Bäume und über stille Plätze . Der Schnee dämpfte ihren Schritt , und wenn er aufstäubte , blieb sie stehen , um Atem zu schöpfen . Da gelangte sie zum Fluß an einer Stelle , wo das Ufer flach war . Ohne zu denken , ohne zu zaudern , als ob sie blind wäre , als ob sie eine Brücke sähe , wo keine war , ging sie ins Wasser . Sie spürte , wie das Wasser in ihre Schuhe eindrang , wie es die Beine näßte , wie die Kleider sich weich und eiskalt an den Leib preßten , sie ging weiter . Die Brust tauchte ein , der Hals tauchte ein , sie ließ sich sinken , sie glitt hin , seufzte schwer , lächelte , und lächelnd verlor sie das Bewußtsein . Die Leiche wurde am anderen Tag aus Land gespült , etwas außerhalb der Stadt , und man brachte sie ins Schauhaus auf dem Rochuskirchhof . 9 Der Bildhauer Schwalbe ging in einem Totenzug . Sein Bruderskind war gestorben , und es wurde auf jenem Kirchhof begraben . Als er mit den andern am Schauhaus vorüberging , gewahrte er durchs Fenster eine Mädchenleiche . Nachdem das Kind zur Erde bestattet war , trat er dort ein . Es standen ein paar Leute an der Leiche , und einer sagte : » Es ist eine Sängerin von den Reichshallen . « Dem Bildhauer fiel der reine und schöne Ausdruck im Gesicht der Ertrunkenen auf . Er blieb lange Zeit ergriffen bei der Toten , dann ging er zum Verwalter und bat um die Erlaubnis , eine Gipsmaske abnehmen zu dürfen . Die Bitte wurde ihm gewährt , und ein paar Stunden später kam er mit dem Handwerkszeug . Als er aber die Maske abgenommen hatte , da hielt er etwas Wunderbares in der Hand . Es waren die Züge eines sechzehnjährigen Mädchens , ein Antlitz voll Süßigkeit und bittersüßer Schwermut , und das Bezauberndste darin war das selige Engelslächeln um den wehen Mundbogen . Es glich dem Werk eines großen Künstlers , und den Bildhauer erfüllte plötzlich die Sehnsucht nach seiner verlorenen Kunst . Trotzdem zwang ihn eine Woche später die Not , die Maske an den Gießer in der Pfannenschmiedsgasse zu verkaufen , bei dem er arbeitete , und der hing sie an den Türpfosten seines Ladens . 10 Im Dezember hatte Daniel kein Geld mehr , und er mußte die Partitur der Bachschen H-Moll-Messe verkaufen , die einzige Kostbarkeit , die er besaß . Der Kantor Spindler hatte sie ihm beim Abschied geschenkt , und jetzt mußte er sie zum Antiquar tragen und für ein Bettelgeld dahingeben . Wenn er nicht den ganzen Tag im Bett liegen wollte , mußte er , um sich warm zu halten , durch die Straßen laufen . In eine Wirtschaft zu gehen , verwehrte ihm seine Armut , und deshalb kam er auch nicht mehr mit den Brüdern vom Jammertal zusammen . Deshalb und auch , weil ihm vor den Leuten ekelte . Eines Abends stand er vor der Egydienkirche und lauschte der Orgel , die drinnen gespielt wurde . Der eisige Wind blies in seine Rockärmel . Als das Orgelspiel aufhörte , ging er über den Platz und lehnte sich an die Mauer eines Hauses . Er fühlte sich sehr einsam . Da kamen zwei Männer daher , die in das Haus gehen wollten , an dessen Tor er frierend stand . Der eine der beiden war Benjamin Dorn , der andere war der Inspektor Jordan . Benjamin Dorn redete ihn an , der Inspektor stand schweigend daneben , während Daniel unfreundliche Antworten gab , und er schien den Zustand des jungen Menschen lebhaft zu erfassen . Er lud Daniel ein , mit hinaufzukommen , und Daniel folgte , bis ins Mark durchkältet und an nichts weiter denkend als an einen warmen Ofen . So kam er in die Familie des Inspektors . Inspektor Jordan hatte drei Kinder , die neunzehnjährige Gertrud , die siebzehnjährige Lenore und den fünfzehnjährigen Benno , der noch das Gymnasium besuchte . Seine Frau war tot . Von Gertrud hieß es , daß sie eine Frömmlerin sei . Sie ging täglich in die Kirche und hatte eine heimliche Neigung für die katholische Religion , worüber der Inspektor , als überzeugter Protestant , sehr betrübt war . Tagsüber versorgte sie den Haushalt , und wenn sie damit fertig war , saß sie an ihrem Stickrahmen und stickte Dornenkronen , von Schwertern durchstochene Herzen und schmächtige Engel für eine überseeische Mission . Schweigend und mit immer gesenkten Augen saß sie und stickte . Als Daniel sie zuerst sah , trug sie ein laubgrünes Kleid , das über den Hüften mit einem geschuppten Gürtel befestigt war , und ihre braunen , stark gewellten Haare lagen offen auf den Schultern . So sah er sie dann stets , wenn er ihrer gedachte , auch nach vielen Jahren so , im laubgrünen Kleid , mit niedergesenkten Blicken , am Stickrahmen arbeitend und seiner Gegenwart feindselig nicht achtend . Sie war wie etwas Finsteres im hellen Raum . Anders Lenore . Sie war wie eine Lampe , die durch finstere Räume getragen wird . Seit dem Sommer war sie in der Generalagentur der Prudentia angestellt , denn sie wollte sich ihr Leben verdienen . Ihren Worten nach zu schließen bereitete ihr die Arbeit dort Spaß . Ihren Worten nach zu schließen belustigte es sie , Prämienquittungen zu schreiben , Briefmarken aufzukleben , Briefe zu kopieren und viele Leute kommen und gehen zu sehen . Der fette Generalagent Diruf und der magere Bureauchef Zittel gaben ihr Stoff zur Verwunderung , und wenn trübe Laune heranschleichen wollte , drehte man sich auf der Schraube des Sessels im Karussell , und alles war wieder gut . Sie schien ein Kind zu sein und war doch ganz Jungfrau . Auf dem blonden Kopf trug sie das runde Pelzkäppchen in vergnügter Schiefheit , und wenn sie ins Zimmer trat , war irgend etwas in der Atmosphäre verändert , so daß sie frischer und angenehmer zu atmen war . Die Leute mißbilligten es , daß ihre Augen so strahlend blau waren und daß die erstaunlich geordnete Reihe weißer Zähne beständig hinter den pfirsichhaft weichen Lippen blitzten . Sie sei ein leichtes Blut , sagten die Leute ; sie sei ein Schmetterling , sagten sie , und Benjamin Dorn nannte sie eine vom Teufel der Sinnlichkeit besessene Kreatur , die an Putz und irdischem Tand ihr Genügen finde . Es herrschte zwischen ihr und dem jungen Freiherrn von Auffenberg seit kurzem eine Beziehung vertrauter Art ; niemand wußte Genaues darüber ; aber als der Schnüffler Benjamin Dorn , der zwei Menschen verschiedenen Geschlechts nicht beisammen sehen konnte , ohne sich mitschuldig zu fühlen an der großen Erbsünde , sie eines Tages in Gesellschaft des Freiherrn erblickte , war sie in seinen Augen eine Verlorene . Es war mit Lenore so bestellt ; das Leben kam ihr niemals ganz nah . Andern kommt es dicht an den Leib , andere würgt es und schleift es hin , ihr blieb es fern , denn sie stand in der Mitte einer gläsernen Kugel . Wenn sie Kummer hatte , wenn schmerzlich unentschiedenes Gefühl an ihr nagte , wenn die Gemeinheit einer niedern und verstörten Welt zu ihr herauflangte , da wurde die gläserne Kugel nur noch weiträumiger , und die Dinge , die an ihrer Peripherie schwirrten , noch ungreifbarer . Man kann immer lächeln , wenn man in einer gläsernen Kugel steht . Auch die bösen Träume bleiben draußen , sogar die Sehnsucht ist nur wie rosiger Hauch , der das Kristall des Gehäuses von außen umdunkelt . Die Leute