das alte Haus geworden « , sagte ich , mich ganz entzückt in dem sauberen , gemütlichen Stübchen umschauend . » Drüben bei uns ist es so schrecklich verfallen und öde . « » Oh , hier sah es noch schlimmer aus « , erwiderte die alte Frau . » Da habe ich keine Mühe gescheut , von außen haben ' s die Maurer und Zimmerleute instand gesetzt und hier drinnen war ich es . Sie glauben nicht , liebes Kind , was ein Paar weibliche Hände für Wunder tun können , wenn sie von einem bißchen Sinn für Ordnung und Nettigkeit regiert werden . Sehen Sie , ein paar weiße Vorhänge vor den Fenstern , ein paar Blumenstöcke drin , ein paar schlichte Bilder an den Wänden und ein sauberer Fußboden , das macht das ganze Zimmer nett . « » Ach ja « , sagte ich , » aber Kathrin versteht das nicht . « » Nein , Kathrin versteht das nicht und kann das nicht verstehen . Sie hat zu wenig Bildung , um Zierlichkeit zu verlangen von ihrer Umgebung . Die Hausfrau oder die Tochter des Hauses soll für diese Dinge sorgen , aber nicht die Magd . Kathrin tut ihre Arbeit , mehr kann man nicht verlangen . Das Haus und der Anzug müssen den Geist einer Frau widerspiegeln . – Doch da komme ich ganz ins Schwatzen und biete Ihnen nicht mal eine kleine Erfrischung « , setzte sie hinzu , als sie merkte , daß ich verlegen wurde . Sie wollte nach dem Eckschrank gehen , ich erhob mich jedoch und dankte , ich müsse nach Hause und dort nach der Ordnung sehen . Frau v. Bendeleben habe mir die Oberaufsicht anvertraut . » Wollen Sie schon fort ? Oh , das tut mir leid « , sagte sie herzlich ; » ich hoffe , Sie kommen bald wieder , so einmal mit dem Strickstrumpf zu einem Täßchen Kaffee . Ich würde mich sehr freuen , und dann holen wir später den Vater herüber und verleben einen gemütlichen Abend zusammen – wollen Sie ? « Ich verspürte eigentlich keine Lust , sagte aber natürlich ja und empfahl mich ziemlich eilig , von der redseligen , kleinen Frau bis zur Gartentür begleitet . Einen Augenblick überlegte ich , ob ich noch einmal zu meinem Vater hinaufgehen sollte . Doch da ich wußte , der junge Pfarrer war bei ihm , entschied ich mich , direkt nach dem Schlosse zu wandern , und rief nur noch zur Haustür hinein : » Guten Abend , Kathrin , sei auch nicht zu fleißig ! « Dann ging ich . Ich war verstimmt , wie immer , wenn ich von dort zurückkehrte , aber gewöhnlich verflog die kleine Wolke bald unter der Anregung , die ich im Schlosse fand . Heute fehlte mir Hannas freundliches Wesen , die mir alles Trübe so leicht hinwegschmeichelte . Ich sehnte mich danach , ihre hübschen , grauen Augen zu sehen und zu hören , wie sie sagte : » Meine schöne Gretel « – so nannte sie mich immer – » hat heute wieder die Schmollfalte zwischen den Augenbrauen « , dann strich sie mit den weichen Fingern über meine Stirn , und ich wurde wieder vergnügt . Heute saß ich allein und kam mir so einsam vor , so verlassen ! » Oh , wer doch eine Mutter hätte ! « rief ich , und eine Art Neid überkam mich , als ich an den jungen Pastor dachte . Dann fand ich , daß ich wohl Ursache hätte , zu weinen . Es wäre wohl ganz anders geworden , wenn sie noch lebte , und ich weinte die Beschämung hinweg , die mir die einfachen Worte der alten Frau unten im Dorfe verursacht hatten . Die Nacht träumte ich , in unserem kleinen Hause sähe es ebenso schmuck aus wie drüben , und Frau Renner stand da und lobte die weißen Vorhänge , und ich saß eben mit verwildertem Haar im Reitkleide auf dem Sofa , und der junge Pastor stand vor mir und sagte : » Jetzt sind die Pferde gesattelt , wir wollen zur Kirche reiten . « Als ich am andern Morgen erwachte , mußte ich lachen über den Unsinn und blieb , da ich