. Rosa war nicht dabei . Frau Selle war auch nicht daheim . Und drinnen erst bei Herrn Geheimrat Selle war die Sache dann bald zum Entscheid gekommen . Einhart hatte beim Eintreten jetzt wirklich gesehen , daß er dem Vater ein Unheil zugefügt . Herr Selle war geradezu gealtert . Das sah Einhart gleich , als ihn der Gendarm hineinbrachte . Einhart war auch in seiner Güte entsetzlich unvermittelt . Wie er sah , was hier geschehen , hätte er sich am liebsten gleich dem Alten , den er heimlich liebte , vor die Füße geworfen . Aber Herr Selle hatte zuerst seiner gar nicht geachtet , nur mit dem Gendarm lange noch im Flüsterton gesprochen , ehe er auf Einhart zukam . Aber wie Einhart neu das vergrämte , alte , graubärtige Gesicht ansah , und es ihm wieder ankam , wie auf die Knie zu fallen , gleich , und den lieben , strengen Herrn tausendmal anzuflehen in Güte und Liebe , hatte ihn der Vater auch schon ins Gesicht geschlagen . Denn Einhart hatte auch dabei ein Lächeln trotzdem im Gesicht gehabt , was durchaus nur Liebe und Güte war , und was Herr Selle jetzt nur mißverstand . Dann hatte er , der alte Herr , Frau Selle , die in ratloser Aufregung hereinstürmen gewollt , nur streng hinausgewiesen , sie mit Bestimmtheit und Härte dann einfach selber hinausgeführt , und seine Erklärungen , nachdem er die Tür hinter ihr verschlossen , hart abgegeben . » Mach dich sauber , Saukerl ! Bade dich , Strolch ! Deines Bleibens ist nicht weiter unter einer anständigen Familie . Du besudelst die Ehre deiner Eltern und Geschwister . Morgen früh zeitig wird dich jemand nach K. bringen . « Wohin hörte Einhart gar nicht , dem nur die Backe rechts und links brannte , und die Seele in Asche sank . Und es war auch gar kein Versuch Einharts geglückt , sich trotz des Schmachgefühls neu liebend zu nahen , immer wieder in einfältiger Demut . Herr Selle blieb hart , wie ein Stein . Einhart hörte gar nicht , was der Vater alles redete . » Du zeichnest ja gern , « hatte Herr Selle dazwischen endlich auch gesagt . Das war wohl der einzige mildere Ton . » Ja , ja - gewiß , geliebter Vater , ich zeichne gern , das tue ich ja furchtbar gern , « hatte Einhart fast in Ekstase gerufen . Aber ein Blick voll Verachtung über diesen Laut , der Herrn Selle wie Frechheit klang , drängte Einhart zur Ruhe . Und dann war er mit harter Gebärde hinausgewiesen , hatte im Zimmer zu bleiben , niemand durfte zu ihm , er bekam Wasser und Brot zu essen , wie ein Sträfling , und hatte nur seine Sachen zu packen . Aber Rosa kam trotz des Vaters Rede und Zorn . Auch Mutter hatte gar nichts zu reden gewagt , als sie ihm beim Packen doch helfen mußte . Sie hatte Einhart nur mit schmerzvoller Liebe angesehen , und Rosa ausdrücklich vor Vater gewarnt . Aber Rosa war kühn . » Du , das vergessen die alle bald , « sagte sie zärtlich zu Einhart . » Mach dir nichts draus . Es ist ja Unsinn , so ein Wesen zu machen . Was ist denn passiert ? Du , das muß furchtbar interessant gewesen sein ! « sagte sie lachend . Da lachte Einhart auch . » Nu ob ! « sagte er drollig . Und dann mußte sie ihm erzählen , was sie wußte , wohin er käme ? und was man eigentlich mit ihm vorhätte ? Und am andern Tage befand sich Einhart schon bei einem Steindruckmeister in der Lehre , einige Stunden Bahnfahrt entfernt in einer kleinen Stadt . Zweites Buch 1 Es ist eine Gefahr , wenn Menschen ein Leben vertun mit Dingen , die ihnen und ihren