Wulst . Und seine Augen stehen nicht so vor . ‹ Aber es hilft ihr nichts , es ist und bleibt der Gerdt , und ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten . « Valtin schüttelte den Kopf und sagte : » Und das ist alles , was du hast ? ! « » Ja und nein . Und du mußt mich nicht bedauern . Denn ich habe ja noch die Regine , die mir von alten Zeiten erzählt , und ich habe Gigas , der mir seine Blumen zeigt . Und dann hab ich den Kirchhof . Und mitunter , wenn ich ein rechtes Glück hab , dann hab ich dich . « Er sah sie zärtlich an und sagte : » Du bist so gut und trägst alles und willst nichts . « Sie schüttelte den Kopf . » Ich will eigentlich viel , Valtin . « » Ich glaub ' s nicht . « » Doch , doch . Denn sieh , Liebe will ich , und das ist viel . Und ich kann kein Unrecht sehn . Und wenn ich ' s seh , da gibt es mir einen Stich , hier gerad ins Herz , und ich möchte dann weinen und schrein . « » Das ist es ja , Grete . Darum bist du ja so gut . « Und er nahm ihre Hand und drückte sie und sagte ihr , wie lieb er sie habe . Und dann sprach er leiser und fragte sie , ob sie sich nicht öfter sehen könnten , so wie heut , und so ganz wie von ungefähr . Und dann nannt er ihr die Plätze , wo ' s am ehesten ginge . Hier der Kirchhof sei gut , aber eigentlich die Kirche drin , die sei noch besser . Am besten aber sei die Burg , da sei niemand und sei alles so schön und so still und der Blick so weit . Grete war es zufrieden , und sie sagten einander zu , daß sie , solange die schönen Herbstestage dauerten , sich allwöchentlich einmal oben auf der Burg treffen und miteinander plaudern wollten . Und als sie das beschlossen , hing ihm Grete die Kastanienkette um , die sie bis dahin getragen , und sagte ihm , er sei nun ihr Ritter , der zu ihr halten und für sie fechten und sterben müsse . Und dabei lachten sie . Gleich danach aber trennten sie sich und gingen auf verschiedenen Wegen , auf daß niemand sie zusammen sähe , wieder in ihre Wohnung zurück . 9. Kapitel . Auf der Burg Neuntes Kapitel Auf der Burg Sie hielten Wort , und eine Woche später , während welcher Grete mehr als seit lang unter Truds Launen und einem Rückfall in ihre frühere Strenge gelitten hatte , trafen sie sich nachmittags auf dem Kirchhof und gingen durch Tor und Vorstadt erst bis an die » Freiheit « und dann auf einem ansteigenden Schlängelwege bis zur Burg selbst hinauf . Hier , auf dem großen Außenhof , der zugleich als Wirtschaftshof diente , war ein buntes und bewegtes Leben : im Taktschlag klang es von der Tenne her , die Scheunentore standen offen , und die Mädchen , die beim Flachsbrechen waren , sangen über den Hof hin : » Es waren zwei Königskinder , Die hatten einander so lieb . Sie konnten zusammen nicht kommen , Das Wasser war viel zu tief . › Ach Liebster , könntest du schwimmen , So schwimme doch her zu mir ... ‹ « Es klang so traurig . Aber die Gesichter der Mädchen lachten dabei . » Hörst du « , sagte Valtin , » das gilt uns . Sieh nur die Hübsche mit dem Flachskopf . Sieht sie nicht aus , als könnte sie sich ihr Brauthemd von ihrem eignen Wocken spinnen ? « Grete schwieg . Ihr war so weh . Endlich sagte sie : » Laß uns gehen , Valtin . Ich weiß nicht , was es ist . Aber das fühl ich , daß ich hier auch stehen und die Hände fleißig rühren und singen möcht . Sieh nur , wie die Spreu von der Tenne fliegt . Es ist alles so frei und luftig hier , und wenn ich hier mitstünd , ich glaube , da verwehte manches , was mich quält und drückt . « Valtin suchte nach einem Trosteswort , und sie schritten , als er sie wieder beruhigt , über einen wüsten Grasplatz , auf einen aufgemauerten