mancherlei zu tun hatte , vergnügt und heiter . Die einsamen Tage schwanden schneller dahin , als ich glaubte , und wieder war eine Woche vergangen , in der ich das Dorf nicht besucht hatte . Dies fiel mir schwer aufs Herz , als ich , im Begriff , nach Hause zu reiten , aus dem Walde herauskam und das Dorf im Scheine der untergehenden Sonne vor mir liegen sah . Ich hatte mir die Zeit so angenehm vertändelt mit Lektüre , Gesang und dem wichtigen Amt der Hausfrau , die ich vertrat , daß ich auf einmal ganz erschrocken die Tage nachrechnete und fand , daß beinahe zehn Tage vergangen waren , seit ich meinen Vater zum letztenmal gesehen hatte . Kurz entschlossen , lenkte ich das Pferd auf die Dorfstraße und hielt bald vor unserer Haustür . Ich klopfte mit dem Stiel meiner Reitpeitsche an das Fenster . Da erschien Kathrinens Kopf . Aber mit dem Ausdruck des Entsetzens fuhr sie zurück , als sie mich auf dem Pferde sah , daß ich laut auflachen mußte . » Komm heraus , Kathrin « , bat ich , noch immer lachend , » und halte mir das Pferd ; ich will einmal nachsehen , wie es dem Vater geht . « » Nun und nimmer ! « rief sie . » Das fehlt auch noch , daß du hier vorgeritten kommst . Herr Gott , wie schäme ich mich vor der Frau Gerichtsschreiberin drüben – reite , wo du willst , wenn du das gottlose Treiben nicht lassen kannst , aber komme mir nicht wieder hierher . « Während dieser Predigt mußte ich immer noch lachen ; mein kleiner Rappe wurde ganz unruhig und machte ein paar Sätze . » Jesus ! « schrie Kathrin . » Das Tier wird noch mit dir durchgehen und du brichst den Hals – komm herunter ! « » Wenn du meine hübsche Zuleika halten willst – gern « , sagte ich , » sie ist lammfromm und beißt nicht . « Kathrin erwiderte nichts , sie sah stier nach den gegenüberliegenden Fenstern des Pastors Renner , wurde plötzlich dunkelrot und machte eine Handbewegung , indem sie mit den Schultern zuckte , als wolle sie sagen : » Ich bin unschuldig daran , daß sie so verdreht ist « , dann verschwand sie . Ich wandte mein Pferd – da stand am offenen Fenster die Frau Gerichtsschreiberin mit ängstlichem Gesicht , und der junge Pfarrer trat eben auch hinzu und lächelte sehr ironisch , ganz wie damals . Ich war aber heute zu übermütig , um mich davon einschüchtern zu lassen , winkte ziemlich herablassend mit der Reitpeitsche und sagte : » Kathrin erklärt , sie fürchtet sich vor dem Tier , und ich habe niemand , der es mir halten kann – ich wollte gern zu meinem Vater hinaufgehen « , setzte ich erläuternd hinzu . Es lag eine leise Aufforderung an die Galanterie des jungen Geistlichen darin , aber er rührte sich nicht . Er erwiderte nur meinen Gruß und meinte : » Ich glaube , es ist besser , Sie reiten nach dem Schlosse und kommen zu Fuß hierher zurück . Mir geht es wie Kathrin , ich fürchte mich auch vor – Damenpferden . « Dann machte er eine Verbeugung und verschwand vom Fenster . Eine unangenehme Zugabe , dachte ich , dieser junge Pastor mit seiner beißenden Ironie . Dann fiel mir etwas ein : ich warf mein Pferd herum , ritt nach dem Schlosse und ließ den kleinen Jockei aufsitzen , der uns sonst immer begleiten mußte , und kam nun , von diesem gefolgt , bald wieder vor meines Vaters Hause an , sprang , von dem Diener unterstützt , leicht vom Pferde , warf ihm die Zügel zu und befahl ihm , die Tiere langsam auf und ab zu führen . Dann ging ich hinauf zu meinem Vater . » Guten Tag , Gretchen ! Kommst du auch einmal , nach mir zu sehen ? Wie geht es dir , und was war vorhin unten für ein Wortwechsel ? Die Kathrin warf wieder einmal alle Türen zu , daß das Haus dröhnte . Gott weiß , was die Alte wieder hat « , sagte mein