zu : » Mein Bauer ist heimgekommen , jetzt kannst ihm Botschaft sagen . « Marimpfel schlug mit der Faust auf den Tisch . » Die soll er sich holen ! Der ! Wo ich sitz , das siehst . Da kannst es ihm sagen . Fahr ab ! « Der Knecht verschwand . Die am Tische guckten . Und verwundert sah Malimmes den Bruder an , beugte sich zu ihm hin und tuschelte : » Du ! Es wird dir doch so ein Tröpfl Wein nit den Kopf verdösen ! Hast mir nit gesagt , du hättest eilfertigen Herrendienst ? Mensch , tu verständig , was deines Amtes ist ! « » Was meines Amtes ist , das weiß ich schon ! « Marimpfel wurde verdrießlich . » Das weiß ein Herrschaftsreiter besser wie du , Herr Baurenfreund ! Schau deine lieben Knospen an der Tafel an ! Die gluren auf deine Possen - « » Bruder ! « » Wie Kinder in der Fasnacht auf die Schembarter ! Erzähl doch ! Erzähl ! Wie ! hat ' s denn gegangen mit dem dritten Strick ? « Auch die Ungeduldigen am Tische riefen : » Erzähl ! Erzähl ! « Malimmes sah den Bruder schweigend an . Dann legte er sich mit breiten Ellenbogen über die Tafel . » Also , die Ulmer haben mich hopp genommen ! Und flink hat ' s da geheißen : Ans Rappenholz , der Lump muß hängen ! Aber der Ulmer Meister vom letzten Hanf ist ein junges Schaf gewesen . Hat gemeint , er verstünd was , und hat seine nötige Kunst traktiert wie der Sautreiber die Nachtigall . Und weil er allweil so dröselt an mir und bringt die Sache nit füreinand , da ist mir die Geduld vergangen . Und ich schlag dem Hammel eine Maulschelle über den Schnabel . Und schrei : Du ! Richten muß flinke Barmherzigkeit sein . Komm her , du Lapp , ich will dir zeigen , wie man ' s macht ! Da geht ein lustiges Lachen durch den Leuthaufen , der um uns her gewesen ist . Die Schwaben sind ein verständigs Völkl . Ein Sprüchl sagt : Der Schwab ist froh , und ist er arm , so tanzt er noch mit leerem Darm . Und wie die Leut so lachen , streckt sich ein junges , sauberes Maidl in die Höh und schreit : Um den wär schad , den sollt man gnadigen . Und hundert Mannsleut schreien es gleich dem Maidl nach . Und richtig ! Die Ulmer haben mich laufen lassen . « Am langen Tisch erhob sich ein glückseliges Gelächter . Und Malimmes , während er gemütlich mitlachte , sagte zu Marimpfel : » Jetzt nimm mich in die Lehr , Herzbruder ! Wärst du auf dem Ulmer Schrägen gestanden , wie hättst es denn du gemacht ? « Was Marimpfel brummte , war bei dem heiteren Rumor der Tafelrunde nicht zu hören . Die blonde Magd hatte ein heißes Gesichtl und lachte : » Für das schwäbische Maidl bet ich heut nacht drei Vaterunser ! « Und viele sprangen von den Stühlen und Bänken auf , vergaßen das Selchfleisch und die billige Bitsche , drängten sich um Malimmes her und wollten aus nächster Nähe hören , wie die Geschichte des vierten Strickes ihr glückliches Ende finden würde . » Das ist in Landshut gewesen , vor dritthalb Jahr « , erzählte Malimmes , » und Landshut , Leut , das ist eine gefährliche Stadt . Da haben einmal die Wolf den Schultheiß auf offenem Markt gefressen . Die Landshuter haben zugeguckt aus ihren Fenstern . Und wie der Ärmste gefressen war , hat ein barmherziges Kindl gesagt : Der Schultheiß ist mager gewesen , die lieben Wolf lein müssen noch Hunger haben . Im selbigen Landshut , in so einer gefährlichen Stadt , hätt ich schier mein Leben lassen müssen . Da haben wir Nüremberger , nit weit von Regensburg , einem Ritter die Burg gebrochen . Der ist mit dem Landshuter Herzog Heinrich im Bund gewesen . Auf dem Heimweg hab ich mit zwölf braven Gnoten die Nachhut gedeckt . Wir kommen zur Donau . Die zwölfe hocken schon im Fährboot . Da sprengt ein Häufl von des Herzogs Reitern auf uns ein . Ich stoß das Fährboot ins Wasser und will nachspringen . Aber weil mein Binkel ein lützel schwer gewesen ist , bin ich zu kurz gesprungen . Das Fährboot rinnt davon , ich platsche ins Wasser hinein , und die Landshuter greifen mich . « » Jesus ! « stammelte die blonde Magd erschrocken . Und das magere Bäuerlein kreischte : » Gänsl , dummes ! Ist ihm doch nichts geschehen ! Er hockt doch bei uns und lacht . « » Aber selbigmal ist mir nit zum Lachen gewesen . In meinem Binkel haben sie fünf goldene Becher und viel schönes Geschmeid gefunden . Drum haben sie mich mitgezarrt bis auf Landshut . Zwischen den Nürembergern und des Herzogs Räten hat ' s eine endsmäßige Schreiberei um mein Leben abgesetzt . Und derweil sie viel gutes Papier verdorben haben , bin ich zu Landshut vom Juli bis zum Jänner im Turm gehockt . Selbigsmal hab ich min ein bayrisches Mäusl dressiert . Ist mir ein lieber Gesell gewesen bis zum Heiligdreikönigstag , an dem mir die Landshuter den Stab gebrochen haben . Am letzten Morgen hab ich mit dem bayrischen Mäusl noch meine Himmelfahrtswurst geteilt . Dann hat mich der Freimann zum Karren geholt . Die Richtstatt ist ein halbes Stündl weit vor der Stadt gelegen . Und eine schauderhafte Kält ist gewesen . Mir hat ' s nit viel gemacht , im Turm gewöhnt sich einer ans Frieren . Aber dem Meister Freimann hat die schieche Kälte auf dem Karren gebeutelt , daß ihm die Zähne gescheppert haben . Und da hab ich lachen müssen . Freilich , du kannst lachen , sagte der Freimann , du hast es gut , du brauchst bei so einer Kält den weiten Weg heut nimmer heimfahren ! « Am Tisch ein heiteres Gelächter . Sogar die blonde Magd , obwohl sie zitterte vor barmherziger Sorge , mußte schmunzeln . » An die tausend Leut sind um das Rappenholz hergestanden . Und auf den Herzog Heinrich hat ein kostbar Zelt mit einem Glutpfändl gewartet , daß der hohe Herr bei der schönen Lustbarkeit nit frieren müßt . Das Glöckl hat geläutet , und der Herzog , ein kleines , braunes , flinkes Manndl , ist dahergeritten mit stolzem Gefolge . Also , Freimann , sag ich , fangen wir an in Gottesnamen , fürnehme Herren därf man nit warten lassen . Der Weg zum Schragen hinauf ist ganz vereist gewesen . Und da tut der Freimann einen Rutsch . Du , sag ich , das bedeutet nichts Gutes , heut wirst noch eine Dummheit machen ! Und richtig ! Wie der Freimann auf dem Spreißel hockt und kletzelt mir den Hänfenen um das kitzlige Zäpfl , da tut die Leiter jählings auf dem hauen Eis einen Fahrer . Hoppla ! schreit der Freimann und will sich halten an mir . Aber für so ein schweres Paarl ist der Hänfene nit berechnet gewesen . Und ist gerissen . Und derweil der Freimann einen Purzelbaum über den Schragen macht , bin ich auf dem schönen Glatteis schlittengefahren bis vor das warme Glutpfändl des Herzogs hin . Der schaut , ich weiß nit wie . Und fragt mich : Nüremberger , woher so