, » an unser letztes Gespräch auf jener Ringstraßenbank . « Nun erst fiel es Georg ein , daß Heinrich damals ganz flüchtig von einem Opernstoff gesprochen , der ihn beschäftigte , worauf Georg ebenso beiläufig , und eher scherzhaft , sich als Komponisten angeboten hatte . Und absichtlich kühl entgegnete er : » Ach ja , ich erinnere mich . « » Nun , das verpflichtet Sie zu nichts « , erwiderte Heinrich noch kühler als der andere , » um so weniger , als ich , die Wahrheit zu sagen , an meinen Opernstoff überhaupt nicht mehr gedacht hatte , bis zu jenem schönen Sommernachmittag , an dem Fräulein Else Ihre Lieder sang . Wie wär ' s übrigens , wenn wir uns hier niederließen ? « Der Gasthausgarten , in den sie eintraten , war ziemlich leer . Heinrich und Georg nahmen in einer kleinen Laube , nächst dem grünen Staketgitter , Platz und bestellten ihr Nachtmahl . Heinrich lehnte sich zurück , streckte seine Beine aus , betrachtete Georg , der beharrlich schwieg , mit prüfenden , fast spöttischen Augen und sagte plötzlich : » Ich glaube mich übrigens nicht zu irren , wenn ich annehme , daß Ihnen die Sachen , die ich bisher gemacht habe , nicht gerade ans Herz gewachsen sind . « » O « , erwiderte Georg und errötete ein wenig , » wie kommen Sie zu dieser Ansicht ? « » Nun ich kenne meine Stücke ... und kenne Sie . « » Mich ? « fragte Georg beinahe verletzt . » Gewiß « , erwiderte Heinrich überlegen . » Übrigens habe ich den meisten Menschen gegenüber diese Empfindung und halte diese Fähigkeit sogar für meine einzige absolute , unzweifelhafte . Alle übrigen sind ziemlich problematisch , find ' ich . Insbesondere ist meine sogenannte Künstlerschaft etwas durchaus mäßiges , und auch gegen meine Charaktereigenschaften wäre manches einzuwenden . Das einzige , was mir eine gewisse Sicherheit gibt , ist eigentlich nur das Bewußtsein , in menschliche Seelen hineinschauen zu können ... tief hinein , in alle , in die von Schurken und ehrlichen Leuten , in die von Frauen und Männern und Kindern , in die von Heiden , Juden , Protestanten , ja selbst in die von Katholiken , Adeligen und Deutschen , obwohl ich gehört habe , daß gerade das für unsereinen so unendlich schwer , oder sogar unmöglich sein soll . « Georg zuckte leicht zusammen . Er wußte , daß Heinrich insbesondere bei Gelegenheit seines letzten Stückes von konservativen und klerikalen Blättern persönlich aufs heftigste angegriffen worden war . Aber was geht das mich an , dachte Georg . Schon wieder einer , den man beleidigt hat ! Es war wirklich absolut ausgeschlossen , mit diesen Leuten harmlos zu verkehren . Höflich , fremd , in einer ihm selbst kaum bewußten Erinnerung an die Erwiderung des alten Herrn Rosner gegenüber dem jungen Doktor Stauber , äußerte er : » Eigentlich dachte ich mir , daß Menschen wie Sie über Angriffe von jener Art , auf die Sie offenbar anspielen , erhaben wären . « » So ... dachten Sie das ? « fragte Heinrich in dem kalten , beinahe abstoßenden Ton , der ihm manchmal eigen war . » Nun « , fuhr er milder fort , » zuweilen stimmt es ja . Aber leider nicht immer . Es braucht nicht viel dazu , um die Selbstverachtung aufzuwecken , die stets in uns schlummert ; und wenn das einmal geschehen ist , gibt es keinen Tropf und keinen Schurken , mit dem wir uns nicht innerlich gegen uns selbst verbünden . Entschuldigen Sie , wenn ich wir sage ... « » O , ich habe schon