hatte schon lange nicht mehr in diesem Maß das Gefühl einer geordneten Existenz . Meine Gläubiger wissen nicht , wo ich bin , man kann mir nichts mehr nehmen , da ich keine eigene Einrichtung mehr besitze . Der Professor wagt nicht , mich hinauszuwerfen , weil sein Guthaben dann zweifellos nie mehr beglichen würde . Er bekümmert sich sogar darum , ob ich gut schlafe , was noch nie ein Gläubiger tat . Man bringt mir morgens den Kaffee ans Bett ... « » Das ist jedenfalls die Hauptsache « , sagte er mit bitterem Hohn . » Es fällt wenigstens sehr ins Gewicht . « » Und wenn nun eines Tages die rauhe Wirklichkeit wieder an Sie herantritt , das Pflichtteil verbraucht ist ... « » Lassen Sie es doch um Gottes willen erst einmal da sein . Aber so machen Sie es mir mit Ihren wirtschaftlichen Komplexen noch vollends kopfscheu . « Baumann lächelte beifällig , er hat neulich schon zugegeben , daß Lukas zum mindesten stark konstelliert ist . » Ja , Sie bringen mir sicher Unglück mit Ihrem ewigen Disponieren . Wer weiß , ob Sie mir nicht die ursprüngliche Summe nur dadurch wegdisponiert haben . Ich möchte Sie beinah dafür verantwortlich machen . « Er fühlte sich doch wohl etwas schuldbewußt und murmelte nur etwas Unwilliges vor sich hin . Am Schreibtisch zwischen Henry und Balailoff wurden ungeheure Zahlen hin und her gerollt - es hat beinah etwas Weihevolles , dem zuzuhören . 11 Ich fürchte , eine gute Weile wird man sich noch in Geduld fassen müssen . Wie man mir schreibt , kann der Nachlaß erst allmählich liquidiert werden , und es sind noch unendliche Formalitäten zu erfüllen . Was für Formalitäten und wer sie zu erfüllen hat , kümmert mich wenig , man muß es halt abwarten . Auch hier geschehen allerhand Dinge , mit denen wir nicht ganz einverstanden sind , aber zum Teil sind wir wohl selbst schuld daran . Balailoff kam neulich an einem ungewöhnlich heißen Vormittag auf die Terrasse und forderte uns auf , ihn nach N. zu begleiten . Das ist ein Bergnest hier in der Nähe , wo die Trauung stattfinden soll . In der Stadt wäre es viel einfacher gewesen , aber das war ihm nicht einzureden . Es mache dort zuviel Aufsehen , schon weil er im Sanatorium wohne - kurz , es ist ein Komplex von ihm . Nun war er wieder einmal seiner Papiere wegen zum dortigen Bürgermeister befohlen ... wir kannten diese Expeditionen schon und fürchteten sie wie den Tod . Da nun auch unsere Sprachkenntnisse sehr schwach sind , mußten wir stets alle vier mit , um uns zu ergänzen . ( NB . Der Professor hat es längst aufgegeben , unseren Freiheitsdrang zu hemmen , und läßt uns gehen , wohin wir wollen . So habe ich auch dem Rechtsanwalt meine Vollmacht unter nichtigen Vorwänden wieder entzogen . ) Um das Bergnest zu erreichen , muß man eine gute Stunde steigen , eine weitere pflegt zu vergehen , bis man den Bürgermeister in seinen Weinbergen aufgestöbert hat und er endlich mit der Sichel in der Hand erscheint , dann noch eine halbe , bis seine Frau den Schlüssel zur Amtsstube gefunden hat . Nun erst beginnt die Unterhandlung , die sehr viel Witz und Geistesgegenwart erfordert ... Das schriftliche Material ist in allen möglichen Sprachen abgefaßt ... Bis man sich nun einigt , was wohl ungefähr darin stehen mag , was es bedeutet , und an welche Behörden oder Konsulate wieder zu schreiben ist , vergeht abermals beträchtliche Zeit . Die Braut weigert sich mitzugehen und würde auch gar nichts nützen , da sie in Lissabon aufgewachsen ist und nur Portugiesisch kann . Es ist also jedesmal ein Martyrium . Ein paarmal haben wir