gebaut haben würden . Für eine reiche Residenz voll hoher Häuser und Paläste , voll Leben und Verkehr , mag solche raumverschwendende Anlage die empfehlenswerteste sein , für eine kleine Provinzialstadt aber ist sie bedenklich . Sie gleicht einem auf Auswuchs gemachten großen Staatsrock , in den sich der Betreffende , weil er von Natur klein ist , nie hineinwachsen kann . Dadurch entsteht eine Öde und Leere , die zuletzt den Eindruck der Langenweile macht . Die Billigkeit erheischt hinzuzufügen , daß wir es unglücklich trafen : das Gymnasium hatte Ferien und die Garnison Mobilmachung . So fehlten denn die roten Kragen und Aufschläge , die , wie die zinnoberfarbenen Jacken auf den Bildern eines berühmten Niederländers ( Cuyp ) in unserm farblosen Norden dazu berufen scheinen , der monotonen Landschaft Leben und Frische zu geben . Alles war still und leer , auf dem Schulplatze wurden Betten gesonnt , und es sah aus , als sollte die ganze Stadt aufgefordert werden , sich schlafen zu legen . Aber nicht die Öde und Stille der Stadt haben uns zu beschäftigen , sondern ihre Sehenswürdigkeiten , klein und groß . Treten wir unsere Wanderung an . Vor dem malerisch im Schatten hoher Linden gelegenen Rathaus , in dessen Erdgeschoß sich auch die Hauptwache befindet , ruht auf leichter Lafette eine 1849er Kriegstrophäe , während in Front des stattlichen Gymnasialgebäudes ( auf das wir weiterhin in einem eignen Kapitel zurückkommen ) die Bronzestatue König Friedrich Wilhelms II. aufragt , die die Stadt nach dem großen Feuer von 1787 ihrem Wiedererbauer errichtete . Das in etwas mehr denn Lebensgröße hergestellte Bildnis ist eine Arbeit Friedrich Tiecks , gedanklich wenig bedeutend , aber in Form und Haltung jenes künstlerische Maß bekundend , das , wo andere Vorzüge fehlen , selbst schon wieder als Vorzug gelten kann . Mehr als dies Denkmal nimmt unsere Aufmerksamkeit die alte Klosterkirche in Anspruch , die sich an der Ostseite der Stadt in unmittelbarer Nähe des Sees erhebt und das einzige Gebäude von Bedeutung ist , das bei dem mehr erwähnten großen Brande verschont blieb . Diese Klosterkirche ist ein alter , in gotischem Stile aufgeführter Backsteinbau aus der Zeit um 1250 und gehörte dem unmittelbar daneben gelegenen Dominikanerkloster zu , von dem seit Restaurierung der Kirche auch die letzten Spuren verschwunden sind . Über diese Restaurierung selbst gibt eine die halbe Wand des Kirchenschiffs bedeckende Inschrift folgende Auskunft : » Dieses Gotteshaus wurde seit dem Jahre 1806 wiederholt durch feindliche Truppen entweiht und verfiel während des Krieges dergestalt , daß es über 3o Jahre nicht für den öffentlichen Gottesdienst benutzt werden konnte . Durch Königliche Gnadenwohlthat wurde dieses erhabene Denkmal ächt Deutscher Kunst und Frömmigkeit seiner eigentlichen Bestimmung zurückgegeben , indem es auf Befehl Sr. Majestät Friedrich Wilhelm ' s III. wiederhergestellt und in Gegenwart seines Nachfolgers , Sr. Majestät Friedrich Wilhelm ' s IV. , feierlich eingeweiht wurde am 16. Mai 1841 . « Über dieser Inschrift befindet sich eine andere aus der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts , worin die Überweisung dieser Kirche seitens des Kurfürsten Joachims II. an die Stadt Ruppin ausgesprochen wird . Ähnliche Notizen im Lapidarstil gesellen sich hinzu und mindern in etwas den Eindruck äußerster Kahlheit und Öde , woran die sonst schöne Kirche bedenklich leidet . Dies Verfahren , durch Inschriften zu beleben und anzuregen , sollte überhaupt überall da nachgeahmt werden , wo man zur Restaurierung alter Baudenkmäler schreitet . Selbst Leuten von Fach sind solche Notizen gemeinhin willkommen , dem Laien aber geht erst aus ihnen die ganze Bedeutung auf . Und zu diesen Laien gehört vor allem die Gemeinde selbst . Ohne solche Hinweise weiß sie selten , welche Schätze sie besitzt . Ja , das Maß der Unkenntnis und Indifferenz ist so groß , daß es denen zu denken geben sollte , die nicht müde werden , von dem Wissen und der Erleuchtetheit unserer Zeit zu sprechen . Auffallen muß namentlich , wie absolut nichts unser Volk von der vorlutherischen Periode seiner Geschichte weiß . Man kennt weder die Dinge , noch die Worte dafür , und unter zwanzig Leuten auf dem Lande wird nicht einer wissen , was der » Krummstab « sei . In der Ruppiner Klosterkirche fragte ich die Küsterfrau , welche Mönche hier wohl gelebt hätten ? , worauf ich die Antwort erhielt : » Ich jlobe , et sind kattolsche gewesen . « Die Ruppiner Klosterkirche wird in der oben zitierten Inschrift ein » erhabenes Denkmal ächt Deutscher Kunst « genannt , was richtig und nicht richtig ist , je nachdem . Die Mittelmark , im Gegensatze zur Altmark und dem Magdeburgischen , ist im ganzen genommen so wenig hervorragend an Baudenkmälern aus der gotischen Zeit , daß keine besondere Schönheit nötig war , um mit unter den schönsten zu sein . Das Innere der Kirche , trotz seiner Inschriften , ist immer noch gerade kahl genug geblieben , um sich der » Maus und Ratte « zu freuen , die der den Deckenanstrich ausführende Maler in gewissenhaftem Anschluß an eine halb legendare Tradition an das Gewölbe gemalt hat . Die Tradition selbst aber ist folgende . Wenige Tage , nachdem die Kirche , 1564 , dem lutherischen Gottesdienst übergeben worden war , schritten zwei befreundete Geistliche , von denen einer noch zum Kloster hielt , durch das Mittelschiff und disputierten über die Frage des Tages . » Eher wird eine Maus eine Ratte hier über die Wölbung jagen « , rief der Dominikaner , » als daß diese Kirche lutherisch bleibt . « Dem Lutheraner wurde jede Antwort hierauf erspart ; er zeigte nur an die Decke , wo sich das Wunder eben vollzog . Unser Sandboden hat nicht allzuviel von solchen Legenden gezeitigt , und so müssen wir das Wenige wert halten , was überhaupt da ist . Die Klosterkirche ist eine Schöpfung Gebhards von Arnstein , Grafen zu Lindow und Ruppin . Dies mag uns , im nächsten Kapitel , zu einer kurzen Besprechung dieses berühmten Geschlechtes führen . 2. Die Grafen von Ruppin 2. Die Grafen von Ruppin Die Särge seiner Ahnen Standen die Hall ' entlang . Es stand an kühler Stätte Ein Sarg noch ungefüllt , Den nahm er zum Ruhebette , Zum Pfühle nahm er den Schild . Uhland Friedrich Wilhelm III. , wenn er im Auslande reiste , liebte es , unter dem Namen eines » Grafen von Ruppin « sein Inkognito zu wahren . Auch andere königliche Hohenzollern haben ein Gleiches getan , Friedrich der Große z.B. als er kurz nach seiner Thronbesteigung eine Reise nach Bayreuth und in die westfälischen Landesteile machte . Diese Tatsache mag es rechtfertigen , wenn wir uns auch heute noch , wo der letzte jenes alten Grafengeschlechtes längst zu seinen Vätern versammelt wurde , die Frage vorlegen : wer waren die Grafen von Ruppin ? Mit den erobernden Anhaltinern kamen auch die thüringischmansfeldischen Grafen von Arnstein in die Marken und wurden früher oder später mit Lindow 7 und Ruppin belehnt . Bis ins dreizehnte Jahrhundert hinein nannten sich die so neubelehnten Grafen immer nur bei ihrem alten Geschlechtsnamen : Grafen von Arnstein , und nahmen später erst den Titel der » Grafen zu Lindow « an . Grafen zu Ruppin wurden sie jederzeit nur irrtümlich und ausnahmsweise genannt , da das Ruppiner Land eine Herrschaft und keine Grafschaft war . Wir aber , ohne historischgenealogische Skrupel , folgen der später allgemein gewordenen Sitte und sprechen in nachstehendem von den » Grafen zu Ruppin . « Die Grafen zu Ruppin waren die mächtigsten Vasallen der brandenburgischen Markgrafen und auch die treuesten wohl . In einem Zeitraume von drei Jahrhunderten schwankten sie nur einmal , und zwar in der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts , als die Verwirrungen der bayerisch-luxemburgischen Periode durch das Auftreten des falschen Waldemar ihren Gipfelpunkt erreicht hatten . Die Ruppiner Grafen waren anders wie andere im Lande . War es nun der Umstand , daß sie , als mächtigste Lehnsträger , ebenso oft fast neben den Markgrafen als unter ihnen standen , oder waren es in Kraft erhaltene Traditionen aus dem alten Kulturlande Thüringen her , gleichviel , ihr Auftreten hatte wenig gemein mit der Haltung des halb rauflustigen , halb bäuerischen Landadels um sie her , und die Künste des Friedens standen ihnen höher als jenes Waffenhandwerk , das sich selber Zweck ist oder gar einem fremden Interesse dient . » Streitbare Grafen « , comites bellicosissimi , werden sie zwar gelegentlich in alten Urkunden genannt , und die Geschichte , wie nicht verschwiegen werden soll , erzählt sogar von einzelnen , die südlich im Mailändischen und nördlich auf der Heide von Schleswig als Krieger geglänzt , aber das Glück war ihnen selten hold und schien sie durch Nichterfolge belehren zu wollen , daß ihr Schlachtfeld ein anderes sei . Sie waren mit am Cremmer Damm ( 1334 ) und wurden geschlagen , sie zogen in ihren vielfachen Fehden mit den Pommerherzögen regelmäßig den kürzeren und Graf Otto – der tapferste , der bei Falköping an der Seite des Schwedenkönigs Albrecht gegen die » schwarze Margarete « stritt – teilte das Schicksal seines königlichen Freundes und wurde mit ihm geschlagen und gefangen . Und wie die Schicksale des Hauses , so schien auch die Natur selber die Ruppiner Grafen auf ein anderes Feld als das des Krieges verweisen zu wollen , denn während es von den Grafen zu Pappenheim heißt , daß sich auf ihrer Stirn zwei blutrote Schwerter gekreuzt hätten , erzählt der Chronist von den Ruppiner Grafen nur , » daß sie mit einem Loch im Ohrläppchen geboren worden seien . « Welch entschiedener Hinweis auf das zartere Geschlecht ! Sie waren nicht comites bellicosissimi , aber sie waren sicherlich , wie sie in anderen Urkunden genannt werden , viri nobiles et generosi . Feine Sitte und wahre Frömmigkeit zeichneten sie aus ; sie standen fest zur Kirche , und » Mitleid und Guttätigkeit « waren erbliche Züge . Graf Ulrichs Sprichwort hieß : Hew ick Geld , so mütt ick gewen Andre Stände mütten ock lewen ; und als vorher oder nachher ein anderer Graf Ulrich hinausgetragen wurde , sang man im ganzen Lande Ruppin : Ullrich , det was en gode Herr Schade , dat he lewt nich mehr . Aber die Ruppiner Grafen begnügten sich nicht mit » Frömmigkeit und Guttätigkeit « , sondern verfügten auch über apartere Züge . Graf Waldemar war ein passionierter Tourist , wenn man ein so modernes Wort will gelten lassen , und Graf Burchard , ein Freund des dichterischen Markgrafen Otto mit dem Pfeil , dichtete selbst und turnierte mit Versen so gut wie mit Lanzen . Das war damals nicht Landesbrauch in den Marken , und nur die Grafen von Ruppin , in deren Adern noch thüringisches Blut floß , konnten derlei Dinge wagen . Spärliche Zeilen aus Burchards Dichtertum sind auf uns gekommen , Worte , die er an Elisabeth , sein » geliebt Gemahl « gerichtet hat . Sie lauten : Fulget Elisabeth et floret inter uxores Quas Rupina fovet clarissimas inter sorores , Haec mea Lux , mea spes per omnes