hatten eigentlich recht , wenn sie sagten : der Inspektor Jordan erzieht seine Töchter wie Prinzessinnen . Beide waren der Gewöhnlichkeit des Lebens entrückt , die eine ins Finstere , die andere ins Helle . Und Daniel sah beide ; sie waren ihm fremd wie er ihnen . Er sah auch den Bruder , einen flinken , glatten , hochaufgeschossenen Jüngling . Er sah das alte Haus mit seinen morschen Stiegen und die Stuben mit ihren wuchtigen Bürgermöbeln , und den Wechsel von Ruhe und Unruhe darin , das kleine , ungewisse , hinaus- und zurückfließende Leben , und wenn er kam , unterhielt er sich nur mit dem Inspektor , da er die Stunde wußte , in der dieser zu Hause war . Sie sprachen unverbindlich und allgemein ; Daniel war verschlossen und der Inspektor voll Takt . Und Gertrud saß am Tisch und stickte . Er kam und wärmte sich am Ofen . Bot man ihm ein Butterbrot an oder eine Schale Kaffee , so schlug er es aus . Drängte man ihn , es doch zu nehmen , so schüttelte er den Kopf und machte ein Gesicht wie ein böser Affe . Daran war sein Bauerntrotz schuld , die ungroßmütige Angst , irgend jemand etwas verdanken zu müssen , und als die Not überwältigend wurde , kam er plötzlich überhaupt nicht mehr . 11 Die Not wuchs empor wie ein purpurner Schein . Es war für ihn etwas Lächerliches in der Tatsache : man schrieb das Jahr 1882 , und er hatte nichts zu essen ; er war dreiundzwanzig Jahre alt und hatte nichts zu essen . Frau Hadebusch zeterte megärenhaft auf den Stiegen . Die Miete war überfällig , und es fanden unheimliche Beratungen in der Wohnstube statt , an denen ein Invalide vom Wespennest und ein Seifensieder aus der Kamerariusstraße teilnahmen . In seiner Verzweiflung dachte er an den Militärdienst . Er ging in die Kaserne , um sich zu stellen , wurde untersucht und wegen Schmalbrüstigkeit abgewiesen . Zuerst war der purpurne Schein . Noch als er auf dem Henkersteg stand und ins Wasser schaute , wo kleine Eisschollen trieben . Aber als er den bedrängten Blick erhob , sah er ein riesenhaftes Antlitz . Der ganze Himmel , der sich über ihm wölbte , war ein Antlitz , furchtbar entstellt durch Rache und Hohn . Man konnte nicht entfliehen ; im Innern der Brust wurde es dunkel , Bilder und Töne zerflossen in einer schauerlichen Weise , als ob ein nasser Lappen darüber gewischt würde . Im Weitergehen schien es ihm , wie wenn sich die Gräßlichkeit des Gesichtes verringere , es wurde kleiner und milder ; es war nur noch so grob wie die Fassade einer Kirche , und nur noch in der Stirn verkündete sich Zorn . Da ging eine Frau vorüber , die Apfel in ihrer Schürze trug ; beim Geruch der Früchte zitterte er , aber er langte nicht hin , ihr einen Apfel zu nehmen , einen einzigen bloß , er hatte sich noch in der Gewalt , und da war das Antlitz nur noch so groß wie ein Baumwipfel und hatte Züge des Erbarmens . Die Sonne stand am Himmel , der Schnee taute , in der Luft zwitscherten Sperlinge . Durch die Pfannenschmiedsgasse wankend , blieb er plötzlich wie angewurzelt stehen . Da war das Gesicht ; körperhaft erblickte er es am Türpfosten eines Ladens . Daß es die Maske der Zingarella war , vermochte er nicht zu erkennen , es war ja ein verwandeltes Gesicht , und wie hätte er jetzt eine Wirklichkeit fassen sollen ? Er schaute von innen nach innen , das Ding außer ihm war Vision , es verband das Firmament mit der unteren Erde , es war eine Verheißung . Er hätte sich auf das Pflaster hinwerfen und schluchzen mögen , denn ihm war , als sei er gerettet . Der unvergleichlich hingegebene holde Schmerz im