damit vor dem Fenster . Als auch das nichts fruchtete , kletterte Hansli am Sims in die Höhe , um den schwarzen Roßhaarschweif auf seinem Tschako wirken zu lassen . Jetzt kroch eine mürrische Alte , verdrossen wie das Regenwetter , aus der Haustür . Was sie wollten , fuhr sie die Buben unwirsch an , mit mißtrauischer Miene . » Nichts ; nur den Dragoner ansehen « , antwortete Hansli kleinlaut . » So kommt ehrlich und rechtschaffen in die Stube « , bellte sie , » und trinkt einen Schoppen Wein , wie sichs gehört , aber nicht wie die Bettler vor dem Wirtshaus herumstreichen ohne einzukehren . « » Wir trinken keinen Wein . « » Dann schert euch vom Fenster weg ! « und verschwand mit einem Blick des Hasses und der Verachtung . Nun richteten sie ihre Werbungen an das Pferd , in der Hoffnung , auf diesem Umwege die Gunst des Reiters zu erschmeicheln ; liebkosten dem Gaul den Hals , das Maul , das Kreuz , wagten sogar ab und zu den Sattel und die Steigbügel anzurühren , bescheiden , mit heiliger Scheu . Ob dieser Beschäftigung erleuchtete den Gerold ein gescheiter Einfall . Er erinnerte sich gelesen zu haben , ein Freier pflege seine Geliebte mit heimlichen Geschenken zart zu überraschen , Blumensträußen und dergleichen . Einen Blumenstrauß besaß er leider nicht , wohl aber den Fünffrankentaler vom Götti Statthalter . Den schob er nun mit feinfühliger Gebärde behutsam in den Pistolenhalfter des Sattels . Da schoß der Dragoner mit dem Kopf aus dem Fenster wie der Teufel aus einer Schachtel . Was sie an seinem Gaul zu schaffen hätten , wolle er wissen ; der gehöre ihm , nicht ihnen . Darauf nannte er den einen einen Lausbuben , den andern einen Saububen und beide zusammen zwei Krötenbuben . Und wenn sie sich nicht sofort packen , werde er herauskommen und sie bei den Ohren nehmen . Also mit Schimpf abgefertigt , trabten sie wieder von dannen , niedergeschlagenen Mutes , mit hangenden Köpfen . Neben der Schande der verschmähten Liebeswerbung quälte den Kanonier noch das nutzlos verschwendete Silberstück ; nicht sowohl der Verlustschaden selber , als die Gewissenssorge , ob er mit der Dahingabe eines geschenkten Gutes nicht etwas Unrechtes begangen habe , eine Versündigung gegen das achte Gebot : Du sollst nicht stehlen . Eigentlich gestohlen war das ja nicht , allein man hatte ihnen ja in der Schule so eindringlich bedeutet , daß die zehn Gebote eine viel größere Tragweite hätten , als ihr Wortlaut zu sagen schien ; kaum daß man sich unvorsichtig bewegte , so hatte man sich gegen eines der bösen Zehn versündigt . Zum mindesten hatte er sich einer leichtsinnigen Verschleuderung schuldig gemacht ; mithin war er ein Vergeuder wie der verlorene Sohn . » Gelt , du erzählst es keinem Menschen « , bat er seinen Bruder , nachdem er ihm , ohne den Geschwindlauf zu unterbrechen , seine Missetat bekannt hatte . Das gemeinsame Mißgeschick erweichte des Bruders Herz , so daß er ihm unverbrüchliches Schweigen gelobte . » Wenn wir jetzt nur nicht zu allem noch die Post verfehlen ! « seufzte Gerold und drängte zu verdoppelter Eile . Waren sie weit gelaufen ! Die Strecke wollte kein Ende nehmen . » Dort kommt die Post ! « ertönte Hanslis Schreckensruf . Richtig , ungefähr zehn Minuten von ihnen entfernt erschien der Postwagen aus der Klus und schwenkte , ihrer verzweifelten Zeichen ungeachtet , nach der Friedlismühle , zwischen den Bäumen verschwindend . » Zu spät ! « jammerten ihre Herzen . Gerold stellte den Lauf ein