hat . Und von seiner Frau kann ich fast sagen , daß ich sie liebgewonnen habe . Es würde mir geradezu wehe tun , nicht rechtschaffen gegen sie sein zu dürfen . « » Pshaw ! Nicht rechtschaffen ! Was heißt rechtschaffen . Rechtschaffen hat man zunächst doch gegen sich selbst zu sein . Und wenn wir ein Geschäft machen wollen , welches uns , klug angefangen - - - « » Pst ! Still ! « warnte ihn der Andere . » Warum ? « » Der Alte könnte es hören . « Bei diesen Worten deutete er nach unserer Tür . » Der Alte ? « fragte Sebulon . » Du weißt doch , daß der täglich bis Punkt Mitternacht unten im Lesezimmer sitzt und dann noch bis ein Uhr hier oben in seiner Stube liest . Es brennt kein Licht ; er ist also noch unten . « » Trotzdem ! Und zudem bin ich müd . Ich gehe jetzt schlafen . Morgen früh nach Toronto und erst übermorgen zurück . Wir müssen ausgeruht haben . Komm ! « Sie standen vom Tische auf und gingen in ihren Raum . Es war nicht viel , was wir erfahren hatten , aber wir wußten nun doch wenigstens so viel , daß Hariman F. Enters es ehrlich mit uns meinte . Und wir waren überzeugt , daß Sebulon L. Enters , sein Bruder , wohl auch noch zu durchschauen sein werde . Als wir am nächsten Morgen zum Frühstück hinuntergingen , sagte uns der Kellner , daß unsere beiden Nachbarn das Hotel schon zeitig verlassen und die Weisung gegeben hätten , wenn Mrs. und Mr. May hier ankämen , ihnen zu sagen , daß die Gebrüder Enters nach Toronto gefahren seien und erst morgen am Abend wiederkommen könnten . Er machte eine geringschätzende Handbewegung und fügte hinzu : » Rowdys , diese beiden Enters ! Haben sich hier beinahe unmöglich gemacht . Diese Mrs. und Mr. May aus Germany , die nach solchen Leuten suchen , passen wohl nicht für uns . Werden keine Zimmer bekommen ! « Wie gut , daß ich einen andern Namen eingetragen hatte ! Auch diese Aeußerung des Kellners mahnte zur Vorsicht , obgleich ein Rowdy zwar ein roher , aber immerhin noch kein schlechter Mensch zu sein braucht . Dieses erste Frühstück war splendid im höchsten Grade : Kaffee , Tee , Kakao , Schokolade , eine Menge Fleisch- und Eierspeisen , Trauben , Ananas , Melonen und andere Früchte , so viel man wollte . Bedient wurden wir von unserm Zimmerkellner . Er hatte sich das von der Direktion ausgebeten . Mir war das lieb . Es gibt im Clifton-House nur Einzeltische , keine große , gemeinschaftliche Tafel . Am besten sitzt und speist es sich in einer langen , an den großen Saal stoßenden Veranda , die so schmal ist , daß da nur zwei Reihen von Tischen Platz finden . Es gibt von da aus eine prächtige Aussicht nach den Fällen . Wir hatten uns einen dieser Tische gewählt und beschlossen , ihn für uns zu belegen . Als wir den Kellner fragten , ob man das könne , antwortete er : » Gewöhnlich nicht , aber Mrs. und Mr. Burton können das . Ich werde es besorgen . Der beste Tisch wäre allerdings nicht dieser , sondern der hinterste , weil man da nur von einer Seite aus gesehen , gehört und belästigt werden kann . Den aber haben schon zwei Gentlemen in Beschlag genommen . Man schlug ihnen diesen Wunsch nicht ab . « Das hatte er in gewöhnlichem Tone gesagt . Mit gesenkter Stimme aber fügte er hinzu : » Sie bezahlen nämlich Alles nur mit Nuggets ! Sie haben eine ganze , schwere Tasche mit gediegenen Goldkörnern in Verwahrung gegeben ! « Viele , welche kamen und nach diesem Tische gingen , um dort Platz zu nehmen , wurden abgewiesen , bis wir fast am Schlusse der Frühstückszeit zwei Männer eintreten sahen , welche sofort Aller Augen auf sich zogen . Sie standen ungefähr im gleichen Alter und waren Indianer . Das sah man gleich beim ersten Blicke . Hoch und breitschulterig gebaut , mit scharf , aber , ich möchte beinahe sagen , edel geschnittenen Zügen , gingen sie , scheinbar ohne Jemand anzusehen , langsam und würdevoll nach dem erwähnten Tische und setzten sich dort nieder . Sie waren nicht indianisch gekleidet , sondern sie trugen seine Stoffanzüge nach gewöhnlicher Fassung , und ihr Haar war genau so verschnitten wie anderer Leute Haar ; aber man konnte unbesorgt die höchste Wette darauf eingehen , daß sie im Sattel , auf der Savanne und zwischen den Kolossen des Felsengebirges wohl noch gebieterischer erscheinen würden als hier . Jedoch trotz der tiefen Sonnenbräune ihrer Gesichter zeigte sich auf ihnen eine sehr sichtbare Spur jenes eigenartigen Hauches , den es nur bei Leuten gibt , welche viel nachgedacht haben und gewohnt sind , dieses ihr Nachdenken auf höhere Pfade zu lenken . Man pflegt bei solchen Personen von » durchgeistigten « Gesichtern , von » durchgeistigten « Zügen zu sprechen , und der Eindruck dieses » Durchgeistigtseins « ist um so größer , um so tiefer und um so dauernder , wenn dabei der Blick des Auges jene tiefe Schwermut , jene seelische Trauer bekundet , welche verschwindenden Jahren , zu Ende gehenden Tagen und sterbenden Völkern eigen ist . Diese stille , aber doch laut sprechende , unbeschreibliche Elegie des Auges war hier bei diesen Indianern vorhanden . » Das sind die Gentlemen , « sagte der Kellner . » Feine Leute , wenn auch nur Indianer ! Hochfein ! « Er schnippste dabei mit dem Daumen und Mittelfinger , um seinem Lobe Nachdruck zu geben . » Woher sind sie ? « fragte ich . » Weiß es nicht genau . Der Eine von weither , sehr weit , der Andere von näher . Kamen Beide über Quebek und Montreal den Fluß herauf . « » Ihre Namen ? « » Mr. Athabaska und Mr. Algongka . Schöne Namen , was ? Klingen fast wie Musik ! Ist aber auch Musik : Zahlen nur mit Nuggets ! « Das war nun so sein Maßstab , und er scheute sich nicht im geringsten , ihn auch in unserer Gegenwart anzulegen . Er sagte uns noch , daß die beiden » Gentlemen « auch oben in der von ihm bedienten Zimmerreihe wohnten und da die größten und teuersten Räume hätten , die es gebe . Dann bekam er anderweit zu tun . » Mr. Athabaska und Mr. Algongka « frühstückten sehr langsam und sehr mäßig , und zwar in einer Weise , als ob sie in Hotels von dem Range des Clifton-House aufgewachsen seien . Es war eine Lust , ihnen zuzusehen . Das taten wir natürlich so unauffällig wie möglich . Das Herzle freute sich besonders über die Würde , die in jeder , auch der geringsten Bewegung dieser hochinteressanten Männer lag , und über ihre Bescheidenheit . Es war bei ihnen kein Ring , keine Uhrkette und kein sonstiger Gegenstand zu sehen , der auf Wohlhabenheit oder gar Reichtum schließen ließ . Das war so recht nach dem Gusto meiner Frau , die ich ja fast zwingen muß , sich einen neuen Hut oder ein neues Kleid zu kaufen ! Meine besondere Aufmerksamkeit richtete sich auf einen andern Umstand , nämlich auf den , daß sie sich , der gewöhnlichen