nicht annimmt - wo wir doch jleich zu Abend essen sollen . - Aber sie bat - ich soll mal fragen - tiefe Trauer trägt sie - ja und dann - es hinge mit Herrn Jeheimrat zusammen , sagt se . « Mutter und Sohn sahen sich an . Sophie dachte : seine Frau ? ! Kam sie vielleicht , um ihr selbst noch zu danken ? - Wollte sie Fragen stellen ? Sich von der letzten Stunde erzählen lassen , die der Verstorbene außerhalb seines Hauses verbrachte ? Aber Raspe dachte : Sie ! » Sie ! « Denn in seiner Gedankenwelt spielte eine Frau des Verstorbenen gar keine Rolle - er kannte nur eine Tochter . - Was gab es da zu besinnen ! Sophie sagte : » Laß mich allein mit ihr - zuerst - aber komm nach zehn Minuten . - Ich möchte , daß Du sie sähest - mir Dein Urteil sagtest - also ja , Therese , führen Sie die Dame hier herein . « Herzklopfend stand sie mitten im Zimmer . Oh , sie wußte , nun würde gleich eine sehr , sehr schöne Frau hereinkommen , wunderbar jugendlich erhalten , mit köstlichem braunen Haar , dem in den letzten zwei , drei Jahren ein kupferroter Schimmer gegeben worden war . Sie sah ja diese Frau in ihrer rauschenden , geschmeidigen Eleganz , mit ihren weißen Schultern und dem bandartigen Halsschmuck von Perlen zuweilen auf ganz großen Festen . Nun kam eine schmale schwarze Gestalt herein , deren Kopf durch einen runden großen Hut von Krepp und einen dichten Schleier ganz versteckt war . Aber gleich wurde der Schleier zurückgeschlagen , und Sophie erriet auf der Stelle : seine Tochter ! Warm wallte in Sophiens Gemüt eine Bewegung auf - Rührung - fast Freude . Am liebsten hätte sie diesem jungen , von Trauerfloren umwallten Geschöpf ihre Arme entgegengebreitet . Tulla stand und sah sich , noch von der Schwelle her , rasch um - sah , daß der Gobelin , der vor der Türöffnung hing , die zu einem andern Zimmer führte , sich noch ein wenig bewegte , so , als sei dort eben jemand hinausgegangen . Schon aber war die Frau neben ihr und erfaßte ihre Hand und führte sie förmlich ins Zimmer . Tulla fühlte ein liebevolles Entgegenkommen . » Schickt Ihre Mutter Sie zu mir ? « fragte Sophie in jenem schonenden Klang , den die Stimme Leidenden und Trauernden gegenüber annimmt . » Nein - ach Gott - nein - ich bin heimlich hier - ganz allein bin ich gekommen - zu Fuß , « sagte Tulla und nahm den Platz im Ecksofa ein , dabei sah sie unverwandt Frau Sophie ins Gesicht . Und dachte : ach ja - sie sieht gut aus - » Allein auf der Straße ? Heimlich ? Und wenn man Sie vermißt ? « » Kein Mensch vermißt mich . Ich hab ' Mademoiselle mein rosa Chiffonkleid geschenkt - sie soll Mama sagen , ich liege mit Kopfweh zu Bett - wenn Mama überhaupt nach mir fragt - aber sie wird schon nicht - sie liegt selbst zu Bett - aus Langerweile und liest , und vielleicht muß Mademoiselle ihr Karten legen - das kann Mademoiselle großartig « - Sie sprach wie ein unreifes Kind - aber nicht im Ton der Klage , sondern in vollkommener Einfachheit , wie von den gewohntesten Zuständen . » Und was führt Sie her ? « fragte Sophie , etwas zurückhaltender - weniger liebevoll - ohne es selbst zu wissen - abwartend und erstaunt . » Ich mußte Sie etwas fragen . - Ihr Herr Sohn hat heute Viktor was gebracht - ich hab ' Ihnen vielleicht auch was zu bringen « - - Sie zögerte einen Augenblick - in einer