Ausdruck der Maske , die Seligkeit unter den langbewimperten Lidern , das halb erloschene Lächeln um den wehen Mundbogen , und etwas Geisterhaftes noch , ein Dasein fern von Tod und Leben , all dies steigerte sein Gefühl zu abergläubischer Andacht , die ganze Zukunft schien ihm vom Besitz der Maske abzuhängen , und ohne zu überlegen stürzte er in den Laden . Drinnen stand ein junger Mann , den der Gießer sehr respektvoll als Doktor Benda anredete , und der etwa dreißig Jahre alt sein mochte . Der Gießer zeigte ihm die gelungenen Abgüsse einiger Figuren vom Tugendbrunnen , und es dauerte ziemlich lange , bis er sich nach Daniel umdrehte und nach seinem Begehren fragte . Mit rauher Stimme und einer trunkenen Geste bedeutete ihm Daniel , daß er die Maske haben wolle . Der Gießer nahm die Maske vom Pfosten draußen , legte sie auf den Ladentisch und nannte den Preis . Er musterte den abgerissenen Anzug des Kauflustigen , dachte , daß ihm die geforderte Summe von zehn Mark zu hoch dünken mochte , und wandte sich , um ihm Zeit zur Überlegung zu geben , wieder an jenen jungen Mann . Sie hatten eine Weile miteinander gesprochen , da schaute sich der Gießer um und sah , daß Daniel noch immer am Ladentisch stand . Mit halbgeschlossenen Augen und verzogener Stirne stand er dort und hatte die linke Hand mit ihrer ganzen Fläche auf das Gesicht der Maske gelegt . Der Gießer tauschte einen verwunderten Blick mit Doktor Benda , und der begriff in einer Regung ahnungsvoller Teilnahme die Situation des ihm fremden Menschen , seine Armut , seine Verlassenheit ; sogar die Glut des Wunsches in ihm . Das Gefühl gewohnter Zurückhaltung sichtlich bekämpfend , trat er auf Daniel zu und sagte ohne eine Spur von Gönnerhaftigkeit , ernst , ruhig und schonend : » Wenn Sie mir erlauben wollen , das Geld für die Maske auszulegen , bereiten Sie mir eine Freude . « Daniel knirschte ein wenig mit den Zähnen , und sein Blick funkelte grünlich auf . Aber das geistig erfahrene Gesicht des andern hatte einen Glanz von Menschlichkeit , der ihn weich stimmte und unterwarf . Er ließ es schweigend geschehen , daß Doktor Benda das Geld für die Maske auf den Tisch legte . Als sie den Laden des Gießers verlassen hatten , Daniel hielt die eingepackte Maske krampfhaft unterm Arm , fiel Benda die körperliche Zerrüttung seines Begleiters auf , und es bedurfte nicht vieler Fragen für ihn , um die Ursache zu erkennen . Er tat , als hätte er noch nicht zu Mittag gegessen , lud Daniel ein , ihm Gesellschaft zu leisten und ging mit ihm in die nahegelegene Wirtschaft zur blauen Traube . Wie mit einem Zauberschlüssel fühlte Daniel sein Inneres aufgeschlossen , endlich ein hörendes Ohr , endlich ein sehendes Auge , ihm war , als steige er aus Bergwerksschächten herauf , und als sie sich trennten , besaß er einen Freund . Der Nero unserer Zeit 1 Der Anblick der Verkommenheit , den die lärmenden , schwärmenden Sumpfbrüder vom Jammertal boten , erhöhte das Lebensgefühl des Herrn Carovius . Er hatte eine liebenswürdige Neigung für den Verkehr mit Menschen , die am Abgrund des Daseins wandeln . Er trank dann immer viel Likör ; am besten mundete ihm die Sorte , die man Knickebein hieß . Nach dem Genuß des Likörs wurde er aufgeräumt und wagte kühne Äußerungen , nicht nur auf erotischem Gebiet , sondern auch gegen die Polizei und gegen die göttliche Vorsehung . Trippelte er aber in später Nacht heimwärts , so war in seinem Gesicht ein feiges , kleines Schmunzeln , das Anzeichen seiner inneren Rückkehr zur Tugendhaftigkeit . Denn