Erinnerungen ewig entweichen , und die nichts zurücklassen , als müde Arme und ein müdes Entsagen . Und die so in den Abgrund ihrer eigenen Zeit , der ihres Sehnens einziges Gefäß sein kann - den vollen Lebenstrank einzubrauen , nur Nieten um Nieten werfen , und auf ihrem Herzen beim letzten Atemhauche gellt es aus der tiefen Leere eines weggeworfenen Lebens nach . Da kommt es wohl auch schon mitten in der Zeit , daß der Verarmte , der nicht mehr seine Arme oder auch seine Sinne regen kann , nach Troste greift und hingeht in Trunk und Taumel , seine Leere auszulöschen , und vollends zu vergessen , was er an Wünschen und Begehrungen emporblühen gesehen , einmal als noch das natürliche Drängen mit Jugendgefühlen ihn hinaustrug ins Leben zu Tat und Traum . Es ist weit und breit ein solches ödes Land . Ein Großes , Ganzes , Gewaltiges in der Zeit , und doch nur ein Zusammenklingen aus zerpflückten , zerstückten Sehnsuchten des Menschen , gebaut wie aus heiligen Steinen . Und die daran schufen , gehen seelenlos einher , das große , steingeschaffene Bauwerk anzustaunen , aber offen oder heimlich möchten sie sich in den Staub werfen und weinen nach ihrer verlorenen Seele . Aus solchen tiefen Erkennungen gehen schon Kinder und Jünglinge in freie Wildnisse , wenn sie die Öde wittern , und suchen sich mit Leidenschaft und Inbrunst anzuklammern an die Verheißungen , die in eigenen Träumen leben . Wie sie immer sein mögen , solche , die mit Inbrunst und wie heilig wandeln , zärtliche Schwärmer mit Augen , wie fromme Engel , oder solche , die die Einfalt ewig lächeln macht , sanft und voll üppigen Vergnügens , über die Torheiten , mit denen sich die Welt von Anbeginn betrog . So war es auch mit Einhart . Seitdem er in der kleinen Bergstadt lebte , hatte er die Einfalt zum Schutze und das Lächeln zum Troste . Die Steindruckerei lag in einer engen Straße mitten in der Stadt . Die Arbeitsräume dehnten sich nach hinten aus , und die großen Fenster gingen auf den Hofweg und auf Schuppen . Er stand nun hier und griff zu und sah Lehrlinge gleich ihm in blauen Schürzen , und Gesellen vor der großen Steintafel hantieren und hörte auf die sorglichen Worte des Meisters . Der Geist des ganzen Hauses ging von der Meisterin aus . Sie war aus einer pietistischen Familie vom Rhein , und schon ihr Aussehen , wenn sie ging mit ihrem Rundhut und immer in dunklen Farben der grau in grauen Welt der Mühsal , obwohl sie jung und drall und die Augen frisch und fast zu sicher schienen , und der Kindersegen nicht gering war , zeigte einen ganz eigenen Schlag Verzicht auf äußeres Tun und Glänzen . Die Frau war , was man zu sagen pflegt , ein frommer Dämon . Sie hatte alles im Banne . Sie sah wie ein Habicht und hörte , wie ein scheues Wild . Es entging ihr keine Untüchtigkeit . Sie sah keine verstohlene Miene und heimliche Glosse , die sie nicht dann hinter Schloß und Riegel vor dem Meister allein erwähnte und zur Abstellung empfahl . Wenn sie ins Werk hinein flüchtig vorbeigehend zusah , konnte man denken , daß sie allen nur zulächeln wollte . Der Meister selber , der von unerhörter Umständlichkeit zu jedem Worte ein Besinnen und zu jedem Besinnen soviel Minuten Zeit , wie zur Tat brauchte , also daß man in Geduld harren mußte , bis eine Meisterweisheit endlich von seinem Herzen sich gelöst und salbend aus dem rot-bebärteten Munde und sanft aus den grünen Augen ausgegangen , der Meister