indianischen Schweigsamkeit ganz entgegengesetzt , sehr lebhaft unterhielten und dabei sehr fleißig Einträge in zwei Bücher machten , die sie mitgebracht hatten , Jeder eins , sein eigenes . Das schienen Notizbücher zu sein , aber sehr , sehr wichtige , denn sie wurden mit einer Vorsicht und Liebe behandelt , als ob sie der beste und teuerste Besitz seien , den es für ihre Eigentümer gebe . Die Einträge , welche gemacht wurden , geschahen mit einer Geläufigkeit und Sicherheit , welche auf vollste Schreibübung schließen ließ . Man sah , daß diese Leute nicht etwa nur den Tomahawk und das Jagdmesser , sondern auch Feder und Bleistift zu führen verstanden und sehr gewöhnt waren , sich geistig zu beschäftigen . Im Clifton-House wird nach jeder Mahlzeit , die man einnimmt , das Trinkgeld sofort bezahlt . Als wir dies jetzt nach dem Frühstück taten , erkundigte sich der Kellner , dem unser Interesse für die Indianer nicht entgangen war : » Wünschen Mrs. und Mr. Burton vielleicht den Tisch ganz neben den beiden Gentlemen ? « » Ja , « antwortete das Herzle schnell . » Für alle Tafelzeiten ? « » Für stets ! « » Well ! Werde das besorgen ! « Als wir dann zum Mittagessen kamen , waren die Häuptlinge schon da . Auch alle andern Tische , außer dem von uns bestellten , waren schon besetzt . Unser Kellner stand schon wartend da und teilte uns mit , daß die Direktion uns bitte , für immer hier an diesem Platz zu sitzen . Wir befanden uns nun also so nahe bei den zwei Indsmen , daß wir , wenn sie sprachen , jedes ihrer Worte hörten . Sie hatten ihre Bücher wieder mit und machten besonders in den Pausen zwischen den einzelnen Gängen zahlreiche Notizen , oft aber auch gleich während des Essens , indem sie Messer und Gabel einstweilen weglegten . Und man denke sich mein Erstaunen , als ich hörte , daß sie sich in der Sprache meines Winnetou unterhielten und sich die Aufgabe gestellt hatten , das innige Verwandtschaftsverhältnis aller athabaskischen Zungen , zu denen auch das Apatsche gehört , zu ergründen und festzustellen ! Für Athabaska war das eine Beschäftigung mit den verschiedenen Abarten seiner Muttersprache , für Algongka aber nicht . Dieser schien vom kanadischen Stamme der Krih zu sein und machte im Laufe der sehr regen Unterhaltung die für mich hochinteressante Bemerkung , daß er mehrere große Wörterverzeichnisse des Nahuatl , also der alten Aztekensprache , besitze , die mit seiner Muttersprache verwandt sei . Das für mich wichtigste Ergebnis unserer allerdings nur zuhörenden Teilnahme an ihrem Gespräche aber war eine nur so hingeworfene Beifügung , aus der ich entnahm , daß auch sie nach dem Dschebel Winnetou wollten und sich jetzt ausschließlich in der Mundart der Apatschen unterhielten , um am Ziele ihrer Reise nicht ungeübt zu sein oder gar als unwissend zu erscheinen . Welche Sprachkenntnisse mußten diese beiden Männer besitzen ! Ja , sie waren Häuptlinge , ganz gewiß ! Aber sie waren jedenfalls noch mehr , noch viel mehr als das ! Doch was ? Mit dieser letzteren Frage brauchte ich mich jetzt nicht zu beschäftigen . Sie hatten ja dasselbe Reiseziel wie ich , und ich war überzeugt , daß ich sie dort gewiß näher kennen lernen würde , als es jetzt hier am Niagara möglich war . Am Nachmittag fuhren wir nach Buffalo , um auf dem dortigen Forest Lawn Cemetary3 das Grab und