Unterhaltung des Baron Rast genießt . Sie hat nicht viel Unterhaltung . « Er wollte sehr gerecht sein . » Sie brauchen niemanden zu entschuldigen « , flüsterte Werland . » Alles geht ganz natürlich zu . Alles auf der Welt geht natürlich zu . An Wunder glaub ' ich nicht . Es ist ganz natürlich , daß die Nachtigall fortfliegt , wenn Sie den Käfig offen lassen . Aber dazu haben Sie sie doch nicht in den Käfig gesetzt . « Werner machte ein beleidigtes Gesicht , beleidigt für Karola . » Gott gab Ihnen , Herr Baron , eine Gattin von so klarem , reinem Blick und so ruhiger Güte und Geduld , daß es undankbar ist , so zu sprechen . « » Danke , Pastor , danke « , unterbrach ihn Werland , » Predigten erbauen , aber beweisen nichts . Klaren Blick , sagen Sie . ja , aber gerade die Klügsten sind hilflos vor so gewissen Dummheiten des Lebens . Diese Frauen werfen bei gewissen Gelegenheiten ihren Verstand mit Genuß beiseite , so wie sie ein enges Mieder aufhaken . « Er hielt inne , seufzte , kicherte dann wieder : » Der Pichwit kommt nicht zurück . Nein , der steht im Eßzimmer und horcht . Oh ! der paßt auf ! Hören Sie , Pastor , Sie sprachen da von reinem Blick und Geduld und so Sachen . Sie meinen , was man Tugend nennt . Bei Damen der Gesellschaft gebraucht man dieses Wort nicht gern , aber das meinen Sie , tugendhafte Gattin , nicht wahr ? « » Das meine ich « , bestätigte Werner . » Warum wollen Sie sich Ihren Frieden nehmen lassen und den Frieden Ihrer Frau Gemahlin stören ? « » Ich bin nicht ganz ruhig , das ist wahr - und das ist vielleicht dumm « , sagte Werland . » Einer , der keine Beine hat , sollte ruhig sein . Aber diese Tugend ist bei unseren Frauen Sache der Reinlichkeit , der Erziehung zur Reinlichkeit , wie das Bad und die gute Seife und das gute Parfüm . Nur , daß das Bad und die Seife von Pinaud und das Parfüm Gewohnheiten sind , von denen man sich schwerer lossagt als von der Tugend . Man sagt Leidenschaft oder Liebe , und darin glauben die Frauen , das , was sie für unreinlich halten , sei nun plötzlich eine feine Sache . Ich kenne diese Geschichten , ich bin jetzt , was man so nennt - , objektiv - darin . « » Wenn es Sie beunruhigt « , begann Werner ein wenig mühsam , » muß denn - - muß denn - der Baron Rast kommen ? « » Was wollen Sie ! « meinte Werland . » Soll ich ihm sagen : du - Rast - komm nicht , ich bin eifersüchtig ? Das wäre so was für den . Nein , Pastor , Beine haben wir zwar nicht , aber lächerlich machen wir uns trotzdem nicht . Es geschieht ja nichts ! Konversation ! Sie sind Pastor , Ihnen kann man beichten . Ein Beichtvater ist ein Mann , dem ich die lächerlichsten Sachen erzählen kann und der mich nicht auslachen darf . Nehmen wir an , ich hätte nichts gesagt . « Er schaute durch die Tür in den Saal . » Wo sind Sie denn geblieben , zum Teufel ! Pichwit ! « rief er . Pichwit erschien in der Tür . » Das Barometer fällt « , meldete er . » Wo sind die beiden ? « fragte Werland . Pichwit zuckte die Achseln . » Die Frau Baronin « , berichtete er , » wollte dem Baron Rast den alten Flügel und das Turmzimmer zeigen . Die Mamsell ging mit aufschließen . « » Aha ! antiquarische Interessen « , meinte Werland . » Und wovon sprachen sie denn vorher ? « Pichwit lächelte hochmütig : » Soviel ich hörte , erzählte der Baron von malaiischen Frauenzimmern . « Werland lachte tonlos in sich hinein : » Bekannt , alte Technik , man spricht von anderen Weibern . Gute Nacht , Pichwit , schlafen Sie wohl . « Als Pichwit gegangen war , bemerkte Werland : » Sehen