ganz ähnliches empfunden . Freilich hatte ich noch nicht Gelegenheit , der Öffentlichkeit so oft und so exportiert gegenüberzustehen , wie Sie . « » Nun wenn auch ... ganz das Gleiche wie ich werden Sie doch niemals durchzumachen haben . « » Warum denn ? « fragte Georg ein wenig gekränkt . Heinrich sah ihm scharf ins Auge . » Sie sind der Freiherr von Wergenthin-Recco . « » O darum ! Ich bitte Sie , es gibt heutzutage eine ganze Menge Leute , die gerade deswegen gegen einen voreingenommen sind und es einem gelegentlich vorzuhalten wissen , daß man Baron ist . « » Ja , ja , aber es liegt doch ein anderer Ton darin , das werden Sie mir zugeben , und auch ein anderer Sinn , wenn man einem den Freiherrn , als wenn man einem den Juden ins Gesicht schleudert , obzwar das letztere bisweilen ... Sie verzeihen schon ... der bessere Adel sein mag . Nun , Sie brauchen mich nicht so mitleidig anzuschauen « , setzte er plötzlich grob hinzu . » Ich bin nicht immer so empfindlich . Es gibt auch andre Stimmungen , in denen mir überhaupt nichts und niemand etwas anhaben kann . Da hab ich nur dieses eine Gefühl : was wißt Ihr denn alle , was wißt Ihr denn von mir ... « Er schwieg , stolz , mit einem höhnischen Blick , der sich durch das Blätterwerk der Laube ins Dunkle bohrte . Dann wandte er den Kopf , sah ringsumher und sagte einfach , in einem neuen Ton , zu Georg : » Sehen Sie doch , wir sind bald die einzigen . « » Es wird auch recht kühl « , sagte Georg . » Ich denke , wir bummeln noch ein wenig durch den Prater . « » Gern . « Sie erhoben sich und gingen . Auf einer Wiese , an der sie vorüberkamen , lag feiner , grauer Nebel . » Bis in die Nacht hält die Sommerlüge doch nicht mehr an . Nun wird es bald endgültig vorbei sein « , sagte Heinrich mit unverhältnismäßiger Bedrücktheit , und wie zum eigenen Trost fügte er hinzu : » Nun , man wird arbeiten . « Sie kamen in den Wurstelprater . Aus den Gasthäusern tönte Musik , und Georg teilte sich sofort etwas von der fröhlich-lauten Stimmung mit , in die er nun mit einem Male aus den Traurigkeiten eines herbstlichen Wirtshausgartens und einer etwas gequälten Unterhaltung geraten war . Vor einem Ringelspiel , aus dem ein riesiger Leierkasten phantastisch-orgelhaft ein Potpourri aus dem » Troubadour « ins Freie sandte und an dessen Eingang ein Ausrufer zur Reise nach London , Atzgersdorf und Australien aufforderte , erinnerte sich Georg wieder der Frühjahrspartie mit der Ehrenbergschen Gesellschaft . Auf dieser schmalen Bank , im Innern des Raumes , war Frau Oberberger gesessen , den Kavalier des Abends , Demeter Stanzides , zur Seite und hatte ihm wahrscheinlich eine ihrer unglaublichen Geschichten erzählt : daß ihre Mutter die Geliebte eines russischen Großfürsten gewesen ; daß sie selbst mit einem Anbeter eine Nacht auf dem Hallstädter Friedhof verbracht , natürlich ohne daß etwas geschehen war ; oder daß ihr Gatte , der berühmte Reisende , in einem Harem zu Smyrna in einer Woche siebzehn Frauen erobert hatte . In diesem rotsamtgepolsterten Wägelchen , mit Hofrat Wilt als Gegenüber , hatte Else gelehnt , damenhaft anmutig , ungefähr wie in einem Fiaker am Derbytag und hatte doch verstanden , durch Haltung und Miene zum Ausdruck zu bringen , daß sie , wenn es darauf ankäme , gerade so kindlich sein konnte wie andre einfältige , glücklichere Menschen . Anna Rosner , lässig die Zügel in