist ganz abgekommen , mager und sieht aus wie ein Gespenst mit den 69 großen Augen . Meiner Seel , Fräulein Liesel , wenn sie sich so grämt , ist ' s ja auch kein Wunder . – Dauern tut sie mich doch sehr – « In diesem Augenblick hörte ich vom Flur meiner Großmutter Stimme : » Frau Wabe ! Frau Wabe ! « Es lag etwas ungewohnt Schrilles darin , und mit zwei Sprüngen war ich aus der Küche und bei ihr . Sie stand in der geöffneten Haustür und rief noch immer : » Frau Wabe ! Frau Wabe ! « in den Garten hinaus , und die ganze zierliche Gestalt bebte vor Aufregung . Unter der Linde saß die dicke Kinderfrau und schlief den Schlaf des Gerechten , das Kleine im Wagen schlief auch noch immer , und sonst war niemand auf dem Platze , niemand – nichts als das verlassene Steckenpferdchen . » Hans ! « sagte ich . » Wo ist Hans ? « » Wo ist Hans ? « stammelte die alte Frau mir mechanisch nach , und ihre Lippen zitterten . » Hans ! Hänschen ! « rief ich lauter und lief angstvoll hinunter und schüttelte die Schlafende an den Schultern und rief in einem fort : » Hans ! Wo ist Hans ? « Sie fuhr empor und sah sich erschreckt um , und just in diesem Augenblick ließ sich ein lauter Hilferuf von der Inne her vernehmen , der grell das Rauschen des Wassers übertönte : » Hilfe ! Hilfe ! « Ich stürzte den Gang hinunter der Mauer zu , und als meine Augen über die gelblich schimmernde Flut irrten , da erblickten sie mitten in den Wirbeln des stark angeschwollenen Flusses – Kathrin , die bis an den Hals drinnen watete und wankte und mit beiden hochgestreckten Armen etwas Rotes , Kleines , Lebloses , unser Hänschen , über den Wogen hielt , und ich sah , wie sie wankte unter dem Anprall des tosenden Wassers , und erkannte ihr in Todesangst verzerrtes Gesicht . Und wieder erscholl ihr verzweifeltes » Hilfe ! Hilfe ! « Ein einziger Fehltritt in eines der Löcher am Boden des Flußbettes , eine jener tiefen Stellen , wie sie das Wasser so häufig reißt , ein kurzes Nachlassen ihrer Kräfte – und sie trieb 70 auf den Wogen dahin , verloren , und mit ihr unser Liebling , unser Hans . Das alles ging mit der Schnelligkeit eines Blitzes durch meinen Kopf , während ich ein paar Sekunden lang wie gelähmt stand . Erst als Großmutter mich an der Schulter rüttelte und , eine Stange vom Boden raffend , dem Mauerpförtchen zulief mit der Behendigkeit einer Zwanzigjährigen , sprang ich ihr nach und , bis über die Knie im Wasser stehend , hielten wir die Stange dem mit den Wellen kämpfenden Mädchen entgegen , die , immer das Kind über den Kopf haltend , mit fast übermenschlicher Kraft das Ufer zu gewinnen versuchte . Ein paarmal wankte sie , einmal stieß sie einen furchtbaren Schrei aus und verschwand einen Augenblick unter Wasser , und dann tauchte sie doch wieder auf mit ihrer triefenden Last und schob sich langsam der Stange zu , und endlich , das Kind nur noch mit einer Hand tragend , hatte sie dieselbe erfaßt und so , mit dieser Hilfe gewann sie mühsam die Treppe , an der wir ihr die Hände entgegenstreckten , um das Kind zu nehmen . Großmutter riß das leblose Würmchen an sich und eilte dem Hause zu , Kathrin aber , das große starke Geschöpf , lag auf den umspülten Stufen , den Unterkörper noch im Wasser , wie bewußtlos . Ich bemühte mich , sie emporzuziehen , aber der kräftige Körper war mir viel zu schwer , und schon öffnete ich den Mund , um Hilfe herbeizurufen , da raffte sie sich auf , kroch die Stufen empor , ohne meine dargebotenen Hände zu beachten , stand plötzlich aufrecht und ging mit schwankenden Schritten , ohne nach rechts und links zu sehen , den Gang entlang . Ich stürzte an ihr vorüber ; Kathrin lebte ja , was ging sie mich in diesem Augenblick noch an ? Meiner ganzen Seele hatte sich Angst um das Kind bemächtigt – ist es tot ? Wird es wieder leben ? Ich sah den Kutscher aus dem Hause stürzen , der zum Arzt reiten sollte , ich sah die » Neue « mit rasenden Sprüngen den Weg zum Lenkwitzer Herrenhause nehmen , um den Onkel zu holen . – – Im Wohnzimmer waren sie um das Kind beschäftigt , die Großmutter und Flickdorchen ; die Kinderfrau lag im Winkel der Stube vor einem leeren Rohrstuhl und wimmerte und schrie . 71 » Hierher , Liesel , « kommandierte Großmutter , » hilf mir , wir müssen künstliche Atmungsversuche machen . Geh zur Seite , Stetten , setze dich , du kannst nichts helfen . – Siehst du , so – Liesel – und so – « Und die alte Frau führte mit leichter , aber fester Hand die vorschriftsmäßigen Hilfen aus , die sie als geübte und erfahrene Landbewohnerin kannte , und so gut es meine zitternden Hände verstanden , half ich ihr , während Dorchen wollene Decken und Wärmflaschen herbeitrug . Alle hatten wir denselben entsetzlichen Gedanken beim Anblick des kleinen , furchtbar bleichen Gesichtes , um das die nassen Haare klebten : was werden die Eltern sagen , wenn ihr Kind nicht mehr am Leben ist , die Eltern , die so ahnungslos hier ankommen werden heute abend , die ihr Kind von uns zu fordern das Recht haben ? » O Gott im hohen Himmel , « jammerte die Kinderfrau , » straf mich nicht so hart für das bißchen Schlaf , laß das Kind nicht tot sein , ich muß mir ja sonst selbst das Leben nehmen ! « Dorchen führte sie fast gewaltsam hinaus , und nun war es unheimlich still um uns fieberhaft beschäftigten Menschen . Großmutters Gesicht werde ich nie vergessen : wachsbleich mit perlenden Schweißtropfen auf der Stirn , so furchtbar ernst und starr die Augen . » Laß es , Anita , « flehte Großvater endlich , » es ist zu spät – komm , mein armes , armes Herz ! « Aber sie stieß ihn zurück und , ihre müden Arme sinken lassend , beugte sie sich zu dem Liebling nieder und , Mund auf Mund legend , begann sie , ihm Atem einzublasen . – Minute auf Minute 72 verrann , nichts rührte sich in dem Zimmer , nur das tiefe laute Atemholen der alten Frau , die , ohne Aufhören , unermüdlich fortfuhr , dasselbe zu tun , unterbrach die Stille ; mir schien es fast unheimlich , wie das Gebaren einer Wahnwitzigen . Und da auf einmal hob ein kurzer Atemzug die Brust des Kindes . » Großmutter ! « schrie ich . Aber sie hörte nicht , sie fuhr unbeirrt fort – und wieder das kurze Atmen und endlich ein regelmäßiges leises Luftschöpfen . Und nun hielt sie inne , denn die bläulichen Lippen des Kleinen röteten sich wieder . » Warme Tücher , « sagte sie todmatt , » Bürsten – reibe ihn , bürste ihn , bis er schreit – « und sie sank wie ohnmächtig in die Arme Großvaters , der sie zum Sofa führte ; und dort saß sie , den Kopf an seine Schulter gelehnt , wie gebrochen . Im Nu war der Befehl ausgeführt , das erstarrte Körperchen in wollene Decken gehüllt , und ein leises ärgerliches Weinen verkündete das zurückgekehrte Leben . Als der Doktor kam , fand er nichts mehr zu tun bei dem kleinen Patienten , nur bei Großmama , die fiebernd und weinend im Bette lag