Meereswogen heet dat « , sagte der Pastor ernst . » Mit dem Spruch lett sik woll no See fohren . « Da hatte Klaus Mewes sich bedankt und war seines Weges gegangen . Der Spruch gleißte zwei Jahre unter seiner Koje , dann ging einmal ein Schullehrer in der Stachelbeerzeit mit ihm nach See , ein deutschgesinnter , begeisterter Junggast , der schlug großen Lärm darum : » Schiffer Mewes , was soll das Latein dort ? Ist ihr Schiff kein deutsches und muß es keinen deutschen Spruch haben , den sie verstehen und bei dem sie sich etwas denken können ? Was sollen überhaupt alle die lateinischen , griechischen , hebräischen , englischen und französischen Namen , die eure Schiffe haben ? Wer heckt sie aus , wer hat sie bedacht , wer tauft hier deutsche Fahrzeuge Sagitta , Poseidon , Ebenezer , Avance , Courier , Salamander , Pescatore , Vlieboot und Cito ? Die Alten machten es besser , die nannten die Schiffe wie ihre Frauen : danach müßte ihr Ewer Gesa heißen und nicht Laertes . Und statt des Lateins müßte hier ein guter deutscher Spruch stehen ! « » Schallst recht hebben , mien Jung « , sagte Klaus Mewes , » ik frei mi jümmer , wenn een kleuker is as ik bün . An den Laertes lett sik jo nu nix mihr innern , ober wenn du een scheunen Spruch för de Koi weeß , denn wöt wi mol sehn . « Da kam das starke , ewige Lutherwort unter die Koje : Ein feste Burg ist unser GOTT , den lateinischen Spruch aber erhielt die Knechtenkoje als Schmuck . So ging es wieder zwei Jahre gut , bis der lange Harm Riegen , der Ewersprüche sammelte , einmal in die Kajüte trat und ausrief : » Twee Wiltsproken stoht dor all , Klaus , oder de drütte , de von Kap Horn bit ant Nurdkap snackt ward un de üller is as de annern beiden tohoop , fehlt dor noch bi : plattdütsch ! « » So « , lachte Klaus Mewes , » du kummst van wegen de Sprüch : ik meen all , du wullst mol meten , keen greuter is van uns twee beiden ! Harm , plattdütsch kannen doch bloß snacken , to schrieben geiht dat doch ne ! « » Klaus , dat gift hunnert grote , dicke Beuker , de plattdütsch sünd ! « » Kann ne angohn , Harm ! Dor hebb ik noch nix van hürt ! « » Wat ? « schrie Harm Riegen , sprang auf , rannte wie ein durchgehendes Pferd den Deich entlang und kam nach einer Viertelstunde mit einer großen , plattdeutschen Bibel von 1486 zurück . » Hier , Klaus Mees ! « » Wat ? Dat is een Book ? Ik meen , dat wür een räukerten Schinken ! « Nachdem er sich aber zu seiner Verwunderung überzeugt hatte , daß sie wirklich plattdeutsch gedruckt war , und nachdem Harm ihm ein Kapitel daraus vorgelesen hatte , erklärte er sich damit einverstanden , auch einen plattdeutschen Spruch zu setzen und gab zehn Bund getrockneter Scharben für die Worte , die nun unter seiner Koje prangten und leuchteten : Hilpt mi , Sünn und Wind , hilpt mi bit Fischen ! Ik heet Klaus Mees un bün van Finkwarder . » Eegentlich harr ik di twintig Bund todacht , Harm « , sagte er aber doch dabei , » ober dat riemt sik jo ne , dorüm kriegst du bloß tein ! « Den hochdeutschen Spruch bekam die Jungenkoje . * * * Wiederum stand der kleine Störtebeker auf und befühlte seine Sachen , er hängte sie um und stökerte das Feuer nach . Du liebe Zeit , wie lange dauerte das ! Er kriegte ja von dem Eisbrechen gar nichts mehr zu sehen , denn bei dem vielen Hurra mußten sie wohl bald nach dem Fahrwasser kommen ! Einem plötzlichen Einfall folgend , schob er die Hinterwand der Koje zurück und guckte über die Ketten hinweg nach den fünf Totenschädeln , die ganz vorn im Steven zwischen den Kneeßen steckten . Kap Horn hatte sie ihm vorher einmal gezeigt und gesagt , die hätten sie in der Kurre gefangen . Man dürfe solche Totenköpfe