und hielt dem Bruder eine Ansprache : » Jetzt nur eines nicht : nur ja nicht hitzig nachlaufen , nachdem es doch einmal zu spät ist ; das wäre das Unvernünftigste , was ein Mensch in solchem Fall tun kann . Denn sonst geschieht unfehlbar folgendes : sowie der Postwagen merkt , daß man ihm nachläuft , bleibt er absichtlich stehen , bis man ihm ganz nahe gekommen ist , dann auf einmal fährt er im letzten Augenblick höhnisch davon , und je mehr man sich darüber ärgert , desto mehr freut es ihn . Den Gefallen wollen wir ihm nicht tun . Also nur ganz ruhig und gemächlich im Schritt gehen , es kommt auf das nämliche hinaus . « Das leuchtete dem Infanteristen ein , und so zogen sie langsam im Schritt weiter , froh , dem tückischen Postwagen seine boshafte Schadenfreude zu vereiteln . Bald konnten sie ihn von weitem sehen , den abgefeimten Reisekasten , wie er neben der Friedlismühle stille hielt , mit harmloser Miene , als ob er auf sie wartete . » Trau ihm nur nicht , dem falschen Fritz ! « warnte Gerold , » laß dich nicht fangen ! er spekuliert einzig darauf , daß wir ihm nachrennen , dann fährt er augenblicklich fort , darauf kannst du dich verlassen . « Und zum Trotz verlangsamten sie nochmals ihre Schritte . Und immer , immer hielt er noch auf dem Fleck , der Hinterlistige , wie angenagelt , so daß sie ihm , wie zögernd sie auch schlendern mochten , trotzdem stetig näher und näher rückten . Über diese Standhaftigkeit beschlich sie Verwunderung , und in der Verwunderung saß die Hoffnung . » Weißt du , was ich glaube « , rief Gerold , » wenn wir laufen wie der Blitz , so kommen wir trotz allem noch rechtzeitig , aber so schnell als du nur kannst . « Und mit gewaltigen Sprüngen begannen sie einen Hetzlauf zu rennen . Da tönte ein Posthorn und klatschte eine Peitsche , und wackelnd reiste der Postwagen in die Weite . » Siehst du ihn jetzt , siehst du ihn , den gelben Salamander , den verschmitzten ? « knirschte Gerold , » was habe ich dir gesagt ? Sobald wir anfingen zu rennen , so lachte er mit dem Schwanze und trottelte höhnisch davon . Wären wir ruhig im Schritt weitergegangen , so hätten wir ihn überrascht . « Und in seiner Wut schleuderte er dem heimtückischen gelben Betrüger seinen Säbel nach . Hansli spottete über diese ohnmächtige Strafexekution . » Du bist genau so verrückt wie Xerxes , als er das Meer peitschen ließ . « Gesagt , und warf seine Patrontasche hinter dem Säbel drein . » Das eine Gute ist immerhin dabei « , tröstete Hansli , » jetzt sind wir wenigstens der Gesima los und ledig . « » Wieso ? « » Weil sie mit der Post davongefahren ist . « Die Tatsache mußte Gerold als wahrscheinlich zugeben , allein einen merklichen Trost verspürte er nicht darin ; eher fast das Gegenteil . Ob sie gleich nur ein Mädchen war , so hatte er sich halt schon ein wenig an Gesima gewöhnt , und mit einem Male kam ihm die ganze Welt langweilig und dumm vor . » Und was jetzt weiter ? « fragte Hansli . » Mir einerlei « , knurrte der Kanonier . » Nach meiner Meinung gehen wir einfach zu Fuß nach Bischofshardt . « » Mir einerlei . « » O weh , da kommt die Therese , paß auf , jetzt gibt es eine Strafpredigt . « » Mir einerlei . « Es gab keine Strafpredigt , bloß eine milde Frage um Aufschluß über ihr rätselhaftes Verhalten . Warum sie so langsam im Schneckentempo angerückt wären , wie wenn sie es absichtlich darauf angelegt hätten , die Post zu verfehlen . Zehn lange Minuten sei es ihr gelungen , den Postillon