der Hand , würdig , aber mit einem etwas verschmitzten Gesicht , ritt einen weißen Araber ; Sissy wiegte sich auf einem Rappen , der sich nicht nur im Kreise mit den andern Tieren und Wagen drehte , sondern außerdem hin und herschaukelte . Unter der kühnen Frisur mit dem riesigen , schwarzen Federhut blitzten und lachten die frechsten Augen , über den ausgeschnittenen Lackschuhen und durchbrochenen Strümpfen flatterte und flog der weiße Rock . Auf zwei fremde Herren hatte Sissys Erscheinung so seltsam gewirkt , daß sie ihr eine unzweideutige Einladung zuriefen , worauf eine kurze , geheimnisvolle Unterhaltung zwischen Willy , der sofort zur Stelle war , und den zwei ziemlich betretenen Herren erfolgte , die anfangs durch das nonchalante Anzünden neuer Zigaretten ihre Position zu retten versuchten , aber dann plötzlich in der Menge verschwunden waren . Auch die Bude mit den » Illusionen « und Lichtbildern hatte für Georg ihre besondere Erinnerung . Hier , während Daphne sich in einen Baum verwandelte , hatte ihm Sissy ein leises » remember « ins Ohr geflüstert und ihm damit den Maskenball bei Ehrenbergs ins Gedächtnis gerufen , an dem sie , wohl nicht für ihn allein , den Spitzenschleier zu einem flüchtigen Kuß gelüftet hatte . Dann kam die Hütte , wo die ganze Gesellschaft sich hatte photographieren lassen : die drei jungen Mädchen , Anna , Else und Sissy in genienhafter Pose , die Herren mit himmelnden Augen ihnen zu Füßen , so daß das Ganze etwa ausgesehen hatte , wie die Apotheose aus einer Zauberposse . Und während Georg sich jener kleinen Erlebnisse entsann , schwebte ihm immer der heutige Abschied von Anna durch die Erinnerung und schien ihm von den angenehmsten Verheißungen erfüllt . Vor einer offenen Schießbude standen auffallend viel Leute . Bald war der Trommler ins Herz getroffen und wirbelte mit flinken Schlägen auf dem Fell , bald zersprang leise klirrend eine Glaskugel , die auf einem Wasserstrahl hin und her getanzt war , bald führte eine Marketenderin eiligst die Trompete zum Mund und blies drohend Appell , bald donnerte aus aufgesprungenem Tor eine kleine Eisenbahn , sauste über eine fliegende Brücke und wurde von einem andern Tor verschlungen . Da einige Zuschauer sich allmählich entfernten , rückten Georg und Heinrich vor und erkannten in den sichern Schützen Oskar Ehrenberg und seine Dame . Eben richtete Oskar das Gewehr auf einen Adler , der sich nahe der Decke mit ausgebreiteten Flügeln auf und ab bewegte , und fehlte zum erstenmal . Indigniert legte er die Waffe nieder , sah sich um , erblickte die beiden Herren hinter sich und begrüßte sie . Die junge Dame , das Gewehr an der Wange , warf einen flüchtigen Blick auf die Neuangekommenen , visierte gleich wieder angelegentlich und drückte ab . Der Adler ließ den getroffenen Flügel sinken und bewegte sich nicht mehr . » Bravo « , rief Oskar . Die Dame legte das Gewehr vor sich auf den Tisch hin . » Is genug « , sagte sie zu dem Jungen , der von neuem laden wollte , » g ' wonnen hab ich eh . « » Wie viel Schuß warens ? « fragte Oskar . » Vierzig « , antwortete der Junge , » macht achtzig Kreuzer . Oskar griff in die Westentasche , warf einen Silbergulden hin und nahm den Dank des Ladenjungen mit Herablassung entgegen . » Erlaube « , sagte er dann , indem er beide Hände in die Seiten stützte , den Oberkörper leicht nach vorn bewegte und den linken Fuß