plötzlichen Verlegenheit - fingerte an dem Bügel ihrer Handtasche - und stieß endlich heraus : » Gehört das Ihnen ? Sind die von Ihnen ? « Und sie öffnete ihre Tasche und nahm ein Päckchen heraus ... Sophie fühlte sich erblassen . Ihre Briefe . In der Hand seiner Tochter . Tausend Fragen überstürzten sich in ihrem Kopf . Mit zitternder Hand nahm Sophie das Päckchen . » Wie kommen Sie dazu , liebes Kind ? Und woher wissen Sie ... ? « Das junge Mädchen besann sich ein wenig . Es war so schwer , anzufangen . Sie saß mit geneigtem Kopf . Und da fiel der schwere Krepp wieder herab und hing wie eine Trauerfahne vor ihrem Gesicht . Sophie wollte ihr dann behilflich sein , all diese Schleierüberfülle auf den Hut zurückzuschlagen - dabei waren sich die beiden Gesichter sehr nahe - sie blickten sich in die Augen - in einer scheuen , zärtlichen Neugier .... Sophie sagte : » Nehmen Sie doch den Hut ab - diesen schrecklichen Hut ... « Und das junge Mädchen zog gehorsam sofort die Nadeln heraus und legte den Hut auf den nächsten Stuhl , den ihre ausgestreckte Hand erreichen konnte . Nun sah Sophie mit ihren Maleraugen und mit den Augen der liebevollen , mütterlichen Frau den feinen jungen Kopf und fand die Züge des Toten darin - seine dunklen Augen mit dem Feuer starken Lebens ... » Nun sagen Sie - woher wissen Sie ... « » Sie haben ihn verstanden - Sie ! Verzeihen Sie mir - ich habe die Briefe gelesen - alle ... « Und plötzlich fiel sie Sophie um den Hals und weinte - weinte . - Das Herz der alternden Frau , dies verarmte und noch blutende Herz erriet : das waren die ersten Tränen , die seine Tochter tröstlich weinte - die ersten , ihren jungen Gram lösenden und mildernden Tränen . - Vielleicht hatte sie bisher allein , verborgen , ohne Mitgefühl zu sehen , weinen müssen . Und Sophie nahm dies verwaiste arme Kind in ihre Arme und ließ ihr Zeit , sich zu fassen . Dann hob Tulla von selbst an zu erzählen . Wie sie gleich gesehen : der Vater sei sterbenskrank . Aber die Mama wollte es nicht glauben und pochte auf seine gute Natur , die sich rasch erholen werde , und verschickte noch die Balleinladungen , weil sie doch schon ausgeschrieben gewesen seien und adressiert . Und dann kam Exzellenz von Czermack und sagte , es sei zu spät zum Operieren , es sei einer von den Fällen , wo von vornherein jeder Eingriff unmöglich gewesen sein würde . Und weiter erzählte sie , immer leidenschaftlicher , immer hinströmender im starken Gefühl und beschwingten Wort , eine , die lange hat schweigen müssen und nun endlich alles aussagen darf - wie sie ihren Vater kaum verlassen , nicht Tag noch Nacht , ob auch gleich die Wärterinnen und die Mama schalten und ihr Dortsein unnütz fanden . Und er habe sie manchmal erkannt und dann ihr zugelächelt . Und einmal habe er sie mit der Rechten zu sich herabgezogen - ganz schwach - sie habe aber gleich gefühlt , was seine Geste wollte . Er habe ihr etwas Wichtiges mitteilen wollen , nur mühsam habe er sich noch verständlich machen können und ihr zugeflüstert : » Schreibtischschlüssel nehmen - Briefe nehmen - verbergen - nicht Mama « - und die übrigen Worte wurden zu undeutlich - viele hatte er noch gemurmelt . - Aber Tulla wußte , was sie nun durfte und mußte : sie mußte den Schreibtischschlüssel aus dem Bund heraussuchen , das neben