flink ? Ich sag : Gradaus vom Himmel her . Und einen schönen Gruß vom heiligen Petrus bring ich . Der Herzog macht ein paar Augen , als wüßt er nit , ob er lachen oder sich ärgern soll . Und sagt : Warum bist du , wenn du schon vor des Himmels Tor gestanden , nit auch hineingegangen ? Ich sag : So hab ich tun wollen , gnädigster Herr ! Aber der Petrus hat mich nit durch die himmlische Maut gelassen . Und hat befohlen : Kehr um , ich darf dich nit allein in den Himmel lassen , es ist so fürgesetzt im Buch der Ewigkeit , daß du selbander kommen mußt mit dem Herzog Heinrich von Laridshut . « Malimmes mußte warten , bis sich der lustige Aufruhr am Tisch ein bißchen legte . » Ich sag ' s. Und der Herzog verfärbt sich ein lützel , schmunzelt aber gleich und ruft : Der Mann soll leben ! Hütet seine Gesundheit und gebt ihm sicheres Geleit bis Nüremberg ! Und wie ich mit dem Freimann wieder heimgefahren bin nach Landshut , schauet , da hat mich , weil ich so lang mit meiner dünnen Hos auf dem kalten Eis gesessen bin , halt auch ein lützel gefroren . Und ich sag zum Freimann : Gelt , da siehst du ' s , man soll den Tag nit vor dem Abend loben , schau , jetzt geht ' s mir auch nit besser als dir ! « Am Tische ging ein Spektakel los , so laut , daß man das einzelne Wort nicht mehr verstand . In heiterem Aufruhr schrien sie alle durcheinander und fingen darüber zu streiten an , ob der Herzog Heinrich von Landshuf einen abergläubischen Schreck verspürt oder den Galgenspaß mit einem barmherzigen Herrenscherz erwidert hätte . Während dieses Streites schlich sich die blonde Magd mit heißem Gesicht zu Malimmes hin , schlang ihm plötzlich den Arm um den Hals und flüsterte ihm ins Ohr : » Magst mich haben ? « Er lachte , küßte sie schnell auf die glühende Wange , gab ihr einen Schlag auf die runde Seite und sagte : » Dummes Gänsl , du ! Aber ein richtiges Weibl bist ! Lauft der Tod einem Mannsbild nach , so rennt dem Tod noch allweil ein Weibl voraus , das flinker ist . « Der Knecht des Runotter war in die Stube getreten . Marimpfel sprang auf und schrie : » Wo ist dein Bauer ? Warum kommt er nit ? « » Mein Bauer laßt dir sagen , er wartet noch , bis ich heimkomm . Dann muß er wieder zur Arbeit ins Holz . « Gleich nach dem letzten Wort machte der Knecht sich wieder davon . Dem Gadnischen Hofmann schwoll der Kamm . » Wart , Bauer ! Dir sag ich ein Wörtl ! « Da faßte Malimmes den Arm des Bruders und mahnte freundlich : » Tu dich besinnen ! Sei gescheit ! « » So gescheit wie du bist , bin ich schon lang gewesen . « Marimpfel befreite seine Faust , stieß ein paar der lustig Streitenden aus seinem Weg und verließ die Leutstube . Draußen fluchte er wie ein Bauer bei der Fron . Und als er im Sattel saß , bekam der Gaul so grob die Sporen , daß er ein paar rasende Sätze machte . Zugleich mit dem jungen Knecht erreichte Marimpfel das Hagtor des Runotterhofes . Ein weites , sauber gehaltenes Gehöft . Wie ein viereckiger Hügel lag der von Geflecht umhürdete Düngerhaufen vor den zwei niederen Stallgebäuden , in denen es stille war . Eine große Scheune . Und daneben das Wohnhaus , ein schwerer Holzbau , fest und klobig , grau vor Alter . Weiße Tauben gurrten auf dem steilen Dach , das halb die Sonne hatte und halb im Schatten von drei alten , mächtigen Ulmen träumte . Hinter den Bäumen lag ein Gärtchen mit blühenden Blumen . Außer dem jungen Knecht , der mit dem Reiter gekommen war und gegen die Ställe ging , war niemand zu sehen . » Bauer ! « schrie Marimpfel und hatte mit dem ungebärdigen Gaul zu schaffen . Keine Antwort ließ sich hören , niemand kam . » Gotts Teufel und Bohnenstroh ! Was ist denn ? Bauer ! Bauer ! « Da rief der Knecht von den Ställen her : » Der Bauer ist im Haus . Wirst wohl hinein müssen . « Marimpfel sprang aus dem Sattel , warf den Zügel des Gaules über einen Pflock und trat in den dunklen Flur . Zur Linken stand eine Tür offen . Die führte in einen großen , niederen Raum mit fünf kleinen Fenstern . Der Boden war mit Lehm glatt ausgeschlagen und mit rötlichem Sand bestreut . Wände und Decke bestanden aus dem braunen Gebälk des Hauses . Ein großer Ofen , gemauert . Und eine Bank um den ganzen Raum herum . In der Fensterecke ein schwerer Tisch mit vier dreibeinigen Stühlen davor . Und im Mauerwinkel ein hölzernes Kreuz mit frischen Wacholderzweigen . Bei einem der kleinen Fenster saß Runotter , die Faust über die Tischplatte hingestreckt , ein Fünfzigjähriger , schwer , fest und knochig , in verwittertes Lederzeug gekleidet . Das glatt auf die Schultern fallende Haar war halb ergraut , das Gesicht von Gram und Arbeit hart versteint . Doch in diesem Gesichte glänzten die gleichen Augen , ruhig und blau , wie in den Gesichtern seiner beiden Kinder . Als der Bauer den Spießknecht kommen sah , erhob er sich . » Gottes Gruß in meinem Haus ! « Schon auf der Schwelle fing Marimpfel zu brüllen an : » Du Kerl ! Was bist denn du für einer - « » Der Richtmann Runotter bin ich . Oder muß ich meinen weißen Stab holen , daß du merken kannst , mit wem du redest ? « Diesem ruhigen Ernste gegenüber kam Marimpfel zur Besinnung . Eines Richtmanns Stab und Würde mußten auch einem Hofmann heilig sein . Der Spießknecht schwieg . Er musterte den Mann mit funkelnden Augen , und sein Zorn erstickte in einem halben Lachen . Dann sagte er grob : » Bauer ! Du bist befohlen vor meines Herren Spruch . Und mußt mir folgen . Auf der Stell . « Runotters ernster Blick schien in dem Gesicht des Spießknechtes lesen zu wollen . » Meines Herren Wort in Ehren ! Ich komm . « Er rief zu einem Fenster hinaus : » Heiner , tu mir den Schimmel zäumen ! « Und sagte zu Marimpfel : » Gleich bin ich wegfertig . « Er trat in eine Kammer . Als er wiederkam , war er zum Ritt gestiefelt , trug auf dem Kopf die geschirmte Eisenschaller und um die Brust den plump geschmiedeten Holdenküraß , über dem das Schwert an stählerner Kette hing . Marimpfel machte zuerst verdutzte Augen , dann fragte er spottend : » Willst fechten mit dem Amtmann ? « » Das nit . Aber was Weg heißt , ist unsicher . Man sieht ach für . « Draußen klang der Huf schlag eines schreitenden Pferdes . » Komm ! « In der Sonne führte Heiner den Schimmel vom Stall herüber , ein kleines , festes Rössel , das mit einem Strick gezäumt war und keinen Sattel hatte , nur einen Gurt , an dem die Bügel hingen . » Bauer ! « Marimpfel lachte . » Dein Gaul hat einen schiechen Heubauch . Da wird er schnaufen müssen neben meinem Roß . « » Fest schnaufen ist gesund . « Die beiden stiegen auf , und als sie zum Hagtor ritten , warf der