Endlich erinnerte sich der Prinz , daß es Zeit sei , zu gehen . Er bat , die Gedichte mitnehmen zu dürfen , um sie zu Hause in Ruhe zu lesen und nahm dann Abschied , indem er sagte , er werde sie selbst wiederbringen . So wohltätig bewegt fühlte er sich nach diesem Besuch , daß er sich sagte , welches Glück es für ihn sein würde , wenn er später in seiner Sphäre einem weiblichen Wesen begegnen könnte , das diesem zarten , tiefempfindenden , geistig hochbegabten Mädchen ähnlich wäre ; und als neben diesem sanften , lieblichen Bild plötzlich das der Herzogin vor ihm auftauchte , erschrak er fast vor der Erinnerung an die dämonische Gewalt , die ihre alles überstrahlende Schönheit über ihn hatte und der er in ihrer Gegenwart immer unterlag . So friedlich beglückend war ihm das Zusammensein mit Rosa , wo keine leidenschaftliche Erregung das stille Weben reiner Sympathie von Herz zu Herzen störte , so sehr fühlte er sich danach wieder in die frühere Harmonie seines Wesens zurückversetzt , daß es ihn beinahe jeden Tag zu ihr führte . Der Austausch ihrer Gedichte gab unaufhörlichen Stoff zu Gesprächen , die sie in alle Sphären des intellektuellen Lebens führten , wobei er immer neue Seiten der auserwählten edlen Natur der jungen Dichterin kennenlernte . Die sanfte Freude , die ihr Antlitz verklärte , wenn er erschien , war ihm , ohne daß er es sich ganz gestand , eine unschuldige Befriedigung auch seiner Eigenliebe , denn es fehlte ihr nicht an Huldigungen aller Art , die ihrem Talent und ihrer Holdseligkeit in der Gesellschaft entgegenkamen , die aber unbemerkt an ihr abglitten . Dieser Umstand stimmte ihn so heiterliebenswürdig , daß Raden sich vergnügt die Hände rieb und zu Holberg sagte : » Bester Professor , wir sind gerettet . « Auch die Signora Amadei baute täglich kühnere Pläne auf die Besuche des Prinzen und sah schon in Gedanken Rosa als dessen anerkannte Mätresse in einem Palast der deutschen Hauptstadt , von Luxus und Überfluß umgeben , und sich dabei als Gesellschaftsdame in kostbaren Kleidern und Schmuck , ein ununterbrochenes Wohlleben führend . Doch hütete sie sich wohl , Rosa ihre ehrgeizigen Pläne ahnen zu lassen , da sie befürchten mußte , daß diese aus der seligen Höhe , in der ihre reine Seele schwebte , herabgestürzt , den Verkehr mit dem Prinzen abbrechen und fliehen würde . Die einzige , die diesem häufigen , vertrauten Verkehr mit Besorgnis zusah , war die einfache Frau aus dem Volke , Vittoria , die , wie gesagt , eine wahre Begeisterung für die junge Improvisatrice empfand , deren Inspirationen sie mit Entzücken und Verständnis erfüllten , obgleich sie weder lesen noch schreiben konnte . Aber sie hatte jene spontane Empfindung für das Schöne , die dem italienischen Volke angeboren ist und nur durch eine falsche Zivilisation in den Klassen der Gesellschaft , die von dieser beherrscht werden , sich in ihr vulgäres Gegenteil verkehrt . Jemehr sie aber die Dichterin verehrte und liebte , jemehr fürchtete sie für deren Ruhe und Ruhm von den häufigen Besuchen des schönen jungen Fürsten . Sie beurteilte diesen nach der Art der jungen , vornehmen Römer und argwöhnte , daß der Umgang mit dem reizenden jungen Mädchen nur ein für diese gefährlicher Zeitvertreib für ihn sei . Rosa , jemehr sie sich von ihrer Begleiterin abgestoßen fühlte , als ihr allmählich deren niedriger Sinn immer mehr offenbar wurde , schloß sich auch ihrerseits immer