ist Nußbach die Zentrale , und wenn man sozusagen systematisch vorgeht , muß die Bewegung von hier aus in die einzelnen Kanäle geleitet werden . Hier ist der Sitz der Presse , und so weiter , net wahr ? « » Is scho recht , « sagte Wimmer . » Aber dös mit da Versammlung , Prantl , dös muaß z ' sammgeh ' . Je eh ' nder , desto besser . « » Es braucht sei Zeit , « antwortete Prantl , » mir müassen an bekannten Redner hamm , mir müassen in de Gemeinden Leut ' hamm , und mir müassen aa de Stimmung kenna . G ' rad bei der ersten Versammlung müassen mir Obacht geb ' n , daß mir net fallieren . « » Um d ' Stimmung brauchst di net z ' kümmern . I kenn ' Leut ' g ' nua , de auf unserer Seiten san . « » Ob sie sich aber trau ' n in der Öffentlichkeit ? « » Warum denn net , g ' rad g ' nua gibt ' s. Da is der Kronschnabl von Bachern , und der Stuhlberger von Giebing und der Wanninger und der Rädlmayer von Schachach : g ' nua gibt ' s. « » Man müßte sozusagen ein Verzeichnis anlegen , « sagte Schüchel , » auf der einen Seite müßte die Gemeinde stehen und auf der anderen der Name , net wahr ? Von dem Betreffenden . Und jeder müßte sozusagen ein Unterverzeichnis haben , wo diejenigen stehen , welche er für unsere Sache gewinnen kann . « » Ja , ja , « antwortete Prantl , » so oder anderst müassen mir ' s macha . Aba paß auf , Wimmer , in d ' Hand muaß de Sach ' g ' numma wer ' n , und a Versammlung muaß ' s geben , daß d ' Leut ' schaug ' n , und unser Großkopfeter dazu . « Er meinte wieder den königlichen Bezirksamtmann von Nußbach . Der Pfarrer von Giebing , Dekan und päpstlicher Hausprälat , Mitglied der Kammer der Abgeordneten , sagte zu Herrn Franz Otteneder : » Ich versichere Sie , Herr Bezirksamtmann , es ist so . Wenn nichts geschieht , haben wir bei jeder Gemeinde den Krieg . Es muß etwas getan werden . « » Es fragt sich nur , was , Herr Dekan . Ich bin schon längst informiert , daß die Bündler bei uns Boden gewinnen . Ich erhalte fast täglich Zuschriften von Ihren Kollegen . Ja , das ist alles recht , aber . « Otteneder zuckte die Achseln . » Es lassen sich schon Mittel finden , Herr Bezirksamtmann . « » Zum Beispiel ? « » Durch persönlichen Einfluß . « » Den haben Sie mehr wie ich . Was zu mir kommt , das sind die Bürgermeister . Ich verkehre nur indirekt mit den Gemeinden ; Sie sind an Ort und Stelle . « » Aber gegen uns richtet sich die ganze Bewegung . Wir sind Partei , und was wir sagen , gilt nicht . Sie kennen ja unsere Bauern . « » Ob ich sie kenne ! Deswegen sage ich , wie soll denn ich bei der hartköpfigen Gesellschaft ankommen ? « » Sie müssen aber zugeben , Herr Bezirksamtmann , daß man nicht die Hände in den Schoß legen kann . Denken wir an die Zustände in Niederbayern ! Es darf nicht soweit kommen . « Herr Dekan Metz beugte sich vor und versuchte , mit der Hand um seinen ausgepolsterten Rücken herum und in die rückwärtige Tasche zu kommen . Nach ein paar hastigen Bewegungen gelang es ihm , und er zog sein geblümtes Taschentuch heraus , mit dem er sich die Stirne trocknete . » Denken Sie an Niederbayern ! « wiederholte er , und seine Augen drückten eine ernstliche Besorgnis aus . Otteneder stand auf und ging auf und ab . » Ich habe den besten Willen , Herr Dekan . Ich will keineswegs ruhig