Papas Uhr auf dem Nachttischchen lag . Und sie durfte in seinem Schreibtisch stöbern , um irgendwelche Briefe zu finden , die er ihr und ihr allein anvertrauen wollte . - Es war ja Nacht . Die beiden Wärterinnen sahen , die eine stumpfsinnig , die andere ein bißchen interessiert zu , wie sie die Schlüssel nahm ... Mama schlief . Mamas Nerven konnten Nachtwachen nicht vertragen . - - Und da ging Tulla nach nebenan und drehte das Licht auf . Es war ihr schrecklich und unheimlich , so in Papas Sachen zu kramen . Ihr kam es dabei vor , als sei er schon tot . Und sie hoffte doch noch und hatte Exzellenz Czermack so dringend gebeten , Papa am Leben zu erhalten . Viel Geld sah sie , Gold und Silber , in einer offenen , in Fächer geteilten Kassette von grünem Draht . Ganze Bündel von Abrechnungen von Banken waren da . Ein großes Anschreibebuch . Und Briefe von Viktor und Harald . Die handelten alle von Bitten um Geld - Erklärungen über Geldverbrauch - Versprechungen . - Aber Tulla sagte sich : diese Briefe konnte Papa nicht gemeint haben , darin stand nichts , was Mama zu verbergen nötig war . Die Eltern stritten sich ja so oft vor Tullas Ohren über den Geldverbrauch von Viktor und Harald . Mama verzog und verwöhnte die Brüder an allen Ecken und Enden , aber wenn sie um Geld schrieben , ärgerte Mama sich doch , und Papa sagte , das sei inkonsequent . Dies alles erzählte Tulla mit einer Vertraulichkeit , die ihr dieser Frau gegenüber das natürlichste von der Welt schien . Und dann berichtete sie , daß sie endlich , ganz hinten , in einem alten Kasten ohne Deckel , diese Briefe , lose durcheinanderliegend , gefunden habe . Als sie dann den ersten , obersten las , da wußte sie es : die hatte Papa gemeint ! Sie trug den offenen Kasten in ihr eigenes Zimmer und verwahrte ihn dort in der kleinen Boulekommode , die ihr Papa zum letzten Geburtstag geschenkt . Dann legte sie das Schlüsselbund wieder neben Papas Uhr . Die Wärterinnen guckten erst sie und dann einander an . - Und Papa lag wieder wie schlummernd - so , wie er dann bis zuletzt gelegen hatte . Sie vermochte ihm nicht mehr zu sagen : es ist besorgt . Sophie saß erschüttert . Seine letzten klaren Gedanken hatten ihren Briefen gegolten - Gott allein wußte , was der Inhalt all jener weiteren Worte gewesen , die sein Kind nicht mehr verstand . Vielleicht dachte er auch an die Mappe und das , was sie enthielt , und sagte noch , geistesklar und willenskräftig , wem sie gehören solle . - Sophie ahnte wohl : mir ! Aber sein Körper war schon in Verfall . Wie oft hat ein Sterbender nicht mehr die Kraft , seinen allerletzten , klaren Willen auch klar auszusprechen . Wie tröstlich aber war es , zu denken , daß er in dem Wahn entschlummerte , sich noch verständlich gemacht zu haben . - Denn das Kind sagte es : auch den undeutlichen Worten habe sie mehrfach versprechend zugenickt : » Ja , Papa - ja - ja ... « Tulla fuhr dann fort : » Nicht wahr - Sie vergeben mir , daß ich die Briefe las - was konnte ich machen ? Ich hatte nicht den Befehl bekommen , sie zu vernichten . Es konnte doch sein , daß viel daran lag , daß die Schreiberin sie zurückerhielt ? « » Gewiß , « sagte Sophie , » gewiß . « » Ich dachte auch : Gott , wenn die Frau , die diese Briefe schrieb , nun von Papas Tod hört ! Wie schrecklich