es murrend über uns ergehen lassen , aber bei dieser Temperatur streikten wir einfach . Henry , der sonst ein Mann der Tat ist , sah Balailoff nur vorwurfsvoll an , deutete mit einer großen Geste auf die Sonne und sagte : » Sie steht wirklich schon zu hoch . « Dann sank er matt in seinen Sessel zurück . Baumann sah von einem zum anderen und äußerte : er müsse als Mediziner auch sagen , es ginge einfach nicht . Balailoff war außer sich : die Sache litte keinen Aufschub . Wir wurden schließlich gereizt , und so ging es eine Weile hin und her . Da erhob sich plötzlich der sogenannte schwarze Idiot , der an einem Nebentisch Zeitungen las , beständig zu uns herübersah und schon eine ganze Weile vorbereitend mit den Kinnladen geklappt hatte , kam heran , stellte sich vor und erbot sich aufs höflichste , Balailoff zu begleiten . Er habe sowieso dort zu tun - was sicher gelogen war - spreche sowohl Russisch wie Italienisch und hoffe ihm dienen zu können . Sie wurden wahrhaftig einig , was wir Balailoff etwas übelnahmen und er uns ebenfalls , denn er verabschiedete sich ziemlich ungnädig und zog mit dem Schwarzen ab . Erst spät am Nachmittag kamen sie zurück . Der schwarze Idiot , der schon lange nach unserer Bekanntschaft strebte , schien sehr beglückt , daß das Eis nun endlich gebrochen sei , während wir es unverschämt fanden , daß er es für gebrochen hielt . Er kam ohne weiteres an den Tisch und wollte ein Gespräch anfangen , aber Henry wies abermals auf die Sonne und sagte ablehnend : » Später , wenn sie untergegangen ist ... « Darauf sah er uns der Reihe nach verständnislos an , und es hätte sicher eine peinliche Szene gegeben , wenn Balailoff ihn nicht mit sich fortgenommen hätte . Wir waren uns eigentlich keiner Schuld bewußt . Man hatte Übermenschliches von uns verlangt , und wir hatten uns geweigert . Deshalb begriffen wir nicht recht , warum Balailoff uns grollte , aber er tat es . Den ganzen Abend ließ er sich nicht mehr blicken , und das gemütliche Einvernehmen ist seitdem erheblich gestört . Denk Dir nur unseren Schrecken ... ein paar Tage später stellt Balailoff uns diesen Typ als seinen Privatsekretär vor , und seitdem belästigt er uns in den kühleren Stunden - in den heißen hat er doch nicht den Mut dazu - mit seiner Gesellschaft . Statt an seinem früheren Platz , wo wir aus sicherer Entfernung unser Vergnügen an ihm hatten , sitzt er mit an unserem Tisch , schaut entgeistert von einem zum anderen , findet alles , was wir reden , äußerst interessant und klappt mit den Kinnladen , wenn er selbst etwas sagen will . Das wäre noch das wenigste , obwohl wir sehr darunter leiden - aber wir befürchten vor allem , daß er seinen neuen Chef auch in geschäftlichen Dingen beeinflussen wird , da er in allem und allem so ungeheuer sachverständig ist - neuerdings sogar in bezug auf Petroleum - und sich in alles - auch in Petroleumfragen - hineinzumischen sucht . Henry und er sind schon verschiedene Male heftig darüber aneinandergekommen . Überhaupt , er spielt einfach die Rolle des Intriganten im Theaterstück und Balailoff die des gutmütigen , aber schwachen Fürsten , der sich immer gerade von den verkehrten Leuten beeinflussen läßt . Was der Mann eigentlich ist und was er sonst auf dieser Welt zu schaffen hat , ahnen wir nicht , ebensowenig , weshalb er sich hier sanieren läßt . Vielleicht will er sich nur seinen Schwachsinn und das Klappen mit den Kinnladen abgewöhnen lassen . Baumann beobachtet ihn angestrengt , kann aber auch nichts herausbringen . Sein wissenschaftlicher Eifer