selber bekam fast Eile , wenn Frau Kallinich gerade durch die Werkstatt schritt und dort ihre frischen , grauen Augen herumwarf . Einhart hatte es gut . Der Meister war nicht nur fromm . » Ein Geheimrat « , das hatte ihn gleich niedergeschlagen . Die Gesellen waren frech . Die ließen Einhart springen , wie die andern blauschürzigen Jungen . Aber der Meister sah in Einhart etwas Besonderes . Einhart konnte da anfangs nicht klagen . Klagen war Einharts Sache überhaupt nicht . Nach außen gab er jetzt nichts . In gewissem Sinne amüsierte ihn die Arbeit . Weil er auch noch viel zusah . Und man sah auf den Tafeln allerhand Dinge aus der Welt . Nicht nur ewig Buchstaben . Auch Bilder . Manches davon bewegte Einhart . Das alte Kloster am Sinai war das erste , was er im Bilde in Steindruck sah . Der Geselle , der es bearbeitete , kümmerte sich nicht weiter darum . Aber Einhart fragte und fragte . Und weil der Geselle ihn angefahren : » halts Maul ! « fragte er geradehin den Meister , der ihn belehrte . Der Meister kannte alles , besonders was um die heilige Geschichte herum war . Er erzählte also gleich umständlich und mit viel Aufmachen der Augen , groß und weit , ehe auch nur immer wieder ein Wort voll Tiefklang kam , von der Stätte des Mosesbrunnens , wo jetzt zum Andenken eine Platte reinen Silbers gebreitet wäre , und die Tropfen ewig flössen seit Jahrtausenden . Er erzählte auch , daß sein schönster Wunsch gewesen , einmal nur einen Trunk aus jener heiligen Quelle zu tun , in demselben Tonfall wehmütigen Sich-besinnens , wie Einhart sich erinnerte , daß Herr Geheimrat Selle immer von den lauteren Quellen der deutschen Altertümer gesprochen hatte , nach denen er eine ungestillte Sehnsucht trüge . Herr Kallinich rühmte dann auch laut Einharts Wißbegierde . Obwohl die Gesellen heimlich empört waren , und sobald er ihnen den Rücken gekehrt , untereinander ausfielen , daß sie viel zu tun hätten , wenn sie auf all den » heiligen Zimt « eingehen sollten . » Stumm und dumm « , sagte der Kurzbärtige , » muß der Geist sein , wenn man zu Gelde kommen will . « Natürlich hielt sich Einhart nur an die Meisterleute . Und es dünkte ihm auch gut , mitzutun , wie es im Hause ging . Der Herr Geheimrat hatte ausdrücklich Familienaufsieht verlangt . Einhart mußte deshalb in der Familie wohnen . Die übrigen Lehrlinge wohnten neben der Werkstatt . Einharts kleine Stube lag gegenüber der Wohnstube , neben der Küche . So konnte er auch oft fromme Gesänge hören , und morgens und abends mußte er es mitmachen . Der Meister sang dabei selber vor , saß mit Würde und hatte ein richtiges Lehr- und Lesepult vor sich , darauf Bibel und Gesangbuch ruhte . Sein großer Mund öffnete sich weit , daß Einhart jedesmal heimlich auf den Moment spannte und dann über die Weite des Mundes heimlich lachen mußte . Aber noch mehr über die gesenkten Mienen der Frau Meisterin , die nur dann und wann seitlichen Blickes im Kreise herum und auf ihre beiden Töchter sah . Eine war noch klein , etwa vier . Die andere ging eben ins Fünfzehnte und sah frisch und frech aus , wie die stülpnasige Mutter . Fromm waren alle . Die Münder aller standen dann im Gesange offen , und es klangen feierliche , laute Betgesänge . Einhart fand es ganz angenehm , so den Tag einzuleiten und auch zu beenden . Er hatte es an sich gern zu summen und zu singen mit vergnügten Augen , und manchmal in die Augen der frechen , jungen