an seine Brust ; draußen im verödeten Sandsteinboden plätscherte wieder nach langer trauriger Zeit ein frischer Wasserstrahl empor , neues fröhliches Leben verkündend . Wie schön war dieser Zukunftstraum ! Aber es war ja nur ein Traum , und die Wirklichkeit ? Army schauerte zusammen ; sie [ 692 ] stellte Forderungen an ihn , die ihn fast erschreckten , diese öde , unglückselige Wirklichkeit . Woher die Mittel nehmen , um dem schönen Gast die traurige Dürftigkeit im Schlosse Derenberg mit etwas Glanz und Schimmer zu verhüllen ? Das Geld , o , das böse Geld ! Er blickte träumend in den Park hinaus . Der Nachtwind hatte sich aufgemacht und bewegte flüsternd die Bäume . „ Es ist Schlafenszeit , “ sagte der junge Schwärmer . Leisen Fußes verließ er den Ahnensaal und suchte sein Lager auf . Im Traume erschien ihm die schöne Agnese Mechthilde ; sie stand vor ihm in der silbernen Brocatrobe und darüber flog es wie ein goldener Schleier ; sie sah ihn an mit ihren großen traurigen Augen und hob warnend die Hand : „ Darum nimb war , wasz für Haar ! Ist solches roth , hatz groß Gefahr , “ tönte es in sein Ohr . 5. „ Army , wie ich mich freue , auch einmal einen Gast haben zu dürfen , “ sagte am andern Morgen Nelly zu dem Bruder , als er an ihrer Seite durch den thaufrischen grünen Park schritt . „ Was wird nur Lieschen sagen ? Ich muß es ihr erzählen . Sag ’ einmal , Army , “ bat sie dann schmeichelnd und schmiegte sich an ihn , „ wie gefällt Dir denn eigentlich Lieschen ? Ist sie nicht wunderhübsch geworden ? “ „ Ich weiß wirklich nicht , “ erwiderte er wie zerstreut , „ ich habe gar nicht darauf geachtet ; ja , ich glaube wohl , ich erinnere mich kaum mehr – “ „ Aber , Army ! “ kam es aus dem Munde der Schwester . „ Du bist zerstreut , oder gar traurig – ist Dir etwas Unangenehmes begegnet ? Kann ich Dir etwa helfen ? “ „ Nein , Schwesterchen , “ lachte er und strich scherzend mit der Hand über ihr blühendes Gesicht , „ Du kannst mir am allerwenigsten helfen ; es ist eine fatale Geschichte , ich – fürchte mich , es Mama zu sagen , aber ich kann nicht anders . “ „ Ach , sag ’ es nicht der Mama , Army , “ bat das junge Mädchen stehen bleibend . Sie legte die kleine Hand auf seine Schulter , und ihre Blicke hingen angstvoll an dem Gesichte des Bruders . „ Bitte , nicht ! Sie ist so angegriffen und weint so viel , ach bitte , sag ’ es nicht , wenn es etwas Unangenehmes ist – “ In den Zügen Army ’ s lag eine leichte Verlegenheit . „ Ja , mein Gott , “ sagte er , „ was soll ich nur thun ? An Großmama kann ich mich nicht wenden ; es würde vergeblich sein , da sie wirklich nicht im Stande ist , mir – “ „ Army ! “ flüsterte das Mädchen , den Gegenstand seiner Verlegenheit errathend , und trat näher zu ihm , „ ich glaube , ich kann Dir helfen , wart ’ einen einzigen Augenblick , oder nein , geh ’ weiter bis unter den großen Ahorn am Deiche ! Ich bin gleich wieder da . “ Und eilig lief sie den schattigen Weg zurück , die Sonnenstrahlen huschten über ihr helles einfaches Kleidchen und leuchteten über die blonden Locken ; bald war sie um die nächste Biegung des Weges verschwunden . Der junge Mann schaute ihr nach und ging dann weiter . Was wollte sie nur ? Sie konnte doch unmöglich wissen – – Er saß dann auf der Steinbank und sah über das klare Wasser hin , in dem sich der blaue Himmel und die hohen Bäume so anmuthig spiegelten . „ Wie schön ist es hier ! “ sagte er halblaut , „ wenn sie nur ein wenig Sinn für Naturschönheit hat , so muß es ihr gefallen . “ Da klangen leichte Schritte hinter ihm , und sich umwendend blickte er in das vor Freude geröthete Gesicht seiner Schwester . „ Da , Army ! “ sagte sie , noch röther werdend , und