hat sonst zu meiner Erleichterung ziemlich nachgelassen - ich habe ihn auch gebeten , mich eine Zeitlang zu schonen . Der Geldkomplex plagt mich nicht mehr so , seit wieder Geld in der Luft ist - leider immer noch in der Luft . Ich habe mich wenigstens zu einer wohltuenden Apathie durchgerungen , und das beständige Wiederaufwühlen könnte höchstens einen Rückfall verursachen . Und Henry - Henry rechnet neuerdings mit solcher Intensität , daß nichts mehr mit ihm anzufangen ist . Ich habe ganz vergessen , Dir für Deinen Brief zu danken . Ja , gewiß , man muß die Feste feiern , wie sie fallen . Ein schlechter Trost , aber es soll ja eigentlich auch keiner sein . Nach Siam werde ich unter diesen Umständen wohl kaum fahren , geschweige denn Euch alle mitnehmen , aber vielleicht nach Monte Carlo . Man muß doch irgendeine Methode finden , um das Pflichtteil auf seine vorigen Dimensionen zurückzuführen . Ich habe auch Henry vorgeschlagen , daß er mitkommen soll . Er findet , es sei besser , damit zu warten , bis alle Stränge reißen . Ich dagegen meine , es ist besser , solange noch etwas da ist . In bezug auf Balailoff sind wir sehr beunruhigt . Er war schon mehrere Tage nicht im Bureau , kam aber trotzdem abends stark angeheitert nach Hause . Es liegt auf der Hand , daß er mit dem Schwarzen gekneipt hat und sich dann von ihm um den Finger wickeln läßt . Du mußt wissen , für Henry hängt viel , vielleicht alles davon ab , daß Balailoff hier bleibt , bis das Petroleumunternehmen endgültig organisiert ist . Leute wie Balailoff sind auf die Entfernung nicht sehr zuverlässig . Baumann und Lukas sind ebenfalls als Aktionäre vorgemerkt , und wer weiß , ob ich mich nicht auch noch beteilige . Es liegt also im allgemeinen Interesse , ihn so lange wie möglich hier festzuhalten . Die Braut aber strebt nur danach , bald fortzukommen , weil ihr der Aufenthalt hier odios ist - vor allem in unserer Gesellschaft . Wir haben deshalb immer möglichst darauf gesehen , daß die Heirat nicht überstürzt wird , haben ihn immer wieder veranlaßt , sich abwartend zu verhalten und die Behörden nicht nervös zu machen . Zum Teil geschah es übrigens aus rein freundschaftlichem Gefühl , denn diese Ehe fällt ja sicher todunglücklich aus . Der angenehme Privatsekretär aber faßt es ganz anders auf - und an , er tut , was er kann , um die Heirat zu beschleunigen . Auch das spricht deutlich für sein Idiotentum , denn normalerweise ist doch anzunehmen , daß sein Posten damit abläuft . Nun ist er kürzlich auf die unselige Idee gekommen , das Paar solle sich hier naturalisieren lassen , denn damit sei die leidige Frage der Staatsangehörigkeit aufs einfachste erledigt . Lukas , welcher auf diesem Gebiet einige Erfahrung besitzt , meinte , man müsse doch auch in diesem Fall seine Nationalität nachweisen . Der Idiot aber lächelte etwas pfiffiger als sonst und behauptete : Gott bewahre , man brauche nur eine schriftliche Erklärung abzugeben . Er wisse auch , wie die hiesigen Beamten zu behandeln seien , und würde sich schon mit ihnen einigen . Dann hat er sich ein Pferd gemietet , reitet kreuz und quer im Lande herum , verhandelt mit Behörden und besticht angeblich Beamte . Oder er sitzt mit Balailoff zusammen , setzt Briefe und Eingaben auf , in die wir nicht mehr eingeweiht werden . Auch die Braut kommt jetzt öfters mit auf die Terrasse , und man sucht sich an sie zu gewöhnen . Balailoff strahlt im Gedanken an das nähergerückte Ziel , und der Idiot versucht manchmal Geschichten aus seiner entbehrungsreichen Jugend zu erzählen - findet bei uns aber wenig Anklang damit . Dann verstummt er wieder und starrt entgeistert seinen Teller oder seine neue Gebieterin an , die ihn ziemlich huldvoll behandelt . 