Sie , der , der hat so das , was man gewöhnlich mit Liebe bezeichnet . Na , - aber Schluß . Reden wir von etwas anderem . Bilden Sie sich nicht ein , Pastor , daß ich klage und daß Sie mich bemitleiden müssen . « » Wir haben zuweilen seltsam erregte Momente . Das kommt , wir können nichts dafür . « Werner versuchte , etwas Passendes zu sagen , aber es klang ihm selber leer und verlogen . » Danke , danke « , unterbrach ihn Werland . » Wie sagten Sie - Pflichterfüllung ? Über den malaiischen Weibern und dem Interesse am alten Turmzimmer ist mein Bein heute doch ein wenig in Vergessenheit geraten . Na - ich sage nichts . Schluß . « Eine andere Unterhaltung wollte nicht gelingen . Beide Männer sahen die Zimmerflucht hinab , horchten - warteten . Endlich hörte man Stimmen . Karola und Rast kamen . » Famoses altes Zimmer « , sagte Rast . » Das Bett mit den verblichenen grünen Damastvorhängen - und die zerfetzten Goldtapeten , was für eine gespenstische Üppigkeit dadrin steckt . Unglaublich ! « Werland nickte : » Ja , ja . Das war wohl der Sündenflügel der alten Werlands . Dekorative Sünden . Das achtzehnte Jahrhundert hatte wenig Temperament , daher wurde die Sinnlichkeit dekorativ . « Es war spät geworden . » Ich bringe Sie nach Hause , Pastor « , sagte Rast . » Gute Nacht , Werland . Wenn es weiter so nebelt , ziehe ich zu euch in den alten Flügel . « » In den Sündenflügel « , kicherte Werland . » Ja , ja « , sagte Rast , » zu Hause bekommt man Einsamkeitsfieber . « » Ein seltsames Haus « , sagte Rast zu Werner , als sie zusammen durch den Nebel fuhren . » Ja « , erwiderte Werner kühl , » manches Schwere ist diesem Hause auferlegt . « » Schwere ? « wiederholte Rast . » Ja , wegen des Werland . - Alle haben da was . Werland mit dem Bein , und die schöne Frau , und das kleine Gespenst von Sekretär , alle seltsam einsam , aber eine Einsamkeit , die fiebert - , die fiebern alle vor Einsamkeit . Das regt ordentlich auf , steckt an . « » So Schweres auch dem Hause auferlegt ist « , sagte Werner , und er ärgerte sich selbst darüber , daß das so salbungsvoll klang , » die Baronin versteht es mit ihrer Güte und Klarheit , da Harmonie hineinzubringen . « » Opfer « , sagte Rast , und ließ die Peitsche knallen . » Was soll sie machen ? Ein Mann ohne Beine . Da setzt sich alles in Opfer um . Bekanntes Phänomen . Chemie der Sinnlichkeit . « » Um diese Frau zu verstehen « , meinte Werner gereizt , » dürfte keine andere Formel genügen , als Hochachtung . « » Ganz Ihrer Ansicht , Herr Pastor « , erwiderte Rast . » Aber da sind wir ja bei Ihnen . Gute Nacht . « - Lene schlief schon , die Wangen heiß , zwischen den blonden Augenbrauen eine kleine , aufrechte Falte , ein schwermütiges , kleines Zeichen , das der einsame Abend zurückgelassen hatte . Leise legte Werner sich in das Bett . Lene atmete ruhig und regelmäßig neben ihm . Draußen tropfte der Nebel vom Dache , ein stetiges , geschäftiges Flüstern , eine heimliche , traurige Geschichte , die die Nacht sich erzählte . Und in der Stille und Dunkelheit dieser Nacht war plötzlich etwas da - bei Werner - in ihm , etwas Fremdes , dein er fast mit Neugier zuschaute . Also so ist es , wenn wir hassen . Er war stark , er war jähzornig . Er kannte es , wie die Wut heiß in die Glieder fährt und es eine Erlösung ist , die Hand schwer auf eine Wange niedersausen zu lassen . Aber dieses jetzt war anders : - Dieses bohrende , beständige Denken an einen Mann mit dem Gefühl des Widerwillens , mit fast körperlichem Schmerz . Die Gedanken begannen