und wiegten unruhig die nackten Füßchen . Keiner sprach ein Wort , und alle , auch die Kinder , schauten ernst und geduldig gerade vor sich hin . Wenn das Wetterleuchten drüben eilig den Horizont erhellte , wies Wardein stumm mit der Pfeife zu ihm hinüber . Unten am Strande gingen ganz stille Liebespaare hin , sie gingen mit herabhängenden Armen nebeneinander her , träge die Füße über den Sand ziehend . Was sollten sie sich sagen , hier hatte immer seit Menschengedenken das Meer das Wort und wozu ihm unnütz dreinreden . Doralice und Hans wohnten jetzt fast den ganzen Tag in einer Einsenkung der Düne . Hans spannte dort seinen Malschirm aus , breitete eine Decke über den Sand , auf der Doralice liegen konnte , er selbst saß vor seiner Staffelei und malte das Meer . » Das ist das einzige « , behauptete Grill , » wir müssen es machen wie die Hühner , die sich Erdlöcher machen und sich kühlen . « Doralice schloß die Augen und murmelte , fast zu faul um die Lippen zu bewegen : » Ganz still liegen , sich nicht bewegen , denn , spürst du das auch ? in uns da zittert und flackert es immer so wie der Sonnenschein auf dem Wasser . Das macht müde . « » Gut , gut , lieg nur still « , sagte Hans väterlich und beruhigend . Sie schwiegen sie eine Weile , bis Hans seinen Pinsel fortwarf und sich auch auf den Sand ausstreckte . » Es will und will nicht werden « , sagte er ärgerlich . Doralice öffnete die Augen und schaute das Bild auf der Staffelei an und meinte : » Warum , es ist ja ganz gut , das ist durchsichtig , das ist grün . « Hans fuhr auf erregt und eifrig : » Durchsichtig und grün . Ein Stück Glas ist auch durchsichtig , ein Stück Stoff kann grün sein . Nein , das ist noch kein Meer . Das Meer muß gezeichnet werden , siehst du , nur die Linie hat Bewegung und Leben . Ich kann dein blaues Kleid malen , nichts leichteres als das , aber es so zu malen , daß jeder sieht , du steckst da drin unter dem Blauen , das ist die Kunst . Im Meer steckt eben auch unter dem Durchsichtigen und Grünen etwas , das lebt und sich bewegt , und das ist eben das Meer . « » Ah , so ist es « , sagte Doralice wieder mit geschlossenen Augen , » mach ' das doch , Lieber . « » Machen , machen « , wiederholte Hans , » das ist es eben . Ich möchte wissen , wo zum Teufel mein Talent hingekommen ist , es war doch da . « » Bin ich daran schuld ? « fragte Doralice ruhig und schläfrig . Hans antwortete nicht sogleich . Er lag da und starrte zum Himmel auf und dachte nach . Ja , wie war das denn ? Und er begann langsam zu sprechen , wie zu sich selber : » Schuld , eine Schuld kann da nicht sein , aber das ist es , du nimmst jetzt in mir einen so großen Raum ein , daß das Talent nicht mehr Platz hat . Natürlich , das ist es . Du bist doch in mein Leben hereingekommen wie ein Wunder und noch bist du jeden Augenblick ein unbegreifliches Wunder . Wie soll da etwas anderes Platz haben . Immerfort ein Wunder zu erleben , strengt an . « - » Und glaubst du « , unterbrach ihn Doralice ein wenig gereizt , » es strengt nicht an , immer , den ganzen Tag , ein Wunder zu sein ? « Hans lachte gutmütig : » Laß es gut sein , ich gewöhne mich schon an das Wunder . « - » O wirklich , du gewöhnst dich dran « , warf Doralice hin . » Sicher , « fuhr Hans fort , » alles , was uns jetzt selbstverständlich scheint , ist einmal ein Wunder gewesen . Du wirst mir auch selbstverständlich werden . Warte nur , bis wir in unserer Ordnung sind . « Doralice hob ihre Arme hoch über den Kopf empor und streckte sich : » Ach ja , deine Ordnung , nun also erzähle von deiner Ordnung . Ein Häuschen , nicht wahr , damit fängt es doch an ? « » Allerdings ein Häuschen « , begann