vorwärts setzte , » erlaube Amy , daß ich dir die Herren vorstelle , welche Zeugen deiner Triumphe waren . Baron Wergenthin , Herr von Bermann ... Fräulein Amelie Reiter . « Die Herren lüfteten ihre Hüte , Amelie nickte zum Gegengruß ein paarmal hintereinander mit dem Kopf . Sie trug ein einfaches , weiß gemustertes Foulardkleid , darüber eine leichte Mantille von hellem Gelb mit Spitzen umsäumt und einen schwarzen , aber sehr vergnügten Hut . » Den Herrn von Bermann kenn ich ja « , sagte sie . Sie wandte sich an ihn : » Bei der Premiere von Ihrem Stück im vorigen Winter hab ich Sie gesehen , wie Sie herausgekommen sind sich verbeugen . Ich habe mich sehr gut unterhalten . Nicht , daß ich Ihnen das vielleicht aus Höflichkeit sag . « Heinrich dankte ernst . Sie spazierten weiter zwischen Buden , vor denen es stiller wurde , an Wirtshausgärten vorbei , die sich allmählich leerten . Oskar schob seinen rechten Arm in den linken seiner Begleiterin , dann wandte er sich an Georg : » Warum sind Sie denn heuer nicht auf dem Auhof gewesen ? Wir haben alle sehr bedauert . « » Ich war leider in wenig geselliger Stimmung . « » Natürlich , kann ich mir denken « , sagte Oskar mit dem gebotenen Ernst . » Ich war übrigens auch nur ein paar Wochen dort . Im August hab ich meine müden Glieder in den Wogen der Nordsee gestärkt , ich war nämlich auf der Isle of Wight . « » Dort soll es ja sehr schön sein « , sagte Georg , » wer geht denn nur immer hin ? « » Die Wyners , meinen Sie « , erwiderte Oskar . » Wenigstens wie sie noch in London gelebt haben , sind sie regelmäßig dort gewesen . Jetzt nur mehr alle zwei , drei Jahre . « » Aber das Ypsilon haben sie auch für Österreich beibehalten « , sagte Georg lächelnd . Oskar blieb ernst . » Der alte Herr Wyner « , erwiderte er » hat sich sein Recht auf das Ypsilon ehrlich erworben . Er ist schon in seinem dreizehnten Jahr nach England gekommen , hat sich dort naturalisieren lassen und als ganz junger Mensch ist er Kompagnon der großen Stahlfabrik geworden , die jetzt noch immer Black und Wyner heißt . « » Aber seine Frau hat er sich doch aus Wien geholt ? « » Ja . Und wie er vor sieben oder acht Jahren gestorben ist , ist sie mit den zwei Kindern hierher übersiedelt . Aber James wird sich hier nie eingewöhnen ... der Lord Antinous , Sie wissen ja , daß Frau Oberberger ihn so nennt . Jetzt ist er wieder in Cambridge , wo er seltsamerweise griechische Philologie studiert . Im übrigen ist auch Demeter ein paar Tage in Ventnor gewesen . « » Stanzides ? « ergänzte Georg . » Kennen Sie den Herrn von Stanzides , Herr Baron ? « fragte Amy . » Jawohl . « » Also existiert er richtig « , rief sie aus . » Ja aber hörst du « , sagte Oskar . » Heuer im Frühjahr hat sie in der Freudenau auf ihn gesetzt und hat eine Masse Geld gewonnen , und jetzt fragt sie , ob er existiert . « » Warum zweifeln Sie denn an der Existenz von Stanzides , Fräulein ? « fragte Georg . » Ja wissen Sie , alleweil , wenn ich nicht weiß , wo er is , der Oskar , heißts : ich hab ein Rendezvous mit ' n Stanzides , oder : ich reit mit ' n Stanzides in ' Prater . Stanzides hin , Stanzides her , es klingt mehr wie eine Ausred , als wie ein Nam . « » Jetzt schweig aber endlich einmal still « , sagte Oskar mild . » Stanzides existiert nicht nur « , erklärte Georg , » sondern er hat den schönsten , schwarzen Schnurrbart und die glühendsten