Fehlern gebessert werden . " " Verstellung ist nicht mein Fehler ! " rief ich mit wilder und lauter Stimme . " Aber Du bist leidenschaftlich , Johanna , das mußt Du zugestehen . Und nun kehre in die Kinderstube zurück Du bist mein gutes Kind -- und lege Dich ein wenig nieder . " " Ich bin nicht Ihr gutes Kind ; ich kann mich nicht niederlegen . Schicken Sie mich bald in die Schule , Mistreß Reed , denn ich hasse das Leben hier . " " Ich will sie in der That bald zur Schule schicken , " murmelte Mistreß Reed mit halber Stimme , nahm ihre Arbeit auch und verließ hastig das Zimmer . Ich war allein dort geblieben -- ich hatte das Feld gewonnen . Es war die schwerste Schlacht , die ich ausgefochten , und der erste Sieg , den ich errungen . Ich blieb eine Weile auf dem Teppich stehen , wo Herr Brocklehurst gestanden , und erfreute mich in der Einsamkeit meiner Eroberung . Zuerst lächelte ich bei mir selber und fühlte mich gehoben ; aber dieses lebhafte Vergnügen legte sich in mir mit den beschleunigten Schlägen meines Pulses . Ein Kind kann keinen Streit ausfechten mit älteren Personen , wie ich gethan ; kann seine wüthenden Gefühle nicht ungezügelt spielen lassen , wie es bei mir geschehen war , ohne später die Qual der Neue und eine erstarrende Gegenwirkung zu empfinden . Ein brennender , glühender Haufen Haidekraut wäre ein passendes Bild für meinen Geist gewesen , als ich Mistreß Reed beschuldigte und ihr drohte . Derselbe Haufen , schwarz und ausgebrannt , nach dem die Flammen erloschen , würde eben so passend meine spätere Lage dargestellt haben , als eine halbe Stunde des Schweigens und Nachdenkens mir den Wahnsinn meiner Handlungsweise und die Orte meiner verhaßten Lage zeigte . Ich habe zum ersten Mal die Mache gekostet ; aromatisch wie warmer und würziger Wein , erschien sie mir beim Hinunterschlucken , aber der Nachgeschmack war metallartig und bitter und verursachte mir die Empfindung , als sei ich vergiftet . Gern wäre ich jetzt gegangen und hätte Mistreß Reed um Verzeihung gebeten ; aber ich wußte theils aus Erfahrung und theils aus Instinct , daß sie mich nur mit doppelter Verachtung zurückweisen und jeden stürmischen Impuls meiner Natur wieder aufregen werde . Ich wollte gern eine bessere Fähigkeit , als die des heftigen Redens üben , und gern Nahrung finden für weniger dämonische Gefühle , als die des düstern Unwillens . Ich nahm mein Buch es waren arabische Erzählungen -- setzte mich nieder und versuchte zu lesen . Ich konnte keinen Sinn darin finden ; meine eigenen Gedanken schwammen immer zwischen mir und den Blättern , die ich gewöhnlich so bezaubernd fand . Ich öffnete eine Glasthür in dem Frühstückszimmer ; die Anpflanzung war ganz still ; rings umher herrschte der Frost , ununterbrochen von Sonne oder Wind . Ich bedeckte meinen Kopf und meine Arme mit dem Saum meines Kleides und ging in der ganz verlassenen Anpflanzung spazieren ; aber ich fand kein Vergnügen an den stillen Bäumen , an den niedergefallenen Tannenzapfen , den erfrorenen Ueberbleibseln des Herbstes , an den röthlichen Blättern , die frühere Winde auf einen Haufen zusammengeweht und die der Frost jetzt einer einzigen Masse erstarrt hatte . Ich lehnte mich über die Pforte und blickte auf ein leeres Feld hinaus , wo keine Schafe weideten , und das kurze Gras erfroren und erblichen war . Das Tageslicht war