Ruf weg : » Mariand Christi ! D ' Hexenjungfer ! « , bekreuzte sich und lief weg ; und sogleich standen auch die andern alle auf , murmelten Verwünschungen und entfernten sich , ohne auf den Unwillen des Weidhofers zu achten . Das Mädchen aber saß starr und ganz schneebleich auf seinem Stuhl , sah einen nach dem andern gehen und seufzte tief auf , als der Vater mit der Faust fluchend in den Tisch schlug und schimpfte : » Gesindel verdammtes ! Sollen ' s bleiben lassen , wenn sie nicht mögen ! - Iß , Maidel , und laß dich ' s nit verdrießen ! « Ich war ihm von Herzen dankbar für seine Worte und rief : » Ihr seid brav , Vater , das Kathreinl tut niemand was . « Fürsorglich legte ich alsdann dem Mädchen , das stumm zum Fenster hinaussah , einen Knödel auf den Teller , reichte ihr das Schüsselchen mit dem Dotschentauch und bat sie , doch zu essen . Erst hörte sie nicht auf mich ; endlich nahm sie , aß aber nur etliche Bissen und stand darnach mit einem leisen » Vergelts Gott « auf . Auch ich brachte kaum ein wenig Speis in mich , erhob mich gleichfalls und ging mit dem Kathreinl wieder in meine Kammer , während der Meßmer für uns drunten dem himmlischen Vater Dank sagte für alle Wohltaten . Eine Weile später , während das Mädchen das Mieder und Geschnür ablegte , seine rauhe Schürze umband und sich zum Spinnen rüstete , fiel mir ein , daß drunten im Wandschränklein der Wohnstube eine alte Legende mit vielen wunderlichen Abbildungen liege ; ging also hinab , sie zu holen , damit das arme Kathreinl Kurzweil dran hätte . Wie ich nun in die Stube trat , saßen die andern erst beim Essen mitsamt der Weidhoferin und blickten unmutig auf mich . Da sagte ich ganz laut und keck : » Die Hexenjungfer kommt ! Wer nicht schnell verschwindet , wird verwunschen ! « Da entstand ein großer Tumult : die Mägde kreischten furchtsam auf , schlugen das Kreuz und wollten fliehen ; die Mannsleute fluchten und gaben mir grobe Namen , und die Weidhoferin , meine Ziehmutter , stand auf , daß ihr Stuhl umfiel , wies mit der Hand nach der Tür und schrie mit hochrotem Gesicht : » Marsch , weiter , sag ich ! Unser Herr hat lange Arm ; der trifft dich schon noch für dein Gspött ! « Ich lachte , nahm das Buch aus dem Schränklein und ging hinaus ; doch sagte ich dem Kathreinl nichts von der Sache , um sie nicht noch trauriger zu machen ; denn sie weinte ohnedies schon , daß ihre Augen ganz rot wurden . Sie band eben den Flachs ans Spinnrad und rückte sich den Stuhl dazu , indem sie die Schürze vors Gesicht hielt , damit ich nicht sähe , wie sie weinte . Ich empfand tiefen Schmerz , als ich sie so sah , und auch große Reue , daß ich sie hierher gebracht ; doch war es mir unmöglich , dem Mädchen dies zu sagen , noch , sie zu trösten . Es war , als sei etwas Fremdes , Kaltes in mein Herz gekommen , das meine große Liebe für sie zurückschlug , so oft sie daraus emporkommen wollte ; und obschon ich immer noch an unser Zusammensein im Haus der toten Irscherin mit stiller Freude dachte , so tat ich doch nichts , um dies Schöne noch einmal zu erleben . Also saß ich auf der Truhe und beschaute die Bilder der Legende , bis ich , von Müdigkeit übermannt , einnickte . Das Spinnrad schnurrte wieder , als ich erwachte , wie einstmals , und das Kathreinl saß wieder in dem flimmernden Licht der untergehenden Sonne , und ihr rotes Haar glänzte wie lauteres Gold . Sie sah nicht um sich ; gedankenvoll hielt sie ihr Haupt über das Spinnrad gebeugt und drehte mechanisch am Faden , dabei von Zeit zu Zeit die Finger an den Lippen netzend . Eine geraume Weile sah ich ihr zu und hielt , damit sie es nicht bemerkte , meine Augen halb geschlossen ; da aber die Sonne hinter den Bergen verschwunden war und nur noch ein dämmernder Schatten von ihr ganz oben an der Wand zitterte , richtete ich mich auf und sagte : » Jetzt hätt ich bald den Feierabend verschlafen ; geh , hör auf zu spinnen , Kathreinl , dann hol ich dir dein Nachtessen . « Ging also hinab in die Kuchel des Hauses , suchte den Teller des Mädchens und den Löffel und trug beides hinauf in die Kammer . Die Ziehmutter stand derweil am Herd , hatte die große , rußige Eisenpfanne auf dem Dreifuß , unter welchem ein lustiges , offenes Reisigfeuer prasselte , und kochte den Abendschmarren , ein rauhes Gericht aus Mehl und Erdäpfeln . Sie schaute mich unfreundlich an , sagte aber nichts und gab mir , als ich ein weißes Schüsselchen vor sie hinstellte und sagte , daß ich dem Mädchen zu essen bringen wolle , sogleich ein ansehnliches Häuflein Schmarren und einen kleinen Weidling voll süßer Milch . Dies brachte ich , nachdem ich mich bei der Mutter dafür bedankt , dem Kathreinl , das bei meinem Eintreten am Fenster lehnte und in den nebligen Abend hinaussah . Gemeinsam verzehrten wir darauf diese Mahlzeit , ohne etwas dabei zu reden ; darnach wünschte ich ihr eine ruhsame Nacht und trug das Geschirr hinab in die Kuchel . Der Meßmer wusch sich eben am Brunnengrand Gesicht , Hals und Brust , als ich nach diesem vors Haus ging und mich auf die verwitterte Holzbank setzte ; da er mich sah , fragte er , indem er sich einen Strahl Wasser auf den Scheitel pumpte : » He , Racker , wo ist denn deine Jungfer ? Sag ihr , der Bürgermeister hätt das Vieh vom Waldhaus geholt und in die Gemeindeställe gewiesen , bis es auseinandergeht mit der Verlassenschaft . Er hat mirs zu wissen gemacht und fragt , wo die Waldhäuslerin eingegraben ist . « » In Gottes Erdboden « , erwiderte ich und lief hinauf , alles dem Mädchen zu berichten ; doch sie hatte ihre Tür schon verriegelt und gab mir auch auf mein Rufen und Pochen keinen Bescheid , so daß ich endlich ging , drunten » Gut Nacht « wünschte und hierauf die Kammer des Ambros aufsuchte und mich zu Bett legte . Mitten in der Nacht , als ich endlich nach langem Denken , Betrachten und Sinnen eingeschlafen war , fuhr ich plötzlich empor . Unter meinem Kammerfenster wurde eine Leiter angelegt , ich hörte jemand keuchend emporsteigen , und im nächsten Augenblick erschien im Rahmen des geöffneten Fensters die Gestalt des langen Ambros . Er hielt sich einen Augenblick ganz still , horchte und schwang sich dann rasch in die Kammer herein . Ich gab keinen Laut von mir und hielt beide Fäuste an die Brust gepreßt , um mein heftiges Herzklopfen zu beruhigen , während ich daran dachte , was ich täte , wenn er mir abermals übel wollte . Aber er schaute gar nicht auf das Bett ; mit größter Hast schloß er eine kleine Truhe auf , warf eine Menge silberklirrender Münzen hinein und verschloß sie darnach wieder sorgfältig . Darauf nahm er die Truhe auf die Schulter und wollte sie nun durchs Fenster forttragen ; doch brachte er sie nicht durch den Rahmen und fluchte derowegen ganz wütend . Indem er sich vergebens abmühte , kam mir ein Gedanke ; ich tat plötzlich einen gellenden Pfiff , sprang aus dem Bett und lief aus der Kammer , laut rufend : » Ein Dieb , ein Dieb ! « Als gleich darauf der Weidhofer mit einem Kienspan aus seiner Kammer lief und mir in die des Ambros folgte , lag die Truhe auf dem Boden , die Leiter aber und der Bursch waren verschwunden . Da schloß der Vater das Fenster und meinte : » Nachlaufen hat keinen Wert ; der ist jetzt doch schon Gott weiß , wo . Aber wissen möcht ich doch , wer es war . « Ich sagte : » Der Ambros selber war ' s « und berichtete , was ich gesehen , worauf der Vater erwiderte : » Dem komm ich schon drauf , was er hätt wollen , wenn er ' s war ; und die Truch trag ich derweil zu mir . « Damit hob er sie auf und ging , sie unter dem Arm haltend , wieder schlafen . Am anderen Morgen schickte er sogleich einen Knecht auf die Alm mit dem Befehl , daß er den Ambros vor ihn bringe . Dies geschah , und ich stand dabei , als der Hausl mit ihm eintrat . Kaum hatte mich der Böswicht erblickt , als er auch schon weiß wie der Kalk an den Wänden wurde ; seine Augen weiteten sich und sahen unstät und angstvoll von einem zum andern . Da trat der Vater herzu und sagte : » Wo ist der Schlüssel zu deiner Truch ? « » Droben in der Kammer « , erwiderte der Bursch stockend und sah wieder ängstlich nach mir , so daß der Vater unwillig fragte : » Was scheust dich denn vor dem Buben so ? Hat er dir leicht was getan , heut nacht ? « Da kam eine furchtbare Bewegung über mich ; bebend trat ich vor den langen Ambros hin und schrie ihm ins Gesicht : » Hast ' s wohl nicht gehofft , daß ich noch laut bin - daß ich noch einmal abrechnen könnt mit dir , du Mordbub ! « Wie ein Hieb war mir das Wort entfahren - wie ein Hieb traf es alle , am ärgsten aber den , welchen es anging . Der bleiche Schelm wankte und mußte sich anlehnen , um nicht zusammenzufallen ; aber seine bläulichen Lippen murmelten : » Was bin ich ? - Willst das zrucknehmen , du ... « » Zrucknehmen ! « schrie ich da in höchster Wut ; » zrucknehmen soll ich was ! - Draufhelfen tu ich dir lieber , wann du ' s nimmer weißt : Droben am Bergrinnl , beim Weidhofer seiner Alm hat einer einen hinunter ... jawohl ... z ' erst ' n Räuber gmacht , darnach ' n Mörder ! « - Ich streckte den Finger nach ihm aus , und ein hartes Weinen schüttelte mich , indem ich mich an die Umstehenden wandte : » Der war ' s ; meine Red ist wahr . Laßt ' s die Kathrein von der Irscherin reden ! « Heiser brüllte der Bursch und beteuerte seine Unschuld und wand sich doch vor Ängsten ; da trat die Jungfer , welche schon eine Weile im Flöz gestanden war , herzu , ganz bleich , und sagte mit bebendem Mund : » Es ist wahr , er lügt nicht . « Und sie berichtete allen , wie die Irscherin mich in der Bergrinne beim Wasserfall gefunden hätte , wie ich in meinem Fieber mit dem Burschen gerungen und dabei den Namen Ambros gerufen hätte , und er solle mich doch schonen und mir mein Sach wiedergeben ... Sie gab also allen Zeugnis von der Übeltat des Schelmen , so daß dieser nicht mehr vermochte , eine Ausred oder Widerrede zu finden , vielmehr als ein feiger und furchtsamer Böswicht plötzlich sich aufrichtete und , derweil wir alle auf die Jungfer hörten , einen Sprung nach der offenen Haustür tat und verschwand , obgleich ihm der Vater und der Knecht auf dem Fuße folgten . Am End sagte der Vater , man solle ihn nur derweil laufen lassen , der käme schon von selber noch dahin , wohin er gehöre . Darauf ging man ins Haus , sprengte die Truhe und fand darin nicht nur meine Groschen vor , sondern auch noch einen großen Haufen Gelds , Silberzeugs und sonst kostbarer Dinge , die er alle geraubt hatte und die teils in den Weidhof , teils andern Leuten zu Sonnenreuth gehörten . Der Weidhofer übergab alles dem Pfarrer , und dieser forderte am darauffolgenden Sonntag in der Predigt alle jene , denen etwas abhanden gekommen war , auf , sich ihr Sach bei ihm zu holen ; doch blieb noch mehreres liegen und wurde später unserer lieben Frau zu Birkenstein auf den Altar gelegt . Ich aber schenkte meine ganzen Silbergroschen dem Kathreinl und bat sie , dieselben zu nehmen als eine Verehrung und ein Andenken . Von dem Schelmen , dem Ambros , aber war nichts mehr zu hören und zu sehen , und es schien , als habe er die Gegend verlassen . Das Vermächtnis Etliche Tage nach diesem Ereignis erschien der Gemeindeschreiber oder , wie er zu Sonnenreuth hieß , der Aktenlippel , im Weidhof und fragte nach dem Kathreinl von Amts und wichtiger Ursach wegen . Ich stand gerad unter der Haustür und sah ihn mit weiten , gewichtigen Tritten daherstiefeln , stand ihm Red und holte das Mädchen zu ihm herunter . » Ist Sie die Jungfer Maria Kathrein Paumgartner ? « fragte der Alte und betrachtete sie über seine Hornbrille hinweg mit zwinkernden Augen . » Ja , die bin ich « , erwiderte das Mädchen ; » was will man von mir ? « Der Lippel nahm eine Prise , rieb sich darnach die Nase mit dem Daumen und stellte sich in strammer Haltung vor sie hin : » Also , Sie ist die genannte Person ; also . Dann hab ich Ihr von Amts wegen kund und zu wissen zu machen , daß die ehrenfesten Testamentsvollstrecker durch meine Person aus Anlaß der Verlassenschaft , Siegelabnahme und Testamentsvollstreckung den obrigkeitlichen Befehl erlassen haben : ich solle sie , die Jungfer Paumgartner , ins Waldhaus bestellen . Also . Kann Sie gleich mitkommen , he ? « » Ja , ich geh gleich mit « , sagte das Kathreinl und bat mich , ich möge ihr die gute Schürze und den Hut herunterholen . » Geh nur derweil , ich trag dir ' s nach ! « rief ich , während der Aktenlippel erst das Mädchen , dann mich mit einem väterlich-würdevollen Blick maß , noch einmal schnupfte und darnach aus der Haustür trat . Eilig lief ich in die Kammer , holte den feinen Filz und die Schürze und lief ihnen damit nach , ohne daß sich jemand um uns bekümmert hätte , wo aus wir gingen . Tagein , tagaus saß ich ja beim Kathreinl und vergnügte mich , während sie mit flinken Fingern den Flachs zum Faden drehte , mit groben Holzschnitzereien : Tieren , Gottheiten , Bilderrähmlein und Madonnenstatuetten , die ich ihr dann mit Stolz als ein Angebinde überreichte . Die Ziehmutter sah weder mich noch das Mädchen mehr mit einem Blick an , und der Weidhofer hatte den ganzen Tag zu werken und zu schaffen und kam nur selten in unsere Kammer . Betrat er diese aber wirklich einmal , so hatte er immer etwas für uns dabei : sei es nun ein Fliedersträußlein , ein rots oder blaues Wächslein , einen Ablaßpfennig oder einen Kuchen vom Lebzelter ; denn es bedrückte ihn in seiner Rechtlichkeit , daß man das Mädchen um seiner Herkunft willen so schlecht achtete , wenn er gleich der Irscherin stets feind gewesen . Nun ich den