Hans gereizt , » ein Häuschen irgendwo , sagen wir in einem Vorort von München , ein Häuschen , das deine eigenste Schöpfung ist , der Ausdruck deines Wesens , dort waltest du . Mein Atelier ist natürlich in der Stadt , ich komme zu Mittag heim und du erwartest mich - « - » Das weiß ich alles schon « , unterbrach ihn Doralice , » nur möchte ich wissen , was ich den ganzen Vormittag allein gemacht habe . « » Du hast eben deinen Wirkungskreis « , erklärte Hans , » du hast dein Hauswesen , dem du dein Gepräge gibst . « Doralice zuckte mit den Achseln : » Ach Gott , ich kann doch nicht den ganzen Vormittag allein dasitzen und dem Hauswesen mein Gepräge geben . « Hans errötete und machte ein Gesicht , wie jemand , dem es in allen Gliedern ruckt , weil er einen Knoten nicht aufbringen kann : » Allein , warum allein ? Da werden doch Menschen sein , wir schaffen uns unseren Kreis , unsere Gesellschaft , wir sind an keine Gesellschaft gebunden , wir sind die Schöpfer unserer Gesellschaft , das ist es . « Doralice richtete sich ein wenig auf und sah Hans an und ihre Augen wurden groß und bekamen einen hilflosen , angstvollen Ausdruck : » Menschen , « sagte sie leise , » du weißt doch , ich fürchte mich vor den Menschen . « Hans konnte sich vor dem schmerzhaften Mitleid , das diese Augen in ihm erregten , nur retten , indem er sich in Zorn redete . Er schrie ordentlich : » Fürchten , das sollst du nicht , das darfst du nicht , wenn ich da bin , das ist eine Beleidigung für mich , und wir können nicht immer in einer Einsamkeit leben . Ich will nicht , daß wir Ausnahmen sind . Du sollst nicht für mich das Außerordentliche bleiben , nein , du mußt mein Alltag sein , mein tägliches Brot , dann erst besitze ich dich ganz . Und wir müssen leben wie die anderen Menschen und mit den anderen Menschen . Die Welt ist voll guter herrlicher Menschen , du wirst Frauen finden , großzügige , freidenkende , edle Frauen . « Doralice hatte sich wieder ruhig zurückgelehnt und die Augen geschlossen : » Diese Frauen kenne ich « , bemerkte sie , » sie tragen Velveteen-Reformkleider und sprechen von objektiv und subjektiv . Zwei frühere Schülerinnen besuchten einmal Miß Plummers , die waren so und Miß Plummers nannte sie : very clever indeed ! « Hans hatte die Hände voll Strandhafer , den er in seinem Zorn ringsumher ausriß : » Das ist immer so « , sagte er , » du willst mich nicht verstehen . Weil du deine Gesellschaft verlassen hast , glaubst du , es gäbe keine deiner würdigen Menschen mehr . Das ist Hochmut , oder schämst du dich meiner vor den Menschen ? Sag , schämst du dich meiner ? « Doralice lächelte mit geschlossenen Augen : » Nein , du bist gut « , erwiderte sie , » du bist mir schon recht , nur deine Frau Grill mit dem Gepräge , die ist mir nicht sympathisch , die möchte ich lieber nicht kennenlernen . « » Aber du mußt sie kennenlernen « , rief Hans , » wenn du mich willst , mußt du auch Frau Grill wollen , ich trete für sie ein , ich werde nicht erlauben , daß du sie hochmütig beiseite schiebst . Aber so geht es immer , wir reden und reden , als ob der eine auf der ersten Sandbank steht und der andere auf der zweiten . Und keiner versteht , was der andere sagt , und wir rufen uns nur immer : was ? was ? zu . « Hans war aufgesprungen , er stand vor Doralice und sah sie an . Wie ruhig sie dalag in ihrem gelben Sommerkleide , das heiße Gesicht ganz umflimmert von dem blonden Haar , wie ein friedlich schlafendes ganz junges Mädchen sah sie aus . Nur das Zucken des Mundes mit den schmalen zu roten Lippen sprach von einer Erregung , die in ihr wach war . Weiß sie denn nicht , was ich leide ? dachte Hans . Er drückte seinen