inter nitores . Also etwa : Es leuchtet Elisabeth unter den Frauen Wie Ruppin unter seinen Schwestern zu schauen , Mein Trost , meine Hoffnung , um drauf zu bauen . Die Ruppiner Grafen waren von ihrem ersten Auftreten an Männer von Welt , von Wissen , von Voraussicht und Klugheit , und da sich derartige Elemente , wie durchaus wiederholt wer den muß , in damaliger Zeit hierlandes schwer betreffen ließen , so war ihre vorzüglichste Wirksamkeit in aller Bestimmtheit vorgezeichnet : es waren ritterliche Herren , aber vor allem Hofleute , Diplomaten . Sie kannten und übten die schwere Kunst der Nachgiebigkeit und wußten zwischen Festigkeit und Eigensinn zu unterscheiden . Daher begegnen wir ihnen oft auf den Reichstagen in Konstanz und Worms , als Begleiter und Berater ihrer markgräflichen Herren , und wo es einen Streit zu schlichten gab , da waren die Ruppiner Grafen die Vertrauensmänner beider Parteien , und das Schiedsrichteramt lag , wie erblich , in ihren Händen . Sie waren ein bevorzugtes , hochvornehmes Geschlecht , ein Geschlecht vom feinsten Korn , aber eines mußten sie vermissen – die Liebe ihrer Untertanen , Haftitius , der Chronist , erzählt uns : » die Grafen waren fromm und demütig und guttätig , aber waren doch wenig geliebt und geachtet trotz aller Gütigkeit . Denn obwohl die Herren Grafen oftmals den Rat und die fürnehmsten Bürger zu Neuen-Ruppin mit ihren Weibern und Kindern zu Gaste geladen und unter den Bäumen zwischen Alten- und Neuen-Ruppin haben Maien-Lauben machen und Tänze aufführen lassen , sie auch wohl traktieret und alles Liebste und Beste ihnen angetan , so sind doch Rat und Bürger den Herren Grafen immer entgegen gewesen . « Woran es lag , wer die Schuld trug – wer mag es sagen ? Kaum Vermutungen lassen sich aussprechen . Einen ersten Grund zu Zerwürfnissen gaben vermutlich die Geldverhältnisse des gräflichen Hauses , die , zumal im Laufe des fünfzehnten Jahrhunderts , von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer zerrütteter wurden . Rat und Bürgerschaft mußten aushelfen , die Verpfändungen begannen ; so ging der Glanz des Hauses hin , und mit dem Glanz endlich Ansehen und – Liebe . Alles sank hin , zuletzt das Geschlecht selber . Der letzte war Graf Wichmann , geboren 1503 auf dem alten Seeschloß zu » Alten-Ruppin « . Kaum vier Jahre alt , verlor er beide Eltern , und nur die Großmutter , Anna Jakobine , eine geb . Gräfin von Stolberg-Wernigerode , stand neben dem verwaisten Kinde . Sie war eine stolze , herrschlustige Frau , und während Johann von Schlabrendorf , Bischof zu Havelberg , nur dem Namen nach die Vormundschaft führte , führte sie Anna Jakobine in Wirklichkeit . Während der Zeit dieser Vormundschaft , im Jahre 1512 , fand zu Ruppin auch jenes große , mehrfach beschriebene Turnier statt , das damals im ganzen Lande von sich reden machte und mit einer Pracht begangen wurde , wie sie weder in Berlin noch zu Cölln an der Spree bis dahin gesehen worden war . Kurfürst Joachim erschien mit einem reichen Gefolge von bewaffneten Rittern und dreihundert Speerreitern , und mit dem Kurfürsten kam sein Bruder , der Kurfürst Albrecht von Mainz . Die Kurfürstin kam in einer vergoldeten , mit Atlas bedeckten Kutsche ( der ersten , deren in Norddeutschland Erwähnung geschieht ) und wurde von zwölf anderen Wagen , die mit purpurfarbenen Decken behangen waren , in welchen » das Hof-Frauenzimmer « saß , begleitet . Ihnen folgten die Herzöge Heinrich und Albrecht von Mecklenburg , Johann und Heinrich von Sachsen , Philipp von Braunschweig , die Bischöfe von Havelberg und Brandenburg und andere Fürsten mehr . Der Kurfürst und der Herzog Albrecht von Mecklenburg erwiesen sich als die stärksten und gewandtesten beim Turnier . Da die Bewirtung so vornehmer Gäste wohl nur kleineren Teils durch die Stadt und vorwiegend aus dem gräflichen Säckel erfolgte , so ist es nicht unwahrscheinlich , daß die gedachte Ehre den finanziellen Ruin beschleunigte . 