entstanden , daß sie alles Schreckliche , das es überhaupt gibt , erlebt habe . Jedes Traurige , das andere von sich erzählten , überbot sie sicher mit den eigenen Erlebnissen . Ihr Mann war nicht vier , sondern zehn Monate krank gewesen , sie hatte nicht nur Typhus , sondern zugleich Lungenentzündung gehabt ! - Abends , wenn sie ihre Arbeit getan , las sie in Zeitungen , die aus ihrem Lande kamen , die vermischten Nachrichten ; nur langsam , beinahe buchstabierend , kam sie dabei vorwärts , aber sie schwelgte in den Beschreibungen von Erdbeben , Brandunglücken , Stürmen , Schiffsuntergängen . All das erzählte sie weiter an Tschun . Anfänglich verstand er keine Silbe , aber täglich schnappte er ein paar Worte der fremden Sprache auf , und in erstaunlich kurzer Zeit konnte er sich ganz leicht mit der alten Französin verständigen . Die Taitai schenkte ihm ein kleines Lexikon und schrieb ihm Sätze auf , die sie ihn nachher überhörte , und Tschun lernte mit einer Leichtigkeit , die jeden an europäische Kinder gewöhnten Lehrer erstaunt hätte . Die Taitai war ganz stolz auf seine Fortschritte , aber die gelehrten fremden Herren der Gesellschaft erklärten geringschätzig : » Junge Asiaten scheinen häufig eine wunderbare Aufnahmefähigkeit zu besitzen , aber nach einiger Zeit kommen sie an einen toten Punkt , wo sich die ganze Uebermüdung ihrer erschöpften Rasse auf sie zu senken scheint und nichts Neues mehr in das blutleere Gehirn hinein will . « Tschun sah die Taitai sehr viel , denn sie hatte ihm allerhand kleine Pflichten übertragen , die ihn häufig in ihr Zimmer führten . Vor allem hatte er für den neuen kleinen Hund zu sorgen , der Tin chau genannt worden war , wie es einem Geschenk des hübschen weißen Herrn wohl anstand . Tschun mußte auch der Taitai Schreibtisch mit den tausend Nippessachen in Ordnung halten , die Pflanzen begießen , die Blumensträuße erneuern ; er servierte nachmittags den Tee , und als er erst die fremden Namen gelernt hatte , meldete er die Besuche an . Ging die Taitai malen , so trug er ihr die Sachen nach und reinigte nachher Pinsel und Palette ; beim Photographieren lernte er rasch , kleine Dienste zu leisten ; er schnitt die Seiten der vielen Bücher und Hefte auf , die jede Post brachte , er legte die Zeitungen nach Nummern . Und bei alledem fand Tschun Zeit , die Taitai selbst zu beobachten , denn sie erschien ihm als das Interessanteste in all dem Merkwürdigen , das er sah . Es war erstaunlich , was sie alles im Laufe des Tages tat ! Früh schon ritt sie mit anderen Fremden aus . Dann schrieb sie , malte , photographierte , musizierte . Zu allen Mahlzeiten kamen Gäste oder sie selbst war in eine der anderen Gesandtschaften geladen und wurde in der grünen Sänfte hingetragen . Zwischendurch kamen noch viele Besuche - am häufigsten wohl der weiße Herr , doch zuweilen auch der böse aussehende . Und alles , was die Taitai betrieb , sei es nun , daß sie Antiquitäten kaufte oder Anordnungen für Feste traf , geschah , als ob sie Eile habe und nach etwas suche . Dabei sah sie meist müde aus . Und Tschun wunderte sich , daß jemand , der so viel Geld besaß , sich so unnütz abmühte . Einmal frug er die alte Madame Angèle , warum die Taitai so schrecklich viel täte . Die zuckte die Achseln , seufzte und antwortete : » Sie will sich vielleicht zerstreuen , um zu vergessen . « » Was denn ? « frug Tschun . » Sie hat , ehe sie hierher kam , ihr einzigstes Söhnchen verloren , « antwortete Madame Angèle und setzte dann hinzu : » Ich habe drei Söhne verloren . Aber ich bekam durch den Tod meiner Kinder immer mehr Arbeit , für die Taitai dagegen heißt es seitdem