hinzuhalten , aber länger habe sie es nicht verantworten können . Was sie jetzt beginnen wollten ? Das kleine Fräulein wäre der Ansicht , sie könnten alle drei zusammen zu Fuß weiter ; sie habe selber schon zweimal den ganzen Weg von Bischofshardt nach Schönthal zu Fuß gemacht . » Also , wenn ihr einverstanden seid - « » Ja , ist sie denn nicht mit der Post fortgefahren ? « fragte Gerold . » Sie wollte durchaus nicht ohne euch einsteigen . Dort steht sie auf der Treppe . « » Schöne Geschichte , schöne Geschichte ! die Post verfehlt ! « spottete Gesima , indem sie die beiden Hände mit gespreizten Fingern erhob . Darauf machten sie sich alle drei auf den Weg . » Glückliche Reise « , rief ihnen Therese nach . » Wollt ihr nicht noch etwas zum Essen mitnehmen , ein paar Birnen oder Pflaumen ? oder sonst etwas ? « » Nicht nötig . Und vielmal Dank für alles . « Gerold und Gesima Hansli bestand auf einer geregelten Marschordnung . Es komme einem Mädchen nicht zu , urteilte er , in ebenbürtiger Frontlinie mit zwei uniformierten Kadetten zu ziehen , Gesima müsse zehn Schritte zurückbleiben . Sie erhob keinen Einspruch , fügte sich auch scheinbar seinem Ansinnen , allein so oft Hansli sich umwandte , um sich zu vergewissern , ob sie die Distanz auch richtig einhalte , dünkte ihn der Zwischenraum verringert . Das bestritt ihm Gesima lebhaft , worauf er die Kolonne halten ließ und den Abstand mit den Füßen nachmaß . » Siehst du , es sind nur acht Schritte . « Dann stellte er sie zurecht , kommandierte » Marsch « , und sofort fing der Streit von neuem an . Jetzt befahl er ihr , in der nämlichen Entfernung voranzuschreiten , um sie besser überwachen zu können . Wiederum gehorchte sie ohne Widerrede . Aber nun trippelte sie im Adagio molto quasi lento ritardando , was die Kadetten nötigte , ebenso langsam hinterdrein zu kriechen , denn sonst hätten sie ja ihrerseits die Distanz gebrochen . Nicht genug damit , stand sie alle Augenblicke stille , sei es , um an ihren Stiefelchen zu nesteln oder an ihrem Kleide zu bändeln , so daß die Kolonne langsamer vom Fleck kam als der Landsturm . » Gesima , ich gebe dir eine schlechte Note im Betragen « , schloß Hansli ärgerlich und ließ fortan den Marsch laufen , wie er mochte . Trotzdem es noch früh am Morgen war , neun Uhr oder so etwas , stach die Sonne schon gewaltig heiß , und allmählich begann den Infanteristen seine Patrontasche zu belästigen ; nicht daß sie ihm zu schwer gewesen wäre , aber das Bandulier drückte und erhitzte ihm die Schulter . Folglich zog er das lästige Zeug ab und hängte es Gesima über die Achsel . Die machte sich einfach schmal , so daß sie durch das Bandulier schlüpfte wie ein Fischlein durch eine Masche , und die Patrontasche lag auf dem Boden . Dieser Vorgang wiederholte sich etliche Male . » Gesima « , drohte Hansli , » wenn du das Kunststück noch einmal aufführst , laß ich die Pulvertasche ganz gewiß liegen . « » Laß ! « antwortete sie und beförderte das Anhängsel abermals zu Boden . Nun machte Hansli ein sorgloses Gesicht und zog weiter , als ob ihn das schwarze Gepäck nichts anginge , nur im Verstohlenen ab und zu nach hinten schielend . Bis ein Bauernbub den merkwürdigen Fund mit erstaunter Gebärde aufgriff , da rannte er mit heftigem Protestgeschrei zurück und riß ihm sein Eigentum aus den Fingern . Wie er aber dann das Mädchen neuerdings als Lasttier benützen wollte , verwehrte ihm das der Bruder mißlaunisch . Er könne seine Patrontasche