1520 starb der Bischof von Havelberg , und der siebzehnjährige Wichmann wurde mündig erklärt . Der Druck großmütterlicher Autorität hatte die rasche Entwicklung seiner Gaben nicht zurückhalten können , und der Kurfürst selbst war es , der dem früh herangereiften Grafen , trotz seiner Minderjährigkeit , die Verwaltung des väterlichen Erbes anvertraute . War doch der Kurfürst selbst mit fünfzehn Jahren zur Herrschaft über die Marken gelangt . Graf Wichmann nahm denn auch den Hans von Zieten zu Wildberg zu seinem geschwornen Rat und ging 1521 im Gefolge des Kurfürsten auf den Reichstag zu Worms ; aber der Stern des Hauses stand im Niedergang und sein Erlöschen war nah . Zu dem Schwinden von Hab und Gut , zu jeder äußeren Zerrüttung gesellte sich , wie es scheint , auch eine zerrüttete Gesundheit . Wodurch zerrüttet , steht dahin . Der Graf war ein Freund der Jagd und der Frauen , wenigstens erklärt sich nur so die erste Strophe des alten , weiterhin mitgeteilten Liedes . Auf der Jagd war es auch , wo ihn die tödliche Krankheit befiel . Verschiedene seiner Hofleute rieten zu einem Arzt , aber in Neuen-Ruppin war keine ärztliche Hilfe zu beschaffen ( die Städte Ruppin , Wusterhausen und Gransee hatten seit 1466 einen gemeinschaftlichen Bader ) und einen Arzt von Berlin herbeizuholen , dazu war man bereits zu arm . Das Fieber wuchs , und um es zu bekämpfen , heizte man , similia similibus , das Zimmer des Kranken wie einen Backofen und gab ihm Met und Wein . Er starb schon nach wenigen Stunden . Die alte Gräfin , Anna Jakobine ( gest . 1526 ) , die ihn unbeschadet ihrer Herrschsucht von Herzen geliebt hatte , war untröstlich über den Tod des Enkels , und die Mönche in Ruppin beklagten den Verlust in folgendem Lied : Der edle Herr Wichmann zog jagen aus , Eine falsche Frau ließ er zu Haus Mit ihren vergüldeten Ringen . » Ach Kersten , lieber Jäger mein , Mir ist von Herzen allzu weh , Ich kann nicht länger reiten . « Sie machten ihm die Stube heiß , Darinnen ein Bett war weich und weiß , Drin sollte der Herre ruhen . Sie schenkten ihm Met und schenkten ihm Wein , Das nahm dem Herrn das Leben sein , Dem edlen Herrn Wichmanne . » Großmutter und lieb Schwester mein , Steckt in meinen Mund ein Tüchelein Und kühlt doch meine Zunge . Daß ich nun von Euch scheiden soll , Das machet all ' der bittre Tod ; Wie gern noch möcht ich leben . « Ein schwarzer Wagen , drin legten sie ihn , Sie führten zu Nacht ihn nach Ruppin , Sie begruben ihn in das Kloster . 8 Sie schossen ihm nach sein Helm und Schild , Sie hingen auf sein Wappenbild Am Pfeiler im hohen Chore . Die alte Gräfin murmelte still : » O weh , o weh , mein liebes Kind , Daß ich hier steh – die Letzte . « Wenige Tage nach dem Tode Graf Wichmanns erschien Kurprinz Joachim ( der spätere Joachim II. ) , um dem Leichenbegängnis beizuwohnen und die Untertanen in Eid und Pflicht zu nehmen . Das Lehn war erledigt und die Herrschaft Ruppin ward als Kreis in die Kur- und Mittelmark eingereiht . Die Hohenzollern aber gesellten von jenem Tage an zu der stattlichen Reihe ihrer anderen Namen und Titel auch noch den eines » Grafen von Ruppin « . 