zweien nachgelaufen war , übergab ich dem Kathreinl seine Sachen und bat , daß sie mich mitnehmen möchten ; und da es ihr und auch dem Schreiber recht war , lief ich also mit ihnen . Vor dem Waldhaus standen schon der Lindlschneider und der Staudenweber , zwei angesehene Männer aus der Gemeinde , und warteten auf den Schreiber . Nach kurzem Gruß der beiden Bauern und tiefen Bücklingen des Lippel holte dieser umständlich einen Band Schlüssel aus dem hinteren Sack seines braunen Amtsrockes und probierte einen nach dem andern , bis am End das Kathreinl bat , ob nicht sie den rechten Schlüssel zeigen dürfe , worauf der Lippel zwar giftig sagte : » Da hat Sie nichts zu zeigen ! Das ist Sache der Obrigkeit ! « , auf Anraten der Männer aber doch dem Mädchen die Schlüssel übergab . Sie schloß nun Tür um Tür auf , und die drei traten in das Haus und in die Stuben , in denen eine stickige , dumpfe Moderluft war , so daß die Männer sogleich alle Fenster öffnen ließen . In der Kammer der Toten wurden nun die Kommoden und Kasten geöffnet und alle Laden , Truhen und Schubfächer geprüft . Neugierig stand ich dabei und sah verblichene Gewänder und Tücher , schwere Leinwandballen und weiche Flachszöpfe , ein leinenes Sterbehemd und ein buntes Perlenkränzlein und dazu noch mancherlei Schmuck für Frau und Mann , etliche samtene Männerleibstücke mit silbernen Knöpfen und einen feinen Tuchrock , wie auch der alte Weidhofer einen hinterlassen . Auf dem Sterbehemd lag , mit einem roten Wachsfaden zusammengehalten , eine vergilbte Papierrolle ; der Schreiber langte sie heraus , stellte sich ans Licht und öffnete sie langsam ; darnach räusperte er sich , rückte einen Stuhl und sagte feierlich : » Setze sich die Jungfer ! Es ist hier in meinen Händen die letzte Verfügung der anhier verstorbenen Walburga Irscherin , Waldhäuslerin bei Sonnenreuth . « Bleich und zitternd setzte sich das Kathreinl . » Wollen die Manner sichs kommod machen und als Zeugen herhören auf die Artikel des Testaments ! « wandte sich der Schreiber nun an die beiden Bauern . Ich schob ihnen Stühle hin , rückte dem Schreiber eine kurze Bank vor das Tischlein , an dem er lehnte und zog mich mehr ins Dunkle zurück , während die Männer sich setzten und der Lippel einen Gänsekiel aus der Tasche zog , zurechtspitzte und ein Fläschlein Tinte dazustellte . Eine große Stille war in der Kammer ; der Schreiber schob seine Brille näher an die Augen , wischte sich mit zwei Fingern über die Nasenflügel und begann zu lesen : » In Gottesnamen schreibe ich dieses nieder mit dem Gedanken und in der Meinung , daß es dereinst als mein letzter Wille gütlich geglaubt , wohl geacht und füglich in seinen Artikeln getreu befolget werde . Hab nicht gar wohl gelebt als eine verachte und mißgünstig betrachte Person ; hab aber dennoch anso gelebet , wie mir mein Herz befohlen ; doch darum um der feindlichen Christenlieb sei nicht geklagt . Ich mach mein Sach recht und hoff annoch auf einen gnädigen Richter . Wie es denn nun sein soll , so eröffne ich meiner von mir auferzogenen Tochter Maria Kathrein , daß sie ist eine leibliche Tochter des erlauchten Herren Georg von Höhenrain und der Katharina Elisabeth Paumgartner zu Stubenberg . Welche als ein junges und liebliches Maidlein die Küh gehütet und am Wald sich Kränz ins Haar geflochten hat , bis genannter edler Herr sie bei einer Hirschjagd