Bauer einen sorgenvollen Blick über sein Gehöft . Vom Leuthaus hörte man den Lärm der lustigen Kumpanei . Marimpfel drehte den Kopf nicht . Auf der Straße brachte er seinen Gaul in jagenden Trab . Der Schimmel schnaufte wohl , blieb aber hinter dem Roß des Hofmanns nicht zurück . Poch plötzlich , als der Wald begann und das dumpfe Rauschen des nahen Windbaches den Hufschlag der Pferde übertönte , blieb der Schimmel stehen . Lachend fragte Marimpfel : » So , Bauer ? Mußt deinen Heiter schon rasten lassen ? « » Das nit . « Mit ernsten Augen sah der Bauer den Spießknecht an . » Der Schimmel ist stehengeblieben , weil er das so gewöhnt ist , daß ich halten und ein lützel lusen muß , sooft ich da vorbeikomm , wo der Windbach rauscht . Und wo ich . an einen denken muß , der Hartneid Aschacher heißt . « Der Hofmann gab keine Antwort und guckte in den Wald hinein . Mit schwerer Hand über die Mähne des Pferdes streichend , sagte der Bauer : » Komm , Schimmel ! Heut ist nit Lusenszeit , heut rufen die Herren . « Die beiden Pferde trabten . Und immer war cler Schimmel um eine feste Nase voraus . Das Roß des Hofmanns fing zu galoppieren an , und seine Flanken pumpten . » Gotts Teufel , Bauer « , knirschte Marimpfel , » tu langsamer ein lützel ! « » Gern , Hofmann ! « Runotter straffte den Zaum . Nun trabten die beiden Seite an Seite . Und als sie hinauskamen auf die offenen , von der Sonne überglänzten Wiesen flössen die Schatten der zwei Reiter zu einem schwarzen , wunderlichen Ungetüm zusammen , das acht kurze , wirbelnde Beine , einen grotesk veränderlichen Drachenleib und zwei nickende Geierköpfe hatte . 3 In dem kleinen , schmucklos eingerichteten Gemach , das hinter des Amtmanns großer Schreibstube gegen den Hofraum ! lag , saßen Herr Someiner und Lampert am Tisch , der bedeckt war mit aufgeschlagenen Büchern . Der Amtmann führte den Sohn , der seinen Dienst als Aktuarius beginnen sollte , in das verwickelte Wirtschaftswesen des kleinen Reiches ein und hatte dabei viel mehr von böser Schuldenlast und Rechtsbedrückung zu reden als von friedlichen Lebensgütern und erfreulichem Besitz . Mißwirtschaft im Innern und ruhelose Fehden nach außen hatten den Landbestand des Stiftes beschnitten , die Einnahmen geschmälert , den Verbrauch gesteigert , die Schulden vermehrt . Es war eine böse Zeit , ein hartes Leben . Nie war Friede an den Grenzen . Nahm sich das Stift der Seinen kräftig an , so gab es blutige Händel , war es geduldig und nachgiebig , so stellte es sich der Unbill und Willkür auf allen Seiten bloß . Die Brüder vom heiligen Zeno zu Reichenhall versäumten keine Bedrängnis Berchtesgadens und schluckten bald einen Grenzwald und Bauernhof , bald einen strittigen Jagdberg . Und Salzburg , das auf Betreiben der bayrischen Herzöge das Gadnische Land nur widerwillig aus langer Pfandschaft entlassen hatte , erschwerte ihm eifersüchtig den wachsenden Salzbau und wartete auf eine günstige Stunde , um als fetter Wolf das magere Lamm zu verspeisen . » Allweil sind wir wie ein gehetztes Schaf . Wehrt sich das arme Vieh mit dem Maul , so wird ihm der Schwanz beschnitten . Zieht es den Schwanz ein , reißt man ihm die Woll von den Lusern . Und wo wir uns hinwenden um Beistand , werden die hilfreichen Händ zu Klauen , die man