zusehen . Gewiß nicht . Aber man redet immer nur von der Gefahr . Wenn ich nur einmal etwas von den Mitteln dagegen hören würde ! « » Ich dachte , es muß gehen . « » Das denkt die Regierung auch . Sehen Sie , da kriege ich immer Schreiben . Man erwartet , daß die Bewegung nicht um sich greift . Na , Sie wissen das ja ! « » Ich habe vor vierzehn Tagen mit der Exzellenz darüber gesprochen . « » Und ? « » Der Minister meint eben auch , der persönliche Einfluß . « » Tja , der persönliche Einfluß . Das heißt , man macht uns dafür verantwortlich . « » Das nicht , aber ... « » Nu natürlich , Herr Dekan ! Ich weiß doch , wie das ist . Läßt sich die Geschichte nicht aufhalten , dann heißt es , wir haben die Gefahr nicht erkannt , oder wir haben es nicht verstanden , auf die Leute günstig einzuwirken . Wir müssen es ausbaden ; die Herren oben natürlich nicht . « » Unter Einfluß , da verstehe ich doch nicht bloß Überredung , Herr Bezirksamtmann . « » Sondern . « » Sondern , ja ! Da gibt es viel . Alles , was halt die Aufsichtsbehörde ... wie soll ich sagen ? Was halt die Aufsichtsbehörde sonst anwendet . Es gibt aber doch manches . « Otteneder setzte sich und spielte nachdenklich mit einem Lineale . » Was meinen Sie damit , Hochwürden ? « » Nichts Bestimmtes , Herr Bezirksamtmann . Aber ich denke , zum Beispiel , wenn Versammlungen stattfinden sollen . Man liest , daß hie und da eine Versammlung verboten wird . « » Aber nicht jede . Und was hilft es dann ? « » Man könnte auf die Wirte einwirken , daß sie kein Lokal hergeben . Ein Wirt ist doch immer angewiesen auf das Bezirksamt . « » Einigermaßen , ja . Aber das sind Mittel , einmal helfen sie , einmal nicht . Und übertreibt man sie , dann schreien die Leute noch ärger . « » Auf alle Fälle muß man jetzt vor den Gemeindewahlen etwas tun . Daß uns nicht lauter Bündler als Bürgermeister hingesetzt werden . « » Ich bin der Sache schon näher getreten , Herr Dekan . « » Ich weiß , mit der Umfrage . Haben Sie überall Auskunft bekommen , Herr Bezirksamtmann ? « » Von den meisten . « Otteneder schloß den Schreibtisch auf und nahm einen umfangreichen Aktenbündel aus der Lade . » Sehen Sie , das sind die Antworten . Namen genug , fast zu viel . « » Ich habe unterderhand dafür gesorgt , daß die Beteiligung möglichst allgemein war , Herr Bezirksamtmann . « » Nachträglich meinen Dank , Hochwürden . Aber nun sagen Sie einmal selber ! Da sind mir von etlichen vierzig Gemeinden vielleicht dreihundert Männer bezeichnet , die als Bündler gelten , und die nicht in die Ausschüsse kommen sollen . Dreihundert , Herr Dekan ! Wie kann ich das verhindern ? « » Nicht bei allen . Aber doch bei den Gefährlichsten . Zum Beispiel in meiner Pfarrei der Stuhlberger und der Meisinger ! Das ist ganz ausgeschlossen , daß einer davon Bürgermeister wird ! Das hieße geradezu den Aufstand proklamieren , das hieße die Stellung des Pfarrers unmöglich machen . Der Meisinger tut mir seit sechs Jahren alles an , was er nur kann . Geradezu verbrecherisch . « Der Dekan geriet in Eifer . Er schlug mit der Hand heftig auf die Papiere , welche den Namen Meisinger enthielten . » Hochwürden , ich habe mir die Namen besonders notiert . « » Der Mensch hat Verleumdungen gegen mich begangen und Personen hereingezogen . Ich will mich nicht weiter ausdrücken . « » Herr Dekan , Sie können sich darauf verlassen ... « » Dieser Mensch ist ein Gottesleugner , ein Kirchenschänder . Er hat die boshaftesten Lügen über mich in der Zeitung verbreitet . Entschuldigen Sie , wenn ich heftig werde ! « » Es sind Ihnen einmal die Fenster eingeworfen worden ? « » Ja , das war der Meisinger . Und kein anderer . « » Ich notiere mir ' s , Herr Dekan . Das ist jetzt einer . Aber dreihundert ? « » Ich blicke wirklich trübe in die Zukunft , Herr Bezirksamtmann . « Otteneder machte eine verbindliche Bewegung . » Ich hoffe , daß die Herren selbst Einfluß haben . Die Wahlen fallen vielleicht besser aus , als wir denken . « » Ich fürchte , ich fürchte , es gibt Überraschungen . Aber ich habe Ihre Zeit lange in Anspruch genommen . « » Bitte , ich bin sehr dankbar für Ihren Besuch . Und für jede Unterstützung . Ich empfehle mich Ihnen . « Der päpstliche Hausprälat näherte sich der Türe . Unter derselben blieb er stehen . Er hatte noch etwas vergessen . » Herr Bezirksamtmann , pardon ! « » Sie wünschen ? « » Mein Amtsbruder in Erlbach schreibt mir , daß er mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen hat . « » So , so ? « » Ich möchte ihn warm empfehlen . « » Was sich tun läßt .. , « » Nochmals besten Dank , Herr Bezirksamtmann . « Die Türe schloß sich , und Otteneder war allein . Er setzte sich an den Schreibtisch und sah zur Decke hinauf . » Meisinger , Stuhlberger , der Pfarrer von Erlbach . Es hätte noch mehr sein können , « sagte er . Und sein Gesicht nahm wieder den mürrischen Ausdruck an . Ungewohnte Arbeit und eine neue Verantwortlichkeit , das sind Dinge , die einen nicht fröhlich stimmen . Diese Neuerungen , welche überall störend eingriffen , und das Amtieren erschwerten ! Früher , ja , da war alles besser gewesen . Wer achtete früher auf die Unzufriedenheit der Bauern ? Sie drang nicht in die Öffentlichkeit ; wenn einer mit seiner Klage in das Amt kam , sagte man ihm , es werde schon einmal besser werden , und man wolle überlegen , wo zu helfen sei . Man schrieb und verordnete , und die Regierung war zufrieden , wenn auf dem Papiere alles in Ordnung war . Jetzt sollte mit einem Male alles aus großen Gesichtspunkten geschehen . Und dabei war alles im Ungewissen , nirgends eine feste Richtschnur . Schimpften die Bauernbündler , dann empfand man es oben sehr unangenehm ; schrien die Geistlichen in ihrer Presse , dann war es zweimal nicht recht . Das pendelte hin und her . Dazu eine heillose Angst vor dieser lärmenden Bewegung , weil sie Volksschichten aufwühlte , die bisher so angenehm teilnahmslos waren . In der Politik wird das Zuwenig gleich ein Zuviel , und ganz selten wird die Mitte eingehalten . Solange noch etwas zu richten war , hatte man nicht auf die Bauern geachtet . Jetzt zeigte man eine übertriebene Furcht , die von den Geistlichen sorgsam genährt wurde . Zum Beispiel dieser vortreffliche Erlaß der Regierung ! » Die Vorstände der Bezirksämter sollten ein besonderes Augenmerk darauf haben , daß die bevorstehenden Gemeindewahlen ein gutes Ergebnis lieferten , daß insbesondere nicht die Führer der Bewegung in Vertrauensstellungen gelangten . « Das war richtige Stubenweisheit , und der Verfasser mochte glauben , wie