heutigen Tages mir sagen sollen . Darin ist er erfinderisch . Gott , muß es anstrengend sein , sich jeden Morgen etwas anderes auszudenken ! Dann fahren wir in die Umgegend oder treiben uns in der Stadt herum , er macht die Honneurs , jagt mich durch Altertum , Renaissance und römisches Volksleben der Gegenwart - immer mit demselben Feuer , der Beredsamkeit des Südländers und vielen Gesten . Er findet mich blasiert ( sagen Sie mir bitte - bin ich es wirklich ? ) , wenn ich nicht über jede alte Kaiserbüste und jede Osteria , wo ein paar Arbeiter Wein trinken und Musik machen , in Ekstase gerate . Ich kann mir nun einmal nicht helfen , es kommt mir ganz selbstverständlich vor , daß in Rom alles römisch oder in Griechenland alles griechisch ist , und daß es eben daselbst früher alte Römer und alte Griechen gegeben hat . Warum muß man das so aufregend finden ? Und macht mir irgend etwas besonderen Eindruck , warum soll ich dann eine Rede darüber halten ? Unterbrechung ... drei Tage später ... Nein , ich glaube , man darf diesen Mann nicht unbedingt glücklich machen , er ist zu erdrückend intensiv . Den ganzen Tag über habe ich das Gefühl , als ob ich mit dem Vesuv spazierenginge . Der letzte Montag , an dem ich dieses Handschreiben begann , war der Vorabend großer Ereignisse . Soll ich Ihnen alles erzählen ? - Nein , ich erzähle nie alles , und Sie verdienen noch Strafe für den Rasta und für Ihre Zweifel - also bekommen Sie heute nur einen Auszug ... Ein Situationsbild ... wir sitzen spät abends am Kolosseum . Ich habe eine glühende Schilderung der Gladiatorenkämpfe ohne Zucken über mich ergehen lassen . Der Chauffeur wandert grollend in irgendeinem Stockwerk des immortale Amfiteatro auf und ab , er haßt diese Art von Unternehmungen , er haßt überhaupt die Romantik seines Herrn , haßt mich . - Ich leide darunter , ich kann es durchaus nicht vertragen , wenn ein männliches Wesen mich mit Abneigung betrachtet , sei es auch nur ein Eisenbahnschaffner oder ein Chauffeur . Wir haben das Altertum verlassen , unser Gespräch dreht sich jetzt um andere Dinge - um Liebe . Wenn man zu zweien im Dunkeln sitzt , ist es wohl immer das Nächstliegende . Wir sprechen alle Abende um diese Zeit über Liebe , auch wenn wir im Restaurant sitzen , und die persönliche Nuance wird von Abend zu Abend stärker betont . Er geht allmählich in einen Hymnus auf die Frauen über - im allgemeinen - im besonderen - die Frauen im Süden - die aus dem Norden - die blonden - die eine blonde Frau , mit der man eben jetzt in Rom unvergeßliche Frühlingstage verlebt . Etwas zuviel echtes Gefühl - das kann unter Umständen leise beklemmend wirken . Mit seinem Rastatum ist es doch nicht weit her . Aber er spricht ein entzückendes Durcheinander von Deutsch , Französisch , Italienisch - das hab ' ich so gern , mein Herz schlägt doch etwas für ihn ... meine Hand ruht zwischen seinen beiden Händen ... sehr gute Hände mit schönen Nägeln und einem breiten , sonderbaren Ring . Es scheint also , daß wir einig sind ... aber auf einmal wird er sehr merkwürdig ... schweigt ... verfinstert sich ... Stumm , gewaltsam drückt er mir die Hand , beide Hände , steht auf , pfeift dem Chauffeur . Wir steigen ein und fahren langsam , sehr langsam noch ein Stück aus der Stadt hinaus . Ganz plötzlich , ganz unvorhergesehen , kniet er neben mir - vor mir ist nicht Platz genug - beinah beschwörend : » Ich bin ein schlechter Mensch ... schlecht ... sehr schlecht . « Ich : » ... ? ? ? « Ja , er ist verlobt - dort in Sizilien , und doch - und Rom - und eine blonde Frau ... Ich atme auf . Wenn ' s weiter nichts ist ... Die Blumen am nächsten Morgen waren viele dunkelrote Rosen , und er ist sehr glücklich - eben etwas zu glücklich . 