sehr grau , und der Himmel sehr düster ; von Zeit zu Zeit fielen Schneeflocken nieder , die auf dem harten Wege und dem unebenen Rasenplatze , ohne zu schmelzen , liegen blieben . Ich stand da , ein unglückliches Kind , und flüsterte wiederholt bei mir selber : " Was soll ich thun ? -- Was soll ich thun ? ' Plötzlich hörte ich , wie eine klare Stimme mir zurief : " Miß Johanna ! Wo sind Sie ? Kommen Sie zum Vorschein ! " Es war Bessie , das wußte ich gut genug ; aber ich regte mich nicht , als sie mit leichten Schritten den Weg heruntertrippelte . " Sie unartiges kleines Ding ! " sagte sie . " Warum kommen Sie nicht , wenn Sie gerufen werden ? " Im Vergleich mit den Gedanken , denen ich brütend nachhing , schien Bessie ' s Gegenwart erfreulich , selbst wenn sie , wie gewöhnlich , etwas rauh war . In der That war ich nach dem Streite mit Mistreß Reed und dem Siege , den ich über sie erlangt , nicht gestimmt , mich viel um den vorübergehenden Zorn der Kindermuhme zu bekümmern ; und geneigt , mich in der jugendlichen Heiterkeit ihres Herzens zu sonnen . Ich umfaßte sie mit beiden Armen und sagte : " Komm , Bessie ! und schilt nicht . " Die Regung war unbefangener und furchtloser , als ich sonst eine zu zeigen pflegte , und sie gefiel ihr . " Sie sind ein seltsames Kind , Miß Johanna , " sagte sie , als sie auf mich niederblickte ; " ein kleines ungeselliges Ding . Und Sie werden wohl in die Schule geschickt werden ? " Ich nichte . " Und wird es Ihnen nicht leid sein , die arme Bessie zu verlassen ? " " Was kümmert sich denn Bessie um mich , " sagte ich . " Sie schilt mich immer . " " Weil Sie ein seltsames , furchtsames und scheues kleines Ding sind . Sie sollen kühner sein . " " Wie ? um noch mehr Schläge zu bekommen ? " " Unsinn ! aber Sie werden offenbar übel behandelt . Als meine Mutter mich letzte Woche besuchte , sagte sie , sie möchte nicht , daß eins von ihren Kleinen an Ihrer Stelle wäre . -- Und nun kommen Sie herein , ich habe eine gute Nachricht für Sie . " " Ich glaube es nicht , Bessie . " " Kind ! was haben Sie vor ? welche klägliche Augen richten Sie auf mich ! Nun , Missis und die jungen Damen und Monsieur John fahren Nachmittags zum Thee aus , und Sie sollen mit mir Thee trinken . Ich will die Köchin bitten einen kleinen Kuchen für Sie zu backen , und dann sollen Sie mir helfen , Ihren Schrank auszuräumen , denn ich werde bald Ihren Koffer packen müssen . Missis will , daß Sie morgen oder übermorgen Gateshead verlaßen , und dann sollen die Spielsachen auswählen , die Sie mitnehmen wollen . " " Bessie , Du mußt mir versprechen , mich nicht wieder zu schelten , bis ich gehe . " " Nun gut , ich will es nicht ; aber Sie müssen ein gutes Mädchen sein und sich nicht vor mir fürchten . Fahren Sie nicht zusammen , wenn ich etwas heftig spreche : das ist so widerwärtig . " " Ich denke , ich werde mich nie wieder vor Dir fürchten Bessie , weil ich mich an Dich gewöhnt habe ; und ich werde bald eine andere Art von Leuten zu fürchten haben . " " Wenn Sie sie fürchten , werden Sie ihnen mißfallen . " " Wie ich Dir mißfalle , Bessie ? " " Sie mißallen mir nicht , Miß : ich glaube , ich bin zärtlicher gegen Sie , als alle die Andern . " " du zeigst es nicht . " " Sie kleines scharfes Ding ! Sie haben ja eine ganz neue Art zu reden . Was macht Sie so kühn und verwegen ? " Nun , ich