klug er mit ein paar Federstrichen nützliche Verhaltungsmaßregeln angegeben hatte . Freilich , der persönliche Einfluß mußte hier das Beste tun . So sagte auch der Abgeordnete , Hochwürden Herr Dekan Metz . Das dachten sich die Leute so . Franz Heinrich Otteneder , der Sohn des Landrichters gleichen Namens , und der Enkel des Salinenadministrators Johann Otteneder , zuerst Schüler eines Gymnasiums , Student in München und späterhin durch lange Jahre Assessor in einer fränkischen Kreisstadt , sollte seinen persönlichen Einfluß geltend machen . Bei den Dickschädeln der oberbayerischen Hochebene , deren Sprache er kaum verstand , und die ihm so fremd waren , wie die Neger an den Strömen Afrikas . Aber eines war gewiß . Er durfte den Erlaß seiner vorgesetzten Regierung nicht einfach beiseite legen ; er mußte Eifer zeigen . Nach längerer Überlegung hatte er das vertrauliche Schreiben an die Pfarrer seines Bezirkes gerichtet , betreffend Gemeindewahlen . Mit der Bitte , die Leute namhaft zu machen , welche sich in der Agitation für den Bauernbund hervortaten oder von denen solches zu erwarten stand . Das Ergebnis war befriedigend . Otteneder konnte einen umfangreichen Akt anlegen , der als Beweis für einen bereitwilligen Fleiß gelten durfte . Nicht jeder Pfarrer schickte eine Liste . Aber der Ausfall wurde gedeckt durch den Eifer der anderen . Die längste kam aus Erlbach . Von 106 Gemeindebürgern mußte Herr Jakob Baustätter leider 59 als schlechtgesinnt bezeichnen . Sein Bericht begann mit der Erklärung , daß nicht etwa seit kurzem eine betrübende Abneigung gegen die Kirche und jegliche Autorität zu bemerken sei . Diese wäre bereits zutage getreten , als der hochachtungsvollst Unterfertigte den Bau eines neuen Turmes beantragte . Was damals von einem königlichen Bezirksamte vielleicht nicht so gewürdigt worden sei . Natürlich in wohlmeinendster Absicht . Nach dieser Einleitung kam das Verzeichnis der Abtrünnigen ; bei jedem Namen eine Randbemerkung . Der Schluß lautete wörtlich : » Einem hohen Bezirksamte kann ich nicht umhin , noch eine sehr wichtige Mitteilung zu machen . Es verlautet , daß in diesem Jahre Andreas Vöst Bürgermeister werden soll . Dieses wäre von den schwersten Folgen begleitet . Vöst ist die Seele des Aufruhres und ein rachsüchtiger Mensch . Ich möchte hinweisen , daß ich zur rechten Zeit gewarnt habe , wenn sich ein unermeßlicher Schaden ergibt . « Otteneder übersah die anmaßliche Bosheit nicht , welche in diesem Satze steckte . Er mußte ihn ernst nehmen ; nicht , weil er den Andreas Vöst , sondern , weil er den Jakob Baustätter scheute . Den Herrn Pfarrer von Erlbach , welcher ihm zu verstehen gab , daß er die Welt mit Lärm erfüllen werde , wenn sein Wunsch kein Gehör fände . Und Otteneder wußte jetzt , daß die Umfrage ein Fehler war . Indem er diese Herren um Auskunft anging , gab er ihnen ein Recht , Ratschläge zu erteilen . Indem er sie um einen Dienst für das allgemeine Wohl ersuchte , verschaffte er ihnen Gelegenheit , ihre persönlichen Interessen hinein zu mengen . Er hatte sie im voraus zu Richtern über den Ausfall der Wahl bestellt . Wenn er es recht überlegte , blieb ihm nur mehr ein Weg offen . Er mußte mit dem Klerus gehen und sich den Anschein geben , als wenn er seine