Strohhut tiefer in die Stirn und lief die Düne hinab an das Meer . Ins Wasser gehen , schwimmen , das war in solchen Augenblicken noch das einzige , was er tun konnte . Hans Grill hatte nie erwartet , daß das Leben ihn verwöhne , er hatte sich tapfer genug mit Not und Widerwärtigkeiten herumgeschlagen ; aber er hatte ihm vertraut , er hatte es zuweilen hart gefunden , aber nie unverständlich . Alles Unklare in der Welt wurde sofort klar , wenn Hansens zwanzigjähriger Egoismus es zu sich selbst in Beziehung brachte , und alle Rätsel lösten sich , wenn er ihnen die Frage stellte : bist du für oder gegen Hans Grill ? Jetzt aber verstand er nicht mehr . Etwas war in sein Leben gekommen , das es ihm selber fremd machte , als lebte es ein anderer für ihn . Mädchen , und was man so Liebe nennt , waren ihm schon früher begegnet , und so etwas verwirrt zuweilen , man begeht Torheiten , aber verständlich war das und ging schließlich hübsch glatt in das allgemeine Erleben auf . Man mußte nur fest und ein wenig rücksichtslos zugreifen . » Stramm halten , dann verfitzt es sich nicht « , pflegte Hansens Großmutter zu sagen , die für Geld Strümpfe strickte , wenn der kleine Hans vor ihr saß und die Baumwollsträhnen zum Abwickeln hielt . Aber diese Frau hier , warum mußte er sie so schmerzhaft begehren , jetzt , wo er sie besaß ? Warum hatte er nie das ruhige , glückliche Gefühl des Besitzes , warum mußte er , wenn er sie am festesten hielt , stets fürchten , sie zu verlieren ? Alles in ihm war voll von dieser Frau und doch war sie ihm fern . Er verstand nicht , er verstand nicht , und es blieb ihm nichts übrig , als wie ein Raubtier knurrend seine Beute festzuhalten , damit niemand sie ihm entreiße . Hans hatte sich entkleidet und ging langsam durch die Brandung in das Meer hinein . Ich will es schon erzwingen , dachte er ingrimmig , ich will sie schon in das Hans Grillsche umrechnen . » Ich habe die Ehre « , hörte er eine Stimme neben sich . Unter einer brechenden Welle wie unter einer grünen Glaswölbung stand Knospelius in gelbem Badetrikot . Nun ging die Welle über ihn nieder , verbarg ihn hinter einem weißen Schaumvorhang , gleich darauf tauchte er wieder auf , schüttelte sich , nickte und sagte : » Von Knospelius . Ich habe schon die Ehre gehabt , Ihre Frau Gemahlin zu begrüßen . « Hans verbeugte sich steif . » Heiße Tage « , fuhr der Geheimrat fort , » man kann nicht genug vom Baden haben . Sonst ein hübscher Aufenthalt hier . Nur ein wenig mehr Geselligkeit wäre zu wünschen . Es fängt doch an , sich zu beleben hier . Baron Buttlär kommt nächstens mit seinem künftigen Schwiegersohn . « » Ach , meine Frau und ich sind nicht eben gesellig « , erwiderte Hans und schaute neugierig auf das große , bleiche Knabengesicht nieder . Knospelius lachte . » Ich weiß , ich weiß , Flitterwochen , les jeunes mariés . Einer scharmanten Frau dienen , das ist die Beschäftigung der Beschäftigungen . Jeder normale Mensch hat sie oder sucht sie . Alles andere ist daneben nur Nebenbeschäftigung . Aber ein alter Junggeselle wie ich , der nur Nebenbeschäftigungen hat , muß sich an die Geselligkeit halten . So ein winziges Norderney sollten wir hier gründen . Ich erlaube mir , bei Ihnen nächstens meine Aufwartung zu machen . « » Ich glaube « , meinte Hans , » die meisten suchen hier die Einsamkeit . « Während er sprach , verschwand der Geheimrat unter einer Welle , wie eine Maus in der Ackerfurche . Als er wieder auftauchte , hob er dozierend seinen langen Finger und sagte : » Das sind immer die heitersten Gesellschaften , die aus lauter Leuten bestehen , welche die Einsamkeit suchen . Jetzt muß ich hinaus , mein Klaus erwartet