und halbausgetrockneten Graben zu , der den großen , äußeren Burghof von dem kleinen , inneren trennte . Eine schmale Zugbrücke führte hinüber , und sie passierten sie . Drinnen war alles still : der Efeu wuchs hoch am Gemäuer auf , und in der Mitte stand ein alter Nußbaum , dessen weites Geäst den halben Hofraum überdachte . Und um den ausgehöhlten Stamm her war eine Bank . Grete wollte sich setzen ; Valtin aber nahm ihre Hand und sagte : » Nicht hier , Grete ; es ist zu stickig hier . « Und damit gingen sie weiter , bis an den Fuß eines steilen , in die Rasenbettung eingeschnittenen Treppchens , das oben auf einen breiten , von zwei Türmen flankierten Wallgang mündete . Zwischen diesen Türmen aber lief eine dicke , niedrige Feldsteinmauer , die nur um ein paar Fuß höher war als der Wallgang selbst . Und auf diese Mauer setzten sie sich und sahen in die Landschaft hinaus . Zu Füßen hatten sie den breiten Strom und die schmale Tanger , die spitzwinklig in den Strom einmündete , drüben aber , am andern Ufer , dehnten sich die Wiesen , und dahinter lag ein Schattenstrich , aus dessen Lichtungen hier und dort eine vom Abendrot übergoldete Kirchturmspitze hervorblickte . Der Himmel blau , die Luft frisch ; Sommerfäden zogen , und in das Geläut der ersten heimwärtsziehenden Herden mischte sich von weit her das Anschlagen der Abendglocke . » Ach , wie schön « , sagte Grete . » Jahr und Tag , daß ich nicht hier oben war . Und mir ist fast , als hätt ich es nie gesehen . « » Das macht , daß wir einen so schönen Tag haben « , sagte Valtin . » Nein , das macht , daß es hier so frisch und so weit ist , und zu Haus ist es so dumpf und so eng . Da bin ich wie gefangen und eingemauert , eingemauert wie die Stendalsche Nonne , von der mir Regine so oft erzählt hat . « » Und du möchtest fort . « » Lieber heut als morgen . Entsinnst du dich noch , Maifest vorm Jahr , als wir uns verirrt hatten und auf den Hirsch warteten , der uns aus dem Walde hinaustragen sollte ! « Valtin nickte . » Sieh , da sprachst du von einem Tal , das tief in Bergen läg , und der Sturm ginge drüber hin , und wäre kein Krieg , und die Menschen liebten einander . Und ich weiß , daß ich das Tal in Wachen und in Träumen sah . Viele Wochen lang . Und ich sehnte mich danach und wollte hin . Aber heute will ich nur noch fort , nur noch weg aus unserm Haus . Wohin ist gleich . Es schnürt mir die Brust zusammen , und ich habe keinen Atem mehr . « » Aber du hast doch die Regine , Gret . Und Gigas ist gut mit dir . Und dann sieh , Emrentz kann dich leiden . Ich weiß es ; sie hat mir ' s selber gesagt , keine drei Tag erst , als ich mein Aussprach mit ihr hatt . Und dann , Grete , du weißt ja , dann hast du mich . « Sie blickte sich scheu-verlegen um . Und als sie sah , daß sie von niemand belauscht wurden , trat sie rasch auf ihn zu , strich ihm das Haar aus der Stirn und sagte : » Ja , dich hab ich . Und ohne dich wär ich schon tot . « Valtin zitterte vor Bewegung . Er erkannte wohl , wie tiefunglücklich sie sei , und sagte nur : » Was ist es , Grete ? Sag es . Vielleicht , daß ich es mit dir tragen kann . Was drückt dich ? « » Das Leben . « » Das Leben ? « Und er sah sie vorwurfsvoll an . » Nein , nein . Vergiß es . Nicht das Leben . Aber der Tag drückt mich ; jeder ; heute , morgen , und der folgende wieder . Endlos , endlos . Und ist kein Trost und keine Hülfe . « » Der Tag « , wiederholte Valtin vor sich hin , und es war , als überleg er ' s und mustre die Reihe seiner eigenen Tage . » Ja , der Tag « , fuhr Grete fort . » Und jede Stund ist lang wie das Jahr . Kaum daß ich den Morgenschlaf aus den