noch letzte Kirmes , als sich alles im Tanze drehte , hatte Sörgel zu dem neben ihm stehenden Baltzer gesagt : » Und nun seht einmal , Heidereiter , alle sind gesunder und blühender ; aber die Hilde blüht . « Und so dachte jeder im Dorf , auch die , die ' s ihr neideten , und nur Grissel , wenn sie mit Joost ihren plattdeutschen Diskurs über Hilde hatte , fand seit kurzem allerhand an ihr auszusetzen . » Ick weet nich , Joost , dat Grafsche geiht ümmer mihr torügg , un uns ' Muthe kümmt ümmer mihr rut . Finnste nich ook ? « Und so ging es weiter . Aber so gern sie dieses und ähnliches sagte , so hütete sie sich doch , es Baltzer hören zu lassen , der seit einiger Zeit überhaupt darauf hielt , » daß ein Unterschied sei « . Es waren jetzt zwei Jahre , daß zum ersten Male von diesem » Unterschied « gesprochen worden war , und was die Veranlassung dazu gegeben hatte , das war im Sinn und Herzen des Heidereiters unvergessen geblieben . Und konnt auch nicht anders sein . Ein sehr heißer Julitag war es gewesen und alles ausgeflogen , auch Hilde zu Melcher Harms auf die Sieben-Morgen hinauf , um mit ihm zu plaudern . Aber ihr Gespräch , so leicht es sonst zu gehen pflegte , hatte heute gestockt , weil eben die Hitze zu groß war , und Hilde war höher hinaufgestiegen , um da , wo Wald und Heide aneinander grenzten , eine schattige Stelle zu suchen . Und auch zu finden . Hier hatte sie sich niedergelegt , sich ' s bequem gemacht und war eben eingeschlafen , als der Heidereiter seines Weges kam und plötzlich gewahr wurde , daß sein Hühnerhund stand . Es war nicht Jagdzeit , aber er nahm doch die Flinte von der Schulter und schlich leise heran , um zu sehen , was es sei . Da lag Hilde , den einen Arm unterm Kopf , und sah geschlossenen Auges in den Himmel . Ihr Haar hatte sich gelöst , und ihre Stirn war leise gerötet , und alles drückte Frieden und doch zugleich ein geheimnisvolles Erwarten aus , als schwebe sie , traumgetragen , einem unendlichen Glücke nach . Um sie her aber summten ein paar Bienen , und die Sonne schien , und das Heidekraut duftete . Da mußte Baltzer des Wortes wieder gedenken , das Sörgel letzten Herbst erst gesprochen hatte : » Die Hilde blüht « ; und er wiederholte sich ' s , hing das Gewehr über die Schulter und sah andächtig und verworren dem Bilde zu , bis er sich heimwärts wandte . Neben ihm her aber ging das Bild , und als eine Stunde später die Hilde nach Hause kam , vermied er es , sie zu sehen , wie wenn er etwas Unrechtes getan und durch die zufällige Begegnung ihr Innerstes belauscht oder ihr Schamgefühl beleidigt habe . Diese Verwirrung und Unruhe blieben ihm auch , und er mußte sich ' s zuletzt , alles Sträubens ungeachtet , in seinem Herzen bekennen : er habe sie mit anderen Augen angesehen als sonst . Ja , das war es . Und er schämte sich vor sich selbst . Aber zuletzt bezwang er ' s , und nur zweierlei blieb ihm in der Seele zurück : einmal , daß die Hilde kein Kind mehr sei , und zweitens und hauptsächlichst , daß sie sein Kind nicht sei . Diese zweite Wahrnehmung indessen ging niemanden etwas an , und so war es denn lediglich um des ersten Punktes willen , daß er am folgenden Tage die Grissel in seine Stube rief . Diese hatte den Türknopf in der Hand behalten und stand auf der Schwelle wie jemand , der rasch wieder fort will ; als sie jedoch merkte , daß es ein langes und breites geben würde , kam sie näher und stellte sich mit ihrer Schulter bequem an den Ofen , während der Heidereiter in ersichtlicher Erregung auf und ab ging . Endlich aber begann er : » Es