mich bereits . « Er verbeugte sich förmlich und ging dem Strande zu , wo ein sehr großer , ernster Mann mit einem Badetuche seiner harrte . Hans zuckte die Achseln . Was will der wieder ? dachte er . Lauter ganz unwahrscheinliches Zeug hängt sich jetzt an einen . Er ging weiter , begann dann zu schwimmen , schwamm weit auf das Meer hinaus . Das tat wohl . Da war nichts Unverständliches , man regt kräftig Arme und Beine , durchschneidet das Wasser und bleibt immer oben und kümmert sich um all die dunklen Tiefen nicht , die unter einem liegen . Das Bad hatte Hans gut getan ; er fühlte sich seiner selbst sicherer und hatte wieder das Vertrauen , daß er es schon machen würde . Als er zur Düne emporstieg , fand er Knospelius bei Doralice . Er hörte schon von weitem , wie sie lachten . Wieder der , dachte Hans mit jenem ärgerlichen Gefühl , das wir zu haben pflegen , wenn eine Fliege sich uns immer wieder auf die Nase setzt . Der Geheimrat saß auf Hansens Malstuhl und sprach angeregt . Doralice hatte sich aufgerichtet , stützte sich auf ihren Ellenbogen , das Gesicht über und über rosa , hörte ihm zu mit dem liebenswürdigen , ein wenig befangenen Ausdruck , den junge Frauen haben , die zum ersten Male in ihrem Salon empfangen . » Sie sehen « , rief der Geheimrat Hans entgegen , » ich mache mit der Geselligkeit gleich den Anfang . Ich habe Ihrer Frau Gemahlin eben ein Kompliment über die Lebenslage gemacht . Famos ! Für einen Maler geradezu unbezahlbar . Der gelbe Sand , der gelbe Batist des Kleides , das goldene Haar , eine Symphonie in Blond . Nicht ? « » Ja , hm « , knurrte Hans . - » Jetzt aber muß ich gehen « , fuhr Knospelius fort und kletterte von seinem Stuhl herab . » Ich will noch einen Besuch bei Buttlärs machen . Zum Abschied noch un mot pour rire . Die Frau von Lossow mit den sieben Töchtern , Sie kennen sie , sagte mir , als Karoline , die dritte , sich mit dem nationalliberalen Doktor Krapp verlobte : Es tut mir leid , wir Lossows waren immer konservativ , aber wenn man so viel Töchter zu verheiraten hat , kann man sich nicht nur an eine Partei halten . Was ? Nett ? Blockpolitik in der Familie . « Er lachte selbst herzlich über seine Anekdote und , was Hans wunderte , Doralice lachte auch darüber . Konnte sie das unterhaltend finden ? Als der Geheimrat gegangen war , streckte Hans sich schweigend auf dem Sande aus . Auch Doralice schwieg eine Weile . Sie starrte zum Himmel auf und lächelte noch immer das liebenswürdige Gesellschaftslächeln . Lächelt sie noch immer über die Geschichte des Buckligen ? dachte Hans . Endlich sagte sie : » Warum bist du so unfreundlich gegen den Kleinen ? « » Was will er denn von uns ? « fragte Hans verdrießlich . - » O nichts , glaube ich « , meinte Doralice , » er will sich unterhalten . Bist du eifersüchtig auf ihn ? Er ist doch nur eine groteske Nippfigur . « Hans fuhr auf : » Ich bin überhaupt nicht eifersüchtig . Das gibt es unter freien Menschen nicht . Für eine Liebe , die ich bewachen muß , danke ich . Nein , aber diese kleine Exzellenz ist für mich ein Stück deiner Vergangenheit , deiner Gesellschaft , die sich wieder an dich herandrängen , sich wieder zwischen dich und mich stellen will , das ist es . « » Meine Gesellschaft « , erwiderte Doralice , etwas Müdes in der Stimme , » die drängt sich gewiß nicht an mich heran . Die kleine Buttlär dort auf der Sandbank , welch ein seltsames Gesicht sie machte , ein Gesicht , als habe sie ein ganz verwegenes , ganz verbotenes Abenteuer zu bestehen . « - » So laß sie doch alle « , rief Hans , faßte Doralice bei den Schultern und drückte sie an sich mit einer zornigen Leidenschaftlichkeit , » die gehen uns