hinaus . „ Aenne , Aennchen , komm ’ herunter , Kind , in mein Zimmer ! “ Aber niemand antwortete , und Frau Rätin sprach von erregten Nerven , von Erschütterung , und man wolle sie in Ruhe lassen . Nach einer halben Stunde werde sie hinaufgehen und die „ kleine Braut “ – ihr ganzes Gesicht verklärte sich dabei – herunterholen . In diesem Augenblick kam Tante Emilie nach Hause und wurde von dem freudestrahlenden Elternpaare in die Stube gezogen . „ Wer hat nun recht , Emilie ? “ sagte triumphierend der Rat und schlug der Erstaunten auf die Schulter . „ Was ist denn geschehen ? “ „ Denk ’ doch , die Aennes , “ fiel die Rätin ein „ du hast zwar immer den Kopf geschüttelt , wenn ich sagte , sie nimmt den Günther doch noch – und nun “ „ Aenne – den Günther ? Nein , das glaube ich nicht , ist nicht möglich ! “ erklärte ganz blaß die alte Dame . Der Rat lachte . „ Eben hat sie es ihrer Mutter anvertraut . “ „ Da steht mir der Verstand still , “ erklärte Tante Emilie . „ Na , weißt du , Schwester , mir ging ’ s auch beinahe so , und doch ist es Thatsache ! “ Die Ungläubige aber verließ still das Zimmer und pochte oben an Aennes Stubenthür . „ Aenne , mach ’ auf , ich bin ’ s ! “ „ Komm ’ nur herein ! “ scholl es . In dem winzigen Mädchenstübchen brannte die Stearinkerze im Messingleuchter auf der Kommode . Aenne stand davor und hielt ein geleertes Kästchen in der Hand im Ofen knisterte etwas , verwelkte Blumen und dergleichen . „ Aber , traut ’ stes Aennchen , “ fragte die alte ehrliche Seele , „ was machst du für Sachen ? Das ist doch ein schlechter Spaß ! “ „ Du meinst – meine Verlobung ? “ „ Mit – Günther ? “ „ Ja , freilich , so ist ’ s doch ! “ „ Erbarmen , Goldkindchen ! Das ist ja , um auf die Akazien zu klettern ! “ schrie sie außer sich , „ du liebst ihn ja überhaupt gar nicht ! “ „ O ! “ sagte Aenne , „ das weißt du doch nicht , Tante . “ „ Schrecklich ist ’ s ! Eine ganz verschrobene Marjell bist du – du wirst kreuzunglücklich ! “ „ Aber , Tante , das weißt du doch ebenfalls nicht ! Ich heirate , wie so manches Mädchen , weil einmal geheiratet werden muß . Ich bin doch auch nicht besser als die andern ! Und was für Ansprüche soll ich denn machen ? “ „ Ja , wenn ich dich nicht so genau kennte , Kindchen – “ „ Du kennst mich eben gar nicht so genau , Tante . Paß auf , wie gern du noch hinüber kommst in die Kinderstube , in der mein Leben von nun an verfließen wird , so drei , die brauchen Pflege ! O , ich werde so viel zu thun haben , daß ich mich gar nicht mehr zu besinnen brauche auf etwas – sie machte eine Bewegung mit dem Arm „ das weit hinter mir liegt . Na , und nun gratuliere mir , Tante , und sage den Eltern , heute möchten sie mich nur allein lassen und – ich wäre glücklich , wenn sie eine rechte Freude an der Geschichte hätten . – Gute Nacht , Tantchen ! Und wenn ’ s Mama etwa gar das Herz abdrückt , so habe ich nichts dagegen , wenn sie herumschickt , den künftigen Schwiegersohn zum Punsch zu bitten ^ nur ich , ich möchte allein sein heute . “ „ Ich werde mich hüten , das letztere zu bestellen , “ erklärte Tante Emilie , „ ich will vielmehr den lieben Gott bitten , daß er dir bis morgen deine klare Vernunft wieder schenkt , denn ehe du den Günther nimmst , eher – “ „ Tantchen , verschwör ’ dich nicht – daran ist nichts mehr zu ändern ! “ rief Aenne noch durch den Thürspalt . Dann schloß sie hinter der alten Frau , die langsam die Treppe hinunterging , die Thüre ab , drehte den Schlüssel zweimal herum und setzte sich mit finsteren Augen und untergeschlagenen Armen auf den Stuhl am Fußende des Bettes . Sie starrte zum Ofen hinüber , in dem die armseligen Reliquien ihres Liebestraumes verglimmten , und verfolgte jedes Fünkchen mit trotzigem Herzeleid und kam sich vor wie eine Heldin . Einige Tage später stand Heinz Kerkow an dem Bette , auf dem seine tote Mutter lag . In der Hand zerknüllte er noch den Brief , den er soeben erhalten und . nur flüchtig gelesen hatte , als die Schwester ihn mit besorgter Miene in das Krankenzimmer rief . „ Heinz , komm ’ doch , Mutter sieht plötzlich so verändert aus ! “ Er war da gerade zurecht gekommen , um noch einmal die zwei treuesten Augen der Welt auf sich gerichtet zu sehen und die Hand zu erfassen , die bald so erstarrt in der seinen ruhen sollte . Nun lag die Schwester schluchzend auf den Knien vor dem Bette der Toten und er stand da und – fühlte nichts , gar nichts . Ganz gedankenlos ballte er das Papier noch fester zusammen , eine Karte mit Goldschnitt , auf der zu lesen stand , daß Medizinalrat May und Frau sich die Ehre geben , die Verlobung ihrer Tochter Aenne mit dem herzoglichen Oberförster Herrn Hermann Günther ergebenst anzuzeigen – – Was ging ihn das an ? Er wandte sich plötzlich und verließ das Sterbezimmer , setzte sich in der Wohnstube auf das altmodische Kanapee und senkte die Stirn in die Hand . Die Schwester kam endlich zu ihm und erinnerte , daß er die Meldung des Todes der Mutter auf dem Standesamt persönlich zu erstatten habe , und es sei doch leider Gottes noch so mancherlei zu besorgen , das zu übernehmen sie ihn bitten müsse . Er stand auf , zog die Uniform in die Taille und ging , das zerknüllte Papier blieb auf dem Fußboden liegen . Hedwig von Kerkow hob es auf und glättete es mechanisch – eine Verlobungsanzeige , und unten in der Ecke von Mädchenhand zierlich gekritzelt . „ Lieber Heinz ! Sie sind mir zuvorgekommen , ich wollte Sie überraschen , nun waren Sie doch eiliger als ich . Ich gratuliere Ihnen hiermit herzlichst und wünsche , daß Sie ebenso glücklich sind im Besitz Ihrer lieben Braut wie ich in dem meines Bräutigams . Mit schönem Gruß Ihre alte Freundin Aenne . “ Hedwig Kerkow dachte ein Weilchen nach – sie hatte nie etwas von einem Wesen gehört , das Aenne hieß . – Sie ließ das Papier achtlos liegen und griff zum Taschentuch , um die wieder aufquellenden Thränen zu trocknen . Dann kam Heinz zurück , und die Geschwister saßen beisammen in der dämmerigen Stube . Hin und wieder redeten sie [ 055 ] ein paar kurze Worte von der Verstorbenen und von der unglücklichen Schwester , und ob diese in ihrem Zustand wohl die Nachricht zu begreifen vermöge . Und wieder ward es still . Endlich sagte Hedwig . „ Gottlob – Heinz , daß die Mutter deine Verlobung noch erfahren hat , es war der letzte Lichtstrahl für sie ! “ Er nickte . „ Wird Toni zum Begräbnis kommen , Heinz ? “ „ Ich weiß nicht . – ich hoffe es nicht . “ „ Du hoffst es nicht ? “ „ Ich meine , ich glaube