3. Die Zeit unter den Grafen 3. Die Zeit unter den Grafen . Bis zum Dreißigjährigen Krieg Nun fahre wohl , Landfriede ! nun , Lehndienst gute Nacht ! Es herrscht der freie Ritter , der alle Welt verlacht . All die Zeit über , namentlich während des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts , hatte Ruppin , wie die Mehrzahl der märkischen Städte , seine Fehden mit dem umwohnenden Adel , Fehden , zu denen sich von Zeit zu Zeit auch innere städtische Streitigkeiten und sogar Volksausbrüche gegen das Gebahren der niederen Geistlichkeit gesellten . In den Kämpfen zwischen der Stadt und dem Landadel spielte die sogenannte » Kuhburg « 9 eine Rolle . Sie stand auf den Kahlenbergen , eine Meile nördlich von der Stadt , auf dem Wege nach Rheinsberg , und diente zunächst als » Lug ins Land « . Rückten die Feinde an , so gab der Wächter sein Zeichen und die Bürger , die gemeinhin als Besatzung in diesem Turme lagen , brachen nun mit ihren Knechten und Reisigen hervor , teils um das Vieh zu retten , teils um dem Angriff zu begegnen . Zu nachhaltigen Unternehmungen kam es selten , besonders nachdem beide Parteien die Nutzlosigkeit einer ernsteren Kriegführung erprobt hatten . Die Adligen , nach vielfach gescheiterten Versuchen , waren ebenso abgeneigt , die wohlverwahrte Stadt « 10 anzugreifen , als die Bürger eine Scheu hatten , sich an der Einnahme unzugänglicher » Sumpfburgen « zu versuchen . Die immer bedrohte Sicherheit hatte auf beiden Seiten zu einem ausgebildeten Defensivsystem geführt , und während jetzt der Grundsatz gilt : » daß der Angriff stärker sei als die Verteidigung « , galt damals das Umgekehrte . So begnügte man sich mit Überfällen , bei denen die Bürger insoweit den kürzeren zogen , als ihr Handel und Wandel ein größeres und bequemeres Angriffsobjekt bot . 1365 und 1386 werden in einem Ruppiner Schloßregister die gefürchtetsten Feinde aus der Umgegend genannt . Es sind : Tacke de Wontz , Reinecke von Gartz , Wedego von Walsleben , Lüdecke von Winterfeld , Claus von Winterfeld und Hans von Lüderitz . Die drei erstgenannten Familien sind ausgestorben . Es kamen selbstverständlich auch » stillere Zeiten « . Aber wenn in diesen die Fehde ruhte , so ruhte doch selten der Groll im Herzen , und aller Orten , wo Adel und Bürger bei Wein und Bier , bei Spiel und Festlichkeit zusammen kamen , war immer Gefahr vorhanden , die alte Fehde neu ausbrechen zu sehen . Die bitterste der Art , die lange nachwirkte , fiel in die zweite Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts . Es verhielt sich damit wie folgt . In einem Wirtshause Ruppins saßen Adlige und Bürger beieinander ; man trank , man schwatzte , aus dem Schwatzen wurde Streit , ein Adliger zog seine Waffe und stach einen der Bürger nieder . Die Tat wurde ruchbar auf der Stelle , und die Stadt , die damals noch ihre eigene Gerichtsbarkeit hatte , ließ den Übeltäter greifen , gefangen setzen und verurteilte ihn zum Tode durch das Schwert . Als das Urteil und die zur Vollziehung festgesetzte Zeit unter dem Adel der Umgegend bekannt wurde , versammelten sich die Edelleute dicht vor dem Tore in der Nähe der Richtstätte , um ihren Standesgenossen zu befreien . Der Rat jedoch , der davon Kunde erhielt , traf seine Maßregeln . Er hielt das Außentor verschlossen und ließ dem Verurteilten zwischen dem Außen- und Innentor ( » nahe bei dem ersteren , damit die Ritter es hören könnten « ) den Kopf abschlagen . Dann wurde das Außentor geöffnet und die Edelleute durften den Leichnam ihres gerichteten Standesgenossen zur Bestattung mit sich nehmen . Der Adel klagte bei dem Markgrafen , wahrscheinlich bei Albrecht Achill , und der Stadt , der in diesem Falle trotz ihrer eigenen Gerichtsbarkeit die Pflicht obgelegen hätte , eine höhere Instanz anzurufen – wurde als Strafe auferlegt : hinfort keinen freien Adler mehr im Wappen zu führen , sondern einen verkappten . Noch