nur immer mehr Amüsement . « Tschun , der nun schon gelernt hatte , daß das Beobachten zu seinem Beruf gehörte , bemerkte bald , daß die Taitai nur insofern von den anderen Fremden abstach , als sie tausenderlei Dinge mit gleichem Ungestüm betrieb , während die anderen meist nur eine Sache hatten , die sie mit Passion erfüllte . Tschun verstand auch allmählich , warum die älteren erfahreneren Boys gelegentlich wie eine unbestreitbare Tatsache erwähnten , daß die Fremden doch alle ein bißchen verrückt seien . Der Mann der Taitai , der gestrenge Ta-jen , war ganz anders als sie . Er hatte etwas Kaltes , Feierliches , als habe er nie gelacht und sei nie gerannt . Er war klein , grau und mager und reckte sich immer , als wolle er länger scheinen , als er war . Amtliche Würde und grüner Nephrit bildeten seine speziellen Marotten , und da die chinesischen Mandarine für diese beiden Dinge ebenfalls hohe Wertschätzung und Vorliebe haben , so war er ihnen der verständlichste , sympathischste unter den fremden Vertretern . Wenn Besuche zum Ta-jen kamen , empfing er sie immer in der gleichen geraden , aufrechten Haltung , die eine Hand auf der Tischkante ruhend , die andere zwischen die Weste und den tadellosen langen schwarzen Rock geschoben . So glich er dem Bild des Präsidenten seines Landes , das im großen Speisesaal hing . - » Ein Präsident « , sagten die Boys , » ist etwas Aehnliches wie ein Kaiser , nur nicht ganz so Nummer Eins . « - Der Ta-jen sprach stets langsam , als überlege er jedes Wort und als gäbe es nichts Unwichtiges auf der Welt . Am langsamsten und gemessensten sprach er mit seiner Frau . Es war , als träufle er Oel auf erregte Wogen , aber Tschun schien es , daß dieses Verfahren , statt die Taitai zu beruhigen , sie nur rastloser mache . Die Boys kannten all die Eigenheiten der verschiedenen Fremden , und sie hatten ihnen allen Spitznamen gegeben . Sie besprachen den Geiz des einen und die Heftigkeit des anderen , verglichen , in welchem Haushalt die größten Nebenprofite unbemerkt gemacht werden konnten , und erzählten sich untereinander die geheimen Geschichten gegenwärtiger und früherer Herrschaften , - und Tschun , der früh reif war , wie jedes orientalische Menschenkind , schnappte es alles begierig auf . Aber neben all ihren oft komischen , oft unverständlichen Eigentümlichkeiten blieb doch immer das eine , daß niemand diesen großen ausländischen Mandarinen vorwerfen konnte , ihre Stellung zu persönlicher Bereicherung auszunutzen . Darin schienen sie ganz anders zu sein als die chinesischen Würdenträger . Wenn die Ta-jens der verschiedenen fremden Gesandtschaften sich feierlich in grünen Sänften mit Vorreitern ins Tsungli-Yamen tragen ließen und dort die Reklamationen irgendeines in China beeinträchtigten Landsmannes beinah heftig vertraten , oder die Erteilung einer der vielen begehrten Konzessionen ungestüm für ihn forderten , so handelte es sich dabei nie um irgend einen eigenen Vorteil . Tschun erfuhr , daß sie das alles zur Verbreitung höherer Zivilisation täten . Das war ihm ein ganz neuer Begriff . Wenn nun aber der eine der großen fremden Herren etwas im Tsungli-Yamen erreicht hatte , ärgerte sich sicher einer der anderen darüber , und das freute den ersten . Dann begann sicher gleich der zweite , nun seinerseits große Anstrengungen zu machen . Es erinnerte Tschun an die Wettrennen der Fremden , die weit außerhalb der Mauern Pekings auf einem großen freien Platz gehalten wurden . Er war mit Kuang yin und den anderen Boys einmal hinausgefahren , um beim Servieren der großen Mahlzeit zu helfen , die die fremden Herrschaften draußen einnahmen . Dort waren die jungen Herren in bunten seidenen Jacken und Mützen wie wild drauflos geritten und hatten auf ihre mongolischen Ponies tüchtig gehauen , weil jeder der erste sein wollte . Bei dem einen Rennen war der hübsche Herr , der auch diesmal Weiß trug , der erste gewesen , und der Böse , der wahrscheinlich auch gern den Preis gewonnen hätte , sah darob besonders böse aus . Ja , so ähnlich mußte es mit dem zivilisatorischen Wettbewerb der Fremden in China wohl auch sein , nur daß dies Rennen nie aufhörte , weil immer neue erstrebenswerte Ziele winkten . Die meisten Leute , wie der greise Großonkel Lin te i , fanden freilich , daß China den Fremden schon viel zu viel zugestanden hätte . Doch die Ta-jens sagten , daß das alles ja gerade zum Besten Chinas selbst führen würde , das sich in einem beklagenswerten Zustand der Rückständigkeit befände . Es sollte ja durch sie Eisenbahnen erhalten , mit denen man so rasch wie der Wind von einem Ende des Landes zum anderen fahren und Proviant in diejenigen Provinzen bringen könne , wo gerade die alljährlichen Hungersnöte herrschten ; auch wollten sie in der Erde nach Kohle suchen , mit der dann auch ganz arme Menschen winters heizen und warm haben könnten ; und starke neue Kriegsschiffe sowie furchtbare Kanonen und Gewehre wollten sie China aus ihren großen Vorräten daheim verkaufen und von ihren vielen eigenen Militärmandarinen die besten schicken , um den Chinesen zu zeigen , wie man diese Waffen gebrauche . Ja , sogar Geld wollten sie China leihen . Tschun aber dachte , ich hatte doch recht , diese Fremden sind wahrlich bessere Menschen : ihre Priester haben uns den wirklichen lieben Gott gebracht , und diese weltlichen Herren wollen uns nun auch noch all die übrigen guten Dinge bringen . Sicher wird es einmal sehr schön werden . Wenn es nur recht schnell ginge ! Und Tschun begann in den Mußestunden , die ihm der Dienst bei seiner fremden Herrschaft ließ , dem Zustand seines eigenen Landes nachzuforschen . Er hatte davon früher wenig gewußt , aber er war ja auch nur ein kleiner Junge gewesen . Jetzt erfuhr er , daß es seit einiger Zeit eine ganze Partei von Chinesen gäbe , die auch fanden , daß es um China schlecht bestellt sei , und die es ebenfalls sehr eilig hatten , allerhand Neuerungen einzuführen . - Diese Gedanken hatten zuerst Leute aus dem fernen Süden Chinas mitgebracht , wo man viel mehr als in Peking mit den Fremden zusammenkommt . Von denen hatten sie wohl auch den Begriff des Patriotismus gelernt , ein Wort , das Tschun vorher noch nicht vernommen hatte , und nun wollten sie als gute Patrioten alles im Lande bessern . Man nannte sie die Südpartei . Sie hatten auch schon eine Menge Leute in Peking für ihre Ideen gewonnen , auch unter den Literaten und großen Herren , aber im ganzen standen ihnen die Mandschus doch recht mißtrauisch gegenüber , denn sie fürchteten , daß ihnen , die doch die herrschende Rasse waren , von den schlauen Südländern allerhand Vorrechte weggenommen werden könnten . Die so dachten , nannte man die Nordpartei . Am deutlichsten zeigte sich der Gegensatz bei den alljährlichen großen Staatsexamen , in der klassischen Weisheit , da wollte jede der beiden Parteien für die Kompetitoren ihrer Seite die meisten und höchsten Preise erlangen . Bei den letzten Examen hatten stets die Südländer gesiegt , und ihre Anhängerzahl war dadurch sehr gestiegen . Darob ärgerte sich die Nordpartei . Ueber all diese Dinge hörte Tschun die chinesischen Lehrer sprechen , die alltäglich in die Gesandtschaft kamen , um den Dolmetschern Stunden zu geben und ihnen beim Schreiben der Briefe an das