werde bald von hier fort sein , und überdies -- " Ich wollte etwas von der Unterredung sagen , die zwischen mir und Mistreß Reed vorgefallen war : aber bei reiferem Nachdenken hielt ich es für besser , davon zu schweigen . " So find Sie also froh , mich zu verlassen ? " " Durchaus nicht , Bessie ; im Gegentheil ist es mir jetzt fast leid . " " Jetzt fast ! Wie kalt meine kleine Dame sprich ! Ich wette , wenn ich Sie jetzt um einen Kuß hätte , würden Sie mir keinen geben und sagen , Sie wollten lieber nicht . " " Ich will Dich küssen , soviel Du willst ; beuge nur Deinen Kopf nieder . " Bessie beugte sich nieder ; wir umarmten einander gegenseitig und ich folgte ihr ganz getröstet in ' s Haus . Jener Nachmittag verging in Frieden und Harmonie , und am Abend erzählte mir Bessie einige ihrer unterhaltendsten Geschichten und sang mir einige der lieblichsten Lieder vor . Selbst für mich hatte das Leben zuweilen Sonnenschein . Fünftes Kapitel . Kaum hatte die Uhr am Morgen des neunzehnten Januar fünf geschlagen , als Bessie ein Licht in mein Gemach brachte und mich schon auf und beinahe angekleidet fand . Ich war eine halbe Stunde vor ihrem Eintritt aufgestanden , und hatte bei dem Lichte des eben untergehenden Halbmondes , dessen Strahl durch das enge Fenster in der Nähe meines Bettchens schimmerte , mein Gesicht gewaschen und meine Kleider angelegt . Ich sollte an dem Tage Gateshead verlassen und mit einem Omnibus fahren , der um sechs Uhr Morgens am Parkthore vorüberkam . Bessie war allein auf , sie hatte in der Kinderstube ein Feuer angezündet und machte dort jetzt mein Frühstück . Wenige Kinder können essen , wenn der Gedanke an eine Reise sie aufregt , und ich konnte es auch nicht . Nachdem Bessie mich vergebens aufgefordert hatte , einige Löffel voll gewärmter Milch und Brot zu genießen , wickelte sie etwas Zwieback in ein Papier und steckte ihn in meinen Korb ; dann half sie mir , meinen Pelz anlegen und meinen Hut aufsetzen , hüllte sich selbst in einen Shawl und verließ die Kinderstube . Als wir an Mistreß Reed ' s Schlafzimmer vorüberkamen , sagte sie : " Wollen Sie nicht hineingehen und Missis Lebewohl sagen ? " " Nein , Bessie , sie kam gestern Abend , als Du zum Abendessen gegangen warst , an mein Bett und sagte , ich dürfe sie und meine Cousinen am Morgen nicht stören ; und fügte hinzu , ich solle mich erinnern , daß sie stets meine beste Freundin gewesen , und demzufolge von ihr reden und dankbar sein . " " Was sagten Sie , Miß ? " " Nichts ; ich bedeckte mein Gesicht mit dem Bettuch und wendete mich von ihr zu der Wand . " " Das war unrecht , Miß Johanna . " " Es war ganz recht , Bessie : Deine Missis ist nicht meine Freundin , sie ist meine Feindin gewesen . " " O Miß Johanna ! sagen Sie das nicht . " " Lebe wohl , Gateshead ! " rief ich , als wir durch den Vorsaal gegangen waren und aus der Hausthür traten . Der Mond war untergegangen und es war sehr dunkel ; Bessie trug eine Laterne , deren Licht auf nasse Stufen und aus den , von dem eben eingetretenen Thauwetter aufgeweichten Kiesweg fiel . Es war ein rauher und kalter Wintermorgen ; meine Zähne klapperten , als ich den Weg hinuntereilte . Es war Licht in dem Häuschen des Portier ; als wir es erreichten , fanden wir die Frau des Portier eben im Begriff , ihr Feuer anzuzünden : mein Koffer , der am Abend vorher hinuntergetragen