er betrog seinen Tag mit seiner Nacht . Er lebte von einer ansehnlichen Rente , und das Haus auf der Füll , in dem er wohnte , war sein Eigentum . Es wurde den Fremden als sehenswert genannt und war eines der ältesten und düstersten Gebäude der Stadt . Insonderheit war der zierliche Erker berühmt , und über dem schöngebogenen Tor prangte ein patrizisches Wappen in Stein gebildet , zwei gekreuzte Speere mit einem Helm . Im engen Hof befand sich ein Ziehbrunnen mit bemooster Umfassung , und die Stockwerke hatten Holzgalerien mit kunstvollen Schnitzereien . Die Treppe war breit , mit flachen Stufen und viermal geteilt ; in ihrer Bewegung drückte sich das behagliche Verweilen vergangener Jahrhunderte aus . In manchen Nächten erkannte Herr Carovius von fern die gewaltige Figur seines Schwagers , des Musikprofessors Döderlein ; diesem wünschte er nicht zu begegnen , und er wartete an der Straßenecke , bis der Lampenschein aus Döderleins Fenster herableuchtete . In andern Nächten stieß er mit dem Bewohner des zweiten Stockwerks , dem Doktor Friedrich Benda zusammen . Da gab es ein eifriges Hutabziehen und Bekomplimentieren , jeder wollte auf den Vortritt verzichten , und die Artigkeit des jungen Mannes nötigte Herrn Carovius zu noch größerer Artigkeit , bis er vor lauter Artigkeit plump und verlegen wurde und die Rede verlor . Kam er aber allein und hatte mit dem riesigen Schlüssel , den er in der Manteltasche trug , das Tor aufgesperrt , so zündete er ein Wachskerzchen an , hielt das Licht über seinen Kopf und spähte vorsichtig in die Winkel des weiten Flurs , ehe er seine erdgeschössige Wohnung betrat . 2 Im Wirtshaus zum Krokodil hatte Herr Carovius seinen Stammtisch . An diesem fanden sich zu Mittag regelmäßig ein : der Fiskalrat Korn , der Magistratsadjunkt Hesselberger , der Postassistent Kitzler , der Apotheker Pflaum , der Uhrmacher Gründlich und der Zuckerbäcker Degen . Als Ehrengast erschien von Zeit zu Zeit der Assessor Kleinlein . Es wurde über die Nachbarn , die Bekannten , die Freunde und die Berufsgenossen geklatscht . Der Klatsch durchlief die ganze Stufenleiter von der harmlosen Anekdote bis zur giftigen Verleumdung . Kein Verhältnis war vor übler Nachrede sicher , kein Ruf vor der Besudelung , an jedem Charakter war etwas auszusetzen , jedes Haus hatte seine vor der Welt verschlossene Kammer . War das Mahl zu Ende , so entfernten sich die Herren , mit Ausnahme des Herrn Carovius , denn für ihn kam jetzt die wichtige Stunde der Zeitungslektüre , nach dem privaten Ohrenschmaus das Studium der Sünden , der Lächerlichkeiten und der Tragödien , die das Leben der Menschheit ausmachen . Täglich las er drei Zeitungen , ein heimisches Blatt , ein Berliner und ein Hamburger Blatt . Täglich dieselben drei , und zwar von Anfang bis zu Ende , die politischen Nachrichten , das Feuilleton und sämtliche Inserate . Dadurch wurde er vertraut mit den Fortschritten der Kultur , den Veränderungen im Staatsleben und mit der Existenz der Aristokratie , der Bourgeoisie und des Proletariats . Es entging ihm nichts ; weder die Mordtat in einem pommerschen Dorf noch das auf dem Boulevard des Italiens verlorene Perlenhalsband ; weder der Untergang eines Dampfers in der Südsee noch die vornehme Trauung in Westminster ; weder die Glosse über neue Kleidermoden , noch die Niedermetzelung der von den Türken geknechteten Armenier ; weder der Tod eines großen Herrn noch die Notiz über einen aufgegriffenen Landstreicher . Doch ist anzumerken , daß seine eigentliche Teilnahme nur den