zu mahlen . Rast bleich und hilflos zwischen Werners Händen . Rast vor Karolas Augen gedemütigt - lächerlich und verächtlich . Kindische Phantasmen , denen er nicht wehren konnte . Immer das quälende , heiße Verlangen , Rast leiden zu sehen , quälend , aufdringlich , wie ungestilltes , sinnliches Begehren . Da sollte er nun die Leute trösten und ihnen in die Seele reden . Was wissen wir denn , was in unseren Seelen ist . Etwas Fremdes kommt , herrscht . Wir können nur zusehen . » Mußt du denn jetzt so häufig nach Dumala ? « fragte Lene . » Ja , ich muß « , antwortete Werner im Ton der Autorität . » Warum ? « » Weil der Baron leidet und es ihn beruhigt , wenn ich da bin . « » Du kannst ihm ja doch nicht helfen . « » Ich bitte dich , « Werner wurde streng , » mir nicht in das , was ich für nötig halte , hineinzureden . « » Sie haben dort ja Gesellschaft genug « , fuhr Lene eigensinnig fort . » Wieso ? « » Der Baron Rast fährt ja so häufig hier vorüber . « » Seine Sache « , meinte Werner . » Du scheinst dich dafür zu interessieren , ob er vorüberfährt . « Nun schlug Lene die Hände vor das Gesicht , weinte und klagte : » Was soll ich denn tun ? Ich bin ja immer allein . Nun soll ich nicht einmal mehr sehen , wer vorüberfährt ! « Werner nahm seine Mütze vom Nagel und ging . Die weinende Frau da drinnen hatte recht . Und er - er tat , als erfüllte er streng und weise seine Pflicht , er ging einen unreinlichen Weg , das sah er so klar , als ginge ein anderer diesen Weg , und er schaute ihm nach und wunderte sich , wohin der wohl geraten wird . Aber nach Dumala mußte er . Es war ihm , als sei ein wichtiger Posten unbesetzt , wenn er nicht im Kaminzimmer , im Scheine der grünen Lampe saß . Es war immer dasselbe . Karola war zerstreut und sah verträumt ins Feuer und horchte hinaus . Und dann klingelten die Schellen draußen . » Ah , Rast ! « sagte sie . Sie verbarg es nicht , wie lustig dieses Schellengeklingel ihr in die Glieder fuhr . Sie richtete sich auf , streckte die Arme , in einer ihr ungewohnten Bewegung des Sichgehenlassens , als schüttele sie die Schläfrigkeit der Stunden ohne ihn von sich ab . Sie ging Rast entgegen , lächelnd , mit flimmernden Augen . Und er kam , füllte den Raum mit seiner klingenden Stimme , seinem sorglosen Lachen , seinem englischen Parfüm . Die Lichter wurden angezündet . Es wurde festlich , ihm zu Ehren . Wenn nach dem Tee Karola und Rast im Saal auf und ab gingen , saßen Werland , Pichwit und Werner am Kamin , schweigsam und wachsam . Wenn sie sprachen , so sprachen sie mit gedämpfter Stimme . Pichwit ging nach dem Barometer und blieb lange fort . Werland flüsterte und kicherte : » Haben Sie bemerkt , Pastor , denen dort geht nie der Stoff zur Konversation aus . « » Ja , Baron Rast ist sehr unterhaltend « , erwiderte Werner matt . » Gott ! « meinte Werland , » Sie brauchen einer Frau nur einigemal zu sagen : Ich bin sehr interessant , dann glaubt sie es . « Ein starker Wind hatte die Nebel zerstreut . Als Werner gegen Abend von einem Gang in das Dorf dort hinter dem Walde nach Hause ging , stand ein goldener Himmel über dem Lande . Durch die feuchten Tannenzweige schlüpfte viel schwergoldenes Licht . Werner ließ das Licht auf sich wirken . Er wollte nicht denken , nur das helle , stille Leben dieses Lichtes wollte er in sich hineintrinken . Da hörte er vor sich den feuchten Schnee unter Schritten knirschen . Es war Karola . Die Hände tief in ihren Muff gesteckt , den Kopf geneigt , ging sie langsam und sinnend den Weg hinab . Beide