alle nichts mehr an . « » O ja « , erwiderte Doralice , » ich lasse sie und sie lassen mich . « Die Sonne ging unter , das strenge Licht schmolz , wurde zu roten und violetten Dunstschleiern , ehe es erlosch . Dann gab es , ehe der Mond höher stieg , eine kurze Zeit des Zwielichts , das den Augen wohltat . Aber diese bleiche Dämmerung legte über das grauwerdende Meer eine unendliche Einsamkeit , das Meer wurde ernst und traurig . » Warum sprichst du nicht ? « fragte Hans Doralice , während sie wie jeden Abend Arm in Arm den Strand entlang gingen . » Ich weiß nicht « , antwortete Doralice , » um diese Zeit ist die Luft immer so sorgenvoll . « » Wir haben keine Sorgen « , entschied Hans mit Nachdruck . » Nein , wir haben keine Sorgen « , wiederholte Doralice , » ich fürchtete schon , du würdest sagen : Freie Menschen haben keine Sorgen . « » Und wenn ich das gesagt hätte ? « Doralice lachte : » Du siehst , heute ist kein glücklicher Sprechtag . Sobald wir zu sprechen anfangen , streiten wir uns . « » Oh , das tut nichts « , erklärte Hans , » was in uns ist , muß heraus , das gibt Vertrauen . « Doralice wiegte müde den Kopf . » Ach , das ist so umständlich . Weißt du , um sich ganz zu verstehen , müssen wir es so machen wie die da vor uns . « Sie wies auf ein stilles Liebespaar hin . Der Bursch und das Mädchen wiegten ihre schweren Körper wohlig hin und her , schwenkten taktmäßig die herabhängenden Arme . Doralice ließ Hansens Arm los : » Ganz so wie die « , sagte sie . Und nun gingen sie auch nebeneinander her , wiegten sich in den Hüften , schwenkten die Arme und schwiegen . Allein , als sie eine Weile so gegangen waren , blieb Hans stehen . » Nein , das geht nicht « , sagte Hans , » wenn du so still neben mir gehst , glaube ich , du denkst etwas Unfreundliches von mir oder du hast etwas gegen mich . « » Schade , « meinte Doralice , » es war so schön . Ich fing schon an zu fühlen , daß ich ganz so wurde wie das Mädchen da . Gerade als du zu sprechen anfingst , wollte ich stehenbleiben , den Mund weit aufmachen und auf das Meer hinausgähnen , ho ho ho , ganz wie das Mädchen vorhin . Denken , man denkt ja überhaupt nicht , wenn man so geht , und daher versteht man sich . « Nein , nein , Hans wollte das nicht . » Tun wir etwas « , schlug er vor , » da ist der Mond . Soll ich dich wieder nehmen und über die Wellen halten oder sollen wir aufs Meer hinausfahren , oder sollen wir heute nacht Wardein auf den Fischfang begleiten ? Tun , tun , siehst du , das fehlt uns . « Aber Doralice hatte heute zu nichts Lust und so schlugen sie den Heimweg ein . Als sie zu Hause in ihr Wohnzimmer traten , fanden sie , daß Agnes die Lampe nicht angezündet hatte . Das Zimmer war voller Mondschein und ein starker , sehr süßer Duft schlug ihnen entgegen . Auf dem hellbeschienenen Fußboden aber lag es wie eine dunkelrote Lache . » Sieh doch , Rosen , lauter Rosen « , rief Doralice . Sie kniete vor den Rosen nieder , beugte sich ganz auf sie hinab , griff nach ihnen , hatte beide Arme voll von ihnen , drückte ihr Gesicht in sie hinein , als wollte sie sich in ihnen baden . An einem der Sträuße hing ein Papierstreifen , auf dem » Lolo « stand . » Oh , sieh doch « , sagte Doralice , » die kleine Lolo hat mir all die Rosen durch das Fenster geworfen , das gute Kind . « Da fühlte sie , daß Hans sie von hinten um die Taille faßte , sie emporhob , sie heraushob aus allen Rosen und sie hörte ihn leise und grimmig sagen : » Jetzt kommen sie durch alle Fenster zu uns herein . Laß sie und ihre dicken Rosen , was sollen wir damit . « Doralice lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter : » Ach ja « , sagte sie wie mutlos , » nimm mich fort von ihnen « , und aus ihren schlaff werdenden Armen fielen die Rosen wie ein dunkelroter Strom schwer auf den Fußboden nieder . Sechstes Kapitel Im Bullenkruge waren die Herren angekommen : » Jetzt wird das Leben bei uns ganz freiherrlich « , sagte Ernestine . Die große Abendtafel auf der Veranda nahm einen feierlichen Anstrich an . Fräulein hatte sie mit einem Strauß ein wenig sandiger Ziererbsen und Mohnblüten geschmückt . Die Generalin ging aufgeregt ab und zu und fragte immer wieder : » Liebe Malwine , wird mein Schwiegersohn auch Eis für seine Erdbeerbowle haben ? Werden die Spargeln auch weich genug sein ? Sie kennen doch meinen Schwiegersohn . « Fräulein Bork lächelte ihr geheimnisvolles , zerstreutes Lächeln und erwiderte : » Frau Generalin , die Spargeln sind himmlisch . « Bei der Mahlzeit saß der Baron Buttlär zwischen seiner Schwiegermutter und seiner Frau , er strich seinen langen blonden Schnurrbart , schüttelte vor Behagen leicht seine breiten Schultern und war sehr liebenswürdig , sehr anregend , erzählte mit lauter , klingender Stimme Geschichten , die allgemein interessieren sollten , und Frau von Buttlär interessierte sich sehr angelegentlich für diese Geschichten . Die eingefallenen Wangen leicht gerötet war sie heute nicht mehr nur die besorgte Mutter , die sich selber ganz vergißt , etwas von der Gesellschaftsdame , ja fast etwas Kokettes war heute in ihrem Wesen . Unten am Tisch saß die Jugend und Leutnant Hilmar erzählte Geschichten , über die Wedig und Nini so laut lachten , daß Frau von Buttlär ein strenges » Aber Kinder ! « hinüberrufen mußte . Hilmar schlank und schmalschultrig im hellen Sommeranzug sah fast wie ein Knabe aus , allerdings wie ein auffallend hübscher Knabe . Durch das sehr dichte schwarze Haar bahnte sich der Leutnantsscheitel nur mühsam seinen Weg . Über der Stirn saß eine dicke schwarze Locke , wie neapolitanische Burschen sie zu tragen pflegen . Die regelmäßigen Züge des bräunlichen Gesichtes hatten das zu Scharfe , ein wenig Gespannte , wie es sich bei sehr alten Rassen zuweilen findet . Die dunklen Augen waren sehr lebhaft , es ging beständig in ihnen etwas vor , es sprühte zuweilen in ihnen so , daß man deutlich goldene Pünktchen über den schwarzen Sammet der Iris hinfahren sah . » Keine Disziplin in den Augen « , hatte der Onkel General von dem Hamm gesagt . Als die Erdbeerbowle kam , wurde Baron Buttlär ganz der feine Genießer . Er zündete sich seine Havanna an , trank einen Schluck Bowle , warf einen Blick auf das mondbeglänzte Meer , ließ ein jedes verständnisvoll auf sich wirken . Er wurde gefühlvoll : » Mondschein und Meer , Mondschein und Meer « , sagte er und wiegte sachte seinen Kopf , » da kann man gefühlvoll werden , ja da muß man gefühlvoll werden . Das Meer macht immer Eindruck . Die Unendlichkeit ist eben die Unendlichkeit , nicht wahr ? « Alle schwiegen einen Augenblick und sahen das Meer an . Dann aber lenkte Frau von Buttlär das Gespräch auf ihr Gut zurück . Sie sprach so gern von ihrem Vieh , ihren Milchmädchen , ihren Hühnern und ihrer Butter . Ihre Gedanken kehrten immer wieder zu dieser fetten Wohlhabenheit zurück . Unten am Tische wurde die Jugend unruhig . Nini und Wedig erklärten , auf die Düne gehen zu wollen , und sie taten geheimnisvoll . Sie hatten eine neue Beschäftigung gefunden . Jeden Abend machten sie , wie sie es nannten , Jagd auf die Gräfin . Es kam darauf an , Doralice zu begegnen . Auch das Brautpaar wollte zum Meere hinabgehen : » Ich muß Steine auf dem Meere springen lassen « , sagte Hilmar , » erst wenn ich ihm ein Dutzend Steine ins Gesicht geworfen habe , kriege ich ein Verhältnis zu