- morgen weiter ; ich habe einmal den Befehl vom Grafen und Alberten , Sie von unserem Leben im Detail zu unterrichten und Sie dann schönstens zu bitten , es recht bald selbst bei uns anzusehen . Adieu , meine Liebe , für heut ' . Später . Ich bin soviel herumgesprungen , daß ich ganz müde bin . Nie hätte ich geglaubt , daß unsere ernsten jungen Herren so beweglich sein könnten , den kleinen Leopoldus ausgenommen , an dessen Quecksilbernatur ich nie gezweifelt . Aber auch der ernste William , der ruhige Valer - ich habe zu meinem Staunen erfahren , daß sie alle Turner gewesen sind ; sie haben in der Stadt einen poetischen Verein gehabt , da ist immer zuerst eine Stunde gedichtet , gelesen und kritisiert , die nächste Stunde gefochten oder geturnt worden . Ich erinnere mich , als kleines Mädchen noch einige Nachzügler jener Turnzeit gesehen zu haben , und gestehe , daß mir diese leinwandnen Burschen wenig behagten . Unsere jungen Herren fassen dies wie alles romantischer auf ; Herr William sprach dabei von Deutschland , Einheit und Vaterland und geriet sehr in Ekstase , Valer lächelte ernsthaft und sagte mir , Deutschland sei einst von edlem Weine trunken gewesen und habe das edle Herz auf der Zunge , den Verstand in der Tasche getragen und dumme Streiche gemacht . Es habe eine lang verlorene schöne Geliebte gesucht und mit schwimmenden Augen ihren Schatten dafür angesehen und ihn brünstig umarmt . Verstehen Sie das ? - » Herr , dunkel war der Rede Sinn . « - Ich muß ihn beim Tee bitten , mir ' s deutlicher zu machen ; des Abends ist er immer am zugänglichsten , da tritt er mit mir in den Fensterbogen und spricht allerliebst über lauter kleine unbedeutende Dinge ; aber er sieht alles so eigen , ich möchte sagen so groß an , daß man lauter Neuigkeiten hört . Fatal ist ' s mir , daß man uns nie lange allein läßt ; denn allein schwatzt er viel zutraulicher . Namentlich ist Herr William immer gleich bei der Hand . Irre ich mich nicht ganz , so macht mir dieser lebhaft den Hof . - Was sagen Sie dazu , und was wird er sagen , den Sie kennen ? Ich glaube kaum , daß William auch unter anderen Verhältnissen Glück bei mir machen kötmte . Sein Äußeres ist im Grunde gar nicht übel : er ist hoch und schlank gewachsen , indessen fehlt dem Wuchse die eigentliche Konsistenz , er ist gertenartig . Dunkelblonde , schief gescheitelte Haare legen sich schlicht an einen ziemlich kleinen Kopf , der durch ein schönes blaues Auge interessant wird . Sein Anzug ist von weitem angesehen modern ; guckt man aber in der Nähe danach hin , so sieht man , daß er nach der vorletzten Mode , gewissermaßen schon altfränkisch ist . Das kann , ich an einem jungen Manne durchaus nicht leiden : Halstuch , Halskragen , Jabot , Weste , - das alles , obwohl vom feinsten Stoffe , sitzt so verwirrt und unordentlich durcheinander , daß man kaum eines aus dem andern herausfindet . Er ist sehr rigoristisch und von äußerst strenger Moral ; das macht mir Todesangst ; ich liebe den Leichtsinn und die leichteste Beurteilung über alles . Übrigens besitzt er unleugbare und große Vorzüge ; er spricht schön und geordnet , ist äußerst unterrichtet , selbst nach Valers Zeugnisse sehr verständig , dichtet reizend , spielt die meisten musikalischen Instrumente vortrefflich , er ist mitunter sogar äußerst liebenswürdig , besonders wenn er lacht . Seine Manieren sind hart wie seine