Dirne hinein . Im Grunde war er den Ereignissen immer ziemlich fern . Aber was kann das Mühlrad tun , als sich umzudrehen ? Man konnte zunächst nichts weiter erwarten . Ganz allmählich erst begann die junge Seele wieder hinein zu trachten irgendwo in Dinge , die sein würden , wie sie es sich träumte . Ganz allmählich bekam alles das , was da aus der Vergangenheit heilig erstarrend heraufkam , für Einhart einen grauen Hauch drollig trostloser Würde . Ganz allmählich konnte Einhart den Meister und die Frau Meisterin gar nicht anders mehr sehen , als wären sie rückgewendet und hätten ihr Gesicht eigentlich hinten . Er litt manchmal heimlich geradezu wie an einem Narrenzwange und mußte sich richtig besinnen , daß er sich solche Tollheiten nur eingebildet . Aber alles , was der Meister so hinstellte , als müßte man nicht leben , sondern erst sterben , um es zu erlangen , machte ihn rundweg übermütig . So standen sich hier zwei Welten stumm und fern gegenüber . So einfältig die Kohlenaugen Einharts noch immer auch herausblickten auf den frommen Meister und die nußharte Frau Meisterin hin , so kindlich auch und mit Begehren die kleine Berta Einhart zulachte und die erwachsenere Helene schon mit kecker Lockung . Helene war in Einhart gleich verliebt gewesen . Sie kam häufig in seine Stube , vornehmlich Sonntags , und hockte sich zusehend nahe , wenn er dann dasaß und für sich etwas zu zeichnen oder zu malen versuchte . Einhart fand sie immer nur sehr albern . Schon weil sie ein Gesicht hatte , das nie ein Lächeln richtig sanft zeigen konnte und gleich nur wie ein Altes ausbrach . Wobei ihm immer wie Lieblichkeit durchs Träumen das Lächeln ging , mit dem Zigeunerdirnen aus stummen Glutaugen lächeln , » wie wenn Blumen oder Birkenbüsche lachen und flüstern im Winde « , dachte dann Einhart so hin . Diese Helene war jung und derb entwickelt , blond ohne goldnen Schein , blauäugig und doch nichts vom Himmel drin . Wie ein blauer , kalter Kattun war das Auge , leer nur und lüstern . Wenn sie ihn preßte oder seine Hände in die ihren nahm : Nichts tat er , gleichgültig lächelnd war er . Er knipste sie mit dem Finger an die Nase . Er dachte und träumte wahrhaftig andere Dinge , als nur so graues Handwerksleben . Er lebte die Woche mit sich und lief dann irgendwo hinaus , am Sonntagnachmittage , und lag über der Stadt hoch oben am Walde . 2 Es waren mehr als dreiviertel Jahre vergangen , seit Einhart beim Meister Kallinich eingezogen war . Die daheim hatten immer gute Nachrichten erhalten . Der Meister selber rühmte Einharts Anlagen für den Beruf und vor allem , daß er ausgezeichnete Entwürfe lieferte , Ideen selbständiger Art und viel Lust zu derlei reger Phantasiearbeit hätte . Meister Kallinich gab sich alle Mühe , sich Herrn Geheimrat gegenüber mit vollendeter Sachkenntnis auszudrücken . Herr Selle war es jedesmal sehr zufrieden . Aber Einhart hatte auch geschrieben an Mutter und an Rosa . Wie Einhart war . An Vater wohl nur einmal gleich im Anfang und noch unter dem Gefühl der Schuld , die er an ihm begangen . Dann immer nur allerlei drollige Dinge an Rosa hauptsächlich . » Weiße Ziegen weiden hier nicht an dem See . Aber schwarze Bergleute laufen Tausende auf der Straße . Und dann , was das Weiden anlangt , das tun hier so recht sanft und fromm nur die hellen Augen der Frau Meisterin , die jede Ungehörigkeit von Lehrling und Gesellen öffentlich gleich mit