Augen hab , so heißt es : › Das Kind , das Kind . ‹ Und nun spring ich auf und mache das Bad und mache den Brei . Und nun ist das Bad viel zu heiß und der Brei viel zu kalt . Und dann wieder : › Das Kind und das Kind . ‹ Und an mir sehen sie vorbei , als wär ich der Schatten an der Wand . Ach , ich weiß , es ist eine Sünd , aber ich muß mir ' s heruntersprechen von der Seel , und wahr ist es und bleibt es , ich haß es . Und so kommt Mittag , und wir sitzen an dem runden Tisch , und ich spreche das Gebet . Sprech es , und niemand hört darauf . Und wenn ich das letzte Wort gesprochen , so heißt es : › Grete , sieh , ich glaub , es schreit . ‹ Und dann bring ich es , und dann geht es reihum , und dann soll ich essen mit dem Kind im Arm . Und wenn es hübsch wär . Aber es ist so häßlich und sieht mich an , als erriet es all meine Gedanken . Ach , Valtin , das ist mein Tag und mein Nacht . Und so leb ich . In meines Vaters Haus ohne Heimat ! Unter Bruder und Schwester , und ohne Liebe ! Es tötet mich , daß mich niemand liebt . Ach , wie ' s mich danach verlangt ! Nur ein Wort nur ein einzig Wort . « Und sie warf sich auf die Knie und legte den Kopf auf den Stein und weinte bitterlich . » Es kommen andere Tage « , sagte Valtin . » Und wir wollen aushalten . Und wenn sie nicht kommen , eins mußt du wissen , Gret , ich tu alles , was du willst . Sage , daß ich hier hinunter springe , so spring ich , und sage , daß du fort willst , so will ich auch fort . Und wenn es in den Tod ging ! Ich kann nicht leben ohne dich . Und ich will auch nicht . « Grete war aufgesprungen und sagte : » Das hab ich hören wollen . Das , das ! Und nun kann ich wieder leben , weil ich dies Elend nicht mehr endlos seh . Ich weiß nun , daß ich ' s ändern kann , jeden Tag und jede Stunde . Sieh mich nicht so an . Erschrick nicht . Ich bin nicht so wild und unbändig , wie du denkst . Nein , ich will still und ruhig sein . Und wir wollen aushalten , wie du sagst , und wollen hoffen und harren , bis wir groß sind und unser Erbe haben . Denn wir haben doch eins , nicht wahr ? Und haben wir das , Valtin , so haben wir uns , und dann haben wir die ganze Welt . Und dann sind wir glücklich . Ach , wie mir so leicht ums Herz geworden . Und nun komm und laß uns gehn . Die Sonn ist unter , und die letzten Herden sind eben herein . « Er war es zufrieden , und sie wandten sich und gingen heimwärts , erst unter dem Nußbaum hin und dann über die kleine Zugbrücke fort , die von dem inneren Burghof in den Außenhof führte . In dem Sumpfwasser unter ihnen stand das Rohr und wuchs hoch hinauf bis an das Brückengebälk . Ein paar blaue Dolden , blattlos und auf langen Stielen , blühten einsam dazwischen . Und nun waren sie wieder jenseits und sahen , daß alle Arbeit in Hof und Tenne schwieg . Die Mädchen , die beim Flachsbrechen gewesen waren , hatten sich mit den Knechten auf Bretter und Balken gesetzt , die hoch aufgeschichtet an einem Holunderzaune lagen , und sangen allerlei Lieder , Lustiges und Schelmisches , und neckten sich untereinander . Als sie aber des jungen Paares ansichtig wurden , brachen sie plötzlich ab und nahmen wie von selber die Weise wieder auf , die sie , eine Stunde vorher , bei beider Kommen gesungen hatten : » › Ach Tochter , herzliebste Tochter , Allein sollst du nicht gehn , Weck auf deine jüngste Schwester Und laß sie mit dir gehn . ‹ › Ach Mutter , herzliebste Mutter , Meine Schwester ist noch ein Kind , Sie pflückt ja all die Blumen , Die auf grüner Heide sind . ‹ « Valtin und Grete waren rascher zugeschritten , und die letzten Worte des Liedes verklangen ihnen unklar und halbgehört . Aber die Weise traf noch ihr Ohr , als sie das Burgtor schon lang im Rücken hatten . 