Moral , aber bestimmt , fest , ohne Verlegenheit . Denken Sie sich ihn stets im blauen Frack . Der kleine Leopold ist sein Pol . Sie wissen , daß dieser schon früher hier war und uns wörtlich die Zeit vertrieb . Der Graf hatte ihn im Theater in einer Ecke der Loge gefunden , wo er zusammengekauert wie ein kleiner Gnom sitzend auf die Ouverture der Dame blanche gehorcht hatte . Plötzlich war er lebendig geworden , hatte wie ein Regenwurm gezappelt , wenn eine schöne Stelle darangekommen , und war bald darauf ohne weitere Einleitung mit dem Grafen in ein Gespräch über Oper und Musik geraten . Mit Alberta , die auch da war , machte er sich alsbald bekannt , ist beweglich , gefällig , redselig , liebenswürdig , daß ihn der Graf zum Souper bittet , und binnen achtundvierzig Stunden ist er mit hieher nach Grünschloß gefahren , hat tausend Geschichten erzählt , zehn Sonette gemacht , ist häuslich eingerichtet und wie ein Glied der Familie , wie ein gern gesehener bunter Papagei , dem man Zucker schenkt . Es ist ein pudelnärrisch Kerlchen , romantisch vom Scheitel bis zur Sohle , gewandt und beweglich wie ein Püppchen , verliebt und hübsch wie eine Amorette . Er ist klein und zierlich gewachsen , ein schwarzer Krauskopf , hat schwarze , muntere Augen , ein scharmantes ovales italienisches Gesichtchen , ein weiches angenehmes Organ und den schönsten deutschen Akzent , den nur Valers an Richtigkeit , nicht aber an Schönheit übertrifft . Es ist nicht das schneidend scharfe Norddeutsche , sondern die südliche Weiche hat sich sanft um die nordische Schärfe gelegt , so daß man sie nur zuweilen ahnt , aber nie unangenehm empfindet . In Valers Akzent tritt sie schon mehr hervor . Dazu kommt , daß Leopoldus , der Provenzale , wie er meist genannt wird , fortwährend in poetischer Schwebelei zappelt und von Blumen und Düften redet ; Valer aber nur selten eine lodernde Fackel aus seinem Gemüte holt . Sie sehen , es steckt an , ich schreibe auch sogleich emphatisch . Übrigens ist der Kleine nicht so unangenehm in dieser steten Verzückung , als man glauben sollte ; er besitzt viel Geist und ist keineswegs ein gewöhnlicher Wortklimperer . Was mir an William so sehr mißfällt , ist , daß er ihn unglaublich wegwerfend behandelt , ungefähr wie ein Rechtgläubiger einen Ketzer . Leopold mag freilich im Gegensatze zu ihm eine sehr geduldige , nachgiebige Moral haben - aber es bleibt doch immer garstig und ist so sehr hübsch und gut von Valer , daß er ihn wie einen flatternden , lieben Knaben hält , dem er lächelnd zusieht , den er oft streichelt , zuweilen aber auch mit ein paar ernsten Worten zurechtweist . Diese Art von Liebe fühlt auch Leopold sehr , er , unterwirft sich ihm leicht und sogleich und liebkost ihn oft , wie ein Mädchen ihrem Liebsten tun mag . Da ich zufällig wie ein Pfäfflein schon zweimal von moralischer Beschaffenheit gesprochen habe , so muß ich auch der Moral Valers gedenken . Aber wie fang ' ich das an ? Ich habe das Wort nie von ihm gehört . Nach manchen leichten Äußerungen , die er immer wieder in andern für mich schwer verständlichen Worten verbarg , scheint er ein schlechter Christ zu sein . Als ich ihn neulich des Abends , da die Gesellschaft auseinanderging , fragte , ob er denn auch betete , da schüttelte der freche Mensch lächelnd den Kopf und sagte : » Nein - ich sehe viel in die Nacht , in Mond und Sterne hinein , und