12 Schon Anfang August ... Gott , wie lange bin ich schon hier . Bald kann ich mir überhaupt keine andere Daseinsform mehr vorstellen und werde dermaleinst gar nicht wissen , wie ich mich wieder daran gewöhnen soll . Ebensowenig aber kann ich mir ein Bild davon machen , wie lange das hier noch so fortgehen wird . Immer wieder muß ich Baumann vorschieben , damit er von Zeit zu Zeit den Professor beruhigt . Der hat ihm neulich wieder einmal sein Herz ausgeschüttet und gesagt , es ginge einfach nicht , daß man ihm das Sanatorium so auf den Kopf stellt . Wir wären doch alle keine richtigen Patienten : Henry käme nur zu den Mahlzeiten wie ein Tourist , Balailoff betränke sich fortwährend , trotz seiner Abstinenzkur , und es liege auf der Hand , daß wir ihm dabei Vorschub leisteten - ich habe ihm von Anfang an einen fragwürdigen Eindruck gemacht , zum Beispiel die Geschichte mit Gottfried ... kurz , er ist sehr besorgt , daß wir seine Anstalt diskreditieren . Bei jedem von uns liegt aber irgendein Grund vor , weshalb er ihn eben doch dabehalten möchte . An Henrys Terrainspekulationen ist er stark interessiert , Balailoff bringt ihm mit den vielen Zimmern , die er innehat , mit Extrapavillons und Gefolge ein Bombengeld ein , und bei mir muß er eben warten , bis Geld da ist . Nur Lukas sei durch und durch ein Ehrenmann , hat er gesagt , und es sei geradezu unbegreiflich , daß er ausschließlich mit uns verkehre . Baumann ist nun auf den guten Gedanken gekommen , ihm zu raten , er solle die ganze Gesellschaft etwas mehr von den normalen Patienten isolieren . So hat man uns in einem entlegenen Teil des Gebäudes untergebracht , was sehr viel für sich hat . Gegen den Idioten hat Baumann auf unsere Bitte , aber vergeblich , zu intrigieren versucht . Er hat infolge seines vertrottelten , aber äußerst gesitteten Benehmens einen ganz besonderen Stein im Brett , und der Professor erklärte ihn , im Gegensatz zu uns anderen , ebenfalls für einen Ehrenmann . Es ist aber wenigstens erreicht worden , daß er sein bisheriges Zimmer behalten hat und nicht mit in den Separatflügel gekommen ist . Er steht sich zu gut mit dem Professor und hätte beständig spioniert . Statt dessen habe ich jetzt Balailoffs friedlichen alten Priester als Nachbarn . Unser Flügel hat einen Ausgang , durch den man über einen wenig frequentierten Seitenhof auf die Straße gelangt . Es ist eine große Wohltat , nicht mehr wie Pensionszöglinge aufpassen zu müssen , ob man kontrolliert wird . Es haben sich im Lauf der Zeit allerhand Privatinteressen ergeben , die bisher nur unter großen Schwierigkeiten verfolgt werden konnten , jetzt aber um so eifriger gepflegt werden . Baumann ist uns gewissermaßen als ärztlicher Aufseher gesetzt worden . Da er nun selbst eine kleine Freundin in der Stadt hat , läßt er mit sich reden . Henry und ich haben ebenfalls einige Bekannte unter den Schauspielern des Sommertheaters ( etwas anderes gibt ' s hier nicht ) . Man ist natürlich sehr vorsichtig , hält auf den Ruf der Anstalt und auf den eigenen , und ich finde , man sollte das anerkennen , anstatt uns , wie es leider von verschiedenen Seiten geschieht , schief anzusehen . Schade , daß Du nicht auch hier bist ... das heißt - verzeih mir diesen Egoismus und begreife ihn - es hat so viel für sich , die einzige Frau in einem Kreise zu sein , daß ich doch nicht gerne