sie sich wohl um ihre Briefe ängstigt - wer die findet ! Wer die liest ! Und ich wollte ihr zu gern sagen : bloß ich . Und ich hab ' wohl verstanden : das ist was Schönes und Heiliges für Papa gewesen . Eine großartige Freundschaft ! « Was Tulla nicht aussprach , war dies : sie hatte aus der Art der Aufbewahrung den Schluß gezogen : Liebesbriefe sind es natürlich nicht . Sie dachte nicht an himmelblaue Bänder und Geheimfächer . - Das freilich nicht . Aber ein alter , deckelloser Kasten - das war ihr doch zu profan . » Die Frau , die mit Papa so befreundet war , die wollte ich doch gern auch liebhaben - nicht wahr ? Aber so viel ich auch las und mir ausdachte - bekannte Namen kamen ja vor - Anhalt gaben sie doch nicht . S - ich dachte : Selma , Sara , Sophie ? « » Nun haben Sie mich doch gefunden - und so rasch ? « sagte Sophie fragend . Das junge Mädchen antwortete nicht gleich . Sie sah auf den Gobelin - der wurde an der rechten Seite gefaßt und gehoben - Raspe kam herein . Und Tullas Gesicht bekam einen ganz hellen Ausdruck . » Oh , wir kennen uns schon ! « sagte sie und reichte ihm die Hand entgegen . Mit vollkommener Beherrschung der Situation - einer Gewandtheit , die im Gegensatz stand zu der vorhin gezeigten kindlich unreifen Art , sah sie nun Sophie lebhaft an und fragte : » Darf ich in Gegenwart Ihres Herrn Sohnes weiter erzählen ? « » Bitte . Raspe weiß um meine Freundschaft mit Ihrem Vater . Das gnädige Fräulein bringt mir meine Briefe an ihn . Ich bin ihr sehr dankbar . « » Heut mittag - das heißt , es war ja eigentlich noch vor Tisch - für uns - wir essen um vier - heut mittag waren Sie ja bei uns - lieferten Viktor eine Mappe aus mit Geld - davon sprachen die Brüder bei Tisch noch immerfort mit Mama - Sachen , wie in diesen Tagen endlos - das ist wohl so nach einem solchen Todesfall - Geld und die Erbschaft - aber Mama sagte , alles komme von ihr , sie sei die Besitzerin , und nun meinten die Brüder , dies andere Geld gehöre aber uns . Mama bestritt das . Sie wurden etwas heftig gegeneinander . « Sie schwieg einige Augenblicke . Und Raspe und seine Mutter achteten dies Schweigen , das ihnen schmerzlich schien . Sie fühlten , zart war im Trauerhause mit der Stimmung dieses holden Kindes offenbar nicht umgegangen worden . Vielleicht litt sie in Erinnerungen und verlor sich eben hinein - deshalb warteten sie stumm . Aber Tulla litt nicht eigentlich . Sie ärgerte sich nur nochmals und konnte das doch nicht erzählen - wie die Mama gesagt hatte : » Höchst eigenartige Geschichte . - Und welche Garantie hat man , daß es nicht ein paar Stück Konsols mehr waren ... « Da fuhr sogar Viktor auf und rief scharf : » Mama ! « Und Harald machte sein Gesicht . Sie seufzte aus Herzensgrund . Ach , wie war es schön , hier zu sitzen . Sie blickte mit freiem Auge Mutter und Sohn an und fuhr fort , lächelnd : » Mama und Viktor und Harald hatten sich alle drei furchtbar um das bißchen Geld - schließlich sagte Mama nämlich , es sei nur ein bißchen - und der Justizrat sollte entscheiden , wem es zukomme . Und Mama meinte , Viktor müsse doch sofort einen Besuch bei Ihnen machen , ehe er abreise . Petzold mußte das Adreßbuch hereinbringen . Und da suchte Viktor denn herum , bis er vorlas : Sophie von Hellbingsdorf , Porträtmalerin , und die Straße