Strunk und Stiel abbeißt , und jede Ungehörigkeit des frommen Meisters heimlich . Ich selber weiß von solcherlei , was nicht paßt , schon kein Wort mehr , und wenn ihr mich sehen würdet , dächtet ihr einfach , ich wäre Einhart Kallinich , so renne ich herum zwischen Presse und Tisch und zu allen Kunden und blicke auf , wie ein richtiger Apportierhund . Ich glaube , ich habe auch so helle Augen bekommen , wie die feste Helene , der frommen Meisterin freches Ebenbild . Ach woher nur , eben sehe ich in den Spiegel , und erkenne , daß ich das nur muß geträumt haben . So leicht verfärbt man sich nicht . Aber lachen kann ich garnicht mehr . Eben versuche ich es im Spiegel . Die Augen glotzen mich an , dunkel wie Rosas sanfte , schwarze Kirschenblicke , aber lachen - nichts davon . Es gibt hier nichts zu lachen . Zum Lachen muß ich Sonntags allein auf den Berg gehen . Es ist ein Eichengehölz . Da liege ich manchmal , und auch jetzt im Frühling , wenn die Sonne noch durch das lose , lustige Knospenwerk fällt und nicht vollen Schatten , nur feine Schattennetze auf den Boden wirft . Da merke ich überhaupt immer erst wieder , daß die Welt den Himmel , nicht die niedrige Stubendecke über sich hat , und man nicht nur Steindrucktafeln machen braucht zum Zeitvertreib , auch aus den Stubenwänden hinausfliehen und die ferne , weite Welt ringsum anstaunen kann und Leben fühlen . « Der Brief war , wie ihn nur Einhart schreiben konnte . Er ging aus dem Hundertsten ins Tausendste und nahm kein Ende . Und hatte am Eingang ausgelassene Neckereien und am Ende Einfälle . Und ein Denken an daheim kam nur noch wie eine leere Formel nachgehinkt . Denn Einhart war gesunden Blutes . Daß die daheim krank seien , daß es ihnen nicht wohl sein könnte , daran dachte er mit keiner Silbe . Und daß er Grüße wirklich anfügte , hatten nur die Lehrer verschuldet . Und Einhart tat es mit dem Gefühle , daß er sich am Schlusse des Briefes doch auch einmal vor Vater verneigen müßte , wenn der Vater den Brief oder einiges daraus zufällig zu hören wünschte . Aber Herr Selle bekam dann auch plötzlich wieder einen Brief von Einhart , der zunächst einige Aufregung ins Haus trug . Man hatte erwartet , man könnte nun Jahre ruhig sein , und Einhart würde so , ein gutmütiger Lehrling , allmählich zum Gesellen erwachsen und ein ehrlich-frommer Steindruckmeister werden . Wenn Rosa alle Briefe gezeigt , hätte von solchen Erwartungen nicht die Rede sein können . In einem hatte gestanden : nein , nicht im Briefe - in einem Zettel , der danebensteckte , und auf den er geschrieben : » Ich schreibe das nur auf das Zettelchen , denn das darfst Du einstweilen niemand sagen , auch der geliebten Mutter nicht , die sich nur ängstigt . « Da hatte er geschrieben : » In die Welt gehen muß man , und wenn einem Väter und Gensdarme nachstellen . Das mit den Zigeunern war nur dumm angefangen . Außerdem nur so wandern , das ginge auch nicht . Sowas ist nur ein Kindertraum . Man muß was ausfindig machen . Es muß sich lohnen und einen Sinn haben . Den Mittelpunkt der Welt finden , oder eine schöne Prinzessin , oder den Zauberwald , wo in der Dunkelnacht alle Blätter zu Golde werden . Alle Felsen staune ich hier auf meinem Berge an und denke mir dahinter Säle und Gänge voll bunter Edelsteine . Und einmal finde ich doch noch einen richtigen Schatz ! « Das war alles nur Lust zu fabulieren . Er hätte nicht gewußt , wie und wo ? Aber in seinem Briefe an Vater war der Ton ganz anders . Denn da wußte er zunächst ganz deutlich , daß er es bei Meister Kallinich nicht zu finden dachte . » Geliebter Vater ! « schrieb er , » ich muß Dir ein Geständnis machen , daß es mir immer noch sehr auf dem Herzen liegt , daß ich Dir viel Kummer gemacht habe . Ich bin aber jetzt ein Anderer geworden . Und habe viel über mich nachdenken und so zur Besinnung mich bringen können . Vielleicht hat Dir Herr Kallinich geschrieben . Er ist immer mit mir zufrieden . Die Kunstarbeit hat mir immer Freude gemacht . Wirst Du nicht böse sein ? Es kommt mir vor , als ob ich es weiter bringen könnte , als nur solche Steindruckerei . Erlaube mir doch , daß ich mich zum Maler ausbilden darf . Vielleicht glaubst Du mir . Ich will mich gewiß zusammennehmen und nicht abirren . « Dieser Brief machte daheim Aufregung . Herr Selle traute nicht und war unwillig . » Er ist kaum in Ruhe gekommen , nun fangen die Treibereien neu an . Er bleibt in der Lehre . « Aber Frau Selle wußte auf die drolligen Talente hinzuweisen . Sie brachte die kleine Katzenfamilie aus dem Glasschrank , die Einhart aus Wachs geknetet , eine ganz erstaunliche Leistung voll beobachteten , spielerischen Lebens . Die Schwestern redeten zu . Rosa sagte unverhohlen : » Wenn er Maler wäre , Papa , das wäre doch ganz was anderes ! « Woraus Herrn Selle ein eigenes Gefühl der Beschämung durch seine Seele huschte , daß sein einziger Sohn es nur gerade bis zu einem Handwerksgesellen oder Handwerksmeister bringen sollte . Das alles kam zusammen , daß Einhart sein Plan gelang , und gründlich gelang . Gründlich , wie Herr Selle in solchen Dingen war , und doch mit einem Zuge noch , daß man diesem Menschen durchaus die Wege nicht zu sehr ebnen und dem eignen Sichzusammenraffen und Weiterhelfen und Sichbesinnen nicht mit törichter Sorglichkeit vorgreifen dürfte . Er hatte erst Rücksprache mit dem Lehrerfreunde genommen , der Einhart kannte . Der Direktor riet ganz und garnicht ab . Dem Direktor fiel sogar eine Last von der Seele , daß nun Einhart sich zu Besserem durchzufinden angefangen . Er wußte , daß Herr Selle in der ganzen Zeit wegen Einhart noch immer heimlich litt . Nun sagte er sogar : » Ja - das habe ich mir immer schon gewünscht , daß er solche Wendung nehmen möchte . Ich bin sicher , so kann er noch ein ganz tüchtiger Mensch werden . « » Nun gut ! « sagte Herr Selle einigermaßen zufrieden . » Ich will ihn nicht stören . Mag er den Schritt versuchen . « Man setzte ihm ein kleines Monatsgeld sicher aus und erlaubte ihm , nach der Akademiestadt zu fahren , nachdem noch mit Meister Kallinich in aller Zufriedenheit die Dinge alle geordnet wären . Meister Kallinich setzte den Erwägungen des Herrn Selle die Krone auf , indem er in seiner frommen Bescheidenheit schrieb , daß er es schon vorher , » gleich wie er die Talente Einharts gesehen , gewußt hätte , daß Einhart durchaus zu etwas Höherem berufen wäre . « Und man ging in die Neuordnung der Lage in ganzer Harmonie . 