zutraulicher der einfachen Frau an , deren natürliches , vornehmes Gefühl ihr verwandt war . Sie ging nie aus dem Haus , ohne wenigstens mit einem Gruß bei Vittoria im Laden vorzusprechen , und diese benützte jeden Augenblick , wenn sie die Amadei hatte ausgehen sehen , um hinaufzueilen und wenigstens kurze Zeit mit Rosa zu verplaudern . Mit dem angeborenen Zartgefühl edler Naturen aber hatte sie noch nicht gewagt , einer Warnung Ausdruck zu geben , da sie sehr wohl aus Rosas Äußerungen erriet , wie stark ihr Glaube an den edlen Sinn des Prinzen sei und daher nicht den Argwohn in ihrem reinen Herzen wecken wollte . Der Prinz erschrak fast , als er nach Verlauf einiger Wochen plötzlich ein Billett von Giulia erhielt , worin sie ihm ihre Rückkehr meldete und ihn beschwor , am Abend zu ihr zu kommen ; sie sei allein , da der Herzog noch etwas in Perugia zurückgeblieben wäre . Sie fügte hinzu , er dürfe ihr nicht fehlen , denn sie sei krank vor Sehnsucht , ihn wiederzusehen . Nun hatte er aber Rosa versprochen , an dem Abend in die Gesellschaft bei einer vornehmen Engländerin zu kommen , wo sie improvisieren sollte . Er war in dieser Zeit stets zugegen gewesen , wenn sie improvisierte , und das Glück , ihn unter ihren Zuhörern zu wissen , begeisterte sie so , daß sie sich mit ihren Inspirationen zu einer Höhe erhob , die selbst die strengsten Kritiker zur Bewunderung hinriß . Es wurde ihr eine solche Fülle von Huldigungen zuteil , daß jede minder reine und ideale Natur der Eitelkeit und dem Übermut unabweislich anheimgefallen wäre , während Rosa sich nur darüber freute , weil es sie gewiß machte , daß sie auch Waldemars Beifall verdient habe . Er wußte , es würde sie bitter schmerzen , wenn er nicht in die Gesellschaft käme , und es kostete ihn einen Kampf , sie zu enttäuschen , aber das Billett Giulias brachte ihm ihre bezaubernde Persönlichkeit plötzlich wieder nahe , ihre unverhohlene Liebe entzündete seinen Wunsch , sie wiederzusehen , er sagte sich , es würde undankbar von ihm sein , sie warten zu lassen , und er versprach sich aufs neue , sich nicht hinreißen zu lassen und die Grenzen warmer , ergebener Freundschaft nicht zu überschreiten . Er beauftragte Raden , die Gesellschaft zu beehren und Rosa zu sagen , er werde sie am folgenden Tag besuchen . Raden erschrak etwas , als der Prinz , nicht ohne einige Verlegenheit , ihm die Rückkehr der Herzogin ankündigte und ihm sagte , daß sie ihn gebeten habe , sie am Abend zu besuchen ; aber er sah ein , daß sich für den Augenblick nichts weiter machen ließe . Die Herzogin empfing den Prinzen in ihrem besonderen Lieblingszimmer , in dem schon erwähnten zauberhaft geschmückten Raum , in dem exotische Gewächse einen feinen , bestrickenden Duft ausströmten und mit rosa Schleiern verhüllte Lampen ein magisches Licht verbreiteten . Sie war in einem Überwurf von indischem Musselin , reich mit Spitzen verziert , dessen weite Ärmel die schönen Arme freiließen und dessen zarter Stoff die edlen Formen der königlichen Gestalt in weichen Falten umfloß . Die Freude , die auf ihrem Angesicht erglänzte , als Waldemar eintrat , die glutvolle Zärtlichkeit , mit der sie ihn empfing , die ganze Atmosphäre von Eleganz , Feinheit und vornehmer Grazie , die in dem Raum herrschte , alles das wirkte schon wieder wie ein Zaubertrank auf ihn , der seine Sinne gefangennahm und sein Blut heißer zum Herzen strömen ließ . Dennoch