Tsungli-Yamen zu helfen , denn diese Herren waren ja selbst Literaten und interessierten sich infolgedessen sehr für alles , was mit den klassischen Examen zu tun hatte . - Sie gingen auch viel in die Teehäuser und kannten alle Gerüchte , von denen da gemunkelt wurde . Sie erzählten , daß bisher der greise Prinz Kung , ein Verwandter des Kaisers , zwischen beiden Parteien weise vermittelt habe , aber der war nun tot , und seitdem hatten sich die Gegensätze noch sehr verschärft . Führer der Südpartei war der Gelehrte Weng tung ho , der früher den jetzt regierenden jungen Kaiser Kwang Hsü im Palast » zur glücklichen Erziehung « unterrichtet hatte und der seither viel Einfluß auf seinen einstmaligen Schüler besitzen sollte . Ihm stand als Führer der Nordpartei der ebenfalls sehr gelehrte Hsütung gegenüber . Der war der Lehrer des vorherigen Kaisers Tungtschi gewesen , des Sohnes der alten Kaiserin-Witwe Tzü Hsi , und es hieß , daß er viel bei dieser gelte . Nach diesen Freundschaften der beiden Allerhöchsten im Lande belegte man die Nördlichen mit dem unehrerbietigen Spitznamen » Alte-Mutter-Sippe « , die Südlichen dagegen nannte man » Kleine-Knaben-Sippe « . Tschun hielt es in seinem Herzen mit den kleinen Knaben . Die standen ihm ja auch näher . Dabei war er erstaunt , zu sehen , daß die fremden Gesandten diesen Strömungen merkwürdig gleichgültig gegenüberstanden , obschon die Südpartei eigentlich lauter Dinge einführen wollte , die sie selbst seit Jahren anempfohlen hatten . Aber es war beinah , als hätten die Fremden allmählich eine Erweckung Chinas als aussichtslos aufgegeben und sich mit den Zuständen abgefunden , wie sie nun einmal waren . Mit praktischem Sinn nahmen sie von den zwei ringenden Gruppen nur insofern Notiz , als sie zu ergründen suchten , zu welchem ihrer eigenen Länder jede der beiden Parteien neige , und wem sie daher den Sieg wünschen sollten . Die chinesischen Lehrer meinten , daß die Nördlichen es mit Rußland hielten , dessen Gepflogenheiten und Regierungsmethoden ihnen wohl am verwandtesten erschienen , während die Südlichen eine Anlehnung an das fortschrittliche Japan wünschten sowie Einführung aller dort angenommenen Reformen . Die Entscheidung über all das stand bei dem jungen Kaiser . Mehr noch vielleicht bei seiner Tante , der alten Kaiserin-Witwe Tzü Hsi , deren Name » die Mütterliche « und » Glückverheißende « bedeutet . Offiziell freilich kümmerte sie sich nicht mehr um Staatsgeschäfte , sondern hatte die Regentschaft niedergelegt und dem Kaiser die Regierung übergeben , und seitdem lebte sie , wie sie es selbst in gelegentlichen Edikten nannte , » in der tiefen Abgeschlossenheit « ihres Palastes I ho yüan , » der dem vom Himmel gesandten Alter Ruhe und Frieden Spendende « . Wunderdinge hörte Tschun von den prunkvollen Theateraufführungen und den Bootfahrten auf dem Kung Ming See , mit denen sie scheinbar ihre Tage verbrachte . Aber in Wirklichkeit , so wurde gemunkelt , war sie , die des Herrschens Langgewohnte , der Untätigkeit müde und neidete dem Neffen die Wonne der Macht . Neidete sie um so heftiger , als sie mehr und mehr in ihm den Gegner erkannte . Schon in den Tagen seiner Kindheit sollte das begonnen haben , als er ihr offensichtlich die sanfte Mitregentin Tzü Ann vorzog , die dann , wie so manche derer , die Tzü Hsi im Weg gestanden , ebenso plötzlich wie opportun gestorben war . Tzü Hsis Schwester , die Kwang Hsüs Mutter gewesen , war dann noch manchmal vermittelnd zwischen beide getreten , aber auch sie hatte den Drachen zur weiten Reise bestiegen , und seither waren die Fäden zerrissen . Und wenn Tzü Hsi einstweilen auch