unglücklichen Ereignissen galt . Denn er betrachtete die Welt bloß im Hinblick auf die Kriege , die Erdbeben , die Hagelschläge , die Orkane , die Überschwemmungen , die öffentlichen und häuslichen Unannehmlichkeiten der Menschen . Freudige Vorfälle , wie Geburten , Ordensauszeichnungen , heldenhafte Handlungen , die Kunde von einem Haupttreffer , einem erfolgreichen Werk , einer gelungenen Spekulation gingen ohne Eindruck an ihm vorüber , wenn sie ihn nicht gar verdrossen , hingegen haftete sein Geist mit Vergnügen an allem Üblen , Jämmerlichen , Traurigen und Beklagenswerten , das auf dem Erdball oder im Sternenraum passiert und zu seiner Kenntnis gelangt war . Sein Kopf war ein Magazin wüster und schrecklicher Begebenheiten ; von Krankheitsgeschichten , Entführungen , Diebstählen , Raubanfällen , Einbrüchen , Attentaten , Elementarkatastrophen , Seuchen , Lustmorden , Selbstmorden , Duellen , Bankrotten und Familienzwistigkeiten . Hatte er seine Erfahrung um einige besonders kuriose und unerhörte Geschehnisse vermehrt , so zog er sein Taschenbuch , merkte das Datum an und schrieb : in Amberg hat ein Priester während der Predigt den Blutsturz bekommen ; oder : in Kotschinchina hat ein Tiger vierzehn Kinder gefressen , ist in den Bungalo eines Ansiedlers gedrungen und hat der an der Seite des Gatten schlafenden Frau den Kopf abgebissen ; oder : in Kopenhagen hat eine ehemalige Schauspielerin , eine neunzigjährige Greisin , mitten auf dem Marktplatz den Monolog der Lady Macbeth rezitiert , indem sie auf einen Gemüsekorb stieg ; dies erregte solches Aussehen , daß in dem Gedränge des Volks mehrere Personen zerquetscht wurden . Dann ging er in froher Laune nach Hause und gab auf der Straße den Türstehern und Fensterguckern ihren Gruß leutselig zurück . Bei jeder Feuersbrunst , die in der Stadt ausbrach , war er zugegen , und seine in die Flammen gerichteten Augen hatten etwas Ergriffenes und Trunkenes . Er summte leise vor sich hin , schaute verstohlen in die besorgten Gesichter der Leute , machte sich bei den geretteten Habseligkeiten zu schaffen und drängte dem Löschmeister seine Ratschläge auf . War irgendein Mann von Bedeutung gestorben , so versäumte er nie , sich dem Leichenbegängnis anzuschließen . Er folgte dem Sarg bis ans Grab und verharrte bei der Rede des Pfarrers mit gesenktem Haupt . Aber um seinen Mund zuckte es sonderbar , als fühlte er sich verstanden und geschmeichelt . Und in der Tat , es schmeichelte ihm . Der Tod der andern , die Niederlagen der andern , die Not der andern , die begangenen Verrätereien , die Übergriffe der Großen , die Bedrückung der Geringen , die Vergewaltigung des Rechts und die Leiden , die täglich Tausende ertragen mußten , alles dies schmeichelte ihm , beschäftigte ihn und wiegte ihn in eine süße Empfindung von Sicherheit . Aber dann saß er zu Hause an seinem Klavier und spielte mit schwärmerischem Augenaufschlag ein Adagio von Beethoven oder ein Impromptu von Schubert . Wenn in einem Bachschen Oratorium die Chöre erschallten , wurde er vor Entzücken bleich , und er konnte Tränen vergießen beim Anhören eines kunstvoll gesungenen Liedes . Er liebte die Musik bis zur Abgötterei . Er war ein Kleinbürger mit entfesselten Instinkten . Er war ein Aufrührer von konservativer Haltung . Er war ein Nero ohne Diener , ohne Macht und ohne Land . Er war ein Musiker aus Verzweiflung und aus Eitelkeit . Er war ein Nero unserer Zeit . Der Nero unserer Zeit , in drei Stuben hausend ; einsamer Hagestolz und Bücherleser ; mit dem Krämer