frage sie , wer sie so schön gemacht - aber was Sie beten nennen , meine Holde « - und dabei küßte er mir zum ersten Male schelmisch die Hand - » das hab ' ich nur als kleiner Bub getan , weil es die Mutter so wollte . « - Ich war so verlegen und verwirrt von dem Handküssen ; ich kam mir dem klugen Manne gegenüber , der alles in Entfernung von sich hält , dessen so unwürdig vor , daß ich nichts zu sagen wußte . Später . - Ich stand vom Schreiben auf und eilte ans Fenster , weil ich Reiter und viel Geräusch hörte . Von der einen Seite kam Graf Fips , von der andern ein Fremder geritten , um den sich unsere jungen Gäste bald stürmisch drängten , den sie umarmten und jubelnd begrüßten . Also wahrscheinlich ein neuer Zuwachs zu unsern Poeten . Sollten Sie sich des Grafen Fips nicht erinnern ? Es ist die sogenannte » elegante Figur « , die immer auf den Bällen zu sehen ist . Ziemlich groß , schmal und schmächtig gewachsen , mit einem jener traurig regelmäßigen Gesichter , die man sich nicht behalten kann . Diesen erkenn ' ich nur immer an der unanständig gesunden Röte wieder , die sich bis an die Ohren zieht , unweit der Nase erschreckt aufhört und sich in mädchenhafter Weiße verliert . Außerdem hat er die unangenehme Manier , blonde Augenwimpern zu tragen und dadurch wie ein malitiöses Gewissen auszusehen , das fortwährend zu Lästerungen stachelt . Auch hoffe ich sehr , die zierlichen dunkelblonden Haare sind ganz das Werk seines Friseurs , darum denke ich mir ihn immer kahlköpfig , und er erscheint mir nie anders als wie ein Mischling von Türke und englischem Lord , ein europäischer Kreole , der innerlich halb bestialisch und nur äußerlich modernisiert ist . Mein Gott , was ist das für Zeug ! Er gilt allgemein für einen schönen Mann , und im vorigen Winter haben mich mehrere Damen sogar versichert , er sei witzig , wenigstens scharf . Ein Kunststück versteht er gewiß : er näselt schnarrend ; ich verziehe mein ganzes Gesicht , wenn ich ' s ihm nachmachen will . Seit einem Jahre schon ist er käuflich , das heißt , er sucht eine Frau ; ich fürchte , er hat sein schillerndes blinzelndes Auge auf meine liebe Alberta geworfen . Das wäre sehr schlimm , denn es will mich bedünken , der Graf , ihr Vater , suche eiligst einen Schwiegersohn . Gott weiß , was er für Pläne hat , Gott weiß , was für ungewöhnliche , denn gewöhnlich ist nichts an ihm . Arme Alberta ! Graf Fips ist übrigens ein gewandter Kavalier , der viel Glück bei den Damen hat . Ich erinnere mich keiner einzigen , die in mein Lästergeschwätz über ihn eingestimmt hätte . Kolossal - kolossal , würde er sagen , läs ' er das . Aber meine Liebe , Sie begreifen leicht , daß mich meine Neugierde nicht länger am Schreibtisch duldet - ich muß rekognoszieren . - Adieu und nochmals Adieu und herzliche Küsse auf Ihren lieben Mund von Ihrer Kamilla . P.S. Ich war schon aufgesprungen und komme noch einmal zurück , weil ich mich eines Auftrags von Herrn Valer zu entledigen habe . Ich erzählte ihm von Ihnen , daß Sie unsere Freundin seien und daß ich an Sie schriebe , daß Sie sehr schön und liebenswürdig usw. - er schien nur mit halbem Ohr hinzuhören . Vor einigen Tagen suchte er mich auf - ich glaube , der Postbote war eben bei ihm gewesen , und erkundigte sich nach Ihnen , und ob man Sie wohl um folgendes bitten dürfte . Ein Freund von ihm , Konstantin Müller , lebt in Berlin in einem