die Statue des berühmten Häuptlings Sa-go-ye-wat-ha zu besuchen und ihm einige Blumen mitzubringen . Ich habe eine ganz besondere Zuneigung und Hochachtung grad für diesen großen Mann , den man noch heutigentags als den » strong and peerless orator « 4 aller Seneca-Indianer bezeichnet . Dieser » Gottesacker « ist schön , fast einzig schön . Ueberhaupt besitzt der Amerikaner in Beziehung auf die Anlage von Friedhöfen eine , beinahe möchte ich sagen , Genialität . Er überwindet auch künstlerisch den Tod , indem er keine Hügel duldet , die doch weiter nichts als Ausrufezeichen der Verwesung seien . Er verwandelt den Tod vielmehr in das Leben , indem er als Beerdigungsstätte für die Verstorbenen gern ein auf- und absteigendes , also reich bewegtes Terrain auswählt , welches er als lichten , sonnenklaren , froh grünenden Park behandelt , dessen nicht eng , sondern weitverteilten Denkmäler in die Ferne hin den Auferstehungsgedanken predigen . Und es herrscht auf diesen Friedhöfen eine geradezu rührende Gleichbehandlung aller derer , die verstorben sind . Da ist der Arme der Gast des Reichen der Ungelehrte ruht mit im Grabe des Gelehrten , und der Niedrigstehende bekommt ganz unentgeltlich ein Ruhebett unter der Marmorplatte hochgestellter Patrizier . Ein armer , unbekannter , namenloser Mensch wird überfahren . Er ist tot . Ein Millionär kommt dazu . Er bleibt stehen . Er fragt , ob man den Verunglückten kenne . Die Antwort lautet » nein « . » So gehört er zu mir , « sagt der Millionär , nimmt den Toten mit sich heim und gibt ihm einen Platz in seinem Familiengrabe . Das tut der Yankee . Wer tut es noch ? Es war ein schöner , klarer , sonnenwarmer Tag . Als wir die Blumen an dem Häuptlingssteine niedergelegt hatten , setzten wir uns auf die unterste Kante des Postamentes , auf welchem sein Standbild bis hoch in die Wipfel der umstehenden Bäume ragt . Wir sprachen von ihm , und zwar fast leise , wie man an den Gräbern Derer , die man besucht , zu sprechen pflegt , wenn man an die Auferstehung und an ein anderes Leben glaubt . Darum wurden wir von Denen , die sich hinter uns dem Denkmal näherten , nicht gehört . Und ebenso wenig wurden sie von uns gehört , weil weiches Gras rundum den Boden deckte und das Geräusch ihrer Schritte in Nichts verwandelte . Auch sehen konnten sie uns nicht eher , als bis sie um die Ecke des Postamentes getreten waren , welches uns ihnen verbarg . Dann sahen sie uns , und wir sahen sie . Und wer waren sie ? Die beiden Indianerhäuptlinge aus dem Clifton-House ! Auch sie hatten den berühmten Seneca-Redner besuchen wollen und bemerkten nun , daß wir von demselben Gedanken herbeigeführt worden waren . Aber sie taten gar nicht , als ob sie uns bemerkten . Sie schritten langsam weiter , an den Steinen hin , die man an der Vorderseite des Denkmales für ihn und die einzelnen Glieder seiner Familie in die Erde gesenkt hat . Da lagen unsere Blumen Als sie diese sahen , blieben sie stehen . » Uff ! « sagte Athabaska . » Hier hat Jemand in der Sprache der Liebe gesprochen ! Wer mag das gewesen sein ? « » Ein Bleichgesicht jedenfalls nicht , « antwortete Algongka . Er bückte sich nieder und hob einige der Blumen auf , um sie zu betrachten . Athabaska tat dasselbe . Beide wechselten einen schnellen , überraschten Blick . » Sie sind noch frisch , vor noch nicht