nicht wieder über Bord werfen , sondern müsse sie in den Steven stecken , dann könne der Ewer niemals umkippen . Nachdenklich starrte der Junge sie an , als wenn er nicht recht klug daraus werden könnte , denn sein Vater hatte auf seine Fragen geantwortet : das ist nichts zum Besprechen und Besehen , sondern etwas zum Schweigen . Wie grösig kalt die Luft aus dem dunkeln Loch kam ! Störtebeker zitterte vor Kälte , schob die Klappe zu und wärmte sich wieder auf . Als er aber einen Augenblick gelegen hatte , litt es ihn nicht mehr unter der Decke : er holte die Seekarten vom Bord und rollte sie auf und sah die roten Punkte an , die Feuer bedeuteten , und die kleinen Feuertürme , und Baken , die am Rande der Karten standen , während es draußen wieder lärmte und rief . Abermals stand er auf . Das Zeug war noch klamm und fuchtig , aber er dachte wie sein Vater : Uppen Lief dreugt upt best ! und zog sich an , so schnell es gehen wollte . Er war noch nicht ganz fertig damit , als es draußen dreimal Hurra rief , da hielt er es nicht mehr aus aus , halb angezogen , in Unterhosen , mit einem Stiefel am Fuß und einem in der Hand , sauste er nach oben und guckte aus der Kapp : da drängte der Ewer gerade die letzten Eisstücke beiseite und glitt langsam in das freie Fahrwasser hinein . Klaus Mewes und seine Macker zogen die mitgeschleiften Kurrleinen ein , der Ewer aber benutzte die Dünung eines vorbeigehenden Slomans zu einigen tiefen Dankesverbeugungen vor seinen Helfern : Ok veelen Dank , dat ji mi rutholpen hebbt . Auch vom Deich und von den Schallen rief es jetzt Hurra . Die Fahrensleute gingen in froher Stimmung , ehrlich erfreut über ihren Erfolg , gruppenweise über das Eis nach dem Deich zurück und sprachen und taten von der Fahrt , denn jetzt war der Weg nach der See frei geworden : was dem Einzelnen noch übrig blieb , die kleine Rinne von seinem Ewer nach dem großen Priel , war Sache eines Tages und ließ sich leicht beschicken . Die Schollenzeit war angebrochen für die Schollengreifer vom Neß : Hurra , hurra , hurra ! Auf H.F. 125 aber , dem Ewer » Laertes « , ließen sie den Draggen zu Wasser , schossen die Leinen auf , reinigten das Deck , hängten die Laterne an das Fockstag und kletterten dann in das Boot , um den Bärenhunger zu vertreiben , der alle befallen hatte . Störtebeker saß auf der Euschenducht und quälte sich mit drei Dingen ab : daß der verdrehte Kerl von Schuster ihm die Stiefel noch nicht gemacht hatte , daß sein Vater morgen fahren wollte und ihn nicht mitnahm , und daß sein grüner Kahn noch im Neßgraben festsaß und er noch nicht schippern konnte . » Du hest dat een beten god , Seemann « , sagte er aus diesen Gedanken heraus und streichelte den Hund , der auch keine Kniestiefel hatte und noch viel kleiner als er war und doch immer mit nach See durfte . Seemann aber hielt die Nase hoch , denn vom Deich kam ein Geruch wie von gebratenen Klößen mit dem Abendwind herübergeweht . Klaus Mewes lachte und wriggte schneller , denn er roch hinter den Klößen schon die See und grüßte Helgoland . Vierter Stremel . 1887 schreiben wir , und die Hochseefischerei unter Segeln steht in Sommerblüte . Finkenwärder hat seinen Gipfel erreicht und ist Baas auf See . 