fürchten muß . « Es war die Politik der bayrischen Fürsten , Berchtesgaden nicht an Salzburg und nicht an Österreich fallen zu lassen . Und Politik der österreichischen Herzöge war es , den Hinfall Berchtesgadens an Bayern zu verhindern . Solchem Schutz zu Danke hatte das Stift die Fürsten von Österreich als Erbvögte und Schirmherren Berchtesgadens anerkannt . Doch diese Erbvögte wurden so gnädig , daß Berchtesgaden wieder Schutz bei den Herren von Bayern suchen mußte , die es seine Stifter und Patrone nannte . Auf der Kanzel des Gadnischen Münsters wurde vor der Predigt für die österreichischen Erbvögte und wider ungenannte Feinde , nach der Predigt wider ungenannte Feinde und für die bayrischen Patrone gebetet . » Und glaub mir ' s , Bub , wir wären lang schon an Landshut , Ingolstadt oder München gefallen , wenn nicht die bayrische Faust fünf Finger hätt , die sich feindselig spreizen , statt sie einträchtig miteinander greifen . Seit sie das Löwenfell des großen Ludwig in Lappen gerissen haben , macht der ewige Vetternzwist die bayrischen Herren schwächer mit jedem Tag . Ein Glück für uns , daß es in Österreich drüben nicht besser ist . Und so ist ' s überall im Reich , Kein Wachsen nimmer , überall das Auseinanderfalten in Neid und Zwist . Was hab ich für böse Zeiten mitgemacht ! Drei Könige im deutschen Land ! Und in der Kirch drei Päpst ! « » Gott sei Dank , Vater , das ist vergangenes Elend ! Und König Sigismund ist ein Herr , von dem die Deutschen ein Aufleben hoffen dürfen . « » Wer glaubt , wird selig . In dir ist Hoffnung , weil du jung bist , in mir ist Mißtrauen , weil ich Menschen und Leben kenn . Im Reich gibt ' s keine Auferstehung nimmer . Der große deutsche Traum ? Der liegt noch tiefer versunken als bloß im Untersberg . Die zu Rom haben ' s durchgesetzt . An der goldenen Bull ist zu Scherben worden , was deutsche Einheit heißt . Von den Fürsten schmort sich jeder den eigenen Gockel . Und der deutsche König ist ein armer Mann , fristet mühsam sein Leben , reitet im Land herum und brandschatzt eine Stadt nach der andern . Aber was tat mich die Wirrnis kümmern im Reich da draußen ! Hätten wir nur in unsrem Bergwinkel ein leidliches Leben ! « » Vater ! « Lamperts junge Augen blickten ernst . » Das ist von den Elendsgründen einer , daß so viel tausend allweil sagen : Was kümmert mich die Wirrnis im Reich ! Tät jeder die Not des Reiches spüren wie eine Not des eignen Lebens , so wär bald alles anders . « Herr Someiner zog zuerst erstaunt die Brauen in die Höhe , dann lächelte er nachsichtig . » Jeder Redliche spürt die Not des Gemeinwesens und möchte helfen . Aber jeder spürt auch die Übermacht der Widerstand und ermüdet dran . « » Widerstände sind da , um überwunden zu werden . Streit um ein nichtsnutzig Ding ist ein Verbrechen , aber Kampf um ein herrlich Gut ist das Beste des Lebens . « Wieder lächelte Herr Someiner . » Wart erst , bis du im Amt bist ! Und bis die Widerständ dich seufzen machen , sooft du ein Gutes willst ! Wie Mauern stehen sie da . Jetzt renn mit dem Schädel hin ! « » Vater ? « fragte Lampert , sich erregend . » Ist ein Kriegsheer von hunderttausend Mann nicht ein Widerstand ? Und kein Jahr ist ' s her , da hat ein Häufl schlechtbewaffneter böhmischer Bauren die mächtige Ritterschar