schwarzen Augen , die es überhaupt gibt . « » Das is schon möglich , aber wie ich ihn g ' sehn hab , hat er ausg ' schaut wie ein Wurstel . Gelber Janker , grünes Kappel , violette Schleifen . « » Und sie hat vierzig Gulden auf ihn gewonnen « , ergänzte Oskar humoristisch . » Wo sind die vierzig Gulden « , seufzte Fräulein Amelie ... Plötzlich blieb sie stehen und rief : » Da bin ich aber noch nie mitgefahren . « » Das kann ja nachgeholt werden « , sagte Oskar einfach . Es war das Riesenrad , das sich vor ihnen mit seinen beleuchteten Wagen langsam , majestätisch drehte . Die jungen Leute passierten das Tourniquet , stiegen in ein leeres Kupee und schwebten empor . » Wissen Sie , Georg , wen ich heuer im Sommer kennen gelernt habe ? « sagte Oskar , » den Prinzen von Guastalla . » Welchen ? « fragte Georg . » Den jüngsten natürlich , Karl Friedrich . Er ist inkognito dort gewesen . Er ist sehr gut mit dem Stanzides , ein merkwürdiger Mensch . Ich kann Sie versichern « , setzte er leise hinzu , » wenn unsereins den hundertsten Teil von den Sachen reden möcht wie der Prinz , wir kämen unser Lebtag aus dem schweren Kerker nicht heraus . « » Schau Oskar « , rief Amy , » die Tische und die Leut da unten ! Wie aus einem Schachterl , nicht wahr ? Und die Masse Lichter dort , ganz weit , da gehts sicher nach Prag . Glauben S ' nicht , Herr Bermann ? « » Möglich « , erwiderte Heinrich und starrte mit gefalteter Stirn durch die gläserne Wand in die Nacht hinaus . Als sie das Kupee verließen und ins Freie traten , war der Sonntagslärm im Verrauschen . » Die Kleine « , sagte Oskar Ehrenberg zu Georg , während Amy mit Heinrich vorausging , » die ahnt auch nicht , daß wir heute das letztemal zusammen im Prater spazieren gehen . « » Warum denn das letztemal ? « fragte Georg ohne tieferes Interesse . » Es muß sein « , erwiderte Oskar . » Solche Sachen dürfen nicht länger dauern als höchstens ein Jahr . Sie können sich übrigens vom Dezember an bei ihr Ihre Handschuhe kaufen « , fügte er heiter , aber nicht ohne Wehmut hinzu . » Ich richte ihr nämlich ein kleines Geschäft ein . Das bin ich ihr gewissermaßen schuldig , denn ich hab sie aus einer ziemlich sichern Situation herausgerissen . « » Aus einer sichern ? « » Ja , sie war verlobt . Mit einem Etuimacher . Haben Sie gewußt , daß es das gibt ? « Indessen war Amy und Heinrich vor einer Wendeltreppe stehen geblieben , die eng und kühn zu einem Plateau hinaufführte , und erwarteten die andern . Alle waren darüber einig , daß man den Prater nicht verlassen durfte , ohne auf der Rutschbahn gefahren zu sein . Sie sausten durchs Dunkel , hinab und wieder hinauf , im dröhnenden Wagen , unter schwarzen Wipfeln ; und dem dumpf rhythmischen Lärm entklang für Georg allmählich ein groteskes Motiv im Dreivierteltakt . Während er mit den andern die Wendeltreppe hinabstieg , wußte er auch schon , daß die Melodie von Oboe und Klarinette gebracht und von Cello und Kontrabaß begleitet werden müsse . Offenbar war es ein Scherzo , vielleicht für eine Symphonie . » Wenn ich ein Unternehmer wäre « , erklärte Heinrich mit Entschiedenheit , » so ließ ich eine Rutschbahn bauen , viele Meilen lang , die ginge über Wiesen , Abhänge , durch Wälder , Tanzsäle ; auch für Überraschungen auf dem Weg wäre gesorgt . « Jedenfalls , so fand er weiter , wäre nun die Zeit gekommen , das phantastische Element im Wurstelprater