300 Ewer und Kutter nennt die Elbe ihr eigen , von denen 187 zu Finkenwärder beheimatet sind und ein H.F. auf den braunen Segeln tragen , 83 reedern mit S.B. und griesen Segeln nach Blankenese , der Rest gehört dem lüneburgischen Finkenwerder , dem Cranz , dem Mühlenberg und der Teufelsbrücke . Die das Land mit Fischen versorgen , sind die Mewes und Külper von Finkenwärder und die Breckwoldt und von Appen von Blankenese : sie liefern Hamburg und Bremen , Oldenburg und Glückstadt , Geestemünde und Tönning ihre Schollen und Zungen und fangen wintertags so viele Heringe , daß halb Holstein und Hannover damit gedüngt werden können , sie sind die Könige der Nordsee , die man in Dänemark so gut wie in Holland und England kennt , denn es macht ihnen nichts aus , bei Südwind einmal nach Esbjerg zu segeln oder bei Nordwind nach Ijmuiden oder bei Ostwind nach London . Wohl haben sie auf der Weser schon einen Fischdampfer , die kleine Sagitta , aber unsere Fahrensleute lachen noch über den Smeukewer , wenn sie ihm begegnen , wohl sind schon die Zeiten vorbei , daß nur Finkenwärder auf Finkenwärder und Blankeneser auf Blankeneser Schiffen fahren , sie müssen sich schon mit Butenländern behelfen : aber dennoch steht die Sonne von Finkenwärder auf der Mittagshöhe , und seine Segel beschatten die ganze See . Wir grüßen euch , ihr hundertsiebenundachtzig Schiffe , als wenn ihr noch alle am Leben wärt ! * * * Klaus Störtebeker hatte es den andern Morgen ganz verteufelt hild : er mußte Brot vom Bäcker holen und Proviant vom Krämer , mußte einen Schinken aus der Rauchkammer herabschleppen ( denn Klaus Mewes tat die erste Ausfahrt nicht ohne einen Schinken , obgleich man am Deich meinte , der Schinken dürfe erste beim ersten Kuckucksruf angeschnitten werden ) , er trug die Kruken mit Weiß- und Schwarzsauer , die Beutel mit Strümpfen und Unterhosen nach dem Bollwerk und quälte sich mit Vaters Seestiefeln und seinem Ölzeug ab wie Roland mit seines Vaters Waffen , aber es machte ihm Spaß , und er vergaß seinen Kummer darüber , daß er noch an Land bleiben sollte . Als alles schier war , konnte er es aber doch nicht lassen , dem saumseligen Schuster nochmal die Wacht anzusagen . Der Hans Niedersachs von Finkenwärder , der ein Schelm war und einen Schalk als Gesellen hatte , sah ihn schon , als er die Treppe hinunterstieg , und sagte zu seinem Gesellen : » Kiek ut vör Störtebeker ! « Wir müssen nun freilich wissen , daß Klaus Mewes bei der Bestellung der Siebenmeilenstiefel für seinen Jungen heimlich gesagt hatte , es eile nicht und vor Pfingsten brauchten sie nicht fertig zu sein , und daß Gesa hinterher bestimmt hatte , sie sollten erst im Herbst geliefert werden , wenn der Junge der unruhigen Witterung wegen nicht mehr mit nach See kommen könne ; der Schuster tat deshalb nur , was ihm geheißen war , wenn er ihn vertröstete . Er hatte bei den Stiefeln übrigens noch nicht einmal angefangen . Als Störtebeker die Tür aufklinkte , saßen die beiden Pechräte tiefgebückt da , duckten sich hinter die großen Glaskugeln wie Verschwörer und klopften für fünfzehn , ohne aufzugucken . » Schoster , sünd mien Stebeln klor ? « Der Schuster und sein Geselle klopften das Leder noch lauter und deftiger , daß die Fenster wie bei einem Gewitter klirrten , und taten , als könnten sie weder hören noch sehen . » Schoster , wat mien Stebeln klor sünd ? « Störtebeker rief schon lauter , aber die beiden Pfriemenreiter stellten sich wieder taub und hämmerten , als wollten sie Stahl aus den Kuhhäuten machen , dabei aber sahen sie einander heimlich an : wat he nu woll upstillt ? sollte es heißen . Der Junge sah sich in der Werkstatt um . Da lagen die großen , langen Stiefel der Elbfischer , de güngen bit ant Gatt und waren größer als er selbst , da standen die schweren , starken Seefischerstiefel , so gewaltig , daß er sich dahinter verstecken konnte , da waren Bauernschuhe , die so klotzigwaren , daß er damit hätte über die Elbe schippern können , - aber Kniestiefel , die ihm zu paß waren , konnte er nicht dazwischen finden . » Schoster , sünd mien Stebeln klor ? « Er