vor sich hergejagt wie einen Hasenschwarm . Und weißt du , von wo diesen Bauren solche Kraft gekommen ist ? Weil in ihren Reihen ein Gedanke war , eine Hoffnung und ein Glaube . Vater , ich hab viel gesehen in Prag und viel gelernt . Auf dem Scheiterhaufen zu Konstanz hat man bloß einen Leib zu Rauch gemacht . Aber des Hussen Geist lebt weiter in seinem Volk und wirkt ein Großes . Wir Deutsche müssen lernen von den Böhmen . « Vor Schreck über diese Worte hatte der Amtmann ein fahles Gesicht bekommen . Er machte eine wehrende Bewegung , die den Sohn verstummen ließ . Nun war Stille in der kleinen Kammer . Lange blieb Herr Someiner unbeweglich . Dann öffnete er die Tür der Schreibstube und sah hinaus . Der Schreiber Pießböcker war schon zur Mahlzeit fort . Aufatmend verriegelte der Amtmann draußen die Flurtüre und kam mit brennendem Gesicht zurück . » Lampert ? « Seine zitternde Hand faßte den Sohn an der Schulter : » Bist du ketzerisch ? « Ruhig sah Lampert in die angstvollen Augen des Vaters . » Nein ! Ich bin gutgläubig . Bei meiner Mutter Leben , das ist wahr ! « » Dem Himmel sei Dank ! « unterbrach ihn der Vater . » Einen schönen Schreck hast du mir eingejagt . « Herr Someiner rüttelte den Sohn an der Schulter . » Sei fürsichtig ! Verdächt ist eine Maus , die zum stoßenden Stier wird , eh man sich umschaut . Zu Regensburg haben sie heuer den Kaplan Grünsleder , bloß weil er den Hus verteidigt hat , auf dem Markt verbronnen . Überall ist das ketzerische Elend los . Bei uns hat ' s auch schon angefangen . In der Woch , eh du heimgekommen , hat man einen Salzkärrner gefaßt . Der ist ein Bruder vom freien Geist gewesen und hat eine höllische Lehr ins Volk geredet : Er wär durch die Gnad des Himmels völlig eins mit Gott geworden und tät nimmer sündigen können , und wenn der Mensch bloß allweil lebt nach seiner Natur Geheiß , so dürft er sich alles erlauben , und es gab für ihn kein kirchliches und kein menschliches Gesetz mehr ! - So eine Verruchtheit ! Der Mann ist gestäupt worden , daß er an seiner Buß versterben hat müssen . « Lampert sah das angstvoll erregte Gesicht des Vaters an . Und plötzlich sagte er : » Zu Prag , in der bayrischen Burse , hat einer eine wunderliche Frage getan . Er hat gefragt : Wenn Gott allmächtig ist , warum hat er die Menschen nicht bloß zum Guten erschaffen , warum auch zum Bösen ? Gott muß doch stärker sein , als der Teufel ist ? Weil Gott allgütig sein muß , kann er das Böse nicht zulassen , nicht selber schaffen . Aber das Böse ist da . Oder sagen bloß wir Menschen : bös ? Und Gott sagt : gut ? Zu allem ? Weil alles sein Werk und Kind ist ? « » Und was für Antwort hast du dem Tropf gegeben ? « » Ich hab geschwiegen . « Lampert lächelte . » Aber einer hat mit der Faust auf den Tisch gehauen und hat geschrien : Eine Frage tun , auf die man nicht Antwort wüßt , wär Hinterlist und Niedertracht . Und da hat ' s dann Händel und blutige Ohren gegeben . « Herr Someiner schüttelte mißbilligend den Kopf und nahm seinen Platz am Tisch wieder ein . » Vater ! Das war zu Prag ein friedloses Leben in der letzten Zeit . Böhmisch und hussitisch , deutsch und katholisch , das hat man allweil für ein Ding genommen . Hie Freund , dort Feind ! Auf der Straß , im Rat , in der Herberg , in den