teilen möchte . Bitte , mißverstehe das nicht . Die vorhin erwähnten Privatinteressen bringen es mit sich , daß unser Familienleben intakt bleibt , und eben dadurch ergibt sich eine sympathische Atmosphäre , die einen Stich in alles mögliche hat . Lukas ist sozusagen stiller Teilhaber , er ist noch nicht lange und sehr glücklich verheiratet und steht auch in dieser Beziehung auf demselben Standpunkt wie mit der wirtschaftlichen Basis . Dabei läßt er , wenn nicht mit sich reden , so doch mit sich zanken , denn es ist klar , daß weder Henrys noch meine Privatinteressen Gnade vor seinen Augen finden . Meines ... ja siehst Du , Maria , die hiesigen Möglichkeiten beschränken sich eben auf die Mitglieder des kleinen Theaters , das nur für ein paar Monate hier gastiert - - und ich muß beschämt gestehen , daß es sich um einen Tenor handelt . Seine Stimme reicht kaum hin , um ihn zu rechtfertigen , und seine Mitteilungen geschehen manchmal auf wild marmoriertem , manchmal auf azurblauem Briefpapier mit eingepreßtem weißem Schwan . Das mag schlimm sein , aber ich kann mir nicht helfen , es hat für mich etwas Ergreifendes , und im übrigen ist er wirklich , was man einen lieben Kerl nennt . Seine Manieren sind zum Ärger der anderen , die ihn nicht billigen , völlig einwandfrei ... er weiß eben von der Bühne her , wie man sich unter Leuten von Welt zu benehmen hat , denn bei dem Mangel an Personal spielt er auch die Lebemänner in modernen Stücken . Henry , der sich mit der jugendlichen Heroine in gleicher Verdammnis befindet , hat immer noch das nötige Verständnis dafür , aber die Blicke unseres Privatdozenten , wenn er persönlich auftritt oder wieder eines seiner Schwanenbilletts morgens neben meinem Teller liegt , sind unbeschreiblich . Ich gebe gerne und willig zu , daß es eine Verirrung ist , aber das reizt ihn nur noch mehr . Ja , er greift in blindem Eifer zu den stärksten Mitteln , um mich davon abzubringen , und meinte neulich : als Jugendtorheit könne so etwas ja noch hingehen , aber für eine Frau , die - Verlegenheitspause - über dieses Stadium doch allmählich hinaus sein dürfte ... Ich konnte darauf nur erwidern , man sei nun einmal nicht mehr jung , und tausendmal wichtiger sei es , die dritte , vierte , fünfte und so weiter Jugend auszukosten , als die erste und zweite . Er war etwas entwaffnet und genierte sich nachträglich , daß er umsonst und ohne jeden Erfolg eine Taktlosigkeit gesagt hatte . Natürlich hat auch Lukas den üblichen Alterskomplex ... von einer bestimmten Grenze an soll man vorsorgen , Leibrenten kaufen und stetiger in seinen Neigungen werden . Ich halte das für einen Irrtum und sehe gerade den einzigen Vorzug des Älterwerdens darin , daß die Zukunft einen weniger interessiert und der Moment immer wichtiger wird . Solange mir noch Tenöre von Sommertheatern himmelblaue Billetts schreiben , sehe ich nicht ein , warum ich darauf verzichten soll . Dabei habe ich es ganz gern , wenn mir jemand Moral predigt , mich ärgert und ich ihn wieder ärgern kann . Mehr Verständnis hat der alte russische Priester - ich kollidierte neulich in einem etwas ungeschickten Moment mit ihm auf dem Korridor . Nachher saß er im Mondschein auf seinem Balkon ... als ich dann auf den meinen hinauskam und wir unseren gewohnten Gruß austauschten , war ich doch etwas verlegen und suchte nach einem erlösenden Wort ( wir haben uns inzwischen etwas besser verständigen gelernt ) , aber mir fiel nichts anderes ein als pater peccavi . Er lächelte milde , anscheinend erfreut und antwortete : Te