selber tragen , bemerkte er barsch . Diesen herrischen Kommandoton von seiten eines gewöhnlichen Kanoniers verbat sich der Infanterist , ein gereizter Wortwechsel entstand , illustriert mit Vergleichen aus dem Tierbuche , keinen schmeichelhaften ; dem Wortwechsel folgte nach dem Gesetz der Steigerung das Hohngelächter und schließlich die Beleidigung . » Mädchenfreund ! « schrie Hansli und flüchtete in rasendem Galopp querfeldein , als liefe der Teufel hinter ihm , wütend verfolgt von dem Bruder , der ihm jedoch mit seiner Schwerfälligkeit bei weitem nicht nachkam . Von nun an war es Hansli , der Distanz hielt , nicht zehn Schritte , sondern hundert und zweihundert , zwar von Zeit zu Zeit um eine Ecke herum oder aus einem Busch hervor den beschimpfenden Zuruf wiederholend , aber furchtsam den Fuß zur jähen Weiterflucht gerüstet . » Kümmern wir uns nicht um ihn , und lassen wir ihn laufen « , sprach Gerold großartig , nachdem er eingesehen , daß er ihn nicht einzuholen vermochte . - » Komm , dort geht ein Fußweg in den Wald , so sieht er uns nicht . « » Aber wenn wir uns verirren ? « » Und wenn ? oder hast du etwa Angst ? « » Vor den schwarzen Waldameisen weniger als vor den kleinen roten . « Und da er sich anheischig machte , sie vor jeder Gattung Ameisen zu behüten , sowohl vor den roten wie vor den schwarzen , folgte sie ihm in den Wald , durch ein Gebüschtor , dessen Zweige so tief auf den Boden hingen , daß man gebückt durch das Pförtchen schlüpfen mußte wie durch eine Höhle . Jenseits des Gebüschtores befanden sie sich , von der Welt wie durch einen Vorhang abgesperrt , in einer dunklen , kühlen Tannenhalle . Auf dem trockenen , weichen , tannennadelgepolsterten Boden federte der Schritt von selber empor , als ob von unten den Füßen mitgeholfen würde ; keine Spur von Unterholz oder Efeu , höchstens ab und zu eine mächtige Wurzel hemmte den Wandel ; und die Erde tönte dumpf und hohl . Das war so vergnüglich , daß sie den Fußweg verschmähten und lieber den einladenden rundlichen Mulden und Hügelchen des sanftgewellten Grundes folgten , die Tälchen mit kleinen Sprüngen , die Höcker im Anlauf gewinnend . Mit einem Male gewahrten sie , als sie eben wieder eine Anhöhe erobert hatten , unten zu ihren Füßen , mitten im Walde , einen majestätischen Fluß , der lautlos vorbeizog , zwar in schleunigem Strom , doch glatt , ohne kräuselnde Wellen ; statt der Wellen wob die Flut glanzseidene Muster in die Wasseroberfläche . » Die Aar « , erklärte Gesima wißbefriedigt . Das bestritt ihr Gerold . » Die Aar sei nicht hier , sondern bei Aarmünsterburg . « » Das beweist nichts ; sie kann ganz gut in Aarmünsterburg sein und doch hier . « » Bitte , Gesima , schwatz keinen Unsinn . Nichts kann an zweien Orten zugleich sein . « » Doch , ein Fluß kann das , weil er sich bewegt . Sonst müßte ja die Aar , wenn sie in Aarmünsterburg bleiben wollte , beständig über den eigenen Kopf hinaustanzen . « Gerold erstaunte und dachte gespannt nach . Schließlich mußte ers zugeben . » Gesima , du hast recht , du bist gescheit « , urteilte er . Man sieht nicht alle Tage eine Aar in einem Walde , es lohnte sich , die Merkwürdigkeit etwas länger zu betrachten . Darum setzten sie sich in die Nische einer Zwillingstanne und blickten , frei von Wünschen und Gedanken , geduldig auf den leisen , schnellen Fluß hinab , während über ihnen ein Specht mit weithinschallendem Ticktack die Stille betonte . Gerold wurde anhaltend ernst