worden , stand verschlossen vor der Thür . Es fehlten nur noch wenige Minuten bis sechs Uhr , und bald nachdem diese Stunde geschlagen , verkündete ein fernes Rollen von Rädern den ankommenden Wagen . Ich ging zur Thür und beobachtete seine Lampen , die sich rasch durch die Dunkelheit näherten . " Wird sie ganz allein gehen ? " fragte die Frau des Portiers . " Ja . " " Und wie weit ist es ? " " Fünfzig Meilen . " " Welch ein weiter Weg ! Es wundert mich , daß Mistreß Reed sie allein so weit reisen läßt . " Der Wagen fuhr vor : da hielt er am Thor mit seinen vier Pferden und seiner mit Passagieren beladenen Imperiale . Der Conducteur und der Kutscher trieben laut zur Eile ; mein Koffer wurde hinaufgehißt ; ich wurde von Bessies Halse genommen , an der ich mit Küssen hing . " Tragen Sie auch ja Sorge für sie , Herr Conducteur , " rief sie diesem zu , als ich mich in das Innere des Wagens setzte . " Ja , ja ! " war die Antwort : die Thür wurde zugeschlagen , eine Stimme rief : " Alles richtig , " und fort ging ' s. So war ich von Bessie und Gateshead getrennt : so wurde ich zu unbekannten und , wie es schien , zu entfernten und geheimnißvollen Regionen fortgezogen . Ich habe nur wenig von der Reise behalten : ich weiß nur , daß mir der Tag unnatürlich lang erschien , und dass es mir vorkam , als legten wir viele hundert Meilen Wegs zurück . Wir kamen durch mehrere Städte , und in einer derselben , die sehr groß war , hielt der Wagen an ; die Pferde wurden abgespannt und die Passagiere stiegen aus , um zu Mittag zu speisen . Ich wurde in das Gasthaus getragen , wo der Conducteur mir etwas zum Mittagessen bestellen wollte , doch da ich keinen Appetit hatte , so ließ er mich in einem ungeheuren Zimmer zurück , welches an jedem Ende einen Kamin hatte , einen Kronleuchter in der Mitte und eine kleine rothe Gallerie hoch an der Wand , die mit musikalischen Instrumenten angefüllt war . Hier ging ich eine lange Zeit umher , es war mir seltsam zu Muthe und ich hatte eine tödtliche Furcht , daß ein Seelenverkäufer kommen und mich entführen möchte ; denn ich glaubte an Seelenverkäufer , deren Thaten häufig in Bessie ' s Abenderzählungen figurirten . Endlich kehrte der Conducteur zurück ; ich wurde wieder in den Wagen gepackt , mein Beschützer stieg auf seinen Sitz , blies sein dumpfes Horn und fort rollten wir über die unebene Straße von L. Der Nachmittag war naß und etwas nebelig ; als es dunkel zu werden anfing , begann ich zu fühlen , daß wir uns in der That sehr weit von Gateshead entfernten . Wir kamen nicht mehr durch Stätte ; die Gegend veränderte sich ; große graue Hügel erhoben sich rings am Horizont : als es noch dunkler wurde , fuhren wir in ein Thal hinunter , und lange nachdem die Nacht schon die Aussicht verfinstert hatte , hörte ich einen wilden Wind unter Bäumen rauschen . Durch dieses Geräusch eingelullt , sank ich endlich in Schlummer . Ich hatte noch nicht lange geschlafen , als das plötzliche Aufhören der Bewegung mich erweckte ; die Wagenthür war offen , es stand eine Person , die einer Dienerin glich , vor derselben : ich sah ihr Gesicht und ihre Kleidung bei dem Scheine der Lampen . " Ist hier ein kleines Mädchen Namens Johanna Eyre ? " fragte sie . " Ja . " antwortete ich und wurde herausgehoben , mein Koffer heruntergelangt , und der Wagen fuhr sogleich fort . Ich war