absolvo ... und noch irgend etwas , was ich nicht verstand . Ach Gott , Maria , ich muß doch immer wieder darauf zurückkommen ... und wenn es auch langweilig wird zum die Wände hinauflaufen ... wie könnte das Leben schön sein ohne die Geldfrage . Und wie ist es möglich , daß Menschen mit Geld jemals wirklich unglücklich sind ? Schau , ein gewisser Grad von Komfort , einige nette Leute und etwas Durcheinander - eine dumme Liebesgeschichte ohne höhere Ansprüche - Mondschein und ein wohlwollender alter Priester - und ich wäre schon wieder imstande , für das Dasein zu schwärmen , wenn nicht immer die Geldgedanken wie eine schwarze Wand hinter allem ständen . Ob nun das Pflichtteil endlich einmal tatsächlich in meine Hände gelangt oder nicht , früher oder später wird doch einmal der Moment kommen , wo ich wieder rechnen oder darüber nachdenken muß und der Komplex mich von neuem umnachtet ... Ich tue ja mein Bestes , um das Jetzt als Ferienzeit aufzufassen , wie man als Kind die großen Sommerferien festlich beging . Sie schienen endlos , und doch wurde man die Gespenster nicht ganz los - Lehrer , Schulstunden und Strafarbeiten , und wußte ganz genau : davor war die Hölle , und dahinter lauerte auch wieder die Hölle - wie könnte man es nur anfangen , darum herumzukommen . Nein , das gibt ' s eben nicht , einmal wird man doch wieder in die Schule müssen und wieder nachsitzen , weil man die Rechenaufgaben nicht in den Kopf kriegen kann . Es kommt mir jetzt recht symbolisch vor , daß ich früher wegen jeder , aber auch jeder Rechenaufgabe nachsitzen mußte . War sie einmal richtig , so hatte ich entweder abgeschrieben , und dann gab es erst recht Strafe , oder es beruhte auf einem Zufall , an den niemand glauben wollte . Wie das den Charakter verdirbt ... man kann sich schließlich nur damit trösten , daß auch der Lehrer infolge seiner eigenen Infamie um seinen freien Nachmittag kommt . Und später ... was hatte ich von Haus aus für einen sympathischen Charakter , und wie sehr hat er unter den Geldkamalitäten gelitten . Es gibt gewiß keine Gemeinheit , die ich nicht mit Vergnügen beginge , wenn sie sich rentierte , aber es gibt zu wenig Gelegenheit ... die wirklich rentablen Gemeinheiten kommen immer nur in Romanen vor . Wenigstens die sich mir bisher boten , waren nicht der Mühe wert . Ich hätte beispielsweise einmal jemandem mit zwanzigtausend Mark durchbrennen können , und die drei Tage , wo ich sie in Obhut hatte , waren qualvoll genug . Aber wie weit wäre ich damit gekommen , über kurz oder lang hätte ich doch wieder umkehren müssen . Wären es hunderttausend gewesen , so hätte ich eher die moralische Kraft dazu gefunden . Ich will mich lieber nicht weiter in diesen Gegenstand vertiefen . Henry gab uns gestern ein kleines Souper , man war etwas zu lustig , und ich habe heute ein wenig Katzenjammer . Dann fallen einem alle möglichen trüben Dinge wieder ein . Lieber hör ' ich auf ... 13 Schlimme Nachrichten , Maria . Meine neulichen Abendbetrachtungen waren Vorahnung . Wie ich dieses zweite Gesicht verwünsche , aber ich habe es nun einmal . Also zuerst , was mich selbst betrifft . Ich weiß nicht , ob ich Dir erzählte , daß der Miterbe schon einmal verheiratet war . Daß er mit dieser ersten Frau denselben Kontrakt auf Erbteilung gemacht hat wie mit mir , wußte ich allerdings nicht . Sie hat sich dann schlecht bewährt , und er ließ sich von ihr scheiden . Jetzt aber , nach dem Tode des alten Herrn , ist sie wieder aus der Versenkung aufgetaucht , will ihre Ansprüche geltend machen und