und nachdenklich . Ob sie sich nicht ebenfalls entsinne , fragte er , lange vor diesem Leben , vor undenklichen Zeiten , schon einmal gelebt zu haben , und zwar in einer anderen als menschlichen Gestalt . Und als sie das bestimmt verneinte , gestand er ihr , er für seinen Teil erinnere sich , früher einmal ein Storch gewesen zu sein . Ob es ihm denn nicht langweilig vorgekommen sei , fragte sie zurück , stundenlang auf einem Bein zu stehen , und ob er es nicht unappetitlich gefunden habe , ungekochte Schlangen und Eidechsen zu essen . Und es nehme sie wunder , wie er das Fliegen zustande gebracht habe , bei seinem Körpergewicht . » Das wenigstens « , meinte er eifrig , » ist dir gewiß schon aufgefallen , daß man manches zweimal erlebt . « » Nein , das ist mir nie aufgefallen ; es wäre auch eine Kunst , denn es ist ja nicht einmal wahr . « Hierauf verfiel er wieder ins Nachsinnen . Plötzlich blickte er sie fest an , mit überlegener Rätselmiene : » Was ist das Schwerste in der Welt ? « » Der Elefant « , riet sie hurtig . » Nein . « » Ein Heuwagen . « » Nein . Sondern das Schwerste in der Welt ist , zu einem Menschen zu sagen : Es tut mir leid . « » Durchaus nicht « , lachte sie , » das sage ich alle Tage zu Papa und Mama , wenn ich etwas Dummes pexiert habe . « Da schaute er sie bewundernd an , als ob sie aus einem edleren Stoffe gemacht wäre , und schüttelte den Kopf . » Und was ist das Zweitschwerste in der Welt ? « » Mit seinem Bruder nicht zanken . « » Das allerdings auch . Aber ich meine etwas anderes : Das Zweitschwerste in der Welt ist , jemand eine Verbeugung zu machen . « » Bist du denn so steif ? « » Das nicht . Ich könnte schon , wenn ich wollte , aber ich will nicht . Weil ich ein Schweizer bin und ein Schweizer vor keinem Menschen den Nacken beugen soll . « » Mein Papa ist auch ein Schweizer und macht dennoch Verbeugungen , sogar sehr schöne , wenn er eine Freundin von Mama im Zimmer sieht . - Da kannst du ja nie auf den Ball gehen und tanzen . « » Doch , tanzen kann ich . Nur wenn es heißt Verbeugung , tue ich immer das Gegenteil und strecke mich bolzgerade in die Höhe . « » Da kannst du jedenfalls sicher sein , daß ich nie mit dir tanze . « » Das brauchst du auch nicht , wenn du nicht willst . Ich habe schon eine Tänzerin für die Tanzstunde ; eigentlich mag ich sie nicht , aber sie hat nicht so viele häßliche rote Haare wie du . - Wart , bleib sitzen , ich will geschwind hinunter , ein paar Schiefersteinchen prellen . « » Ist dirs nicht ebenfalls verboten , allein an die Aar zu gehen ? « » Nur von der Mama . Mein Papa ist selber beim Militär und begreift , daß Gefahr eine Ehre ist . Er tut zwar , als wäre er ungehalten , wenn wir etwas Waghalsiges unternehmen , aber es freut ihn heimlich doch ; er lacht mit den Augen dazu . - Du aber rührst dich nicht ! Gelt ? ich kann mich darauf verlassen ? Du versprichst es mir ? Du weißt , ich habe die Verantwortlichkeit für dich . « » Ich , wenn mir etwas verboten ist , so brauche ich keine Ermahnungen ; ich tu es einfach nicht . « Also lief er den Hügel hinab zur Aar . Dort streifte er auf der Suche nach einem Schützenplatz und glatten Steinchen der Strömung entlang hinter dem Weidensaum . Jetzt , so nahe am Ufer , war der Fluß nicht mehr stumm , sondern gab einen unheimlichen dröhnenden Metallruf von sich , immer den nämlichen . » Geh nicht zu nah zum Wasser ! und entferne dich nicht zu weit ! « warnte Gesimas Ruf von oben . » Ich kann sechs