es nicht , sie ist noch im Dienst und – “ „ Aber zum Begräbnis wird Durchlaucht sie doch ohne weiteres beurlauben ? “ „ Ja , aber ob sie noch rechtzeitig hier sein kann – “ „ Hast du ihr denn nicht telegraphiert ? “ „ Nein ! “ „ Aber warum denn nicht ? “ Er blieb die Antwort schuldig , und dann kam die Totenfrau . Er konnte seine Braut hier nicht sehen , er wollte nicht – nur wenigstens hier nicht Komödie spielen , im Angesicht des Todes ! Toni hatte übrigens gar nicht daran gedacht , zu kommen . Sie schickte einen Kranz aus Palmen , weißen Rosen und Frauenhaar , vermeldete , daß die Herzogin warmen Anteil nehme und daß Tante Gruber ihr erzählt habe , wie liebenswürdig und gut die Verstorbene gewesen und wie schade es sei , daß sie dieselbe nicht noch kennengelernt habe . Dann ein Grnß an die Schwester . Heinz hatte gedacht , der Brief würde etwas darüber enthalten , daß Hedwig dereinst eine Zufluchtsstätte in seinem Hause finden sollte , er hätte so gern dem armen Mädel diesen Hoffnungsstrahl für die Zukunft bei der Rückkehr vom Kirchhofe in das öde verlassene Zimmer gebracht – aber nichts davon ! Und das als Antwort auf den Brief , in dem er Hedwigs Lage geschildert – – – “ „ Was meinst du , Heinz , fragte am Abend die Schwester , „ kann ich es wagen , die Wohnung zu behalten bei meinen unsicheren Einnahmen ? Wenn ich gesund bleibe und alle meine Schülerinnen behalte , so dürfte es vielleicht langen , um die lieben Räume nicht verlassen zu müssen . – Es würde mir so schrecklich schwer werden , hier hinauszugehen , Heinz , “ fügte sie wie entschuldigend hinzu und sah ihn an mit den vom Weinen rotgeränderten bittenden Augen , als erwartete sie eine Aufmunterung von ihm . „ Freilich , Hede , “ antwortete er , „ auf alle Fälle und selbst , wenn dir eine Schülerin absagt oder Krankheit dich hindert ! Aengstige dich nur nicht , ich werde schon sorgen – auch für Ottilie – plage dich darum nicht – “ „ Ach , Heinz , wenn ich dich nicht hätte ! “ Sie ging hinüber zu ihm , legte den Kopf an seine Wange und begann wieder leise zu schluchzen . „ Kind , du nimmst es zu schwer . Tausend Mädel haben noch weniger als du , nicht einmal ein Talent , wie es dir so nett weiter hilft – denk ’ mal , wenn du nun nicht maltest , wenn du , wie Ottilie , unter fremden – – “ „ Wir sind aber auch gar nicht erzogen , um dergleichen schwierige Lage so mir nichts dir nichts zu überwinden ! “ stieß sie hervor . „ So herausgerissen aus dem glänzenden Leben , bei Papas Tode dann nichts haben , gar nichts ! Ja freilich – ein Justizrat mit glänzender Praxis kann leben wie ein Fürst , und wenn er dann fort muß und hat nichts gespart – – “ „ Hedwig , weine nicht ! Wir haben kein Recht , dem Toten Vorwürfe zu machen , und , nebenbei , es hülfe ja auch nichts . “ „ Ich will ja nichts mehr sagen , Heinz , nur leid thut es mir , daß Mama nicht noch dein Glück erleben konnte . – – Hattet ihr schon von der Hochzeit gesprochen ? “ „ Ja ! “ antwortete er kurz . „ Und wann sollte – – ? “ „ Weihnachten . “ „ Auch jetzt noch ? “ „ Ja – ja – ich glaube , Toni will es auf jeden Fall . “ „ Ich finde es auch richtig , Heinz , und Mama würde es ebenfalls wünschen , daß die Trauer um sie nicht zwischen euch trete . Ihr lebt