ist wegen der Hilde , daß ich mit dir sprechen will . Ich denke , Grissel , wir sind einerlei Meinung und bleiben gute Freunde . Denn du bist eine verständige Person ... « » All Fruenslüd sinn unverstännig . « » Wer sagt das ? « » Joost . « » Joost ist ein Narr « , entgegnete Baltzer . Aber die kleine Zwischenbemerkung war ihm doch gelegen gekommen , und er fuhr nun freier fort : » Also wegen der Hilde . Sie ist nun achtzehn , schon ein Viertel drüber , und ist kein Kind mehr . Ich denke , sie muß nun aus dem Müßiggang heraus und sich dran gewöhnen , daß sie was unter Pflicht und Obhut hat und nicht so hineinlebt in den Tag , immer bloß bei dem Alten oben oder auf Kunerts-Kamp oder bei Sörgel drüben , der sie verhätschelt und verwöhnt . Das soll nicht sein , und ich will ' s nicht . Sie muß also Arbeit haben , und die müssen wir ihr geben . Da mein ich denn , wir geben ihr die Milchwirtschaft , das Leinenzeug und die Wäsche ... Du verstehst ? « » Wohl . Ich versteh . « » Und alles andere bleibt . Und ist bloß noch das mit der Stub oder der Kammer . Ihr waret immer zusammen , und das war gut . Aber ich denke , wir lassen ihr jetzt den Giebel oben allein , und du nimmst unten die Kammer . Die neben der Küche , die hübsche gelbe , die letzten Herbst erst gestrichen ist ; da hast du ' s warm , und ist auch bequemer für dich und brauchst nicht immer treppauf und treppab ... Du verstehst ? « » I , was werd ich nicht verstehen ! « » Und an nichts wird gerührt . Und ist bloß , daß sie jetzt achtzehn geworden und die Tochter vom Hause sein muß . Und wenn sie was sagt , so muß es gelten , und wenn ' s auch der Joost wär , und muß gelten ohne Streit und Widerrede . Denn viele Köche verderben den Brei . Wobei mir die Küch in den Sinn kommt , die doch immer die Hauptsache bleibt . Und da bleibst du , da hat dir keiner dreinzureden , keiner , auch die Hilde nicht . Und ich werd es ihr ernsthaft sagen und ihr anbefehlen , daß alles beim alten bleibt ... Du verstehst ? « » O wohl , ich versteh . « » Und das war es , Grissel , was ich dir sagen wollte . Vor allem aber denk ich , wir bleiben gute Freunde . Nicht wahr ... ? Und was hast du denn für heut abend ? « » Ich dacht , ' nen Schlei . « » Ei , das ist gut ! Aber mit Dill , wie du ' s immer machst . Und nicht blau geschreckt , wie die Hilde neulich . Aufgepaßt , sag ich , und laß dir nicht dreinreden ! Es bleibt alles , wie ' s ist , und das Küchel soll nicht klüger sein als die Henne . « 7. Kapitel . Hilde flicht eine Girlande Siebentes Kapitel Hilde flicht eine Girlande Beim Abendessen zeigte sich Baltzer auffallend gesprächig , wie wenn er etwas gutmachen wolle ; Grissel aber sagte kein Wort und verblieb auch in ihrem Schweigen , als sie mit Hilden in die Kammer hinaufgestiegen war . Es fiel indessen nicht auf – sie hatte Launen – , und erst am anderen Morgen , als es an ein Um- und Einrichten ging und der Heidereiter die Treppe hinaufrief : » Ja , Hilde , du sollst nun allein sein ! « , wußte diese , was es mit der Grissel und deren Schweigsamkeit auf sich habe . Der ganze Hergang erfüllte sie mit einem Zwiespalt . Aus ihr selber heraus würd ihr der Gedanke solcher Trennung nie und nimmer gekommen sein , am wenigsten als Wunsch ; andererseits war es ihr nicht unlieb , es ohne ihr Wissen und Zutun geschehen zu sehen , und weil ihr Verstellung und Lüge fremd und zuwider waren , so sagte sie nur : » Ich werde dich oft vermissen , Grissel , ängstlich und furchtsam , wie ich bin . « Aber diese , die gerade zwei von den großen Einlegebrettern ihrer