gewann er es über sich , ruhig freundlich , beinahe kühl , in den Grenzen der feinsten Umgangsformen zu bleiben , aber Giulias erfahrenes Auge erblickte hinter der mühsamen Zurückhaltung das emporflammende Feuer , und die ihr angeborne Kunst der Koketterie ließ sie den Weg finden , der ihr zum Sieg verhelfen mußte . Nach dem unverhohlenen Ausdruck des zärtlichsten Glücks , ihn zu sehen , schien sie wie beschämt über ihre Hingerissenheit und wurde auch zurückhaltend und traurig , so daß Waldemar , mehr und mehr von dem berauschenden Zauber ihrer Nähe erregt , anfing , inniger zu werden , und als sie sich seufzend abwendete und mit Tränen zu kämpfen schien , ergriff er mit überwallendem Gefühl ihre Hand und sagte : » Meine herrliche Freundin , Sie haben mir das Recht gegeben , Sie so zu nennen , Sie sind unglücklich , Sie haben neuen Kummer , darf ich ihn nicht teilen ? Darf ich das Recht des Freundes nicht in Anspruch nehmen ? Ist nicht mein Herz da , in das Sie Ihr Leid ausschütten können , damit Ihre Last leichter werde , indem ich mein Teil davon nehme ? « Giulia erhob langsam ihren Blick zu ihm und in dem Feuer dieser wunderbaren Augen lag eine solche Welt von Liebe , Leidenschaft und Schmerz , daß abermals all seine Vorsätze wie in Duft zerflossen . Er führte Giulias Hand , die er noch hielt , an seine Lippen , drückte einen heißen Kuß darauf und flüsterte : » Giulia , reden Sie , vertrauen Sie mir ganz . « » Ach , mein Freund , « erwiderte sie , » was soll ich noch sagen ? Erklärt sich nicht alles aus dem einen : Gefesselt zu sein an einen ungeliebten Mann und zum erstenmal dem zu begegnen , in dem sich unser Ideal verwirklicht , in dem sich Jugend , Schönheit , Geist und Liebe zu einem entzückenden Traum vereinigen ? « Sie ließ , erschöpft , ihr Haupt auf Waldemars Schulter sinken , und er , seiner nicht mehr mächtig , umschlang sie und bedeckte ihr Antlitz mit feurigen Küssen . Als er spät von ihr schied , war er ein veränderter Mensch , nicht mehr der in hohen Idealen lebende Jüngling . Er war erwacht zu der Wirklichkeit des Lebens und schien sich selbst um vieles älter geworden . Noch umfloß ihn der Wonnerausch , den er genossen , aber in seinem tiefsten Herzen war es ihm , als sei etwas in ihm gestorben . Es rang sich ein geheimes Weh aus seiner Brust empor , als der Kammerdiener , der ihn erwartete , meldete , der Herr Professor sei noch auf und warte auf die Rückkehr Seiner Hoheit . Er trug dem Diener auf , dem Professor zu sagen , er sei zu müde und könne ihn nicht mehr empfangen . Um nichts in der Welt hätte er jetzt dem redlichen Lehrer in die Augen sehen mögen . Über das Vorgefallene zu reden , verboten ihm sein eigenes Zartgefühl und die Schonung für Giulia , aber des Professors treuen Augen hätte der Zustand tiefer Erregung , in dem er sich befand , doch nicht entgehen können , und er wünschte jetzt überhaupt ein näheres Zusammensein zu vermeiden . Rosa war klopfenden Herzens und sehnsuchtsvoll in die Gesellschaft geeilt , wo sie den Prinzen zu finden hoffte . Um so tiefer war ihre Enttäuschung , als Raden ihr dessen Auftrag ausrichtete und als sie erfuhr , wo er den Abend zubringe . Der bittere Schmerz , den sie empfand , malte sich so deutlich auf ihrem reinen , der Verstellung ungewohnten Antlitz , daß es Raden tief rührte und er sich fast wie schuldig ihr gegenüber fühlte , weil er sich der Hinneigung des Prinzen für sie