noch nicht mit offenkundiger Feindschaft hervortrat , so empfand man doch ihre Gegenwart dunkel hinter allen Dingen , und man ahnte , daß sie nicht zaudern würde , sich in kritischer Stunde das Recht der endgültigen Beschlüsse mit starkem Griffe wieder anzueignen . Allmählich gestaltete sich vor Tschun ihr Bild zu der Vision eines von den Schauern des Geheimnisvollen umgebenen Wesens , einem Wesen , das noch hoch über dem Kaiser thronte . Denn er , der Sohn des Himmels , mußte ja , bei den religiösen Zeremonien der höchsten Festtage , sich neunmal vor ihr , der als » alter Buddha « Verehrten , anbetend niederwerfen . So konnte es Tschun in der Pekinger Zeitung beschrieben lesen . - Stückweise , aus begierig aufgeschnappten Worten , stellte er sich die ganze Geschichte ihrer langen Regentschaft zusammen . Die war voll von spannendsten Momenten , wo alles von ihrem eisernen Willen , ihrer stets bereiten Entschlußkraft abgehangen hatte . Aller Feinde , aller Schwierigkeiten war sie stets Herr geworden , oft durch die grausigsten Mittel . Aber dafür verstand sie es auch , sich Anhänger zu erwerben , denn nie versäumte sie , es denen zu lohnen , die treu zu ihr gestanden . Sie hielt es offenbar mit Konfuzius , der sagt : » Wie sollte man denn Wohltaten lohnen , wenn man das Böse mit Gutem vergelten wollte ? Man soll das Böse mit Gerechtigkeit und nur Wohltaten mit Wohltaten erwidern . « Das aber , was Tzü Hsi in Fällen , wo sie sich beeinträchtigt oder gar gefährdet dünkte , Gerechtigkeit nannte , war Ausrottung des Gegners auf die schnellste , sicherste Art. Ein unheimliches Gruseln kroch Tschun am Rücken entlang bei allem , was er von der Gewaltigen hörte . Er konnte kaum glauben , daß solch ein Wesen wirklich lebe . Es klang alles wie ein schauerliches Märchen . Und doch wünschte er sich sehr , sie nur ein einziges Mal zu sehen . Inzwischen ward es Sommer . Die Lotosblätter , die an hohen Stielen aus den Teichen stiegen , hatten sich aufgerollt zu breiten grünen Schirmen , und zwischen ihnen standen die ersten großen rosa Traumesblüten . Aber in den Straßen wateten die Menschen durch fußtiefen Staub ; allerwärts stiegen ekle Gerüche auf , die des Winters Eis gnädig verborgen hatte , und über der ganzen Stadt lagerte eine schwere Schicht schwülen Dunstes . Da beschloß die Taitai dem schmutzigen Käfig , wie sie Peking nannte , zu entfliehen und für die heißesten Wochen einen der Tempel zu beziehen , die die Gesandtschaften alljährlich in den nahen Hügeln als Sommerwohnung zu mieten pflegten . Tschun sollte auch mitkommen . Vorher ging er sich von den Verwandten mit vielen Verbeugungen zu verabschieden . Beim greisen Großonkel Lin te i fand er verschiedene der Vettern versammelt . Auch sie sprachen von den beiden sich bekämpfenden Parteien . Wang pao , der fortschrittlich Gesonnene , las gerade mit merklichem Behagen dem halb blinden Großonkel die in den letzten Tagen erschienenen kaiserlichen Edikte vor . Kwang Hsü sprach darin zum erstenmal öffentlich die Notwendigkeit von Reformen aus . Er sagte : » Schaut auf die Not der Zeit und die Schwäche des Reiches . Wie können wir je den Abgrund überschreiten , der die Schwachen von den Starken scheidet , wenn wir fortfahren wie bisher ? Unsere Armee ist undiszipliniert , die Finanzen sind zerrüttet , die Schüler unwissend , die Handwerker ungeübt . « Und gleichsam um sich im voraus vor Gegenwart und Vergangenheit zu rechtfertigen , hieß es weiter : » Auch die tugendreichen Herrscher des fernen Altertums hielten nicht immer mit starrem Eigensinn fest am Gewohnten , sondern waren bereit , sich dem Wechsel der Zeiten anzupassen - wie wir ja auch im Sommer Grasleinen und winters Pelze tragen . « Und nach diesen schönen allgemeinen Sätzen kam ein ganz bestimmter Vorschlag : der Kaiser Kwang Hsü empfahl nämlich , daß Mitglieder des kaiserlichen Clans , ja sogar Prinzen von Geblüt zum Studium nach Europa reisen möchten ! Lin te i war bei diesen Worten zuerst wie erstarrt . Alle Grundlagen bisheriger Weltordnung schienen ihm bei solchem umstürzlerischen Vorschlag zu wanken . Dann sagte er : » Bei aller Ehrfurcht vor Kwang Hsü , unserm Vater-Mutter , aber er sollte doch bedenken , daß schon Mencius lehrt : Wir haben wohl gehört , daß chinesische Weisheit benutzt worden ist , um Barbaren zu erleuchten , nie jedoch , daß China von den Barbaren Licht empfing . « » Wer mag den Sohn des Himmels wohl so beeinflussen ? Ist es der gelehrte Weng tung ho ? « frug ein Vetter . Da antwortete Sin schen , der Weitgereiste , der immer alles wußte : » Nein , der ist es nicht , aber einer , den er empfahl . Ein neuer Mann aus Kanton , Kang yu wei heißt er . « » Natürlich , « brummte Lin te i , » wieder einer aus dem südchinesischen Heuschreckenschwarm , der sich über uns ergießt . Ich habe gehört , daß es in Kanton so viel Menschen gibt , daß sie auf dem Lande keinen Platz mehr finden und darum in Böten auf dem Flusse leben müssen . Nun kommen sie zu uns und bringen gar noch alle ihre neuen Ideen mit . « » Kang yu wei soll schon großen Einfluß beim Kaiser gewonnen haben , « fuhr Sin schen wichtig fort , » er bringt ihm Uebersetzungen von den Büchern der Fremden und soll ihm empfohlen haben , einen ihrer Herrscher nachzuahmen , den sie Peter den Großen nennen . « » An der göttlichen Mutter Tzü Hsi hätte er doch wahrlich Vorbild genug , « unterbrach ihn Lin te i , aber Wang pao zuckte die Achseln und sagte bedeutsam : » Na , wenn nur die Hälfte von dem wahr ist , was man so gelegentlich über Tzü Hsi hört ! « » Hüte Deine Ohren und Deine Zunge , Vetter Wang pao , « erwiderte Sin schen , » denn Tzü Hsi erfährt schließlich alles . Das hab ' ich erst jetzt wieder gemerkt . Ihr wißt ja , ich mache manchmal Geschäfte mit dem Obereunuchen Li lien ying ... « » Das steigert Dein Ansehen sicher mehr , als es Deinen Beutel füllt , « unterbrach ihn Wang pao , und alle lachten , denn im ganzen Lande war der allmächtige Li lien ying gefürchtet wegen seiner Erpressungen und der Privatsteuer , die er von groß und gering erhob . Doch Sin schen erzählte unbeirrt weiter : » Da hab ' ich denn also ganz beiläufig erfahren , daß Li lien ying seine Leute sogar im Palast des Kaisers hat , und von allem , was sie ihm hinterbringen , erhält die göttliche Mutter sofort Nachricht . « » Ob sie da wohl immer die lautere Wahrheit erfährt ? « sagte ein anderer Vetter . » Li lien ying färbt alle Nachrichten nach seinem Belieben , und den Kaiser malt er ihr sicherlich schwarz . Man weiß doch , daß er seit Jahren Kwang Hsü wenig gewogen ist und ihm Schwierigkeiten bereitet , und ihn zu demütigen trachtet , wo er nur kann . Er soll ihn ja sogar mit Vorliebe am Eingangstor zu Tzü Hsis Palast warten lassen und von ihm Eintrittsgebühr erheben wie von den Bittstellern , die sich der gnadenreichen Gegenwart nähern wollen . « » Ja , dieser kleine Schuster hat es wahrlich weit gebracht ! « sagte Wang pao , und wieder lachten alle , denn es war der Spitzname , den Li lien ying trug , weil er in seinem Heimatsdorf als Knabe Lehrling bei einem Flickschuster gewesen war , ehe er das einträglichere Gewerbe ergriffen hatte , » seine Familie zu verlassen « . » Daß er den Kaiser jetzt weniger liebt denn je , ist übrigens begreiflich , « sagte Sin schen , » er