Szulskis Pelzmütze hing an dem kurzen Geäst einer Kropfweide . » Nun , haben wir die « , fuhr Hradscheck fort , » so werden wir ihn auch selber bald haben . « » Wenn wir nur ein Boot hätten . Aber es kann hier nicht tief sein , und wir müssen immer peilen und Grund suchen . « Und so geschah ' s auch . Aber alles Messen und Peilen half nichts , und es blieb bei der Mütze , die der eine der beiden Müllerknechte mittlerweile mit einem Haken herangeholt hatte . Zugleich wurde der Wind immer schneidender und kälter , so daß Kunicke , der noch von Möckern und Montmirail her einen Rheumatismus hatte , keine Lust mehr zur Fortsetzung verspürte . Schulze Woytasch auch nicht . » Ich werde Gensdarm Geelhaar nach Kienitz und Güstebiese schicken « , sagte dieser . » Irgendwo muß er doch antreiben . Und dann wollen wir ihm ein ordentliches Begräbnis machen . Nicht wahr , Hradscheck ? Die Hälfte kann die Gemeinde geben . « » Und die andre Hälfte geben wir « , setzte Kunicke hinzu . » Denn wir sind doch eigentlich ein bißchen schuld . Oder eigentlich ganz gehörig . Er war gestern abend verdammt fißlig und man bloß noch soso . War er denn wohl katholsch ? « » Natürlich war er « , sagte Woytasch . » Wenn einer Szulski heißt und aus Krakau kommt , ist er katholsch . Aber das schadt nichts . Ich bin für Aufklärung . Der Alte Fritze war auch für Aufklärung . Jeder nach seiner Façon ... « » Versteht sich « , sagte Kunicke . » Versteht sich . Und dann am Ende , wir wissen auch nicht , das heißt , ich meine , so ganz bestimmt wissen wir nicht , ob er ein Katholscher war oder nich . Un was man nich weiß , macht einen nich heiß . Nicht wahr , Quaas ? « » Nein , nein . Was man nich weiß , macht einen nich heiß . Und Quaasen auch nicht . « Alle lachten , und selbst Hradscheck , der bis dahin eine würdige Zurückhaltung gezeigt hatte , stimmte mit ein . 9. Kapitel Neuntes Kapitel Der Tote fand sich nicht , der Wagen aber , den man mühevoll aus dem Wasser heraufgeholt hatte , wurde nach dem Dorf geschafft und in Kunickes große Scheune gestellt . Da stand er nun schon zwei Wochen , um entweder abgeholt oder auf Antrag der Krakauer Firma versteigert zu werden . Im Dorfe gab es inzwischen viel Gerede , das aller Orten darauf hinauslief : » Es sei was passiert und es stimme nicht mit den Hradschecks . Hradscheck sei freilich ein feiner Vogel und Spaßmacher und könne Witzchen und Geschichten erzählen , aber er hab es hinter den Ohren , und was die Frau Hradscheck angehe , die vor Vornehmheit nicht sprechen könne , so wisse jeder , stille Wasser seien tief . Kurzum , es sei beiden nicht recht zu traun und der Pohlsche werde wohl ganz woanders liegen als in der Oder . « Zum Überfluß griff auch noch unser Freund , der Kantorssohn , der sich jedes Skandals mit Vorliebe bemächtigte , in die Saiten seiner Leier , und allabendlich , wenn die Knechte , mit denen er auf du und du stand , vom Kruge her durchs Dorf zogen , sangen sie nach bekannter Melodie : » Morgenrot ! Abel schlug den Kain tot . Gestern noch bei vollen Flaschen , Morgens ausgeleerte Taschen Und ein kühles , kühles Gra-ab . « All dies kam zuletzt auch dem Küstriner Gericht zu Ohren , und wiewohl es nicht viel besser als Klatsch war , dem alles Beweiskräftige fehlte , so sah sich der Vorsitzende des