Züge schwimmen « , meldete er stolz zurück . Ein tief in den Schatten getauchter schwarzer Waldgraben , wo der Strom in pfeilschnellen Wirbelringen vor einer Felswand umbog , zog ihn an ; erstens wegen des fürchterlichen Anblicks , zweitens weil sich an dieser grausigen Stelle eine Halbinsel von Schiefergeschütt wie ein Dreieck weit in den Fluß vorschob , die Spitze des Dreiecks im Wasser ; dort mußten sich geeignete Wurfgeschosse in Menge vorfinden . Langsam , Fuß vor Fuß setzend , wagte er sich auf dem Geschütt vor , bange und bebend , mit verhaltenem Atem und klopfendem Herzen , denn ihm war , als wollte ihn der reißende Wogenschuß von dreien Seiten zugleich angreifen , umwälzen und fortschwemmen ; und das einförmige Dröhnen des Stromes hatte sich in ein heulendes Brausen verwandelt . Nachdem er ein glattes Scheiblein aufgelesen , pflanzte er sich in schräger Schützenstellung fest auf die Beingestelle und schickte es waagrecht über die Fläche . Ein- , zwei- , dreimal berührte der Stein streifend das Wasser , milchweiße Spritzer zischten empor , die von dem finstern Wasserrachen sofort verschluckt wurden ; schnapp , wie von einem Krokodil . Doch Krokodile gibt es nicht in der Aar . Allerdings , wenn man abergläubisch wäre , könnte man meinen , dort in jener meergrünen Wirbelmühle glotzten zwei Krokodilaugen und dort von oben kämen mehrere hintereinander mit der Strömung geschwommen , tückisch unterm Spiegel verborgen , bewegungslos anreisend , sich tot stellend . Unsinn ! - Ha ! da segelte er mitsamt der Insel , worauf er stand , den Fluß hinunter , daß er schwindelnd mit den Armen nach einem Halt fischte , während gleichzeitig eine ungeheure Riesenschlange , um die Waldecke schießend , ihn blitzschnell verfolgte . Lächerlichkeit ! Augentäuschung ! es schien nur so . - Aber wenn doch nur Gesima mit ihrem läppischen Geschrei aufhören wollte ! sie verwirrt einem vollends den Kopf damit . » Stille schweigen ! « herrschte er ihr zu . Solch eine Dummheit ! Sie könnte einen schließlich noch anstecken mit ihrer einfältigen Angst . Und bückte sich , um ein zweites Tellerchen auszuwählen . Da gewahrte er etwas auffällig Weißes im Geschiefer , ein ziemlich großes Blatt Papier , das an den vier Ecken mit Kieseln beschwert war ; es lag kaum anderthalb Schritt von ihm entfernt , aber ganz nahe beim Wasser , so nahe , daß es fast vom Schaum bespült wurde . Neugierig schob er sich mit vorsichtigen Drehungen hinzu , behändigte mit einem raschen Griff glücklich den Fund und untersuchte ihn . Das Papier war beschrieben , zwar bloß mit Bleistift , aber leserlich . Er buchstabierte und las : » Hier stand ich vier Stunden . Der Mutter gedenkend kehrte ich um . Max , genannt der Narrenstudent . « Schnell kniete Gerold nieder , kramte seinen Bleistift aus der Tasche , stützte sich auf die Ellenbogen , und also , in vierfüßiger Stellung , den Geschüttboden als Schreibtisch benützend , kritzelte er hastig eine Nachschrift darunter : » Abscheulicher Mensch ! den niemand gern hat , nicht einmal sein eigener Vater ! Gerold . « Und die Urkunde beschwerte er seinerseits mit Steinen , gleichsam als einen Urteils- , Absage- und Fehdebrief . Hernach gedachte er in seiner Schützenkunst fortzufahren . Allein nun war es auf einmal zuviel . Das unaufhörliche Heulen des brausenden Flusses , der haltlose Zug der reißenden Strömung , das schwindelhafte Kreiseln der Geschwindwirbel mit ihren Ungeheueraugen und schmatzenden Lippen , das verräterische Gebaren seines Standbodens , der jeden Augenblick Miene machte , plötzlich bachab zu reisen , hinterlistig , ohne Warnung und Vorzeichen , das alles , vereint gegen seinen Mut unablässig anstürmend , ohne eine Sekunde Waffenstillstand , übermochte auf die Länge endlich seine Kraft , und jählings packte ihn das Grausen . » Fort aus dieser flüssigen Hölle ! « schrie sein Herz . Noch gelang es seiner Tapferkeit , ehrenhalber ruhig nach dem rettenden Ufer zu schreiten , stolz , in aufrechter Haltung ; kaum jedoch spürte er sich auf sicherem Erdboden , so rannte er in toller Flucht den Wald hinauf . Dort sprang ihm die vor Angst weinende Gesima mit Vorwürfen entgegen , faßte ihn am Ärmel und zerrte ihn mit sich , irgendwohin , einerlei , nur weg von der gefährlichen Flut , fort aus dem unheimlichen Wald . Und beiden dünkte es , als ob das schillernde Stromungeheuer hinter ihnen die Anhöhe heraufgestiegen käme , um sie zu verfolgen , so daß sie anfingen , flüchtlings zu laufen . Bis von dem schauerlichen Singen des Wassers nicht mehr der leiseste Ton zu vernehmen war ; da erst atmeten sie auf . Nun erzählte Gerold hastig von der Schrift des Narrenstudenten , die er im Geschütt aufgefunden . Gesima schnupfte wegwerfend : » Ein grausiger Mensch ! ißt Froschschenkel und gekochte Schnecken ! Wäre er nur ertrunken ! Frau Balsiger mag ihn , ich nicht . « » Ja , aber wie kommen wir denn eigentlich aus dem Wald ? « Das lustige Klingeln eines Fuhrwerks wies ihnen die Richtung , und früher als sie gehofft hatten , mündeten sie wieder in den lichten Tag und das freundliche Leben . » Aber mit dir gehe ich nie mehr von der Landstraße ab « , schmälte Gesima , » eher lasse ich mich von der Sonne rösten . Du magst mich dann meinetwegen als Krebspastetchen verspeisen « . Es war ein förmliches Auftauen an Leib und Seele , das sie wollüstig überkam in dem heißen Sonnenfang der Landstraße , nach dem fröstelnden Schauder des finstern Stromgrabes , und der neuerwachende Mut heischte , als Antwort auf die erlittenen Schrecknisse und Bangnisse , das Plaudern . Die jüngsterlebten Ferienwonnen schilderten sie einander ; Gerold die Herrlichkeiten des ungebundenen Schweifens über die Triften , die Abenteuer in Wald und Feld , in Dorf und Stall , Gesima das stille Vergnügen in den kunstseligen Gemächern der Familie Balsiger , von den Bildsäulen im Treppenhause erzählend , von den Gemälden an den Wänden , von den Schränken voller Prachtbilderbücher , von dem Musikspiel nach dem Nachtessen , mit Frau Balsiger am Klavier , Herrn Balsiger am Geigenpult , und zuweilen komme auch der Pfarrer mit dem Cello . Allein Gerold hörte längst nicht mehr zu ; über ihrem gleichförmigen wohllautenden Kanarienvogelgezwitscher waren seine Gedanken unvermerkt nach den Wolken ausgewandert , und an ihrer Stelle erschienen allerhand flüchtige Träumereien , die sich allmählich zu einem einzigen Lieblingstraum verklärten , seinem Traum , den er beständig im Herzen hegte : Er sah sich als Anführer der sämtlichen schweizerischen Kadetten , in einer fürchterlichen Schlacht gegen die verbündeten Kadetten Europas kämpfend ; die Kanonen donnerten , der Pulverrauch dampfte , daß einem vor Wonne Hören und Sehen verging . Schon war der Sieg entschieden , der Feind floh , sämtliche Kanonen im Stich lassend , siehe , da stürzte der Obergeneral der feindlichen Kadetten , ein engelschöner Knabe in weißer Uniform mit goldener Schärpe und goldgestickten