gröhlte es , so laut er konnte , aber die Schuster ließen sich in ihrer Klopferei nicht stören , denn sie wußten noch nicht , was sie diesmal an den Tag geben sollten : sollten sie wieder über seine Seefahrt loslegen oder von seinem Kahn anfangen oder ihm ein paar linke Mannsstiefel anpassen ? Störtebeker war ärgerlich geworden , er sah den Kram noch eine Weile an , dann drehte er sich batz um und lief hinaus . » Nanu « , sagte der Meister und ließ das Hämmern , » nanu « , sagte der Geselle und stellte auch den Betrieb ein , - aber ehe sie sich ' s versahen , sauste ein großer Mauerstein durch das Fenster , daß die Splitter umherflogen , zerschlug eine der Glaskugeln , daß das Wasser über den Tisch spritzte , und bumste schwer gegen die Wand . » Nu hol mi noch mol förn Buern ! « rief Störtebeker draußen , nahm seine Pantoffeln in die Hand und sauste auf Strumpfsocken davon , wie ein gejagter Hase , hast du nicht , so kannst du nicht , - bang bün ik ne , ober loopen kann ik fix ! Der Schuster wollte ihm nach , aber ehe er soweit war , war der Junge schon längst über Heide und Zaun . Da lasen die beiden die Splitter auf , nagelten ein Stück Leder vor das Fenster und gelobten große Rache . Störtebeker war weit genug gelaufen und zog seine Pantoffeln wieder an . Seine Strümpfe waren klitschennaß geworden , denn er hatte auf seiner Flucht zwar über alle Patten springen wollen , aber es war ihm nicht immer gelungen , und dann saßen sie auch voller Schlick . Er konnte sich zu Hause nicht damit sehen lassen , wenn er nicht eine Tracht Knüppelholz riskieren wollte , das war ihm klar . Und da kam er bei und kletterte die Stegel hinunter , setzte sich hinter eine dicke , hohle Wichel , daß er vom Deich nicht wahrgenommen werden konnte , und wusch die Strümpfe im Graben , bis sie wieder rein waren , wrang sie aus und hängte sie zum Trocknen auf , sah den Sperlingen zu , bis die Strümpfe einigermaßen trocken waren , und zog sie dann getrost an . » Klor is de Käs ! « sagte er zu den beiden kleinen Jungen , die ihm bewundernd zuguckten , und lief nach Hause . Jan Husteen , der Elbfischer , den sie seines Lieblingsessens wegen allgemein Jan Sturenzupp nannten , rief ihm nach : » Störtebeker , du kummst ne mihr mit , dien Vadder is all weg ! « » Wat schull he woll ? « rief der Junge erregt und lief schneller , aber er kam doch zu spät , denn das Haus war leer , da war kein Vater mehr und kein Kap Horn , kein Hein Mück und kein Seemann : sie waren schon alle an Bord , und als er verstört hinausrannte und Utkiek hielt , da sah er den Ewer schon bei Nienstedten unter Segeln treiben . Er hätte brüllen mögen , so überkam es ihn : » Is Vadder all weg ? Worüm hett he mi denn ne Adjüst seggt , Mudder ? He wull mi doch Adjüst seggen ! « » Neem kummst du her , Junge ? Neem büst du wesen ? « fragte sie dagegen , » wi hebbt di soveel ropen un allerwärts söcht ! Vadder wull di so giern Adjüst seggen un hett noch een ganze Tied no di teuft ! « » Och wat ! « gnitzte Störtebeker , der traurig und zornig war , » harr he denn ne noch en betjen stoppen kunnt ? Ik bün jo man bloß eben langsen Diek wesen ! Vadder mütt mi doch Adjüst seggen , un ik mütt em ok doch Adjüst seggen ! Dat geiht jo gor ne anners , Mudder ! Minschenkinners ne , wat is dat ok doch all für Krom ! « Und er stand auf dem Deich und blickte mit dunkeln Augen und finsterm Gesicht nach dem Ewer , der mit glockenhellem Klippklanpp das Boot auf Deck tallte . Es wollte ihm nicht in den Kopf hinein , daß sein Vater fahren konnte , ohne ihm Adjüst gesagt zu haben , und er dachte : wärst du doch bloß nicht nach dem Schuster gelaufen , dann hättest du deinen Vater