3 Einhart war zum ersten Male in der großen Stadt . Er kam an mit einer ganz einzigen Spannung in den gelbgrauen Mienen und ging vom Bahnhof gleich in die Hauptstraße , um sich in der Menge umzusehen . Wer ihn so sah in seinem braunen Röckel und dem dunklen Rundhut , wußte nicht , ob er einen dürftigen Photographen oder einen von einer fliegenden Theatertruppe vor sich hatte . Man konnte auch an einen Gaukler denken , der auf dem Seile tanzen , oder mit goldnen Kugeln vor den Augen seiner Zuschauer spielen und sie in die Luft werfen könnte , daß dann gleich , wie im Märchen die schöne Quellfrau es tat , die goldnen Bälle wieder mit Donner und Blitz herniederführen unter die strömende Menge . Einhart hatte eine ganz besondere Art , sich hin zu bewegen , mit einer spitzen Miene manches zu umgehen , daß er recht auch aussah , als wäre er auf Diebeswegen , beschliche etwas , und täte heimliche Erwägungen , wie an Menschen und Dinge und Schauauslagen geschicklich heranzukommen . Er war am Nachmittag angekommen . Auch an die Akademie ging er . Er sah das Gebäude lange an . Es kamen einige Jünglinge mit Mappen heraus , auch ein wenig wie er , weil sie gleich ihm die Strähne der Haare unter dem Hute hatten hervorquellen lassen . Nur gleichgültig jetzt und gewohnt an die Anblicke des treibenden Lebens , an den breiten Strom voll Sonne unten tief an dem Mauerwerk , und an die ragenden Gebäude und blühenden Gärten , die sich jenseits des glatten , quirlenden Stromwassers , das um die Brückenpfeiler sich staute , angesiedelt . Und dann war des Besinnens nicht lange gewesen . Einhart wußte immer zu finden , wenn es ihn selber vorwärts trieb . Er hatte die Nacht in einem kleinen Gasthause zugebracht . Und am folgenden Tage hatte er es nicht erwarten können , seinen Platz in dem Atelier des Meisters Teodor zu erobern , seine Handwerkszeuge zusammenzukaufen und dann sich in einer kleinen Bude hoch oben in einem Mietshause im vierten Stock einzurichten . Schon am dritten Tage war Einhart unter denen , die morgens in die Akademie eingingen . Und man kann sagen , er ging mit einem wahren Hunger ein . Er dachte an Wunderdinge . Er dachte , nun müßte sich eine ganze Welt auftun . Hier war einer der berühmten Männer , die es besaßen , wonach sich viele Jünger zeitlebens sehnten . Das Atelier Meister Teodors war hoch und hell . Ein Tisch stand neben der Wendeltreppe , die einen aus dem Meisteratelier emporführte . Eine große Chaiselongue stand mitten , davor ein Eisbärfell mit offnem Rachen sich gelagert , während Kopf und Rachen eines andern über das Keilende des Lagers herunterhing . Die Skizzen an den Wänden waren reichlich . Ein paar Staffeleien standen herum . Der Meister war ein Mann voll heiterer Miene , dabei sehr geradezu . Einhart kam , wie er seine Farbskizzen kritisierte , nicht aus dem Lachen heraus . Zu sagen , was nicht stimmte , wußte Meister Teodor . Er hatte einen Knebelbart und einen Schnurrbart , die er abwechselnd zupfte , wenn er Witze machte . Und er machte immer Witze . Auch wenn er sein Modell zu Änderungen seiner Stellung mit dem Malstabe anrührte , oder wenn seine großen , grauen Augen noch weiter wurden , und er zurückgelehnt scharf eine Linie des nackten Leibes beäugte , sie scharf gesehen hinzubringen . Der Meister malte ewig Frauen in allerhand idyllischen Lagen . Im Atelier standen mehrere große Bilder . Eines stellte die Hoffnung dar . Ein nacktes Mädchen im Walde , mit Augen , die ebenso groß , wie leer schienen , und hoffnungslos in die Ferne blickten . Einhart sah die Tafel lange stumm an . Es fiel ihm jetzt ein , daß er unter Hoffnung sich eigentlich niemals etwas Rechtes gedacht . Die Sache war ihm neu . Er wußte garnicht , ob es ihm gefiele . Er hatte einstweilen nur auch ein großes Staunen , wie das alles sicher