Bann getan , weil sie ihnen für verderblich und molochitisch gilt . Und das erlaube ich mir für bedenklich zu halten . « Er gähnte , und Maria fragte teilnehmend , ob er müde sei , dann wollten wir doch lieber von etwas anderem reden . Mir schien , sie hatte selbst genug davon und fing an , sich zu langweilen . » Nun ja - was meinen Sie etwa zum Hetärentum ? « fragte Sendt , und sie wurde ganz böse - es schien irgendeine Anzüglichkeit zu sein . » Aber ich bitte Sie - die matriarchale Zeit ist sicher von ungemeiner Wichtigkeit , wie Delius sagen würde . Waren Sie dabei , Dame , wie Frau Hofmann neulich proklamierte , wir gingen zweifellos wieder matriarchalen Zeiten entgegen ? Man sprach nämlich von einem Mädchen , das unberechtigterweise ein Baby bekommen hatte , und irgend jemand nahm Anstoß daran - ich glaube , es war an dem Festabend . « Ich sah zufällig Maria an und bemerkte , daß sie ganz rot geworden war . Warum nur ? Nein , die erwähnte Äußerung hatte ich nicht gehört oder jedenfalls nicht verstanden . » Aber darüber müssen Sie Bescheid wissen « , nahm Sendt wieder das Wort , » sonst wird man Sie niemals für voll nehmen . Merken Sie sich überhaupt , daß alle mit der Vorsilbe Ur beginnenden Worte hierzulande einen bedeutungsvollen Klang haben : Urzeit - Urnacht - Urkräfte - Urschauer - und so weiter . Des Ferneren : den Unterschied zwischen kosmisch und molochitisch hat man auch auf die matriarchale und patriarchale Weltanschauung übertragen ( vergessen Sie nie , daß man stets Wahnmoching bedeutet , denn an allen anderen Orten der zivilisierten Welt pflegt man diese Sachen nur vom wissenschaftlichen oder historischen Standpunkt und ohne starke innere Beteiligung zu beurteilen ) . Notieren Sie sich also bitte folgendes : in der matriarchalischen Urzeit folgte die Frau nur dem kosmischen Drange , wenn sie sich - pardon - mit einem Manne einließ . Nach Bachofen - das ist ein bekannter Gelehrter , lieber Dame , und wenn Sie sich dauernd in unserem Stadtteil niederlassen wollen , müssen Sie ihn lesen - nach Bachofen ist der Hetärismus die früheste Lebensform - in Wahnmoching gilt sie natürlich für die enormste . Dem Hetärismus entspricht die Anbetung der blind gebärenden Erde , sie wird in seinen chthonischen Kulten verehrt - wenn Sie Ihr Griechisch noch nicht vergessen haben , werden Sie vielleicht wissen , daß Chthon der dunkle Schoß der Erde bedeutet . « » Nein , nun hören Sie auf - das ist wirklich nicht mehr zum Aushalten « , rief Maria ganz verzweifelt . » Gemach , gemach « , antwortete Sendt mit Ruhe , » haben Sie mich nicht selbst dazu verurteilt , Herrn Dame zu belehren , damit er ruhig schlafen kann ? Und war er nicht heute zum erstenmal auf einem Wahnmochinger Jour mit kosmischen Gesprächen ? « » Zum zweitenmal « , bemerkte ich , » aber damals sprach man nur über die Geste , und ich entsinne mich jetzt , daß sie ebenfalls als Urform des Lebens bezeichnet wurde . « Der Philosoph lobte mich und sagte : übrigens , wenn dort von der Geste gesprochen würde , so meine man immer nur die Geste des Meisters oder vielleicht noch die seiner verehrenden Anhänger . » Er tut sich leicht « , meinte Maria , » seine Geste ist einfach das dritte Zimmer « , und Sendt erklärte , sie habe ausnahmsweise etwas Richtiges gesagt . Sie war sehr stolz