zudem recht still für euch in dem kleinen Breitenfels . “ „ Wir werden zunächst reisen , nach Tonis Wunsch . “ „ Ach ! “ Sie sah ihn an mit stiller Bewunderung . „ Wie herrlich ! “ – Welch ein Glück hatte der Heinz ! O , wer auch einmal an eine Reise hätte denken dürfen gar eine Reise mit dem einzigen , den man liebt ! „ Wohl nach Italien ? “ fragte sie leise . „ Ja , Kind , ich glaube nach Neapel . “ „ O , Heinz , wie fallen Geschwisterlose doch verschieden ! Ottilie – und du ! “ flüsterte sie . Sie weinte von neuem . Er hatte nicht verstanden . „ Und dann – ja dann , dann will ich arbeiten , um zu vergessen , daß ich – “ Er hielt inne . Wozu sollte er der armen gequälten Schwester anvertrauen daß es ihn schrecklicher denn Bettelbrot zu essen dünkte , von dem Gelde seiner Frau zu leben , Hede würde ihn nicht einmal verstehen . „ Ich meine arbeiten , um die Kriegsakademie zu erreichen , das ist alles , was ich wünsche ! “ Heinz bezahlte am andern Morgen bar die Kosten des Begräbnisses , kleine Posten , die noch ausstanden , die erste Rate der Pension in der Irrenanstalt und übergab seiner vor Dankbarkeit ganz gerührten Schwester außerdem einen Hundertmarkschein für die nächste Vierteljahrsmiete . Angesichts der ganz leeren Kasse seiner alten Mama hatte er an einen Geldverleiher seiner Garnison geschrieben und umgehend die geforderte Summe erhalten , rückzahlbar nach seiner Verheiratung . Er konnte doch schließlich der alten Frau kein Armenbegräbnis zu teil werden , kannte seine Schwester nicht dem Nichts gegenüber lassen , er mußte borgen , es gab keinen Ausweg ! Dann traten sie noch einmal an das Grab der Verstorbenen und drückten sich feuchten Auges die Hand , und dann stand das arme Mädel allein auf dem Perron und sah dem Schnellzuge nach , der ihren Heinz entführte – dem Glück entgegen , wie sie meinte . Eine Unmasse Grüße und ein winziges von ihr gemaltes Täßchen mit dem Kerkowschen Wappen hatte sie der unbekannten Schwägerin durch ihn gesandt . Es war dunkel , als Heinz auf der Station ankam , von der aus er zu Wagen nach Breitenfels fahren mußte . Ein paar Schneeflocken taumelten in der Luft und schneidend kalt wehte der Wind von den Bergen herüber . Eine wunderliche Stimmung überkam ihn heute abend , als er nach dem Platz ging , wo der Wagen ihn erwartete . Er dachte beständig an ein rosiges Antlitz unter dichtem blonden Haar , das ihm lieb und vertraut entgegen lächeln würde bei der Heimkehr von dieser traurigen Reise , zu ihm sagen würde : ‚ Heinz , mein armer Heinz ! ‘ – Nun hatte sich dieser Mund schon gewöhnt , „ Hermann “ zu sagen , hatte das Küssen gelernt von eines anderen Mannes Lippen und seine Besitzerin hatte ihm kurz und bündig mitgeteilt , daß sie besagten Hermann schon lange im Herzen trage , daß mithin ihr ganzes holdes Wesen , die Thränen , die sie geweint , ihr Lächeln – nur Lüge und Verstellung gewesen waren , von A bis Z. Er konnte sich also beruhigen ihretwegen ! Nun ja , oder es that ihm weh , weil er das reizende frische Geschöpf schier närrisch lieb gehabt – gehabt , natürlich ! Er sagte das letzte halblaut vor sich hin , indem er mechanisch nach dem Gefährt ausspähte . Dort stand zwar ein solches , ober es war ein Hofwagen und er hatte