10. Kapitel . Zu Weihnachten Zehntes Kapitel Zu Weihnachten » Ich kann nun wieder leben « , hatte Grete gesagt , und wirklich , das Leben wurd ihr leichter seitdem . Ein beinah freudiger Trotz , dem sie sich , auch wenn sie gehorchte , hingeben konnte , half ihr über alle Kränkungen hinweg . Sie gehorchte ja nur noch , weil sie gehorchen wollte . Wollte sie nicht mehr , so konnte sie , wie sie zu Valtin gesagt hatte , jeden Tag » dem Spiel ein Ende machen « . Und wirklich , ein Spiel war es nur noch , oder sie wußt es doch in diesem Lichte zu sehen . Das gab ihr eine wunderbare Kraft , und wenn sie dann spätabends in ihre Giebelstube hinaufstieg , die sie , seit das Kind unten aus der ersten Pflege war , wieder mit Reginen bewohnte , so gelang es ihr , mit dieser zu lachen und zu scherzen . Und wenn es dann hieß , » aber nun schlafe , Gret « , dann wickelte sie sich freilich in ihre Decken und schwieg , aber nur , um sich in wachen Träumen eine Welt der Freiheit und des Glückes aufzubauen . Dabei sah sie sich am liebsten am Bug oder Steuer eines Schiffes stehen , und der Seewind ging , und es war Nachtzeit , und die Sterne funkelten . Und sie sah dann hinauf , und alles war groß und weit und frei . Und zuletzt überkam es sie wie Frieden inmitten aller Sehnsucht , ihr Trotz wurde Demut , und an Stelle des bösen Engels , der ihren Tag beherrscht hatte , saß nun ihr guter Engel an ihrem Bett . Und wenn sie dann andren Tags erwachte und hinuntersah auf den Garten und den Pfau auf seiner Stange kreischen hörte , dann fragte sie sich : » Bist du noch du selbst ? Bist du noch unglücklich ? « Und mitunter wußte sie ' s kaum . Aber freilich auch andere Tage kamen , wo sie ' s wußte , nur allzu gut , und wo weder ihr guter noch ihr böser Engel , weder ihre Demut noch ihr Trotz sie vor einem immer bitterer und leidenschaftlicher aufgärenden Groll zu schützen wußte . Ein solcher Tag , und der bittersten einer , war der Weihnachtstag , an dem auch diesmal ein Christbaum angezündet wurde . Aber nicht für Grete . Grete war ja groß , nein , nur für das Kleine , das denn auch nach den Lichtern haschte und vor allem nach dem Goldschaum , der reichlich in den Zweigen glitzerte . » ' s ist Gerdts Kind « , sagte Grete , der ihres Bruders Geiz und Habsucht immer ein Abscheu war ; und sie wandte sich ihren eigenen Geschenken zu . Es waren ihrer nicht allzu viele : Lebkuchen und Äpfel und Nüsse , samt einem dicken Spangen-Gesangbuch ( trotzdem sie schon zwei dergleichen hatte ) , auf dessen Titelblatt in großen Buchstaben und von Truds eigener Hand geschrieben war : Sprüche Salomonis , Kap . 16 , Vers 18. Sie kannte den Vers nicht , wußte aber , daß er ihr nichts Gutes bedeuten könne , und sobald sich ' s gab , war sie treppauf , um in der großen Bibel nachzuschlagen . Und nun las sie : » Wer zugrunde gehen soll , der wird stolz , und stolzer Mut kommt vor dem Fall . « Es schien nicht , daß sie verwirrt oder irgendwie betroffen war , sie strich nur , schnell entschlossen , die von Trud eingeschriebene Zeile mit einer dicken Feder durch , blätterte hastig in dem Alten Testamente weiter , als ob sie nach einer bekannten , aber ihrem Gedächtnis wieder halb entfallenen Stelle suche , und schrieb dann ihrerseits die Prophetenstelle darunter , die des alten Jacob Minde letzte Mahnung an Trud enthalten hatte : » Lasse die Waisen Gnade bei dir finden . « Und nun flog sie wieder treppab und legte das Buch an seinen alten Platz . Trud aber hatte wohl bemerkt , was um sie her vorgegangen , und als sie mit