Bettlade zusammenklappte , tat , als habe sie nichts gehört , kommandierte vielmehr mit lauter Stimme weiter und knickste , wenn Joost nach diesem oder jenem fragte , wie besessen in die Welt hinein und sagte : » Joa , mien leew Joost , ick weet et nich ; doa möten wi dat Frölen froagen . « Endlich aber hatte der Lärm ein Ende , wenn auch freilich nicht der Ärger , und als Grissel eine Stunde später mit der Hand an die Küchenwand fühlte , neben der jetzt ihr Bett stand , sagte sie : » Föhl moal , Joost ; nei , hier , disse Stell ; hübsch woarm is et ; un alle Morjen de Sünn dato . Na , frieren werd ick joa nich . « Und in solchen Spitzen und Spöttereien , die sich abwechselnd gegen Baltzer und gegen Hilde richteten , ging es den ganzen Tag , bis sie sich am Abend auf ihr Bett warf und wieder erbost an der warmen Wand herumtastete , fest entschlossen , ein halbes Jahr lang nicht zu sprechen und dem » Frölen « das Leben und die Herrschaft so sauer wie möglich zu machen . Und es würd auch so gekommen sein – an ihrem guten Willen gebrach es nicht – , wenn es Hilden im entferntesten eingefallen wäre , Befehl und Herrschaft üben zu wollen . Aber ihrer Natur entsprach viel , viel mehr eine Gleichgültigkeit dagegen , und dieser ihr eigentümliche Zug entwaffnete Grissels Zorn in so hohem Grade , daß sie bei bestimmter Gelegenheit zu Joost sagte : » Hür , Joost , ick kann ehr doch nich gramm sinn . He wull wat ut ehr moaken ; awers se will joa nich . Un dat möt woahr sinn , se hett wat Fines . « Und so klang es denn eine gute Weile zwischen den beiden wieder ein , und es hätte vielleicht Bestand gehabt und wäre ganz wieder eingeklungen , wenn nicht der Melcher Harms oben auf den Sieben-Morgen gewesen wäre , zu dem Hilde jetzt öfter noch als früher hinaufstieg und länger noch als früher verweilte . Das verdroß Grisseln , die ' s nicht ertragen konnte , sich so beiseite gedrängt und um den Ruhm ihrer Weisheit und ihrer alten Geschichten gebracht zu sehen , und als eines Tages unsere Hilde zu Martin , der es gleich weiterplauderte , gesagt hatte : » Sieh , Martin , die Grissel gackert doch bloß wie die Hühner , aber unser alter Melcher Harms oben , der ist wie der Weih auf Kunerts-Kamp « , da war es mit dem Einklingen ein für allemal vorbei gewesen , und Grissel , als sie davon gehört , hatte nur höhnisch gelacht und gesagt : » Joa , joa , as de Weih upp Kunerts-Kamp . De nümmt de Lütt-Kinner mit in de Hücht , un groad , wenn se glöwen : nu geiht et in ' n Heben , denn , perdautz ! lett he se wedder foalln . Un doa liggen se . « Seit dem Tage lebten Grissel und Hilde so nebeneinander hin , in einem halben Zustande , der nicht Krieg und nicht Frieden war , und wenn an Grissels Seele beständig etwas wie Neid und Eifersucht zehrte , so wuchs in Hilde der Hang nach Einsamkeit , und sie beglückwünschte sich täglich mehr als einmal , die Giebelstube nicht mehr teilen zu müssen . Und wenn dann Abend war , öffnete sie das Fenster und sah hinaus , und eine müde , schmerzlich-süße Sehnsucht überkam sie . Wonach ? Wohin ? Dorthin , wo das Glück war und die Liebe . Ja , die ... Und Gestalten kamen und zogen an ihr vorüber und grüßten sie und fragten sie ; aber sie waren es alle nicht . Und zuletzt kam Martin – Martin , der drüben in der Kammer schlief und immer rot wurde , wenn der alte Sörgel in Scherz oder Ernst ein Wort sagte . War er es ? Nein ; ja ... und dann wieder nein . Und es war wieder Herbst ; die Berglehnen standen in Rot und Gelb , und die Sommerfäden zogen wieder wie damals , wo Hilde vor nun gerade