doch einen simplen Einspänner bestellt bei dem einzigen Wagenverleiher in Breitenfels – ein solcher war nicht da . Was in aller Welt mochte nur passiert sein ? Da kam der Diener , der am Schlag gewartet , ihm entgegen und nahm ihm respektvoll grüßend die Handtasche ab . Er ließ es verdutzt geschehen – sollte Toni ihm entgegengefahren sein ? „ Ist der Wagen für mich ? “ „ Zu Befehl , Herr Lieutenant ! “ „ Ist – ist er leer – ich meine , ist jemand gekommen ? “ „ Frau Baronin von Gruber . “ Er war mit ein paar großen Sprüngen an dem Schlag , den er hastig öffnete . „ Du , Tante ? “ rief er hinein . „ Ja – was hat das zu bedeuten ? “ „ Steig nur ein , Heinz – eine Unterredung unter vier Augen , nichts weiter . Guten Abend , mein lieber Junge ! Ich habe deiner viel gedacht , armes Kerlchen – gottlob , daß du das schwerste hinter dir hast ! “ Der Bediente schloß die Thür des Coupées , sprang auf den Bock und der Wagen setzte sich in Bewegung . [ 058 ] „ Na , Tante , dann schieß ’ los , “ sagte er mit einem Anflug seines alten Humors , „ was giebt ’ s ? “ „ Du wirst dich wundern , Heinz , “ klang die Stimme der Hofdame aus der Dunkelheit und ganz gepreßt zu ihm herüber . „ Ich wollte dich vorbereiten , du hättest sonst eine allzu große Ueberraschung gehabt – es bereiten sich große Dinge vor – “ „ Ist ’ s um Toni ? “ „ Ja und nein – also kurz gesagt . Ihre Durchlaucht ist untröstlich , Toni hergeben zu sollen ; sie behauptet , Toni sei die einzige , die so deutlich und scharf accentuiere beim Vorlesen , daß sie jedes Wort , trotz der vorgeschrittenen Taubheit , verstehen könne , und da – – “ die Sprecherin machte eine Pause . „ Da wünscht Hochdieselbe , die Verlobung rückgängig gemacht zu sehen ? “ fragte er und wunderte sich , daß es wie ein Aufatmen über ihn kam . „ I Gott bewahre ! Wie kannst du nur bei der frommen gemütstiefen Fürstin einen solch sträflichen Egoismus voraussetzen ? Nein , im Gegenteil , sie wünscht , daß ihr je eher je lieber heiratet , aber – daß ihr in ihrer Nähe , in Breitenfels bleibt . “ „ Da wünscht eben Ihre Durchlaucht etwas Unmögliches , “ antwortete er trocken . „ Oder – soll ich Kommandant von Breitenfels werden ? Eine Charge , die ganz neu geschaffen werden müßte und – in Anbetracht des bedeutenden hier garnisonierenden Truppenteils – – “ „ Laß doch den Spott , Heinz ! Den Rock müßtest du natürlich ausziehen siehst du , aber , bitte – keine Ironie ! Uns fehlt schon seit langer Zeit der Hofmarschall , der laut Bestimmung der Hofhaltung Ihrer Durchlaucht zukommt . Auf dem Papier ist er auch stets geführt , nur daß Excellenz die kleine unbedeutende Funktion neben seinem Kammerherrndienst noch übernommen hatte . Der gute Axleben ist nun aber so decrepit geworden , daß man ihm das wohl nicht länger zumuten kann , und so kam Ihre Durchlaucht auf die Idee – “ „ Ihre Durchlaucht kam darauf ? “ „ Nun ja – das heißt , ich hatte vorher mit Toni darüber geredet . “ „ Ach so ! “ „ Kurz und gut , Heinz , dein Glück wäre doch gemacht , wenn du zugreifen wolltest ! Denke dir – den Titel Hofmarschall , eine Wohnung im Schloß , Equipage , alle Jahre so und so lange Urlaub . – Gott , das Gehalt ist ja so enorm nicht , aber immer noch besser als eine Lieutenantsgage ! “ „ Und meine Braut ist natürlich entzückt von der Idee ! “ „ Das kannst du doch denken ! Durchlaucht hat ihr versprochen , jedes Jahr ein paar Wochen in der Residenz zu verleben , ihr begleitet sie natürlich , ihr könnt dort ein allerliebstes Haus machen . Ich habe Toni zugesagt , dir die Sache praktisch zu unterbreiten , und sie hofft , daß du ihr diesen ersten Wunsch erfüllen werdest . Heinz , ich will dir gestehen , wir sind so entzückt von diesem Plane , daß – “ „ Ich bin gar nicht davon entzückt , “ unterbrach er sie schroff , „ und denke nicht im entferntesten daran , meinen Dienst zu quittieren ! Ich liebe meinen Beruf mit einem guten Teil ehrlicher Begeisterung , und nur der Notwendigkeit gehorchend , würde ich ihn verlassen haben , das heißt – du verstehst mich – wenn mir die Mittel , weiter zu dienen , eines Tages gefehlt hätten , es war ja nahe daran ! Diese Notwendigkeit ist aber durch meine Verlobung mit Toni Ribbeneck geschwunden , so bleibe ich ! “ „ Du – du bleibst ? “ Diese Worte voll maßlosesten Erstaunens trafen jetzt sein Ohr . „ Ich bleibe , “ wiederholte er , „ und wenn meine Braut mich liebt , was ich ja eigentlich kaum zu hoffen wage , so geht sie mit mir dorthin , wohin mich mein Beruf führt . “ „ Aber du rasest gegen dich selbst , mein lieber Heinz ! “ „ Mitnichten ! Ich brauche frische frohe Arbeit so notwendig wie die Luft , die ich atme , ich passe den Teufel ! zu solchem Beruf , ich bin ein Soldat und keine Hofschranze ! “ „ Herrgott – frische frohe Arbeit , sagst du ! Die wirst du ausgiebig haben bei deinen Pirschgängen . “ „ Die Befriedigung einer Passion ist keine Thätigkeit , wie man sie nötig hat für seine Gemütsruhe – ich möchte nicht leben ohne Pflichten . “ „ Du hast doch deren in deiner Stellung ! “ rief sie gereizt . „ Welch pedantische Auffassung , Heinz ! “ „ Die Pflichten eines Hofmarschalls in Breitenfels , “ sagte er leise , „ ausgezeichnet , Tante , und worin bestehen sie ? Im Whistspielen , im Aufstellen der Gästelisten für eure illustren Theeabende und im Honneurmachen bei denselben . Nimm ’ s nicht übel , Tante , die Gräfin Arnstein sowohl wie die Frau Hofprediger gelangen auch , ohne daß ich ihnen meinen Arm am Eingang der fürstlichen Gemächer anbiete , zu dem Sessel der Durchlauchtigsten – eure Idee ist eine Kateridee ! “ „ Aber – wenn sich Toni darauf kapriziert , wenn sie – “ „ Dann muß sie sich eben einen andern suchen , der mit ihr zugleich den Hofmarschall übernimmt , “ unterbrach er brüsk und hatte ein riesig erleichterndes Gefühl in sich . Er mußte es darauf ankommen lassen , duckte er sich in dieser Angelegenheit , so war seine Autorität ihr gegenüber für alle Zeiten untergraben ! Sie durfte doch nicht denken , weil sie ein paar Kröten besaß , daß der Mann , den sie sich damit gekauft hatte , ihr Spielzeug sei ? Lieber – das Schlimmste ! „ Und wenn Toni , “ scholl es wieder aus der dunklen Ecke des Wagens , „ wenn sie ihre Freiheit thatsächlich deiner Tyrannei und Engherzigkeit vorzieht , wie dann ? “ „ Liebe Tante , du scheinst überhört zu haben , was ich eben sagte . “ „ Hast du das große Los gewonnen oder hinterließ deine Mutter unerwartet ein Vermögen ? “ stieß die Baronin zitternd hervor . „ Keins von