darauf und versprach , sich noch ein wenig zu gedulden . » Wo waren wir stehengeblieben ? « fragte der Philosoph und warf einen Blick in mein Notizbuch - » ah , richtig - Chthon , der dunkle Schoß der Erde . - Das ältere Heidentum neigte dazu , sich die schöpferische Urkraft blind gebärend vorzustellen - Wahnmoching schließt sich ihm an , der Hetärismus gilt ihm als das Höchste , Urschauer , die noch durch keine molochitisch rationalen Hemmungen geschwächt sind . Die spätere Zeit erkannte das Licht der Vernunft als göttlich an und dachte sich das schöpferische Prinzip als männlich und zeugend . Man nennt sie deshalb die patriarchale , und Wahnmoching schätzt sie ziemlich gering ein . Es wird Ihnen deshalb ohne weiteres einleuchten , daß man das Dionysische stark betont , gerade jetzt im Fasching haben Sie öfters Gelegenheit , das zu beobachten . « Ja , es war mir schon aufgefallen , daß die kappadozische Dame Hofmanns Tanzweise für dionysisch erklärte . » Sehr richtig « , bemerkte Sendt , » Apollo ist bekanntlich der Gott des Lichtes , der Vernunft - Dionysos der des Rausches und des Blutes . Auch in Wahnmoching hat man nicht umsonst seinen Nietzsche gelesen , aber es genügt hier , zu wissen , daß es ehrenhafter ist , mit dem Dionysos auf vertrautem Fuß zu stehen . « Mir wurde jetzt auch klar , weshalb die Kappadozische bei der Szene zwischen den beiden Männern und Maria so bedeutsam sagte : » Sie wissen doch - Blut . « Damals war es mir völlig unverständlich geblieben . Die beiden brachen in ein freudiges Gelächter aus , als ich es ihnen jetzt erzählte . Dann wollte ich gerne noch wissen , wie man es nun in diesen Kreisen mit der Magie hält . An jenem Nachmittag im Café war ich ja noch so ganz unerfahren , und das Thema scheint doch hier und da wieder aufzutauchen . » Nein , dieses Gebiet liegt Wahnmoching eigentlich fern « , meinte der Philosoph , » man beschäftigt sich wohl gelegentlich in seinen Mußestunden damit , und die kappadozische Dame verwechselt es manchmal mit kosmischen Dingen . Hofmann ist seit dem bedenklichen Fauxpas jenes Psychometers ganz davon zurückgekommen , und Adrian ... « Er lächelte ein wenig ironisch . » Was haben Sie nun wieder gegen Adrian ? « fragte Maria , » ich kann ihn sehr gut leiden . « » Oh , ich auch « , erwiderte Sendt , » und ich wollte ihn gerade in einer poetischen Anwandlung mit einem Schmetterling - nein , falsch - mit einer Biene vergleichen , die aus allen Blumen den Honig herauszufinden weiß und das Gift wohlweislich darin läßt . Für jemanden , der sich hier in und zwischen den verschiedenen Kreisen bewegt , ist das eine sehr glückliche Eigenschaft . Was ? Immer noch eine Frage , lieber Dame ? Aber es sei die letzte , die ich als vielgeplagter Philosoph Ihnen heute noch beantworte - die Uhr ist zwei . « » Ja , sicher die letzte - was nun diese vielgenannten Kreise voneinander unterscheidet , und was ihnen gemeinsam ist , das möchte ich gerne noch wissen . « » Leicht gefragt - und nicht so leicht zu beantworten . Sie werden es mit der Zeit schon selbst herausfühlen . Ich kann es Ihnen zu dieser vorgerückten Stunde nur noch flüchtig andeuten . Etwa so : alle die sogenannten mystischen Entdeckungen , die Substanzangelegenheiten , kosmischen Dinge und so weiter sind in erster Linie Sache des