mit kalten Kompressen auf dem Herzen , und das ganze Zimmer roch nach Baldrian . Hänschen befand sich in seinem Bettchen oben und sollte möglichst schwitzen ; die Eltern des Kindes waren noch nicht zurück , auch vor Abends zehn Uhr nicht zu erwarten , da Schwager Hans zunächst meine Eltern begrüßen wollte , und so herrschte nach den entsetzlichen paar Stunden eine große Stille im Hause . Nur Kathrin wirtschaftete in der Küche umher , als sei nichts geschehen . Ich war bei ihr gewesen , hatte ihr unter Tränen die Hand gedrückt und gedankt , war aber gar nicht angekommen damit . » Was ist denn da weiter ? « sagte sie . » Kathrin , Sie konnten ja mit ertrinken ! « » Wäre mir grad recht gewesen , dann hätt ' ich ' s nu überstanden . « » Sprechen Sie nicht so , Kathrin ! Sagen Sie , haben 73 Sie denn etwas Warmes getrunken ? Spüren Sie auch keinen Frost ? « » Ich , nee , Gott soll mich bewahren ! – Haben Sie sich man nich , Fräulein , das schad ' t mich nichts . « » Wie ist ' s denn gekommen , Kathrin ? Sagen Sie doch nur ! « » Die alte Kreuzspinne hat natürlich die Schuld daran , « stieß sie endlich hervor , » hat bei ' s Badewasserschöpfen die Pforte aufgelassen – so ' n Döskopf wie sie is ! Und das kleine Wurm hat mit seiner Gerte ' ne tote Katze ans Ufer bringen wollen , die im Weidengestrüpp hängen geblieben war . Und was der Döskopf is – erzählte ja unter Lachen dem Christian , daß das Jungchen schon ein paarmal mit ihr nach der Inne hinuntergelaufen sei , und wie er das tote Vieh gesehen , habe er geschrieen , der Osterhase sei ins Wasser gefallen , sie solle ihn herausholen . Na , dann hat sie nicht weiter auf das Kind gepaßt , die olle Waben hat geschlafen , und da wird er jawoll , wie er die Tür offen gesehen , den Osterhasen selber haben retten wollen , hat ' s Übergewicht gekriegt und war weg wie nischt ! Als ich hinkam , sah ich da was Rotes mitten im Wasser , da bin ich eben gleich hinein . – ' s is ja weiter nichts , man bloß die ollen tiefen Löcher , wo einem der Boden unter den Füßen weg is mit einmal , und weil ich man einen Arm frei hatte und das Wasser so ' n arg Gefälle hat beim Wehr . « » Kurz und gut , Kathrin , Sie haben unsern kleinen Liebling gerettet mit eigener Lebensgefahr . « » Nu , was is da weiter ? Das is doch all eins ! « wiederholte sie bitter und ihre Stimme schwankte , » all eins ! « Und sie schritt an mir vorüber mit zwei großen Schüsseln Hundefutter . » Die ollen Köters sollen doch , solange ich hier bin , wenigstens noch ihr Recht haben , « setzte sie hinzu , » hernach können sie sich man allmählich das Fressen abgewöhnen , die › Neue ‹ kann sie nich ansehen , die armen Kreaturen . « Sie dachte ans Geringste , selbst an diesem Tage und in dem Hause , das sie fortan meiden sollte . Draußen auf dem Hofe umwedelten sie die Hunde ; sie liebte die Tiere ; überhaupt alles Vieh , und das war immer so nach Großvaters Herzen gewesen . 