Wünsche teile . Es geschah ihm das gleiche wie der Staatsregierung . Er wollte die Geistlichkeit für seine Zwecke benützen und diente unversehens den ihrigen . Wer Freude am Herrschen hat , unterwirft sich aber nicht gerne , und deswegen war Franz Otteneder schlechter Laune . Er stand wieder auf und stellte sich an das Fenster . Die Bürger kamen gerade aus der Brauerei . Prantl schüttete eine Prise Tabak auf die Hand und schnupfte . Der Melber Wimmer schaute in die Sonne und gähnte herzhaft . » Das ist ein Volk , « sagte Otteneder , » das frißt und sauft den ganzen Tag . « Sechstes Kapitel Zu Allerseelen konnte man sehen , wer in Erlbach Geld hatte . Die Gräber der reicheren Leute waren schön geschmückt mit Kränzen aus Strohblumen , an denen Glasperlen hingen . Große Laternen mit roten und blauen Gläsern warfen ein auffälliges Licht auf die steinernen Engel und die Kreuze und Anker . Es konnte keiner daran vorbeigehen , ohne zu sagen : » Da liegt der Paulimann oder der alte Hahnrieder . Es ist eine Pracht , wie sie das Grab hergerichtet haben . « Auch die Ruhestätte der Anastasia Vöst war in gutem Stande . Ihr Name prangte mit neuen goldenen Buchstaben unter dem des ehrengeachteten Johann Vöst , welcher zu Lebzeiten ihr Ehemann gewesen war . Daneben sahen die Gräber der kleinen Leute noch einmal so dürftig aus . Die hölzernen Kreuze waren verwittert und die Inschriften so unleserlich , daß unser Herrgott Mühe haben mußte , wenn er die kleinen Häusler und Ehehalten nicht verwechseln wollte . Da waren keine künstlichen Blumen und keine Kränze mit Glasperlen , sondern Tannenreisig und Stachellorbeer . Hier und dort war eine windschiefe Stallaterne aufgestellt , in der ein Lichtlein brannte , so kümmerlich und unansehnlich , wie das Leben dessen war , der hier auf die Auferstehung wartete . Das Seelenamt war zu Ende , und aus der Kirche kamen in feierlicher Prozession alle Gläubigen mit dem Pfarrer an der Spitze . Sie gingen an den Gräbern entlang , und alle zwei Schritte hielten sie . Dann tauchte der Pfarrer den Wedel in das geweihte Wasser und sprengte es nach links und rechts . Über die Ruhestätten der Reichen ging ein Regen nieder ; man hörte ihn auf den Kränzen und Blumen rauschen ; die Armen , welche weiter entfernt lagen , bekamen nur ein paar Tröpflein . Aber sie waren auch damit zufrieden , und die kleinen Lichter in den Stallaternen erschauerten ehrfürchtig vor dem Segen . Der Kooperator schritt hinter dem Pfarrer einher und respondierte seinem Gesange . » Requiescat in pace ! « Er spitzte bei den lateinischen Worten den Mund und machte ihn rund und zierlich . Er sah zum Himmel auf ; demütig und doch mit stolzem Vertrauen . Als wollte er dem , der über den Wolken thront , sagen , er könne vollauf zufrieden sein mit diesem seinem Geschöpfe Aloysius Sitzberger . » Requiescat in pace ! « Der Kooperaror ließ seine Augen wieder auf irdischen Dingen haften , und plötzlich richteten sie sich stechend auf einen Punkt . Er beugte sich vor und flüsterte dem Pfarrer einige Worte zu . Der hochwürdige Herr wendete das Haupt und blickte ebenfalls scharf über die Kirchhofmauer hinüber . Und siehe da , er bemerkte ein Geschehnis , welches ihn so erregte , daß sich seine Stirne rötete . Er hielt inne mit seinem