13 Armer Freund , Sie haben es in letzter Zeit schlecht gehabt - Fragmente , Ansichtskarten und leere Versprechungen , aber heute abend bin ich nur für Sie vorhanden und gedenke es wieder gutzumachen . Zuerst will ich Ihnen danken , daß Sie mir Ihren Segen nicht weiter vorenthalten und sich so liebenswürdig mit dem Rasta ausgesöhnt haben . Wer weiß , ob Sie ihn nicht demnächst unter die Wertvollen einreihen . Auch in meinen Augen hat er immer mehr gewonnen . Es hängt viel davon ab , wie ein Mann die ersten Schritte gestaltet , und das hat er sehr hübsch gemacht , erst allmählich und diskret , dann dramatisch und flammend . Wie angenehm , daß man als Frau dieser Mühe überhoben ist - es muß gar nicht so leicht sein , den rechten Ton zu finden , und einige fangen es denn auch recht dumm an - so der Siegertypus , der beim ersten leisen Zeichen von Wohlwollen mit einer großen Gebärde die Tür schließt : Nun bist du mein ! Überhaupt haben manche einen feststehenden Trick . Ich weiß einen älteren Herrn - wenn der zufällig mit einer Frau allein im Zimmer ist , setzt er seinen Zwicker auf , sieht sich vielsagend um und bemerkt : Ist das nicht eine wahnsinnig komische Situation ! - ( Durch Freundinnen habe ich erfahren , daß er es jedesmal so macht . ) Ob das wirksam ist ? Ich weiß nicht - auf mich hat es keinen verführerischen Eindruck gemacht . Ich wußte nur zu antworten : ja , es sei wirklich zum Totlachen - und da schwieg er betroffen und enttäuscht . Vielleicht lag es auch daran , daß ich ältere Herren überhaupt nicht besonders schätze . Aber ich habe Ihnen heute noch viel zu erzählen ... Die Hauptbegebenheit - also hören Sie : ich sitze neulich unten in der Halle und warte auf den Chauffeur , der mich abholen soll , warte schon lange und schlafe beinah ein . Jeden Augenblick gehen Leute vorüber , und dann bleibt jemand hinter mir stehen - ein wohlbekanntes : How are you ? - Sir John mit einem jugendlichen Begleiter - und im gleichen Augenblick der haßerfüllte Chauffeur , um zu melden , daß sein Herr mich draußen erwartet . Nur gerade Zeit zu einem ungeheuren Händeschütteln , Vorstellung des Begleiters und einer raschen Verabredung , dann stürzte ich meinen Verpflichtungen nach und hörte nur noch ein etwas verwundertes : O I say ! hinter mir herklingen . Wir trafen uns denn auch nächster Tage , in einem Tea-room natürlich . Keine Wehmut , mein Freund , wenn Sie hier wären - nein , doch nicht - es würde jetzt kein gutes Dreieck geben . Also , mit Sir John im Tea-room , seinen neulichen Gefährten hatte er mitgebracht . Der junge Mann ist Dichter , zeigt aber keine äußeren Symptome seines bedenklichen Handwerks , verhielt sich sehr schweigsam , sehr erzogen , sehr diskret , während wir einem lebhaften Austausch frönten . Dieses Wiedersehen war beiderseitig ein großes Fest . Sir John , der Vielgenannte , den Sie ja leider nie kennengelernt haben , ist wohl der Mann , mit dem ich mich von allen am besten verstehe . Ich muß wieder einmal etwas indiskret sein , um Ihnen das zu erläutern . Es besteht zwischen uns ein : on revient toujours - wirkliche Freundschaft mit amourösen Intervallen , die immer ohne Tragik , ohne Konflikte und Bitternis verlaufen sind . Er hat sehr vielfältige Beziehungen zu Frauen und kultiviert jede einzelne wie ein Gärtner seine Pflanzen , jede bekommt ihr besonderes Terrain und ihre besondere Pflege . Für jede ist er der aufmerksamste und angenehmste Galan und suggeriert durchaus das Gefühl , daß er im Moment nur für sie da ist . Unmöglich , ihm übelzunehmen , wenn er sagt : Sie müssen sich unbedingt für heute abend frei machen , denn übermorgen treffe ich eine Frau , die ich sehr liebe , aber es ist eine etwas tragische Sache , und ich werde dann ein paar Tage Melancholie haben . Ebenso wird er dieser Frau sagen , sie