erblickt und ein groß Verlangen nach ihr verspürt hat . Haben also in Lieb und Treuen genannte Jungfer Maria Kathrein gezeuget und mir dieselbe mit einem Zehrgeld von zwölf Gulden für das Jahr und einer Aussteuer von fünfhundert Gulden übergeben , da denn die Mutter des Kindleins noch als ein jung Blut hat von dieser Erden gehen müssen und liegt begraben bei der Kapellen des Schlosses auf Höhenrain . Und so hab ich das Mägdlein gehalten wie ein eigen Kind in Treuen und behütet bis auf diesen Tag . Hab als ein jung und einfältig Geschöpf mich versprochen einem handlichen Burschen , so als ein Holzfaller in Diensten des erlauchten und edlen Herren Georg von Höhenrain gestanden ist . Haben also Hochzeit miteinander gefeiert draußen im freien grünen Wald , wo der groß und mächtig Herrgott der Pfarrer und allerhand munter Getier und Vöglein getreue Zeugen gewesen sind , und hat er mich heimgeführet in sein Haus gleich einer ehelichen Hausfrau . Hab ihm alsbald einen lieblichen Knaben in die Wiegen gelegt , der aber leider als ein mannlicher Bursch hernach für seinen Herrn und Fürsten als ein tapferer Soldat das Leben gelassen , da ich wohl an die fünfzehn Jahr schon Wittib gewesen , alsdann denn auch mein lieber und getreuer Hort und Mann , noch bevor ich ihm ein sieben Jährlein angehöret , von einem rollenden Baumstammen erschlagen und auf der Stell ertödt worden . Hab also nicht Erben noch Sippschaft , so ein Anrecht auf itwelches Ding in meinem Haus , noch auf das Haus oder den Anger darum hätten ; und vermach ich also am heutigen Tag und auf diese Stund alles , was mein ist an Haus , Grund , Liegenschaft oder Gegenstand , sowie mein Sparpfennig von dreihundert Gulden guter Währung genannter Jungfer Maria Kathrein Paumgartner , welche ist in meinem Haus als ein rechtes und riegelsames Maidlein bis auf diese Stund , auch nit Anlaß gibt zu Schimpf und Schand . Weshalb ich genannter Maria Kathrein noch gebe den heiligen und kräftigen Segen : Der Herr segne sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes . Amen . In der blauen Truhen unter meiner Himmelbettstatt liegt zu finden das erst Gewändlein samt Schühlein und ein Beutel mit fünfhundert Gulden Besitztum genannter Jungfer Kathrein . Man begrab mich bei meinem Hause und lasse nicht Pfaff noch Leut dazu ; dieweilen ich die nicht gebraucht im Leben , sothan sie mir auch nichts helfen im Sterben und etwan auch nicht wohl reden nach meinem Verscheiden . Und so verleihe mir und genannter Jungfer Maria Kathrein unser lieber Herr ein gut Stund zum Leben und ein unschmerzlich Augenblicklein zum Absterben . Amen . So Gott will . Amen . Walburga Irscherin , Waldhäuslerin bei Sonnenreuth , geboren als des Wundarzten Rauff einzig Kind zu Au in Baiern . « Der Schreiber hatte zu Ende gelesen ; er nahm nun die Feder , einen Bogen sauberen Papiers und schrieb , indem er laut dazu sagte : » Dieses wahre und echte Schriftstück ist eigenhändig geschrieben und unterzeichnet am fünfundzwanzigsten Jänner des Jahres eintausendsiebenhundertsechsundneunzig zu Sonnenreuth , von der am dreißigsten Mai dahier verschiedenen Walburga Irscherin , gebürtig aus Au in Baiern . « Hier machte er eine Pause , dann schrieb und sagte er weiter : » Im Beisein der ehrenfesten Manner Korbinian Urber , Lindlschneider dahier , und Balthasar Meckinger , Staudenweber dahier , sowie der in Persona