Hallwig-Delius-Kreises , und der Hofmannsche partizipiert daran - man kann es eben auch und findet es fabelhaft , tut auch noch allerlei Beiwerk dazu , das bei den anderen nicht immer Anklang findet . Und die Hauptdifferenz könnte man etwa so formulieren : dort bei Hallwig und Delius sucht man die alten Götter und alten Kulte wiederzufinden - hier , nämlich bei Hofmanns , braucht man keine alten Götter , denn man hat einen neuen , der allen Ansprüchen genügt , Mirobuk ! - und jetzt ... « » Gehen wir nach Hause « , sagte Maria , die schon ganz teilnahmslos dasaß . » Ob wir wohl noch ein Auto finden ? « » Und wo gedenken Sie heute zu schlafen ? « fragte der Philosoph besorgt , » Ihre Wohnung liegt ja wohl am Ende der Welt . « » O nein , ich gehe ins Eckhaus ... « Sendt sah sie prüfend an und sagte noch einmal Mirobuk , aber in etwas anderer Tonart . Nachtrag : Etwas Wichtiges habe ich vergessen - der Philosoph sagte mir , daß alle diese Dinge in Wahnmoching eigentlich als Geheimnis behandelt werden . Deshalb wende man wohl auch die vielen merkwürdigen Ausdrücke an , die eben nicht jeder versteht . 8 7. Februar Am späteren Nachmittag im Eckhaus . Unten im Hof spielt das Kind , das ich hier schon neulich gesehen habe . Susanna empfängt mich wieder in der großen Küche . Was ich inzwischen gemacht habe ? » Nun - versucht , mir über verschiedene Eindrücke klarzuwerden , und mich mit dem Philosophen unterhalten . « » Jetzt im Karneval ? « sie schüttelt den Kopf , » warum sind Sie nicht lieber mit uns zur Redoute gegangen , und heute ist draußen auf dem Lande ein Fest , man fährt mit Schlitten hinaus . « Sie seufzt etwas - Orlonsky erscheint - schon wieder im Henkerkostüm - oder hat er es inzwischen gar nicht abgelegt - er fragt nach Willy : » In seinem Zimmer - er liest Maria Märchen vor . « Wir gehen hinüber , Konstantin , der Sonnenknabe , ist auch da . Maria liegt matt auf dem Diwan , sie sind alle schon im Kostüm für heute abend , alle etwas bleich und übernächtig , und Willy liest ihnen ein Gedicht aus des Knaben Wunderhorn vor : Maria , wo bist du zur Stunde gewesen ? Maria , mein einziges Kind ? - Ich bin bei meiner Großmutter gewesen , Ach weh , Frau Mutter , wie weh ! Ich kannte das Gedicht - die Großmutter hat ihr Schlangen zu essen gegeben , und sie stirbt daran . » Pfui , warum lesen Sie ihr das vor ? « sagte Konstantin vorwurfsvoll . » Weil es so auf sie paßt ? « » Auf mich ? « fragte Maria ganz abwesend , und alle lachen . Sie scheint gar nicht zu wissen , wovon die Rede ist . » Und das schwarzbraune Hündlein , das auch von den Schlangen frißt und in tausend Stücke zerspringt - das werden Sie wohl sein , Konstantin « , meinte Willy etwas unliebenswürdig . Konstantin lächelte nur , er ist wirklich ein hübscher Kerl , und ich begreife , daß die Mädchen hinter ihm her sind . Dann Orlonsky : » Katerunterhaltung ist das ... « , er versorgt uns mit schwarzem Kaffee , und sein eisernes Schuppenhemd klirrt , wenn er sich bewegt , » bleiben Sie bei uns , Maria , wir geben Ihnen nicht Schlangen zu essen , bis Sie kaputt sind . « » Nein , bei Euch ist es zu friedlich - ich muß wohl immer etwas haben , was mich zugrunde richtet . Und ich kann ja doch nicht los von ihm ... « » Aber er denkt nicht daran , dich zugrunde zu richten « , sagt Konstantin . » Nein , er nicht - aber ich muß immer gerade das tun , was er nicht leiden kann , er haßt den Karneval und sagt , es sei ein unechter Rausch . Aber für mich ist es ein wirklicher - ich bin nur glücklich , wenn jeden Abend ein Fest ist . Und jetzt will er aufs Land gehen , weil er das nicht mehr mitansehen kann , es wäre lebensfeindlich , sich so zuzurichten wie ich ! Also was soll ich tun ? - was meinen Sie dazu , Monsieur Dame ? « » Was soll ich meinen ? - ich tue immer nur das , wozu ich verurteilt werde . « » Sie Glücklicher - weißt du , Susanna « , sie denkt nach , » ich will doch lieber zu euch ziehen . « » Und Konstantin ? « » Oh , Platz genug « , sagte Orlonsky , und es folgte eine Art häuslicher Beratung zwischen ihm und Susanna . Ich gehöre nicht zu den Neugierigen . Die Zusammenstellung dieses Hauswesens ist mir immer noch dunkel . Wem das Eckhaus gehört , wer ständig darin wohnt und wer vorübergehend ... und das Kind ... Heinz hält mich für einen harmlosen , unbedeutenden Menschen - das hat mir der Sonnenknabe wiedererzählt - und für gänzlich ungefährlich in bezug auf Frauen , man könne jedes junge Mädchen unbesorgt mit mir auf Reisen schicken . Ich weiß nicht , ob man das kann . In den Kreisen , wo ich aufgewachsen bin , ist es nicht üblich , und ich hatte bisher auch noch nie das Verlangen , junge Mädchen mit auf Reisen zu nehmen . Also , was sollen solche Bemerkungen ? Die Frau , die ich suche - die steht auf einem ganz anderen Blatt - und wenn ich sie einmal finde ... Dieser Konstantin ist wohl das indiskreteste Wesen , das man sich vorstellen kann , er erzählt alles wieder , was er sieht , hört , miterlebt , und es hat den Anschein , als ob seine Freunde ihn alles hören , sehen und miterleben lassen . Susanna behauptet , sie merkten es gar nicht oder fänden es enorm , daß er gar nicht begriffe , was Diskretion sei . Man bewundere nur die Anmut und heidnische Schamlosigkeit , mit der er seine oder andere Erlebnisse zum besten gebe . Nun , ich will gerne einräumen , daß der Junge viel Charme hat , ich mag ihn recht gerne . Aber trotzdem berührt es mich nicht gerade angenehm , wenn er mir mit strahlender Miene erzählt , daß andere Leute mich für einen Dummkopf halten . Ich wurde sogar etwas ärgerlich und sagte , daß Heinzens böse Zunge mir schon von der Schulzeit her bekannt sei - worauf er ebenso strahlend bemerkte , ja , ihm auch , denn Heinz sei sein Vetter , und sie ständen sich sehr nahe . Eigentlich kann es mir ja ziemlich gleichgültig sein - für einen bedeutenden Menschen halte ich mich wirklich selber nicht , aber ich verstehe und begreife vielleicht doch mehr , als Heinz annimmt . Sonst würde der Philosoph sich wohl auch schwerlich so viel Mühe mit mir geben - er selbst steht den Dingen ja sehr skeptisch gegenüber , aber ich habe mehr und mehr das Gefühl , daß es sich hier um große Ideen und tiefe Lebenserkenntnis handelt . Es sind unter diesen Menschen zweifellos einige ungewöhnliche Intelligenzen , und sie wollen das Leben auf eine ganz neue und schönere Art gestalten . Und wenn ihnen das gelänge , wäre es immerhin etwas Großes - ich würde mich auch , soweit es in meiner Kraft steht , gerne daran beteiligen . Ich liebe wohl das Konventionelle in allen äußeren Dingen und möchte nicht gerne darauf verzichten , aber