einer Stunde abgeschnitten ! « meinte Athabaska . » Und vor noch nicht einer Viertelstunde hierhergelegt , « stimmte Algongka bei , indem er die Spuren unserer Füße , die im Grase noch deutlich zu sehen waren , betrachtete . » So sind es also doch Bleichgesichter gewesen ! « » Ja , diese hier ! Sprechen wir mit ihnen ? « » Wie mein roter Bruder will . Ich überlasse es ihm . « Die Häuptlinge hatten ganz richtig vermutet . Wir hatten die Blumen nicht von Niagara mitgebracht , sondern sie waren von hier , und zwar ganz frisch geschnitten . Das Herzle hatte zwei davon zurückbehalten , für sich eine und für mich eine . Die bisherigen , kurzen Sätze der beiden Indianer waren im Apatsche gesprochen worden . Jetzt legten sie die Blumen sehr zart und vorsichtig wieder dahin , wo sie gelegen hatten , und Athabaska wendte sich in englischer Sprache an uns : » Wir glauben , daß ihr die Spender dieser Blumen seid . Ist das richtig ? « » Ja , « antwortete ich , indem ich mich höflich von meinem Sitze erhob . » Für wen sollen sie sein ? « » Für Sa-go-ye-wat-ha . « » Warum ? « » Weil wir ihn lieben . « » Wen man liebt , den soll man kennen ! « » Wir kennen ihn . Und wir verstehen ihn . « » Verstehen ? « fragte Algongka , indem er seine Augen ein ganz , ganz klein wenig verkleinerte , um seinen Zweifel anzudeuten . » Habt ihr seine Stimme gehört ? Er ist längst tot ! Es ist schon fast acht Jahrzehnte her , daß er starb . « » Er ist nicht tot . Er ist nicht gestorben . Wir hörten seine Stimme sehr oft , und wessen Ohren offen sind , der kann sie heut noch ebenso deutlich hören wie damals , als er zur Gemeinschaft der Wölfe seines Stammes sprach . Sie hörten ihn leider nicht ! « » Was hätten sie hören sollen ? « » Nicht den oberflächlichen Klang seiner Worte , sondern ihren tiefen , vom großen Manitou gegebenen Sinn . « » Uff ! « rief Athabaska aus . » Welchen Sinn ? « » Daß kein Mensch , kein Volk und keine Rasse Kind und Knabe bleiben darf . Daß jede Savanne , jeder Berg und jedes Tal , jedes Land und jeder Erdteil von Gott geschaffen wurde , um zivilisierte Menschen zu tragen , nicht aber solche , denen es unmöglich ist , über das Alter , in dem man sich nur immer schlägt und prügelt , hinauszukommen . Daß der allmächtige und allgütige Lenker der Welt einen jeden Einzelnen und einer jeden Nation sowohl Zeit als auch Gelegenheit gibt , aus diesem Burschen- und Bubenalter herauszukommen . Und daß endlich ein Jeder , der dennoch stehen bleibt und nicht vorwärts will , das Recht , noch weiter zu existieren , verliert . Der große Manitou ist gütig , aber er ist auch gerecht . Er wollte , daß auch der Indianer gütig sei , besonders gegen seine eigenen roten Brüder . Als aber die Indsmen nicht aufhören wollten , sich untereinander zu zerfleischen , sandte er ihnen das Bleichgesicht - - - « » Um uns noch schneller umbringen zu lassen ! « fiel mir Algongka in die Rede . Beide sahen mich in sichtlicher Spannung an , was ich auf diesen Vexierausruf antworten werde . » Nein , sondern um euch zu retten , « entgegnete ich . » Sa-go-ye-wat-ha hat das begriffen , und er wünschte , daß sein Volk , seine Rasse es ebenso begreife ; aber man wollte ihn nicht hören . Es wäre zu dieser Rettung sogar heut noch Zeit , wenn der Kind gebliebene Indianer sich aufraffte , Mann zu werden . « » Also Krieger ? « fragte Algongka . » O nein ! Denn selbst bei der Rasse ist grad das Krieger- und Indianerspielen der sicherste Beweis , daß sie kindisch geblieben ist und von höherstrebenden Menschen ersetzt werden muß . Mann werden , heißt nicht , Krieger werden , sondern Person werden . Das hat der große Häuptling der Seneca , an dessen Grabe wir hier stehen , tausendmal gesagt . Laßt es nicht meine , sondern seine Stimme sein , die es euch jetzt abermals sagt . Tut ihr das , so ist er auch für euch nicht gestorben , sondern er lebt und wird in euch weiterleben ! « Ich grüßte mit dem Hute , um mich zu entfernen . Da ergriff zu meiner Verwunderung auch das Herzle das Wort . Sie sagte : » Und nehmt diese beiden Blumen ! Sie sind nicht von mir , sondern von ihm ! Die Blumen der Einsicht , der Güte und der Liebe , die er einst zu seinem Volke sprach , sind nur äußerlich verwelkt , ihr Duft aber ist geblieben . Seht , wie der Sonnenstrahl sich langsam , leise nähert , um die Namen , die da in Stein gegraben sind , zu beleuchten und zu erwärmen ! Und hört ihr das Flüstern der Blätter , aus denen der Schatten flieht ? Auch dieses Grab ist nicht tot . Wir gehen . « Sie gab Jedem eine der beiden Blumen . » Geht nicht , sondern bleibt ! « bat Athabaska . » Ja , bleibt noch hier ! « schloß Algongka sich ihm an . » Wenn ihr ihn liebt , so gehört ihr hierher ! « » Jetzt nicht , « antwortete ich . » Ich bin sein Freund ; ihr aber seid seine Brüder . Dieser Platz gehöre euch . Wir haben Zeit . « Wir gingen . Als wir uns , ohne uns einmal umzudrehen , weit genug entfernt hatten , um nicht mehr gesehen zu werden , fragte das Herzle : » Du , haben wir keinen Fehler gemacht ? « » Nein , « antwortete ich . » Vielleicht aber doch ! « » Welchen wohl ? « » Du hast ihnen gleich sofort eine lange Rede gehalten . Und ich habe sie , die uns doch vollständig Fremden , sogar mit Blumen beschenkt . Ist das wohl ladylike ? « » Wahrscheinlich nicht . Aber gräme dich ja nicht darüber ! Es gibt Augenblicke , in denen derartige Fehler das Beste sind , was man tut . Und ich bin sehr überzeugt , jetzt war so ein Augenblick . Freilich andern Leuten hätte ich ganz gewiß keine Rede gehalten ; aber ich glaube , die Indianer zu kennen , und außerdem berücksichtigte ich die vorliegenden Verhältnisse , die mir nicht nur erlaubten , sondern es mir sogar zur Pflicht machten , mehr zu sagen , als ich in jedem andern Falle wahrscheinlich gesagt hätte . Uebrigens zeigt uns ja der Erfolg , wie richtig das war , was wir taten . Sie luden uns ein , zu bleiben ! Bedenke gar wohl ! An diesem Grabe zu bleiben ! Bei ihnen , den Häuptlingen ! Das ist eine Auszeichnung , und zwar eine sehr große ! Wir haben uns nach ihren Begriffen also sehr gut benommen . Einen Fehler gemacht ? Gewiß nicht ! « Daß ich da Recht hatte , zeigte sich gleich bei unserer Heimkehr , die erst gegen Abend erfolgte , weil wir nicht per Bahn , sondern per Boot zurück nach Niagara gefahren waren . Kaum hatte der Kellner gehört , daß wir wieder da seien , so stellte er sich bei uns ein und begrüßte uns mit einer womöglich noch tieferen Verbeugung als bisher . » Verzeihung , daß ich sogleich störe ! « sagte er . » Es ist etwas Großes , etwas ganz Ungewöhnliches , was ich zu melden habe ! « » Nun , was ? « fragte ich . » Mr. Athabaska und Mr. Algongka speisen heut abend