steif vom langen Sitzen und betäubt und verwirrt von dem Geräusch und der Bewegung des Wagens . Meine Gedanken sammelnd , sah ich mich um . Regen , Wind und Dunkelheit erfüllten die Luft ; dennoch erkannte ich eine Mauer vor mir , in welcher sich eine offene Thür befand . Durch diese Thür ging ich mit meiner neuen Führerin und diese machte sie wieder zu und verschloß sie . Jetzt war ein Haus oder mehrere Häuser - denn das Gebäude breitete sich weit aus -- mit vielen Fenstern sichtbar , und in einigen derselben brannten Lichter . Wir gingen einen breiten , mit Kieseln bestreuten , nassen Weg hinauf und wurden in eine Thür eingelassen ; dann führte mich die Dienerin durch einen Gang in ein Zimmer , wo ein Feuer brannte und ließ mich dort allein . Ich stand da und wärmte meine erfrorenen Finger über dem Feuer und sah mich dann um . Es war kein Licht im Zimmer , aber der unsichere Schein des Kaminfeuers zeigte mir von Zeit zu Zeit die mit Tapeten bedeckten Wände , den Fußteppich , die Vorhänge und Möbeln von glänzendem Mahagoniholz : es war ein Sprachzimmer , nicht so geräumig oder glänzend wie das Gesellschaftszimmer in Gateshead , aber ganz bequem eingerichtet . Ich war eben beschäftigt ein Gemälde an der Wand zu betrachten , als die Thür sich öffnete und eine Person eintrat , die ein Licht trug , und der eine andere folgte . Die erstere war eine große Dame mit dunklem Haar , schwarzen Augen und blasser und hoher Stirn . Ihre Gestalt war zum Theil in ein großes Halstuch eingehüllt , ihr Gesicht ernst und ihre Haltung gerade . " Das Kind ist sehr jung , es allein so weit zu schicken , " sagte sie , ihr Licht auf den Tisch setzend . Sie betrachtete mich einige Minuten aufmerksam und fügte dann hinzu : " Es wäre besser , sie bald zu Bett zu bringen ; sie sieht ermüdet aus . Bist Du müde ? " fragte sie , mir die Hand auf die Schulter legend . " Ein wenig , mein Fräulein . " " Und hungrig auch , ohne Zweifel . Besorgen Sie , dass sie etwas zu essen bekommt , ehe sie zu Bette geht , Miß Miller . Ist dies das erste Mal , daß Du Deine Eltern verlassen hast , um in die Schule zu gehen , kleines Mädchen ? " Ich erklärte ihr , daß ich keine Eltern habe . Sie fragte , wie lange sie schon todt wären , dann wie alt ich wäre , wie mein Name sei , ob ich schon lesen , schreiben und ein wenig nähen könne , berührte dann sanft meine Wange mit dem Zeigefinger und sagte , sie hoffe , ich werde ein gutes Kind sein , und entließ mich mit Miß Miller . Die Dame , die ich verlassen hatte , schien etwa neun und zwanzig Jahre alt zu sein , und die , welche mit mir ging , war wohl einige Jahre jünger ; die Erstere machte durch ihre Stimme , ihren Blick und ihre Miene einen lebhaften Eindruck auf mich . Miß Miller war gewöhnlicher , hatte eine röthliche Farbe und doch ein sorgenvolles Gesicht , war eilig in ihrem Gange und ihren Bewegungen , gleich einer Person , die zugleich vielfache Geschäfte zu besorgen hat , und sah in der That wie eine Unterlehrerin aus , was sie auch wirklich war , wie ich später erfuhr . Von ihr geführt , ging ich von Gemach zu Gemach , von Gang zu Gang durch ein unregelmäßiges Gebäude , bis wir von der öden Stille in jenem Theile des Hauses uns dem Gesumme vieler Stimmen näherten , und sogleich in ein großes Zimmer mit tannenen Tischen , zwei an jedem Ende , eintraten , auf welchem ein