äußerlich und innerlich sehr aufgelösten Zustande - die Adresse ist am Schluß meines Briefes angegeben ; ich muß Valer noch einmal danach fragen . Dieser fürchtet , Konstantin verschweige mehr als er sage von seinem Unglück ; er weiß nicht , wie er ihm zu Hilfe kommen kann . Ob es nicht angeht , dem Herrn Müller in Ihrem Hause Zutritt zu verschaffen . Valer erlaube sich , dies einleitend , einige Zeilen an Konstantin meinem Briefe beizulegen , die Sie ihm zuschickten usw. - die Ihrigen machen ja ein großes Haus , das ist ja eine Kleinigkeit . Zur Courfähigkeit bei Ihrem Vater dient Valers malitiöse Notiz , daß der junge Mann von Adel sei , sich aber aus Oppositionsgeist nie so nenne . Die Sache interessiert uns nach dem wenigen , was wir über jenen Konstantin wissen , außerordentlich , und Sie verbinden uns alle , wenn Sie sich der Angelegenheit annehmen . Gott , Gott , soviel Worte ! Adieu , Adieu - ich küsse Sie von Herzen - der Graf legt einen Brief bei , worin er Sie gewiß sehr bittet , zu uns zu kommen . O , wir bitten alle recht , recht schön , kommen Sie bald zu Ihrer Kamilla . 10. Konstantin an Valerius . Es ist eine Schwäche , daß ich meine Rhapsodien , wieder an Dich beginne , aber ich will schwach sein . Laß mir die Freude oder das Leid . Ich bin sehr allein . Geehrtes Volk der Myrmidonen , ich danke Euch für Eure gute Meinung , die mir William in ein paar albernen Zeilen kundgibt , daß ich ruiniert sei . Und wenn ich eben an den Galgen hinaufgezogen werden sollte , ich würde dem hyperboräischen , frommen Manne sagen , er sei ein Schwachkopf - der Mensch hat mich in Harnisch gesetzt mit seinen biblischen Auszügen - man soll sich aber nicht in Harnisch bringen lassen , vielmehr sich einer gewissen innern Ruhe befleißigen , nicht zu schwere Weine trinken , ins Kloster gehen . Wir sind alle mehr oder weniger Ophelien . O Hamlet , Welt , warum warst du so kühl gegen mich ! Pfui doch ! - O lieber Valer , tu mir die Freundschaft und tritt recht derb in den Dreck der Dir verhaßten Welt - ja so , Dir ist sie ja nicht verhaßt - wenn Du dann die Füße nicht mehr regen kannst , so bildest Du Dir ein , festzustehen . Brust heraus , Kopf in die Höhe ! Und nun laß sausen und brausen - Mut , klare Augen ! Indem ich dies schreibe , tun mir meine Augen sehr weh . Ich habe die Dinger in den romantischen Jahren der heimlichen Gymnasiastenlektüre gar zu sehr angestrengt , und büße jetzt für die Kleindrucksünden des Zwickauer Walter Scott . Noch immer wate ich getrost in der trostlosen Pfütze unserer Jurisprudenz ; warum ich das tu ' , ist leicht begreiflich : hungern ist immer besser als verhungern . Wenn ich mehr Mut hätte , tät ' ich ' s vielleicht nicht . Mut , Mut ! der fehlt uns und ganz Europa , sonst läg ' es nicht so im argen . Nicht der Mut , Gendarmen zum Einhauen zu kommandieren , wohl aber der , Lächerlichkeiten ruhig anzusehen oder Ernstes genau und unbefangen zu prüfen . Die Welt will jetzt nicht nach Gesetzen leben , die da sind , weil sie da sind , sondern nach Gesetzen , die aus der Zeit und dem Bedürfnisse hervorgehen , von denen sie weiß , warum sie da sind . Gebt gutwillig , was man Euch später nimmt , und Ihr könnt für willenlose Puppen Menschen einhandeln , meines Erachtens ein schöner Tausch . Ich bin kein Narr , der den Staat für ein Rechenexempel ansieht , das in einer Stunde zustande gebracht ist , aber ich