und das Haus . Sophie ! Ich fühlte auf der Stelle : sie muß es sein . - Und ich dachte : geh mal hin und frage . « - Nun war sie stolz und von einem glücklichen Wichtigkeitsgefühl ganz erhoben . Sie hatte den Wunsch des Sterbenden erfüllt . Und ihr achtzehnjähriges Herz war auch voll von einer jäh entstandenen Begeisterung für diese Frau , die ganz sicher der Inbegriff von allem Edlen und Hohen war . Allein schon , weil sie solchen Sohn hatte ... Sophie schloß sie noch einmal in ihre Arme - ebenso sehr aus Mitleid wie voll Dankbarkeit . Dann sprach Raspe davon , daß er unter gar keinen Umständen das gnädige Fräulein allein nach Hause gehen lassen , sondern sie heimfahren werde . » Darf ich noch etwas hier bleiben - ach , darf ich ? « bat Tulla . » Wenn Ihre Mademoiselle sich nicht ängstigt ? « » Fällt ihr gewiß nicht ein - wenn Mama sie nicht mehr braucht , geht sie todsicher noch aus - ihr Bräutigam wartet abends auf sie . - Das hab ' ich längst ' raus . - Und Papa ist ja nicht mehr da - wenn er irgend , irgend konnte , sah er abends noch nach mir ... « Sophie dachte daran , wie er gesagt hatte , er hoffe , sie könne seiner Tochter Wohltäterin werden . Und sie begriff , wie sehr diesem Kind eine mütterliche Freundin nötig war . Gewiß konnte Tulla dableiben - es paßte vortrefflich - draußen in der Pfanne briet ja festliches Geflügel , und Therese hatte eine köstliche Speise gemacht , bezüglich deren sie an dem Wahn festhielt , es sei Raspes Lieblingscreme , während er längst gleichgültig gegen Süßigkeiten geworden war . - Das erzählte sie voll Heiterkeit . - Und Tulla , die die Traulichkeiten und Niedlichkeiten einer so stillen kleinen Wirtschaft nicht kannte , wo das bißchen umständlichere Tafeln wegen eines lieben Gastes schon Freude bedeutet , Tulla fand alles entzückend und poetisch . Als Sophie ins Eßzimmer ging , um ein drittes Gedeck aufzulegen , und Raspe mit Tulla allein ließ , fühlte diese sich nicht befangen . Sie sagte : » Mir ist ganz wunderbar - so , als kenne ich Ihre Mutter schon ewig lang . Und ich komm ' mir hier ganz gemütlich vor ... « Raspe meinte : » Weil Sie wissen , meine Mutter kennt Sie aus den Erzählungen Ihres Vaters . « Tulla sagte : » Ihre Mutter hätte mich malen sollen . Ich lasse Mama keine Ruh - Sie muß Ihrer Frau Mutter den Auftrag geben ... « Sie stockte . Ihr fiel ein , Viktor hatte gesagt » Laß Dich bei der Frau malen , wie Papa es vorhatte - das ist denn so ' ne Art Belohnung - Porträtmalerin ! - Gott , die haben ' s meist sehr nötig - « Viktor war manchmal schrecklich plump . Durch die Wendung » Auftrag geben « und das plötzliche Verstummen fühlte sich Raspe irgendwie unangenehm berührt . Ihm ahnte , daß und wie man den Fall im Hause Rositz besprochen haben mochte - denn schon waren die Wände dieses Hauses wie Glas für ihn , und er sah darin einen Geist walten , der ihm gänzlich zuwider war - - » Meine Mutter « , sagte er kühl und mit jener etwas steifen Haltung , die er annahm , wenn er Verletzendes auch nur von fern witterte , » wäre nicht in der Lage , einen etwa dahinzielenden Wunsch jetzt zu erfüllen . Sie reist in den nächsten Tagen nach Hamburg und bleibt lange dort . « » Sie reist weg ! « rief Tulla in einem ganz naiven und offenkundigen Schreck . Hier kam Sophie herein . » Sie reisen