zu höherer Entfaltung zu bringen . Er selbst hätte vorläufig die Idee für ein Ringelspiel , das sich hoch und durch einen merkwürdigen Mechanismus , spiralig immer höher über den Erdboden drehen müsse , um endlich in einer Art von Turmspitze anzulangen . Leider mangelten ihm die notwendigen technischen Vorkenntnisse zur näheren Erklärung . Im Weitergehen erfand er burleske Figuren und Gruppen für die Schießbuden und sprach endlich die dringende Forderung nach einem großartigen Kasperltheater aus , für das originelle Dichter tiefsinnig-heitere Stücke entwerfen müßten . So war man an den Ausgang des Praters gelangt , wo Oskars Wagen wartete . Gedrängt , aber gut gelaunt fuhren sie nach einem Weinrestaurant in der Stadt . In einem separierten Zimmer ließ Oskar Champagner auftragen . Georg setzte sich ans Klavier und phantasierte über das Thema , das ihm auf der Rutschbahn eingefallen war . Amy lehnte in der Divanecke , und Oskar flüsterte ihr allerhand ins Ohr , worüber sie lachen mußte . Heinrich war wieder stumm geworden und drehte sein Glas langsam zwischen den Fingern hin und her . Plötzlich hielt Georg im Spielen inne und ließ die Hände auf den Tasten liegen . Ein Gefühl von der Traumhaftigkeit und Zwecklosigkeit des Daseins kam über ihn , wie manchmal , wenn er Wein getrunken hatte . Viele Tage war es her , daß er eine schlecht beleuchtete Treppe in der Paulanergasse hinuntergegangen war , und der Spaziergang mit Heinrich durch die herbstdunkle Allee lag in fernster Vergangenheit . Hingegen erinnerte er sich plötzlich so lebhaft , als wär es gestern gewesen , eines sehr jungen und sehr verdorbenen Wesens , mit dem er vor vielen Jahren ein paar Wochen in heiter-unsinniger Art verbracht hatte , etwa so wie Oskar Ehrenberg jetzt mit Amy . Eines Abends hatte sie ihn auf der Straße zu lange warten lassen , ungeduldig war er fort gegangen und hatte nie wieder etwas von ihr gehört oder gesehen . Wie leicht sich das Leben zuweilen anließ ... Er hörte das leise Lachen Amys , wandte sich und sein Blick begegnete den Augen Oskars , die über den blonden Kopf Amys hinweg die seinen suchten . Er empfand diesen Blick als ärgerlich , wich ihm absichtlich aus und schlug wieder einige Töne an , in volksliedartiger , melancholischer Weise . Er spürte Lust , all das aufzuzeichnen , was ihm heute eingefallen war , und sah auf die Uhr , die über der Tür hing . Es war eins vorbei . Dann verständigte er sich mit Heinrich durch einen Blick , und beide erhoben sich . Oskar deutete auf Amy , die an seiner Schulter eingeschlummert war , und gab durch ein lächelndes Achselzucken zu verstehen , daß er unter diesen Umständen noch nicht ans Fortgehen denken könne . Die beiden andern reichten ihm die Hände , flüsterten ihm gute Nacht zu und entfernten sich . » Wissen Sie , was ich getan hab « , sagte Heinrich , » während Sie auf dem gräßlichen Pianino so wunderhübsch phantasierten ? Ich hab versucht mir den Stoff zurecht zu legen , von dem ich Ihnen im Frühjahr gesprochen hab . « » Ah den Opernstoff ! Das ist ja interessant . Wollen Sie ihn mir nicht einmal erzählen ? « Heinrich schüttelte den Kopf . » Ich möchte schon , aber das Malheur ist nur , wie sich eben herausgestellt hat , daß er eigentlich gar nicht vorhanden ist . Wie die meisten andern von meinen sogenannten Stoffen . « Georg sah ihn fragend an . » Im Frühjahr , wie wir uns das letztemal