zehn Jahren ins Haus gekommen war . Aber es dachte niemand mehr daran , auch Hilde nicht , die sich heute , weil es des Heidereiters Geburtstag war , nicht nur in aller Frühe schon herausgemacht , sondern auch in dem noch taufeuchten Garten eine große Girlande von Astern , mit reichlichen Levkojen und Reseda dazwischen , geflochten hatte . Die war nun fertig , und Hilde horchte vom Flur her , ob drinnen in der Stube noch alles ruhig sei . Wirklich , er schlief noch . Und so holte sie leise einen Schemel , öffnete noch leiser die Tür und hing den Girlandenkranz an dem inneren Rahmen auf . Nicht lange , so war auch der Heidereiter in Staat , und alle Hausinsassen erschienen , um ihm ihre Glückwünsche zu bringen : erst Grissel mit einem Lebenslichte , dann Martin mit einer aus Tannäpfeln und Eichenborke zusammengeklebten Eremitage , zuletzt aber Joost mit einem Händedruck und einem einfachen : » Ick möt doch ook . « Und weiter kam er nicht , was auch Baltzer schon wußte . Dieser gehörte zu denen , die solche Huldigungen ebensosehr fordern wie rasch wieder davon loszukommen wünschen , und stotterte , bloß um etwas zu sagen , ein mehrmals wiederholtes Bedauern heraus , daß er gerade heute nach Ilseburg hinüber müsse , wegen der Knappschaft . Aber in der Dämmerstunde komme er wieder , und dann wollten sie sich einen guten und frohen Tag machen . Einen recht lustigen . Und er freue sich sehr darauf , was auch natürlich sei . Denn es sei sein letzter Geburtstag , den er noch als ein Vierziger feiere ; mit fünfzig aber sei Spiel und Tanz vorbei . Und nachdem er dies und ähnliches immer hastiger und immer verlegener gesagt hatte , weil es ihm umgekehrt eigentlich lieb war , an solchem Tage nicht zu Hause zu sein , gab er Ordre , daß der kleine Jagdwagen vorfahren solle . Ja , es war ihm lieb , an solchem Tage nicht zu Hause zu sein , aber seinen Hausgenossen war es noch lieber . Immer , auch wenn er sich freundlich zeigte , wurde seine Gegenwart als ein Druck empfunden , und wenn dies schon an gewöhnlichen Tagen der Fall war , so doppelt an solchen , die mit einer gewissen Gewaltsamkeit gemütlich verlaufen sollten . Da war immer Not und Verlegenheit , und als heute mit dem Glockenschlage neun der kleine Jagdwagen vorfuhr und Baltzer im nächsten Augenblicke die Leinen in die Hand nahm , wurden alle Gesichter angeregter und zuversichtlicher , und jeder freute sich nun wirklich auf den Abend . Denn der Abend war kurz . Ein ganzer Tag aber war lang . Und danach ging ein jeder an seine Geschäfte , die für Hilde nicht viel was anderes als ein süßes Nichtstun waren , auch jetzt nicht , wo » die Milchwirtschaft , die Leinwand und die Wäsche « , wie der Heidereiter bei jeder Gelegenheit aufzuzählen liebte , von ihr besorgt oder doch wenigstens beaufsichtigt werden sollten . Und so setzte sie sich in die Vorlaube draußen und streute Körner für all die Vögel aus , die noch in dem umstehenden Buschwerk trotz vorgerückter Jahreszeit ihre Nester hatten . Als aber die Körner aufgepickt waren , legte sie den Kopf zurück und sah auf den wilden Wein ihr zu Häupten , von dem sich einzelne Zweige losgelöst hatten . Ihre rechte Hand hing herab , und eine Schwarzdrossel , die zahmer war als ihre Genossen , hüpfte vom Gezweig auf die Bank und von der Bank auf die steinerne Tischplatte . Martin war in den Wald gegangen , um bei den Holzknechten nach dem Rechten zu sehen , Grissel aber hatte sich mitten in den Hof gestellt und scheuerte , dem Geburtstag zu Ehren , ihre Kessel . Ihr zur Seite stand Joost , einen großen