droht durch ihren Anwalt die Erbschaft mit Beschlag belegen zu lassen . Im besten Falle gibt es also wieder eine Verzögerung , im minder günstigen - aber ich ziehe es vor , diesen Gedanken vorläufig noch zu verdrängen . Lukas ist jetzt ganz kleinlaut und meint , daß wirklich von seiten des Schicksals rätselhafte Dinge gegen mich vorliegen müssen . Er , der Miterbe , gedenkt nächstens zurückzukommen und will mich dann hier aufsuchen . Einstweilen hat er immer noch Formalitäten zu erfüllen . Wenn das alles wäre , aber auch um die Petroleumsache sind wir in schweren Sorgen . Balailoff gerät immer mehr unter den Einfluß des schwarzen Idioten ( der sich übrigens in letzter Zeit lauter weiße Anzüge angeschafft hat - wir waren schon unschlüssig , ob man ihn nicht umtaufen müsse ) und sprach schon davon , ihn auf eine Inspektionsreise nach Rußland zu schicken , da letzthin ungünstige Berichte von dort einliefen . Es hieß , das Gebiet sei doch nicht so ergiebig , wie man anfangs angenommen und so weiter . Henry behauptet auf Grund seiner gewiß vielfältigen Erfahrungen , das passiere bei jedem derartigen Unternehmen und man brauche einstweilen kein Gewicht darauf zu legen . Das Konsortium pflege einmal dieses und einmal jenes Gerücht auszusprengen , um Stimmung zu machen oder - was weiß ich - ich konnte seinen Auseinandersetzungen nicht recht folgen , und Balailoff versteht es sicher noch weniger als ich . Der Idiot aber will jetzt plötzlich auch über Petroleumgewinnung besser Bescheid wissen als alle anderen , nachdem er vorher nur in Heiratspapieren kompetent war . Bei jedem anderen Gespräch verstummte er und klappte ratlos mit den Kinnladen . Einstweilen ist er hier noch unentbehrlich , denn die Heiratsangelegenheit scheint trotz all seiner Bemühungen nicht vom Fleck zu rücken . Balailoff ist manchmal sehr nervös und klagt darüber , daß die Beamtenbestechung unwahrscheinliche Summen verschlinge . Wir anderen trauen dem schwarzen Kerl nicht über den Weg . Bei Tisch setzt er sich nach wie vor zu uns , ist auf keine Weise loszuwerden , sondern sitzt da , starrt uns an und erzählt , wenn man ihn überhaupt zu Wort kommen läßt , von seinem angeblich bewegten Leben . Anfangs brachte man ihn rasch zum Schweigen , aber wir lassen ihn jetzt manchmal gewähren , um gelegentlich eine Handhabe gegen ihn zu gewinnen . Bis jetzt haben wir aber nur festgestellt , daß er unerhört lügt und höchstens in Balailoffs Gegenwart seine Erzählungen etwas glaubhafter hält . Von uns nimmt er wohl an , daß wir alles glauben , da wir immer schweigend zuhören und nie den leisesten Zweifel äußern . ... Es scheint beinah , daß wir unserem Ziel näher kommen und eine wichtige Entdeckung gemacht haben , mittels deren wir ihn vielleicht stürzen können . Neulich abends waren wir alle in Henrys Zimmer - der Pavillon der Braut liegt nahe an unserem Separatflügel , und man hört sie allabendlich Klavier spielen , war aber so daran gewöhnt , daß man nicht weiter darauf achtete . Balailoff ist um diese Zeit nie vorhanden , sondern treibt sich allein in der Stadt herum . An diesem Abend nun unterhielten wir uns ganz friedlich . Henry hatte Wein aus dem Bureau heraufgeschafft , und Baumann , der einen ziemlichen Schwips hatte , sagte auf einmal nachdenklich : » Hört nur , das ist wirklich merkwürdig ... sie spielt ja vierhändig . « Wir schwiegen und hatten so unsere Gedanken dabei , während Baumanns Freundin ihn im tiefen Ernst zu überzeugen versuchte , daß es unmöglich sei , allein vierhändig zu spielen . Natürlich wollten