gesehen haben , da hatten Sie ja eine ganze Menge vor . « » Ja aufnotiert ist gar viel . Aber heut ist nichts mehr davon da als Sätze ... Nein , Worte ! Nein , Buchstaben auf weißem Papier . Es ist geradeso , wie wenn eine Totenhand alles berührt hätte . Ich fürchte , nächstens einmal , wenn ich das Zeug nur angreife , fällt es auseinander wie Zunder . Ja , ich hab eine schlechte Zeit ; und wer weiß , ob je noch eine bessre kommen wird . « Georg schwieg . Dann , mit einer plötzlichen Erinnerung an eine Zeitungsnotiz , die er irgendwo über Heinrichs Vater , den ehemaligen Abgeordneten Dr. Bermann gelesen hatte , und einen Zusammenhang vermutend , fragte er : » Ihr Herr Vater ist leidend , nicht wahr ? « Ohne ihn anzusehen , erwiderte Heinrich : » Ja . Mein Vater ist in einer Anstalt für Gemütskranke , schon seit dem Juni . « Georg schüttelte teilnahmsvoll den Kopf . Heinrich fuhr fort : » Ja , das ist eine furchtbare Sache . Wenn ich auch in der letzten Zeit in keinem sehr nahen Verhältnis zu ihm gestanden bin , es ist und bleibt furchtbarer , als man es sagen kann . « » Unter solchen Umständen « , meinte Georg , » ist es ja sehr begreiflich , daß es mit der Arbeit nicht recht gehen will . « » Ja « , erwiderte Heinrich wie zögernd . » Aber es ist nicht das allein . Die Wahrheit zu sagen , in meinem augenblicklichen Seelenzustand spielt diese Sache eine verhältnismäßig geringfügige Rolle . Ich will mich nicht besser machen , als ich bin . Besser ... ! Wär ich dann besser ... ? « Er lachte kurz , dann sprach er weiter . » Sehen Sie , gestern dacht ich auch noch , es wäre alles mögliche zusammen , was mich so niederdrückt . Aber heute hab ich wieder einmal einen untrüglichen Beweis dafür erhalten , daß mich ganz nichtige , ja läppische Dinge tiefer berühren , als sehr wesentliche , wie zum Beispiel die Erkrankung meines Vaters . Widerwärtig , was ? « Georg sah vor sich hin . Warum begleit ' ich ihn eigentlich , dachte er , und warum findet er es ganz selbstverständlich ? Heinrich sprach weiter mit zusammengepreßten Zähnen und mit überflüssig heftigem Ton : » Heute Nachmittag hab ich nämlich zwei Briefe bekommen . Zwei Briefe , ja ... einen von meiner Mutter , die gestern meinen Vater in der Anstalt besucht hat . Dieser Brief enthielt die Nachricht , daß es ihm schlecht geht , sehr schlecht ; kurz und gut , es wird wohl nicht lange mehr dauern . « Er atmete tief auf . » Und natürlich hängt da noch allerlei daran , wie Sie sich denken können . Schwierigkeiten verschiedener Art , Sorgen für meine Mutter und meine Schwester , für mich . Und nun denken Sie ; zugleich mit diesem Brief kam ein anderer , der gar nichts von Bedeutung enthielt , so zu sagen . Ein Brief von einer Person , die mir zwei Jahre hindurch nahe stand . Und in diesem Brief war eine Stelle , die mir ein bißchen verdächtig erschien . Eine einzige Stelle ... Sonst war dieser Brief , wie alle Briefe dieser Person sind , sehr liebevoll , sehr nett ... Und jetzt stellen Sie sich vor , den ganzen Tag verfolgt mich , peinigt mich die Erinnerung an diese eine verdächtige Stelle , die ein anderer überhaupt nicht bemerkt hätte . Ich denke nicht an meinen Vater , der im Irrenhaus ist , nicht an meine Mutter , meine Schwester , die verzweifeln , nur an diese unbedeutende Stelle in diesem dummen Brief eines durchaus nicht hervorragenden Frauenzimmers . Die frißt alles in