Holzbock vor sich , auf den er die Wintersielen gelegt hatte , und war emsig bemüht , unter abwechselnder Anwendung von Federbart und Bürstenstummel das hartgewordene Leder einzuölen und wieder geschmeidig zu machen . Es ließ sich erkennen , daß sie wie gewöhnlich über Hilde sprachen , und zwar nicht allzu freundlich , denn Grissel unterbrach sich öfters in ihrer Arbeit und guckte durch den Bretterzaun , um zu sehen , ob der Gegenstand ihres Gespräches noch in der Vorlaube säße . » Se kümmt noch nich « , sagte sie . » Se sitt noch . Un wenn ook nich , se hürt joa nich und seiht joa nich . Un is ümmer as in Droom . « » Joa « , bestätigte Joost . » Un ick weet nich , wo ' t ehr sitten deiht . « » Wo ' t ehr sitten deiht ? In de Oogen sitt et ehr . « » Gott « , entgegnete Joost , der wohl wußte , was Grissel gern hörte , » se hett joa goar keen ' un pliert man ümmer . Un ick weet nich , hett se se upp oder hett se se to . « » Dat is et joa groad . Un all sünn , wo keen ' een weten deiht , wo se hier sinn un wo nich , de sinn so un behexen dat Mannstüg . Un vunn ' t Mannstüg is een as de anner is , un jungsch o ' r olsch is goar keen Unnerschied . Un uns ' Martin is närrsch , un uns ' Oll ' is närrsch , un Sörgel is ook närrsch . Un jed een kuckt ehr nah de Oogen , un jed een glöwt , he wihrd wat finn ' n. Awers he finndt nix . Un du kuckst ook ümmer . « » Ick ? « sagte Joost etwas verlegen . » I , nei . Glöwst du ? Doh ick ? « » Joa , du deihst « , wiederholte Grissel . » Un nu hür , wat mi mien Oll-Großmutter all ümmer vorseggen deih : Plieroog un Jungfernkinn , Alle beed vun ' n Düwel sinn ... « » Düwel sinn « , wiederholte Joost . » Un moakens ook de Oogen to , De sloapen nich , de dohn man so . « » Joa , joa « , lachte Joost . » Ick hebb ook all so wat hürt . « Und setzte dann mit aller ihm möglichen Pfiffigkeit hinzu : » Na , denn möt ick man uppassen . « » I , du nich « , sagte Grissel . » Du bist man simplig , un di dohn se nich veel . Awers anner Lüd . Un dat segg ick di : et is nich richtig mit em . « » Mit uns ' Martin ? « » Mit em ook nich ... « Und Joost spitzte Mund und Ohren , um noch mehr zu hören . Aber in eben diesem Augenblicke kam Melcher Harms den diesseitigen Talweg herauf , und Hilde , die schon von weit her das Läuten gehört hatte , sprang rascher , als ihr sonst eigen war , in den Hof und riß die Stalltür auf , aus der nun die Kühe heraustraten und sich ohne weiteres der vorüberziehenden Herde anschlossen . » Ich seh Euch noch , Vater Melcher ! « rief sie dem Alten zu . Der aber wandte sich und grüßte mit seinem Dreimaster . Und als er den Hut abnahm , sah man wieder den hohen Kamm , der das Haar nach hinten zu zusammensteckte . Grissel sah es auch und brummte vor sich hin : » Oll Kamm-Melcher ! He denkt ook , he is so wat as uns ' Herrgott . Un wat is he ... ? He is ook man behext . « 8. Kapitel . Hilde bei Melcher Harms Achtes Kapitel Hilde bei Melcher Harms Um Mittag aber schürzte sich Hilde , nahm eine der großen , zugeschrägten Milchkufen und schritt über ein in den steilen Rasen eingeschnittenes Gartentreppchen erst auf das Feld und dann auf die Sieben-Morgen zu , wo , wie sie wußte , Melcher Harms seine Herde weidete . Der Alte , den seine siebzig Jahre mehr erhoben als niedergedrückt hatten , war – das Los aller Konventikler – ebensosehr der Spott wie der Neid des Dorfes . Und ein Rätsel dazu . Selbst über seine Zugehörigkeit zu dieser oder jener Sekte wußte niemand Bestimmtes , und wenn er einerseits unzweifelhaft unter dem Einfluß einer herrnhutischen und dann