Vater . » Du kommst jetzt so selten , Kind ; ich habe dir etwas mitzuteilen , und es ist gut , daß du heute endlich da bist . Komm , setze dich . « Er winkte nach dem Sofa , drehte sich halb in seinem Sessel herum , schob die Brille auf die Stirn , und nach ein paar langen Zügen aus der Pfeife , fuhr er fort : » Nicht wahr , Kind , du kannst doch noch einige Zeit auf dem Schlosse bleiben ? « » Ja , lieber Vater , ich denke wohl , man behält mich dort noch gern . « » So , und wenn das nicht wäre , so hat mir Frau Gerichtsschreiberin Renner drüben angeboten , dich bei sich aufzunehmen , und – « » Warum ? « rief ich hastig . » Wie kommst du darauf ? « » Ich will reisen , mein Kind , ich will , da ich noch so wenig gesehen habe , die Museen der größeren Städte besuchen . Ich werde längere Zeit abwesend sein und möchte dich natürlich unter bestem Schutz wissen . « » Du kannst ruhig reisen , lieber Vater « , versicherte ich , » ich bleibe selbstverständlich auf Bendeleben . Ich weiß nicht , wie dir der Gedanke kommt , daß ich von dort fort müsse . « » Du hast recht , Kind , es ist auch ein komischer Gedanke , aber wie so etwas manchmal plötzlich kommt ! Man will doch für alle Fälle gesorgt haben , wenn man eine so lange Reise vor sich hat . Es könnte ja sein , die Hanna bliebe nun in Wien bei der Tante , oder die ganze Familie ginge längere Zeit auf Reisen – für diesen Fall findest du drüben jederzeit freundliche Aufnahme . « » Nie gehe ich dorthin , lieber hause ich hier ganz allein mit Kathrin ! « rief ich , und die Tränen schossen mir in die Augen . » Der junge Pastor drüben kann mich nicht leiden und seine Mutter schlägt die Hände über dem Kopf zusammen , weil ich reite . Ist es denn überhaupt eine Sünde , auf dem Pferde zu sitzen ? Kathrin schilt und sagt , ich solle nicht hierherreiten , sie schämt sich meiner . Mein Gott , tue ich denn etwas Böses ? « Ich brach in Tränen aus . Mein Vater wollte mich trösten , war aber dabei so ungeschickt , daß er gar nicht wußte , wie er es anfangen sollte . Er stellte , offenbar peinlich berührt , seine Pfeife in die Ecke und kam zu mir . » Weine nicht , Kind , die Kathrin ist wunderlich . Etwas Böses ist es ja gerade nicht , sie meint nur , du seiest keine vornehme Dame , und deshalb schicke es sich nicht für dich . Du darfst ihr das nicht übelnehmen , sie meint es schließlich doch nur gut . Sieh , verbittere mir den Abschied nicht , ich möchte dich gern heiter hier zurücklassen . « Er streichelte mir dabei liebkosend die Wangen , so daß ich , von dieser ungewohnten Zärtlichkeit gerührt , meinen Arm um seinen Hals schlang und unter Schluchzen fragte : » Willst du denn schon so bald fort ? Warum sagst du mir es heute erst ? « » Weil ich nicht gern lange vorher von etwas spreche . Übermorgen denke ich zu reisen , mein Kind . Nicht wahr , du kommst morgen noch einmal zu mir , es gibt doch mancherlei zu besprechen ! Wenn so ein alter Mann auf Reisen geht , kann man nie wissen , ob er wiederkommt . Nun weine nicht so , mein Kind , ich bringe dir auch etwas Schönes mit . « So hatte mein Vater noch nie zu mir gesprochen . Ein unsäglich wohltuendes Gefühl überkam mich . War es der Abschied , der ihn so weich machte ? Er hielt mich noch immer umfaßt , als ich bat : » O geh nicht fort , bleibe hier . Ich will ja auch zu dir kommen und dir alles so behaglich machen , wie nur möglich . Ach , bleibe jetzt hier . « » Nein , mein Kind , wenn ich wiederkomme , sollst du bei mir bleiben . Sieh , ich muß reisen meiner wissenschaftlichen Werke halber . Für jetzt lebe bei Bendelebens weiter und sei vergnügt , wie es deinen Jahren zukommt . Ich will dir auch schreiben . Zu oft wird ' s freilich nicht werden , und du antwortest dann , nicht wahr ? Und komm morgen nachmittag noch einmal her , ich habe jetzt noch so viel zu schreiben . Willst du ? « Er schloß mich noch einmal in seine Arme , und ich ging . Als ich auf der Treppe war , kam er mir nach . » Du bist ja wohl hergeritten , Gretchen ? Da muß ich dich doch auch einmal zu Pferde sehen . Ich komme mit . « » Du guter , lieber Vater ! « rief ich , und allen Kathrinen zum Trotz stieg ich glückstrahlend auf mein Pferd , während mein Vater in der Haustür stand . Da hörte ich Kathrinens Stimme : » Na , wenn der Herr Pastor es selbst bewundern , dann kann unsereins natürlich nichts mehr dazu sagen . Ach , mein Gott , da wird nichts Gutes , ich hab ' s ja gleich gewußt . « Jetzt rührten mich die Worte gar nicht , ich ritt von dem kleinen Hause fort nach dem Schlosse , so selig wie noch nie . Hatte ich doch zum ersten Male das Glück empfunden , mich von meinem Vater geliebt zu wissen . Dort fand ich einen Brief von Hanna . Sie würde in acht Tagen wieder bei ihrem Gretchen sein , schrieb sie . Von dem wunderschönen Wien und wie prachtvoll die Braut ausgesehen , werde sie dann erzählen . Es war ein glücklicher Abend , den ich verlebte . Ich malte mir aus , wie hübsch ich das kleine Haus einrichten werde , ehe mein Vater zurückkehrte , wie gut ich mit Kathrin sein wollte . Mein Pferd müßte ich natürlich mitnehmen , ohne dieses dachte ich mir eine Existenz gar nicht möglich . Die Vorhänge vor den Fenstern sollten noch weißer sein als bei dem jungen Pastor . Ich würde dann morgens mit dem Schlüsselkörbchen im Hause umhergehen , mittags zierlich den Tisch decken , nachmittags einen Spazierritt machen und abends mit meiner Arbeit oben im Studierstübchen sitzen , trotz des blauen Tabakdampfes – oh , wenn ' s doch erst so weit wäre ! Ich konnte die Nacht kaum schlafen , so viele Pläne kreuzten sich in meinem wunderlichen , kleinen Kopfe . – Ach , es kam alles anders ! Mein Vater reiste ab , ich nahm Abschied von ihm mit heißen Tränen . Bendelebens kamen wieder . Jubelnd flogen Hanna und ich uns in die Arme . Da gab es zu erzählen , zu fragen – und wie reich wurde ich beschenkt ! Die erste Nacht war vom Schlafen kaum die Rede . Hanna berichtete von Ruth . Die junge Gräfin war so schön gewesen , daß man es gar nicht sagen konnte ; hatte so reizend ausgesehen in dem langen , weißen Brautkleide neben dem hohen , schlanken Gemahl . Das Palais der Satewskis war so prächtig . » Ach , weißt du , Gretel , da ist unser Schloß wie ein Bauernhaus dagegen , unmenschlich reich muß der Graf sein . Ruth tut aber noch , als erweist sie ihm eine große Gnade , daß sie ihn geheiratet hat . Du glaubst nicht , wie kalt sie all dieser Glanz läßt . Vielleicht tut sie auch nur so , den Blick von oben herab hat sie immer noch . Tante sagt , sie hätte einen Fürsten bekommen können , wenn sie gewollt hätte . Sie ist aber auch wunderschön . « Ich erzählte nun meine Erlebnisse . Als Hanna hörte , daß mein Vater fort sei , sagte sie : » Und wenn er nimmer wiederkommt , du bleibst bei mir . « Ich lächelte , ich hatte ja andere Pläne . Der Sommer neigte sich seinem Ende zu . Das Getreide war von den Feldern geholt , die Manöverzeit begann , und in unserem Schlosse wurde Einquartierung angesagt : ein Oberst , dessen Adjutant , ein Hauptmann und zwei Leutnants . Die Fremdenzimmer standen offen , Frau v. Bendeleben ging noch einmal durch sie , um sich von der Ordnung der Dinge zu überzeugen . Aus der Küche im Souterrain stiegen die verführerischen Düfte eines guten Diners . Die Tafel im Speisesaal blitzte in allem Glanz des alten Familiensilbers , Diener liefen geschäftig hin und her , und oben in unserem Turmstübchen waren wir mit der Toilette beschäftigt . » Es ist halb vier Uhr « , sagte Hanna , » nun müssen sie kommen . Was das wohl für Menschen sind , Gretel ! « Sie steckte sich eben noch eine hellblaue Schleife an ihre blonden Locken . Reizend sah sie aus in dem weißen Kleide . Ich hatte wieder einmal einen meiner übermütigen Tage und stand vor dem Spiegel , um eine weiße späte Rose in meinen dunklen Haaren zu befestigen , die gar hübsch zu dem hellblauen Kleide aussah , welches die Schattierung meiner Augen hatte – ein bißchen eitel ist eben ein jedes Mädchen . » Bitte , nun höre nächstens auf , dich zu putzen « , sagte Hanna ärgerlich . » Du willst mich um jeden Preis ausstechen , und das gelingt dir so schon leicht genug . Laß mich auch einmal hin . « Sie trat vor den Spiegel . » Weiß Gott , Gretchen , du bist einen ganzen Kopf größer « , rief sie verwundert . » Ach , die armen Leutnants – Gretel , Gretel . « » Komm einmal her , Kleine « , sagte ich . » Du warst schon öfter mit jungen Herren zusammen ; wie tief ist denn ein Knicks , den man so einem Leutnant machen muß ? « » Sieh mich an « , lachte Hanna . » Den vor dem Obersten so tief , den vor dem Hauptmann so , vor dem Adjutanten so , und die Leutnants – nun , die sieht man schon gar nicht mehr . Laß uns einmal üben « ; und nun knicksten wir Oberst- und Leutnants-Knickse , so daß wir schließlich herzhaft lachen mußten . Auf einmal hörte ich Musik . » Hanna , sie kommen ! « Im Nu standen wir draußen auf dem Balkon . Von der Chaussee her war eine große Staubwolke sichtbar , aus welcher hin und wieder das Blitzen der Gewehre leuchtete ; die Klänge der Musik hallten deutlich herüber . » Nun rasch , Gretchen , komm hinunter , von der Terrasse können wir sie am besten sehen . « Dort standen schon der Baron nebst seiner Frau , und am Fuße der Treppe einige Diener . Frau v. Bendeleben schickte uns wieder hinauf . » Es ist noch früh genug , wenn ihr euch zum Diner zeigt , ich bleibe auch nicht hier . Es geniert die Herren , von Damen empfangen zu werden , und ist überhaupt nicht passend . « So gingen wir denn . Eine Viertelstunde verfloß unter Plaudern und Mutmaßungen über die fremden Gäste . Dann trat ein Diener ein und rief uns zur Frau Baronin in den kleinen Salon . Eben wollten wir , nachdem wir noch einmal vor dem Spiegel gestanden hatten , hinuntergehen , da kam das Stubenmädchen mir entgegen . » Fräulein Gretchen , ein Brief für Sie « , rief sie von weitem und hielt ein ziemlich großes Schreiben empor . Ganz glücklich griff ich mit beiden Händen danach , und da ich wußte , daß ich unten keine Zeit zum Lesen finden würde , bat ich Hanna , allein zu gehen und ihrer Mutter zu sagen , weshalb ich zurückbliebe , und daß ich mich sehr beeilen würde . Ich setzte mich an das Fenster und las . Mein Vater schrieb mir , daß er augenblicklich in München sei , daß er aber wahrscheinlich noch nach Italien gehen werde , und daß ich daher noch ein ganzes Weilchen ohne ihn bleiben müsse . Im ganzen fühle er sich recht kräftig , obgleich er manchmal bis in die Nacht hinein arbeite . Seinen bequemen Lehnstuhl zu Hause vermisse er sehr . Der Brief schloß mit einer Versicherung , daß er sich freuen werde , wenn ich ihm schreiben könne , ich sei heiter und vergnügt , und mit vielen Grüßen an Bendelebens , an Pastor Renner und dessen Mutter und an Kathrin . Enttäuscht ließ ich das Blatt sinken , da waren alle meine schönen Träume wieder so weit in die Ferne gerückt . Ich hatte gehofft , schon im Spätherbst meinen Vater empfangen zu können , und nun sollten noch Monate vergehen – er mußte