mir auf , macht mich unfähig zu fühlen wie ein Sohn , wie ein Mensch ... Ist es nicht scheußlich ? « Befremdet hörte Georg zu . Es erschien ihm sonderbar , wie dieser schweigsame , verdüsterte Mensch sich ihm , dem flüchtig Bekannten , mit einem Male aufschloß , und er konnte sich dieser unerwarteten Offenheit gegenüber einer peinlichen Verlegenheit nicht erwehren . Auch hatte er nicht den Eindruck , daß er diese Geständnisse einer besonderen Sympathie Heinrichs verdankte , sondern spürte darin eher einen Mangel an Takt , eine gewisse Unfähigkeit der Selbstbeherrschung , irgend etwas wofür ihm das Wort » schlechte Erziehung « , das er schon irgend einmal war es nicht von Hofrat Wilt ? auf Heinrich anwenden gehört hatte , sehr bezeichnend erschien . Sie gingen eben am Burgtor vorüber . Ein sternenloser Himmel lag über der stummen Stadt . Durch die Bäume des Volksgartens rauschte es leise , irgendwoher drang das Geräusch eines rollenden Wagens , der sich entfernte . Da Heinrich wieder schwieg , blieb Georg stehen und sagte in möglichst freundlichem Tone : » Nun muß ich mich doch von Ihnen verabschieden , lieber Herr Bermann . « » O « , rief Heinrich , » jetzt merk ich erst , daß Sie mich ein ganzes Stück begleitet haben und ich erzähl Ihnen oder vielmehr mir in Ihrer Gegenwart , taktloserweise lauter Geschichten , die Sie nicht im geringsten interessieren können ... verzeihen Sie . « » Was gibts da zu verzeihen « , erwiderte Georg leise , kam sich gegenüber dieser Selbstanklage Heinrichs ein wenig wie ertappt vor und reichte ihm die Hand . Heinrich nahm sie , sagte » auf Wiedersehen , lieber Baron « , und als hielte er plötzlich jedes weitere Wort für eine Zudringlichkeit , entfernte er sich eilig . Georg sah ihm nach , mit Teilnahme und Widerwillen zugleich , und eine plötzliche freie , beinahe glückliche Stimmung kam über ihn , in der er sich jung , sorgenlos und zu der schönsten Zukunft bestimmt erschien . Er freute sich auf den Winter , der vor der Türe war . Alles mögliche stand in Aussicht . Arbeit , Unterhaltung , Zärtlichkeit , und es war im Grunde gleichgültig , von wo alle diese Freuden kommen mochten . Bei der Oper zögerte er einen Augenblick . Wenn er durch die Paulanergasse nach Hause ging , so bedeutete es keinen beträchtlichen Umweg . Er lächelte in der Erinnerung an Fensterpromenaden früherer Jahre . Nicht fern von hier lag die Straße , wo er manche Nacht zu einem Fenster aufgeblickt hatte , hinter dessen Vorhängen sich Marianne zu zeigen pflegte , wenn ihr Gatte eingeschlafen war . Diese Frau , die stets mit Gefahren spielte , an deren Ernst sie selbst nicht glaubte , war Georg nie wirklich wert gewesen ... Eine andre Erinnerung , ferner als diese , war um viel holdseliger . In Florenz , als siebzehnjähriger Jüngling war er manche Nacht vor dem Fenster eines schönen Mädchens auf und abgegangen , des ersten weiblichen Wesens , das sich ihm , dem Unberührten , als Jungfrau gegeben hatte . Und er dachte der Stunde , an der er die Geliebte am Arm des Bräutigams zum Altar hatte schreiten sehen , wo der Priester die Ehe einsegnen sollte , des Blicks , den sie unter dem weißen Schleier zu ewigem Abschied ihm herüber gesandt hatte ... Er war am Ziele . Nur an den beiden Enden der kurzen Gasse brannten noch die Laternen , so daß er dem Hause gegenüber völlig im Dunkel stand . Das Fenster von Annas Zimmer war offen