Gesange , und alle , die um ihn standen , drängten sich näher heran und schauten . In dem grünen Rasen , unter welchem das Heidenkind verscharrt war , steckte ein roh gezimmertes Kreuz , und daran hing ein kleiner Kranz . Der Pfarrer glaubte nicht , daß dies etwa durch ein Wunder geschehen war , und er hatte recht hierin . Denn das Kreuz war vom Knechte des Schuller in aller Eile verfertigt worden , und die Bäuerin hatte es den Abend vor Allerseelen auf das Grab des kleinen Heiden gesteckt . Niemand wußte darum ; die Schullerin hatte das Kreuz unter ihre Schürze versteckt und war auf Umwegen in den Friedhof gegangen . An dem Tage , wo man aller Verstorbenen gedachte , erinnerte sie sich des kleinen Kindes , das sie unter dem Herzen getragen und doch kaum mit Augen gesehen hatte . Es war Fleisch von ihrem Fleische , wenn es auch abseits lag von den katholischen Christen , und sie meinte , irgend etwas müsse an sein Dasein erinnern . Sie wählte das Zeichen des Kreuzes und dachte in ihrer Einfalt nicht , daß sie damit den lieben Gott beleidigte . Es erging ihr wie dem Könige Ozias , von dem geschrieben steht , daß er Weihrauch vor dem Herrn anzünden wollte . Und die Priester zürnten ihm darum und sagten : » Es ist nicht deines Amtes , Ozias , sondern der Priester , welche geweiht sind zu diesem Dienste . Hebe dich hinweg , denn dies wird dir nicht zur Ehre gerechnet vor Gott dem Herrn ! « Auch Pfarrer Baustätter ergrimmte , als er sah , wie man hier in sein heiliges Amt eingegriffen hatte . Er eilte mit raschen Schritten hinweg , und Sitzberger folgte ihm . Wie sie voll Eifers und Rachedurstes dahingingen , daß ihre Chorröcke flogen und im Winde flatterten , sahen sie aus wie die zürnenden Priester , welche vorzeiten den König Ozias zum Tempel hinausgeworfen hatten . Sie liefen um die Mauer herum und traten auf das Grab des Heidenkindes . Baustätter faßte das Kreuz und riß es heraus , dann zerbrach er es über dem Knie und warf die Stücke weg . Die Menge stand Kopf an Kopf und schaute zu . Den Weibern ging es an die Herzen . Sie bekreuzten sich und blickten scheu zu der Schullerin hinüber , die sich keinen Rat wußte und jämmerlich weinte . Von den Männern fühlten wohl einige , daß dieser Priester widerlich war , der sich so aufgeregt gebärdete , und dem dabei der weibische Rock an die Waden schlug . Als Baustätter wieder im Friedhofe stand , entblößte er sein Haupt und sprach : » Andächtige Christenversammlung ! Ich war es denen , die in Christo dem Herrn verstarben und welche hier unter dem Zeichen des heiligen Kreuzes ruhen , schuldig , daß ich die frevelhafte Nachbildung dieses Zeichens aus dem geweihten Boden entfernte . Es ist schmerzlich , eine solche Pflicht zu erfüllen , aber es ist notwendig . Amen . « Der Schuller stand nicht unter den Leuten , als das geistliche Gericht erging , und seine Bäuerin wollte ihm nichts sagen . Aber den Frauenzimmern kann man ein Geheimnis leicht abschauen . Sie zeigen nichts auffälliger als das , was sie verbergen wollen . Wie die Schullerin die Stubentüre öffnete und den Bauern auf der Ofenbank sitzen sah , fuhr sie zurück und hob im Hausgange ein verdächtiges Wispern mit ihrer Tochter an . Alle zwei flüchteten in die Küche . Der Schuller ging ihnen nach . » Was