erschienenen Erbin , der Jungfrau Maria Katharina Paumgartner , gefunden , geprüft , unversehrt befunden , feierlich eröffnet und vorgelesen zu Sonnenreuth am zehnten Tag im Heumonat des Jahres eintausendachthundertundeins . « Er überlas das Ganze noch einmal halblaut und rief darauf : » Trete die Jungfer näher und unterzeichne Sie das Protokoll ! ... Wollen die Manner als Zeugen ihre Namen daruntersetzen zur Beglaubigung ! « Damit nahm er die Feder , tauchte sie in die Tinte und hielt sie mit feierlicher Gebärde dem Kathreinl hin . Das Mädchen hatte schon während des Ablesens leise zu weinen begonnen , und als sie nun ihren Namen kritzelnd unter das Protokoll setzte , tropften ihre Tränen auf das Papier . Nach ihr unterschrieben die beiden Bauern , oder vielmehr , sie setzten ein jeder drei große Kreuze nebst einem Buchstaben auf das Schriftstück , und zum Schluß machte der Aktenlippel noch einen schwunghaften Schnörkel darunter , übergab dem Kathreinl die Urkunde des Testaments , langte nach seinem Käpplein und sagte : » Komme die Jungfer im Laufe des Tages auf die Bürgermeisterei und hole Sie andorten ihre Kuh und Geißen ab und gebe Verfügungen wegen Ihres Besitzes und Erbes ! « Darnach wandte er sich an die Männer : » Wollen wir gehen ! « Nun nahmen auch die beiden ihre Hüte , und alle drei gingen , kurz grüßend , aus dem Haus und ließen uns allein . Unbeweglich saß das Kathreinl in seinem Stuhl ; ihre Augen waren noch naß , und sie sah trüb ins Leere , die Hände verschlungen im Schoß haltend . Ich blieb noch eine Weile stumm in meinem Winkel hocken ; da aber das Mädchen sich immer noch nicht rührte , stand ich schließlich auf und nahm die Testamentsurkunde vom Tisch , trat ans Fenster und las , so gut ich konnte , die Artikel durch . Darnach meinte ich etwas kleinlaut : » Was wird jetzt wohl werden ? Wirst mich halt nimmer mögen , wenn ich einmal groß bin , wo du jetzt auf einmal eine Herrische bist ! Wird dich halt ein Graf kriegen oder ein Junker ! « Sie antwortete mir nichts , und ich kam mir recht armselig und bemitleidenswert vor , als ich das Schriftstück so unschlüssig in der Hand drehte . Nach einer Weile begann ich wieder : » Was hast jetzt vor ? Was willst jetzt tun ? Wirst wohl kaum mehr mitgehen in den Weidhof ? Bleibst wohl gleich da ? « Da ich abermals keine Antwort von ihr erhielt , warf ich die Urkunde auf den Tisch , nahm mein Hütl und sagte : » Jetzt bist halt ein Herrenkind ! Jetzt kennst halt den Weidhoferbalg nimmer , gelt ! ... « Draußen war ich , und krachend fiel die Tür ins Schloß , und ich rannte ingrimmig dahin , die Herrischen verfluchend und denen die Hölle wünschend , die mich hergesetzt in diese lausige Welt . Keinen Blick tat ich mehr zurück nach dem Waldhaus und kam keuchend in den Weidhof , schlich mich ungesehen in die Kammer des Ambros und warf mich aufs Bett . In meinen Ohren sauste und hämmerte das Blut , und der Schmerz würgte mich am Halse , daß ich Mühe hatte , die Tränen zu verbeißen . Stundenlang lag ich so , beide Fäuste vor den Kopf gepreßt und nichts denkend als : sie ist herrisch , von Höhenrain , sie wird einen Herrischen kriegen . Schließlich bildete sich in meinem Hirn ganz von selber eine Melodie zu diesem Gedanken , und am End mußte ich mit dem Fuß den Takt dazu stoßen , während ich auf dem Bauch lag und summte : Sie ist herrisch , von Höhenrain ... sie