bin auch kein Esel , der sich beruhigt , wenn er Disteln hat . O , ich sage mit Kaiser Max : » Wenn sich Gott nicht der Sache erbarmt , ich armer Kaiser und der versoffene Julius werden ' s nicht besser machen . « Steht auf aus euren Gräbern , die ihr sie zugeschnitten habt jene rote Mütze , welche jetzt am Horne des Mondes hängt , vor allen du , Rousseau ! Wirf noch einmal dein heiß- und vollblütiges Herz über den Erdkreis , daß ihnen der Blutregen die Augen füllt statt der vergossenen Tränen . Wenn ich oft knirschend am Boden meines Zimmers liege , da richtet mich der Gedanke an jene metallenen , mit Blut bespritzten Helden der Franzosenjugend auf , der Gedanke an den brüllenden Danton mit der Athletenfigur , dem von Pocken zerrissenen Gesichte , wie er einen Vulkan des zertretenen Menschenrechts nach dem andern aus der wogenden Brust herausschleudert ; an den blitzenden Desmoulins mit dem garstigen schwarzen Antlitz , der schönen Frau im Arm und die tödliche Gerechtigkeit auf der sprudelnden Lippe ; an den rigoristischen frommen heuchlerischen Narren Robespierre und die Helden des Ultraismus Sankt Justs , welche die neue schöne Lehre von der Freiheit mit dem stockigen Gifte enthaltsamer Tugend versetzten - wahrhaftig , Du hattest recht , als Du mir sagtest , alles andere Studium sei heut ' toter Kram , die französische Revolutionsgeschichte enthalte alle Fußstapfen unserer kommenden Jahre , man solle sie studieren , und den Deutschen endlich eine schreiben , denn sie haben noch keine und nur die Henkerlisten davon , und dann sollten sie die Schulbuben auswendig lernen . Valer , das war Dein größter Gedanke - o rote Freiheitsmütze , wann sieht dich Europas bleiche Sonne wieder ! Mein krankes Auge dürstet nach deinem Anblick . - Es ist gut , wenn man an jemand hängt , es ist eine Art Stütze . Wenn man auch im Wasser ist und sieht nur von fern Land , so hofft man auch wieder . - Warum bist Du nicht bei mir ; wie ein verliebtes , schwindsüchtiges Mädchen schmacht ' ich nach Dir - selbst Hippolyt wäre jetzt nicht für mich , in einiger Zeit ja , denn ich weiß es , in einiger Zeit werd ' ich sehr munter leben , wenn ich wissen werde , wo ich die Million stehle , die ich in die Lüfte und Spelunken streuen will . Kronen und Millionen stiehlt man ungestraft , nur die kleinen Diebe hängt man , nur die kleinen Sünder beichten und büßen . Alles kommt auf die Quantität , die Masse an - mit Millionen von Goldstücken , oder von Liebe , oder von Ehre , oder Lust ist jedermann zu bestechen . Ich schwör ' es , jedermann . O , will mich niemand bestechen ! ? Um mich verrückt zu machen , fehlt weiter nichts als die Liebe - wenn ich nicht so sehr liebte , wär ' ich längst verrückt . Es gibt keinen liebevolleren Menschen als mich . Die winselnden Lyrika scheinen uns verlassen zu haben , und das ist gut , ich halte sie nur für eine Übergangsstufe . Der Dichter soll und muß über der Empfindung stehen . Ach , und doch wären mir einige lyrische Gedichte notwendig und erleichternd , wie Tränen . Ich habe beides nicht . Frag nicht nach dem Mädchen , denn ich hasse es . Deine nächsten Briefe schicke frankiert . - Ade ! 