noch gesehen ! Wirklich hatten sie mit allemann nach dem Jungen gerufen , als es Hochwasser werden wollte und die Zeit gekommen war , daß sie an Bord mußten . » Störtebeker ! Störtebeker ! Klaus ! Klaus Mees ! « schallte es über den Neß . Auch Kap Horn und Hein Mück riefen mit , und sogar der kluge Seemann gab ein kurzes Bellen drein , aber der Junge war nicht hier und nicht wir zu werden , auf keinem Bug lag er an und kam nicht und kam nicht . Da mußten sie endlich los , ohne ihn gesehen zu haben , wenn sie nicht die Tide verpassen wollten . Klaus und Gesa schieden aber mit Widerhaken im Herzen , die ihnen weh taten , denn er hatte sie im Verdacht , daß sie den Jungen weit weggeschickt habe , damit er nicht im letzten Augenblick noch mitgenommen werden könne , sie dagegen konnte den Gedanken nicht los werden , daß er den Jungen an Bord versteckt halte , um ihn doch mit nach See zu nehmen und dann nachher zu sagen , es habe nicht anders gemacht werden können . Das verbitterte ihnen den Abschied . Als Gesa nun den Jungen wiederhatte und sah , daß sie ihrem Mann Unrecht getan hatte , kam die Reue über sie , und sie winkte vom Bodenfenster mit der großen Dweel , der leinenen Tischdecke , bis er es sah und seine deutsche Flagge dreimal grüßend dippte , denn sein Unmut war längst verweht , seitdem er wieder als Fahrensmann an Bord stand und seine Segel über sich hatte . Es war eine Lust , zu fahren ! In der weiten Runde , welch ein reges Leben , welch ein freudiges Arbeiten ! Da war nicht ein Ewer , nicht ein Kutter , nicht eine Jolle , auf denen es still war : überall eisten sie , trugen Segel und Proviant herbei , hievten die Anker , setzten die Segel , ließen die Gaffeln knarren , und schipperten einer nach dem andern aus der großen Rinne , die schon ihren Namen bekommen hatte und Klaus Mees sien Lock hieß . Draußen ließen sie sich mit dem Ebbstrom daltreiben , denn es war gar keine Kühlung . Der erste aber war Klaus Mewes mit seinem » Laertes « , dem die deutsche Flagge von der Besan hing . So güngen se up de Schullen dol . * * * Störtebeker stand noch auf dem Deich , als wenn er dort angewachsen wäre , sah nach dem Ewer , der unter der gründachigen Nienstedter Kirche kreuzte , und grübelte , ob es wohl darum so gekommen sei , weil er bange gewesen war . Da hatte er ja gleich die Strafe für seine Bangbüxigkeit : er war nicht mitgekommen nach See , und sie hatten ihm nicht einmal Adjüst gesagt . Wäre er langsam nach Hause gegangen , so hätte er seine Strümpfe nicht auszuwaschen brauchen , und er hätte seinen Vater noch gesehen . Nu will ik ober gewiß ne mihr bang wardn ! Ganz gewiß will ik nu ne mihr bang wardn ! sagte er sich . Die Mutter stand in der Tür . Der kleine Boitel dauerte sie : » Jä , Klaus , dor lett sik nu nix mihr an dohn : herkieken kannst du em ne wedder ! Nu sünd wi wedder den ganzen Sommer alleen ! « » To Sommer bün ik doch all mit an Burd « , sagte er mit halbem Vorwurf , ohne sich umzudrehen . » Kumm man rin , wöt Kaffe drinken . « » Och , ik mag nix , Mudder ! « » Ik will di bi magnix ! Gliek anto ! « Da mußte er sich geben , und als er erst in der Küche am Tisch saß , da schmeckte es auch . Wann hätte es Klaus Störtebeker übrigens nicht geschmeckt ? Nach dem Kaffee wusch sie ihm das Gesicht . Er hielt ausnahmsweise still , obgleich er sich schon selbst waschen konnte , und obgleich genau wußte , daß sie es nur tat , um ihm dabei die Backen eien zu können . Als sie dann aber nach seiner Bunge fragte und nach der Krähe ( denn sie hatte sich fest vorgenommen , sein Vertrauen zurückzugewinnen , wollte auch nicht mehr so streng gegen ihn sein , sondern versuchen , seine Kameradin zu werden ) , da ging er bald hinaus , denn diese Fragen schienen ihm recht verfänglich . So guckt der Spatz mißtrauisch vom Dach , wenn ihm Krumen gestreut werden . Da , beim Schloß von Godeffroy , der guten Frau , wie es am Deich hieß , segelte der Ewer , - viel weiter war er noch nicht gekommen , denn es war immer noch totstill . Störtebeker besann sich , daß er noch nicht gefüttert hatte . Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes , auch wenn er Kummer hat . Er ging über die Wurt nach dem Hof und warf den Kaninchen Kartoffelschalen hinein , aber trotz seines wehen Herzens konnte er sich nicht enthalten , der Eve den Bauch zu befühlen , denn er wartete sehr darauf , daß sie jungen sollte , hatte er doch schon fünf Junge fest versagt : Hein Meier kriegte einen Bock und eine Eve , Peter Fock einen Bock , Hannis Külper Jan Loop jeder eine Eve . Dann bekam die Nebelkrähe ihren aufgeweichten Stuten . Der struppige Kluß schlug mit den Flügeln und quarkte vergnügt über das Fressen : Störtebeker faßte es aber anders auf und sagte betrübt : » Jä , Kluß , Vadder is nu no See hin un hett mi ne Adjüst seggt ! « Da sah er am Schauer seine Kreek stehen und dachte : wenn du damit über das Eis peektest , ganz nach Blankenese hinunter , könntest du deinen Vater noch sehen und ihm Adjüst sagen .. » Ik mütt un mütt em Adjüst seggen ! « Er suchte die Peek her , nahm die Kreek auf den Nacken und schlich wie ein Indianer den Binnendeich entlang , damit die Mutter ihn nicht gewahr werden sollte . Als er weit genug war , kletterte er über den Deich , sprang vom Bollwerk auf das Eis und peekte sich über Rillen und Sickberge , an Waken und offenen Stellen vorbei nach dem Fahrwasser . Vadder , ik komm ! * * * Der Schuster war ein Schlauer . Er wartete geruhig ab , daß der Polizist auf seinem gewohnten Rundgang den Deich entlang kam , und schloß sich dann dem ahnungslosen Beamten unter harmlosen Gesprächen an um sich ein wenig zu verpetten , wie er meinte . So dachte erdem droken Klaus Störtebeker einen großen Schrecken einzujagen . Aber er hatte seine Arbeit umsonst liegen lassen , - der Vogel war nicht da . Die ängstliche Gesa suchte den Jungen im Keller und auf dem Boden , als sie ihn aber nicht fand , nahm sie an , daß er geflohen sei , ließ sich kopfschüttelnd die schlimme Tat berichten und bezahlte die Scheibe und die Kugel . Auch versprach sie dem Schuster , daß Klaus kommen und Abbitte tun solle , gab ihm noch ein Paar alte Stiefel zum Besohlen und Vorschuhen mit und brachte den Zwischenfall damit auch glücklich wieder in die Reihe . * * * » Adjüst , Vadder ! Adjüst , Vadder ! « Klaus Mewes guckte nicht schlecht , als er seinen Jungen mit einem Mal auf dem Eise stehen sah , dwars ab von Blankenese , hart am Rande des Fahrwassers . Störtebeker stand neben seiner Kreek , auf die Peek gestützt , und winkte . » Wat kummst du hier her ? Wat deist du up dat mörre Is ? « » Ik wull di doch noch Adjüst seggen , Vadder « , rief der Junge , » du büst jo so fohrn . « Kap Horn aber machte Weiberlärm : » Junge , Junge , wat kannst du wat moken , wo licht harrst du inne Wok oder innen Lock kommen kunnt ! « Aber Störtebeker sagte ruhig : » Dorför hett de Minsch doch Ogen , Kap Horn ! « Sein Vater ließ den Ewer in den Wind schießen und überlegte , was er tun sollte . » Dat Is is so mörr as Tunner , dor güng ik gewiß ne mihr rup « , ließ Hein Mück sich vernehmen , aber Störtebeker rief : » Dat gläuf ik , du Bangbüx ! Non , Adjüst , Vadder ! « » Kannst du ok wedder no Hus finnen , Junge ? « » Jo , dat is jo nix , Vadder ! « Kap Horn aber legte sich ins Mittel und sagte : » Ümschicken kannst du em