legte ihm ein zierliches seidenes Beutelchen in die Hand . „ Ich gebrauche es wirklich nicht , nein , ganz wahrhaftig nicht , wozu auch ? Und nun sagst Du der Mama nichts , nicht wahr ? “ Die Freude , etwas geben zu können , leuchtete dem lieblichen Mädchen reizend aus den blauen Augen . „ Guter , lieber Army ! “ bat sie , „ ganz geschwind steck ’ es ein ! Es wird gewiß reichen . “ „ Nein , Nelly , nein ! “ rief er dunkelroth , „ Dein Gespartes – “ Sie hielt ihm die Hand auf den Mund . „ Du machst mich bös , Army , “ sagte sie , „ wenn sich Bruder und Schwester nicht einmal aushelfen sollen – ! Wer weiß , ich komme auch einmal zu Dir ! Nun laß uns weiter gehen , sprich nicht mehr davon ! Sieh ’ , was meinst Du , wenn wir hier einen Kahn hätten ? Ich habe es mir schon lange gewünscht . Dann könnten wir mit Blanka rudern , und Lieschen – nicht wahr , Blanka wird nicht stolz sein ? “ Er antwortete nicht ; er kam sich in diesem Augenblicke ganz erbärmlich vor . Hastig wandte er das Gesicht ab . Die Schwester bemerkte es . „ Army , “ sagte sie , „ komm bald nach ! Ich muß jetzt noch schnell zu Mama , und – “ es fiel ihr nichts ein , was sie bei Mama sollte – „ ich habe es eilig , “ rief sie noch zurück und schlug den nächsten Weg zum Schlosse ein . Er folgte ihr langsam in nie gekannter Veschämung . Er hatte ihr gestern nicht einmal eine Kleinigkeit zum Geburtstage geschenkt , und heute gab sie ihm glückselig ihre ersparten Schätze . Er blieb stehen und öffnete die kleine seidene Börse ; ein paar einzelne Thaler lagen darin , und dann noch etwas in Papier gewickelt ; er schlug es aus einander und fand ein Goldstück , auch ein paar geschriebene Worte von der Hand seiner Mutter auf dem Papiere : „ Zu einem neuen Kleide für meine Nelly , “ las er . Das junge Mädchen hatte offenbar die Worte noch gar nicht bemerkt , sonst würde sie ihm die Beschämung erspart haben ; er dachte an das verwaschene Kleid , das sie gestern und heute getragen , und wie sie sich wohl gefreut haben mochte auf ein neues . Ein neues Kleid für fünf Thaler ! So viel gerade hatte der Strauß gekostet , den er neulich an Blanka geschickt und den sie vielleicht am Morgen nach der Ballnacht achtlos bei Seite geworfen ; er dachte an die zierliche Gestalt , die er nie anders als von schweren Seidenstoffen oder duftigen Kreppwogen umrauscht gesehen hatte – welche Gegensätze bietet doch das Leben ! Dort lag das Schloß vor ihm , so imposant mit seiner riesigen Façade , seinen Thürmen , und der Sohn dieses stolzen Hauses besaß nicht so viel , um – nein , es war zum Verzweifeln . Er wandte sich hastig und schritt zurück ; sein Blick schweifte unwillkürlich über den waldigen Grund und blieb an dem spitzen Schieferdache der Papiermühle hängen ; er lachte plötzlich laut auf : „ Ja , die haben dafür desto mehr , “ sagte er halblaut ; „ man muß sich nur mit Lumpen und dergleichen einlassen , dann fließt Einem das Geld in vollen Strömen zu , und das Alles wird die Hand des kleinen Mädchens füllen , mit dem ich einst gespielt ; Lumpenmüllers Lieschen ist die reichste Erbin im ganzen Umkreise – wahrhaftig zum Todlachen , wie das so vertheilt ist im Leben . “ In seinen dunklen Augen stand indessen nichts von Lachen geschrieben ; er sah unendlich deprimirt aus , der hübsche junge Officier ; das Geld der Schwester brannte ihm wie Feuer in den Händen , während er hastig weiter schritt , die Lippen verächtlich auf einander gepreßt . Der schöne Zukunftstraum war vor der drückenden Gegenwart geflohen , und die Unbehaglichkeit seiner pecuniären Lage hatte ihn mit voller Gewalt ergriffen . Er nahm den kleinen Zettel mit den Worten der Mutter und legte ihn in seine Brieftasche ; dann schritt er wieder weiter und erblickte , in den Hauptweg einbiegend , den alten Heinrich , der ihm so rasch , als es seine müden Beine erlaubten , entgegen kam . „ Die Frau Großmama lassen den Herrn Lieutenant bitten , gleich zu ihr zu kommen , “ bestellte er , freundlich in das erregte Gesicht des jungen Mannes sehend . – Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Lumpenmüllers Lieschen aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 43 , S. 705 – 710 Fortsetzungsroman – Teil 4 [ 705 ] Die alte Baronin schritt hastig in ihrem Zimmer auf und ab . Ihr stolzes Gedicht war von einer feinen Röthe überhaucht , und die dunklen Augen richteten sich ungeduldig auf den rothen Vorhang der Thür , durch den der Enkelsohn eintreten mußte . Ihre Hand hielt einen offenen Brief , und von Zeit zu Zeit blieb sie stehen und warf einen Blick auf das Papier . „ Es ist unglaublich , “ sagte sie dann leise , „ diese Königsburger Derenbergs ! Sich so festzusetzen , Dio mio ! Was giebt mir die Stontheim für Pillen in diesem kurzen Briefe ! Und doch muß man noch Gott danken , daß die Sache sich so arrangirt ; wie froh bin ich , daß ich trotz der Kühle , die zwischen uns herrscht , darauf bestand , daß Army sich ihr vorstellen mußte ! “ Sie warf wieder einen Blick in den Brief . „ Ich habe in Armand , “ las sie , „ einen netten , lieben Menschen kennen gelernt , einen jungen Cavalier ganz vom Charakter der Derenberg ’ s , und trotz der eigentlich nur kurzen Zeit unserer Bekanntschaft habe ich ihn herzlich lieb gewonnen . “ Um die Lippen der alten Dame kräuselte es sich verächtlich . „ Ich bin , wie Sie von früher her wissen werden , “ las sie weiter , „ eine Natur , die durchweg gerade und ehrlich ihre Meinung heraussagt – daß wir Beide uns nie verstanden haben , lag wohl in der allzu großen Verschiedenheit unserer Anschauungen ; heute sind wir Beide alte Frauen geworden , liebste Derenberg , und es wäre wohl an der Zeit , Frieden zu machen für die kurze Spanne Leben , die uns noch gehört . Ich biete Ihnen die Hand dazu , lassen Sie das Frühere vergessen sein ! Die Schuld lag vielleicht auf beiden Seiten . Und nun möchte ich Sie zur Vertrauten eines Lieblingswunsches machen , der auch Armand betrifft . Durch ihn werden Sie bereits wissen , daß in meinem Hause eine junge Verwandte lebt , die , mutterlos , jetzt die Stelle einer Tochter in meinem einsamen Leben ausfüllt , und die ich liebe , als wäre sie es wirklich . Wenn mich nicht Alles täuscht , sieht Armand seine Cousine nicht mit gleichgültigen Blicken an , – ich würde mich aufrichtig freuen , liebste Derenberg , lernten sich die Beiden lieben , und um hierzu die Gelegenheit zu bieten , schicke ich Blanka unter dem Vorwande , ihre Gesundheit zu kräftigen , in Eure waldumrauschte Heimath . Möchten sich dort die beiden jungen Herzen finden , damit ich in Armand noch einmal einen Sohn begrüßen kann ! Sie sind eine kluge Frau , liebste Derenberg , und ich brauche Sie nicht erst zu bitten , den jungen Leuten keinerlei Andeutungen von meinen Wünschen zu machen ; ich hoffe , daß sie sich aus wirklicher Neigung einander nähern ; es ist möglich , daß Blanka in ihrem klugen Köpfchen meine Absicht ahnt ; mitgetheilt habe ich ihr dieselbe nicht . Und nun möge der Herr für das Weitere sorgen und es zu unserer Freude ausführen ! Indem ich Ihnen im Geiste noch einmal versöhnend die Hand reiche , bin ich in der Hoffnung baldiger Antwort , liebste Derenberg , Ihre Ernestine Gräfin Stontheim geborene Derenberg . “ „ Es ist wirklich grandiös , “ setzte die alte Dame hinzu , „ und man muß wahrhaftig noch gute Miene zum bösen Spiel machen ; es ist raffinirt von der Stontheim , aber so war sie immer . Blanka ist ihre Erbin – das ist klar , und nun , da sie den Jungen kennen gelernt hat , möchte sie die Sache auf gute Weise arrangiren ; ich muß mit süßer Miene in diesen sauren Apfel beißen und Gott danken , daß es noch so kommt ; sie ist ein boshafter Charakter , diese Stontheim . Aber eine Andeutung muß ich ihm doch machen ; es scheint , daß ihm diese Blanka nicht gleichgültig ist , und – “ In diesem Moment trat Army in ’ s Zimmer . Die Großmutter sah freundlich zu ihm hinüber . „ Ich habe einen Brief von der Stontheim , “ sagte sie , stehen bleibend und ihm die Hand entgegenstreckend , „ sie meldet Blanka an , und nun , mein Herz , vergiß , daß ich gestern so unfreundlich Deinen Plänen gegenüberstand ! Ich hatte einen leichten Anflug von meiner Migräne , und das verstimmte mich ; ich freue mich wirklich auf den Besuch der jungen Dame . “ Army , der eben den lockigen Kopf von ihrer Hand erhob , sah aufleuchtend in das Gesicht der Großmutter : „ Wirklich , Großmama ? Ich danke Dir ; Du nimmst eine Centnerlast von meiner Seele ; es war mir sehr unangenehm , daß Dir eine Bürde auferlegt werden sollte , die Dir nicht convenirte . Darf ich wissen , was die Tante sonst noch schreibt ? “ Die alte Dame lächelte . „ Nein , mein Herz , “ sagte sie , „ es thut nicht gut , wenn man zuviel Schmeichelhaftes über seine Person hört . “ „ Tante hat mich gern ? “ fragte er ganz aufgeregt und drehte das kecke Schnurrbärtchen . „ Tante meint , Du seist ein guter vernünftiger Junge und würdest gewiß dereinst ein richtiger alter Derenberg werden . “ Army ' s Miene verfinsterte sich . „ Ist das Alles ? “ „ Besonders wenn , “ kam es schalkhaft von den feinen Lippen der Großmutter , „ wenn Dir eine schöne geliebte Frau zur Seite steht . “ „ Hat sie das geschrieben ? “ rief er hastig und erröthend , [ 706 ] indem er stürmisch ihre Hände ergriff . Einzige Großmama , sei gut ! Sage mir , erwähnte sie etwas von ihr , von Blanka ? Denkt sie , daß mich Blanka auch liebt ? “ Army ! Mein Gott , wie unfein ! Mäßige Dich ! Wer spricht von Blanka ? Ich habe gar nichts gesagt – verstehst Du ? Gar nichts ; wer denkt daran ? Du bist ja erst einundzwanzig Jahre . Aber Army hatte die Arme um den Hals der Großmutter geschlungen und drückte trotz ihres Widerstrebens ein paar herzhafte Küsse auf ihren Mund , und dann stürmte er höchst unceremoniell aus dem Zimmer . „ Orribile ! “ sagte die alte Dame , ihr Spitzenhäubchen zurecht rückend , „ er muß sie bereits ganz schrecklich lieben ; wenn ihn die Stontheim jetzt gesehen hätte , würde sie kaum noch an den Derenberg ’ schen Charakter glauben . “ Sie blieb sinnend stehen und schien in der Vergangenheit nach etwas zu suchen das sie an das eben Erlebte gemahnte . Plötzlich tauchte eine Erinnerung aus besseren Tagen in ihr auf ; sie sah sich als junges schönes Mädchen , wie sie im glücklichen Rausch der halbblinden Duenna um den Hals fiel und sie stürmisch küßte . Und warum ? Weil draußen auf dem Balcon unter dem blühenden Oleander in der weichen Abendluft ein schlanker blonder Mann in fremdklingendem Italienisch ihr so viel erzählt hatte von einem alten deutschen Schlosse inmitten grüner Eichenwälder , und von einer alten deutschen Frau mit treuen blauen Augen ... Ein milder Zug legte sich um ihren Mund , als sie an den Jubel ihres jungen Herzens dachte . „ Er hat doch mein Blut in den Adern “ sagte sie dann , „ gebe Gott , daß ihm das Leben seine Wünsche treuer erfüllt , als mir ! “ Dann setzte sie sich in den Sessel vor ihren Schreibtisch und malte sich die Zukunft aus , die eben in rosigem Schimmer zu dämmern begann , und vor den Augen der sinnenden Frau stand wieder das alte