11. Hippolyt an Konstantin . Grünschloß , den 20. Juni . Mein gehaltreicher Sir John , was hör ' ich für Dinge von Euch , Ihr gebt Euch einer wüsten inneren Unordnung hin - was soll das ? Befolge eiligst Valers Rat und komm hieher , die Luft der Kuhställe wird Dich heilen . Ein Mann wie Du wird sich doch nicht den Grillen ergeben ! Du siehst , ich habe mich auch hier eingefunden , um meinen Geist zu sammeln vom wirren Stadtleben , und ihn vorzubereiten auf größere Wirren , denen ich in Europas Hauptstädten entgegengehen will . Das ist nämlich der Plan zu meinem neuen Epos : zur Physiognomie jeder Hauptstadt will ich einen entsprechenden Körper schaffen , dann will ich sie durcheinander werfen und Situationen erzeugen , und wer die Zivilisation und die Schönheit heiratet , der ist der Held . Komm und beschreib mir Berlin mit der langweiligen Regelmäßigkeit und der kurzweiligen Soldatenspielerei - romantisch darf ich jene dürre Stadt schwerlich anziehen , dazu ist sie zu gesetzt , zu altklug , zu hegelisch ; komm , hilf mir den grauen Magisterrock zuschneiden . Und das Herkommen lohnt wirklich der Mühe : der Ort liegt schön , der Graf ist gastfrei , der Ton fessellos , die Damen sind schön , Stoff zur Gallenabsonderung , besonders für Valer ist auch da : ein junger adeliger Laffe , Graf Fips , kam nämlich mit mir an und krächzt den Liebhaber und Aristokraten - was willst Du mehr ? Du hast Dich wahrscheinlich gewundert , warum ich die Stadt so schnell verlassen habe , der Du mich dort in schönen Fesseln wußtest . Hast Du Dich wirklich gewundert ? Ei , Mylord , wie kennt Ihr mich mangelhaft ! Ich dulde keine Fessel , auch nicht die schönste . Wie denken wir doch alle so verschieden über die Liebe . Willst Du wissen wie ? Höre ! Du liebst den Genuß der Liebe , Leopold liebt die Weiber ; Valer , der immer was Besonderes haben muß , liebt die Liebe ; William , der Narr , liebt die Gottheit in ihr , und weil er ein christlicher Pedant ist , schwört er zum Monotheismus und verdammt alles andere - ich - ich liebe das Leben . Was mir nicht mehr am Leben ist , werfe ich weg , gleichgültig darüber , ob ich nach der Definition anderer morde . Ich kenne darum auch nicht Valers Pietät gegen das , was er geliebt , alles Tote ist für mich nicht da ; ich kenne Leopolds Zärtlichkeit , Überschwenglichkeit nicht , weil ich nur Leben geben will für Leben . Ich schwöre keinem Mädchen Liebe , ich liebe nur . Insofern nähere ich mich Dir zumeist , nur mit dem Unterschiede , daß ich nie mitsterbe , wenn meine zeitige Liebe stirbt , mit platten Worten , wenn eine Liebschaft aus ist , wie es Dir Stümper begegnet . Dem William mit seinem armen Glauben gleiche ich in nichts , als daß ich meinen Monotheismus so sehr erweitert habe , daß die ganze Welt hineingeht , während er bei jenem nur zwei Schuh hoch ist , gerade so hoch nämlich , daß ein Mädchen hineingeht . Valer kann allerdings recht haben , wenn er mich den Kriegsgott der Liebe , wenn er mich den gefährlichsten nennt , der wie der Samum entzünde und töte . Wenn Du dies Glaubensbekenntnis betrachtest , so können Dich meine letzten Ereignisse nicht überraschen . Mein Akt mit der jungen Fürstin , von der ich Dir neulich schrieb , entspann sich folgendermaßen . Ich trat im Theater in die Loge , wo sie saß , ohne sie zu bemerken . Man gab Shakespeares Othello , die Desdemona war ein schönes , liebes Weib , die Tragödie saß mit verschränkten Armen in ihren Augenwinkeln , der Reiz des Unglücks lächelte weinend um ihren Mund . Sie sah mir wie ein schönes Opfer des Lebens aus , wie eine indische Witwe , die mit Wollust im Scheiterhaufen