geit ' s denn ? « fragte er . » Nix . Was soll ' s denn geb ' n ? « » Für was bischt denn so z ' ruck ' sprunga vo da Tür ? « - » I ? « » Ja ! Hat ' s wieder was geben in da Kircha ? « Die Schullerin wurde kleinmütig und erzählte alles . Aber ihre Angst war überflüssig . Der Bauer hörte sie ruhig an , und er sagte bloß : » Dir is g ' rad recht g ' schehg ' n. « » I bin do gar nix vermoant g ' wen ! « » Weil du nia nix denkst . « » A ganz a kloans Kreuzel , dös ko do neamd im Weg umgeh ' ! I ho do gar nix g ' moant . « » Geh zua ! « » Da tat ' st du sag ' n , es g ' schiecht mir g ' rad recht . Es is do nix Schlecht ' s , bal ma woaß , daß net grad a Hund dort liegt ! « » Geh zua , sag i ! Laaf du an Pfaffen it nach ! Nacha ko er dir nix toa . « Der Schuller drehte sich um und ging . Er war nicht so ruhig , wie er sich gab , aber die Bäuerin brauchte das nicht zu wissen . Wenn er dabei gewesen wäre , wie sie herumtrampelten auf dem Grabe , vielleicht hätte er den Menschen gepackt , und hätt ' er ihn gehabt , es wär ' ihm nicht gut gegangen . Und dann wär ' er selber unglücklich geworden , vielleicht für sein ganzes Leben . Das war der wert ! » Geh ' zua ! « Einige Tage nach Allerseelen kamen die Lehrer der benachbarten Gemeinden in Aufhausen zusammen ; es war ein alter Brauch , sich in jedem Monate einmal zu sehen , und über Beruf und andere Dinge zu reden . Diesmal war es ziemlich lebhaft geworden , und Herr Stegmüller hatte über vieles nachzudenken , als er den Weblinger Feldweg entlang schritt . » Welche Haltung sollen wir bei den Gemeindewahlen beobachten ? « Über diese Frage hatte der Lehrer von Hilgertshofen einen Vortrag gehalten . Der war ein systematischer Mensch , welcher alles mit erstens , zweitens und drittens haben mußte . Und da war doch wenig oder nichts zu sagen . Wer einen politischen Kampf führen will , muß unabhängig sein ; und das waren die Lehrer nicht . Sie konnten nicht gegen die Geistlichkeit streiten . Erstens , zweitens und drittens , weil die Pfarrer auch Schulinspektoren sind . Die Bauern sollten ihre Sache nur selber ausfechten ; und wer weiß , wenn sie die Oberhand hätten ? Wer weiß , ob es die Lehrer dann besser träfen ? Das kann niemand sagen . Überhaupt so gescheite Reden ! Herr Stegmüller blieb stehen und schlenkerte die schweren Erdknollen weg , die sich an seinen Stiefeln festgesetzt hatten . Wie grau und öde jetzt alles war ! Das Feldkreuz sah aus wie ein Grabstein ; die zwei Buchen , welche daneben standen , ließen ihre verwelkten Blätter auf den Gekreuzigten fallen . » Da war es , « dachte Stegmüller , » da hat er gesungen , wie das hübsche Mädel dabei war . « Was ihm der Lehrer von Aufhausen erzählte ! Der Studiosus Mang komme häufig in das Haus des Herrn Kaufmann Sporner und musiziere mit dem Fräulein . Und das Fräulein habe ganz begeistert an die Frau Lehrer geschrieben über den Herrn Mang und seinen Tenor , und der Herr Mang hatte ihm , dem Herrn Stegmüller , geschrieben . Auch ganz begeistert über das Familienleben beim Kaufmann Sporner . Was war am Ende dabei ? Junge Leute und die Freude an guter Musik . Denn der Mang , der war ein Künstler , gewiß und wahr . Aber der Lehrer von Aufhausen hatte gesagt , der Studiosus wäre gar nicht so dumm , denn der Sporner