Schloß in all dem Zauber , der es einst umwob . Unterdessen trieb es Army in stürmischer Unruhe im Park umher . Er hatte vorhin seine Schwester beinahe erdrückt und ihr etwas Unverständliches erzählt von einem neuen Kleide , einem blauen , wie Blanka es tragen er hatte der Mutter , die des Sohnes aufgeregtes Wesen gar nicht begreifen konnte , von der Nothwendigkeit gesprochen , ihre leidende Gesundheit durch den Besuch eines Bades zu unterstützen , und sei es nicht in diesem , so doch bestimmt im nächsten Jahre . Er war dann mit Nelly und dem alten Heinrich in den Zimmern gewesen , die er für Blanka ausersehen , und hatte hier angeordnet und dort befohlen ; die Schwester hatte ihm ihr Nähtischchen versprechen müssen und die Blumenetagère der Mutter ; dann hatte er die Vorhänge und die Bilder getadelt , hatte letztere herausgenommen und andere dafür ausgehangen und Nelly mehrmals erklärt , er werde Teppiche und Vorhänge aus seiner Garnison besorgen statt des alten verschossenen Zeugs und auch eine neue Livrée für Heinrich . Zuletzt hatte er die Schwester umfaßt und gefragt , ob sie wohl glaube , daß es Blanka hier ein wenig gefallen könnte , und ob sie nicht auch finde , daß von diesem Zimmer die schönste Aussicht sei ? Und ohne ihre Antwort abzuwarten , hatte er hinzugefügt : „ Nein , Schwesterchen , was Du Dich wundern wirst , wenn Du sie siehst , was Du Dich wundern wirst ! “ Darauf war er hinausgegangen in den alten Park und wanderte nun mit hastigen Schritten durch die verwachsenen Gänge ; er sehnte die Stunde der Abreise herbei , um ihr bald sagen zu können , wie man sich zu Hause freue auf ihren Besuch – und endlich wurde es Abend , und er schritt nach kurzem Abschiede mit einem aus vollstem Herzen gesprochenen „ Auf frohes Wiedersehen ! “ in der duftenden Frühlingsnacht dem Dörfchen zu , um die Post zu benutzen . Am Parkgitter pflückte er noch einen vollen lila Fliederzweig , einen Gruß aus seiner Heimath für Blanka . Und endlich , endlich blies der Postillon und er fuhr hinaus in das stille Land mit tausend glückseligen Gedanken . Dort drüben aber in der Mühle , da öffnete sich leise ein Fenster und ein brauner Mädchenkopf bog sich heraus und sah mit feuchten sehnsüchtigen Augen zu der Landstraße hinüber . Sie wußte , daß er heute Abend wieder abreisen werde ; er hatte es ihr ja selbst gesagt , und sie hatte auf ihn gewartet und gewartet den ganzen Tag , aber er war nicht gekommen ; und horch ! da schallte das Posthorn herüber durch die stille Nacht . Wie traurig das klang ! Vom Walde tönte leise ein Echo zurück , und sacht , ganz sacht schloß sich das Fenster wieder . 6. Am andern Tage war schlechtes Wetter . Der Himmel hatte sich mit einförmigem trübem Grau bezogen , und ein leiser Regen fiel in die Apfelblüthenpracht und in den Flieder . Lieschen stand am Nachmittage oben in ihrem Stübchen und schaute mit trauriger Miene über den nassen Garten hinweg nach dem Schlosse , dessen Thürme wie in graue Schleier gehüllt erschienen . Das war so ein recht verkehrter Tag heute – alle Welt machte ein böses Gesicht ; der Vater hatte etwas Unangenehmes im Geschäft gehabt ; die Muhme war ärgerlich , weil Dörte die Stallthür nicht geschlossen , hinter welcher die Pute mit ihren sieben Kücken wohnte , die nun im Regen spazieren ging , was gegen alle Vorschriften verstieß : die kleinen Dinger würden nun alle crepiren , prophezeite sie , und säßen schon da und verdrehten die Augen ; die Dörte hatte tüchtig Schelte bekomme und ging ganz betrübt und mit rothgeweinten Augen im Hause umher ; und zu alledem war heute gar noch der junge Herr Selldorf eingetroffen , der bei dem Vater in ’ s Geschäft treten wollte , und hatte