wer weiß , ob nicht doch ein Fond von Heidentum in mir steckt . Zum mindesten scheint mir , ich bin jetzt doch auf dem Wege , in das geistige Leben dieses Vororts einzudringen und seinen inneren Zusammenhängen näherzukommen . Die letzte Woche bin ich ganz im Eckhaus geblieben . Susanna verurteilte mich dazu ; sie meinte , ich müsse etwas aufgeheitert und von meinen Grübeleien abgelenkt werden . Es war wieder ein ganzes Romankapitel , aber ich weiß es noch nicht anzufügen . Man kann doch nicht jedes Kapitel mit einem Karnevalsfest beginnen lassen - das kommt mir unkünstlerisch vor . Wollte man sich genau an die Wirklichkeit halten , so scheint allerdings bei den Eckhausleuten ein jedes nicht nur mit einem Fest anzufangen , sondern auch damit zu enden . Wie sie das aushalten , ist mir ein Rätsel ; ich war schon nach zwei Tagen ganz gebrochen und kam ins Lazarett , wie sie das nennen . Dies alte Haus ist merkwürdig und geräumig gebaut . Oben die große Küche ist zugleich der gemeinsame Salon , daneben liegen Willys Zimmer , und im Seitenflügel wohnt Susanna mit dem rätselhaften Kind - es sieht niemand von den dreien ähnlich , aber es muß doch irgendwie zu ihnen gehören . Unten im Parterre hat Orlonsky sein Reich , und neben dem großen Flur , durch den man hereinkommt , gibt es noch eine Reihe von halbdunklen Zimmern , wo die Gäste untergebracht werden . Orlonsky hat es dort mit vielen Diwanen , Polstern und anderen Lagerstätten etwas phantastisch , aber sehr gemütlich hergerichtet , das Ganze gleicht etwas einer Herberge , wo die müden Freunde des Hauses sich ausruhen und erholen können . Mit dem Ausruhen war es allerdings manchmal nicht weit her , aber ich bin jetzt schon daran gewöhnt , mich über nichts mehr zu wundern . Als ich das erstemal dort schlief , wurde mitten in der Nacht das Fenster von außen geöffnet , und jemand rief ein paarmal leise : Maria - dann stieg er hinein . Es war eine Mondnacht , und ich sah einen jungen Mann in Frack und Zylinder vor mir stehen , seinen Mantel trug er über dem Arm . Ich hielt es für angemessen , ihm zu sagen , Maria sei nicht hier . » Entschuldigen Sie , mit wem habe ich das Vergnügen ? « » Dame - ich heiße Dame . « Darauf stellte er sich ebenfalls vor und sagte , es freue ihn ungemein , mich kennenzulernen - er hätte Maria zum bal-paré abholen wollen - schade - aber vielleicht käme ich mit ? Es sei eben erst Mitternacht vorbei und immer noch Zeit genug . Ich nahm alle meine Widerstandskraft zusammen und erklärte ihm , ich wäre wirklich zu müde . » Müde ? Oh , das geht vorbei , sowie man dort ist . « » Aber ich war die vorigen zwei Nächte aus . « » Und da wollen Sie wirklich schlafen ? « Er stand regungslos da , vor meinem Bett , wie eine schmale , schwarze Silhouette , und schien ganz in Erstaunen versunken . » Wissen Sie , wo Maria heute ist ? « fragte er dann . » Mit Herrn Konstantin auf dem Atelierfest . « » Oh - gewiß wieder so eine bacchantische Wahnmochingerei « , sagte er bedauernd , » da kann ich im Frack nicht hingehen . Im Frack kann man nicht dionysisch taumeln - sehen Sie , Herr Dame , deshalb paßt das auch nicht in unsere Zeit . Was hab ' ich davon , wenn ich abends dionysisch herumrase , mir wie ein Halbgott vorkomme und am nächsten Morgen doch wieder mit der Trambahn in mein Bureau