Gerichts , Justizrat Vowinkel , doch veranlaßt , an seinen Duz- und Logenbruder Eccelius einige Fragen zu richten und dabei Erkundigungen über das Vorleben der Hradschecks einzuziehen . Das war am 7. Dezember , und noch am selben Tage schrieb Eccelius zurück : » Lieber Bruder . Es ist mir sehr willkommen , in dieser Sache das Wort nehmen und Zeugnis zu Gunsten der beiden Hradschecks ablegen zu können . Man verleumdet sie , weil man sie beneidet , besonders die Frau . Du kennst unsere Brücher ; sie sind hochfahrend und steigern ihren Dünkel bis zum Haß gegen alles , was sich ihnen gleich oder wohl gar überlegen glaubt . Aber ad rem . Er , Hradscheck , ist kleiner Leute Kind aus Neu- Lewin und , wie sein Name bezeugt , von böhmischer Extraktion . Du weißt , daß Neu-Lewin in den achtziger Jahren mit böhmischen Kolonisten besetzt wurde . Doch dies beiläufig . Unsres Hradscheck Vater war Zimmermann , der , nach Art solcher Leute , den Sohn für dasselbe Handwerk bestimmte . Und unser Hradscheck soll denn auch wirklich als Zimmermann gewandert und in Berlin beschäftigt gewesen sein . Aber es mißfiel ihm , und so fing er , als er vor etwa fünfzehn Jahren nach Neu-Lewin zurückkehrte , mit einem Kramgeschäft an , das ihm auch glückte , bis er , um eines ihm unbequem werdenden › Verhältnisses ‹ willen , den Laden aufgab und den Entschluß faßte , nach Amerika zu gehen . Und zwar über Holland . Er kam aber nur bis ins Hannöversche , wo er , in der Nähe von Hildesheim , also katholische Gegend , in einer großen gasthausartigen Dorfherberge Quartier nahm . Hier traf es sich , daß an demselben Tage die seit Jahr und Tag in der Welt umhergezogene Tochter des Hauses , krank und elend von ihren Fahrten und Abenteuern – sie war mutmaßlich Schauspielerin gewesen – , zurückkam und eine furchtbare Szene mit ihrem Vater hatte , der ihr nicht nur die bösesten Namen gab , sondern ihr auch Zuflucht und Aufnahme verweigerte . Hradscheck , von dem Unglück und wahrscheinlich mehr noch von dem eigenartigen und gewinnenden Wesen der jungen Frau gerührt , ergriff Partei für sie , hielt um ihre Hand an , was dem Vater wie der ganzen Familie nur gelegen kam , und heiratete sie , nachdem er seinen Auswanderungsplan aufgegeben hatte . Bald danach , um Martini herum , übersiedelten beide hierher , nach Tschechin , und schon am ersten Adventssonntage kam die junge Frau zu mir und sagte , daß sie sich zur Landeskirche halten und evangelisch getraut sein wolle . Was denn auch geschah und damals ( es geht jetzt ins zehnte Jahr ) einen großen Eindruck auf die Bauern machte . Daß der kleine Gott mit dem Bogen und Pfeil in dem Leben beider eine Rolle gespielt hat , ist mir unzweifelhaft , ebenso daß beide seinen Versuchungen unterlegen sind . Auch sonst noch , wie nicht bestritten werden soll , bleiben einige dunkle Punkte , trotzdem es an anscheinend offenen Bekenntnissen nie gefehlt hat . Aber wie dem auch sein möge , mir liegt es pflichtmäßig ob , zu bezeugen , daß es wohlanständige Leute sind , die , solang ich sie kenne , sich gut gehalten und allzeit in einer christlichen Ehe gelebt haben . Einzelnes , was ihm , nach der entgegengesetzten Seite hin , vor längrer oder kürzrer Zeit nachgesagt wurde , mag auf sich beruhn , um so mehr , als mir Sittenstolz und