verkohlen will . Fast unverwandt sah sie nach unserer Loge und , wie es schien , auf mich . Plötzlich fiel mir ein , daß ich sie schon gesehen . Auf einem einsamen Wege kam ich neulich zur Stadt geritten , mein Pferd war scheu und unstet , es ging sehr unruhig , ich lasse ihm die Zügel schießen , um seinen Drang nach Freiheit zu stillen . Wie ein rasselndes Gewitter brauste es die Straße einher , eine kleine Strecke vor mir seh ' ich plötzlich ein Kind in den Weg hereinspringen , eine Dame mit durchdringendem Geschrei ihm nach , sie will es von der Straße reißen , das Kind sträubt sich , mein Pferd ist schon dicht vor ihnen . War das Kind allein , so setzte ich darüber hinweg , mein Rappe versteht das und beschädigt niemand . Aber die Dame richtet sich auf , ich pariere mit aller Kraft , die mir zu Gebote steht , das Pferd und setze es so fest in den Boden , daß mich der Stoß über den Kopf des Tieres schleudert . Ich stand neben der Dame , die mich mit unbeschreiblich schmerzhaftem Ausdrucke in ihrem schönen Gesichte ansah , sie war wieder halb zusammengekauert und drückte wie schützend das kleine Mädchen in ihren Schoß . Ich hob das liebe Kind , welches sorglos lächelte , in die Höhe , küßte es und gab es der schönen Mutter in die Arme . Sie war außer sich vor Bewegung , sah mich mit weiten Augen wie ein durstiger Himmel an , griff hastig nach meiner Hand und bedeckte sie mit Küssen . Ich erwehrte mich dessen kaum - das heiße Wasser stand in ihren Augen ; erregt stieg ich wieder auf mein Roß , winkte ihr Lebewohl und flog davon . Dieselbe Dame - ich erkannte sie jetzt genau - war die Desdemona . Ich sah unverwandt hin und bemerkte es nicht , daß mich die Fürstin fortwährend fixierte , daß ihr Bruder , den ich einige Male an der Pharaobank und in liederlichen Häusern gefunden , mich zu begrüßen versuchte . Als ich dessen inne ward , fertigte ich ihn kurz ab und verwies ihn auf das schöne Spiel der schönen Schauspielerin . Seine Schwester winkte ihm , und nach dem ersten Akte stellte er mich ihr vor . Ich war zerstreut und sprach wie eine Seite der Abendzeitung in langweiligen Aphorismen , die Blicke immer auf den Vorhang heftend . Sie fragte boshaft , ob ich so sehnsüchtig auf die Desdemona wartete . Ich sah sie lange freundlich an und sagte lächelnd : » Ja . « Es zuckte etwas über ihr Gesicht , und sie wendete den Kopf hinweg . Jetzt erst fiel mir ein , daß ich doch wohl etwas unartig sei . - Das Profil der Fürstin betrachtend , versank ich aber doch wieder in ein behagliches Träumen . Sie ist blond und hat die schönste weißeste Haut , die ich je gesehen . Das Gesicht ist vornehm und edel , braune Augenbrauen und lange gleichfarbige Wimpern beschatten ein dunkles verlangendes blaues Auge , das in seiner heißzonigen Art wunderlich heißzonig absticht gegen das Nördliche , Unschuldsvolle des übrigen Gesichts , dessen feine , fast unmerklich aufgestutzte Nase keck und leichtsinnig aussieht . Der kleine Mund ist zum Küssen herausfordernd mit seinen quellenden Lippen , der Körper ist voll und üppig . Sie trug einen blausammtnen Reitrock , der am Busen geöffnet war , und unter weißer Chemisette , dessen erster Knopf sich gelöst hatte , zeigte sich eine schneeweiße , kühn und gesund gewölbte Brust zum Teil ohne Hülle dem fragenden Blicke . Ihre Gedanken schienen sich zu erhitzen , sie ward rot und die Brust ward rascher . Plötzlich wendete sie sich zu mir und fragte mich , warum ich sie unverwandten Blickes ansehe . Ich lachte und versicherte ihr , ich sei ein Physiognomiker , der Charaktere studiere und bei den interessantesten natürlich am längsten verweile . Ich war zwischen ein doppeltes Leben eingedrängt . Desdemona kam wieder und sendete mir befruchtende Lichtstrahlen , die Fürstin erwärmte wie Maiensonne . Ich habe lange nicht so viel gelebt als an jenem Abende . Der Fürst kam dazu und wollte meine Familie und ihren Stammbaum in Spanien kennen , er schwatzte viel unnützes , genealogisches Zeug ; ich versicherte ihm , daß ich ein Bastard , von einer armen Baskin geboren , und nur aus Mitleid angenommen und mit meinem jetzigen Namen beschenkt sei . Er lächelte , meinte , ich sei ein schnurriger Kauz , und ich solle ihm meine Aufwartung machen . Die Fürstin warf dazwischen , ich würde wohl keine Zeit haben ; der Fürst fragte , womit ich mich beschäftige . Ich dichte , antwortete ich . Sonst - fuhr er fort - sonst , nahm ich seine Rede auf , studier ' ich die chinesische Geschichte , wegen der schwierigen Stammtafeln . Sie sind Historiker ? - Nur mit dem interessantesten Teile der Geschichte , mit der Genealogie und Heraldik beschäftige ich mich . Jetzt schien er ' s zu glauben , nur die Fürstin schüttelte leicht das Köpfchen und lächelte . Ich weiß alle guten Familien von Nebukadnezar herunter - fuhr ich fort . » Hatten denn die Alten auch Wappen ? « - O ja , sie trugen sie an den Schwertknöpfen und die Urvölker an den Häuptern , über welche sie Tierhäupter zogen . » Was halten Sie von Shakespeare und dem Othello ? « warf die Fürstin dazwischen . Wenn ich eine Frau wäre , entgegnete ich , würde mir die Desdemona nicht gefallen , weil sie der ausgeprägteste Typus von weiblicher Ergebenheit ist , und ich hasse als Mann die Ergebenheit ; sie ist wie ein rührendes Lied ; man muß das Lied lieben , ich liebe aber auch gern den Dichter des Liedes . Vom Dichten ist aber nichts an ihr , sie ist nur gedichtet , sie ist durch und durch Passivum - sie ist nur Träne , darum ein reizendes Weib ; der Mann liebt aber den Schmerz mehr als die Träne . Sie ist zum Sterben , zum Vergehen liebenswürdig , der Mann braucht aber weniger Todesmut als Lebensmut ; Sterben ist leichter als Leben . Aber sie ist so verführerisch weiblich liebenswürdig , daß man mit ihr sterben möchte , und dies ist ihr einziges Unrecht . Ihr Vater , Shakespeare , aber ist ein braver Mann . - » Ein wenig roh , « setzte der Fürst hinzu . - Beefsteak , Durchlaucht , Beefsteak - und die Natur ist nicht für alle anständig , der Herrgott hat die Etikette nicht erfunden . Der Mann mit den Sternen auf der Brust schwatzte noch viel albernes Zeug , ich sagte ihm noch dreimal , daß er recht habe , dann schwieg ich , legte mich an den Pfeiler und litt mit des Mohren Weib . Zwei Striche für Jago , und er ist der stärkste Engel . Shakespeare hätte den Raffael übertreffen können , der mit zwei Strichen Weinen in Lachen verwandelte . Es ist die fürchterlichste Potenz von menschlicher Kraft in diesem Jago - Shakespeare muß ein starker Mensch gewesen sein , sonst hätte er nie einen Jago zeichnen können . Es ist die verzeihlichste Schwäche , einen großen Menschen anzubeten , ich verzeihe darum gern der Welt die Tändeleien mit dem dogmatischen Christentume - wenn mich Shakespeare nicht umarmen wollte ,