sahen zu gleicher Zeit auf . War es etwas wie Ungeduld , das einen Augenblick über ihre Züge ging ? fragte sich Werner . Aber sie lächelte gleich wieder . » Ah , Pastor , das ist hübsch ! « » So allein hier ? « fragte Werner . » Allein « , erwiderte Karola . » Natürlich ! Ich habe einen Spaziergang gemacht . Sehen Sie , wieder das schöne Licht . Erinnern Sie sich , wie wir das letztemal im Abendrot nach Hause gingen ? Das war schön ! « » Ja , das liegt doch nicht gar so weit zurück « , meinte Werner . » Nicht ? « sagte Karola . » Ach , alles geht so schnell - schnell vorüber , wie Laterna magica-Bilder . « Durch den Wald kam Schellengeklingel , es entfernte sich , wurde schwächer . » Dort fährt einer « , sagte Werner und horchte . » Ja - er fährt fort « , erwiderte Karola ruhig . Beide schwiegen . » Sie sind gut , glaube ich « , sagte Karola plötzlich aus ihren Gedanken heraus . Werner lächelte . » Warum bin ich gut ? « » Weil Sie « , versetzte Karola , » die , welche Sie lieben , glaube ich , gut schützen ? Sie sind friedlich und stark . « » Ich ? « Karola sah in die untergehende Sonne und dachte nach . » Ich glaube , die Beschäftigung mit den ewigen Dingen macht friedlich . Ewig , - das klingt , als ob alles aus wäre und nur Ruhe - große Ruhe . Ja , der , den Sie lieben , ist gut geborgen . « » Es - es ist doch wohl - « , begann Werner , seine Stimme klang ein wenig unsicher , » es ist doch wohl für jeden das Schönste , das zu schützen , was er liebt . « Karola nickte . » Ja - ja . Aber es ist gut , wenn Liebe stark und friedlich ist . « Das Abendlicht floß wieder grell über die Ebene , als sie aus dein Walde traten und in die lange Allee einbogen . » Warum sprechen Sie von - Geschützt-werden « , fragte Werner . » Kann ich - - - wollen Sie geschützt sein ? « Das kam zögernd und ungeschickt heraus . » Ich ? « Karola lachte . » Mein Gott ! Ich bin ja so furchtbar geborgen . « Dann zeigte sie auf ihre Schatten , die vor ihnen auf dem Schnee lagen . » Und die Schatten , haben die sich verändert ? « Werner schüttelte den Kopf » Nein - nein - Ihrer ist ganz leicht und frei . Zum Verheimlichen haben Sie kein Talent , gnädige Frau . « Karola lächelte ein seltsam hochmütiges Lächeln , das er an ihr noch nicht kannte , und sagte in einem Ton , der ihm mißfiel : » Wozu auch ? « Am Ende der Allee trennten sie sich . » Auf Wiedersehen , Pastor , Sie kommen doch zu uns « , sagte Karola und reichte ihm die Hand . » Was machen Sie für seltsame Augen ? Ach , es ist wohl die Abendsonne , wenn die sich in den Augen spiegelt , dann werden die Augen ganz wild . « » Ich bin friedlich und stark « , dachte Werner auf dem Heimwege . » Und sie ist wohlgeborgen und hat nichts zu verbergen . So geht man liebevoll durch den hübschen Abendschein , und einer legt dem anderen freundlich seine Lügen an das Herz . « Der Waldhüter Erman war bei Werner . Gott ! sah der Mann zerlumpt aus mit seinen Bastschuhen , der schlechtgeflickten Hose , dazu das traurige Trinkergesicht . Er war auch heute leicht angetrunken . Werner hatte ihn zu sich bestellt , um ihm eine Strafrede zu halten . Seine Frau klagte beständig über ihn . » Eine Schande ist es « , fuhr er ihn an . » Sieht so ein herrschaftlicher Waldhüter aus ? Nicht einmal Stiefel hast du bei diesem Saufen , und Frau und Kinder verhungern . « » Ja - ja - Sünde ist ' s « , sprach Erman weinerlich vor sich hin . » Was kann man machen ! « » Nicht saufen ! « schrie Werner ihn an . » Nicht saufen , - nicht saufen « , wiederholte Erman . » Wer