bis zu Anfang des vorigen ( 18. ) Jahrhunderts deutete ein eisernes Kreuz zwischen Außen- und Innentor die Stelle an , wo die Stadt , über ihr Recht hinaus , einen ihrem Gericht nicht unterstellten Adligen vom Leben zum Tode gebracht hatte . Ob der » verkappte Adler « den Ruppinern ein besonderes Herzeleid angetan , stehe dahin , jedenfalls aber sahen sie sich von härteren und fühlbareren Folgen betroffen , als sie , bei anderer Gelegenheit , ebenfalls ihren Rechtseifer nicht gezügelt und an einem Geistlichen , an dem Diakonus Jakob Schildicke , eine » rasche Justiz « geübt hatten . Die Sache war die : In der Stadt Ruppin , wie in der Umgegend , waren seit einiger Zeit Diebstähle aller Art verübt worden ; Geld , Tuch , goldene und silberne Geräte wurden sowohl aus Privathäusern wie aus Kirchen entwendet . Verdacht entstand gegen diesen und jenen , verschiedene wurden eingezogen ; alle jedoch mußten wieder entlassen werden , weil die Untersuchung nichts gegen sie ergab . Endlich setzte der Magistrat eine Haussuchung fest , von der auch die Geistlichen , deren Ruppin damals gegen fünfzig zählte , nicht ausgeschlossen blieben . Und wirklich , in der Wohnung des Jakob Schildicke fand man das gestohlene Gut . In seinem geistlichen Ornate ward er ins Gefängnis geführt und sein eigenes Geständnis , das am andern Tage erfolgte , überzeugte die Richter von seiner Schuld . Aber dies eigene Geständnis genügte nicht und durch Glocken läuten wurde das Volk zusammengerufen , um unter Gottes freiem Himmel ein ordentlich Gericht zu halten und die Strafe für diesen seltenen Verbrecher festzusetzen . So wollten es Richter und Magistrat . Das Volk indes war gegen jeden Aufschub , und verlangte stürmisch und ohne gesetzliche Prozedur die augenblickliche Hinrichtung . Zwei Bürger , Koppe Königsberg und Heinrich Keller , wurden durchs Los zu Vollstreckern gewählt ( man hatte damals , wenigstens in den kleineren Städten , noch keinen Nachrichter ) und Jakob Schildicke hing am Galgen , ehe noch eine Stunde vergangen war . Dies Stück Volksjustiz – dem entgegenzutreten Richter und Magistrat nicht die Macht hatten – rief innerhalb der gesamten Geistlichkeit einen Sturm des Unwillens hervor , die Bischöfe von Havelberg und Brandenburg brachten es vor den Papst und Ruppin ward in den Bann getan . Handel und Verkehr stockten , die Tore waren wie gesperrt , und jeder Ruppiner , der sich außerhalb der Stadt betreffen ließ , war vogelfrei . Es kostete viel demütiges Bitten , eh ' endlich , nach sechs Jahren , die Absolution erwirkt werden konnte , der umwohnende Adel aber fand es bequem , keine Notiz von der Freisprechungsbulle zu nehmen und seine Angriffe , unter dem Titel : » im Dienst der Kirche « , fortzusetzen . Die Frage entsteht : Wie stellten sich die Grafen , die doch die nächstoberste Macht im Lande waren , zu all diesen Übergriffen ? Waren sie nie zur Hand , um die Städte gegen den Adel , und nie zur Hand , um den Adel gegen die Städte zu schützen ? Es scheint , daß ihnen früh der Zügel der Herrschaft entfiel ; mühsam sich selber bei Ansehen haltend , waren sie viel zu schwach , um in jedem gegebenen Falle , gleichviel nun wie sich die Rollen tauschten , das Recht des Schwächeren gegen den Stärkeren wahrzunehmen . Schutz und Ordnung kamen erst in diesen Landesteil , als ein neues , lebendiges Regiment an die Stelle des alten , hinfälligen trat , mit anderen Worten , als die Hohenzollern – nach dem Tode des letzten Grafen Wichmann – das Ruppiner Land als Lehn eingezogen und sich selber als die Herren desselben etablierten . Dies war 1524 , wie wir gesehen . Es kam nun ein Jahrhundert rasch wachsender Prosperität . Die Stadt wußte sich den Hohenzollern zu verpflichten und empfing dafür , neben der Bestätigung alter Privilegien , neue Freiheiten und Vorrechte . Die Zünfte und Innungen waren stark besetzt und Handel und Verkehr blühten unter den Joachims , wie es die Stadt nie vordem gekannt hatte . Der Dreißigjährige Krieg , der wenige Jahrzehnte später dem allen ein Ende machte , warf keine voraufziehenden Schatten in die Ruppiner Gemüter , ahnungslos lebte jeder dem Augenblick und an die Stelle der kriegerischen Erregtheit , in die einst die nachbarlichen Fehden die guten Bürger von Ruppin versetzt hatten , traten jetzt die friedlicheren Aufregungen , zu denen abwechselnd eine Predigt gegen die Pluderhosen oder eine dem Kurfürsten zu leistende » Huldigung « einen immer erwünschten Anlaß gaben . Die erste Huldigung , die Stadt und Grafschaft nach dem Tode des letzten Grafen ( 1524 ) dem damaligen Kurprinzen Joachim darbrachten , war entweder von besonderer Nüchternheit oder die Aufzeichnung faßte sich allzu kurz . Desto mehr erfahren wir über die Huldigung , die , gegen Ausgang desselben Jahrhunderts , die Ruppiner dem Kurfürsten Joachim Friedrich leisteten . Kaspar Witte , einer der beiden Bürgermeister , hat den Hergang selbst beschrieben . Es heißt darin : Am 23. Juni 1598 kamen der Kurfürst samt Gemahlin zur Huldigung nach Neu-Ruppin ; mit ihnen waren die Kanzlei und der Hofstaat . Der ganze alte und neue Rat , dazu die Deputierten von Wusterhausen und Gransee , von Lindow , Zehdenick und Alt-Ruppin , als sie hörten , daß der kurfürstliche Zug die Grenze überschritten habe , fuhren auf drei Wagen bis an den Egelpfuhl , um daselbst Se . Durchlaucht zu begrüßen . Nachdem sie zwei Stunden gewartet hatten , kam der Kurfürst . Der Rat und die Deputierten gingen ihm vierzehn bis sechzehn Schritte entgegen . Er gab jedem die Hand . Der Kanzler Johann von Löben ( der Schwiegervater des später so berühmt gewordenen Konrad von Burgsdorf ) stellte sich darauf neben den Wagen , und der regierende Bürgermeister , Andreas Berlin , hielt eine lange Rede und überreichte die Schlüssel der Stadt . Der Kanzler antwortete in einer kurzen Rede . Nun bewegte sich der Zug langsam in die Stadt . Der Magistrat und die Deputierten begleiteten den kurfürstlichen Wagen auf beiden Seiten zu Fuß , ungeachtet es stark regnete , wofür sie aber durch die Unterhaltung mit Sr. Durchlaucht schadlos gehalten wurden . Vom Rosengarten bis zum Rathause stand die Bürgerschaft in zwei Reihen , unter ihnen einhundertundfünfzig » Buntröcke « oder Soldaten , welche Ehrenschüsse taten . Darauf speiste der Kurfürst samt seiner Gemahlin auf dem Rathause ; ihnen zunächst saßen die beiden durchnäßten Bürgermeister , Andreas Berlin und Kaspar Witte . Es herrschte ein heiterer ungezwungener Ton und Graf Hunert von Zerbst , der dazumalen kurfürstlicher Hauptmann auf dem Seeschloß von Alt-Ruppin war , » brachte viel Scherz und launige Rede an , von Jungfern und Frauen , von Ehebrecherei und anderer Löffelei « . ( Unser Gewährsmann Bratring , dem wir diese Stelle entnehmen , bemerkt dazu vorwurfsvoll , daß angenehme Zweideutigkeiten also auch damals schon in gebildeter Gesellschaft betroffen worden seien . ) Die Anwesenheit des kurfürstlichen Paares dauerte zwei Tage . » Der Magistrat hatte die sämtliche Dienerschaft beschenkt , zugleich aber mit allen Köchen und Kammerknechten sich gezankt « und war deshalb froh , als am dritten Tage die Huldigungsfeierlichkeiten vorüber waren . Wenn Bürgermeister und Deputierte , wie wir aus dieser Kaspar Witteschen Relation ersehen , sich mit » Köchen und Kammerknechten zankten « , so stiegen sie , in besonderer