Gerdt allein im Zimmer war , sah sie nach und sagte , während sie sich verfärbte : » Sieh und lies ! « Und er nahm nun selber das Buch und las und lachte vor sich hin , wie wenn er sich ihrer Niederlage freue . Denn seine hämische Natur kannte nichts Liebres als den Ärger andrer Leute , seine Frau nicht ausgenommen . Zwischen dieser aber und Greten unterblieb jedes Wort , und als der Fasching kam , den die Stadt diesmal ausnahmsweise prächtig mit Aufzügen und allerlei Mummenschanz feierte , schien der Zwischenfall vergessen . Und auch um Ostern , als sich alles zu dem herkömmlichen großen Kirchgang rüstete , hütete sich Trud wohl , nach dem Buche zu fragen . Wußte sie doch , daß es Gret unter dem Weißzeug ihrer Truhe versteckt hatte . Denn sie mocht es nicht sehen . 11. Kapitel . Der Herr Kurfürst kommt Elftes Kapitel Der Herr Kurfürst kommt Und nun war Hochsommerzeit ( der längste Tag schon um vier Wochen vorüber ) , und die Bürger , wenn sie spätabends aus dem Rathauskeller heimgingen , versicherten einander , was übrigens niemand bestritt , » daß die Tage schon wieder kürzer würden « . Da kam an einem Mittewochen plötzlich die Nachricht in die Stadt , daß der allergnädigste Herr Kurfürst einzutreffen und einen Tag und eine Nacht auf seiner Burg Tangermünde zuzubringen gedenke . Das gab ein großes Aufsehen und noch mehr der Unruhe , weilen der Herr Kurfürst in eben jenen Tagen nicht bloß von seinem lutherischen Glauben zum reformierten übergetreten , sondern auch in Folge dieses Übertritts die Veranlassung zu großer Mißstimmung und der Gegenstand allerheftigster Angriffe von seiten der tangermündischen Hitzköpfe geworden war . Und nun kam er selbst , und während viele der nur zu begründeten Sorge lebten , um ihrer ungebührlichen und lästerlichen Rede willen zur Rechenschaft gezogen zu werden , waren andere , ihres Glaubens und Gewissens halber , in tiefer und ernster Bedrängnis . Unter ihnen Gigas . Und diese Bedrängnis wuchs noch , als ihm am Nachmittage vorerwähnten Mittewochens durch einen Herrn vom Hofe vermeldet wurde , daß Seine Kurfürstliche Durchlaucht um die siebente Morgenstunde zu Sankt Stephan vorzusprechen und daselbst eine Frühpredigt zu hören gedächten . Wie dem hohen Herrn begegnen ? Dem Abtrünnigen , der vielleicht alles in Stadt und Land zu Abfall und Untreue heranzwingen wollte ! Und so mutig Gigas war , es kam ihm doch ein Bangen und eine Schwachheit an . Aber er betete sich durch , und als der andre Morgen da war , stieg er , ohne Menschenfurcht , die kleine Kanzeltreppe hinauf und predigte über das Wort des Heilands : » Gebet dem Kaiser , was des Kaisers , und Gott , was Gottes ist . « Und siehe da , die holzgeschnitzte Taube des Heiligen Geistes hatte nicht vergeblich über ihm geschwebt , und der Herr Kurfürst , nachdem er entblößten Hauptes und » mit absonderer Aufmerksamkeit « der Predigt gefolget war , hatte nach Schluß derselben ihm danken und ihn zu weiterer Besprechung auf seine Burg entbieten lassen . Und hier nun , wie die Chronisten melden , war Seine Kurfürstliche Durchlaucht dem festen und glaubenstreuen Manne nicht nur um einen Schritt oder zwei zu freundlicher Begrüßung entgegengegangen , sondern hatte demselben auch unter freiem Himmel , und in Gegenwart vieler Herren vom Adel , an Eides Statt zugesichert : » daß er seine von Gott ihm anbefohlenen Untertanen bei dem Worte Lutheri Augsburgischer Konfession belassen , eines jeden Person auch in der Freiheit seines Glaubens und Gewissens schützen wolle , in eben jener Freiheit , um derentwillen er für seine Person das Bekenntnis der beständig hadernden Lutherischen abgetan