kann das ! Was hat man sonst ! « » Jetzt bist du schon betrunken « , fuhr Werner fort . » Glaubst du , der Baron Rast wird solch einen Lumpen als Waldhüter behalten ? « » Der Baron - der ! « Erman lächelte verschmitzt . » Was heißt das ? « » Mit dem ist ' s auch nicht richtig . « » Was sprichst du da ! « Der Mann war betrunken , er sollte ihn fortschicken , sagte sich Werner , aber er schickte ihn nicht fort , er schwieg , er wartete , was der Mann sagen würde . Erman dachte nach , sah mit den verschwommenen wasserblauen Augen zur Decke hinauf , suchte seine Erinnerungen zusammen . » Ja , es war so , Herr Pastor « , begann er . » Weil die Hasen jetzt so fest liegen , sind die Wilddiebe hinter ihnen her in letzter Zeit , die Racker . Nun denk ' ich , ich werd ' mal nachsehen . Ich steh ' auf und geh ' ins Revier . So nach eins kann es gewesen sein . Gefroren hatte es ein bißchen , das Moos krachte so beim Gehen . Heute werden die Hasen nicht festliegen , denk ' ich . Und wie ich zur Galgenbrücke komme , denk ' ich , ich setz ' mich hin und rauche eine Pfeife . Und wie ich sitz ' und rauch ' , da seh ' ich vor mich hin , und da seh ' ich , über die Brücke geht eine Spur - eine frische Schlittenspur . Die Bretter waren weiß vom Reif und - eine Spur . Da ist einer gefahren , siehst du mal an ! Von der Sielenschen Seit ' nach der Dumalaschen . Das kann nur der Teufel sein . Ich sitz ' und denk ' : der muß Eile gehabt haben , auf dem kürzesten Wege nach Dumala zu kommen . Und richtig , da kommt was von der Dumalaschen Seite , den kleinen Weg hinauf . Kommt still , still , ohne Schellen , ein großes , schwarzes Pferd und ein Schlitten , und drin sitzt der Sielensche Baron , der Bart weht nur so . Neben ihm der kleine Diener , die kleine Kröte , der schläft fest . So kommen sie , gerade auf die Brücke los und rauf und auf das Pferd losgeschlagen und hinüber , wie ein Blitz und fort , den kleinen Weg nach Schloß Sielen . Ist ' s nu der Baron gewesen oder ist ' s der Teufel gewesen . Fährt der über die Galgenbrücke ! « » Betrunkener Kerl « , sagte Werner heiser , » was du gesehen hast ! « » Ganz gut , Herr Pastor « , erzählte Erman weiter . » Das sagt ' ich mir auch den anderen Morgen . Na , und die nächste Nacht geh ' ich um dieselbe Zeit und sitz ' dort und rauch ' und warte . ja , und da kommt es wieder den kleinen Weg nach Dumala herauf . Das schwarze Pferd , und der schwarze Herr sitzt im Schlitten , der Bart weht , und der kleine Diener schläft . Ich sah alles hübsch deutlich . Und wieder über die Galgenbrücke herüber . Der Diener wacht nicht auf , und die Bretter knacken , ganz schwindlig wird mir ' s , nun und da sind sie hinüber und fort . Mit dem ist ' s nicht richtig , mit dem schwarzen Baron . Über die Galgenbrücke - Gottchen ! « » Nach ein Uhr ? « fragte Werner . » Ja , so was wird ' s wohl gewesen sein « , meinte Erman . Werner stand einen Augenblick schweigend da , sehr bleich und nagte an seiner Unterlippe . » So über die verfaulten Bretter « , erzählte Erman weiter , » unten gurgelt das Wasser . Ist das ein Gespenst , denk ' ich ! Du gehst , denk ' ich mir , und schaust dir die Spur an . Gespenster haben keine Spur . Und richtig , eine gute Schlittenspur . Sie geht , - geht , den kleinen Weg nach Dumala runter , bis an die hintere Pforte des Gartengitters - und da hinein . Die Pforte war zu , aber nun wußt ' ich , wo er war . Was er da zu tun hat , das ist nicht meine Sache . Aber der hat Eile . Über die verfaulten Bretter ! « Werner hatte ganz still