nicht unten , sondern oben bei sich selbst ! « Er sah uns hierauf an , als ob er uns etwas ganz Welterschütterndes mitgeteilt oder noch mitzuteilen habe . » So ? « machte ich . » Ist das vielleicht Etwas , was uns interessiert ? « » Das meine ich gar wohl ! Ich bin nämlich mit dem Auftrage beehrt worden , Mrs. und Mr. Burton hierzu einzuladen ! « Das war allerdings etwas ganz Unerwartetes . Ganz selbstverständlich aber tat ich so , als ob es uns nicht einfallen könne , hierüber auch nur im Geringsten zu erstaunen , und erkundigte mich in gleichgültigem Tone : » Für welche Zeit ? « » Neun Uhr . Die beiden Gentlemen werden sich erlauben , die Herrschaften persönlich abzuholen . Ich aber habe möglichst bald zu melden , ob die Einladung angenommen wird oder nicht . « » Hierüber hat Mrs. Burton zu entscheiden , nicht ich . « Als er seinen fragenden Blick infolgedessen auf meine Frau richtete , gab diese den Bescheid : » Wir nehmen die Einladung an und werden pünktlich sein . « » Danke ! Werde es sofort melden . Die Gentlemen lassen in Beziehung auf die Toilette bitten , als Freunde betrachtet zu werden , die nicht auf den Anzug schauen . « Diese letztere Bemerkung war uns lieb , und zwar nicht um unsertwillen , sondern weil wir wünschten , daß die Häuptlinge nicht etwa wegen uns eine Unbequemlichkeit auf sich nehmen möchten , die uns ebenso wie ihnen als unnötig erscheinen würde . Sie stellten sich Punkt neun Uhr bei uns ein , um uns abzuholen . Das war ein Schritt von ihnen , der deutlicher sprach , als Worte hätten sprechen können . Sie waren über den Korridor des Innenhauses zu uns gekommen , baten uns aber , den Weg zu ihnen über die Plattform zu nehmen , auf welcher sich ihre Wohnung ebenso öffnete wie die unsere . Als wir demzufolge durch die schon beschriebene Glas- und Jalousietür hinaus auf den Altan traten , schien der Mond noch klarer als gestern abend . Die beiden Fälle lagen wie ein Märchenwunder vor unsern Augen , und ihr Brausen drang wie die Stimme eines ewigen Gesetzes zu uns herüber , dem ein Jeder verfallen ist , der es nicht beachtet . Da zögerten die beiden Häuptlinge , weiter zu gehen . Sie blieben stehen , und Athabaska sagte : » Nicht nur die Weißen , sondern auch die Roten wissen jetzt , daß Alles , was die gegenwärtige Welt uns bietet , weiter nichts als nur ein Gleichnis ist . Eines der größten und gewaltigsten Gleichnisse , die Manitou uns predigt , liegt hier vor unsern Augen . Betrachten wir es ! « Er trat mit Algongka bis an den Rand der Plattform vor . Ich folgte ihnen mit dem Herzle , die ihren Arm in den meinen gelegt hatte und mir durch einen leisen Druck ein Zeichen gab , welches ich sehr wohl verstand . Wir haben fast immer einen und denselben Gedanken miteinander . Auch jetzt fühlte sie ebenso wie ich den Grund , weshalb der Häuptling grad diese Worte sprach und keine andern . Er beabsichtigte , uns zu examinieren , wenn auch nur durch eine einzige Frage . Der Erfolg dieses Examens sollte entscheiden , wie wir zu behandeln seien , ob als gewöhnliche , ganz alltägliche Menschen oder nicht . Denn das , was ich am Grabe des großen Seneca-Redners gesagt hatte , konnte ich irgendwo gelesen oder sonstwie aufgeschnappt und mir gemerkt haben , um es bei passender Gelegenheit mit Vorteil an den Mann zu bringen . Das war es , was meine Frau