müsse einen Tag warten , denn er wolle vorher noch mit einer anderen sehr vergnügt sein . Er erzählt viel von seinen Amouren , taktvoll und aus wirklich tiefem Interesse , denkt über jede einzelne sehr ernsthaft nach , hat auch gerne , wenn man ihm erzählt , und denkt ebenso ernst darüber nach . Die sizilianische Angelegenheit erfüllte ihn mit innigem Vergnügen , als hätte ich ihm einen großen persönlichen Gefallen erwiesen . Nun , mich freut sie ja auch , besonders seit die beiden hier sind . Man hat manchmal sehr gerne jemand zum Miterleben . Die allzu ausführliche Zweisamkeit fing gerade an , mich etwas zu ermüden , und was ich hier sonst en passant kennengelernt habe , war nichts Rechtes . Italiener haben immer die gleiche Feurigkeit , ob es ein Offizier , ein höflicher Kutscher oder ein Priester ist . Nun kann ich wenigstens , sooft es geht , mit Vergnügen ausreißen , meinem Amante habe ich mit einiger Mühe plausibel gemacht , daß ich manchmal allein sein müßte , um römische Eindrücke in mich aufzunehmen . Nur mußte man vorsichtig sein , und das ist immer eine Pein für mich . - Aber wie Sie sehen , bin ich diesmal sehr darauf bedacht , meine Chancen zu wahren - ich habe Grund , aus allerlei explosiven Äußerungen zu schließen , daß sie nicht schlecht sind , trotz der Braut in Sizilien , derer er manchmal - nach beiden Seiten hin - mit Reue und Bedauern gedenkt . Letzte Woche war ich mit Sir John und seinem Schützling in den Katakomben ; Sir John wollte dort irgendwelche Studien machen und betrieb sie mit seiner englischen Gründlichkeit , während der Dichter und ich draußen in der Sonne saßen und uns unterhielten . Sir John hat uns beide vorsorglich gewarnt , wir sollten nicht miteinander in love fallen ; mich : er sei noch gar so jung und grün - und ihn : ich dürfe mir die berühmten Chancen nicht durch eine überflüssige Amourette verderben . Das Spiel ist ungefährlich , ich würde mich schwerlich mehr in einen Dichter verlieben . In früheren Zeiten ist es schon vorgekommen , aber es war immer sehr anstrengend . Man mußte so viel posieren , sonst wird der Dichter ernüchtert - muß ihn immer im Rausch erhalten , denn ein richtiger Dichter will eben Rausch - Purpur - Gold - und so weiter . Für das alles hat man aufzukommen , muß immer auf dem Sockel stehen . Eine Zeitlang ging das auch - nein , eigentlich ging es doch wohl nicht , es war immer viel Schwindel dabei . Nur gefiel es einem , auch einmal pathetisch genommen zu werden . Aber dann verlangte man doch wieder herunter , sehnte sich wie Nebukadnezar danach , mit den Tieren des Feldes Gras zu fressen . Das können die Dichter nicht leiden . Und dann sollte man Seele haben , möglichst viel Seele . Ich hatte auch einmal so etwas , oder man hielt es dafür . Ich glaube , es war nur , wenn ich mich aus irgendeinem Grunde nicht wohl in meiner Haut fühlte . Das halten die Mitmenschen ja gerne für ein Kennzeichen von intensivem Seelenleben . Gott , es muß ja auch nicht immer ein professioneller Dichter sein , aber Sie können sich schon denken , welche Art Leute ich meine . Der Knabe , mit dem ich hier über alten Gräbern wandle , scheint übrigens nicht zu dieser Sorte zu gehören . Ich interviewte ihn recht gründlich darüber , und er wurde ganz unglücklich . Er habe nun einmal Talent und das Schreiben mache ihm Freude , während er sich mit einem bürgerlichen Beruf schwer abfinden würde . Aber Dichter - ja , es sei eine peinliche Bezeichnung , das fände er selbst , und es wäre ja trostlos , wenn die Frauen einem deshalb davonliefen . » Oh , ich bin Ihnen noch nicht davongelaufen - und wie war ' s denn mit den anderen ? « » Ach , die Frauen , die ich bis jetzt - geliebt habe , waren eigentlich alle schrecklich ... « » Das ist ein melancholisches Bekenntnis - armer Dichter ! « » Und wenn mir eine wirklich gefiel , hat Sir John jedesmal gesagt , sie sei nichts für mich . « » Sie richten sich also immer danach , was er Ihnen sagt ? « » Gott , er hat mich doch entdeckt und meine Eltern überzeugt , daß ich Talent habe . Ich brauche jetzt nicht mehr zu studieren , und sie haben mich ihm gewissermaßen anvertraut . Da muß ich mich doch etwas nach seinen Ratschlägen richten . Zum Beispiel , als Sie ... « Pause . » Aha , es geht also auch auf mich ? « Der Dichter , verlegen , aber dann mutig : » Ja - auch auf Sie ... « » Bitte , etwas Näheres darüber , das macht mich neugierig . « » Ich weiß nicht , ob es nicht indiskret ist ... « » Dichter sind immer indiskret - meint John , daß ich Ihr jugendliches Gemüt ... « » O nein , im Gegenteil . Ihr Umgang wäre sehr gut für mich . Aber Sie sind doch - pardon , es klingt so ... « » Nur weiter . « » Also , er sagte , ich sollte mir keine Illusionen machen , Sie seien sozusagen in festen Händen ... « Ich mußte so lachen , daß er ganz bestürzt war : » Ist es am Ende nicht wahr ? « » Doch , es ist wahr , das heißt - ich bin eigentlich nie in sehr festen Händen ... « Er sieht mich etwas verwundert an : » Wieso ? Ich dachte , Sie liebten ihn ? « » Wen ? Sir John oder den Rasta ? « Ein rascher Blick - das war etwas unvorsichtig von mir , nun wird er anfangen Rätsel zu raten . Dann kam Sir John , und wir konnten das lehrreiche Gespräch nicht fortsetzen . Und meinen Brief werde ich heute auch nicht mehr fortsetzen , ich erzähle Ihnen doch nur dummes Zeug . 14 Mir ist in den letzten Tagen , wenn ich mich mit dem Dichter unterhielt , etwas aufgefallen , nämlich , daß man doch immer eine ganze Menge verschiedener Ansichten über ein und dieselbe Sache hat . Sie hängen ganz davon ab , mit wem man gerade spricht . Man dreht einen Gegenstand um , beguckt ihn von allen Seiten , stellt ihn auf den Kopf - jedesmal sieht er anders aus . Dann legt man ihn weg : o genug , gehen wir lieber ins Cafe . Ergo : man hat überhaupt keine Ansichten , und es ist auch sicher überflüssig . Aber glauben Sie deshalb bitte nicht , daß unsere Gespräche sich immer um Ansichten drehen . Der Dichter ist , wie ich schon ahnend voraussah , sehr wißbegierig geworden , und wir rätselraten miteinander wie bei einem Gesellschaftsspiel . Ich erzähle ihm Schwänke aus meinem Leben und gehe um das allzu Persönliche möglichst herum . Zum Beispiel , die ersehnte Aufklärung über Sir John wird ihm beharrlich vorenthalten - ob es einmal war - wann es war , und wie wir jetzt zueinander stehen . Ich fühle , daß ihn dies alles brennend interessiert , er möchte doch das Leben kennenlernen . Aber ich habe immer das Prinzip gehabt , daß jeder Mann so wenig wie möglich von dem anderen wissen soll - für alle Eventualitäten . Mit dem Sizilianer liegt es anders , die ganze Sache ist zu offiziell . Ich habe das eigentlich nicht gern , es ist immer etwas mauvais genre . Aber hier in Rom , mit dem vulkanischen Pedro , dem Auto und dem Chauffeur war es einfach nicht zu vermeiden . - Das alles und vieles andere hab ' ich dem Dichter mit vieler Mühe auseinandergesetzt , und er gibt sich ebensoviel Mühe , es zu erfassen . Man sieht ihm manchmal förmlich an , wie sein unerfahrenes Gehirn arbeitet . » Darf ich ganz offen reden ? « fragte er neulich , als wir von dem Rasta und von den Chancen sprachen . Ja , er durfte . » Aber ich muß etwas sehr Freches sagen ... « » Ich bitte darum ! « » Ja - Sie leben doch eigentlich wie ... eine ... « » Ganz falsch , lieber Dichter , ich lebe nur ein Privatleben , und es schaut viel zu wenig dabei heraus . « » Und Ihr Sizilianer ? « » Ist eine zufällige Verbindung von angenehm und nützlich . « » Aber Sie lieben ihn doch nicht wirklich ? « » Wie man es