muß natürlich befürchten , daß die Reformen seine Macht brechen werden und am Ende gar sein ehrenwerter Beruf bei Hof überhaupt abgeschafft werden könnte . « » Das wäre ein Segen ! « rief Wang pao . Und niemand widersprach ihm , nicht einmal Lin te i , der sich vielleicht entsinnen mochte , daß schon Konfuzius über die Verderbtheit der Palastwächter klagte und ihrem entnervenden Einfluß den Niedergang der Chou-Dynastie zuschrieb . Tschun wäre gern länger verweilt , denn die Vettern erzählten weiter von Li lien yings Geldgier und Anmaßung , und wie ihm beinah kaiserliche Ehren erwiesen würden , wenn er durchs Land reiste , um für die Gebieterin Tribut einzusammeln , von dem er dann stets ungeheure Summen in die eigene Schatzkammer abzuführen wußte . Doch es war nun Zeit , daß er aufbreche , und so beugte er denn ehrfurchtsvoll das Knie vor diesen vielwissenden älteren Verwandten . Die Uebersiedlung der Taitai in die Berge gestaltete sich zu einer Art Völkerwanderung . Bei Morgengrauen schon dirigierte Kuang yin den Aufbruch der Kulis , die in Karren , auf Maultieren und den eigenen Rücken alles das hinausschaffen mußten , was fremde Herrschaften für einen Landaufenthalt nun einmal unentbehrlich erachten . Und das war nicht eben wenig . Dann folgten Koch und Boys , und da kein Bediensteter in China so arm ist , daß er nicht einen ärmeren Verwandten hätte , der für ihn gegen kleinstes Entgelt seine rechtmäßige Arbeit täte , so waren sie wiederum begleitet von ihren Klienten . Es war ein ganzer Troß ! Vorräte an Konserven und Getränken mußten mitgenommen werden und auch Körbe voll erregt schnatterndem und gackerndem Geflügel , um nicht auf das Geringe angewiesen zu sein , was etwa von den die seltene Konjunktur ausnutzenden Dorfbewohnern draußen gegen phantastische Preise zu haben sein würde . Im Maultierkarren fuhr dann Madame Angèle samt Tin chau , einer Handnähmaschine und den tausenderlei Dingen , die der Taitai im letzten Augenblick noch als unumgänglich notwendig erschienen waren . Später setzte sich der Ta-jen in Bewegung , d.h. eigentlich taten das die Kulis , die schwingenden Schritts seine grüne Sänfte trugen ; er selbst saß feierlich ernst darinnen , wie es einem Mann in Amt und Würden zukommt . Den Schluß endlich bildete die Taitai selbst zu Pferde und begleitet von etlichen jungen Herren , die nun mal wie alles übrige zu den lang gewohnten Lebensrequisiten gehörten und wie diese , solange sie vorhanden waren , nicht sehr beachtet , sondern als selbstverständlich hingenommen wurden , abwesend jedoch nicht leicht zu missen waren . Es war eine Erlösung , aus der Stadt der tausend üblen Düfte herauszukommen . Kaum hatte man sich durch das wirre Gewühl von Menschen und Tieren hindurchgequetscht , das sich in den tiefen Toren der dräuenden Stadtmauer staute , so atmete man erleichtert eine reinere Luft . Grün lag die wohlbebaute Ebene , die vieltausendste Ernte in stets erneuter Geduld auf fettem Boden tragend und nährend . Und mochte der Kaiser Kwang Hsü es nun mit der Partei des Nordens oder Südens halten , sicher schien , daß dem Himmel die Opfer seines kaiserlichen Sohnes in diesem Jahre wohlgefällig gewesen waren , denn er hatte rechtzeitig den nötigen Regen gesandt , und überall trieb und sproß es , und in den endlosen Hirsefeldern drängten sich dicht die hohen , starken Halme . - Allerwärts sah man Leute arbeiten , und ihre nackten , gebräunten Oberkörper glänzten in der Sonne . Kräftigeren Baues waren sie als die in der dunstenden Stadt zusammengepferchten und auch von freundlichharmloserer Gemütsart schienen sie zu sein , denn statt Schimpfworte riefen