gefreut hatte , um diesen vor der gefährlicheren Nähe zu behüten . Wie schnell ists doch geschehen , dachte er , daß so ein armes junges Herz von der uralten süßen Täuschung gefangen wird und sich auf Rosenwolken in Paradiese gehoben fühlt , um plötzlich , wenn der Schleier zerreißt , in eine Nacht der Schmerzen und der Qual zu versinken . Ja , wir Männer sind doch grausame Egoisten ! Weil es uns ein momentaner Genuß ist , dem wir gar keine Zukunft zumessen , fällt es uns nicht ein , daran zu denken , ob in einem solchen unschuldigen , noch nie gerührten Herzen die Neigung tiefe Wurzeln schlagen und tiefes Weh zurücklassen könne . Mit erfahrenen Frauen wie der Herzogin ist es anders ; das sind auflodernde Flammen , die versengen , was ihnen nahekommt , doch ohne Schaden für sie selbst . Da ist es der Prinz , der gerettet werden muß . Aber wird er es ? Ich fürchte , eine Lehrmeisterin wie Donna Giulia läßt ihren Zögling nicht los . Ich könnte ihn beneiden , denn sie ist ein göttliches Weib und wir sind ebenbürtige Kämpfer , aber er - er wird auch lange daran zu leiden haben , ebenso wie ein junges , unerfahrenes Mädchen . Holberg hat ihn zu lange in einer phantastischidealen Welt gehalten , in der Hoffnung , einst unserem Volke eine ideale Zukunft zu bereiten mit solch einem Herrscher . Aber der gute Professor , der selbst in einer abstrakt vollkommenen Welt lebt , hat nicht mit den Gewalten gerechnet , die uns Sterbliche - und Fürstensöhne vor allem - umgeben . Mephistopheles ist immer da , uns den Trank zu brauen , mit dem im Leibe wir bald Helenen in jedem Weibe schauen . Inzwischen hatte man Rosa aufgefordert , zu improvisieren und ihr bereits eine Menge Zettel in die dazu aufgestellte Urne geworfen . » Sie sieht heute nicht so freudig begeistert aus wie die letzten Male , « sagte Holberg zu Raden , » es muß ihr etwas Unangenehmes begegnet sein . Ich bin gespannt , zu sehen , ob ihre Fähigkeit darunter leidet oder ob der geistige Prozeß die Oberhand gewinnt und in gleicher Weise funktioniert . « » Ich fürchte , hier spielt das Herz dem Genie einen Streich , « versetzte Raden . » Wieso ? Was meinen Sie ? « fragte Holberg . » Nun , ich meine , es ist die Abwesenheit unseres Waldemar , die sie verstimmt , « erwiderte Raden . » Ach , mein Gott , da hätten wir ja ein Unglück angestiftet , indem wir hofften , eines zu verhüten , « sagte der Professor ganz bekümmert . » Nun , hoffentlich ist es nicht so schlimm , « meinte Raden . » Der Verkehr zwischen den beiden war allerdings etwas zu eifrig geworden . Es ist seltsam , wie sich der Prinz gleich hinreißen läßt , wenn etwas seine ideale Natur anregt ; dann erfüllt ' s ihn gleich ausschließlich und es scheint ihm , als fände er all seine schönen Träume in dem Gegenstand verwirklicht , der ihn gerade anzieht , während es doch nur seine eigene , alles verklärende Natur ist , die ihr Licht ausstrahlt . « » Das ist wohl die Natur aller Idealisten , « bemerkte der Professor nachdenklich . » Ja , darum werden sie ebenso gefährlich - wenn nicht noch mehr - wie die sinnlichen Don Juans , « sagte Raden , » denn sie wenden sich nur an edle Wesen , und die Wunden , die sie schlagen , heilen schwerer , weil sie nicht das Vergängliche , wie beim Sinnenrausch , sondern das Edelste , Beste , das Herz und den Geist zugleich treffen . « » Sie sind ein tieferer Psychologe , als ich gedacht habe , Raden , « versetzte