nehmen will . « » Und Sir John ? Als ich Sie gestern abend bei ihm traf ... « » Junger Mann , seinen Sie vorsichtig - das ist noch gar kein Beweis . « » So ... ? ... Aber Sie geben doch zu , daß Sie mehrere auf einmal lieben können ? « » Und ... ? « » Es wundert mich , daß Sie bei dieser Veranlagung , oder wie man es nennen soll , eben nicht ... « » Eine ... eine geworden sind ? « » Ja , ungefähr das wollte ich sagen . - Sie sind böse ? « » Nein , ich bin diese Frage gewöhnt - aber Sie sind noch so dumm : werden , das ist leicht gesagt . Denken Sie an Ihr einstiges Studium , Sie hatten auch keine Lust etwas zu werden und wollten lieber Verse machen , die nichts einbringen . « » Herrgott , das ist doch etwas anderes . « » O nein , ganz dasselbe . Aber zu jedem Beruf gehören ausgesprochene Fähigkeiten und Glück , wenn es etwas Richtiges werden soll . « » Nun , was das Glück betrifft ... « » Nein , ich habe nur in der Liebe Glück , im Spiel versagt es . « » Was versteht man eigentlich unter Glück in der Liebe ? « » O ... ich denke , daß man oft geliebt wird und immer den bekommt , den man haben will . « » Haben Sie nie eine unglückliche Liebe gehabt ? « » Nein . Sie liegt mir auch nicht , und ich kann sie mir beim besten Willen nicht vorstellen . « » Lieber Gott , Sie müssen doch ungeheuer zufrieden mit Ihrem Schicksal sein . « » Sicher , ich bin ganz verliebt in mein Schicksal . In dieser Beziehung benahm es sich tadellos , aber dafür habe ich in anderen Dingen unerhörtes Pech . « » Wieso ? « » Ich empfinde es beispielsweise als Schikane , daß ich nicht in Geld und Luxus schwimme . « » Aber , teure Frau , dafür haben Sie doch in Ihrem Empfindungsleben den unerhörtesten Luxus getrieben ... « » Ach , Sie sind und bleiben ein Dichter - es war auch alles sehr schön , aber ich fange an , mich nach Seelenschmerzen und einem Bankkonto zu sehnen . « » Und der Rasta macht Ihnen keine Seelenschmerzen ? « » Nein , das ist es ja gerade - deshalb bin ich auch so besorgt um das Bankkonto . Man wird abergläubisch . « » Wissen Sie , ich glaube , Sie haben zuviel Persönlichkeit , um auf diesem Wege ... « » Lieber einziger Dichter , mit Persönlichkeit können Sie mich die Wände hinaufjagen . Ich breche jeden Verkehr mit Ihnen ab , wenn Sie das noch einmal sagen . « » Aber warum denn ? « » Weil es die ärgste Geschmacklosigkeit ist , die man einer Frau sagen kann - eine Redensart , die nur Reformmänner in den Mund nehmen . Merken Sie sich das . « » Ich will ' s gewiß nicht wieder tun , aber dann nennen Sie mich , bitte , auch nicht mehr Dichter , das ist sicher ebenso kränkend . « » Schön , also Bobby - oder ist das Sir Johns Privilegium ? Bobby klingt ganz hübsch - verzogen und aus guter Familie ... « Der Dichter küßt mir die Hand . - Pause . » Darf ich noch etwas fragen ? « » Bitte ... « » Warum sind Sie nicht irgend etwas anderes geworden ? Sie haben doch so viele Fähigkeiten ? « » Ich hab ' s versucht , Bobby , aber es ist immer dieselbe Geschichte . Theater zum Beispiel - der bloße Gedanke , daß ich irgendwohin gehen muß , wenn ich gerade keine Lust habe , macht mich krank . Beruf ist etwas , woran man stirbt . « Bobby denkt nach . » Warum schreiben Sie nicht ? Sie haben doch so viel erlebt und können gut erzählen . « » Daran habe ich auch schon gedacht , aber es hat so viel peinlichen Beigeschmack - eine schreibende Frau - schrecklich . Denken Sie nur , alle Leute , die man nicht kennt , taxieren einen auf geistige Interessen und dergleichen . Sonst hätte es vielleicht etwas für sich : man brauchte nur eine Füllfeder und einen guten Diwan - nein , ich müßte auch einen Kompagnon haben , sonst wäre es doch wieder langweilig und anstrengend . « » Der Kompagnon steht zur Verfügung . « » Wenn alle Stränge reißen , werde ich Sie beim Wort nehmen , Bobby . Aber jetzt müssen Sie mich heimbegleiten . Pedro wartet . « » Immer Pedro ! Und wann sehe ich Sie wieder ? « » Wenn Pedro nicht auf mich wartet . « Und darauf muß ich auch Sie heute vertrösten , lieber Doktor . Pedro wartet immer - es ist , weiß Gott , auch das ein hartes Brot ! Das war Montag - erst heute komme ich dazu weiterzuschreiben . Ich hoffe , Sie gewöhnen sich allmählich daran . Eben habe ich die ganze Gesellschaft spazieren geschickt . Die ganze Gesellschaft ? - Ja , wir sind neuerdings zum Ensemble geworden . Es ist ein ganz wohltuender Zustand . Wie ich Ihnen schon einmal sagte - ich fing in der letzten Zeit an , mich mit meinem Vesuv beträchtlich zu langweilen . Er war eben zu glücklich , und solch ein wolkenloses Glück in beständigem tete-a-tete , das geht nicht auf die Länge . Durch meine Seitensprünge zu den beiden anderen wurde es denn auch vorübergehend verdüstert . Der Vesuv grollte über meine häufigen Abwesenheiten und wurde mißtrauisch , als ich neulich schon wieder für einen Nachmittag Urlaub nahm - diesmal um alte Bekannte zu treffen . Die bisherigen Vorwände waren schon etwas zu fadenscheinig . Er grollte , und der Chauffeur beglückte mein Herz zum erstenmal durch einen wohlwollenden Blick . Bei Sir John war eine kleine Gesellschaft , und der Nachmittag dehnte sich ziemlich aus - bis zwei Uhr nachts . Als ich in mein Hotel zurückkam , wanderte der Sizilianer vor der Tür auf und ab - allein - zu Fuß - zornig und dramatisch . Es erfolgte eine animierte Zwiesprache , und ich benutzte den nächsten Tag , um beleidigt von der Bildfläche zu verschwinden und mit Johns Gesellschaft , die noch vollzählig beisammen war , in die Campagna zu flüchten . Als ich diesmal nach Hause kam , fand ich ihn wieder vor , aber blaß und melancholisch . Der Chauffeur dagegen stand mit gütiger Miene an der Haustür . Beide hatten wohl gedacht , ich sei endgültig verschwunden . Wir versöhnten uns wieder , und ich habe alles , was sich für seine Ohren eignete , gestanden . Daraufhin eine neue Kalamität , er wollte meine Freunde kennenlernen . Ich liebe es gar nicht , meine verschiedenen Bekannten miteinander zu vermählen . Sie passen doch nie zusammen , und in diesem Fall schien es mir etwas riskiert . So wand ich mich anfänglich darum herum und verhandelte mit sämtlichen Beteiligten . Aber ich wurde überstimmt , der Sizilianer ermattete mich mit seiner Eifersucht , Sir John suchte meine Eitelkeit zu reizen , er meinte , ich wolle den remarkable Rasta nur nicht herzeigen - und der Dichter brannte natürlich auf Einblicke in die Lebewelt . Ich brachte sie also zusammen , und Pedro lud die beiden mit wilder Gastlichkeit ein . Er gab ein fürstliches Souper in seiner Wohnung und gewann ihre Herzen im Sturm . Ich selbst fand ihn an dem Abend so reizend , daß ich mich ganz neu in ihn verliebte . Es gibt Männer , in die man nur richtig verliebt ist , wenn noch andere dabei sind . Sir John strahlte vor innerem Pläsier , und der Dichter war so begeistert , daß er um keinen Preis mehr nach Hause gehen wollte . Man behielt ihn also da , bis zum nächsten Abend , wo wir alle Johns Gäste waren . Und so ging es ein paar Tage fort . Lieber Doktor , ich bin noch zu schläfrig , daß ich es bis auf weiteres vorziehe , Ihnen Lebewohl und gute Nacht zu sagen . 