am Familientische mit gespeist . Sonst aßen die Herren vom Geschäft drüben in dem Hause , das sie bewohnten , denn Herr Erving ließ sich nicht gern im Kreise der Seinen stören allein heute machte er eine Ausnahme , weil er mit dem Vater des jungen Mannes eng befreundet war . So hatte denn nun der blondgelockte Herr mit der große blauen Cravatte der Liesel gegenüber gesessen und sie mitunter angeschaut , was doch ganz gewiß gar nicht nöthig war , und dabei hatte sich das Gespräch um den Herrn Vater , um den Stand des Geschäftes und das Befinden der Frau Mutter gedreht , und das war Alles so erschrecklich langweilig gewesen . Dazu kam noch , daß Lieschen vergessen hatte , ihre Taube zu füttern , zum ersten Male , so lange ihr dieses Amt oblag , und nun mußte sie sich auch noch über sich selbst ärgern – was mochte ihr nur sein ? Und dann fiel ihr der gestrige Tag ein , wo sie mit ihrer Arbeit unter der Linde vor der Hausthür gesessen , bis es dunckel wurde , und allemal wenn dort drüben zwischen den Bäumen eine Gestalt auftauchte , dann war sie erschrocken , und das Herz hatte ganz gewaltig gepocht , und dann war es stets ein ganz gleichgültiger Mensch gewesen , der des Weges kam , zuletzt gar das alte Weidner Mariechen , die immer betteln ging , und endlich – da war sie hinaufgegangen und hatte geweint . Sie schüttelte fast unwillig den Kopf , als sie es sich eingestehen mußte , und erröthete über und über , als sie nun auch daran dachte , daß sie gestern Abend noch einmal aufgestanden sei , nur weil ihre Gedanken sie gar nicht schlafen lassen wollten , um das Fester zu öffnen und dem Posthorn zu lauschen , das der Schwager vom Bocke des Wagens blies , in dem der Army – ja der Army , so bald wieder davon fuhr . – „ Daß es auch so häßliches Wetter ist ! “ sagte sie plötzlich halblaut , indem sie Geibel ’ s Gedichte vom Bücherbrette herunternahm , „ sonst käme doch am Ende die Nelly her . “ Sie setzte sich auf das kleine Sopha , stützte den Kopf in der Hand und blätterte in dem Buche , ohne gerade mehr als einen flüchtigen Blick für die anmuthige Lieder zu haben , die sie sonst so gern las . Dann hob sie rasch den Kopf und wandte ihn horchend nach der Thür , und richtig , da kam der wohlbekannte Tritt der Muhme über den Saal entlang , und gleich darauf blickte das gute Gesicht unter der schneeweißen Haube zur Thür herein . „ Nun sag nur um Gotteswillen Liesel , wo steckst Du denn ? “ fragte sie mühsam Athem holend , „ hast den ganzen Tag ein Gesicht gemacht , wie der pure Essig , und jetzt sitzst Du hier und liest , anstatt der alten Muhme da unten ein Bissel zu helfen . Du weißt doch , es ist heut Donnerstag , wo Pastors kommen ; die Dörte ist rein verbost wegen der Schelte , die sie gekriegt hat , und die Mine muckscht zur Gesellschaft mit ; hättest wohl mal helfen können die Tauben zurechtmachen , oder die Spargel schälen – das ist gar nicht leicht , und Du brauchst ’ s für den künftigen Hausstand , denn wo die Frau wirthschaftet , da wächst der Speck am Balken . Aber es ist doch eine Freude , wie Du es hübsch hier hast , “ unterbrach sie sich , indem sie den anmuthigen Raum musterte , der mit seinen weiß lackirten , von blau und weiß gestreiftem Kattun überzogenen Möbeln und den duftigen Fenstervorhängen sich so recht wie ein Mädchenstübchen ausnahm . „ Und schau , wie das Myrthenstöckchen jetzt treibt ! Ja , dabei fällt mir auch ein , was ich hier oben wollte . Da hat Dir die Nelly was Geschriebenes geschickt ; der Heinrich brachte es mit . “ Sie nahm [ 707 ] ein Briefchen aus der leinenen Tasche , die sie unter der Schürze trug , und reichte es der Liese , die es rasch öffnete und las . „ Denk Dir , Muhme , “ rief sie überrascht , „ auf dem Schlosse bekommen sie Besuch ! Nelly freut sich schrecklich : eine Cousine ist es , Blanka von Derenberg , und Army kommt auch auf Urlaub , und ich soll sie dann recht oft besuchen . “ „ So ? “ fragte die alte Frau . „ Ja , die Nelly schreibt , sie hätte es mir selbst erzählt , sie habe aber keine Zeit heut zu kommen , denn sie müsse helfen die Zimmer in Stand setzen . “ „ Sie haben ’ s gewiß eben erst erfahren ? “ meinte die alte Frau . „ Ach nein , “ sagte Liesel , „ der Army ist ja deswegen hier gewesen , schreibt die Nelly . “ „ Der Army ist hier gewesen ? “ fragte die Muhme und sah erstaunt zu dem jungen Mädchen hinüber , das plötzlich dunkelroth geworden war ; „ wann denn ? “ „ An Nelly ’ s Geburtstage , “ klang es leise zurück . „ Ei sieh einmal ! Und davon hast Du kein Wort erzählt , Liesel ? Du sagst mir doch sonst Alles ! “ Es klang etwas wie Angst aus der Stimme der Alten . „ Sag einmal , Liesel , warum hast ’ s verschwiegen ? “ fragte sie dann rasch noch einmal . „ Weil ich es nicht wieder hören mochte , wenn Du sagst , er sei stolz und hoffährtig geworden – “ „ Und warum willst Du das nicht hören , Liesel ? “ „ Weil es nicht wahr ist , weil er nur nicht Zeit gehabt hat – sonst wäre er gekommen . “ Sie brach plötzlich in Weinen aus ; die ganze getäuschte Erwartung von gestern floß mit diesen bittern Thränen aus dem Herzen des jungen Mädchens . „ Aber Liesel , meine Güte , was soll denn das heißen ? Bist gar nicht gescheidt , daß Du um so etwas weinst ! Was um Alles in der Welt geht Dich der Army an ? “ Die alte Frau sprach ärgerlich , aber man merkte es ihr an , es war auf einmal eine Centnerlast auf ihr Herz gefallen . „ Ich meinte , es könnte Dir ganz gleichgültig sein , “ fuhr sie fort , „ was ich vom Army rede . Deine Wege und seine Wege laufen nicht mehr neben einander wie in Eurer Kindheit ; er ist jetzt ein großer Herr und Du bist ein erwachsenes Mädchen – was soll man davon denken , daß Du so anfängst zu weinen ? “ Lieschen aber warf sich der alten Frau um den Hals . „ Ach , Muhme , sei nicht böse ! “ schluchzte sie , „ es ist recht kindisch von mir , aber ich kann ’ s nun einmal nicht hören , wenn Du über die im Schlosse redest ; sieh , wir haben immer so hübsch zusammen gespielt , und es kommt mir immer vor , als wischtest Du unbarmherzig die schönen Erinnerungen aus , wenn Du auf Nelly und Army böse bist . “ Die Muhme schüttelte den Kopf . „ Kind , “ sagte sie dann , „ wenn Du wüßtest , was für bitteres Leid von da droben über unser Haus gekommen ist ! “ „ Können denn aber Army und Nelly etwas dafür ? “ „ Nein – aber – “ „ Du sagst doch selbst immer , man soll seinen Feinden vergeben . “ „ Es ist richtig , aber es vergißt sich ein Unrecht zu schwer , wenn ’ s einem so nahe ging , wie – “ „ Ach , laß doch gut sein , Muhme ! “ bat Lieschen schmeichelnd und sah unter Thränen lächelnd in ihr Gesicht ; „ ich will nicht wieder so dumm weinen , aber gelt , Du schiltst auch nicht mehr ? Ich komme jetzt auch mit hinunter und helf Dir die Tauben schön braun und knusprig braten , wie sie der Vater gern ißt . Ja ? Und hast Du schon Radieschen aus dem Garten geholt oder soll ich es thun ? “ Sie bat und schmeichelte so lange , bis die Alte ihr einen Kuß auf den Mund drückte , und als sie dann über den dämmrigen Vorsaal des obern Stockes schritten , auf welchem mächtige alte Wäsch- und Kleiderschränke standen , schaute die Muhme unwillkürlich zu einer der Thüren hinüber , und ein banger Seufzer begleitete den Blick . „ Das ist der Lisett ihr Stübel gewesen , “ sagte sie mit einen gewissen Nachdruck im Tone . Das junge Mädchen nickte und sprang eilig die Treppe hinunter