und den reformierten Glauben angenommen habe « . Und als diese zu größerem Teile trostreiche Rede , über deren schmerzlichen Ausklang Gigas klug hinwegzuhören verstand , an Burgemeister und Rat überbracht worden war , waren Peter Guntz und die Ratmannen , dazu die Geistlichen und Rectores aller fünf Kirchen , auf der Burg erschienen , um , nach abgestattetem Dank und wiederholter Versicherung unverbrüchlicher Treue , den Herrn Kurfürsten um die Gunst anzugehen , ihm ein festlich Mahl herrichten zu dürfen . Aber in der Halle seiner eigenen Burg , dieweilen ihre Rathaushalle zu klein sei , um die reiche Zahl der Gäste zu fassen . Und alles war angenommen worden und hatte die Stadt um so mehr erfreut und beglückt , als bei gnädiger Entlassung der Sprecher , unter denen sich auch Gerdt in vorderster Reihe befunden , seitens Seiner Kurfürstlichen Durchlaucht der Hoffnung Ausdruck gegeben worden war , die sittigen und ehrbaren Frauen der Stadt auf seiner Burg mit erscheinen und an dem Festmahle teilnehmen zu sehn . Und nun war dieses Mahl , unter freundlichem Bei stand aller Dienerschaften des hohen Herrn , in kürzester Frist hergerichtet worden , und um die vierte Stunde bewegte sich der Zug der Geladenen , Männer und Frauen , die Lange Straße hinab , zur Burg hinauf . Die kleineren Bürgerfrauen aber , die von der Festlichkeit ausgeschlossen waren , sahen ihnen neidisch und spöttisch nach , und nicht zum wenigsten , als Trud und Emrentz an ihnen vorüberzogen . Denn beide waren absonderlich reich und prächtig gekleidet , in Ketten und hohen Krausen , und Emrentz , aller Julihitze zum Trotz , hatte sich ihr mit Hermelinpelz besetztes Mäntelchen nicht versagen können . Truds Kleid aber stand steif und feierlich um sie her und bewegte sich kaum , als sie , zur Rechten ihrer Muhme , die Straße hinunterschritt . Und nun war alles oben , das Mahl begann , und die gotischen Fenster mit ihren kleinen , buntglasigen und vielhundertfältig in Blei gefaßten Scheibchen standen nach Floß und Hof hin weit offen , und die Gäste , solang es drin ein Schweigen gab , hörten von den Zweigen des draußenstehenden Nußbaums her das Jubilieren der Vögel . Aber nicht immer schwieg es drinnen , Trinkspruch reihte sich an Trinkspruch , und wenn dann von der großen Empore herab , die zu Häupten des Kurfürsten aufragte , die Stadtpfeifer einfielen und die Paukenwirbel über den Fluß hin und bis weit hinaus in die Landschaft rollten , dann hielt der Fährmann sein Boot an , und die Koppelpferde horchten auf und sahen verwundert nach der sonst so stillen Burg hinüber . 12. Kapitel . Am Wendenstein Zwölftes Kapitel Am Wendenstein Um eben diese Zeit saß Grete daheim in der Hinterstube des ersten Stocks . Truds letztes Wort an sie war gewesen : » Hüte das Kind . « Und nun hütete sie ' s. Es lag in einer Wiege von Rosenholz , ein Schleiertuch über dem Köpfchen , und durch Tür und Fenster , die beide geöffnet waren , zog die Luft . Herabgelassene Vorhänge gaben Schatten , und nur ein paar Fliegen tanzten um den Thymianbusch , der an der Decke des Zimmers hing . Es regte sich nichts in dem weiten Hause . Und doch war jemand eingetreten : Valtin . Er hatte die Haustür vorsichtig geöffnet , so daß die Glocke keinen Ton gegeben , und sah sich nun auf dem halb im Dämmer liegenden Flure neugierig um . Es war alles wie sonst : an dem vordersten Querbalken saßen die zwei Schwalbennester , und in den Nischen standen die Schränke , erst die von Nußbaum , dann die von Kienenholz , bis dicht an die Hoftür hin . Die Hoftür selbst aber stand auf ; ein breiter Lichtstreifen fiel ein , und auf dem sonnenbeschienenen