zugehört . » Über die verfaulten Bretter « , wiederholte Erman unsicher . Es war ihm unheimlich , daß der Pastor so stumm und bleich dasaß . » Du verdammter , besoffener Kerl « , donnerte Werner plötzlich los . Er war aufgesprungen , packte den erschrockenen Erman an die Brust , schüttelte ihn , als sei er ein Bündel Lumpen . » Was schwatzest du hier ? Bin ich dein Narr , daß du mir deine besoffenen Geschichten , deine verdammten Schnapsgeschichten vorerzählst ? « Und er schüttelte ihn , hob ihn in die Höhe , am liebsten hätte er ihn gegen die Wand geworfen , daß ihm alle Knochen brachen ... dann plötzlich ließ er ihn los , wandte sich ab . » Geh ! « - sagte er . Erman wimmerte leise : » Ach Gottchen , Gottchen . Was kann ich dafür ! Meinetwegen kann der schwarze Baron sich auf der Galgenbrücke den Hals brechen . Ein armer Mann trinkt Schnaps . Das ist Sünde , sagt der Herr Pastor . Herrschaften haben wieder ihre Sachen . Na , wenn einer Augen hat , sieht er mal was . Da kann ich nichts dafür . « So vor sich hinbrummend , schob er sich langsam zur Tür hinaus . Werner saß regungslos auf dem Sessel am Schreibtisch die langen Nachmittagsstunden hindurch . Vor ihm lag ein Kontobuch aufgeschlagen . Die Sonne ging unter . Rote Abendlichter zogen über die Wand . Die Blätter des Kontobuches wurden rot . Werners Bart flammte rotgolden auf . Dann verblaßten und erloschen die Lichter . Die Dämmerung fiel wie feiner Aschenregen auf die Gegenstände . Lene ging draußen ab und zu . Es roch nach Kaffee . Lene steckte den Kopf durch die Türe : » Kommst du ? « fragte sie . » Nein , trink nur allein den Kaffee « , erwiderte Werner , » ich will die Arbeit hier beenden . « Und die ganze Zeit über war es ein einziger Gedanke , der in ihm arbeitete , eintönig und eigensinnig sich wiederholte : » Gewißheit - wie kannst du Gewißheit haben ? « Dieser Gedanke schmerzte , als sei die Gewißheit schon da , ein zorniger , dumpfer Schmerz , an dem sein ganzer , großer Körper teil hatte , als sei etwas , das zu ihm gehörte , gewaltsam von ihm losgerissen worden . Seine Abendbesuche in Dumala hatte Rast in letzter Zeit eingestellt . Karola schien ihn auch nicht zu erwarten , sie horchte nicht hinaus nach dem Schellengeklingel . Das sagte sich Werner jetzt . Also - über die Galgenbrücke - den geraden Weg nach dem Park von Dumala - zu der hinteren Pforte und dann - dann - - » Du bist ja im Finstern , du Armer . « Es war wieder Lene , die in das Zimmer schaute . Werner fuhr aus seinen Gedanken auf . » Ja - ich - ich - hab ' über etwas nachgedacht . « » Soll ich die Lampe bringen ? « » Nein - nein - ich komme an den Kamin . « Er sehnte sich jetzt nach Licht , nach Traulichkeit , nach Lenes Geplauder , dann würde es vielleicht nachlassen , dieses angestrengte , ermüdende Denken des einen Gedankens . Er saß am Kamin , müde wie nach einem langen Gange . » Sprich - erzähl « , sagte er zu Lene . » Du warst bei Doktors ? « Ja , Lene war bei Doktors gewesen . Die Kinder waren krank . Das Mädchen hatte eine Halsentzündung , das Kleine zahnte . » So - wirklich . « - Werner versuchte es , sich dafür zu interessieren . Der Doktor Braun war aus Debschen gekommen . Die Baronin hatte einen Gichtanfall . » Ja - das geht so weiter « , murmelte Werner . Er war mit seinen Gedanken wieder auf dem Wege von der Galgenbrücke nach dem Park von Dumala - und dort - geschah ihm ein großes Unrecht . » Was hast du denn jetzt soviel zu tun ? « hörte er Lene fragen . » Ich ? - ja - du weißt - am Ende des Kirchenjahres ist ' s so « , antwortete Werner . » Ich werde ein gutes Stück der Nacht zu Hilfe nehmen müssen . « » Die dummen Rechnungen ! « seufzte Lene . Der Abend verging für Werner traumhaft genug . Lene war heiter und gesprächig , daraus schloß er , daß auch er einen gemütlichen Eindruck machte . Lene freute sich beim Abendessen , daß es ihm schmeckte , also schien es , daß er mit Appetit aß . Später zog er sich wieder in sein Zimmer zurück , um zu arbeiten . Er stützte den Kopf in die Hand und schaute in das Kontobuch . - Jetzt wußte er es , er mußte hinaus , er mußte dort an der Brücke und am Parkgitter stehen . Nun wartete er , daß die Stunde kam . Er horchte hinaus , wie es stiller im Hause wurde , wie die Uhren schlugen . Lene kam und ließ sich auf die Stirne küssen . » Hast du noch viel zu tun , du Armer ? « fragte sie . » Es geht « , antwortete er freundlich . » Gute Nacht . « Werner wurde unruhig . Er trat an das Fenster . Die Nacht war sternhell . Ein scharfer Nordwind fegte über die Ebene . Jetzt litt es Werner nicht mehr in dem Zimmer , bei der Lampe . Es war ihm , als könnte er etwas Wichtiges versäumen . Leise zog er sich seinen Pelz an , stülpte die Mütze auf den Kopf und schlich vorsichtig zum Hause hinaus . Draußen blieb er einen Augenblick stehen und bedachte sich . Er war ganz ruhig . Ein sicheres Wollen erfüllte ihn . Er machte seinen Plan , wie der Jäger , der ein Wild einkreist . Durch die Tannenschonung mußte der Schlitten kommen . Dort konnte er auch , durch die kleinen Tannen verborgen , den Weg nach der Galgenbrücke bis zum Parkgitter gehn . Er trat seinen Weg an , sah zum Sternhimmel auf , bewunderte das Flimmern . Wie geschäftig solch ein Sternlicht ist , keinen Augenblick ruhig . Über den ganzen Himmel dieses eifrige , goldene Sichregen . Die jungen Tannen dufteten erfrischend bitter und strichen mit ihren vom Reif überglasten Nadeln , wie mit kleinen , kalten Krallen , über Werners Wange . Ein Fuchs kam des Weges daher , den Kopf am Boden suchte er wohl eine Spur , die ihm verlorengegangen sein mochte . Furchtlos ging er an Werner vorüber . Werner mußte lachen . » Raubtiere , die sich im Revier begegnen « , ging es ihm durch den Kopf . Im Gehen hatte er fast vergessen , warum er hier war . Es tat wohl unter dem Sternhimmel , mitten unter den stillen Bäumen und Tieren zu stehen , sich wie einer der Ihren zu fühlen , verantwortungslos und gedankenlos . Jetzt sah er die Galgenbrücke vor sich - sehr hoch über der finstern Kluft hingen die beschneiten Bretter , ein heller Streif in all dem Schwarz . » Ja - hier hinüber , das ist der allernächste Weg nach Dumala « - dachte Werner . Und wirklich , über den weißen Strich glitt etwas , ein dunkler Schatten , dann wie ein zierliches , schwarzes Spielzeug - ein Pferd - ein Schlitten . Lautlos huschte er über den Abgrund hin . - Nun war er mitten auf der Brücke - schwebte wie frei in dem Dunkel - jetzt mußte - mußte er versinken . Werner schien es , als könnte er mit seinem Wunsch , mit seinem Willen das zierliche , schwarze Spielzeug versinken machen . Sein Wunsch zerrte an den morschen Brettern , um sie zu brechen . Der Schlitten war herüber . Etwas wie eine große Enttäuschung machte Werner das Herz schwer . Der Schlitten näherte sich ihm , er hörte den Hufschlag im weichen Schnee . Von einer dichten Hecke junger Tannen verborgen , spähte er hinaus , wie das Gefährt an ihm vorübereilte . Er sah deutlich Rast , mit wehendem tintenschwarzem Bart. Er kutschte und hatte eine Zigarre im Munde . Neben ihm Damkewitz