wird einen Herrischen kriegen ... Mein Ziehvater riß mich endlich aus diesem unsinnigen Brüten ; er kam herauf und sah nach mir , fragte um die Jungfer und wollte uns zum Nachtessen holen . Ohne mich zu erheben , berichtete ich ihm mit wenigen Worten von der Testamentseröffnung . » Die Jungfer ist gleich droben blieben im Waldhaus « ; schloß ich darnach ; » ghört ja jetzt alles ihr . Sie ist ja eine Herrische von Höhenrain ! « Erstaunt über diese Botschaft wollte der Weidhofer gerade was erwidern , als das Mädchen eilig über die Stiegen heraufkam und ihn , als er aus meiner Kammer blickte , ängstlich fragte , ob ich schon daheim sei . » Ja , ja , Jungfer « , sagte mein Ziehvater lachend ; » der ist schon da . Hat mir schon allerhand vorgeflunkert von der Erbschaft ! « Damit ging er wieder zu mir in die Kammer herein und lud auch das Kathreinl ein , sich ein wenig auf meinen wackligen Stuhl zu setzen und zu erzählen . Ich sprang nun rasch aus dem Bett , strich es glatt und wollte davon ; aber der Ziehvater lehnte an der Kammertür , und so mußte ich noch einmal die ganze Sach über mich ergehen lassen . Der Meßmer hörte ihr aufmerksam zu , überlas auch die Urkunde und erbot sich schließlich , ihr in allem getreu zu helfen und zu raten , darüber sie sehr erfreut war und ihm froh dankte . Darnach gingen wir alle drei hinunter in die Wohnstube , und der Vater rief im Vorbeigehen in die Kuchel : » Auftragen für drei ! Haben die andern schon gessen ? « , worauf ihm vom Kuchelmensch der mürrische Bescheid wurde : » Schon lang . « Also aßen wir , und der Vater unterhielt sich eifrigst mit der Jungfer und gab ihr viel gute Ratschläge , erbot sich , ihr Vieh aufzunehmen , ihr Haus zu versorgen und sie selber - wenn sie wolle , natürlich - als ein Vormunder in allen ihren Gerechtsamen zu unterstützen und ihr Erbe zu verwalten . Das Mädchen war mit allem einverstanden und bat am Ende noch um die Vergünstigung , daß sie , bis sie einmal irgendwo ein gedeihliches Unterkommen fände , im Weidhof bleiben dürfe , wofür sie dann dem Vater den vollen Milchertrag und fürs Jahr ein Kalb verschreiben tät . Einigten sich also , daß die Jungfer von nun an wie ein Hausglied im Weidhof aus und ein gehen und leben kunnt , wohingegen der Meßmer dann den vollen Milchertrag und zu Lichtmessen ein Kalb erhielt . Fröhlich ging das Kathreinl darnach in ihre Kammer ; der Weidhofer aber nahm die Mutter beiseite und brachte es nach langem , hartem Kampf dahin , daß sie zu dem Handel ja und amen sagte . Also blieb die Jungfer im Weidhof ; ich aber trug mich mit dem Gedanken , das Haus zu verlassen und mich in der Fremde ein wenig umzuschauen ; doch sagte ich niemandem etwas davon und wartete nur auf eine Zeit , die mir besser dazu paßte wie der Sommer ; wie denn insgemein ein jeder weiß , daß in den Hundstagen überall bei den Bauern die Arbeit metzenweis um etliche Groschen leichtlich zu haben ist . Es mög mir aber nicht zu einer Unehr angerechnet werden , daß ich in jenem Alter noch nicht so gar aufs Geldverdienen aus war , vielmehr lieber ums Gnadenbrot und Gottes Lohn in meiner Kammer oder auf der Hausbank hockte und meiner Ziehmutter , der Meßmerin , aus weichem Holz allerhand Koch- und Rührlöffel schnitzte , während die andern auf dem Felde schwitzten und die Kathrein droben in ihrer Stube am Spinnrocken saß und tagein , tagaus spann und einen