Holberg und sah den Gefährten voll Teilnahme an . » Ach , lieber Professor , ich habe viel beobachtet und - viel erlebt , « erwiderte Raden mit einem Seufzer ; » ich war wohl etwas Don Juan in meiner ersten Jugend , aber ich glaube doch , ich habe mir keinen ernsten Vorwurf zu machen . Was ich verließ , hat sich bald getröstet ; das waren keine sentimentalen Beziehungen , keine , bei denen auf ewige Dauer gerechnet wurde und , glauben Sie mir , Holberg , das sind die schlechteren nicht ; es ist keine geistige Erhebung dabei , aber auch keine Treulosigkeit , kein gebrochenes Herz , weil man von beiden Seiten weiß , daß es sich nicht um Dauer handelt - keine Gemeinheit - nein - Gemeinheit nicht ... « » Nun , aber fühlen Sie keine Öde , keine Leere im Leben ? « fragte der Professor , der trotz ihrer Verschiedenheit für Raden Sympathie empfand . » Warum heiraten Sie nicht , um all dem Schwanken und Treiben in einer glücklichen , befriedigten Ehe ein Ende zu machen ? « » Ja , mein Bester , das ist schwer zu erklären , « antwortete Raden ; » sehen Sie , es ging mir , wie es den meisten jungen Leuten heutzutage geht : ohne großes Vermögen , gut aufgenommen von der eleganten Gesellschaft , besonders von den Frauen , genoß ich , was mir mit Leichtigkeit zufiel und umgab mich dabei mit all den Annehmlichkeiten der Eleganz und des Luxus , zu welchen meine Mittel mir , als dem einzelnen Mann , ausreichten . Als dann das reifere Mannesalter kam , war ich zu verwöhnt , um dem allen zu entsagen und mich mit einer bescheidenen häuslichen Existenz zu begnügen . Nur nach Geld zu heiraten , widerstrebte mir , und - ich gestehe es - meine Unabhängigkeit war mir endlich zu wert geworden , denn auch die beste Ehe ist doch schließlich noch immer eine Fessel . Meine Stellung am Hofe legte mir ja schon ohnehin manche Fessel an . So war es auch halb Bequemlichkeit , halb Furcht vor einer Neuerung , die mich Junggeselle bleiben ließ . Wenn mich dann in einsamen Stunden eine zu mächtige Sehnsucht nach einem nie besessenen traulichen Familienleben ergreifen will , dann nehme ich rasch meine Trösterin - eine Havanna - zu Hilfe , blase Sehnsucht und jedes unnütze sentimentale Bedauern mit den duftenden kleinen Wölkchen hinweg und sage mir , daß es ja auch etwas ist , a perfect gentleman zu sein und nichts Böses zu tun . Aber um Gotteswillen , in was für Bekenntnisse vertiefen wir uns hier in diesem glänzenden Salon und bleiben ungerührt , wo so viel Schönheit und Grazie sich um uns bewegen ! Und , sehen Sie nur , da schleppt man die arme Kleine hin , um sie improvisieren zu hören ! Die Sklaverei des Talents als Seitenstück der Ehe ! Kommen Sie , Holberg , wir wollen uns nahe zu ihr stellen , damit sie einen magnetischen Strom wahrer Teilnahme fühle ; ich bin überzeugt , sie hat das heute nötig . « Rosa war ungewöhnlich ernst und blaß , als sie , in Erwartung der Themata , die man ihr aufgeben würde , dem Publikum gegenüberstand und es schien ihr wirklich ein Trost zu sein , wie Raden es vermutet hatte , als ihr Blick auf die zwei Herren fiel , die sich in ihre Nähe stellten , denn ein freundliches Rot überflog ihr blasses Gesicht . Inzwischen hatte der Hausherr eine Schale mit Zetteln gebracht und mit verbindlichem Lächeln gesagt , wie sehr er wünsche , daß sie ein Thema finde , das ihr angenehm sei . Sie griff in die Schale , zog ein zusammengefaltetes Papier heraus und las