Meinungen über das Wetter tauschend ; mit dem Nachtwächter über magistratische Verordnungen räsonierend ; Wüterich in jeder Faser , heimlicher Henker ; dem Schicksal die unwahrscheinlichsten Verknüpfungen , die zerstörendsten Gewaltakte ablauernd ; beständig auf dem Pirschgang nach Unheil , Zank und Schändlichkeit ; frohlockend über alles Mißlingen und alle Bedrängnis nah und fern ; auf den innig ausgedachten Trümmern jedes Zusammenbruchs , der sich ereignete , befriedigt verweilend und neben solcher stillen Grausamkeit und Blutgier von einer quälenden Leidenschaft für die Musik erfüllt , dieses war Herr Carovius , so war sein Leben . 3 Neun Jahre lang hatte ihm seine Schwester Margaret die Wirtschaft geführt , von ihrem fünfzehnten bis zu ihrem vierundzwanzigsten Jahr . Sie hatte sein Frühstück bereitet , sein Bett gemacht , seine Wäsche geflickt , seine Kleider gebürstet , und er hatte nicht viel mehr von ihr gewußt , als daß sie gelbe Haare , eine Haut voll Sommersprossen und eine furchtsame Kinderstimme besaß . Sein Erstaunen war grenzenlos , als eines Tages Andreas Döderlein , der den Sommer zuvor ins Haus gezogen war , um ihre Hand anhielt , denn sie war für ihn immer vierzehn Jahre alt geblieben . Er stellte Margaret zur Rede . Mit einem Mut , den aufzubringen sie lang gerungen hatte , erklärte sie , den Mann heiraten zu wollen . » Du bist eine schamlose Dirne , « sagte Herr Carovius , getraute sich aber nicht , Andreas Döderlein zurückzuweisen , und die Hochzeit fand statt . Eines Abends saß er bei dem jungen Paar . Andreas Döderlein war in guter Laune , ging zum Klavier und schlug das Motiv des Hirten aus Wagners » Tristan und Isolde « an . Da fuhr Herr Carovius empor wie gestochen und rief aus : » Laß doch den faulen Zauber , ich glaub ihn dir ja doch nicht . « » Wie meinst du das , Schwager ? « fragte Andreas Döderlein mit schmerzlich geneigtem Kopf . » Willst du mich vielleicht über diesen Brunnenvergifter belehren ? « rief Herr Carovius aus , und sein Gesicht zeigte eine Bosheit wie das eines Buckligen , wenn man auf seinen Buckel deutet ; » weiß der Herr Professor vielleicht genauer als ich , wer er ist , dieser Richard Wagner , dieser Komödiant , dieser Jud ' , der sich als germanischer Messias kostümiert , dieser Kakophoniker , dieser Verballhornist , dieser Höfling , dieser Pulcinell , der sich lustig macht über das ganze genasführte deutsche Reich und Europa ? Ja , ja , belehre mich nur , da bin ich , da sitz ich , nur Mut , nur Mut ! « Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und lachte in asthmatisch keuchenden Stößen , wobei er die Hände auf dem Bauch ruhen ließ . Andreas Döderlein erhob sich zu seiner Größe , wippte auf den Fußspitzen und blickte auf Carovius herunter wie auf einen Floh , den man zwischen zwei Fingernägeln zerquetschen kann . » Ei , ei , « sagte er , » wie interessant ! So wahr ich lebe , du bist eine interessante Erscheinung , Schwager Carovius , Aber wenn man mir alles Gold der Welt böte , ich möchte nicht so ... interessant sein . Ich nicht . Und du , Margaret , möchtest du so interessant sein ? « Es war etwas Zermalmendes in dieser Überlegenheit , und das Gelächter des Herrn Carovius verlor sich in ein gurgelndes Gekicher . Er riß die Augen hinter den Zwickergläsern auf und ähnelte einem jener fratzenhaften Wasserspeier , die man an alten Brunnen sieht . Margaret aber , die Scheue , die nie sprach , ohne sich kleiner zu machen und die Hände zu verbergen , sah hilflos vom Bruder zum Gatten und schlug die Blicke