74 Der » Neuen « traute er nicht in diesem Punkt , er hatte einmal gesehen , wie sie nach der alten halbblinden Juno getreten , und er klagte es mir damals ; wahrscheinlich habe Nommels Großmutter die Hunde auch nicht leiden mögen , setzte er wie im Scherze hinzu , um seinen grimmen Ärger etwas zu verbergen . Ich blieb am Küchenfenster stehen und dachte , daß es doch unbegreiflich sei von meiner Großmutter , dem Mädchen nicht einmal zu danken , und daß ich , trotz des Kürassiers , so viel Treue , so viel Hingebung aus meinem Hause nimmer gehen lassen würde , zumal heutzutage nicht , wo echte Anhänglichkeit immer seltener wird . Ich will Gretchen bitten , sie mitzunehmen , gelobte ich mir , und ich war überzeugt , daß das warmherzige Frauchen alles tun werde , um der Retterin ihres Kindes dankbar zu sein . Aber würde Kathrin das wollen , Kathrin , deren ganze Welt sich in Großmutter und deren Wirtschaft verkörperte ? Zum ersten Male fühlte ich , daß ich Großmutter nicht verstand , daß auch sie nicht ohne Fehler sei . Ich fand ihr Benehmen kleinlich , und das drückte mich tiefer zu Boden , als ich beschreiben kann . Ganz niedergeschlagen ging ich in mein Zimmer hinauf , nachdem ich vorher noch einmal in der Kinderstube nachgesehen hatte . Der Kleine lag in heilsamem Schweiß und schlief , die Kinderfrau saß , noch immer schluchzend , am Fenster und schrieb einen Brief . » Gnä ' Frau wird mich ja nicht behalten , « erklärte sie , » o Gott ! o Gott ! und ich habe die Kinder doch so lieb ! « An das Abendessen dachte heut niemand . Es wurde mählich finster , und ich saß noch immer an meinem Fenster ; hinter den Bergen wurde der Mond sichtbar , eine schmale Sichel , halb verschleiert von Wolken . Ich konnte über den Garten hinweg den Fluß sehen , und es überkam mich ein Grauen ohnegleichen . Wie entsetzlich rasch kann ein trauriges Schicksal über uns ohnmächtige Menschen hereinbrechen ! Die Sonne geht auf , und wir lachen dem neuen Tag entgegen , der uns Glück und Freude bringen soll , und wann er scheidet , haben wir Furchtbares erlebt , und Hoffen und Glück sind gebrochen , vielleicht auf ewig . – – Und doch , wie dankbar müssen wir alle heute sein , da uns das Schwerste gnädig erspart worden ! 75 Wenn nur die Aufregung ohne böse Folgen an der alten Frau vorübergehen möchte ; sie war stark in Gefahr , und wenn die Spannung nachließ , würde nicht die zarte Gesundheit dafür büßen müssen ? Mir schlug plötzlich das Gewissen : ich war ein wenig grollend von ihrem Bette fortgegangen und hatte mich während mehrerer Stunden nicht um sie bekümmert . Im nächsten Augenblick schon war ich auf dem Wege zu ihr . Als ich in das Wohnzimmer trat , brannte die Lampe noch nicht , aber ich sah schattenhaft die Gestalt der Großmutter inmitten des Raumes stehen . » Bist du aufgestanden ? « fragte ich , » wie geht es dir denn ? « » Gut ! « antwortete sie kurz . » Wo steckt ihr nur alle ? « schalt sie dann , » kein Mensch ist zu finden , einzig und allein die Kathrin war ' mal wieder auf dem Platze . « » Warst du in der Küche , Großmutter ? Hat dir Kathrin – hast du mit ihr gesprochen ? « stotterte ich . » Denke doch , ohne sie , Großmutter – liebe Großmutter – « » Was willst du denn eigentlich ? « fragte sie laut , » was denkst du denn ? Ich habe ihr gesagt : › Kathrin , ‹ habe ich gesagt , › du wirst doch nicht fort wollen von mir ? Gelt , Kathrin , wir zwei können uns doch gar nicht trennen ? ‹ und dann , als sie dagestanden hat wie Loths Weib , da bin ich – « Großmutter schluckte ein paarmal , als habe sie etwas in der Kehle – » da habe ich meine Arme um ihren Nacken gelegt und habe sie geküßt . – Kind , lache mich nicht aus , ich konnte nicht anders , wirklich nicht – « und ihre Stimme erstickte in Tränen . » Großmutter ! « schrie ich entzückt , » du bist ein Engel – du bist – so etwas gibt ' s gar nicht mehr ! « Und ich küßte sie so ungestüm , und dann stürzte ich hinunter in die Küche und tat , was Großmutter getan . » Kathrin , Sie bleiben bei uns , Sie bleiben ! « jubelte ich , und Auguste stand dabei und machte ein saures Gesicht . » Fräulein , « begann sie , » ich wollte nur bitten , sagen Sie doch der gnädigen Frau , wenn ihr ' s recht ist , ziehe ich zum ersten Mai wieder ab ; ich habe heute einen Brief gekriegt von – – « » Von Nommels Großmutter ? « rief ich . » Nee , nich von Nommels Großmutter – von meinem Schatz , ich tu ' heiraten , « erklärte sie empfindlich . » Schön , Auguste ; ich bin überzeugt , daß Großmutter Ihrem Glück nicht im Wege stehen wird . « » Fahren Sie man ab mit gutem Winde , « erklärte Kathrin , deren Wut auf die » Neue « jetzt nicht mehr einzudämmen war , » for meinswegen heute abend noch . « » Sie haben hier gar nichts zu sagen ! Spielen Sie sich man nich auf , als ob Sie Wunder was bei der Gnädigen gelten täten ! « rief Auguste . Da stellte sich Kathrin in ihrer ganzen Massigkeit vor die » Neue « hin , die Arme in die Seite gestemmt . » Ob ich hier was gelten tue ? « rief sie , » na , ich dächte doch ! Hat Ihnen Ihre Herrschaft denn schon geküßt ? Ich meine , eine von Ihren Madams ? Das hat sicher nich ' mal Nommels Großmutter getan . Denn ihr halte ich for eine ganz vernünftige Frau , weil daß sie Sie nicht behalten hat im Dienst . Na also , und nun machen Sie man keine Fisimatenten und drücken Sie sich gefälligst aus meiner Küche . Und zur Hochzeit brauchen Sie mich auch nich einzuladen , weil , daß ich zu eine angehende Mörderin doch nich 77 komme ; und Sie können man Gott danken , daß das Kind nich an Ihrer offen gelassenen Türe gestorben is – Sie – Sie – « » Kathrin ! « rief ich entsetzt , » wenn Großmutter Sie hörte ! « » Kann mich hören , Fräulein , gnä ' Frau kann mich hören , sie weiß , wie ich ' s meine , denn jetzt kennt sie mir , und auf diese Welt kann uns nichts mehr trennen , ausgenommen , ich müßte heiraten . Nee , Fräulein , nu stecken Sie sich man lieber nich zwischen Ihre Großmutter und mir , wir beide sind einig for immer . « Und so war ' s auch . Kathrin hat der alten Frau in guten und bösen Tagen beigestanden ; sie ist bei ihr gewesen , als Großvater so plötzlich starb , und hat ihr selbst die Augen zugedrückt , als sie uns im hohen Alter entrissen ward . Großvater hatte Kathrin die Rettungsmedaille verschafft ; sie trug dieselbe an allen hohen Festtagen , auf ihrer eigenen Hochzeit , bei Begräbnissen und Taufen in unserer Familie und wenn sie zum heiligen Abendmahl ging . In ihren letzten Lebensjahren äußerte sie noch einen Wunsch , den sie immer wiederholte . Sie lebte in einem sogenannten Spittel , hatte dort ein nettes Stübchen und ruhte , Strümpfe strickend und Kaffee trinkend , aus von ihrem arbeitsvollen Leben , und wenn ich sie besuchte , dann sprach sie gern von ihrem Tode , und endlich kam auch der Wunsch : einen recht feinen Sarg und einen schönen Nachruf im Wochenblättchen ! Wenn 78 sie das sicher wüßte , dann könnte sie sich doch noch auf etwas freuen auf dieser Welt . Ich versprach es ihr . Und als sie heimgegangen war , da stand im Wochenblatt zu lesen , daß Kathrin So und So , geborene Zeugler , Inhaberin der Rettungsmedaille , die treueste Seele gewesen , nicht nur als Dienerin , sondern auch als Freundin , die mit Gefahr ihres eigenen Lebens ihre Herrschaft vor großem Schmerz bewahrte . Unterschrieben : Die dankbaren Familien v. Stetten und v. Reinecke . Meine Schwester Gretchen stiftete den Sarg ; ihr Sohn , der Leutnant v. Reinecke , einen herrlichen Kranz , und seine niedliche Braut am Arm wanderte er beim nächsten Urlaub hinaus auf den Friedhof zu Kathrins Grab . Ja , ja , wenn diese Kathrin nicht gewesen wäre , diese ungeschlachte , ungebildete Kathrin , die dennoch das Beste besaß , was es auf der Welt gibt : ein treues Herz ! 