Michel mit seinen zwei Häusern und dem alten Geschäft wäre kein übler Schwiegervater . Was hatte Sylvester damit zu schaffen ? Weggehen vom geistlichen Berufe ? Wenn er bloß die Miene dazu machte , dann zog sein Vetter die Hand von ihm ab : der Spanninger von Pasenbach , der ihn studieren ließ . Stegmüller blieb wieder stehen ! Er war am Weblinger Holze und fand auf dem Waldboden einen besseren Weg . » Ja , die Jugend ! « sagte er . » Das lebt so dahin und denkt nichts . « Neben ihm rauschte es heftig durch das welke Laub ; ein Hase sprang weg und setzte über das Feld . Plötzlich schlug er einen Haken , und Stegmüller sah , daß weiter unten ein Bauer bei seinem Düngerwagen stand . Es war der Schuller . Stegmüller erkannte ihn und wollte nicht ohne Gruß und Rede an ihm vorbeigehen . » Gut ' Morgen , Schuller ! « » Ah , der Herr Lehrer ! Waren S ' in Aufhausen drüben ? « » Freilich . Hat ein bissel lang gedauert , da bin ich gleich über Nacht geblieben . « Stegmüller kam näher und reichte dem Schuller die Hand hin . » Es geht it , « sagte dieser , » an andersmal , Herr Lehrer . Bei dem G ' schäft hat ma koane sauber ' n Händ ' . « Und er nickte mit dem Kopfe gegen den Düngerwagen hin . » Es gilt auch so , « erwiderte Stegmüller . » Sie sind schon wieder fleißig ? « » Ja , muaß scho sei . « » Freilich . Wer durch den Pflug reich werden will , muß ihn selber anfassen . Und Arbeit hat bittere Wurzel , aber süße Frucht . « Der Schuller lächelte . » Sie ham ' s allawei mit die Sprichwörter , Herr Lehrer . « » Da steckt die größte Weisheit drin , Schuller . No , Ihnen braucht man nichts zu sagen . Es hat keiner seine Sach ' in besserer Ordnung wie Sie . « » Es gibt Leut ' , de öffentlich was anders sag ' n , Herr Lehrer . « » Ich versteh ' Sie schon , aber wenn man auch nicht alles sagen darf , was man denkt , deswegen ist man doch nicht einverstanden damit . « » Ja , und vo dem kommt ' s her , daß de Schlechtigkeit so guat wachst . « » Von was , Schuller ? « » Vo dem , daß si die oan nix , und die andern alles trauen derfen . « Stegmüller wurde etwas verlegen . In den grauen Augen , die ihn so frei und gerade anblickten , lag ein Vorwurf . Er gehörte auch zu denen , die sich nichts trauten und aus Ängstlichkeit zu allem schwiegen . » Ja , Schuller , was will man machen ? « sagte er . » Wenn ich frei wäre oder einen Hof hätte wie Sie oder ... « » I hab ' net grad ' Eahna g ' moant , Herr Lehrer , i moan überhaupts bloß a so . « Stegmüller bohrte mit seinem Schirme Löcher in den Boden und schaute nachdenklich vor sich hin . » Schuller , « sagte er plötzlich , » ich hab ' neulich schon mit Ihnen reden wollen , wie die Geschichte passiert ist mit dem Grab . Sie dürfen glauben , daß ich das nicht gebilligt habe , durchaus nicht . « » Dös glaab i Eahna gern . « » Es hat mir so leid getan wegen Ihnen und Ihrer Frau . Es verletzt doch das religiöse Gefühl , so was . « » Dös mei nimmer , Herr Lehrer . « Stegmüller sah den Bauer verwundert an . Der breitete gleichmütig den rauchenden Mist vor sich aus und holte wieder eine Gabel voll vom Wagen herunter . » Wie meinen Sie das , Schuller ? « » Wia ' r i dös moan ? Dös will i Eahna scho sag ' n. « Der Schuller stützte sich auf die Gabel und stellte sich breitbeinig hin