nieder vor beiden . War es Haß , was Herr Carovius gegen Andreas Döderlein empfand ? Es war mehr als Haß . Es war eine vipernhafte Erbitterung , mit der er an ihn dachte , an seinen Namen , an sein Weib , an sein Kind , an den dicken Trauring an seinem Finger und an die Gallertmasse seines dicken Halses . Seit jenem Abend besuchte er die Schwester nicht mehr , und wenn Margaret sich ein Herz faßte und zu ihm kam , behandelte er sie mit verbissener Geringschätzung . Da ließ sie ihn und ging an seiner Tür vorüber . Als das Kind geboren wurde und die Magd ihm die Nachricht brachte , schielte er in die Ecke und kicherte . » Ich laß gratulieren , « sagte er , » es ist gut , daß sich die Döderleins fortpflanzen , da stirbt das Pläsier in der Welt nicht aus . « Mit den Jahren kam es , daß die kleine Dorothea sich manchmal auf der Stiege herumtrieb oder am Ziehbrunnen im Hofe saß . Da schaffte Herr Carovius einen bösen Hund an , der den Namen Cäsar erhielt . Cäsar lag an der Kette , aber sein Geknurr und seine tückischen Augen flößten dem Kinde Furcht ein , und es mied die häuslichen Spielplätze . An einem Geburtstag des Herrn Carovius erschien , nach Jahren wieder , Margaret mit ihrem vierjährigen Töchterchen , und Dorothea sagte ein Gedicht auf , das sie zu diesem Zweck hatte lernen müssen . Carovius schüttelte sich vor Lachen , als er das puppenhaft herausstaffierte und geziert redende Mädchen sah . » Meiner Treu , « rief er , » ich hätte nie geglaubt , daß so eine kleine Kröte schon so wacker quaken kann . « Obwohl er von Frauen so wenig wußte , daß es schauerlich gewesen wäre , den Umfang dieses Nichtwissens auszumessen , spürte er doch , während Margarets Antlitz strahlte , eine Lebensenttäuschung in ihr , die sich betäuben wollte und die ihn entzückte . 4 Um jene Zeit starb der Oberoffizial Becker , der seit achtundzwanzig Jahren den zweiten Stock bewohnt hatte , und als neue Mietspartei zog Doktor Benda mit seiner Mutter ins Haus . Carovius erzählte das Ereignis am Stammtisch , und man konnte ihm dort verschiedenes über die Herkunft und das Leben Bendas berichten . Es wurde gesagt , daß die Familie früher reich gewesen , dieses Reichtums im Jahr des großen Krachs verlustig gegangen und nun auf eine mäßige Wohlhabenheit beschränkt war . Bendas Vater habe sich damals erschossen , wurde gesagt , und seine Mutter habe ihn nach den Hochschulen begleitet , an denen er studiert . Der Fiskalrat Korn wollte gehört haben , daß er trotz seiner Jugend schon bedeutende wissenschaftliche Arbeiten auf biologischem Gebiet geliefert , daß ihn dies aber nicht ans Ziel geführt habe . An welches Ziel ? wurde gefragt . Nun , er habe nach der Professur gestrebt , und dem sei man entgegengetreten . Warum denn entgegengetreten ? Nun , man werde doch nicht ohne weiters einem Juden das Lehramt an einer Universität übertragen , das verstehe sich doch von selbst . Das verstehe sich allerdings von selbst , meinte Herr Carovius , obschon dieser Benda durchaus nicht wie ein Jude aussehe , eher wie ein Holländer , ein ziemlich fetter Holländer . Er sei zwar nicht ganz blond , aber auch nicht ganz schwarz , und seine Nase sei so gerade wie ein Lineal . Eben , das sei ja der neue jüdische Kniff , antwortete der Assessor und tat einen gewaltigen Schluck aus seinem Maßkrug ; in alten Zeiten hätten sie den gelben Fleck getragen hätten Geiernasen gehabt und Haare wie die Buschmänner ; heute sei kein Christenmensch mehr sicher , daß er nicht dem einen oder dem andern gelegentlich mal aufsitze . Dem wurde