Tugendrichterei von Grund aus verhaßt sind . Die Frau hat meine besondere Sympathie . Daß sie den alten Aberglauben abgeschworen , hat sie mir , wie Du begreifen wirst , von Anfang an lieb und wert gemacht . « Die Wirkung dieses Ecceliusschen Briefes war , daß das Küstriner Gericht die Sache vorläufig fallenließ ; als demselben aber zur Kenntnis kam , » daß Nachtwächter Mewissen , nach neuerdings vor Schulze Woytasch gemachten Aussagen , an jenem Tage , wo das Unglück sich ereignete , so zwischen fünf und sechs ( um die Zeit also , wo das Wetter am tollsten gewesen ) die Frau Hradscheck zwischen den Pappeln an der Mühle gesehn haben wollte , ganz so , wie wenn sie halb verbiestert vom Damm her käme « da waren die Verdachtsgründe gegen Hradscheck und seine Frau doch wieder so gewachsen , daß das Gericht einzuschreiten beschloß . Aber freilich auch jetzt noch unter Vermeidung jedes Eklats , weshalb Vowinkel an Eccelius , dem er ohnehin noch einen Dankesbrief schuldete , die folgenden Zeilen richtete : » Habe Dank , lieber Bruder , für Deinen ausführlichen Brief vom 7. d. M. , dem ich , soweit er ein Urteil abgibt , in meinem Herzen zustimme . Hradscheck ist ein durchaus netter Kerl , weit über seinen Stand hinaus , und Du wirst Dich entsinnen , daß er letzten Winter sogar in Vorschlag war , und zwar auf meinen speziellen Antrag . Das alles steht fest . Aber zu meinem Bedauern will die Geschichte mit dem Polen nicht aus der Welt , ja , die Verdachtsgründe haben sich gemehrt , seit neuerdings auch euer Mewissen gesprochen hat . Andrerseits freilich ist immer noch zu wenig Substanz da , um ohne weiteres eine Verhaftung eintreten zu lassen , weshalb ich vorhabe , die Hradscheckschen Dienstleute , die doch schließlich alles am besten wissen müssen , zu vernehmen und von ihrer Aussage mein weiteres Tun oder Nichttun abhängig zu machen . Unter allen Umständen aber wollen wir alles , was Aufsehn machen könnte , nach Möglichkeit vermeiden . Ich treffe morgen gegen 2 in Tschechin ein , fahre gleich bei Dir vor und bitte Dich , Sorge zu tragen , daß ich den Knecht Jakob samt den beiden andern Personen , deren Namen ich vergessen , in Deinem Hause vorfinde . « So des Justizrats Brief . Er selbst hielt zu festgesetzter Zeit vor dem Pfarrhaus und trat in den Flur , auf dem die drei vorgeforderten Dienstleute schon standen . Vowinkel grüßte sie , sprach , in der Absicht , ihnen Mut zu machen , ein paar freundliche Worte zu jedem und ging dann , nachdem er sich aus seinem Mantel herausgewickelt , auf Eccelius ' Studierstube zu , darin nicht nur der große schwarze Kachelofen , sondern auch der wohlarrangierte Kaffeetisch jeden Eintretenden überaus anheimelnd berühren mußte . Dies war denn auch bei Vowinkel der Fall . Er wies lachend darauf hin und sagte : » Vortrefflich , Freund . Höchst einladend . Aber ich denke , wir lassen das bis nachher . Erst das Geschäftliche . Das beste wird sein , du stellst die Fragen und ich begnüge mich mit der Beisitzer-Rolle . Sie werden dir unbefangner antworten als mir . « Dabei nahm er in einem neben dem Ofen stehenden hohen Lehnstuhle Platz , während Eccelius , auf den Flur hinaus , nach Ede rief und sich ' s nun erst , nach Erledigung aller Präliminarien , an seinem mächtigen Schreibtische bequem machte , dessen großes , zwischen einem Sand- und einem Tintenfaß stehendes Alabasterkreuz ihn von hinten her überragte . Der Gerufene war inzwischen eingetreten und blieb an der Tür stehn . Er hatte sichtlich sein Bestes getan , um einen manierlichen Menschen aus sich zu machen , aber nur mit schwachem Erfolg . Sein brandrotes Haar lag großenteils blank an den Schläfen , während ihm das wenige , was ihm sonst noch verblieben war , nach Art einer Spitzflamme zu Häupten stand . Am schlimmsten aber waren seine winterlichen Hände , die , wie eine Welt für sich , aus dem überall zu kurz gewordenen Einsegnungsrock hervorsahen . » Ede « , sagte der Pastor freundlich , » du sollst über Hradscheck und den Polen aussagen , was du weißt . « Der Junge schwieg und zitterte . » Warum sagst du nichts ? warum zitterst du ? « » Ick jrul mi so . « » Vor wem ? Vor uns ? « Ede schüttelte mit dem Kopf . » Nun , vor wem denn ? « » Vor Hradschecken ... « Eccelius , der alles zu Gunsten der Hradschecks gewendet zu sehen wünschte , war mit dieser Aussage wenig zufrieden , nahm sich aber zusammen und sagte : » Vor Hradscheck . Warum vor Hradscheck ? Was ist mit ihm ? Behandelt er dich schlecht ? « » Nei . « » Nu wie denn ? « » Ick weet nich ... He is so anners . « » Nu gut . Anders . Aber das ist nicht genug , Ede . Du mußt uns mehr sagen . Worin ist er anders ? Was tut er ? Trinkt er ? Oder flucht er ? Oder ist er in Angst ? « » Nei . « » Nu wie denn ? Was denn ? « » Ick weet nich ... He is so anners . « Es war ersichtlich , daß aus dem eingeschüchterten Jungen nichts weiter herauszubringen sein würde , weshalb Vowinkel dem Freunde zublinkte , die Sache fallenzulassen . Dieser brach denn auch wirklich ab und sagte : » Nun , es ist gut , Ede . Geh . Und schicke die Male herein . « Diese kam und war in ihrem Kopf- und Brusttuch , das sie heute wie sonntäglich angelegt hatte , kaum wiederzuerkennen . Sie sah klar aus den Augen , war unbefangen und erklärte , nachdem Eccelius seine Frage gestellt hatte , daß sie nichts wisse . Sie habe Szulski gar nicht gesehn , » un ihrst um Klocker vier oder noch en beten danoah « wäre Hradscheck an ihre Kammertür gekommen und hätte gesagt , daß sie rasch aufstehn und Kaffee kochen solle . Das habe sie denn auch getan , und grad als sie den Kien gespalten , sei Jakob gekommen und hab ihr so im Vorübergehn gesagt , » daß er den Pohlschen geweckt habe ; der Pohlsche hab aber ' nen Dodenschlaf gehabt und habe gar nich geantwortet . Und da hab er an die Dür gebullert . « All das erzählte Male hintereinander fort , und als der Pastor zum Schlusse frug , ob sie nicht noch weiter was wisse , sagte sie : » Nein , weiter wisse sie nichts , oder man bloß noch das eine , daß die Kanne , wie sie das Kaffeegeschirr herausgeholt habe , beinah noch ganz voll gewesen sei . Und sei doch ein greuliches Wetter gewesen und kalt und naß . Und wenn sonst einer des Morgens abreise , so tränk er mehrstens oder eigentlich immer die Kanne leer , un von Zucker übriglassen wär gar keine Rede nich . Und manche nähmen ihn auch mit . Aber der Pohlsche hätte keine drei Schluck getrunken , und sei eigentlich alles noch so gewesen , wie sie ' s reingebracht habe . Weiter wisse sie nichts . « Danach ging sie , und der dritte , der nun kam , war Jakob . » Nun , Jakob , wie war es ? « fragte Eccelius ; » du weißt , um was es sich handelt . Was du Malen und mir schon vorher gesagt hast , brauchst du nicht zu wiederholen . Du hast ihn geweckt , und er hat nicht geantwortet . Dann ist er die Treppe heruntergekommen , und du hast gesehn , daß er sich an dem Geländer fest hielt , als ob ihm das Gehn in dem Pelz schwer würde . Nicht wahr , so war es ? « » Joa , Herr Pastor . « » Und weiter nichts ? « » Nei , wider nix . Un wihr man blot noch , dat he so ' n beten lütt utsoah , un ... « » Und was ? « » Un dat he so still wihr un seggte keen Wuhrd nich . Un as ick to em seggen deih : › Na adjes , Herr Szulski ‹ , doa wihr he wedder so bumsstill un nickte man blot so . « Nach dieser Aussage trat auch Jakob ab , und die Pfarrköchin brachte den Kaffee . Vowinkel nahm eine der Tassen und sagte , während er sich an das Fensterbrett lehnte : » Ja , Freund , die Sache steht doch schlimmer , als du wahrhaben möchtest , und fast auch schlimmer , als ich erwartete . « » Mag sein « , erwiderte der Pastor . » Nach meinem Gefühl indes , das ich selbstverständlich deiner besseren Erfahrung unterordne , bedeuten all diese Dinge gar nichts oder herzlich wenig . Der Junge , wie du gesehn hast , konnte vor Angst kaum sprechen , und aus der Köchin Aussage war doch eigentlich nur das eine festzustellen , daß es Menschen gibt , die viel , und andre , die wenig Kaffee trinken . « » Aber Jakob ! « Eccelius lachte . » Ja , Jakob . › He wihr en beten to lütt ‹ , das war das eine , › un he wihr en beten to still ‹ , das war das andre . Willst du daraus einen Strick für die Hradschecks drehn ? « » Ich will es nicht , aber ich fürchte , daß ich es muß . Jedenfalls haben sich die Verdachtsgründe durch das , was ich eben gehört habe , mehr gemehrt als gemindert , und ein Verfahren gegen den so mannigfach Belasteten kann nicht länger mehr hinausgeschoben werden . Er muß in Haft , wär es auch nur , um einer Verdunklung des Tatbestandes vorzubeugen . « » Und die Frau ? « » Kann bleiben . Überhaupt werd ich mich auf das Nötigste beschränken , und um auch jetzt noch alles Aufsehen zu vermeiden , hab ich vor , ihn auf meinem Wagen , als ob es sich um eine Spazierfahrt handelte , mit nach Küstrin zu nehmen . « » Und wenn er nun schuldig ist , wie du beinah glaubst oder wenigstens für möglich hältst ? Ist dir eine solche Nachbarschaft nicht einigermaßen ängstlich ? « Vowinkel lachte . » Man sieht , Eccelius , daß du kein Kriminalist bist . Schuld und Mut vertragen sich schlecht zusammen . Alle Schuld lähmt . « » Nicht immer . « » Nein , nicht immer . Aber doch meist . Und allemal da , wo das Gesetz schon über ihr ist . « 10. Kapitel Zehntes Kapitel Die Verhaftung Hradschecks erfolgte zehn Tage vor Weihnachten . Jetzt war Mitte Januar , aber die Küstriner Untersuchung rückte nicht von der Stelle , weshalb es in Tschechin und den Nachbardörfern hieß : » Hradscheck werde mit nächstem wieder entlassen werden , weil nichts gegen ihn vorliege . « Ja , man begann auf das Gericht und den Gerichtsdirektor zu schelten , wobei sich ' s selbstverständlich traf , daß alle die , die vorher am leidenschaftlichsten von einer Hinrichtung geträumt hatten , jetzt in Tadeln und Schmähen mit gutem Beispiel vorangingen . Vowinkel hatte