fahren muß - ich bin nämlich Rechtspraktikant - ich weiß nicht , wie die Leute sich damit arrangieren . Es wird deshalb auch nie etwas Rechtes daraus . - Sie erlauben « , er stellte vorsichtig seinen Zylinder auf den Tisch und rückte sich einen Stuhl an mein Bett . Ich könne ihm doch nicht ganz beistimmen , sagte ich nun - im Gegenteil , was man hier unter dem Begriff Wahnmoching zusammenfasse , habe mich wohl zuerst befremdet , aber jetzt hätte ich doch das Gefühl , daß sich mir hier allmählich eine neue und wunderbare Welt erschließe . Und ich fühlte eine große Bewunderung für diese geistig hervorragenden Menschen . » Pardon , wen finden Sie geistig hervorragend ? « » Ich kenne die Herren leider erst ziemlich flüchtig - aber ich habe schon viel von ihnen gehört , und zum Beispiel Maria ... « » Ja , da haben wir ' s - Maria und soundso viel andere . Da laufen die dummen Mädel hin und lassen sich erzählen , daß das Hetärentum bei den Alten etwas Fabelhaftes gewesen sei . Und nun wollen sie auch Hetären sein . Da war eine - unter uns gesagt , sie stand mir eine Zeitlang sehr nahe - , aber eines schönen Tages erklärte sie mir , sie habe eingesehen , daß sie nicht einem Manne angehören könne , sondern sie müsse sich frei verschenken - an viele . Es war nichts dabei zu machen - sie hat sich dann auch verschenkt und verschenkt und ist elend dabei hereingefallen . Denn glauben Sie mir nur , was ein rechter Wahnmochinger ist , der sieht nicht ein , daß es für die meisten Mädel eben doch ein Unglück bedeutet . Er bewundert sie höchstens , daß sie nun ein Schicksal haben und es irgendwie tragen ; aber was nützt ihnen das ? « Er machte eine Pause und fuhr dann fort : » Bei Maria liegt es etwas anders , sie hat von Natur keine Prinzipien . Und deshalb wird sie dort auch so verehrt . Sie sagt , es sei so schön gewesen - sonst habe sie immer nur Vorwürfe über ihren Lebenswandel hören müssen , und alle hätten versucht , sie auf andere Wege zu bringen . Aber als sie dann unter diese Leute kam , machte man ihr Gott weiß was für Elogen und fand alles herrlich . Sie hatte damals gerade das Kind bekommen , und die Welt zog sich etwas von ihr zurück . « » Maria hat ein Kind ? « fragte ich , wohl etwas ungeschickt , denn ich hatte ja keine Ahnung davon gehabt . » Das wissen Sie nicht - oh , sie macht übrigens gar kein Geheimnis daraus « , er wurde etwas nachdenklich . » Gott , ich weiß ja kaum , wer Sie eigentlich sind , aber ich nehme an , daß Sie dem Hause hier nahestehen « , darauf gähnte er : » Hören Sie , Herr Dame , wir sind wahrscheinlich beide ziemlich müde . Sie haben doch nichts dagegen , wenn ich dort auf dem Diwan schlafe . « Nein , natürlich hatte ich nichts dagegen - seine frische , unbekümmerte Art war mir ganz sympathisch . Er zog nur seinen Frack aus und hängte ihn über die Stuhllehne , dann warf er sich auf den Diwan . » Wissen Sie - ich habe schon einmal hier geschlafen , wenn ich meine Schlüssel vergessen oder mich verspätet hatte . Ein oder das andere Fenster ist immer offen , und die Eckhäusler wundern sich nie , wenn sie morgens irgendeinen Bekannten vorfinden - besonders im Karneval - , es ist wirklich ein gastfreies Haus . « Ich konnte noch lange nicht einschlafen , der Mond schien gerade ins Fenster , und der schwarze Frack hing so