laut : » Ein Abend auf dem Lande . « » Das ist etwas trivial , « bemerkte Raden zu Holberg , » wie wird sie sich da herauswinden ? « Rosa stand länger als gewöhnlich in Nachdenken versunken ; plötzlich zuckte es über ihre Züge , als ginge ihr ein tiefes Erkennen auf , als sähe sie etwas , was nur sie sehen konnte , und mit sichtbar ungewöhnlicher Ergriffenheit begann sie : » Auf der Höhe Steht ein Haus , Darin wohnen gute Menschen , Nacht ist ' s nun , Die munteren Kinder Schlummern schon . Vom Garten tönt Harmloses Geplauder Älterer , verständiger Leute . Ich stehe allein auf der Terrasse , Blicke über das Tal , Das Olivenhügel umkränzen , Wo der Fluß silbern zum Meer hinabzieht , Und die liebliche Stadt , Welcher unsterbliche Geister Erhabene Werke der Schönheit Zum Gedächtnis gelassen , Weithin sich breitet . Kein Ton dringt herauf , Nur schimmernde Lichter Zeigen , daß unten man lebt . Ringsum schweben Reine Düfte würz ' ger Blumen . Strahlende Sterne Stehen am Himmelszelt , Und durch die Stille Ziehn mit Demantgefunkel Leuchtende Käfer , Gleich glücklichen Seelen , Die , ohne Begierde , Der eigenen Anmut sich freuen . Mir aber dringt aus dem Herzen Ein wehmutvolles Gedenken An einen , Der unten Im heißen Kampfe der Sinne Die edle Jugend dahingibt . Stark und stärker erfaßt mich Die fromme , liebende Sorge , Wird zum Gebet , Das , gleichwie ein Aar , Mit weit entfalteten Schwingen Zur Sonne emporsteigt , Aufwärts schwebt Zu der waltenden Urmacht , Die , blöden Augen verborgen , Den inbrünstigen Bitten Reiner , liebender Seelen Gnädig sich zeigt . Immer höher Steigt mir die innige Empfindung : Rettet ihn , ewige Mächte , Rettet den Geistgebornen Aus dem Taumel des Wahns Zu der Schöne männlicher Tugend ! Gebet die Ruhe des Siegs Ins verwundete junge Herz ihm , Lehrt ihn , daß überwinden Höher sei als Genuß ! « Nach einer kurzen Pause , offenbar uneingedenk , wo sie war , die Augen in Begeisterung nach oben gewendet , fuhr Rosa fort : » Wie Sinfonien tönt es Rings in der nächt ' gen Stille , Und von göttlichem Hoffen Freudig im Herzen bewegt , Schaut nun mein Auge nach oben ! Freundliche Gewohnheit , Über sich suchen , Was das All füllt Und den einzelnen Busen Gleich allmächtig bewegt ! Und - siehe da - Zur selbigen Stunde Kehrte unten Siegreich der Kämpfende heim ! « Sie hatte geendet . Der begeisterte Ausdruck , der während des Rezitierens in immer höherem Maße ihr Angesicht verklärt hatte , so daß es schien , als wüchsen ihr Flügel , sie von der Erde zu erheben , war gewichen . Erschöpft sank sie auf einen neben ihr stehenden Stuhl und bedeckte einen Augenblick das Gesicht mit beiden Händen , als wollte sie nicht zu schnell in die sie umgebende Wirklichkeit zurück . Das Publikum spendete zwar Beifall , war aber verwundert und kühler wie sonst , denn es verstand nicht recht , was der Dichterin bei diesem Bild vorgeschwebt haben mochte . Raden und der Professor sahen sich betroffen an , und Raden sagte : » Die Liebe hat sie zur Prophetin gemacht ; Gott gebe , daß sie recht behalte . « » Das arme Kind ! « versetzte der Professor ; » ja , diese Eingebung konnte nur aus einem tief bewegten Herzen kommen . Da stehen wir nun zwischen zwei Klippen , deren eine jede gefahrbringend ist , die eine für ihn , die andere für dies unschuldige , liebe Wesen . Was sollen wir tun ? « » Zunächst zu ihr gehen und ihr warme Sympathie zeigen , « erwiderte Raden und