viel zu dulden ; kein Zweifel . Am ausgiebigsten in Schmähungen aber war man gegen die Zeugen , und der Angriffe gegen diese wären noch viel mehr gewesen , wenn man nicht gleichzeitig über sie gelacht hätte . Der dumme Ladenjunge , der Ede , so versicherte man sich gegenseitig , könne doch nicht für voll angesehen werden und die Male mit ihren Sommersprossen und ihrem nicht ausgetrunkenen Kaffee womöglich noch weniger . Daß man bei den Hradschecks oft einen wunderbaren Kaffee kriege , das wisse jeder , und wenn alle die , die das durchgetrichterte Zichorienzeug stehnließen , auf Mord und Totschlag hin verklagt und eingezogen werden sollten , so säße bald das halbe Bruch hinter Schloß und Riegel . » Aber Jakob und der alte Mewissen ? « hieß es dann wohl . Indes auch von diesen beiden wollte die plötzlich zugunsten Hradschecks umgestimmte Majorität nichts wissen . Der dußlige Jakob , von dem jetzt so viel gemacht werde , ja , was hab er denn eigentlich beigebracht ? Doch nichts weiter als das ewige » He wihr so ' n beten still . « Aber du lieber Himmel , wer habe denn Lust , um Klock fünf und bei steifem Südost einen langen Schnack zu machen ? Und nun gar der alte Mewissen , der , solang er lebe , den Himmel für einen Dudelsack angesehen habe ? Wahrhaftig , der könne viel sagen , eh man ' s zu glauben brauche . » Mit einem karierten Tuch über dem Kopf . Und wenn ' s kein kariertes Tuch gewesen , dann sei ' s eine Pferdedecke gewesen . « Oh , du himmlische Güte ! Mit einer Pferdedecke ! Die Hradscheck mit einer Pferdedecke ! Gibt es Pferdedecken ohne Flöhe ? Nein . Und nun gar diese schnippsche Prise , die sich ewig mit ihrem türkischen Shawl herumziert und noch ötepotöter is als die Reitweinsche Gräfin ! So ging das Gerede , das sich , an und für sich schon günstig genug für Hradscheck , in Folge kleiner Vorkommnisse mit jedem neuen Tage günstiger gestaltete . Darunter war eins von besondrer Wirkung . Und zwar das folgende . Heiligabend war ein Brief Hradschecks bei Eccelius eingetroffen , worin es hieß : » es ging ' ihm gut , weshalb er sich auch freuen würde , wenn seine Frau zum Fest herüberkommen und eine Viertelstunde mit ihm plaudern wolle ; Vowinkel hab es eigens gestattet , versteht sich , in Gegenwart von Zeugen « . So die briefliche Mitteilung , auf welche Frau Hradscheck , als sie durch Eccelius davon gehört , diesem letzteren sofort geantwortet hatte : » Sie werde diese Reise nicht machen , weil sie nicht wisse , wie sie sich ihrem Manne gegenüber zu benehmen habe . Wenn er schuldig sei , so sei sie für immer von ihm geschieden , einmal um ihrer selbst , aber mehr noch um ihrer Familie willen . Sie wolle daher lieber zum Abendmahl gehn und ihre Sache vor Gott tragen und bei der Gelegenheit den Himmel inständigst bitten , ihres Mannes Unschuld recht bald an den Tag zu bringen . « So was hörten die Tschechiner gern , die sämtlich höchst unfromm waren , aber nach Art der meisten Unfrommen einen ungeheuren Respekt vor jedem hatten , der » lieber zum Abendmahl gehn und seine Sache vor Gott tragen « als nach Küstrin hin reisen wollte . Kurzum , alles stand gut , und es hätte sich von einer totalen » Rückeroberung « des dem Inhaftierten anfangs durchaus abgeneigten Dorfes sprechen lassen , wenn nicht ein Unerschütterlicher