mir durch den Druck ihres Armes sagen wollte , und dadurch , daß ich dieses ihr Zeichen durch einen ebenso leisen Druck erwiderte , teilte ich ihr mit , daß ich sie verstanden habe und auf das Examen vorbereitet sei . Wir standen wohl einige Minuten lang still an der Balustrade . Da hob Algongka seinen Arm , über den Abgrund hinüber nach den stürzenden Fluten zeigend , und sagte : » Das ist ein Bild des roten Mannes . Ob wohl ein Weißer das begreift ? « » Warum sollte er es nicht begreifen ? « fragte ich . » Weil es nicht sein eigenes , sondern ein fremdes Schicksal betrifft . « » Glaubt Ihr , daß wir Weißen nur eigene , nicht aber fremde Dinge begreifen ? « » Nun , könnt vielleicht Ihr mir dieses Rätsel lösen ? « » Rätsel lösen ? Ihr habt nicht von einem Rätsel , sondern von einem Gleichnisse gesprochen . Gleichnisse aber werden nicht gelöst , sondern gedeutet . « » Nun , so deutet es , bitte ! « » Gern ! Wir sehen hier die stürzende , die zerschellende und zerstäubende Flut . Aber den See , den großen See , aus dem sie kommt , den sehen wir nicht . Und auch der See , in den sie sich ergießt , ist uns unsichtbar . Beide sind unserm Auge verborgen . « » Wohl ! Das ist das Gleichnis , « nickte Athabaska ernst . » Aber die Deutung ? « » Die Gegenwart sieht nur den schweren , tiefen , erschütternden Fall der roten Rasse . Sein Brausen ist die Summe der Todesschreie aller Derer , die da untergegangen sind und noch untergehen werden . Wo haben wir das große , das mächtige , das herrliche Volk zu suchen , dessen Kinder diese Zerschmetterten und noch zu Zerschmetternden sind ? In welchem Lande gab es dieses Volk ? Und in welcher Zeit ? Wir wissen es nicht , und wir sehen es nicht ! Wir sehen nur , wie der eine , stürzende Strom da unten in der Tiefe in hundert und aberhundert Völker , Stämme , Herden , Rotten und Banden zerfällt , deren einer oder eine oft kaum mehr als hundert Personen zählt . So wirbelt und treibt der Fall sie weiter und weiter , bis sie verschwunden sind ! Und wir hören nur die unzähligen kleiner und immer kleiner werdenden Zungen , Sprachen , Idiome , Mundarten und Dialekte , in welche der stürzende Strom in dem Wirbel des Abgrundes zermalmt , zersplittert , zermahlen , zerknirscht , zerpulvert und zerrieben wird , so daß der Sprachforscher , der sich kühn in diesen Strudel wirft , in die Gefahr kommt , ganz ebenso zugrunde zu gehen wie Die , nach denen er sucht ! Und wo ist das noch größere , das noch mächtigere , das noch herrlichere Volk zu finden , dem die zersprengten , zerrissenen und zerstäubten Fluten dieses sprachlichen und ethnographischen Niagara zuzuströmen haben , um sich wieder zu einem Ganzen zu vereinigen und wieder zur Ruhe und gesegneten Gesetzlichkeit , zum Beginn einer neuen , besseren Entwicklung zu kommen ? In welchem Lande wird es dieses Volk geben ? Und in welcher Zeit ? Wir wissen es nicht , und wir sehen es nicht . Wir können von dem hier niederstürzenden Flusse , der uns als Gleichnis dient , nur sagen , daß er aus dem Eriesee in den Ontariosee sich ergießt . Genau ebenso wissen wir von der hier zerstäubenden roten Rasse nur , daß sie aus der Zeit und aus dem Lande des Gewaltmenschen stammt und der Zeit und dem Lande des Edelmenschen entgegenfließt , um dort in neuen Ufern neue Vereinigung zu finden . Dies , Gentlemen , ist das