Hofe saßen die Tauben und spielten im Sand oder schritten gurrend , und dabei stolz und zierlich ihre Köpfe drehend , an dem noch stolzeren Pfau vorüber . Und dahinter war das von Wein überwachsene Gitter , von dem aus die sechs Treppenstufen niederführten , und durch die offenen Stellen des Laubes hindurch sah man die Malvenkronen und die Strauchspitzen des tiefer gelegenen Gartens . Alles märchenhaft und wie verwunschen , und leiser noch , als er in das Haus eingetreten war , stieg er jetzt die Stiege hinauf , bis er an der Schwelle der Hinterstube hielt . Es schien , daß Grete schlief , und einen Augenblick war er in Zweifel , ob er bleiben oder wieder gehen solle . Aber zuletzt rief er ihren Namen , und sie sah lächelnd auf . » Komm nur « , sagte sie , » ich schlafe nicht . Ich hüte ja das Kind . Willst du ' s sehen ? « » Nein « , sagte er , » laß es . Sehen wir ' s an , so wecken wir ' s , und ist es wach , so schreit es . Und es soll nicht wach sein , und noch weniger soll es schreien , denn ich will dich abholen . Alle Welt ist draußen auf der Burg , und du bist hier allein , als wärst du die Magd im Haus oder die Kindermuhme . Komm , es sieht uns niemand . Wir gehen an den Gärten hin , und die Stadtmauer gibt uns Schatten . Und sind wir erst oben , da tun wir , als fänden wir uns . Sieh , ich bin so neugierig . Und du bist es auch , nicht wahr ? Er ist ja doch eigentlich unser Landesherr . Und am End ist es ein Unrecht , ihn nicht gesehen zu haben , wenn man ihn sehen kann . Ich glaube , wir müssen ihn sehen , Grete . Was meinst du ? « Grete lachte . » Wie gut du die Worte stellen kannst . Sonst heißt es immer , Eva sei schuld : aber heute nicht . Du beredst mich , und ich soll tun , was sie mir verboten . « » Ach , wer ? « » Nun , du weißt es ja ; Trud . Und da sitz ich nun hier und gehorche . Und dann ist das Kleine ... « » Laß nur . Es schläft ja . Und Regine hütet es so gut wie du . Komm , und eh das Fest aus ist , sind wir wieder da . Und du setzest dich an deinen alten Platz , und niemand weiß es . Und die schlafenden Kinder haben ihren Engel . « » Nun gut , ich komm . « Und dabei rief sie nach der Regine , die neben dem Küchenherde saß , und ehe noch der Pfau draußen auf dem Hofe gekreischt und sein Rad geschlagen hatte , was er , wenn er Greten sah , immer zu tun pflegte , waren sie schon an ihm vorbei und zur Gartenpforte hinaus und gingen im Schatten der Stadtmauer , ganz wie Valtin es gewollt hatte , bis an das Wassertor und dann über die Tangerwiesen auf die Vorstadt zu . Niemand begegnete ihnen hier : alles war wie aus gestorben ; und erst als sie die » Freiheit « passiert und den äußeren Burghof erreicht hatten , sahen sie , daß hier die kleinen Leute samt ihrem Gesinde zu vielen Hunderten standen und den Raum bis an die Zugbrücke hin so völlig füllten , daß an ein Hineinkommen in den inneren Burghof gar nicht zu denken war . Und so schlug denn Valtin vor , wieder hügelabwärts zu steigen und drüben auf den Elbwiesen einen Spaziergang zu machen . Grete war es zufrieden , und erst als sie den Fährmann angerufen und den Fluß gekreuzt hatten , wandten sie sich wieder , um nun unbehindert auf die goldig im Scheine der Spätnachmittagssonne daliegende Burg zurückzusehen und in die von drüben her herüberklingenden Lebehochs miteinzustimmen . Aber bald waren sie ' s müd , und sie gingen tiefer in die hoch in Gras stehende , mit Ranunkeln und rotem Ampfer übersäte Wiese hinein , bis sie zuletzt an einen niedrigen , mit Werft und Weiden besetzten Erdwall kamen , der sich quer durch die weite Wiesenlandschaft zog . Auf der Höhe dieses Walles lag