beiden , ich bin mir der jammervollen Lage meiner pekuniären Schwierigkeiten vollständig bewußt . “ „ Nun , dann verstehe ich dich nicht . “ Und sie setzte sich so ostentativ zurück , als wollte sie sagen . Mache was du willst , mit dir ist nicht zu reden ! „ Es thut mir bitter leid , Tante Christiane . “ „ Ich ersuche dich , wenigstens heute abend nicht mehr die Sache zum Austrag zu bringen . gehe in dein Zimmer , ohne Toni zu begrüßen , und ich werde versuchen , dich glaubhaft bei ihr zu entschuldigen . Sie erwartet dich in meinem Salon zum Thee , und du hast wahrscheinlich Kopfweh oder dergleichen – sie muß es gelten lassen . “ „ Ich habe keine Kopfschmerze und fürchte mich nicht vor Auseinandersetzungen – je eher , je besser ! “ „ Nun denn , meinetwegen ! “ Die Baronin wickelte sich nach diesen Worten in ihren Pelz und würdigte ihren Neffen keines Wortes weiter . Der Wagen kroch langsam bergan , dann huschte der Schein der ersten Petroleumlaterne der Residenz durch die Fenster des Coupes und Heinz schaute hinaus . Oben angelangt , setzten sich die Pferde wieder in Trab . Der junge Offizier sah Licht schimmern durch die Läden des Mayschen Hauses , beim Oberförster war alles dunkel – natürlich saß er bei der Braut ! Heinz biß sich auf die Lippen , daß es schmerzte . Der hätte ebensogut eine Kindermagd heiraten können , weiter suchte er doch nichts , und diese reizende kluge süße Aenne vergräbt sich in solche Prosa ! Und er , er sollte hier bleiben und das mit ansehen , wie der plumpe Gesell ihr den Staub von den Schmetterlingsflügeln streift und sie in eine häßliche Puppe zurückverwandelt , die dumpf hinleben muß in dem ewigen Einerlei seines mit Kindergeschrei erfüllten Hauses ? Nie – nie ! Nun hielt der Wagen vor dem Eingang des Schlosses und die Baronin verließ , von Heinz unterstützt , das Gefährt . Mit einem sehr kühlen Kopfnicken verabschiedete sie denselben im Treppenhause des zweiten Stockes , und er stieg die dritte Treppe empor , um sein Zimmer aufzusuchen an dessen Schwelle ihn der Bursche empfing . Es war behaglich warm in dem riesenhaften , ziemlich schmucklose Raum , und auf dem Tische brodelte der kleine Alfenidkessel neben der Arrakflasche und dem Punschglas . „ Briefe gekommen ? “ „ Zu Befehl , Herr Lieutenant ! “ Er trat an den Tisch und betrachtete ein großes graues Couvert , das in ungelenken Schriftzügen seine Adresse trug . Es hatte ihn , dem Vermerk nach , zuerst in seiner Garnison gesucht und war dann hierher nachgesendet worden . Aus Berlin ? Was mochte das sein ? – „ Ich danke , Scholze , “ sagte er dann , „ ich gehe nachher noch zur Frau Baronin hinunter , mache den Waffenrock zurecht ! Dann warf er sich in einen der mit grün und weiß gestreiftem Kattun bezogenen Fauteuils nahe der Lampe und erbrach das Schreiben . [ 059 ] „ Gnädigster Herr Leutnant ! “ begann er mühsam zu entziffern . „ Besinnen sich gnädigster Herr Leutnant noch auf die dicke Marien ? Ich habe Ihnen doch so oft als kleinen Jung ’ die Butterstullen gemacht zum Schulfrühstück und auch Bratäpfels in Winterabends in die Kochmaschine und haben Sie doch immer viel auf mir gehalten dazumal . Auch was die liebe gnädige verstorbene Frau Mama ist , hat mir immer so gern gehabt bis zu