schritt auf Rosa zu . Der Professor folgte ihm . Die Dame des Hauses war inzwischen schon zu ihr gegangen , besorgt , daß sie sich zu sehr angestrengt habe und sich unwohl fühle , aber Rosa hatte sich gewaltsam gefaßt , versichert , sie sei nur ein wenig müde und ziehe es vor , gleich nach Hause zu gehen , um zu ruhen . Sie verabschiedete sich von der Dame , als Raden und Holberg zu ihr traten . Raden bot ihr den Arm , sie hinauszuführen , und sagte : » Ihre Improvisation hat mich wunderbar ergriffen ! Es war , als ob Ihnen ein besonderes Schicksal , etwas Erlebtes , vorschwebte . « Er sah sie an und bemerkte , wie es in ihren Augen feucht wurde ; sie schlug sie nieder und sagte leise , mit etwas zitternder Stimme : » Ich weiß nicht mehr , was ich sagte ; es geht mir ja immer so : die Eingebung kommt und nachher ist das Bewußtsein davon verschwunden . Nie kann ich eine Improvisation aufschreiben . « » Aber Ihr reines Gebet wird gewiß zum Schutze des in Versuchung Geratenen werden , « flüsterte Raden und drückte die kleine Hand , die sie ihm zum Abschied reichte , mit warmem Gefühl . Sie sah ihn an , ein zartes Erröten überflog ihr bleiches Gesicht ; sie fühlte sich erraten , aber das reine Wohlwollen , das aus Radens Zügen sprach , beruhigte sie , und ihr Blick gab ihm die stumme Antwort des Vertrauens . » Soll ich dem Prinzen einen Gruß bringen ? « fragte er leise . Sie neigte bejahend ihr Haupt und eilte mit ihrer Begleiterin , den Wagen zu besteigen . » Da bereitet sich ein Drama vor , « dachte Raden , als er ihr nachsah ; » gebe der Himmel , daß dieses liebe Wesen nicht das Opfer sei ! « Am anderen Morgen früh , noch ehe der Prinz sich entschlossen hatte , seine Begleiter zu begrüßen , brachte ihm der Kammerdiener einen Brief , den ein junger Bursch gebracht habe , ohne sagen zu können , woher er komme , aber mit der Weisung , ihn nur in des Prinzen eigene Hände abzugeben . Waldemar zuckte zusammen , als er die Aufschrift sah , dann aber , sich schnell fassend , sagte er : » Schon gut - ich weiß - es ist wegen einer Unterstützung « und winkte dem Kammerdiener zu gehen . Allein , öffnete der Prinz hastig den Brief und las : » Seele meiner Seele ! Holdes , kaum gefundenes Glück ! Du hattest mich eben verlassen , als der Herzog in mein Zimmer trat . Er war unvermutet am Abend angekommen , hatte gehört , daß Du bei mir seist und befohlen , mir seine Ankunft nicht zu melden , da er mich überraschen wolle . Noch saß ich versunken in dem Nachgenuß der erlebten Wonne , noch glühte mein Antlitz von dem Glück Deiner Nähe , und ihn ferne wähnend träumte ich von den kommenden Tagen , die uns noch selige Stunden bringen würden - da stand er plötzlich vor mir und seine durchdringenden Augen fest auf mich gerichtet , fragte er , wie es komme , daß ich so spät noch auf sei . Ich war im ersten Augenblick meiner Verwirrung nicht Herr geworden , aber als ich in seinen finsteren Zügen den Argwohn las , erhob ich mich stolz und sagte , ich habe Besuch gehabt . Zum erstenmal in unserer Ehe standen wir uns offen feindlich gegenüber ; wir fühlten beide , daß die lang verschobene Krisis in unserem Leben gekommen sei , doch noch bezwang er sich und sagte mit jener heimtückischen Freundlichkeit , die mir verhaßter ist als sein Zorn , er wünsche , daß ich in seiner Abwesenheit nicht junge Männer so spät allein empfange , da dies ein falsches Licht auf meinen Ruf werfen