gemacht schien . Einhart mußte mit dem Einfachsten beginnen . In der oberen Klasse saßen die Schüler zusammen , von Porträtbüsten abzuzeichnen . Der Zeichnenlehrer tadelte gleich seine Blätter und rühmte nur anfangs einmal etwas wie Stilisierung . » Aber Stilisierung , mein Lieber ! Sie fangen die Kirche mit dem Turm an , « sagte der alte , graubärtige Murrkopf in sehr bekannter Wendung , die Einhart doch originell dünkte . » Erst müssen Sie was können , dann können Sie stilisieren . « Das alles däuchte jetzt Einhart zuerst durchaus richtig . Auch in den kommenden Monaten noch war er eingeschüchtert . Er begann erst allmählich ein Gefühl zurück zu gewinnen , was aus ihm selber kam . Die Jungen in der Schule waren sehr verschiedenen Gelichters . Einige waren unsäglich peinlich . Das Zeichnen zeigte es : unglaublich geordnet und sicher und reinlich - und die Dinge recht , wie sie Gevatter Akademiediener oder der Barbier sah , der zum Direktor durch das Treppenhaus ging . Man wußte im voraus , was sich Großes enthüllen würde . Dann waren einige , die immer nur auf die Blätter der andern sahen , Glossen machten und selber nichts konnten . Die machten freche Bemerkungen an allen Ecken über Dinge und Lehrer und freche Witze über die Reize der Modelle , die Einhart tatsächlich unangenehm waren , so daß ihm einmal über die gefühllose Art , wie man ein junges , halbwüchsiges Mädchen sich hatte entkleiden lassen , ein Ekel angekommen . Und Einhart war garnicht gesprächig . Er ließ alle reden . Und je mehr er schwieg , desto mehr buhlte alles allmählich nach seiner Teilnahme . Allen erschien Einhart rätselhaft . Seine Augen sahen beim Arbeiten herrisch aus , so einfältig und gutmütig er sonst auch schien . Und Einhart zeichnete sonderbar . Garnicht , wie man es sich dachte . » Lächerlich , « sagte der Direktor , der herzukam und durchging . » Was zeichnet der Mensch ? Haben Sie denn so etwas hier schon gesehen ? Wollen Sie denn nicht sich daran halten , welche Aufgabe gestellt ist ! « Und er wies auf die Tafel des Nebenmannes , die den Leib der Jungen trocken und nahe wiedergab . Einhart hielt sich auch dabei ganz verschlossen . Die Mitschüler sahen sich dann alle die Tafel an , die der Direktor mißliebig angesehen . Und das ging so weiter . Denn auch der berühmte Meister Teodor sagte : » Was uns dieser Herr Selle alles an Kunst vormacht ! « Und er mußte rundweg lachen , wie ein voller Bauch lacht , daß es ganz bis zu den Beinen geht , und der Kopf sich beugen , und die Kniee knicken müssen . Einhart dachte dann nicht daran , ernst zu sein . Er lachte mit . So ging es bald , daß man Einhart in der Akademie kannte . Schon weil man über seine Zeichnungen und Malereien jetzt immer lachen mußte , die Meister mit den Schülern , und weil ein jeder die Werke Einharts kannte , als gingen sie mit einem jeden . Niemand trug heim , was der Meister selber auf die Tafel gebracht . Das schien allen eine rechte Arbeit . Und wer nur so auf die Dinge hinblickt , wie ein Mäher auf die Blumen , dem es auf das Gras ankommt , der konnte wohl über die sogenannte Natürlichkeit staunen . Aber einen Witz hatte man nicht im Ohr , eine einzige Weise nicht in der Seele , eine seltsame Fügung und einen Anklang eigenen Schicksals durchaus nicht . Das schien aus Einharts Zeichnungen heraus , und wie er mit der Malerei erst begonnen , gar aus seinen Entwürfen . Toll sahen sie aus . Dünn