ihrem Ende , was nun doch so rasch gekommen ist . Gnädiger Herr Leutnant , wir sind , mein Mann und ich , tief betrübt und es ist gewiß keine Unbescheidenheit , wenn ich in die Trauertage mit eine kleine Frage hervortrete , es ist man weil davon sehr viel abhängen thut für meinen Mann und mir , und weil wir doch fünf Kinder haben und August , was der Aelteste ist , Oktober in die Lehre kommen soll bei Schuster Finken in die Nollendorferstraße , wo seine Kundschaft ist . – Nun geht unser Grünkeller mit Bier und Butter jawoll ganz gut , aber die Zinsen von die gnädige Frau Rätin können wir doch nicht gut entbehren , indem daß dieselbigen nun schon anderthalb Jahre nicht bezahlt sind . Ich habe nicht gewagt , gnädige Frau von Kerkow dran zu erinnern , weil ich weiß , daß sie ihre alte unterthänigste Dienerin nicht vergißt , nu aberst jetzt , wo ihr der Tod so rasch genaht ist , möchte ich doch fragen , ob gnädige Frau vielleicht etwas hinterlassen hat über Rückzahlung der 1500 Mark , was unser Gespartes ist und die ausständigen Zinsen . Ich bitte Herrn Leutnant vielemal zu verzeihen und die Briefe , worin gnädige Frau uns bat , sie das Geld zu borgen lege ich mit bei im unterthänigsten Vertrauen und der Bitte , wenn ’ s möglich wäre und es Herrn Leutnant und dem gnädigen Fräulein keine Ungelegenheit macht , uns doch gütigst zurückzugeben indem wir es doch sehr nötig haben . Mit unterthänigstem Gruß Ihre Dienerin Marie Schulze geb . Artner . “ Ganz mechanisch nahm er den Brief seiner Mutter und entfaltete ihn .. „ Liebe Marie ! In größter augenblicklicher Verlegenheit wende ich mich an Dich , treue Seele , und bitte Dich und Deinen Mann , mir fünfhundert Mark zu leihen zu fünf Prozent . Ich kann Dir nicht sagen – weshalb oder wozu , und verspreche , daß ich es pünktlich am nächsten ersten Januar wieder zurückzahle . Immer Deine , Dir sehr zugethane Bertha von Kerkow . Dann noch ein Brief . Jetzt sind es tausend Mark , die die Mutter haben will uud die ihr die treue Seele giebt , das ehemalige Dienstmädchen , das sich bei harter Arbeit groschen- und sechserweise das Sümmchen zusammengespart hat – – . Mein Gott , das hatte er doch nicht gedacht ! Stand es denn so furchtbar mit der alten Frau Und wozu hatte sie denn – ? Er sah auf das Datum des letzten Briefes und eine jähe Blutwelle stieg ihm zu Kopfe . Ja , das war vor drei Jahren gewesen , als er Schulden halber – recht thörichte leichtsinnige Schulden , die einzigen , die er auf solche Weise gemacht ! – sich an die Mutter wandte und sie bat , ihm jene mythenhaften fünfhuudert Thaler zu schicken , die ihm zur Konfirmation ein Pate geschenkt hatte , und die ihm immer als starker Trost im Hintergrunde erschienen , wenn er einmal ein bißchen über die Stränge schlug . Na , schlimmsten Falles nehme ich die fünfhundert Dhaler vom Onkel Heinrich , hatte er sich stets vorgeredet . Ja , damals hatte er das Geld verlangt und auch bekommen , aber – es war längst nicht mehr dagewesen , in irgend einer Not hatte es die Mutter wohl verbraucht für sich und die Schwestern . Arme Mutter – was mochte sie gelitten haben ! Sie hatte geborgt , geborgt von der ehemaligen Köchin ! Ja , die muß alles wieder erhalten – freilich – sofort ! Er würde an