gewesen wäre , der , sobald Hradschecks Unschuld behauptet wurde , regelmäßig versicherte : » Hradscheck ? Den kenn ich . Der muß ans Messer . « Dieser Unerschütterliche war niemand Geringeres als Gensdarm Geelhaar , eine sehr wichtige Person im Dorf , auf deren Autorität hin die Mehrheit sofort geschworen hätte , wenn ihr nicht seine bittre Feindschaft gegen Hradscheck und die kleinliche Veranlassung dazu bekannt gewesen wäre . Geelhaar , guter Gensdarm , aber noch besserer Saufaus , war , um Kognaks und Rums willen , durch viele Jahre hin ein Intimus bei Hradscheck gewesen , bis dieser eines Tages , des ewigen Gratis-Einschenkens müde , mit mehr Übermut als Klugheit gesagt hatte : » Hören Sie , Geelhaar , Rum ist gut . Aber Rum kann einen auch rumbringen . « Auf welche Provokation hin ( Hradscheck liebte dergleichen Witze ) der sich nun plötzlich aufs hohe Pferd setzende Geelhaar mit hochrotem Gesicht geantwortet hatte : » Gewiß , Herr Hradscheck . Was kann einen nich alles rumbringen ? Den einen dies , den andern das . Und mit Ihnen , mein lieber Herr , is auch noch nicht aller Tage Abend . « Von der aus diesem Zwiegespräch entstandenen Feindschaft wußte das ganze Dorf , und so kam es , daß man nicht viel darauf gab und im wesentlichen bloß lachte , wenn Geelhaar zum hundertsten Male versicherte : » Der ? Der muß ans Messer . « » Der muß ans Messer « , sagte Geelhaar , aber in Tschechin hieß es mit jedem Tage mehr : » Er kommt wieder frei . « Und » He kümmt wedder rut « hieß es auch im Hause der alten Jeschke , wo die blonde Nichte , die Line – dieselbe , nach der Hradscheck bei seinen Gartenbegegnungen mit der Alten immer zu fragen pflegte – , seit Weihnachten zum Besuch war und an einer Ausstattung , wenn auch freilich nicht an ihrer eigenen , arbeitete . Sie war eine hervorragend kluge Person , die , trotzdem sie noch keine siebenundzwanzig zählte , sich in den verschiedensten Lebensstellungen immer mit Glück versucht hatte : früh schon als Kinder- und Hausmädchen , dann als Nähterin und schließlich als Pfarrköchin in einem neumärkischen Dorf , in welch letztrer Eigenschaft sie nicht nur sämtliche Betstunden mitgemacht , sondern sich auch durch einen exemplarisch sittlichen Lebenswandel ausgezeichnet hatte . Denn sie gehörte zu denen , die , wenn engagiert , innerhalb ihres Engagements alles Geforderte leisten , auch Gebet , Tugend und Treue . Solcher Forderungen entschlug sich nun freilich die Jeschke , die vielmehr , wenn sie den Faden von ihrem Wocken spann , immer nur Geschichten von begünstigten und genasführten Liebhabern hören wollte , besonders von einem Küstriner Fourage-Beamten , der drei Stunden lang im Schnee hatte warten müssen . Noch dazu vergeblich . All das freute die Jeschke ganz ungemein , die dann regelmäßig hinzusetzte : » Joa , Line , so wihr ick ook . Awers moak et man nich to dull . « Und dann antwortete diese : » Wie werd ich denn , Mutter Jeschke ! « Denn sie nannte sie nie Tante , weil sie sich der nahen Verwandtschaft mit der alten Hexe schämen mochte . Plaudern war beider Lust . Und plaudernd saßen beide Weibsen auch heute wieder . Es war ein ziemlich kalter Tag , und draußen lag fußhoher Schnee . Drinnen aber war es behaglich , das Rotkehlchen zwitscherte , die Wanduhr ging in