wieder einer geisterseherischen Strömung war , so war es doch ebenso sicher , daß er sich unter Umständen von jedem derartigen Einflusse frei zu machen und seinen eigenen Eingebungen zu folgen liebte . Widersprüche , die dadurch in sein Leben und sein Bekenntnis kamen , kümmerten ihn wenig , am wenigsten aber die Gräfin oben , die gerade um dieser seiner Freiheit und anscheinenden Willkürlichkeit willen an sein Erleuchtet-und Erwecktsein glaubte . Was Hildens Schritt in diesem Augenblicke beflügelte , war freilich ein anderes und wurzelte neben einem immer wachsenden Hange , den Alten seine Märchen und Geschichten erzählen zu hören , einfach in einem lebhaften Gefühle des Dankes und der Liebe . Schon aus ihrem heute so freudig bewegten Gange sprach dieses Gefühl , und Joost , der sein Sielenzeug eben über den heiß von der Mittagssonne beschienenen Zaun hing , sah ihr nach und sagte : » Süh moal . Mit eens wedder prall und drall . « Und ihr leichter Schritt hielt an und verriet nichts von Ermüdung . Aber der Weg mußte doch anstrengender gewesen sein als sonst , denn sie war erhitzt , als sie bei Melcher Harms oben ankam . Der saß auf einer großen Graswalze , sein Strickzeug in der Hand , und sagte : » Du kommst wieder wegen der Milch , Hilde . Warum schickst du nicht Mutter Rentsch oder die Christel ? « Und dabei nahm er ein groß Stück wollenes Zeug , das ihm als Mantel diente , und warf es ihr über Kopf und Schulter ; denn so heiß es auf dem Weg hinauf gewesen , so herbstlich kühl war es oben am Waldrande hin , an dem die Herde weidete . Hilde ließ sich die Vermummung gefallen , sah ihn freundlich an und sagte : » Die Milch ? Ihr wißt ja , Vater Harms , es ist nicht wegen der Milch , es ist wegen Euch , daß ich komme . Der Vater ist fort nach Ilseburg , und erst um die sechste Stunde will er wie der dasein und einen frohen Tag haben . Denn er hat heute Geburtstag . Neunundvierzig . Und ich finde , es sieht ' s ihm keiner an . « » Da hast du recht « , antwortete der Alte . » Und ich will dir sagen , woher es kommt . Er hat die Kraft . Und die Kraft hat er , weil er Gott hat und lebt nach seinen Geboten . Und wäre der da drüben nicht « – und dabei wies er nach dem Pfarrhause hinüber , aus dessen Dach eben ein friedlicher Rauch aufstieg – , » so hätt ich ihn lang in unserem Saal . Aber ich mag es dem Sörgel nicht antun , obwohlen er auf dem Irrpfad ist . Und kann kein Friede sein zwischen ihm und mir . « » Er hat aber die Liebe « , sagte Hilde . » Ja , die hat er . Nicht die große , die hebt und heiligt und die nur gedeiht , wo der Boden des rechten Glaubens ist ; aber die kleine hat er , die heilt und hilft . Und weil er sie hat und weil er das hat , was die Menschen ein gutes Herz nennen , darum laß ich ihn und decke seine Schwäche vor aller Welt nicht auf . « Unter diesem Gespräch hatte sich Hilde wieder aus dem Stück Zeug herausgewickelt und warf es ein paar Schritte hinter sich auf eine Stelle zu , die hoch in Gras stand , als ob sie bei der letzten Heumahd vergessen wäre . Die vordersten Bäume des Waldes traten bis dicht heran und bildeten ein Dach darüber . » Es ist keine gute Stelle « , sagte der Alte , während er sich halb umwandte . » Da liegt der Heidenstein . Und ist ein Spuk dabei . « » Spuk ! « lachte Hilde . » Spuk ! Und Ihr glaubt daran , Vater Melcher ? Ich nicht , und der alte Sörgel auch nicht . Und wenn er hörte , daß Ihr von Spuk sprecht , so würd er auch wohl von › Irrpfad ‹ sprechen . Aber von Eurem ! « » Ja , das würd er « , antwortete Melcher Harms . » Ein jeder