nich , Klaus , dat geiht nich : he kummt uns innen Lock un buddelt weg ! « » Dat hebb ik ok all dacht « , stimmte der Schiffer besorgt zu , denn auch er hatte kein Vertrauen mehr zu dem mürben Eis mit den zahllosen Löchern und den großen Wasserstellen ; er konnte nicht begreifen , wie der Junge es überhaupt fertig gebracht hatte , so weit vorzudringen , bis an die beständig abbrökkelnde Kante . » Klaus , wat ik di seggen do : dat sall so sien , dat is Schicksol : de Jung sall mit no See ! Nimm em mit ! « » Dat woll jüst ne « , lenkte Klaus ab : » dat is noch to kold buten , un Gesa weet dor ok jo nix van af : ober an Burd wöt wi em man mol hieven ! Wi geeft em denn an een upkommen Fohrtüch af un schickt em seker no Hus . Boot vant Deck ! Loop ne weg , Störtebeker , ik hol di ! « » Junge , Junge , jo , Vadder , dat do man ! « frohlockte Störtebeker und dachte : nu geiht dat mit een vullen Huroh no See ! Die Fahrensleute nahmen das Boot in die Talje und fierten es ins Wasser . Klaus Mewes stieß eben nach dem Eis hinüber , packte den Jungen samt der Kreek zwischen die Duchten und wriggte nach dem Ewer zurück . Da war Störtebeker doch richtig an Bord . Wie er sich freute , wie gesprächig er war , wie scharf er auf alles achtete ! Zumeist stand er bei seinem Vater im Rudergang und half beim Steuern , sah aufmerksam auf Segel und Kompaß und hielt tapfer das Helmholz mit fest , dabei konnte er sich aber doch nicht enthalten , an den Streek zwischen Kirche und Apfelbaum zu erinnern : » Düt mokt ober söbenmol soveel Spoß , Vadder ! « Er ließ es sich sogar einfallen , beim Aufluven » Ree « zu rufen und Hein Mück nach der Fock zu schicken , bis sein Vater es wie der holländische Kapitän machte , dem der große Friedrich in der Ems mit » Ree « zwischen sein Kommando kam , und sagte : » Mynheer , dat Ree kummt mi to ! « Als er genug gesteuert hatte , setzte er sich auf die Luken , zog Seemann an sich und ließ sich von Kap Horn und von seinem Vater alles verklaren , was es zu sehen gab , während sie mit der Ebbe langsam elbabwärts kreuzten , wenn dieses Treiben noch den Namen Kreuzen verdiente . Da war Dockenhuden mit den vielen Tannenbäumen , da war Blankenese mit den vielen Ewern und dem hohen Süllberg , da war der Schweinesand mit seinen Wicheln , da war Hahnöfer mit den großen Bäumen , um die Hunderte von Krähen flogen , die dort ihre Nester hatten , da war Falkental mit dem Taucherdampfer , mit den Wracken und mit den zu Stein gewordenen Zementsäcken , da war Schulau mit dem Leuchtturm und dem Feuerschiff , dahinter Wedel mit dem Kirchturm und den roten Dächern , da war die Lühe mit ihrem hohen Deich - und von allem gab es Geschichten zu erzählen . Als sie bis zur Lühe gekommen waren , wogte die Flut ihnen entgegen und zwang sie , vor Anker zu gehen . Großsegel und Besan konnten die fünf Stunden geruhig stehen bleiben , nur die Fock ließen sie fallen , und den Klüver nahmen sie weg . Klaus Mewes langte den Kieker aus dem Nachthaus und suchte den Strom nach bekannten Fahrzeugen ab , denen er seinen Jungen mitgeben könne , aber er konnte zunächst nur einige Dreuchewer und Lühjollen ausmachen , die nicht in Frage kamen . So gingen sie erst in die Kajüte hinunter und setzten sich zum Kaffee nieder . » Ik wull , dat geef brodte Schullen « , rief Störtebeker übermütig , » dor verlangt mi eulich no ! « Er ging aber auch dem Groffbrot tüchtig in den Topp . Klaus Mewes sah ihn an und freute sich seiner . Wenn Gesa Bescheid gewußt hätte , es wäre ihm von Herzen recht gewesen , den Jungen an Bord zu behalten : aber so ging es nicht : sie ängstigte sich ja zu Tode und suchte mit der Leuchte und mit der Harke ,