paar Lichter brannten , und um welche eine Versammlung von Mädchen jeden Alters von neun oder zehn bis zwanzig Jahren saßen . Bei dem trüben Schein der Talglichte erschien mir die Menge zahllos , obgleich ihrer in der That nicht mehr als achtzig waren ; ihr Anzug war gleichförmig und bestand in Kleidern von braunem Zeuge von auffallendem Schnitt , und in Lätzchen von holländnischer Leinwand . Es war die Stunde des Lernens , und sie waren beschäftigt , sich auf ihre Lectionen auf den folgenden Morgen vorzubereiten , und das Gesumse , welches ich gehört hatte war das vereinte Geräusch ihrer leisen Wiederholung . Miß Miller wies mir einen Platz auf einer Bank in der Nähe der Thür an , ging dann nach dem obern Ende des großen Zimmers und rief : " Aufseherinnen , sammelt die Bücher ein und legt sie weg ! " Vier große Mädchen standen von den verschiedenen Tischen auf , gingen herum , sammelten die Bücher ein und legten sie weg . Miß Miler ertheilte wieder das Commandowort : " Aufseherinnen , holt das Abendessen herein ! " Die großen Mädchen gingen hinaus , kehrten sogleich zurück und jede trug einen Teller , worauf sich Portionen von Etwas befanden , was ich nicht kannte . Außerdem stand in der Mitte jedes Tellers ein Wasserkrug und ein Becher . Die Portionen wurden herumgereicht : die , welche trinken wollten , tranken von dem Wasser und der Becher war gemeinschaftlich . Als ich an die Reihe kam , trank ich auch , denn ich war durstig , berührte die Speise aber nicht da Aufregung und Ermüdung mir das Essen unmöglich machten : ich sah aber jetzt , daß es dünner Haferkucben war den man in Stücke getheilt hatte . Als die Mahlzeit vorüber war , las Miß Miller Gebete vor , dann marschirten die Klassen , je zwei und zwei neben einander , die Treppe hinauf . Da ich jetzt den Ermüdung überwältigt war , so beachtete ich kaum , was das Schlafzimmer für ein Ort war , außer daß es mir , gleich dem Schulzimmer , sehr lang vorkam . Für diese Nacht war ich Bettgenossin der Miß Miller , und sie half mir beim Auskleiden . Als ich im Bette lag , überblicke ich die langen Reihen von Betten , wovon jedes rasch von zwei Mädchen angefüllt wurde : in zehn Minuten wurde das einzige Licht ausgelöscht , und von Stille und völliger Dunkelheit umgeben , schlief ich ein . Die Nacht verging rasch ; ich war zu ermüdet , um auch nur zu träumen : ich erwachte nur einmal , um den Wind in wüthenden Stößen saufen und den Regen in Strömen fallen zu hören , und mir bewußt zu werden , daß Miß Miller ihren Platz an meiner Seite eingenommen . Als ich meine Augen wieder öffnete , ertönte eine laute Glocke . Die Mädchen waren schon auf und kleideten sich an ; der Tag dämmere noch nicht , und es brannten zwei kleine Talglichte Zimmer . Ich stand widerstrebend auf ; es war bitterlich kalt , und ich kleidete mich , so gut ich es vor Kälte zitternd konnte , an und wusch mich , sobald eine Waschschale frei war , was nicht oft geschah , da nur eine für sechs Mädchen da war , die auf einem Tische im mittleren Gange zwischen den Betten stand . Wieder ertönte die Glocke ; alle bildeten eine Reihe und gingen zu Zweien neben einander . Zu dieser Ordnung stiegen sie die Treppe hinunter und traten in das kalte und matt erleuchtete Schulzimmer : hier lag Miß Miller Gebete vor und rief dann : " Bildet Klassen . " Ein großer Tumult erfolgte , der