nach seinen Gaben . Und der Alte drüben ist arm und dunkel . Am dunkelsten aber da , wo seine Vernunft und seine Weisheit anfängt und sein Licht am hellen Tage brennt . Denn der halbe Glaube , der jetzt in die Welt gekommen ist und mit seinem armen irdischen Licht alles aufklären und erleuchten will und sich heller dünkt als die Gnadensonne , das ist das unnütze Licht , das bei Tage brennt . « » Aber , Vater Melcher , Ihr sprecht von halbem Glauben und steht mit Eurem Spuk in dem , was schlimmer ist , im Aberglauben . « » Nein , Hilde . So gewiß ein Gott ist – und ich hab es dir oft gesagt , und du hast es mir nachgesprochen – , so gewiß auch ist ein Teufel . Und sie haben beid ihre Heerscharen . Und nun höre wohl . An die lichten Heerscharen , da glauben sie , die Klugen und Selbstgerechten , aber an die finsteren Heerscharen , da glauben sie nicht . Und sind doch so sicher da wie die lichten . Und tun beide , was über die Natur geht , über die Natur , soweit wir sie verstehen . Und tun es die guten Engel , so heißt es Wunder , und tun es die bösen Engel , so heißt es Spuk . « » Und meint Ihr , daß auch die Gräfin drüben daran glaubt ? « entgegnete Hilde . » Die glaubt daran , denn sie hat davon an ihrem eigenen Haus erfahren . Aber auch das Wunder und die Gnade . Denn ihr Urahn , der war Kämmerling im Dienste von Herzog Heinrich , von dem du wissen wirst . Und als der Herzog Heinrich wiederkam aus dem Gelobten Lande und der Spuk und der Versucher überwunden waren , da war alles Wunder und Gnade . Wunder und Gnade durch viele Jahre hin . « » Oh , erzählt mir davon ! Und danach auch von dem Kämmerling . « Melcher Harms lächelte , daß ihr der Urahn der Gräfin so vor allem am Herzen zu liegen schien , und begann dann , während er sein Strickzeug wieder in die Hand nahm : » Es sind nun schon viele hundert Jahre , und unser Schloß drüben hatte noch keine Zacken und Giebel , da war alles hier herum ein großes , großes Land , und der Herr in dem Lande war Herzog Heinrich . Das Land aber hieß , wie heute noch , das Braunschweiger Land . Und als Kaiser Rotbart auszog , um das Grab zu gewinnen , da zog auch der Herzog Heinrich mit ihm , und seine Herzogin Mechthildis ließ er zurück in seinem Schloß . « » Und auch den Kämmerling ? « » Auch den . « » Und wie hieß der ? « » Einhart von Burckersrode . Der blieb bei der Herzogin und war schon alt . Herzog Heinrich aber fuhr mit dem Kaiser flußabwärts viele , viele Wochen lang . Und auf Ostern kamen sie bis an eine große Stadt , die schon am Meere lag , und empfingen Geschenke , so viel , daß sich jeder , der mit ihnen war , in Sammet und Seide kleiden konnte . « » In Sammet und Seide ! « bewunderte Hilde . » Und danach stiegen sie wieder zu Schiff und fuhren dem Gelobten Lande zu . Aber sie fanden es nicht , und alle starben Hungers ; und als die Not am größten war , da senkte sich ein Wundervogel herab , den sie Greif nennen , der hob den Herzog in seinen Fängen auf und trug ihn ans Ufer in sein Nest . Da waren viel junge Greife , die die Hälse nach ihm reckten , aber er erschlug sie , groß und klein , und nahm eine Greifenklaue mit sich . Die hängt im Dome bis diesen Tag . « » Ich weiß . Aber wie geht es weiter ? « » Und danach stieg unser Herzog aus dem Greifennest und sah sich in einem tiefen Walde , darin ein Drachen und ein Löwe miteinander kämpften . Er aber stellte sich zu dem Löwen und tötete den Drachen . Und von Stund an war ihm der Löwe treu und untertan und trug ihm die Hirsch und Rehe zu . So zogen sie miteinander eine lange Strecke Wegs ;