könne , den sein Name vor jedem Angriff schützen müsse . Darauf wollte er mir mit einer Umarmung nahen , ich aber , von einem Schauder ergriffen , stieß ihn zurück , eilte in mein Zimmer und verschloß die Tür . Hier sitze ich nun und schreibe Dir , damit es meine vertraute Zofe morgen früh durch ihren Liebhaber , einen zuverlässigen Burschen , Dir zustellen läßt . Wir dürfen uns morgen bei mir nicht sehen , so schwer es mir fällt , dem zu entsagen , aber ich muß ihm erst mit stolzer Fassung entgegentreten , seinen Argwohn zerstreuen und dann auf Mittel sinnen , seine Eifersucht zu täuschen . Morgen abend sehen wir uns bei der Marchesa Finora und finden wohl Gelegenheit , uns ein Wort zuzuflüstern , denn schon leb ich nicht mehr , wenn ich Dich nicht sehe , nicht höre , nicht nahe weiß . O , welch ein Leben wäre das , immer mit Dir vereint zu sein , von Deinen Lippen zugleich die Worte berauschender Poesie und das feurige Siegel der Liebe zu empfangen ! Göttlicher Traum ! Und kann er nicht wahr werden ? Ist es nicht das Ziel , jedes Strebens , jedes Opfers wert ? Fühlst Du wie ich , so werden wir es erreichen . Leb wohl , Licht meines Lebens , auf ewig Deine Giulia . « Waldemar hielt das Blatt einen Augenblick lang in der Hand , während die heftigsten , widerstreitendsten Gefühle in ihm auf- und abwogten . Er sah sich plötzlich in eine Kette von Verwicklungen gezogen , die ihm keinen Ausweg übrig zu lassen schienen . Auf der einen Seite stand die entfachte Leidenschaft mit ihren Sophismen und mit dem Verlangen , der bedrängten Frau ein Retter und Beschützer zu sein ; auf der anderen Seite erhob sich die Mahnung an seine Zukunft , an seine Stellung in der Welt , an die Pflichten , die sie ihm auferlegte und an seine bisher so hoch gehaltenen Ideale und schließlich der Widerwille , dem Herzog in dieser Weise als ein Schuldiger gegenüberzustehen . Endlich mußte er sich aber doch , obgleich mit sich selbst uneins und von den widerstreitenden Gefühlen bewegt , entschließen , sich zu seinen Gefährten zu begeben . Diese hatten sich das Wort gegeben , so unbefangen wie immer zu scheinen und nur im stillen zu beobachten , um womöglich Schlimmes zu verhüten . Raden ergriff sogleich das Wort in natürlichster Weise und erzählte von dem vorigen Abend und der Improvisation Rosas . Als er den Inhalt wiederzugeben versuchte , überflog ein helles Rot das Angesicht des Prinzen , und er fiel schnell dem Erzähler ins Wort , wie um seine Verlegenheit zu verbergen , und sagte : » Ja , es ist eine seltsame Begabung , dies Talent der Improvisation ! Es muß doch dabei eigentlich aus dem Nichts geschaffen werden ; hätte man zum Beispiel einen Abend auf dem Lande erlebt , so wäre die Situation dagewesen , und aus ihr heraus hätte sich dichterischer Inhalt entsponnen . So aber , im Augenblick auf ein bloßes Wort hin eine ganze Situation zu erschaffen und zu beleben , dazu gehört eine Schnelligkeit der Erfindung und eine Beherrschung der Form , die eine ganz besondere Anlage der Verstandesfähigkeiten voraussetzt . Daß wir diese Begabung so viel mehr im Süden finden als im Norden , mag wohl seinen Grund darin haben , daß hier die Natur , wie in ihrer äußeren Erscheinung , so auch im Menschen , eine raschere Tätigkeit bekundet . Gerade wie hier alles schnell ins Leben drängt , wie jeder Sonnenstrahl alsbald Knospen weckt , wie die erste Frühlingswärme gleich schwellendes Leben