einige Minuten dauerte , während dessen Miß Miller wiederholt : " Stille ! Ordnung ! " ausrief . Als sich dieser Tumult gelegt hatte , sah ich alle in vier Halbkreise vor vier Stühlen aufgestellt , die an den vier Tischen standen : alle hielten Bücher in den Händen , und ein großes Buch , wie eine Bibel , lag auf jedem Tisch vor dem leeren Sitze . Eine Pause von einigen Sekunden erfolgte , die von dem leisen undeutlichen Summen der Einzelnen ausgefüllt wurde . Miß Miller ging von einer Klasse zur andern und brachte dieses undeutliche Geräusch zur Ruhe . Eine ferne Glocke ertönte , sogleich traten drei Damen ins Zimmer , jede ging auf einen Tisch zu und nahm ihren Sitz ein . Miß Miller behauptete den vierten leeren Stuhl , der vor Thür am nächsten stand , und um den sich die kleinsten Kinder versammelt hatten . Zu dieser letzten Klasse wurde ich berufen und erhielt den untersten Platz . Jetzt begann das Geschäft , das Gebet des Tages wurde gelesen , dann verschiedene Sprüche hergesagt , worauf Kapitel aus der Bibel vorgelesen wurden , was eine Stunde währte . Als diese Uebung zu Ende war , schien den Tag hell durch die Fenster . Die unermüdliche Glocke ertönte jetzt zum vierten Male ; die Klassen wurden in Ordnung gestellt und marschirten in ein anderes Zimmer zum Frühstück , mit der Aussicht , etwas zu essen zu bekommen ! Ich war jetzt fast krank vor Ermattung , da ich den Tag zuvor wenig genossen hatte . Das Refectorium war ein großes , niedriges und düsteres Zimmer ; auf zwei Tischen dampften Schüsseln , worin sich etwas Heißes befand , was aber zu meinem Schrecken einen durchaus nicht einladenden Geruch verbreitete . Ich sah eine allgemeine Unzufriedenheit , als der Geruch der Speise in die Nasen derjenigen drang , die sie zu essen bestimmt waren , und der Vortrab der Procession , die großen Mädchen der ersten Klasse , sprachen die leichten Worte aus : " Abscheulich ! die Suppe ist schon wieder angebrannt . " " Still ! " rief eine Stimme , es war nicht Miß Miller , sondern eine von den Oberlehrerinnen , eine kleine schwarze Person , zierlich gekleidet , aber von etwas mürrischem Ansehen , die sich an das obere Ende des Tisches setzte , während eine voller aussehende Dame an dem andern Ende präsidirte . Ich sah mich vergebens nach der um , die ich am Abend vorher zuerst gesehen , doch sie war unsichtbar . Miß Miller saß am untern Ende des Tisches , an welchem ich mich befand , und eine fremdartig aussehende ältliche Dame , die französische Lehrerin , wie ich später erfuhr , nahm den entsprechenden Sitz an dem andern Tische ein . Ein langes Tischgebet wurde gesprochen und eine Hymne gesungen : dann brachte eine Dienerin Thee für die Lehrerinnen herein und das Mahl begann . Da ich jetzt sehr ermattet war , so verschlang ich begierig einige Löffel voll von meiner Portion , ohne an den Geschmack zu denken ; aber als der erste Hunger vorüber war , bemerkte ich , daß ich ein übelschmeckendes Essen vor mir hatte . Angebrannte Suppe ist ein fast eben so schlechtes Essen , als verfaulte Kartoffeln ; der Hunger selbst wird bald derselben überdrüssig . Die Löffel bewegten sich langsam ; ich sah wie die Mädchen die Speise kosteten und hinunterzuschlucken versuchten ; doch die meisten gaben bald das Bemühen auf . Das Frühstück war vorüber und keine hatte gefrühstückt . Nachdem man ein Dankgebet