starkem Schlag , und der Kachelofen tat das Seine . Dem Ofen zunächst aber hockte die Jeschke , während Line weitab an dem ganz mit Eisblumen überdeckten Fenster saß und sich ein Kuckloch gepustet hatte , durch das sie nun bequem sehen konnte , was auf der Straße vorging . » Da kommt ja Gensdarm Geelhaar « , sagte sie . » Grad über den Damm . Er muß drüben bei Kunicke gewesen sein . Versteht sich , Kunicke frühstückt um diese Zeit . Und sieht auch so rot aus . Was er nur will ? Er wird am Ende der armen Frau , der Hradschecken , einen Besuch machen wollen . Is ja schon vier Wochen Strohwitwe . « » Nei , nei « , lachte die Alte . » Dat deiht he nich . Dem is joa sien ejen all to veel , so lütt se is . Ne , ne , den kenn ick . Geelhaar is man blot noch för so . « Und dabei machte sie die Bewegung des Aus-der-Flasche-Trinkens . » Hast recht « , sagte Line . » Sieh , er kommt grad auf unser Haus zu . « Und wirklich , unter diesem Gespräch , wie ' s die Jeschke mit ihrer Nichte geführt hatte , war Geelhaar von der Dorfstraße her in einen schmalen , bloß mannsbreiten Gang eingetreten , der , an der Hradscheckschen Kegelbahn entlang , in den Garten der alten Jeschke führte . Von hier aus war auch der Eingang in das Häuschen der Alten , das mit seinem Giebel nach der Straße stand . » Guten Tag , Mutter Jeschke « , sagte der Gensdarm . » Ah , und guten Tag , Lineken . Oder ich muß jetzt wohl sagen Mamsell Linchen . « Line , die den stattlichen Geelhaar ( er hatte bei den Gardekürassieren gedient ) , aller despektierlichen Andeutungen der Alten ungeachtet , keineswegs aus ihrer Liste gestrichen hatte , stemmte sofort den linken Fuß gegen einen ihr gegenüberstehenden Binsenstuhl und sah ihn zwinkernd über das große Stück Leinwand hin an , das sie , wie wenn sie ' s abmessen wollte , mit einem energischen Ruck und Puff vor sich ausspannte . Die Wirkung dieser kleinen Künste blieb auch nicht aus . So wenigstens schien es Linen . Die Jeschke dagegen wußt es besser , und als Geelhaar auf ihre mit Vorbedacht in Hochdeutsch gesprochene Frage , » was ihr denn eigentlich die Ehre verschaffe « , mit einem scherzhaft gemeinten Fingerzeig auf Line geantwortet hatte , lachte sie nur und sagte : » Nei , nei , Herr Gensdarm . Ick weet schon , ick weet schon ... Awers nu setten S ' sich ihrst ... Joa , diss ' Hradscheck ... he kümmt joa nu wedder rut . « » Ja , Mutter Jeschke « , wiederholte Geelhaar , » he kümmt nu wedder rut . Das heißt , er kommt wieder raus , wenn er nich drin bleibt . « » Woll , woll . Wenn he nicht drin bliewt . Awers worümm sall he drin bliewen ? Keen een hett joa wat siehn , un keen een hett joa wat utfunn ' n. Un Se ook nich , Geelhaar . « » Nein « , sagte der Gensdarm . » Ich auch nich . Aber es wird sich schon was finden oder doch finden lassen , und dazu müssen Sie helfen , Mutter Jeschke . Ja , ja . Soviel weiß ich , die Hradscheck hat schon lange keinen Schlaf mehr und ist immer treppauf und treppab . Und wenn die Leute sagen , es sei bloß , weil sie sich um den Mann gräme , so sag ich : Unsinn , er is nich so und sie is nich so . « » Nei , nei « , wiederholte die Jeschke . » He is nich so un se is nich so . De Hradschecks , nei , de sinn nich so . « » Keinen ordentlichen Schlaf also « , fuhr Geelhaar fort , » nich