weg ? « wiederholte Tulla . » Und ich dachte - weil ich Sie gefunden habe , dürft ' ich Sie oft besuchen - oh , das wär ' zu schön gewesen . Grade jetzt ... « Die nächste Zeit gähnte sie ja förmlich an . Was sollte sie nur anfangen ? Keinen netten , lieben Menschen wußte sie . Es war auch Sophie leid . Mehr , als sie aussprach . Als man dann zu dritt um den kleinen Tisch saß , fühlte Sophie geradezu Reue über ihren Hamburger Plan , der sich nun nicht mehr rückgängig machen ließ . Ihr war , als sei das nun ihre nächste , ihre Hauptpflicht , sich dieses Mädchens anzunehmen . Und sie sah ja auch - wie die dunklen Augen ihren Raspe anstrahlten - Fäden spannen sich da an - sie würden gleich wieder zerreißen , wenn nun jede Gelegenheit fehlte zum Begegnen . - Wenn ich doch wenigstens erst nach Weihnachten zu reisen brauchte , dachte sie . Weihnachten kam Raspe doch auf Urlaub . Aber Aufschub war auch undenkbar . Allert freute sich schon . Und die Senatorin Amster hatte schon Tag und Stunde der ersten Sitzung bestimmt . - Sophie spürte wohl , das war eine Dame von scharfer Pünktlichkeit , ein Programmensch ; man mußte sich auf sie einstimmen , wenn man durch sie Aufträge und Verdienst erhoffte . Und dabei verstärkte alles , was Tulla ganz offenherzig erzählte , in der mütterlichen Frau das Gefühl : sie braucht noch Anleitung , Herzlichkeit und viel Verständnis . Tulla klagte nicht , gar nicht , sie berichtete einfach . Man konnte denken , sie ahne nicht , wie viel ihr fehle . Zur Schule war sie nicht gegangen . Sie hatte mit Fiffi v. Samelsohn und Lille v. Parwitz zusammen Privatstunden gehabt , die Mütter der beiden waren Freundinnen von Mama , das heißt : gewesen . Wenigstens habe sich Mama mit Fiffis Mama erzürnt , und Mademoiselle sagte , es sei wegen des Barons Legaire , den die Samelsohn dem Jour der Mama abspenstig gemacht haben solle . Und Fiffi sei ihr verhaßt , denn alles wisse sie und könne alles besser , und wenn man sich mal freue , redete sie so rasend klug , warum es nicht der Mühe wert sei , sich zu freuen . Lille sei aber verboten dumm . Und dermaßen faul und eitel , und gäbe einem beständig zu verstehen , daß nur blonde Menschen das Recht hätten , schön gefunden zu werden . Warum sie eigentlich immer noch mit beiden verkehrte ? Was sollte man machen ? Die Mamas hatten einen noch nicht brauchen können . Allein mopste man sich tot . Ein Jahr waren sie auch alle drei in Pension gewesen , in einer rasend vornehmen englischen . Da habe man gelernt , sich in jeder gesellschaftlichen Lage absolut sicher zu benehmen . Nun hätte das Leben recht anfangen sollen . Aber jetzt war vorerst alles aus . Papa war dahin . Und man saß in tiefer Trauer . Da glänzten ihre Augen wieder in Tränen . Raspe sah sie durchdringend an . » Es tut Ihnen leid , daß Sie diesen Winter nicht tanzen und in die Welt können ? « fragte er langsam . » Ach nein , « sagte sie aufrichtig und tupfte sich die Tränen ab , » für mein ganzes Leben wollt ' ich wohl auf alles verzichten - wenn ich damit Papa nur lebendig machen könnte . Er fehlt mir furchtbar . Und ich weiß auch wohl : ich war sein Verzug - wenn er auch ganz verärgert war , mich ließ er ' s nie entgelten . Er hatte ja viel Aerger . Im Amt . Von der Presse - die wußte immer , wie er es anders hätte machen