gespenstisch über die Stuhllehne , daß ich jeden Augenblick emporfuhr und meinte , es stände jemand vor mir . Ich dachte noch über Maria nach - es ist so viel Verhängnis um sie - , da tobt sie nun heute nacht mit dem Sonnenknaben und den Enormen , vielleicht liebt sie auch den Mann , der dort drüben schläft . Und morgen liegt sie selbst wieder hier auf dem Diwan , und wir unterhalten uns müde über unsere Biographien . Wir verstehen uns , wie nur zwei Verurteilte sich verstehen können - eine andere Liebe ist nicht zwischen uns . Hallwig nennt so etwas den Eros der Ferne , hat Maria mir gesagt . Früher hätte ich das überhaupt nicht verstanden und mir nichts darunter vorstellen können . Als ich aufwachte , war der Frack fort und sein Besitzer verschwunden . Susanna stand am Tisch und betrachtete sinnend ein Paar weiße Glacéhandschuhe , die er anscheinend vergessen hatte . Dann lächelte sie mich an : » Lieber Dame , kommen Sie doch mit zum Frühstück hinauf , wir haben ein paar Leute mitgebracht . « Es ist sieben Uhr morgens . Sie sind eben erst heimgekommen - die ganze Küche voll kostümierter Gestalten . Ich weiß nicht , ob ich wache oder träume . Man sitzt bei Lampenlicht um den Frühstückstisch , die Mädchen haben Kränze auf dem Kopf , sehen blaß und glücklich aus . Susanna legt die weißen Handschuhe vor Maria hin : » Gilt das mir , oder gilt es dir ? « Sie flüstern zusammen , dann fragt Susanna : » Sie - Monsieur Dame , wie hat er denn ausgesehen ? « Ich versuche ihn zu beschreiben : » Schlank - mittelgroß - das Gesicht hab ' ich nicht deutlich sehen können , dazu war das Zimmer zu dunkel . Aber ich besinne mich , daß er Maria abholen wollte . « » Oh , dann war es Georg « , sagt Susanna , » die Handschuhe sind deine , Maria ... « Die beiden sehen sich an , lächeln - dies Lächeln , dieser Blick ist absolut heidnisch - bei Susanna vielleicht noch mehr . Hinter ihrem Lächeln ist nie ein Schmerz oder eine Zerrissenheit - Susanna kann selbst aus meinem Herzen alle Nebel und alles Dunkel hinweglächeln , wenn sie mich ansieht wie an diesem Morgen . Ich kann nicht anders , ich muß ihnen beiden die Hände küssen . Da sitzt ein Herr am Tisch , der ein Monokel trägt und alles aufmerksam beobachtet . Er ist ein Jugendbekannter von Susanna , den sie heute nacht beim Fest zufällig wiedergetroffen hat . Er steht in Berlin bei der Garde , wie sie mir nachher erzählte . » Na , weißt du , Susi , das ist wirklich eine originelle Bude - und da wohnst du ? « » Freilich wohne ich hier « , antwortete sie gleichmütig . » Ja - sag mal ... « Willy erscheint aus dem Nebenzimmer , er ist in Zivil , denn er war heute nicht mit - sieht sich mit seinen runden Augen etwas erstaunt um , begrüßt alle , setzt sich an den Tisch . » Ach , Susanna , gibt es schon Frühstück ? « sagt er weich und sehnsüchtig . - » Ja , bitte , mahlen Sie den Kaffee , wir warten nur noch auf Onsky . « Willy beginnt Kaffee zu mahlen , Maria zupft ihn an den Haaren und erzählt ihm von dem Feste . Der Jugendbekannte betrachtet ihn etwas erstaunt und wirft einen fragenden Blick auf die Herrin des Hauses . » Das ist Willy « , erklärte sie , » der wohnt da drüben neben der Küche , und Orl - Gott sei Dank , da kommt er endlich . « Orlonsky kommt die Treppe herauf , alles an ihm ist wieder rasselndes Eisen , und