wir in ihrer Gegenwart unseren Verdacht nicht äußern , aber als sie fort war , machten wir das Licht aus und warteten gespannt am Fenster , bis das Klavierspiel verstummte . Kurz nachher sahen wir denn auch den Privatsekretär vorsichtig durch den Garten schleichen . Aber was nun ? Darüber wurde lang hin und her beraten . Man kann die beiden doch nicht einfach verklatschen ... es ist schließlich ihre Privatsache . Andererseits ist Balailoff , wenn er sich auch neuerdings schlecht benimmt , sozusagen unser Freund , während wir die Braut nicht ausstehen können und den Idioten los sein möchten . Sollte einer von den Männern den Ahnungslosen aufklären , was da vor sich geht ... es nimmt sich eventuell doch schlecht aus , und die beiden würden zweifellos leugnen . Gott weiß , ob sie nicht auch wirklich nur zusammen Klavier spielen . Und doch , meinte Henry , wäre es beinahe Christenpflicht , ihn aufmerksam zu machen , denn wenn der Idiot ihm mit seiner Braut Hörner aufsetzt , wird er ihm auch mit dem Petroleum Hörner aufsetzen , sobald es ihm gelingt , seine Pfoten dahinein zu bekommen ... und die ganze Geschichte geht für uns zum Teufel . Zunächst haben wir also nur versucht , den Schwarzen aufs Glatteis zu führen . Ich fragte ihn gleich am nächsten Morgen in aller Harmlosigkeit , ob es bei starker musikalischer Begabung möglich sei , alleine vierhändig zu spielen . Balailoff schlug ein schallendes Gelächter an ... er ahnt also nichts von den nächtlichen Konzerten ... die Braut verfärbte sich ... sie hat jedenfalls ein schlechtes Gewissen . Der Idiot aber behielt seine Fassung und hielt mir einen längeren Vortrag über Klaviertechnik sowie über Möglichkeiten und Unmöglichkeiten . Es war ein ausgesprochener Mißgriff , denn nun sind sie gewarnt und spielen nicht mehr zusammen . Darauf versuchten Henry und Baumann - der Privatdozent gab sich nicht dazu her - der Braut auf Tod und Leben die Cour zu machen , um den Idioten auszustechen . Sie reagierte in keiner Weise , und man erreichte nur , daß Balailoff noch verstimmter auf uns ist . Nun haben wir noch einen Plan im Hinterhalt ... wir wunderten uns nämlich schon lange darüber , daß weder Balailoff noch die Braut auf den Gedanken gekommen sind , die Ehe in England zu schließen . Er selbst weiß am Ende gar nichts von dieser segensreichen Einrichtung ... bei einem Russen mit Spleen wäre das gar nicht so unmöglich , und sein Faktotum wird sich hüten , ihn auf den Gedanken zu bringen , da die Angelegenheit dadurch zu einem rascheren Abschluß käme . Das liegt selbstverständlich nicht in seinem Interesse . Uns selbst geht es , offen gesagt , ebenso . Wir konnten uns nie besonders für die Heirat erwärmen und hofften immer , daß sie noch möglichst hinausgezogen würde , bis das Petroleum ... Denn daran sind wir alle aufs lebhafteste interessiert und wollen mit hineingehen , sobald eine gewisse Garantie gegeben ist . Lukas hat trotz seiner nationalökonomischen Weisheit Blut - respektive Petroleum - geleckt und möchte sein bescheidenes Kapital vermehren , Baumann mit fast gar nichts eines gewinnen , und ich - nun , wenn irgend möglich , das Unglück mit dem Pflichtteil wieder gutmachen . Wäre nur Henry für einen Gründer nicht viel zu anständig , ich begreife allmählich , daß es eben das ist , was ihn immer wieder um den Erfolg bringt . Wie oft hätte er mit mehr Schwindel schon etwas erreichen können , aber er will nicht . Er schlägt statt dessen auf den Tisch und sagt : » Teufel , es muß auch so gehen ! « Glaubst du , er wäre auch nur imstande