doch gar keine Sehnsucht nach mir haben . Ich begriff das nicht . Und den Pastor sollte ich grüßen ? Nimmermehr ! Ich war nie wieder zu seiner Mutter gegangen , hatte , wenn er einen Besuch auf dem Schlosse machte , stets gewußt , ihm auszuweichen . Nur ein einziges Mal war er mir entgegengetreten , als ich der jungen Frau des Schloßgärtners das schwerkranke Kind pflegen half . Die arme Frau wachte die ganzen Nächte , da hatte ich sie öfters am Tage abgelöst , damit sie ein Stündchen schlafen könne . Nun war er plötzlich in das Krankenzimmer getreten , hatte mich freundlich gegrüßt , ohne scheinbar verwundert zu sein , mich dort zu treffen , und sich dann über das kleine Bettchen gebeugt und die Hand auf das heiße Köpfchen des Kindes gelegt . Ich war verlegen geworden , und mir fiel ein , wie dieser Mann , der jetzt so liebreich schmeichelnde Worte zu dem kleinen Kerl sprach , mir damals einen so harten Verweis in ironischem Tone erteilt hatte . Das Blut war mir wieder in das Gesicht gestiegen , und als die Mutter des Kindes gleich darauf eintrat , erhob ich mich und sagte : » Jetzt , Anne Marie , kannst du wohl deinen Posten wieder übernehmen , es ist gleich vier Uhr , die Stunde , wo wir immer unseren Spazierritt machen , und der Baron wartet . « Da richtete er sich rasch hoch auf , kein ironischer Zug lag um den Mund wie sonst , er sah ganz traurig aus , als er sagte : » Warum verwischen Sie mit so rauher Hand das schöne Bild wieder , das ich soeben sah ? « Ich blickte ihn einen Moment groß an , ich wußte nicht , was ich hierauf erwidern sollte . Dann ging ich , ohne mich von ihm zu verabschieden – ich war ganz verwirrt gewesen von den einfachen Worten , und hatte ihn dann nur noch mehr zu meiden gesucht . Nein , wie gesagt , die Grüße bestelle ich nimmermehr . Zur Kathrin wollte ich einmal wieder gehen , wenn ich Zeit hätte , in den nächsten Tagen , und damit fiel mir ein , daß ich schon viel zu lange meinen Brief gelesen habe und nun rasch hinunter müsse . Als ich die Hand auf das Türschloß des kleinen Salons legte , hörte ich drinnen die tiefe Stimme des Barons , welcher sagte : » Nein , mein lieber Junge , das ist eine kapitale Überraschung . « » Junge « , dachte ich , » mein Gott , wer kann das sein ? « und trat ein . Ich sehe sie noch alle deutlich vor mir stehen : der Baron , wie es seine Gewohnheit auch im heißesten Sommer war , vor dem Ofen , die Hände auf dem Rücken , Hanna neben ihm . Auf dem Sofa saß Frau v. Bendeleben , sie hatte ein grauseidenes Kleid und ein Häubchen mit rosa Bändern an . Vor ihr stand ein schlanker , junger Offizier , der hielt lachend ihre beiden Hände in den seinen – Wilhelm v. Eberhardt . Bei meinem Eintritt wandte er sich um : wir standen uns gegenüber und sahen uns an . Später , nach langen Jahren , noch jetzt frage ich mich manchmal , warum Menschen , die verhängnisvoll füreinander werden sollen , dies nicht beim ersten Begegnen empfinden ? Oh , hätte ich eine Ahnung davon gehabt , welch einen Einfluß er auf mein Leben bekommen sollte , ich wäre in mein ödes Vaterhaus geflohen und wäre dann vielleicht glücklicher geworden . » Sieh da , unser Wildfang ! « rief der Baron . » Liebes Gretchen , sehen Sie sich einmal diesen jungen Mann an . Er gibt vor , Wilhelm v. Eberhardt zu heißen , und macht infolgedessen Vetterrechte hier geltend . Ich glaube es aber nicht eher , bis ich eine Bescheinigung vom Regimentskommandeur habe . In ein paar Jahren kann aus einem kleinen , exemplarisch mageren , ewig hungrigen Kadetten nicht ein so strammer Leutnant geworden sein . « Er schien nicht recht zu wissen , was er zu dieser Vorstellung sagen sollte , da er keine