79 Korl Lorensen . Ich gehe schon den ganzen Tag in Gedanken an eine neue Geschichte umher ; was soll ich diesmal meinen freundlichen Lesern erzählen ? Es gäbe gewiß noch vieles zu berichten aus dem Lenkwitzer Forsthause , aber mir fällt just nichts ein . Eigentlich habe ich auch schon zu oft geplaudert von den alten Begebenheiten ; es könnte wirklich einmal etwas anderes sein – aber was ? Vielleicht Geschichten aus der Gegenwart ? Aus dem Hause , dem großen Mietshause , in dem ich wohne ? Oder von der Straße – Geschichten , deren Inhalt sich an Vorübergehende knüpft , so eine Art Chronik der W.-Straße ? Oder Begebenheiten aus der Dorfgasse , in der das Haus meiner Eltern steht ? Es gibt überall Interessantes , aber man muß es nur erst haben , sehen ; lebendig werden müssen die Gestalten , die schattenhaft an meinen Augen vorübergleiten . Aber so viele ich auch heute festhalte und sie frage : » Nun sag , was könntest du wohl erlebt haben – und du und du ? « sie bleiben stumm , schweben vorüber und zerfließen ; sie lassen mich allein . Nichts ! Ein Königreich für den Stoff zu einer neuen , fesselnden Geschichte ! Und dabei ist ' s so friedlich in meiner Schreibstube , so recht zum Arbeiten geschaffen . Der Regen , der sich gegen Abend eingestellt hat , schlägt an die Fenster , der kleine Amerikanerofen steht und sieht mich mit feurigen Augen durch 82 die leichte Dämmerung an , die schon herabsinkt , und die Uhr tickt , die winzig kleine Schwarzwälderuhr , die ich mir einmal für fünf Mark in Rippoldsau erstand und die seit Jahren ihr Ticktack hören läßt , so traut und lieb , daß ich ihr immer wieder von neuem verzeihe , wenn sie so ganz und gar nicht richtig gehen will . Der Wind heult auch recht hübsch da draußen ; aber das macht mein Zimmer noch behaglicher . Wenn nur ein Stoff da wäre für die Geschichte , dann müßte es ein reizender Abend werden . – Denken wir nach ! Ich könnte ja vielleicht von meinen Reisen erzählen ? Freilich , das geht – versuchen wir es ! Da vor mir steht ein Briefbeschwerer , der geflügelte Löwe von San Marco . – Venezia ! Ich sehe die Gondeln gleiten , ich höre den Schrei der Gondeliere . Der Mondschein flimmert auf dem Canale grande , weiß leuchten die Marmorpaläste , und eine weiche Männerstimme – ein erster Schmalztenor , wie man in Berlin sagt – klingt in mein Ohr . O du zaubervolles , göttliches Venedig , wenn nur nicht schon so über alle Maßen viel von dir erzählt wäre , das alles auf Mondschein , Meer und Gesang , auf Marmorpaläste und Gondeln herauskommt ! Nein , Venedig gebe ich auf – aber was nun ? Meine Gedanken fliegen von der stolzen Dogenstadt , hingelenkt durch einen Tannenbruch , der hinter dem Bilderrahmen über meinem Schreibtisch steckt und von dem schon die meisten Nadeln abgefallen sind , nach dem kleinen märkischen Städtchen , in dem mein Vater fünf Jahre lang in Garnison stand . Der Bruch stammt noch von einer Schnitzeljagd , welche die Ulanen ritten , bei der