sollen , sagte er - von den Brüdern - Viktor , das ging ja noch , der hat auch so ' n strengen Oberst - aber Harald ! Mit Harald kann ich mich gar nicht vertragen . Wenn Sie nur wüßten , was er für ' n ekliges Gesicht machen kann ! Gerad so , als ob alles , was alle Anwesenden sagen und tun und denken , Unsinn und tief unter ihm sei . Papa wurd ' immer so gereizt durch das Gesicht , bloß Mama lachte ... « Wenn die offenherzigen Erzählungen des jungen Mädchens bei dem Wort » Mama « hielten , entstand eine Stockung im Gespräch . Sophie wußte wohl , warum sie dann stumm blieb . Sie kannte ja die Frau genau - nach und nach hatte der Mann sie ihr gezeigt . - Sophie wünschte , schonungsvoll , nicht von ihr mit der Tochter zu sprechen . Mit keiner einzigen Frage wollte sie das Kind nötigen , Ungünstiges von der Mutter zu erzählen . Tullas Gedanken kehrten zu Raspes Frage zurück . Mit einem Male sagte sie lächelnd und strahlend : » Solcher Abend - wie dieser - das ist doch schöner als Bälle und Theater . - Haben Sie mich ein bißchen lieb , wegen Papa ? « Und sie beugte sich vor , sah Sophie flehend und schmeichelnd in die Augen und küßte ihr dann plötzlich die Hand . » Gewiß . Nicht nur wegen Ihres Vaters . Um Ihrer selbst willen , « sagte Sophie gerührt . » Sehen Sie mich als Ihre mütterliche Freundin an . Wie gern will ich Ihnen helfen , das Leben zu nehmen . « » Das Leben zu nehmen « ... wiederholte sie nachdenklich und wußte nicht , was sie aus dem Wort machen sollte . » Könnte ich Ihnen doch eine Pflicht geben , eine Arbeit zeigen , einen Inhalt ... « Tulla faltete die Hände an der Tischkante und schüttelte im rötlichen Schein der Hängelampe ihren Kopf . » Hoffnungslos , « sagte sie mit dem anmutigsten Ausdruck , » kein Talent ! Fiffi will noch Kunstgeschichte treiben und später Kritiken schreiben und vielleicht Novellen . Lille hat ' ne Stimme , hoch wie ' ne Flöte - ich find ' ja , sie singt oft falsch , aber sie weiß kolossal Bescheid , wie all die großen Sängerinnen es eigentlich machen sollten . Ich kann nichts . Ja , wissen Sie , wenn ich eine ganz kleine Schwester hätte - das wäre reizend . Nicht ? Lille und Fiffi lachten sich halbtot , als ich das neulich mal sagte , und Fiffi schrie ... « Sie schwieg und wurde rot . Diese gräßliche Fiffi hatte erklärt , das sei » Mutterschaftsinstinkt « , so ' n Wunsch . - Nein , solche unpassende Aeußerung konnte sie nicht erzählen . Etwas scheu sah sie zu Raspe hinüber . Und da sah sie einen Blick voll leuchtender Wärme und Güte . Das machte sie ganz verwirrt vor Glück . Ein wunderbares Schweigen breitete sich aus . Es schien ganz voll von den herrlichsten Ahnungen . Das junge Mädchen wagte kaum zu atmen und hörte nur ihr Herz klopfen - ganz geschwinde - ganz geschwinde - als eilten alle Schläge einer unnennbaren Seligkeit entgegen . Sie sprang auf . Sie mußte jemand liebhaben , greifbar mit Küssen und Umarmung . Und deshalb fiel sie der Frau um den Hals , die ihre mütterliche Freundin sein wollte , und rief : » Papa müßte bei uns sein . « Dafür war die Frau ihr dankbar aus Herzensgrund . An dem dunklen Kopf vorbei suchte sie mit fragendem Blick das Gesicht ihres Sohnes . Und sie fand auf den sonst so beherrschten , männlichen Zügen einen Ausdruck von Weichheit und Feierstimmung , daß ihr