Aufschlägen , verwundet vom Pferde . Er , rücksichtslos durch Freund und Feind sich Bahn brechend , stürmisch zu ihm hin , half ihm , sich aufrichten , tröstete ihn liebreich , nahm ihm sein Ehrenwort ab und versprach ihm Pflege und großmütige Behandlung . Und süß war der Dankesblick aus den blauen Augen des schönen Gefangenen . Da stupfte ihn Gesima : » Was sinnierst du ? « Errötend wachte er hernieder . Er solle ihr lieber von Aarmünsterburg erzählen , begehrte sie , als so langweilig stumm neben ihr einherzuziehen . Also erzählte er ihr von Aarmünsterburg , ohne Plan und Wahl , was ihm gerade zunächst einfiel . Sonst verabscheute er zwar Aarmünsterburg , denn es war ja die Schulstadt , gehässig , mürrisch und zänkisch , voller Aufgaben , Zeugnisse , Vorwürfe und Nachsitzen , aber merkwürdig , heute , in der Abwesenheit , als er die Stadt jemand anders schilderte , erschien ihm das nämliche , was er im wirklichen Leben haßte , teilnahmswürdig und erwünscht . Und da sie seiner Rede aufmerksam lauschte , wurde er allgemach redselig . Gesima wünschte zu erfahren , wie es in einem Theater zugehe , und ob er schon einmal in einer Oper gewesen sei . Ah ! da leuchteten seine Augen . In der Regimentstochter war er gewesen . Und nun schilderte er ihr begeistert die unermeßliche Fülle von Herrlichkeiten , die er in der Regimentstochter geschaut und gehört : das Orchester mit seinen abenteuerlichen Instrumenten , die Bühne mit dem Vorhang und den wechselnden Szenen , erzählte ihr den ganzen Hergang der Geschichte , sang ihr die lieblichen Melodien vor und kam dermaßen in Eifer , daß er selber gestikulierte und schauspielerte und gar nicht mehr wußte , wo er war . Während dessen sah ihn Gesima unverwandt an , mit großen , starren , glänzenden Augen , mitgenießend und mitgerissen , die geschilderten Herrlichkeiten anstaunend und mehr noch seine Begeisterung , dieses Lodern einer fremden Feuerkraft aus Seelengegenden , von welchen ihrem jungen kleinen Mädchenherzen bisher noch keine Ahnung geflüstert hatte . Mit einem Sehnsuchtseufzer berichtete er dann in überschwenglicher Ekstase von Marie , der Regimentstochter in Person , der entzückenden Heldin der Oper . Ein Mädchen , so grundverschieden von den gemeinen Alltagsmädchen wie ein Engel von einem sündigen Menschen . Heldenhaft , mutig und tapfer in Gebärde , Blick und Gang , militärisch keck und frisch , in einer Art Uniformröckchen , ein Fäßchen angebunden , grüßend wie ein Soldat , und schön , schön ! Eine farbige Schärpe um die Schultern , ein kleines feines Mäulchen und prachtvolle Augenbrauen , die sie zuweilen zornig zusammenzog ; und wo sie auch ging und was sie auch tat , immer schwebte ein unnennbarer Glanz um sie herum , der sie von allen andern Menschen auf der Bühne unterschied . Und wie sie singen konnte ! viel lieblicher und höher als die übrigen , das trillerte nur so heraus . Aber das Aller-allerherrlichste war doch , wenn sie mit dem Fuß stampfte und dazu fluchte : » Sapperment « , » Sapperlot « , » Sackerlot « , einmal sogar » Donnerwetter « . » Ich kann auch Sapperment sagen « , flüsterte Gesima wehmütig und neidisch . » Du ? « und betrachtete sie , als ob sie ihm Petri wunderbaren Fischzug verspräche . Und als sie wirklich laut und deutlich Sapperment rief und mit dem Fuß dazu stampfte , jubelte er hoch auf , umschlang sie mit den Armen und quetschte sie einige Male . Plötzlich ließ er sie los , sah scharf in die Ferne , wo er