sie den Fremden den üblichen chinesischen Tagesgruß entgegen : » Habt Ihr Reis gegessen ? « Grau lagen die Dörfer inmitten der wogenden Felder ; viel reinlicher als die große Residenzstadt waren sie , und die langen Ranken der Kürbisse umspannen schmückend das Gemäuer . Die Schönheit der Ebene aber bildeten die zahllosen Haine alter Bäume , die verstreut in ihr lagen . Sie kennzeichneten stets einen Begräbnisplatz . Und Tschun dachte bei ihrem Anblick : Wir Chinesen wohnen doch eigentlich viel schöner und geräumiger nach unserem Tode , als solange wir lebendig sind . Auch wird uns gelehrt , die Rücksicht auf einen Toten stets der Sorge für einen Lebenden voranzustellen . Aber vielleicht ist das sehr weise , denn das Totsein dauert ja so viel länger . Der Tempel » der unendlichen Stille « , den die Taitai gewählt , gehörte zu den vielen , die die frommen Kaiser der Ming-Dynastie und die ihnen folgenden ersten Tatarenherrscher allerwärts in den waldigen Schluchten der westlichen Berge errichtet haben . Mit ihren grünen oder goldgelben Kacheldächern und purpurn getünchten Mauern liegen sie wie bunte Ostereier versteckt zwischen dem hellen Laub der geschwätzig säuselnden Pappeln und dem dunklen Grün der ernsten , stillen Zedern . Zwei große steinerne Ungeheuer hüteten den Eingang mit einem jahrhundertalten Grinsen . Dahinter stiegen Terrassen empor , auf denen die Klosterbauten , die weiten Hallen der verschiedenen Götter , die Glockenhäuser und der eigentliche Buddhatempel sich erhoben . Gekrönt war das Ganze mit einer schneeigen Pagode , dem Grabdenkmal eines besonders heiligen Abtes . Von dort oben plätscherte eine Quelle herab , die auf den verschiedenen Abstufungen zwischen seltsam geformtem Grottengestein Teiche bildete und den Ankommenden den lang entbehrten Klang fließenden Wassers zur Begrüßung entgegensandte . Für die fremden Herrschaften waren Priesterzellen und verschiedene Pavillons gemietet worden , und diese sonst asketischer Weltabgewandtheit geweihten Räume hatten die Boys mit flinken Fingern schon ganz verwandelt und zu einem einzigartigen , halb chinesisch-kuriosen , halb modern-europäischen Aufenthaltsort gestaltet , nicht unwürdig der schönen und so gar nicht asketischen Frau , die hier nun ihren Einzug hielt . Der Koch hatte sich sein Reich bereits eingerichtet , wo er auf einem primitiven Backsteinherd und unter dem Schutz eines Bildes des Küchengottes alle die Gerichte und Saucen herstellen würde , deren Rezepte ein vor vielen Jahren von einem Gesandten importierter französischer Koch den Pekinger Köchen als kostbares Vermächtnis hinterlassen hat . Auch Madame Angèle hatte sich in einer Mönchszelle niedergelassen , Modebilder und Schnittmuster an die Wände geheftet und die Nähmaschine aufgestellt , die nun eine recht weltliche Begleitung schnurren würde zu dem Knarren der Gebetstrommel und den Gesängen der Priester . Denn , neben all diesen zufälligen und vorübergehenden , waren da ja auch noch die rechtmäßigen , bleibenden Bewohner des Klosters » zur unendlichen Stille « . Ihr gelehrter Abt weilte freilich meist in Peking , war aber jetzt für den Sommer auch wieder zurückgekehrt , angezogen vielleicht durch die Gegenwart der alten Kaiserin im nahen Sommerpalast . Die übrigen Priester sah man mit geschorenen Häuptern und altem Wachs gleichenden Gesichtern in ihren blauen oder gelbbraunen Gewändern leise über die Steinhallen der weiten Höfe gleiten . Am Eingang der dämmernden Hallen standen sie bisweilen , traumverloren lehnend an einer der wuchtigen Lacksäulen , die das schwere bemalte Gebälk und die hohen , geschwungenen Dächer tragen . Und