er ist böse . » Ah - Maria - wo ist denn der Sonnenbengel ? Schon untergegangen am frühen Morgen ? « » Onsky , wir verhungern « , sagt Susanna , » Ihr könnt Euch nachher zanken . « Orlonsky und der Gardeleutnant stellen sich einander aufs förmlichste vor , sie verbeugen sich und schlagen die Absätze zusammen : » Sehr angenehm . « » Freut mich sehr . « Die anderen betrachten das wie eine seltene Schaunummer . Dann begibt sich Orlonsky an den Herd - er ist ein sonderbarer Kauz , und ich habe ihn sehr schätzen gelernt , ein wenig rauh und kurz angebunden , aber Gentleman durch und durch . Er treibt alle Sportarten , die es überhaupt gibt , mit Vollendung und kocht vorzüglich - die Frauen läßt er überhaupt nicht an den Herd und behauptet , sie verständen nichts davon . Man pflegt deshalb andächtig mit den Mahlzeiten zu warten , bis er kommt . Er bereitete uns denn auch an diesem Morgen ein ausgezeichnetes englisches Frühstück . Susannas Jugendfreund beobachtet ihn stumm , dann läßt er sein Monokel fallen und beugt sich zu Susanna hinüber : » Großartig , das ist ja das reinste Familienleben - dein Onkel in Berlin erzählte mir - ja sag mal - Susi , und was tust denn du hier eigentlich ? « » Aber das siehst du doch - ich führe ihnen den Haushalt « , sagte sie lässig und zufrieden . Ich dachte , sie würden alle etwas ruhebedürftig sein , aber nach dem Frühstück wurden sie wieder sehr lebendig und berieten , was nun mit diesem angebrochenen Tag zu beginnen sei . Orlonsky ordnete schließlich an , wir sollten alle aufs Land fahren . Er nahm den Leutnant mit auf den Speicher , und sie förderten eine Anzahl Rodelschlitten und Schneeschuhe zutage . Ich schickte Chamotte in meine Wohnung und ließ ihn holen , was ich an Sportgarderobe besitze - einiges fand sich auch im Eckhaus vor . Orlonsky musterte erst die vorhandenen Kleidungsstücke , dann jeden seiner Gäste mit Kennerblicken , und unter seinem Kommando wurde eine Art militärische Einkleidung vorgenommen . Wir fuhren aufs Land , alle in der heitersten Stimmung , selbst im Waggon fingen sie noch wieder an , einen Konter zu tanzen , aber der Schaffner verbot es . Es war ein wundervoller , weißer Wintertag , wir trieben uns viele Stunden im Schnee herum . Susanna hatte mich zum Partner genommen , und ich fühlte mich stillglücklich , ich , der Müde , Verurteilte , unter diesen Unermüdlichen . Sie verlangen ja nicht , daß ich mich persönlich stark betätige , und ich störe sie nicht , ich lasse mich so gerne mitziehen . Maria war an dem Tag stürmisch und voller Leben , mit Willy zusammen sauste sie leidenschaftlich die Abhänge hinunter - einmal stürzen sie und der Schlitten geht entzwei . Orlonsky macht ihr Vorwürfe , es ist immer etwas Krieg zwischen den beiden , und er hält beim Sport auf Ordnung . Sie lacht nur und sagt : » Oh , meinetwegen soll alles zerbrechen - alles , nicht nur der Schlitten , auf dem ich fahre . « Und Susanna war schläfrig , ihre Bewegungen hatten etwas Mattes - sie meinte , die Welt sei für sie heute in lauter Schleier gewickelt . Wenn Orlonsky in ihre Nähe kam , drückte sie ihm die Hand . Er sah sie an - seine Augen sind scharf und graublau - wie von Stahl . » Onsky , ich bin sehr glücklich - das Leben ist so schön « , sagte sie . Als wir einmal aus der Bahn geraten , will sie