beinahe ebenso bewegt zumute ward wie diesem aufgeregten Kinde . Ein wenig später mußte Frau Sophie leider daran erinnern , daß es gleich halb zehn sei , und daß sie durchaus wünsche , Tulla treffe noch vor zehn Uhr zu Hause ein , ganz gleich , ob dort jemand ihr Ausbleiben bemerke oder nicht . - Tulla erhob keine Einwendungen . Mit vollkommenem Gehorsam brach sie sogleich auf . Sie nahm mit leidenschaftlichen Dankesbezeigungen Abschied und bat , vor der Abreise nach Hamburg noch einmal vorsprechen zu dürfen . Auf dem Korridor nickte sie sehr freundlich der scharf aufmerkenden , diplomatisch dreinschauenden Therese zu , denn sie hatte gesehen , daß die ältliche Person hier eine Vertrauensstellung einnahm . Und in ihr war eine Stimmung , die sie antrieb , sogar der Dienerin den Hof zu machen . Gleich nachdem die beiden jungen Menschen die Wohnung verlassen hatten , lief die Mutter ans Fenster . Sie riß es auf , sie beugte sich in die Nacht hinaus . Der Schneeatem , der ihr kalt und klar ins Gesicht hauchte , ließ sie nicht frösteln . Wie aus der Vogelperspektive sah sie ' s : Da unten ging ein hoher Mann in stolzer , ruhiger Haltung , und neben ihm , mit ihrem breiten Hut , von dem noch rückwärts der schwere Krepp herabwallte , das schlanke Mädchen . Eigentlich konnte man die Wirkung ihrer Gestalten von hier oben durchaus nicht beurteilen . Aber Sophie dachte entzückt : sie sehen großartig nebeneinander aus . Auch als sie das Fenster wieder geschlossen hatte , weil sich die Davongehenden in der Straßenperspektive zwischen anderen Passanten verloren , auch da sah Sophie die beiden noch im Geist immer vor sich und sah sie mit zärtlichem Lächeln wie etwas schon Vereintes . Denn eine wundervolle Hoffnung war in ihr groß geworden , so jäh in die Höhe gestiegen wie die Pflanzen , die indische Fakire binnen wenig Stunden unter mystischen Verschwörungen aus einem Samenkorn hervorschießen lassen . Ihr heißer Wunsch war der Zauberer , der diesen herrlich grünenden Hoffnungsbaum so märchenhaft wachsen ließ , und Myrtenzweige durchrankten ihn . Sie war eine Mutter , die kraft ihres unvergessenen Weibtums alle Wonnen und Leiden junger Liebe nachempfinden konnte . Viel mehr als nachempfinden : für und mit ihrem Sohn sie selbst erleben - mit jedem Nerv spürend , was in diesen jungen Herzen vorging - . Und sie dachte inbrünstig : möchten sie sich finden ! Den Sohn verheiratet zu sehen und das Kind des verlorenen Freundes als Tochter in ihre Arme nehmen zu dürfen , war ihre dringliche Sehnsucht . Vergangenheit und Zukunft genoß ihre Phantasie . Sophie sah sich wieder als junge Frau , nach rasch ernüchtertem Liebeswahn bestrebt , doch noch irgendwie sich ein wenig Glück aufzubauen . Ihr Trost waren ihre beiden Knaben und das Leben mit ihnen in der stillen Zartheit der Natur . Wie liebten sie den tiefschattigen Garten , der sich an das Herrenhaus schloß . Auf den Treppenstufen seines Giebels saßen im Herbst die Raben , und wenn Allert sie zählen wollte , flogen sie schon , ehe die Zählung begonnen war , hinüber zu den drei Pappeln , die mitten auf dem Rasen im Garten standen . Sie liebten auch den Graben , dessen Wasser man nicht fließen sah , und der zwischen Krauseminze und Vergißmeinnicht stand . Ein Brett , auf Pflöcken ruhend , ragte über ihn hinaus