ihm . « » Der hat keine Ruh , der muß immer etwas vorhaben « , sagte Baron Buttlär und schaute dem Brautpaar wohlwollend nach . Frau von Buttlär jedoch seufzte und meinte : » Das macht mir oft Sorge , er ist so waghalsig . Beim letzten Rennen ist er doch wieder gestürzt . « » Hitzig ist er « , bestätigte der Baron , » er reitet gut und anfangs auch vernünftig , aber dann kriegt er es mit der Leidenschaft , die teilt er dem Pferde mit , das Pferd übernimmt sich und der Unfall ist da . « » Ich kann mir wohl denken , daß der Leutnant seine Leidenschaft anderen mitteilen kann « , ließ Fräulein Borks verträumte Stimme sich vernehmen , allein die Generalin wies sie zurecht : » Von Pferden ist die Rede , Malwine , bitte . « Frau von Buttlär machte noch immer ihr besorgtes Gesicht und sagte : » Ich habe Hilmar verboten , ein Pferd oder ein Auto mitzubringen , und wenn er segelt , fährt Lolo nicht mit . Solange ich über das Kind zu wachen habe , soll er es nicht umbringen . « » Umbringen , « rief der Baron gutgelaunt , » sag , Mama , als du mir Bella gabst , hattest du auch das Gefühl , daß du sie sozusagen in einen Abgrund hinabstürztest ? « » Abgrund vielleicht nicht « , erwiderte die Generalin , » aber daß ich sie auf einen Luftballon setze , von dem man nicht weiß , wohin der Wind ihn wehen wird . « » Bitte , bitte « , rief der Baron Buttlär , » ein sehr lenkbarer Luftballon , das weiß Bella gut « , und er lachte über seinen Witz sehr laut und sehr lange , länger vielleicht als es nötig gewesen wäre . Allein das Gefühl , das geistvolle Haupt der Familie zu sein , das Heiterkeit um sich verbreitet , tat ihm wohl . Fräulein Bork hatte nicht mitgelacht , sie schaute noch immer nachdenklich dem Brautpaare nach und sprach dann aus ihren Gedanken heraus : » Ich finde den Leutnant herrlich , er sieht aus wie der Page einer spanischen Königin oder wie der Page in dem Lied , der am Brunnen auf die Königstochter wartet : Ich bin vom Stamme jener Asra , die da sterben , wenn sie lieben . « » Was ? Was ? « fuhr die Generalin auf » Was ist das , Asra ? Wer stirbt , wenn er liebt ? Die Hamms nicht . Die kenne ich , die gewiß nicht . Liebe Malwine , reden Sie solches Zeug der Lolo nur nicht vor , das Kind neigt ohnehin zur Überspanntheit . « » Ach ja « , klagte Frau von Buttlär , » auch wieder eine große Sorge . Denke dir , Buttlär « , und nun berichtete sie mit bekümmerter Stimme die Geschichte von Doralice , der Sandbank und dem Kuß . » Was sagst du dazu , Buttlär « , schloß sie , » ich habe die ganze Nacht nicht schlafen können . « Der Baron wurde ernst und zog sinnend seinen Schnurrbart durch die Finger . » So , hm ! Die Gräfin Köhne hier , eine süperbe Frau übrigens . Das war eine böse Geschichte . Der Graf hat einen Schlaganfall gehabt und seine Schwester , die Gräfin Benedikte , pflegt ihn . Sehr traurig ! Nun , gesellschaftlich kommt diese Dame nicht mehr in Betracht , aber sie hat uns einen Dienst erwiesen , so kann ich ihr gelegentlich dafür danken . « » Du ? « rief Frau von Buttlär . » Warum ? Wozu ? « » Höflich kann man trotz allem gegen sie sein « , wandte der Baron ein , aber seine Frau war sehr erregt : » Ich habe es gleich gewußt « , sagte sie , » diese Person ist als schwere Prüfung für mich hergesandt . « Unten am Strande ließ Hilmar unermüdlich Kieselsteine über das Wasser springen . Lolo stand dabei und schaute ihm mit ernsten , blanken Augen zu . Als er endlich müde war , nahm er Lolos Arm und sie schlenderten langsam das Meeresufer entlang . » So , « sagte Hilmar , » jetzt verstehe ich das Meer . Es ist heute übrigens mit seinem Mondschein und allem dem sehr programmäßig und du , Schatz , bist