gesprochen für das , was wir nicht genossen , und eine zweite Hymne gesungen , wurde das Refectorium mit dem Schulzimmer vertauscht . Ich war eine der Letzten , die hinausging , und als ich an den Tischen vorüberkam , sah ich eine von den Lehrerinnen einen Teller mit Suppe nehmen und kosten : sie sah die Andern an ; die Gesichter Aller drückten Mißfallen aus , und eine von ihnen , es war die muntere und wohlbeleibte , flüsterte : " Abscheuliches Zeug ! Wie schmachtvoll ! " Eine Viertelstunde verging , ehe die Lectionen wieder begannen , während welcher das Schulzimmer sich im großen Tumulte befand . In dieser Zeit schien es erlaubt zu sein , laut und freier zu reden , sie benutzten ihr Vorrecht . Die ganze Unterhaltung drehte sich um das Frühstück , welches Alle sehr tadelten . Die armen Geschöpfe ! es war der einzige Trost , den sie hatten . Miß Muller war jetzt die einzige Lehrerin im Zimmer : eine Gruppe von großen Mädchen stellte sich um sie und sprach mit ernsten und finsteren Geberden . Ich hörte Herrn Brocklehurst ' s Namen von einigen Lippen aussprechen , worüber Miß Miller mißbilligend den Kopf schüttelte , ohne jedoch einen kräftigen Versuch zu machen , der allgemeinen Wuth Einhalt zu thun : ohne Zweifel theilte sie dieselbe . Eine Uhr im Schulzimmer schlug neun . Miß Miller verließ ihren Kreis , trat in die Mitte des Zimmers und rief : " Still ! an Eure Plätze ! " Jetzt wirkte die Disciplin : in fünf Minuten hatte sich das verwirrte Gedränge in Ordnung verwandelt , und eine verhältnißmäßige Stille das Geschrei zur Ruhe gebracht . Die Oberlehrerinnen nahmen jetzt pünktlich ihre Plätze ein ; aber noch schien Alles zu warten . Auf Bänken , an den Seiten des Zimmers , saßen die achtzig Mädchen aufrecht und bewegungslos : eine seltsame Versammlung war es , Alle hatten ihr Haar aus dem Gesichte gekämmt und keine Locke war sichtbar ; Alle trugen braune Kleider , die hoch hinauf gingen und von einem schmalen Halsstreifen umgeben waren . vorn hatten sie kleine Taschen von Leinwand angebunden , die zur Aufbewahruug ihrer Handarbeiten bestimmt waren . Alle trugen wollene Strümpfe und starke Schuhe , die was messingenen Schnallen befestigt waren . Mehr als zwanzig von denen , die dieses Kostüm trugen , waren völlig erwachsene Mädchen , oder vielmehr junge Frauenzimmer : es stand ihnen schlecht , und gab selbst den hübschesten ein widerwärtiges Ansehen . Ich sah sie an und mustere auch von Zeit zu Zeit die Lehrerinnen , wovon mir keine recht eigentlich gefiel , denn die muntere und wohlbeleibte war ein wenig plump , die dunkle nicht wenig heftig , die fremde hart und von seltsamen Wesen , und Miß Miler , das arme Geschöpf ! sah purpurroth und angegriffen ans , als ob sie zu viel arbeiten müsse : doch plötzlich , als mein Auge von einem Gesicht zum andern wanderte , stand die ganze Schule zugleich auf , wie von einer gemeinschaftlichen Springfeder gehoben . Was war geschehen ? Ich hatte keinen Befehl gehört ich war verlegen . Ehe ich noch meine Gedanken gesammelt hatten sich die Klaffen wieder niedergesetzt ; aber da Aller Augen jetzt auf einen Punkt gerichtet waren , so folgte sie meine der allgemeinen Richtung und begegnete der Person , die mich am letzten Abend empfangen hatte . Sie stand am Ende des langen Zimmers am Kamin , denn an jedem Ende war ein Feuer ; sie überschaute schweigend