Ahnung hatte , wer ich sei . Aber Frau v. Bendeleben kam ihm zu Hilfe : » Die junge Dame , lieber Wilhelm , ist Fräulein Margaret Siegismund und Hannas Freundin . « Der Eintritt der anderen Offiziere machte dieser Szene ein Ende . Ich trat zu Hanna . Es erfolgten nun die langweiligen Vorstellungen und Entschuldigungen bei der Hausfrau über die unfreiwillige Störung im Hause . Leutnant v. Eberhardt lehnte am Flügel und sah zu mir herüber . Ein kleiner blonder Offizier , der Adjutant , stand vor uns und versicherte Hanna , daß er in seinem ganzen Leben noch kein solch reizendes Quartier gehabt habe . Er sprach sehr viel und sehr lebhaft und beneidete den Leutnant v. Eberhardt , daß er hier gleich Onkel , Tante und Cousinen vorgefunden hätte . Der Hauptmann und Premierleutnant waren ältere Herren . Der Hauptmann , dick wie eine Kugel , sah aus , als liebte er sehr die geistigen Getränke , den Premierleutnant habe ich während der ganzen Zeit seines Aufenthaltes keine drei heiteren Worte sprechen hören . Er sah finster und mürrisch aus und schimpfte auf das schlechte Avancement . » Ich sage Ihnen , mit einer Garnitur Knochen kommt man heutzutage nicht mehr aus « , das war seine stete Redeweise . Die Namen der beiden Herren weiß ich nicht mehr . Der Oberst , ein feiner , liebenswürdiger Mann mit vollendet hofmännischen Manieren , war ein Baron Rosenberg . Unsere Tafel war sehr heiter und amüsant . Der kleine blonde Adjutant , ein Herr v. Bergen , Leutnant v. Eberhardt , Hanna und ich bildeten die untere Ecke , und wir waren bald im lebhaftesten Geplauder . Wir stießen auf vergnügte Stunden an , sprachen von Partien , Tanzen und von allem möglichen . Dann ertönte plötzlich die Regimentsmusik : der aufmerksame Oberst ließ den Damen ein Ständchen bringen . Ach , solche Kapelle hatte ich noch nie gehört , sie elektrisierte mich vollständig – Musik und Blumen sind das Schönste , was es auf der Erde gibt , solange man jung ist ! » Gretchen « , erklang die Stimme des Barons , » geh , sing uns ein Lied , aber ein Volkslied , bitte . « Es war Dämmerung geworden , und die Diener wollten eben die Kerzen auf den silbernen Leuchtern anzünden , da sagte der Oberst : » Oh , nicht doch ! Volkslieder hören sich am schönsten im Dämmern an . « Leutnant v. Eberhardt war aufgestanden und hatte mir den Arm geboten : » Darf ich Sie zum Flügel führen ? « Wir gingen in das Nebenzimmer . Hanna war uns gefolgt und schickte sich an , meinen Gesang zu begleiten . Ich fühlte , daß ich zitterte . Vergebens besann ich mich auf ein Lied . Ich weiß nicht , wie gerade dieses Lied mir in den Sinn kam . Ich sang : Mondschein am Himmel , Unter Bäumen ein Platz , Dort suchte mich abends Mein schwarzäugiger Schatz . So schwarz seine Augen , So rot sein Mund , So golden der Mondschein , O selige Stund ' ! So selig , so wonnig , So wunderbar lieb , Oh , ihr Steine am Himmel , Wenn ' s immer so blieb ' ! Mond ist gegangen , Erloschen die Stern ' . So blaß meine Wangen Und er , ach so fern ! – Ich hatte anders gesungen als sonst . Machten es die schwarzen Augen , die mich während des Singens unverwandt anschauten ? » Bravo , Gretchen ! « rief der Baron , zu dessen Lieblingen die einfachen , schwermütigen Melodien gehörten . » Aber wie kommst du auf dies traurige Lied ? Bitte , verwandle dich in den Pagen und singe mir Cherubins Klage . « » Neue Freuden , neue Schmerzen « , hob ich an , meine ganze Sicherheit war wiedergekommen . Ich sang mit wahrer Begeisterung und fühlte , daß ich ganz besonders gut sang . Ein stürmisches Bravo belohnte mich , die Herren traten alle an mich heran , der Oberst versicherte einmal über das andere , ich