Bursen , überall ist der ewige Hader gewesen , und kein Tag ist vergangen ohne Schlagen und Stechen . Auf der Straß einmal , da bin ich in so einen Handel hineingeraten , ich weiß nicht wie . Und derweil ich dreinhauen will , da packt mich einer am Arm . Ist ein junger Mensch gewesen mit blassem Gesicht . Und hat mich angeschaut mit traurigen Augen und sagt : Nicht schlagen ! Denken ! « Der Amtmann nickte : » Das ist einer gewesen von meiner Art ! Aber du hast nicht unrecht , in Händel kommt man , man weiß nicht wie . Weil die Leut das nicht lernen mögen : erst denken ! Bis sie vor Weh und Müdigkeit zu denken anheben , ist das ärgste Unglück schon allweil geschehen . « Als Lampert wieder zu sprechen begann , kam etwas Traumhaftes in den Klang seiner Stimme , so daß jedes Wort erfüllt war wie vom Hauch eines Geheimnisses . » Wir zwei sind gute Kameraden worden . Er ist ein Medikus gewesen , und sein Lieblingswörtl hat geheißen : Tu die Augen auf ! War ein Rechtgläubiger . Und hat doch gut von den Feinden der Kirch gesprochen . Eines Tages hat er midi beredet , daß ich mit ihm hinausgeritten bin zum Taborberg . Und wie wir hinkommen zum Zeltgeläger der Hussiten , sagt er wieder : Tu die Augen auf ! - Vater , da hab ich ein seltsam Ding gesehen . « Tief aufatmend streckte Lampert die Fäuste über eines der aufgeschlagenen Schuldbücher hin . » Wie tausend goldne Lanzen sind die Zeltspitzen in der friedsamen Sonn gestanden . Ein großes Volk beisammen ! Und du hast keinen Hader und Zwist gesehen , hast kein Johlen und kein Geschrei vernommen . Ruhig haben die Leut geredet , und jeder ist seiner Werkung nachgegangen . Unter den Bauren sind Bürgersleut gewesen und adlige Herren . Aber die hat man nimmer auseinandergeschieden . Und die Frauen ohne Putz , ohne Gold und Edelstein . Das haben sie niedergetan auf den Tisch der Sach , von der sie sagen , daß es die gute wär . « » So ein Wörtl ist bald gesagt ! « Herr Someiner wurde verdrießlich . » Und da sind wir zu der Mahlstätt gekommen , wo die Priester auf grüner Wies und in der Sonn den Kelch gereicht haben . Du weißt , sie sagen , daß man das Göttliche nicht nur speisen müßt , auch trinken . Das heilige Buch ist ihnen die einzige Lehr . Und Gleichheit vor Gott und Menschen verkünden sie , Gemeinschaft der Güter in Friedsamkeit . « Der Amtmann schüttelte den Kopf . Von dem , was in Lamperts leiser Stimme zitterte , quoll nichts hinüber zu ihm . » Narren , Narren ! « sagte er hart . » Gefährliche Narren ! « » Zu Tausenden sind die gewaffneten Mannsleut und die Maiden und Frauen auf den Knien gelegen . In Inbrunst haben sie gebetet und den heiligen Trunk genommen . Und bald da und bald dort ist einer aufgestanden , vom inneren Geist entzündet , und hat mit flammender Red gesprochen zu den Herzen des Volks . Und allweil ist die Anred gewesen : Brüder und Schwestern ! « » Hätt heißen sollen : Verdrehte Köpf und hirnkranke Föhlen ! Lang wird der ketzerische Wahnsinn nimmer dauern . In Österreich rüstet man schon . Man wird ihnen predigen mit Eisen und Feuer . « Lampert erhob sich . » Mit Feuer und Eisen wird man nimmer tot machen , was lebendig geworden in vielen . Hat man den Hus nicht totgemacht ? Schau jetzt nach Böhmen hinüber ! Ketzer ? Mag sein , daß du recht hast ! Aber