15 Ihren Brief habe ich hier vorgefunden , o nein , ich bin nicht für immer entschlafen - seit meinem letzten Brief aus Rom . Aber ich will gerne glauben , daß er etwas übernächtig ausgefallen ist . Ich hatte auch wirklich die besten Absichten , Sie auf dem laufenden zu halten , aber das Laufende lief mit mir davon , und ich bin etwas außer Atem gekommen . Man kann nicht immer im Zusammenhang bleiben , liebster Freund , das Leben selbst ist gar so unzusammenhängend . Momentan - aber wir wollen lieber erst die Ereignisse nachholen . Gott , ich habe es mir so angewöhnt , nur noch per wir zu sprechen . Das kommt davon , wenn man als Ensemble lebt . Manchmal muß ich mich förmlich erst darauf besinnen , daß ich auch noch ein Einzelwesen bin . Also - wie schon mein Telegramm Ihnen meldete - Bobby hat es aufgegeben und war sehr neugierig - wir sind umgezogen , nach Neapel . Pedro bekam fortwährend Telegramme , woraus man schließen konnte , daß etwas nicht in Ordnung war , er hat sonst sehr wenig Korrespondenz . Und der Chauffeur war wieder ungewöhnlich finster . Ich war sehr nett mit ihm - mit Pedro - diskrete Teilnahme bei völliger Ahnungslosigkeit , und er schloß mir dann auch sein Herz auf . In erster Linie Geld- , in zweiter Linie Brautverlegenheiten . Man wünscht , daß er sie heiratet . Das war ja eigentlich vorauszusehen , aber er scheint es sich nicht genügend klargemacht zu haben . Wir haben in den letzten Wochen wohl alle etwas vergessen , um was es sich handelt . Lieber Doktor , das ist immer der glücklichste Zustand , und wir waren auch wirklich alle sehr glücklich . Weiter : die Braut ist seine Cousine , folglich ihr Vater sein Onkel , und von diesem Onkel scheint er pekuniär ziemlich abhängig zu sein . Das Nähere hab ' ich natürlich vergessen , ich höre nie zu , wenn man mir Näheres auseinandersetzt , und das ist manchmal verhängnisvoll . Er , Pedro , treibt sich nun schon lange in Europa herum , und die Art , wie er das tut , scheint dem Onkel nicht mehr zu gefallen . Summa : der Onkel macht bedenkliche Anstalten ihn einzukassieren ( auch ein typisches Erlebnis , daß er von meiner Seite weg einkassiert wird ) . Pedro hat erst gerast , er wolle jetzt nicht heim , auf keinen Fall , dann bedrückte ihn wieder seine doppelte Verworfenheit - gegen sie und gegen mich . O meine Chancen - es war schon die Rede davon , daß er mich in Rom oder Neapel etablieren wollte . Ich sollte immer irgendwie da sein , auch wenn er eine Zeitlang nach Hause müßte . Ich weiß ja selbst noch nicht recht , ob das sehr mein Fall wäre , aber es hat ja auch wieder etwas Verlockendes . Apathische Dauersache mit lebhafteren Momenten - ich hab ' ihn doch wirklich ganz gern . Übrigens scheint es , daß wir in Rom beträchtliche Schulden gemacht haben . Ich riet deshalb zum Umzug nach Neapel , das heißt , die römische Wohnung sollte er behalten , Chauffeur und Auto zur Beruhigung der Gemüter noch eine Zeitlang dort lassen und dann von hier aus einen Besuch in Sizilien machen . Meine Ratschläge in solchen Angelegenheiten sind immer gut . Wieder einmal muß ich hervorheben , daß ich viel Sinn dafür habe , jede Lebenslage tunlichst harmonisch zu gestalten . Sie fanden deshalb auch dieses Mal Anklang und bewährten sich . Man hat uns ganz ruhig ziehen lassen , und der Chauffeur ist uns inzwischen schon nachgekommen . Sir John und sein Schützling sind natürlich auch mit - was Gott so schön zusammenfügte , keiner von uns hätte den Mut gehabt , es zu trennen . Wir haben unsere Namen hier etwas abgeändert - wie Sie auch aus meinem Telegramm schon ersehen haben - und gelten für eine Art Familie . Die Zusammenstellung erforderte einiges Kopfzerbrechen , aber wir haben doch eine halbwegs befriedigende Lösung gefunden . Wir sind nämlich aus Versehen in einem sehr braven deutschen Hotel abgestiegen und hatten keine Lust noch einmal zu wechseln . Pedros Abreise hat sich noch etwas hingezogen . Man konnte sich nicht gleich zur Trennung entschließen und wollte sich erst über verschiedene Punkte mit dem Onkel schriftlich verständigen . Dann ist er abgefahren , und alles Weitere bleibt eben abzuwarten . Die beiden anderen leisten mir dabei aufs angenehmste Gesellschaft